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Full text of "Das Leben Jesu"

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I 

Das 



Li e b e n Jesu, 



kritisch bearbeitet 



T • ■ 



0 

Friedrich Strams, 

I>r« der miMOphle* 



Zweiter Banck 



Ml HamgL Hfäri€mbtrgis€hemPnmltgiWMg^gmdM ^tuhäm^. 

Tübingen, 

Verlag voa ۥ F. Otiander. 



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\ . • • • 




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4a 



y o r r e d. . , . 



Ich könnte mich freuen, dass ich den Bweiten 
und legten JBand dieses Werkes so bald nach dem er» 
•len erscheinen lasisen kann, in der. Hoffiaimg, es 
¥ferden sich, nun die Übersicht des Gänsen Bi5|{Uch 
ist, mawcilie Missrerständnisse lOsen, und ! m«Boh<is 
liarto l/rtheU mildem. Allein sowohl . mtlndlick ha» 
ben Uber den ersten Band eben diejeaugfin am laute» 
«ten geschnee% welche Jceiae Seite io denselben ge» 
lesen hatten^ sds auch schriftlich bis jeat nnir solche 
Ober denselben geurtheilt, mit welchen ich kme Yer« 
atfitidigung hoffen kann, auch wenn sie diesen, awei«' 
lea Theil gelesen haben werdeta« So will ich mich 
also keiner Ixeode hingeben, die mich doch', täuschen . 



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WBrde^ aber ebenso wenig auch fernerhin das Ge- 
schrei der Eulen mich rerdxiessen lassen, die Ich denn 
freilich allzu rücksichtslos mit ungedämpftem Licht 
geweckt habe. 

f • . - ' 
Aus den bis jezt .erschienenen Beurtheilungen 

Ober den ersten Band habe ich fUr den zweiten noch 

keinen Nutzen ziehen können , theils weil er schon 

grösstentheils abgedruckt war, als sie mir zu Gesicht 

kamen ^ theils wegen der Beschaffenheit der Beur^ 

UljpiMiaeni^ iDeislMieboridevseUM«! 

Iriti'kli J]iuik 9jiiiMildtg>f)lff Uberale imd mmckat^ 
^aända Weht, likitmloiwtier, beidrinräliaiiBdbweiolien^ 
•dto Aaaioht^' ^oh mrioe isfbettMuoidek'hat; Sein 
«^gpnriebtigatw Bbwand gegck mueliAB HMiode tet dert 

weim fai einer Brklhiung einiges Bfytiiisclie sei, sö 
•feige <dMnis aochtiloht, doss Allee in ihr n^^tiiisoh sein 
• aritae^«' Daa'wim oMbe Zweifel ein sehrfei scher 
.*8eUiitii, aber den habe idi mok niehe geoMchtp son- 

iämiwtaD,*4BM dann auch AUes myAisdh sein k5»> 



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ne. Ob es sich wirlUich so rerhült^ musa sich aus 
der Beschaffenheit der einzelnen Erssöhlungen erge- 
ben^ und daraus habe ich es auch, wenn mir AUcs 
noch präsent ist^ durchaus entschieden* Eigene Em« 
pfindungen hat es in mir erregt , des würdigen alten 
Landsmannes Freude fiber die Fortschritte der wuk 
aenscba&lichen Freiheit in Würtemberg zu lesen , Ter« 
« aW^e welcher man daselbst dergleichen jext unge* 
fihrdet schreiben lidnne: zu einer Zeit, wo ich be* 
leita auf meine Sohrüt bin Ton meiner Repetenten* 
sfeeUe am Tfibingev Seminar entfernt war. 

Wie rtm aeniflff Wadhaamkete uielit anders er« 
w m l flt werden komrte, biA sofort auch Herr Dn 
S mumOs gei^anbt, denTetderiilichen Wiiittmgcn meU 
nerSelirift dmnrii sm ^Vorläufig mu Bebersi« 
geades^^) mroskommeii zu sollen« Man hat die» 

Der volle Titel lautet : ,)Vorlau(ig zu Beherx^cndet bei Wür- 
digung der Frage über die hittoriicbe oder mythisebe Grund- 
Itf« det L«b«iit Jesu, wie die eaaeniaekeB Kvangelien die- 
aet dertteUeO) TergehaUea mit dem Bewuttttein einet Glaa- 
Usemy der de« Siipranaluralitlea beigeilkll wi«d| tut 8e- 
rnbigung der Gemiilber tob D. Job, Chrittiaa Friedr* Sfsv- 
na. BeteHdert abgedmekt aut derTSbinger ZellttlHrlil Kkt 
Tbcelogie. TUbingooi bei Ludwig Fri^dricb Fäet« ISS5«^^ 
' (88Ä.) 

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VI V»rvt«t. 

sem Mann schon flfD'oft gesagt, daas es unschickliok n 
ist| wissenschaftliche Verhandlungen auf das mtmUU 
sehe Gebiet hluübcrzusplelen, dem Gegner seine 
Ansichten In's Gewissen zu schieben, und den Nicht* 
ortliodoxcn als Irreligiösen su brandmarken. Dennoch 
hat er auch diessmal wieder den gewohnten Ton an- 
gestimmt. Es ist freilich das Leichteste, statt in die 
Sache einzugehen, rielmohr rorlauilg um sie herum zu 
reden, und beiläufig den Gegner mit gehässigen Inai« 
nuatiunen zu Yerwuuden,.xumai wenn einem .derglei- 
chen Praktiken joa sonst lier schon geläufig aind^ 
Dass aber damit nichts ausgerichtet ist, liegt am Ta- 
ge. Oder ja, man richtet etwas aus damit,, nämlich 
. den Gegner bei'm grossen Tublikum, das die Saehe 
nicht vcrocht, rechtschwars zu aiacheii. DasMi brauoh- 

ff 

te es dann aber Jieinen Doctor der Theologie^ aon- ' 
dem man konnte es ruhig dem Gerede der GonFen- 
^el und dem Geschreibe der Tractätchengesellschaf- 
len liberlasSon. 

Auch angeblich rem Standponkt der Philosophie 

r 

. ist meine Schrift benrtheilt worden durch Herrh Prof. 
EscKEskATBR^ iu cincr Broschüre mit dem «Titel: der 

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Iaclitfk>tiMM iiMmTi^p»^ Dicte AWedMrI'der 
gitimen Ehe swiiehen theologiael^ xeli- 
fpöser Intoleranz y eingesegnet toh eiiier schlafiraii- 
delndea Philosophie^ fallt so sehr durch sich selbst 
ms Lächerliche^ dass sie jedes Wort der Verthjeidi- 
ping überflüssig macht. Ihr Titel überdiess ist mir 
SU einer faal gar zu stolzen Erinnerung Anlass gei/vor- 
dob An Lessiho nämlich, den auch eipmal Wie-* 
ner Blätter ak sweittii Judas IsohariQt YcrlUatsch* 
ten^ weil er — freilich .eine jioch masdirw J^chvI- 
digung^ als sie Herr £• gegen.mich erhebt — &r die 
' Herausgabe der Fragpiente seines. Ungenannten. Ton 
der Amsterdamer Judensphaft sich iOOp Dukaten soll- 
te haben beaahlen lassen. An ihn hätte mich übri« 
gena-sdion Jfofm Dr. Stevdel^s Vorläufig m Be» 
lieingendes erinnern können, wenn ich es mit Vor» 
bildemmid Weissagungen leichter nälune, denn auch 

gegen Lessivo war ^^Etwas Vorläufiges^' erschienen 

•« 

Tom Haujnpastor Göm, gottseligen Andenkens^ was 
der heitere Mann^ der Geschmeidigkeit wegen ^ 
Udler das TorUnfige Etwas nannte. Und so will ich 

* 

denn die* Vorrede zu diesem «weiten Bande meines 



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'VIU V • r ^ « 4 e. 

angeblidki waiMssigen Werks mit den Worten scUEe»-» - 
im, mti mUbm Immmof eddirt hgl, ynnm ar 

-Bioiil bei Henjbsgabe der enim Frohe jener 8f]|erli» 
ehea Fngnmt^f irie ieh nidit bei*m ersten Tlieile 
dieaes Boche, habe bewenden lasten: ,,damm nidu^ 
wea ich Uberaeugt bin, dass diess Ärgernisa flharw 
Haupt nichts als ein Popanz ist^ mit dem gewisse 
Leute gern allen und jeden Geist der Prüfung yeic- 
scheuchen möchten 5 darum nicht, weil es scblech« 
terdings zu nichts hilft, den Krebs nur halb schnei- 
den zu wollen} darum nicht, weil dem Feuer muas 
Luft gemacht werden, wenn es gelöscht werden soU^'« 

Lttdwigsburg im Oktober 1835* 

Der Ver£aa.aer* 



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Inhalt des zweiten Bandes. 



Seite 

(Zweiter AbschnitL) 
Neuntes Kapitel. Die Wunder Jeiu - 1^251 

S> 87. Jetui «U Wundcrthäter - | 

^» 88. Die Dämonischen , allgemein betrachtet - 5 , 

^. 89. Jctu DMaioncnaustrcibiiDgcn ciamcln betrachtet 21 

90. Heilungen von Amsätziften • « « « $2 

f. 91. Blindcnheiiuwgcn « - - > 60 

^. 92. Heilungen von Faralytiachcn. Oh Jc9u§ Krankhei- 
ten aU Sündcn«trafcn betrachtet habe 82 

f. 93. Unwillkührlichc, Heilungen 95 

§, 94. Heilungen in die Ferne « • « > • jp^ 

^. 95. Sabbatheilungen 122 

96. Todtcnerweckungcn • • - » « « . 135 

f. 97. Sturm See - und Fischgeachichten - - - |75 

98. Die wunderbare «Speisung . « « . . 197 

f. 99. Jesut Terwandcit Waaaer In Wein - • » 219 
Jeaut ycrwünscht einen unfruchtbaren Feigenbaum 256 



Zehntes Kapitel. Jesu Verkrrfrttng und 

Icrte Reise nach Jerusalem 252—300 

^. 101. Die Verklärung Jesu all wunderbarer äusserer 

Vorgang 252 

f. 102. Die natürliche Auffassung der Erxahlung in ver» 

«chicdcncn Formen - - - - 25ß 

5. 105. Die Verklärungsgeschichte als Mythut - 365 

S' 104» Abweichende Nachrichten über die leite Reise 

Jem-nach Jcrutalcm » » » - - 274 



r i Coogle 



I a Ii a 1 1. 

$. 105. Abweichungen der ETsngcHen in Hintielit auf dett 

Ausgangspunkt des Einzugs Jesu in Jerusalem 281 

^* Ui$* Näherer Hergang bei dem Kinzug. Zweck oad hi- 

ttQriiclus. Re«U(«t dr»»QU)6ii », * • . • 287 



Dritter Abschnitt. Geschichte des Leiden8| 
^ Todes, and der AufersCehung Jesu soi^CtS 

Erltes Kapitel. VerhältniHsJesu zu der 
« Ide« e^iji et leiden den uad tterb«ndea 
Meftias; seine Reden von Tody AuCer- 
stehnng und Wiederkunft • - 808—879 

(tf 107* Ob Jesus sein Leiden und seinen Tod in bestimm- 
ten Zügen Torhergesagt habe? ... - 
§t 108« Jesu Todcsvrrkiindigung im Allgemeinen; ihr Ver- 
bültniss zu den jüdischen MessiasbcgrifTen ; Aus* 
• sprliche Jesu Uber den Zweck und die Wtrkua« 
gen seines Todes * - • • • - • 81t 
f. 108* Bestimmte • Attssprliclie Jesu Uber seine 'kUnflige 

. AulSersteliuiig- 4 • 884 

i|b 110. BildUolie Rcden^ in welchen Jesus seine Anlersie« 

hung Torhen«fftiUndi|rt haben soll - • • 329 
III. Die Reden Jesu von seiner Farusie. Kritik der 

Ter«chied(*nen Auslegungen .... 34I 
i» 118. Ursprung der Reden über die Farusie » • 858 

Zweites Kapitel. Anschläge der Feinde 
. Jesu; Vercath des Judas; lestes,Mahl 

mit den Jüngern . /. . • 374—448 

§. 113. Entwicklung des Vrrhiiltnisscs Jesu zu seinen Feinden 374 
^. 114. Jesus und sein Vorriitlu r ----- 380 
J«.^115« Verschiedene Ansichten über den Charakter des Ju- 
das, und die Motive seines Verraths - • 300 
f. 116. Bestellung des Paschamahls .... - 896 
$• 117* Abweichende Angaben Uber die Zeit des losten 

BlaUesJesu - ^ 401 



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Inhalt. Xi 

Seite 

^. 118- DifTrrcnzen in Betreff der Vorgönge beim leiten 

Muhle Jesu 415 
f. 119. Verkündigung des Verrathn und der Verlcugniin|( 

' 12a Die Ktoietitfhi^ dea AbemUnahU • * • . 43* 

• 

Drittes KapiteL Gang nach dem Oelberg« 
6ef angenneliinting, Verlillr, Veror- « 
theilung und Rrcuxigung Jeso - ^ 44S— B!^9 

^. 121, Jesu Scelcnkampf im Garten . • . « 443 
122* Verhiltniss des vierten Evangeliunm zu den Vor- 
gSügen in Gethaenane. Die johanneiachen Ab« 
schicdsreden und die Scene bei- Anmeldung der 

ffeUenen - - .* .* . . . . 4^4 ^ 

$. 123. Gefangennebmung Jean 472 

124. Jesu Verhbr vor dem Hohenprieater % • • 480 

f. 125. Die Verleugnung dos Fetrut - • . - • 489 

4. 126. Der Tod des Verrät her» 498 

4. 127. Jesus vor Pilatus und Uerodet • - - • 511 

128. Die Kreuzigung - • 527 

Viertes RapiteL Ted und Anferstebung 

Jeau 554— fitf^S 

^. 129. Die Naturerscheinungen bei'm Tode Jesu - - 5t4 
§ 1 iO. Der Lanzon«;Hch in die Seite Jesu • - - 

§. ISl. Be^räbniss Jcmi - - . - - . - • 574 

f. \^2. Die Wache am Grabe Jesu . • • . - 582 

^. 133. Erste Kunde der AuferKtebung .... 590 
^. 134* GaliUische und judaische, pauHniacbe und apohry« 

pbiacbe Eracbeinungen des Auferstandenen - fiC9 
135. Die Qualitüt des Leibs und Wandels Jesu nacb 

der Auferatebung 629 
156. Die Debatte Uber die RealitXt des Todes und der 

Auferstehung Jesu ------ 645 

Fünftes Kapitel. Die Himmelfahrt 664—685 

$• 157. Die lesten Anordnungen und Verbeiasungen Jeau 664 
(^158« Die sogenannte Himmelfabrt ala Ubernatürlicbea 

und als natOrlicbes Ereigniss - 672 



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/ 

XU laJialt. 

Seite 

I* m» Du UagenUgende der Nadirichten Uber Jesu Hin* • 

Mllelirl. Derea nytliieclM Aufl)u«iing • • $fj 

ScUaleabbendlong. Die dogoMtitohe Beden* ^ 

tnng dm Lebens Jees • • . M~744 

^. 140. Nothwcndiger Übergang der Kritik in datDogM , 686 

141. Die Chrittologic des orthodoxen Sjttemt - • 689 

f. 142. Bestreitung der kirchlichen Lehre vea Christo • 701 

§• 143. Die Chrittologie des Ratioaalitara« . 707 

f • 144* Eine eklektische CShrittologie. ScauieuucHtM • 7|o 
f. I4S. Die Chrittolo^i tymholitcb gewesdet. Hurr. 

f. 146. Die tpecttletire Chrlttelegle • - • . . 729 
147> Leitet Dilemmt 



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Neuntes Kapitel« 

Die Wunder Jesu. 



S* 87. 
Jetiie all WimderIfcXler» 
Dafa das jüdische Volk zu Jesu Zelt vom Messlas 
Wunderthaten erwartete, ist theils an «ich schon natUr- 
lieli^ da ihm der Vi^saiM ein «wdtor Moses nnd der 
grdlkte Prophet war^ von Bfoset und den Propheten aber 
die heilige Nationalsage Wunder aller Art erzählte; theils 
läfst es sich aus späteren jüdischen Schriften wahrschein- 
. lieh auushen theils wird es mm den Evangelien eeibst 
gewifs. Ale Jeans ebiaal einen dämonischen BUndatnm* 
men (ohne natürliche Mittel) geheilt hatte, wurde das 
Volk dadurch auf die Vermuthung geführt: fujii iiog i$iv 
i wog Javid CMattb« 12, 23); snm Beweifs, da|ii man 
dne wnnderliare Hellknilt als Attribut dee Messias be- 
traehtete« Johannes der Tüafer wurde durch das Gerficht 
Ton den eQyotg Jesu £u der Frage an Ihn veranlafst, ob 
er der i^xPi*^^ '^^^ worauf sich Jesus, eum Beleg, dafs 
er es sei, nur wieder auf seine Wunderthaten berief 
(Matth. 11, 2 ff. parall.). Auf dem Laubhttttenfest , das 
Jesus in Jerusalem feierte, wurden Viele vom Volk an 
ihn gläubig, indem sie dachten , ofi 6 X^figog ara» 

• 

I) 8. die im Stsa Baad, 'Bialeituag S. 7S- Aam. , aageHilirtta 
Stdlea, wexQ noch genommea werden kann 4 Esdr. 13, 50. 
(FsMe. Cod. pseudepigr. V. T. t, S. 286) und Schar Exod. 
fsi. 3, «Ol. 12 (bei ScmUttgik, horae, 2, S. 541, anch In Bsa« 
nou>T*t Chrittoi. §. 35, not. !.)• 

Dmi Lthm Jssm II. Band. 1 



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,t Zwelttr AbAcliiiitt. 

^nji n7.eloim atjfte7€e titm notr^aeiy Zv wog inoii^tm 
(Joh. 7, 31); 

Doch nicht blofs , dafs er Clherliaupt Wunder thnn 
■olltey sondern auch die verschiedenen Arten von Wun- 
dem, welobe der Messiaa verrichten würde , waren In 
der Voliiserwaftnnf vorheflnatinivit. Aach diefs dnrrh 
ftlttestnmentliche Vorbilder und Aussprüche. Durch Moses 
v?sr dem Volke auf übernatürliche Art Speise nnd Trank 
gewiihrt worden (2 Mos. 16, I7)i ein Gleiches erwartere 
man , wie die Rabbinen ausdrCicklleb sagen , vom Messias ; 
auf Elisa's ßitten waren den Einen die Au^on auf über« 
natürliche Weise verschlossen, den Andern ebenso <reü{f- 
nef worden (2 Kön. 6.)* Auch der Messias sollte die Au- 
gen der Blinden aufthon; selbst Todte hatte der genannte 
Prophet und sein Lehrer wiederbelebt (1 Kein, 17. 2 Kon. 4): 
so konnte auch dem Messias die Macht über defi Tod nirht 
fehlen Unter den Weissagungen war besonders J^»^ 
SSy 5f. auf diese Seite der Messlasvorsteflung von Eln- 
flufs. Hier war von der messianischen Zeit gesagt (LXX.) : 
tote avoixO^fJoovuai otf d^alfioi Tx cpXuVy xai lita xioq^oir axilz 
acmear tote akutai iXtupog 6 xf^jLoQf tgcnm it igm ykiuO" 
aa ftoyiXulmf was, bei Jesalas swar In bllclli/chem Zusam- 
menhang, doch bald eigentlich versfanden wurde, wie daraus 
erhellt, dals Jesus den Boten des Johannes gegenüber 
(Matth. 11 ) 5.) mit offenbarer Besiehfing auf diese Fro- 
pbetenstelle seine Wunderthaten besehrelhl. 

Diese Erwartung trat auch Jesu , sofern er Kun-icbst 
für einen Projiheten, weiterhin für den Messias sich gab 
und gehalten wurde , als Forderung entgegen, wenn er 
nach mehreren bereits betrachteten Stellen cMatth. 12, 3H.' 
tu, 1. parall.) von seinen pharisäischen Gegnern um ein 
j/;//f7ov angegangen wurde; wenn nach der gewaltsamen 
Vertreibung der Verkäufer und Wechsler an« dem Tempel 



2) S. die s. s. O. des 1. Bd« angeführten rabbinisc^en Sltllen. 



ilie JaitD «in. IcgitimirendM m^dov Ton ifam Terliingt«i| 

(Joh. 2, ]S.)> vnd diis Volk in der Synn^roge von Knper- 
jiauui , als er Glauben nn sich als den von Uott gesnndteji 
forderte I zur Bedingung dieses Glaubens machte, dafs er 
ihm ein aijfitiSop «eigen sollte (Job. 6^ 30.)* 

Den nevtestamentlieben Mnehrichten mifolge hat J^* 
SDS dieser Anforderung, welche seine Zeitgenossen an den 
Messias machten, mehr als genug gethan. Micht nur be* 
steht ein beMchtliober TheÜ der evangeUscben firsählnn- 
gen ans Besehreibnngen seiner Wnnderthaten ; nieht nnr 
riefen nach seinem Tode seine Anhänger vor Allem auch 
die von ihm verrichteten 6vvafi£iSf cr^f^ticx und ri^oxa den 
Joden In das Gedäehtnilk snrMck CA. 6. 2, 22.): sonder« 
das Volk selbst war schon au seinen Lebaeiten nach die* 
ter Seite so durch ihn befriedigt, dafs viele defswegen an 
ihn gtbübten (doh, 2, 23. vgl. 6, 2.)5 dais man ihn dem 
Täofer, fier Jbeino^^sioy gethan hatte, ehtgegensteUte (Joiw 
10i 41.) , and selbst yon kttniHgen Messias nicht glaubte, 
dnfs er ihn in dieser Hinsicht werde überbieten können 
(Joh. 7, 31.)* i^A^fi es Jesus an Wundem hätte fehlen las- 
sen, scheinen Jene Zeichenforderangen um so weniger an 
beweisen, da melpore derselben anmitt«s|har nach bedeatm- 
dea Wunderakten gemacht wurden, so Matth. 12, 38. nach 
der Heilnn«: eines Dämonischen, Joh. 6, 30. nach der 
Speisang der Ftinftaasend. Freilich ist eben diese Stellung 
schwierig; denn wie die Joden die awei' genannten nicht 
als rechte or^fuia gelten gelassen haben solltefi| ist nicht 
wohl zu begreifen, da namentlich die Dämonenniistreibuiv- 
gea sehr hoch gehalten Wurden (Lac. iO, 17.); es mttfste 
denn das in jenen beiden Stellen geforderte Zeichen aaa 
Lac. 11, 16. (vgl. Matth. 16, 1. Marc. 8, 11.) als orJtHw 
^Qctvu näher bestimmt, und dabei an das specifisch-mes- 
iianisehe or^itHW tö viö t5 uvO-^tch iv t(o ;)nav<ii (IMatth. 
24, 30.) gedacht werden« Will man aber lieber die Ver- 
hindnng jener Zeiihinfordernngen mit vorhergegangenen 

1 ♦ 



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Zwelltr Abt^kültt. 



W«ffidenicl«fi Mill5»en, m kmifi Jesus gnnu whl «ihlvrfefce 

Wuitder gethmi, nnd dennoch einige feindselige Phajrisüer, 
welche snOtUig noch bei keinem derselben Augensengen^ 
gewesen weren^ non eaeh selbst eines sn sehen Terlengt . 
hel^n. 

Aubh dafs d?e Antwort Jesu auf solche Wonderfor- 
dcrungen jede.mnai ablehnend ist, beweist an si^h gar nichts 
dafii er nicht in andern Fällen freiwillig Wunder gethen 
heben bttnnte, wo Ihm solche besser angelegt schienen* 
Wenn er In Besug auf die Forderung der PhnrisÄer Marc. 
8, 12. erklärt, es werde x/J yeve^ xuvtji gar keines, oder 
Matth. 1% S9f. 16, 4. Lac. II, S9f., es werde ihr kein 
Zeichen ausser denn Of^fiBiwlkapS tS tt^o^i^t« gegelien wer- 
den : so kann er Ja nnter dieser yevfa, welche er bei Mat- 
thias und Lakas als novijQa xai fioixakig n&her bestimmt, 
aaeh nnr den ihm feindlichon pharisäischen TheÜ seiner 
Zeltgenossen verstiuiden, and ▼ersicbem gewellt haben, 
daft für dieeen, sei es garlLein, oder nnr das Zeichen des 
Jonas, d. h. , wie er es bei Matthäus deutet, das Wunder 
seiner Auferstehung geschehen werde. Allein nimmt man 
das i io&rjitMm snüf^ In den Sinn, dala seine Feinde nicht 
selbst ein Zeichen von Ihin sa eehen bekoannen sollen; eo 
Siiliste es theiis sonderbar eugegangen sein , wenn nnter 
den Tielen In der gröfsten Öffentlichkeit von Jesu verrich- 
leton Wundem bei keinem sollten Pliarisler sugegen ge» 
weeen sein, thells wird «tlefs Matth. 1«, S4f parall. woslo 
offenbar als gegenwärtig hei der Heilung des Blindstum- 
■en ToraosgescEt werden, ausdrücklich widersprochen. 
Überdlefs, wenn hier von selbstgesehenen Zeichen die Re- 
de sein soll, so bekamen Ja die Aofbrstehung Jeeu und den 
Auferstandenen seine Feinde gleichfalls nicht eu sehen, so 
dafs mithin jener Aussprach nicht blos den Sinn haben 
kann, seine Feinde sollten rom Selhstsehen seiner Wunder 
aosgeschlossea werden. Möchte man daher bei dem do- 
^^ijjvirari aa ein Oesebdien cum Besten der l^seicb« 



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neCM Siibjekl» dUttkeat «o dai4 8irig«n Wunder «mI 

die Auferstehung Jmo in gleichem Sinn en ihrem Betten 
ge«eiieben oder nicht, nSmlich dem Erfolg nach nicht, wohl 
aber 4mm Zweelie nach« £• bleibt aUo nicht« ttbi-ig , ala. 
die ysEfca Toa den Zaitgeiioeeeii Jean Oberbanpli and ebiiii- 
10 das didoa^ai won möglicher Wahmehmnng aberhaupt, 
mittelbarer wie unmittelbarer, eu ferstehen, so dafs Jesus 
b&er alle WunderthäUglieit ttberiiaupt abgelehnt , und em« 
■ig nnr anf daa bevorateliande Wunder aelaer Anferala* 
bnng Terwieeen hat. Obel freiiieh aeheini aif^h dieia mit den 
Tielen Wuiidererzählungen in den E\angelien eu Tertragen, 
au deren Betraabtong wir jeat fibergeheu , indem wir a«a 
aiaam Or^nde, dar imten von aelbat arliaUen wird^ nnenl 
daa DtamMnanatraib«a|an vomahiiani . 

• 

f. 88. 

Die Dteeaitcbcn^ aUgemei« betrachtet. 
Wehrend Im vierten Evangeiinm die Avadraeke Smt* 

fiOPiov t'x^iv und daifton^o^evog nur im MundeJ^der Jnden 
als ßeaclialdigung gegen Jesum, parallel mit ftaivea^fa^ 
verkomnMn (8, 48 f. 10, SO f. vgl. Mare. Si. 88. Matth. 
Uf 18.) 9 alnd In den drei ersten Dinkmiaehe, man liann 
««gen die gewöhnlichsten Gegenstände der heilenden Thi- 
tigkeit Jesu. Gleich wo sie die Aniiinge seiner Wirluam- 
halt in Galilga beaebreiben, atellen die Synoptiker anter 
dqn Kranken, weleba Jeaoa gebeilt liabe, die doi/iorisO^i- 
wff') oben an (^atth. 4, Ji. Marc. I, 34.) t «"d diese 
spielen durchweg in ihren aummarischen Berichten von der 
Wirkaamkait Jean in gewleaan Gegenden eine UauptroUa 



1) Datt die ihnen bei Matthäus zugesellten ^tlpjnal^tffMtrot nur 
eine besondere Art Ton Dämonischen sind, deren Krankheit 
tick nämllek nach dam MeadweciiseL au riefalea sckiea^ aaigt 
Matfb. 17» 14 f. 9 wo aus einem Mi^MiCJ/«ro( ain imiftdvtw 
an^gelriabea wird. 



f Zweiter Ab«olittitt. 

(Mntlk % 16 f. Maro. 1, SIK..S, 11 ^ L«^. ia> Aveh 
•einen Jan^eru theiU Jmu« vor alleai Andeni die Voll« 

Dincht mit, DHinoneii auszutreiben (Matth. 10, 1. 8. Marc. 
3, 15. 6, 7. Luc. 9, 1.), was ihnen &u ihrer besondern 
Freude wirklich uaeh Wunsch geUuig (Lue. 10 , 17. 
Marc. 6, IS.). 

Ausser fliesen summarischen Angaben aber werden 
uns auch die Heilungen mehrerer Dttoionischcn im Einsei- 
neu ers&hit, so dafs wir .uns eine nlemiich genaue Vorstel« 
luag von dem eigenthOmliehen Zustand dieeer Leute bm* 
chen kdnnen. Gleich bei demjenigen, dessen Ileiliiiig in 
der Synagoge eu Kapernaum die Evangelisten als die er- 
ste dieser Art setzen (Alarc. 1, 23 ff. Lue. 4, dft ff.)» 
den wir einestheils eine Aitertmng des Selbstbewulstoeins, 
rermdge deren der Besessene in der Person des Dämon 
redet, was sich auch bei andern Dämonischen, wie bei 
den Gadarenischea (Matth. 8, 29 f. parail.)» wiederholt; 
anderntheila Krftmpfe und Conrulsionen mit wiMf m Ge- 
sehreL Dieses krampfliafte Wesen findet sich bei Jenem 
Dämonischen , der zugleich als Mondsüchtiger beeciciuiot. 
Ist (Matth. 17 ) 14 S. parall.) deutlieh als Fallsucht ausge- 
bildet; denn das plöaiiche NiedevetttrEen, oft an gefAhrlk 
chen Orten, das Brüllen , Zähne knirschen und SchSumen 
sind bekannte Symptome der Epilepsie ' j. Die andre Seite, 
die Störung dss Sglbstbewulstseius , erscheint besonders 
bei dem Gadarenlschen Besessenen, neben dem, dalaglelch- 
falls der Dlmon^ oder vielmehr eine Rfehrhelk vonikolchen 
als Subjekt ans Ihnen spricht, tum menschenscheuen Wahn- 
sinn mit Anfällen einer gegen sich und Andre wüthendea 
Tobsucht gesteigert 0* Doch nicht blos Wahnsinnige und 
Epileptische, sondern auch Stumme (Matth. 9,12. Luc 11, 



2) \ crgl. die SteUea alter Xrsto bei Wmta, bibL BealwVHcrb. 

li S. IM. 

i) asbhiaischt u. a. SteUea s. bei Wnm, a. a. O. 191. 



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1 



.M«M.M« Kapitel«. 68. 7 

14» Mattli» 1% M« bt ^br impwtl^oftm^ »oHjpig cnghieh 
rir/'P.o»*)» vn<l M giehtiaeher Verkrümmung des Körpers 
Leidende (Lac. 13, 11. ff.) werden mehr oder aiiader bf- 
etiaunt als Dämonlmbm. heMiehnet» i > 

Die in dm E y ew f rf l ei i veMosgeieBte ^ -Meh Ten Ai- 
ren Verfeesem geeliaike VonteMang von diesen Leidenden 
ist die 9 dafs ein böser, unreiner Geist iöaiiioviov j nvBV^a 
imuOamov) oder meliref% eieb Ihrer bemiohligt habea (da- 
her üir Zoetaad dav^h dcAfiinw ^«tv, da^twKta^ai ba- 
aeiehnet #ird ) , welche nan an« ihnen reden (so Matth. % 
31. oi d«iuüvf-g 7TaQsxd?.Bv ctvxov kiyorteg)^ »nd ihre Güed- 
mafsen nach Beliebeii in Bewegnng eeteen (so Mare. % 20. 
%o mevfia ianiQa^mß emiw), hie sie hei der Ueiiang, adt 
Gewalt aosgefriehen , den Meneehen Terlafrten {^yffdlXeiv, 
t^inyead^ai). Nach der evnn^elischeii iXarsrclliing hatte auch 
Je»us diese Ansicht von der fiaehe« Z>vnr, wenn er zum 
Behaf der Ueiiang von Beseesetien den in ihnen liefindli- 
ehea Offnon anredet (wie Nare. 9, 2.1. Matth; 8, 3t. Lae. 
4, 35.): so könnte man dicfd allerdings mit J\'Mjlus ^) als 
Eingehen in die fixe Idee dieser mehr uder minder verrttek* 
ten Pereenea aaeehen, woau der peyaliieehe Anrt, «la wir* 
kea aa liVnnen, eleh beqaeeMn'BHile, eo eelw ervoa dem 
Ungrund jener Vorstellung liberEcngt sein mng. Allein wenn 
nun Jesus aoch in Privatunterhaitiingcn mit seinen Jüngern 
diesen nielit aliein niemaie eiwes aar Untergmhang Jener 
Veretalinng sagt, seadem rielmelir wiederholt ans der Vor- 
aussetzung eines dämonischen Ci rundes Jener ZustA'nde 
heraus spricht (so, ausser dem zXnftrng: datftorta exßal- 
lith Matth, 10, 8. noeh Lue. 10, 18. ff. und besonders Matth. 
Vty 21. ]>arall.: rSro^to yivog, sc. ÖaifioAw, ixTioftive^ 
tat X. T. A. U wenn er in einer rein theoretischen Ausfüh- 
rung, vielleicht ebenfalls im engeren Kreise seiner Jünger, 
eine gana den damaligen Volhsvorätellnngen sieh anschÜes- 



4) cx. Uaodb. 1, b, S. k7$i \'g\.HMy L. J., §.60. Ute Auflage. 



Bogen I. ist S. 7 n» S «ussusciMicidea u. dieses Blait cinstibindeii; 



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wmiim BeMhnümg tin» AMgcfwn der DliMmm, fhmi 

Umirren in der Wt«t« «iid ihrer verstfirkten Rückkehr 
giebt (IVIatth. 12, 43 fr.): »9 kann man nur ein Zurechtma* 
^hen der Vortteliungpn ileea mich den nnirtfen darin «e« 
hen, wenn eonaC nnhefangmt Forceher, wie Winik Je> 
com die Meinung des Voiht ▼eil der Urtaehe dieser Krank- 
heiten nicht theilen , sondern sich ihr nur anbequemen 
hieien. Um von jedem Gedanken an blofse Accommodik» 
tion ahmtkoMien, darf man aieh nnr die snlent benerkfe 
Stelle genaner aneehen. Zwar hni man das Beweisende 
derselben dadurch zu umgehen gesucht, dafs man sie bild- 
lieh nahm, oder gar als eine Parabel beaeichnete Dabei|. 
wem wir moiulro Ton Aosdealnngen, wie diejenige, wel* 
ehe üaeh Calmit noch Olshatobh giebt 7), bei Seite lassen» 
kommt das Wesentliche der Erklärung des vorgeblichen 
Bildes immer darauf hinaus , dafs oberilächliche Bekehrung 
gm der Sache Jen einen nur um ao achlimmem RUckfaU 
Moh aieh siehe • Allein Ich milchte wissen, waa nna 
denn überhaupt berechtigt, von der eigentlichen Auffassung 
dieser Rede abanweichen? In den 8ütaen selbst liegt kei- 
ne Andentnngy ebensowenig In der anderweitigen Darstei« 
Inngswelce Jesu , welcher aenat nirgends siteliche Verhllt- 
nlsse in das Bild dümönischer Zustände hülle , sondern wo 
er noch, wie hier, von t^i(fyta^ai der bösen Geister spricht, 
wie Matth. 17, 21. diefs eigentlich wiU Tcrttanden wissen. 
Aber in dem Zuaammenlmng der Eraitilung? Lukas (11, 
S4, ff.) stellt den in Frage stehenden Ausspruch hinter die 
Vertheidigung Jesu gegen die pharisliische Beschuldigung, 

5) a. s. a S. 19t. 

6) Grais, Comm. s. Mstth. |, S. 615« 

7) b. Conm. 1, S. 424. Es sei vom jüdisckea Volk die Bede, 
das vor dem Ksil durch den Teufel in l<'orm der Abgötterei, 
asck demselben durch den tchliiDmcrcii des Fharisäismus 
betetten f^ewcten. 

a) so FamtCHs, in Matth, p. 447. 



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• • • • . 

ilc IlMaoiMa diiMh Bgeiiehnl aaMiitr^iben, — ohne Zwei* 
fei irrig, wie wir geaehen büben, aber docb wdbi sm» Be« 
Meis, dafs er sie eigentlich von wirklichen Dämonen rer- 
standen hat. Auch Matthäus stellt den Ausspruch in die 
Nahe jener Besehuidigiiiig und Apoiegie^ doeb eohiebt e« 
die 2«eiehei|forderQng nebel Jeen (legenlneterongen deswi* 
sehen , und iiiist Jesam am Schlüsse die Nutzanwendung 
Bachen: üccjg l^mxai rrj yavafli Taurrj tfj TiovijQ^. Dadurch 
giebt er freüioh der £ed« eine biidÜobe fieeiebong anf 
den eittUeh-reiiglöten Zufltend eeiner Zritgenoaten, aber 
ohne Zweifel nur so, dafs er die Torangeschickte Beschrei- 
bung des vertriebenen und wiederkehrenden Dämons ei- 
gentlich von Beeetaenen gemeint liety hierauf al^er dieaeii 
Hergang ancb wieder als Bild dee niDraliaehett Zoetendea 
•einer Zeitgenossen wendet. Jedenfailt giebt Lakae, der 
diesen Beisas nicht hat, die Rede Jesu, wie Paulus siob 
ansdHIclUy als eine Wamong vor dämonischer Reeidiva» 
Dala nan die Mieten jetaigen Tbeoiogen olme^beettamlaii 
Vondinb von Seiten des IMatthivey nnd in beatfnimtem' 
Widerspruch gegen Lukai, den Ausspruch blofs bildlich 
fassen wollen^ diele ecbeintnor in der Soheue eeinen Grand 
M imben, Jeen eine io aaagefHbrCe DtoMAologie msoeebrel* 
ben, wie eie in den eigentlich gefafsten Worten ilegt« Ei- 
ner solchen aber entgeht man auch abgesehen von dieser 
Stelle dennoch nicht. Matth. 12, 25 f. 29. spricht Jesua 
Ten einem Reich nnd Hauebalt dee TenMa in einer Weiaei 
weieiie tflier dae biet FlgUrllehe aogeniehetnlieb hinane«' 
geht, besonders aber Ist die schon angeftthrte Stelle, Luc. 
10, 19^20« von der Art, da£i sie eelbat einem Paulus^ 
der aoBel den geheiligten Peraonen deir ehrtotlielien Urge- 
eebiehte to gerne die Elnelehlen anaere Z^talters leiht, dae 
Geständnifs abnöthigt, das Satansreich sei Jeso durchaus 
nicht blofi Symbol dea Boten gewesen 9 und er habe na- 
mantiieh wirlülcbe Dihnoneiibeeitsnngen angenonuaen. Henoy 
aegt er gans richtig, da hier Jeena niaht mm den Kranken, 



1» 



Zweiter AbichnUt» 



nicht zum Volk, sondern su solchen spreche, weiche selbst 
ron dergleichen Krenkheiten nach «einer Anleiluni^ befrei, 
ten, ie Mi ee nicht eis bioTse Anbeqaeninn|^ erklärbnp) 
wenn er ihr ra dai/ttoyice VTiOTvcoaerai rjuv bestätige Mti 
wieder Mufuehme, und ihre Befähigung zur Heilung der 
llimenitehen als eine Gewalt über die dimftig %h ix^Hf^ 
becchreibe^* Ebenso treffend bat derselbe Theologe an 
andern Orten dem Anstofs, welchen solche, deren Bildung 
mit dem Glauben an Dämonenbesitzungen sich moht ver- 
trigt| an dem ErgebniCs nehmen könnten, dafs Jesus Jenen« 
Glauben gehabt habe, durch die Bemerkung vorgebeugt, 
dafs selbst der ausaezeichnetst^e Geist eine unrichtige Zeit- 
vorstellung beibehalten könne, sofern sie nicht gerade im 
BereiGh seines besondem Kachdenkens liege. 

ErUlntemd flQr die neutestamendieiien Vorstellungen 
von den Dämonischen sind die Ansichten , welche wir bei 
andern mehr oder minder gleiciizeitigen Schriftstellern 
über diese Materie finden« Die allgemeinen Begriffe von 
EinÜlfasen bdser Gebter auf den Menschen, welcl^ Mdan- 
oholie, Wahnsinn, Epilepsie nur Folge haben, waren swar 
schon frühe bei Griechen**) wie bei Hebräern * •) verbrei- 
tet: aber die he8timmtei*e Vorstellung, daüs die bösen Gel» 
ster in den Leib des Menschen fahren und von demselben 
Besia Jiebmen, hat sich nachweislich doch erst aiemlieh 
spät 9 iu Folge allgcmjBiner Yerbreituug de^ orientalischen^ 



9) exeg. Handb. 2, S. 566. 
10) a. a. O. 1, b, S. 2, S. 96. 

11} Daher wurde im^opfr^ mamoSrnfiorfr = /ttla^fjfoÜf r, fttum^ai^ 
gebraucht , uad Hippokratet mustte die Ableitung der Epi- ' 
leptle von diaioaftshsm Elaflust beatrellea. t. bei Wanrsnr, 
8. 182 ff. 

$2) Man vergleiche die r\)iV HHO r\T\ y welche den Sani 
xuclanchoUich machte, 1. Sam. IG, 14. Ihr Bänflust aui Saui 
^ird durch )n(^y9> m ühoriici ihoji ausgcdruclO« 



H^niit«« Kapitel, f. 88« tt* 

iififiieiitlf«h persitohen, Pittonntolo^fe unter HebrIfeFii und 

(iriecheii nusgebÜdet *^). Dalicr denn bei Jusejihus die 
Hede von diuuovta toTg (^uaiv eiadvcfifiva , i'/xux^f^o^it" 
m*')« und dieselben VorsteUuiigeti auoh bei Lueliui 
■od PhtioBtmtoa '7). « 

Uber die Nnttir und Herkunft dieser Geister finden 
wir in den Evangelien nichts ausdrücklich bemerkt, als 
«lad sie sun Haushalt des Satan gebären CMattb. 12, ä<( ff* 
psrall.)} weftwegen denn, was einer von ihnen thnt, auch 
^eradeicu dem Satan zugeschrieben wird (Luc. 13, 16). 
i)arch Josephus ^^), Justin den Märtyrer und PliÜo- 
ilnitna wit welchen auch rabbinische Schrifiten Ober* 
efustiamien -O» arfSshren wir nun aber, dafs diese Dimo- 
nien von Hause aus eiffcntlich abt^cschiedene Seelen böser 
Menschen seien , und jieuere Theologen haben keinen An- 
ataad genommen , diese Ansicht vpn ihrer flerkuuft auch 
lern N. T. untemulegen Mflher bestimmen Jedoch 

IS) s. Cheuzer, SymboUii, 3, S. 69 f. } Bauk, ApoUoniut voa 
Tyana und Christui, S. 144. 

14) Bell. jud. 7, 6, 3. ^ 

15) Antiq. 6, 11, 2. von dem Ziutaad Sault. 
le) Philopteud. 16. 

17} viU Ap^aion. 4, 20, 25., vgl. Bav», a. O. 5. 58 f. 42» In- 
dessea spricht auch aehoa Aiiatotdea, de aiirsb. 106. cd Hclili.y 

▼oa ioi/twi T«»« ^wo/tiffH mmwdx^H» 
IS) S. a. O. des lieU j. : r« ya^ maZi^frm ^fidnm — wortf^ap 

igtr ay&(tantar nnV^ara ^ Talg ^tiotr iiadyft^irtt Mai jrrf.Vvrra 

19) Apoll. 1, 18. 

20) I. a. O. 3» 38. 

21) t. EiaaKniaeBa, eatdechtes Judeathuay 2, 6. 427. 

22) Paduos, estg. üaaA. 2, 8. S9; L. J. 1» % S. 217. Er be- 
mil sich hicfUr aamentUch aaf Ma|th. 14, 2. , wo Herodcs 

■ «uf das Gerttchl Toa Jfeau WuadertlMtta hin aagt: 1x6^ hs*^ 

Kl die rabbinitche Aaiicbt Tom HlS^jf ^det, vermute des« 



üiyilizeQ by ^üOglc 



iwMdm «nd die lUbbineii Tonngiweiae die Seelen der Ki«^ 
9Wf der Abkömmlinge jener Engel , welehe* sieh mü den 

Töchtern der Menschen vermischten , und die Riibbin«ii 
ferner noch die Seelen der in der SündÜuth Umgekomme- 
nen nnd der Tbeiibelier em babylenieehen Tbnrmlmn nie 
Pkgegeitler fDr die Uberlebenden wemit aneh die 
Klementinen zusammenstimmen, nach welchen gleichfail» 
Jene su Dftmonen gewordenen Riesenseeleu sich als di4 
•tftrkeren an menaelüioiie Seeieii an hftngeny nnd in Men* 
aehenleiber sn fahren anchen 'f); Pa nnn in der enteren 
weiter lautenden Stelle Juifin den Heiden aua ihren ei* 
genen Vorstellungen heraus die Unsterblichkeit beweisen 
will 9 ao ist die Anaioht von den JUAmonen als Seele n Vcip- 
atorbener flberlianpky weiche er dort inaaertf snmal sein 
Schaler Tatian aich anadrQelüieh gegen dieae Voraleiiung 
erklärt ^^), schwerlich als seine eigene au betrachten; 
floaejihua nlier entaelieidet für die ia T* num Gründe 

seA (im üntenchied vom hxhi oder der eigentlichen See- 
Icnwanderung , d. h. der Versetzung abgeschiedener Seelen 
in eben sich bildende liindcrleibcr) zu der Seele einet Le- 
benden die einet Verttorbenen alt Terstärkender Zusaz sich 
/ gesellt (s. EisiNMiKSBR, 2. S. 85 ff.). Allein, dast in dem 
it^^^l >^ici^* diese, sondern die Vorstellung einer wirklichen 
Aitferslehuag das TMufer%.aege| hat tu A. Kamscwt s.d. St. 
geseigty oad wenn auch jene« te wXre dach hier von einem 
gaas aaderai VerhXltniM die Redei alt Ton dem der dXmoni^ 
achea Betittuag. Hier wXre es aümlich ein gnter Geist, der 
in einen Propheten sur Verttärkttag seiner Kraft Ubergegan- 
gen wäre, wie nach späterer jüdischer Vorstellung Seths Seele 
zu der des Mosct) und wieder Moses und Aarons Seelen xu 
der des Samuel sich geseilt haben ( Eisknaiincer , a. a. O. ) 
woraut aber die Möglichkeit eines Übergangs h<teer Seelen 
in Lebende noch keineswegs folgen würde. 

$S) Jastla. ApoL 2, 5* Bisaanaaaaa, a. a. O. ft. 438 & 

J4) HomiL 8, i8f. 9« 9 f. 

gl) Ürat« centra GraeooS| 16. 



1 



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V^mmf ILmmiUL f. 86. IS 

llegemle Antldit dcliwegan iitchto, weil tieli eeiiMr grfe» 

chischen fiildnng liegen sehr fragt ^ ob er jene Lehre in 
der nrsprOnglich jiidUchen, oder in grficisirfer Gestalt 
wiedergiebt* Darf man non annehmen 9 dafs die Dämo^ 
nenleture so den Hebrien Ton Perden her gekoniHieii ed: 
10 waren die 0ew't der Zendreligion bekanntlieh vor der 
Menschenweit entstandene, von Hanse aus böse Geister, 
•H welchen der Uebraismus für sich nor den UilcieM| 
deoi UmüleBiie engekürigen Zug, nieht aber den enteren^ 
mm Terwieehen Teranlafot sein konnte« 80 worden die 
DSmonen in der hebrüischen Ansicht die gefallenen Engel 
?on 1. Moi« 9, die Seelen ihrer Kinder, der fUesen, nnd 
der grolaen Ver b ree h e r Tor nnd nmnittdbnr nach, der 
Stedflnth flberfaanpt, welche die TolktrorsteHnng allnrfdb» 
Itg in das Ubermenschliche hinaufgesteigert hatte ^ Uber 
den Kreis dieser Seelen jedoch, die man sich als den 
Hofetnat dee Satana denken noehte, lag in den Yoratel» 
langen der Hebrier kein Qmnd lierabnnalelfett* Ein ae^ 
eher lag nur in der mit der hebrfiischen zusammen trefifen» 
den griechisch{- römischen BilduTig: diese hatte keinen 
Säten ) alao anch keinen elgenthttndiehen , Ihm dienenden 
Geiateratenly wohl nbir hatte aie ihre Manen, Leni nren 
n. flgl. , simmtiich abgeschiedene Menschengeister, welehe 
die Lebenden beunruhigten. Produkt nun der Ausglei« 
ehnng Jener Jttdiaehen Voratelinngen, alt diesen grieehleeb* 
fiaüeehen 'tebeini die Dareteliungewelee dee Jeeephpa nnd 
Jnstin, wie aaeh der späteren Rabblnen an aeln: dafa 
aber auch schon im N. T. eine solche au finden sei, folgt 
hieraus nieht. Sendern, wenn wir hier diese gräeiairtn 
Vemtelinngawelae nieht poiltir angeielgt linden, wie ein 
et denn nirgends ist, vlelniehr an einigen Orten die Dl«, 
monen mit dem Satan als sein zugehöriger Haushalt in 
Verbindung gesezt sind: so müssen wir, bei der aonstl« 
gen Cmreit keine Unbildniig in ehriatliehea Sinne ein* 
trat) nnremileeht jadisehen Oenkweiie der ejnoptlsjphen 



Digitizcü 

\ 



14 , . Zweiter Alifclinitt. 

£Fangelieii, vielmehr jene rein und «rsprOifgHeh jttditche 
VurvteUong alt didHiirige ▼omuMetBem 

JMe lilrere Theologie non .hat bekunnHieh , In Betrnelbi 
der Aiiktorltät Jesu und der £vAngolisfen , riie Ansicht 
von einem wirklichen Besessensein jener Menschen durch 
Jlftaionen nu 'der ihrigen gemacht. Die Neuere Theoiogie 
dagegen, beeonders seit Sbmue in Betracht der an^ 
fallenden Ähnlichkeit, weiche zwisclien dem Zustand der 
neutestamenlJichen i^ämonisclien nnd mancher natürlich ^ 
Kranken nnsrer Zeit stattfindet , iial angefangen, aiieh 
dae Übei von jenen ans natflriiehen Urtaehen ahmdclten, 
nnd die im N. T. vorausgesezte übernatürliche Ursache 
auf Rechnung der V^orstellungen jener Zeit en schreiben. 
Jla£a,.vv^ in jetniger Zeit fipilepsie, Wahnsinn and seihst 
•Ine, dem Zustand der nen tso faaientHehew Besessenen Xhn« 
iiche Alteration des Selbstbewusstseins vorkommen, doch 
nicht leiciit mehr an dämonischen Einflufs gedacht Mird, 
lial aeinen.Grnnd einerseits chunii| dafs der forlgeselirittencii 
Vatw** md Seeienkunda Jeet ' mehr BUttei und Anknft» 
pfungspnnkte Eur natürlichen Erklirmig jener Znstfinde 
an Gebote stehen, theils darin, dafs man die Widersprü-. 
die 9 welche in der Vorstellung des Besessenseins ilegeu) 
wenigstens dunkei an erlwnnen angefangen kat« Denn 
abgesehen ^n den oben auseinandergeseeten Schwierig» 
keiten , welche die Annnhme der Existenz von Teufel und 
Dämonen überhan])t drücken, so mag man sich das Ver- 
li«itniia swiaehen dem Selhathewniteseln und den ielhtt- 
eben Organen denken wie man will, Immer ist doch daa 
schlechterdings nicht vorzusteilen , wie das Band zwischen 
Imid^ so lose sein sollte ^ dais ein iremdes Seibstbewulst« 

26) deisea Commcntatio de daemoniacis quorum in N. T. fit 
nenlio, und umständliche Untenuchung der dämonischen Leu- 
te, w. Schon XU Origenet Zeit geben Übrigens' die Ärzte Toa 
dem Zuttaad der angeblich Beietteaea astUrliche ErklSrun« 
gen, t. Orig. la MMth. 17^ 15. 



Digitizoü L/y 



•etil fticb eintehiebaa, Dnd mit VerdHUigong det tnai Or- 
ganijiiDtts fifehörigen, dieMn in Besis nehmen könnte* So 

erwirbt sich für jeden , welcher die Erscheinungen der 
Gegenwnrt mit aufgeklHrfen ^ und doch die Erzählungen 
des N. Ts. noch mit orthodoxen Angen betrachtet, der 
Widerspruch, is(s dasselbe, was Jost aus natCIrfiche» 
lp<«ac!ien kommt, zu Jesu Zeiten überiiA^ürlich müssti 
verursacht gewesen sein. 

Diesen nndenkbarea Unterschied der Zeiten wegso« 
brin|>en, nnd doeh dep N* T« nichts w vergeben, leugnet 
Oi^HAUSEN, welchen wir fftr diesen Punkt füglich als Re- 
prfisentunten der mystischen Theologie ttn4 Philosophie 
jetoiger Zeit b^tnichlisn Jiönnfin 9 Beides ^ sowohl dals jctflt 
alle dergleicben Zustände natQrllch, als dals danMÜs allf 
fibernatürlich verursacht gewesen seien. Was unsre Zeit 
betritft, so fcagt er, wen|i die Apostel in unsre Irrenhäu^ 
ser tr&ten. wi» sie maneiM der Kranken In denselben 
nennen würden Alfeirdings, antwortea wir, würdet 
sie Tiele dcrsellien Besessene nennen, vermöge ihrer Zeit* 
und Volks Vorstellung n|imlich, und nicht vermöge apostor 
liseher Erleuchtvng» ^ dafs also der hernniftthrende Mann 
von Fach sie mit Keoht eines Bessern ra belehren suchen 
würde, und daraus gegen die Natürlichkeit jener Zustande 
in unserer Zeit lediglich nichts folgen ^anii. Von dei^ 
Zeit Jesu behaltet der genannte Theologe f auch von den 
Juden seien dieselben Krankheitsformeni Je nach der ver- 
schiedenen fintstehungsart das einemal für dffmonisch ge- 
halten worden, das andremal nicht, so dafs z. B. einer^ 
der durch organische Verletvung des Gehirns wahnsinnige 
- oder der Zunge stumm geworden war, nicht Ükr dämonisch 
gegttlren haben würde, sondern nur ein solcher, dessen 
Zustand mehr oder minder auch psychisch veranlafst ge- 
wesen sei« Beispiele einer solchen ^ im Zeitalter Jesu ge« ■ 



37) b. Comm. I, S. 296. Anm. 



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M Zweiter Abselinill. 

mechteh üiiterteli||t«liing bleibt «iis OuBAmv, wfe ulefi 

von selbst versteht, schnldig. Wo hätten anch d!e dama- 
ligen Juden die KenntTiifs der verborgenen nntfirlicheii 
Urseeben soleber Zustünde hergenommen, wo die Krite* 
rien, einen dnreh MiCibildong des Gehirns entstandenen 
Wahnsinn oder Blödsihn von psychologisch verursachtem 
CO unterscheiden? Waren sie nicht gans und gar auf 
* die äussere firseheinnng und swar In ihren griiberen Um« 
rissen, angewiesen t Diese aber Utbei einem fipileptlscben 
mit seinem plösllehen an vorhergesehenen Niederstürzen und 
seinen Convulsionen , bei einem Wahnsinnigen mit seinem 
' Irrereden, nemenlUeh wenn er, durch ftttck Wirkung der 
VoUisrorsteliungen auf sdmto Zustand, in der Person ei* 
nes Dritten s|irieht, von der Art , dafs sie anf eine fremde 
den Menschen beherrschende Macht hinweist, und dafs folg- 
lich sobald einmal der Glaube an diimonlsohe Besitzungen 
im Volke gegeben Ist, alle dergieiehen Zustände auf solche 
•urOckgefllhrt werden werden, wie wir diefs Im N. T. fin- 
den; wogegen bei Stil mmheit und gichtischer VeriiHlmmung 
oder Lähmung die Herrschaft einer fremden Macht schon * 
weniger enteehleden indieirt Ikt, und diese Leiden also 
buld glelehfalls einem bethsend^n Dämon zugeschrieben 
werden können, bald auch nicht, wie uir jenes bei den 
■ehoB erwähnten Stummen Matth. 9, 32. 12, 22. und bei 
der rerkrOmmten Frau, Lue. IS, II, dieses bei dem jttoqog 
fioyiXdXog Marc. T, 31 ff. und bei den manelierlei Paralyti* 
sehen, deren in den Evangelien gedacht wird, finden ; w o- 
bei ttbrigens die£ntschei(iung für die eine oder andre An- 
ddit gewifk nicht von £rforsehnng der fintstehnngswelse, 
sondern ledigUeh ron dfer lussem Erscheinung ausgegan- 
gen ist. Haben demnach die Juden, und mit ihnen die 
£vangelisten , die beiden Ilauptarten der hiehergehörigeit 
Zoitinde auf dftmonisehen fiinflofs surttekgefflbrty so bleibt 
ilr den, der sich dnreb ihre Ansieht gebunden glaubt, oh- 
ne sich doch der Bildung unsrerZeit eutaieben su w ulLet^ 



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Nenntet Kapitel. $. 8f^ 17 

die grelle Ungleichlieft, dieselben Krnnkheiten in der ei- 
nen Zeit sammtlicli nis nafdrliche, in der Audei*n sÜmmtlicth 
eis flbernatürliche denken zu müssen* 

Die sehiimmste Schwierigkeit aber eHfXehst fdr den 
CHsnAOSBu'schen VermittlungSTersnch «wischen der jGdi^ch- 
nentestamentlichen Dämonologie und der BUdting unsrer 
Zeit darans, dafs dieses iestere £lement in ihm der An* 
nähme persttnücher DXmenen widerstrebt Dasselbe, der 
Bildung des gedachten Theologen dnrch die Katarphiloso* 
phle angehörige Streben , das im N. T. als ein Heer dis- 
creter indivlduen Gedachte emanatistisch in das Con* 
tinnom einer Snbstans aufsnidsen, weiche swar ein£elne 
Krifte ans sieh- hervortreten , diese jedoch nicht tn selbst- 
stfindigen Individuen sich fixiren, sondern als Acciden/aen 
wieder in die Einheit der Substanz zurüclLkeliren lüfat, — 
dieses Streben sahen wir schon in Oi.sifAUSBii*8 Angeioio- 
gie hindarehleachten, and entschiedener tritt es nnn iil der 
Dfimonologic hervor. Dfr'monisclic Persönlichkeiten sind 
SU widrig, bei den angeblich i3esessenen nainentUch das, 
wie es Olsbausbh selbst ansdrackf Stecken sweier 
Subjekte in Einem Individuum bu undenkbar, als dafs man 
sich eine solche Vorstellung zumuthen könnte. Daher wird 
überall nur in schwebender Allgemeinheit von einem Rei- 
che des Bdsen und der Finsternifs geredet, und «war ein 
persSnIicker Ffirst desselben vorausgeseat , aber unter den 
Dämonen nur die einzelnen Ausflüsse und Wirkungen ver- 
standen» in weichen das böse I'riiicip sich manifestirt. Da- 
her, und hieran ist Olshauskm's Ansicht von den Dämo- 
nen am bestimmtesten an ergreifen^ ist eS ihm ad fiel, dafs 
Jesus den Dämon im Gadarener um seinen Namen gefrao^t 
haben soll: so bestimmt kann doch Christus die von dem 
Ausleger besweifeite Fersöniichkeit jener Ausflüsse des 
ftntm Rffiekee ak^ ' vorassgesent Jiaben; wefswegeni 

28) S. 295 f. 

DaM l^ühtm Jgtm II. Jiand, 9 



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1§ Zweiter Abschnitt. 

itenn des tl aö& nroi^a; CMere. tkj 9.) el« Frage nach de« 
Neaen nicht des Dimon, sondern des Menschen eafgefafst 

wird*'}, gegen allen Zusammenhang offenbar, da die Ant- 
wort: Xsy6<a¥i iLeiiiesYi egs als Mifsverstand, sondern als die 
rechte^ Ton Jesus gewollte Antwort erscheint» 

Sind nvn aber die Bffnonen , nach OlshaüSSN^s An« 
sieht, unpersönliche RrWfte , so ist es die Gesczmafsigkeit 
des Ileichs der Flnsternils in seinem Verhültnifs zum Licht- 
reich 9 was sie ieitet i^nd sn ihren verschiedenen Funktio. 
non bewegt. Von dieser Seite mafste also, je schlimmer 
der Mensch wird, desto enger der ZusAmracnhang z\vi- 
schen Ihm und dem Reiche des Bösen sich knüpfen, und 
der engste denkb^i*e Zasamnienhang, das Eingehen der fin- 
stem Macht in die PersSnIichkeit des Menschen , d. h. die 
Besessenheit, mttfsre immer bei den Schlechtesten eintreten. 
Diefs finden Wir aber geschichtlich gar nicht so^ die Dä- 
monischen erscheinen in den £rangelien nur s6 weit als 
Sinder 9 wie alle Kranke Vergebung der Sünde ndthig ha* 
ben, und die gröfsten Sfinder, wie ein Judas, bleiben von 
der Besessenheit verschont. Die gewöhnliche Vorstellung, 
mit ihren persönlichen Dämonen, entgeht diesem Widern 
Spruch« Zwar hält auch sie, wie wir dieis e. B. in den 
Klemenfinen finden, daran fest, dafs nur durch die Sünde 
der Mensch dem Dämon den Zugang zu sich eruflne ^°): 
doch bleibt hier Immer noch ein Spielraum für die indivi- 
.daelle Wilikilhr des Dämon, welcher aus nicht su berech- 
nenden subjektiven Gründen oh den Schlechteren vorüber- 
gehen, auf den weniger Schlechten aber Jagd machen 
kann^^). Werden hingegen, wie von Olsbausen, die Dä- 

29) S. 302, nach dem Vergang von Paulos, ex. Hsadb. 1« b, 8. 474. 

30) riomil. 8, 19. 

31} Wie sieh Atmodi die Ssrs uad Ihre M ünaer aom Plsgea «ad 
Umbringen susertieM, niobl well jene oder diese betoadert 
•cblecbl waren, seadem weil 8srs*s Scbtfabsit iba sateg, 
Tek.69 i% 15. 



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I 



Neuntes KapIteL i« 66. 19 

■dnen Dvr alt die Aktionen der Bf eeht des B^n in dire« 
dlereli Oeeetse geregelten Verhfiltnifs Cur Mncht des (ititeii 
betrachtet, so ist jede Willkiihr und Zdniliigkeit nusg^ 
Khiossen , und defiiwe^en hat die Abweichung der Conee- 
qoens, defs nach teiner Theorie eigentlich Immer die Sehlimm- 
Men beeeeeen sein sollten, Olshaüsiii sichtbare Mtthe ver- 
ursacht. Von dem scheinbaren Kampf zweier Mächte in 
den Dämonischen ausgehend, ergreift er zunächst den Ans- 
wcgi dale nicht bei denjenigen ^ weiche sich gann dem ßtf» 
scn ergeben, und somit eine Innere Einheit Ihres Wesens 
behalten, sondern nur bei denen , in weichen noch ein in- 
neres Widerstreben gegen die Sünde vorhanden sei| der 
Zattand des Besessenseins eintrete 80 aberi snm rein 
■erallsehen Pbllnomen gemacht, mflCite dieser Znstand 
weit httufiger vorl&ommen, es wUTste jeder heftige innere 
Kampf in dieser Form sich äussern, nnd" namentlich dieje- 
aigea, welche sich später dem Bösen gann ergeben, Ihren 
Darehgaii^ durch eine Periode des Kampfs, also des Bo- 
sessenüeins, nehmen. Daher fügt auch Olsha08£n noch ein 
physisches Moment hlnsu, dafs nämlich das Böse im Men- 
lehsn vorwiegend seinen leiblichen Organismus, Insbeson* 
dofe das Nervensystem geschwächt haben mOsse, wenn er 
ftr den dämonischen Zustand empfänglich sein solle« AI* 
lein wer sieht nicht, zumal solche Zerrüttungen des Ner- 
vmysiems ancli oline sittliche Verschuldung eintreten kön* 
aen, dafs auf diese Welse der Zustand, welchen nmn der 
'isMNilschen Macht als eigenthttmÜcher Ursache vlndiciren 
wollte, zum grofsen Theil auf natürliche (iründe zurück- 
gef&hrt, und somit dem eigenen Zwecke widersprochen 
wird? Daher wendet sich Olsuausim von dieser Seite auch - 
Ud wieder weg , und verwellt liel der* Vergleichung des 
^fton^ouevog mit dem novt^oogy statt dafs er ihn mit dem 
EpÜepHschen und Wahnsinnigen nusammenstelleu sollte, 

») S. 294. 

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Zweiter Abschnitt 

mm ileren Vergleichnfi|f Mein anf den Bfetestenen ein LScht 

Burückgeworfen werden kann. Durch dieses Herüberspie- 
ien der Sache vom physiologisch - psychologischen Gebiete 
auf daa moraiUcli-reÜgiöae ist der fixcnra ttber dieDürao* 
nUchen eu einem der nnbranchbarsten geworden, die Im 
OLSHAUSEN'schen Bache bw finden sind '3). 

Lassen wir al.'o die unerfreulichen Versuche ^ die 
neatettamentlichen Vorstellungen von den Däraonlscben n 
Inodemisiren , nnd nnsre Jetsigen Begriffe eu « judaisiren, 
fassen wir vielmehr Auch in diesem Punkte das 'S. T. auf, 
wie es sich giebt, ohne jedoch durch die Zeit - und Volks- 
Torstelinngen in demselben uns für weitere Forschnngen 
die HSnde binden w.n lassen* 

Den bisher ermittelten Vorstellnngfen vom Wesen der 
Dämonischen gemäfs gestaltete sich auch das Heilverfahren 
mit solchen Personen, namentlich bei den Juden. J>a die 
Krankheitsursache nicht, wie bei natürlichen Übeln als ein 
'inpersönlicher Gegenstand oder Zustand, wie ein un^resun» 
der Saft, eine krankhafte Spannung oder Schwäche, son«> 
dem als ein selbstbewurstes Wesen angesehen wurde: so 
suchte man auf dieselbe auch nicht blos mechanisch, che- 
misch nnd dergl., sondern logisch, durch das Wort, eu wir- 
ken. Man sprach dem Dämon zu, sich zu entfernen, und 
um diesem Zuspruch JNnchdruck zu geben, knüpfte man 
«hn an die Namen von Wesen, welchen man Macht über 
(las Reich der DJSmonen euschrieb. Daher als Haoptmittel 
gegen dämonische Besitznn^^en die Beschwörung '^), sei es 
bei dem Namen Gottes, oder der Engel, oder eines andern 
fibermfichtigen Wesens, wie des Messias (A«G. 19,. IS.}^ 
und mittelst gewisser Formeln , die man von Salome her^ 
zuleiten pflegte ^ Übrigens wurden hiemit auch gewisse 



33) Er füllt S. 289—298. 

34) 9. Hie Arm. 16. angeführte Lucitniiche Stelle* 
55) Joseph. Antiq. 8, 2, 5« 



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Neuntes KapiteL |« S9« 



11 



Worceln^), Steine ' Rüttdierungen und Amulete'^) in 
Verbindnnfir gesest, ebenfalls, wie man glaubte, aus Salo- 

Boniselx r Überlieferung. Da nun die Ursache von derglei- 
chen Übeln nicht selten wirklich eine psychische war, oder 
doch im Nenrensystem lag, auf weiches sich von geistiger 
Seite- anbereehenbar einwifken lüfst, so täuschte Jenes psy- 
chologische Verfahren nicht durchaus, sondern es konnte 
oft wirklich durtli clie im Kranken errcjS^te Meinung, da(s 
▼or einer Zauberformel der ihn besitcend« Dfimon sich nicht 
linger halten könne, eine Hebung des Übels bewirkt wer- 
den, wie denn Jesus selbst euglebt, dafs auch judischen 
Beschwurern dergleichen Kuren bisweilen gelingen ^Matth« 
12, 27.). Von Jesus aber lesen wir, dafs er ohne ander- 
weitige Mittel und ohne Beschwörung bei einer andern 
Macht durch sein blofses Wort die Dümonen ausgetrieben 
habe, und es sind die hervorstechendsten Heilungen dieser 
Art, von welchen uns die Evangelien berichten, nunmehr 
In £rvi€ging su sieheu* 

f. 8f. 

Jesu Dämonenaustrcibun^i-n y einzeln betrat htct.. 

Unter den einiselnen Erzählungen, welche uns in den 
drei ersten Evangelien von den Kuren Jesu an Dümoni- 

>cl»en gegeben werden, ragen beson<lcrs dni licrvor : die 
Heilung eines Diiaionischen in der Synagoge Knpernaum, 
die der von einer Menge Dämonen besessenen Gadarener, 
und endlich die des Mondsttchtigen , welchen die Jflnger 
nicht im Stande gewesen waren zu heilen. 

Wie nach Johannes die Waiiservcrwandhinof , so ist 
nach Markus (1, 23 ff.) und Lukas (4, 33 ff.) die lleihing 
eines Besessenen in der Synagoge von Kapernanm das er- 



36) Joseph, s, a. O. n 

57) Gltün, f. 67. 3. 

58) Justin. Msrt. dial. c. Trypb. 85. 



Zweiter Absehnitt. 

8te Wonilflr, «Int sfe Ton Jetn aelt seiner Ritekkebr reu 

der Taufe nach GaliUa zu ers^hfen wissen. Jesus hatte 
ntt gewRltls^em Eindruck gelehrt : als auf einmei ein an- 
wesender Besessener in der Rolle des ihn imüsenden Oft- 

• 

mens nnfsehrlei er wolle mit ihm nlohts eu seheffen heben, 

er kenne ihn als den Messias, welcher gekommen sei, sie, 
die DiKmonent sn verderben; worauf Jesus dem Dämon eu «. 
sehwel|(en und eoseufehren geboC, was anter Gesehrei and 
Zaeku Ilgen ron Selten des Krenken and nom grofsen fir- 
stennen der Menge <ibor solche Gewalt Jesu geschah. 

Hier könnte man sich allerdings mit rationaiistiscben 
Aosiegern die Seehe so rersteilen: wenn der Krenke» der 
einem Üehten Aufrenbliek In die Synagoge getreten wer, 
Yon der gewaltigen Rede Jesu einen Eindruck bekommen, 
nnd dabei einen der Anwesenden von Ihm als dem Mes* 
eins hatte sprechen htfren, so konnte in ihm leicht die Vor^ 
etellang sieh bilden, der Ihn liesitsende unreine Geist kdn- 
ne mit dem heiligen Messias nicht i&usRmmenbestehen, wo- 
durch er in Paroiysmus geratheUf und seine Furcht vor 
Jesu In der Rolle des Dnuion aassprechen mochte. Sah 
aber Jesus einmal den Mensohen so gestimmt: was war ihm 
piher gelegt, als, die Meinung desselben von seiner Ge- 
walt über den Dämon ssu benütEcn und diesem das Aus* 
fahren eu gebieten, was dann nach den Gesetsen der See» 
lenheilkonde, da d»r irre von seiner fixen Idee aas ergri^ 
Ibn wurde, gar günstigen Erfolg haben konnte, wefs* 
wegen Paulus diesen Fall für die Veranlassung hxlt, durch 
welche Jesus luer^t anf den Gedanken geführt worden seif 
eeliie messtanlsehe Geltung au Heilung Ton dergleichen Kran» 
ken au benOtsen 

Doch erhebt sich gegen diese natürliche Vorstellung 
von der Sache auch manche Schwierigkeit. Dafs Jesus der 
Messias sei» soll ihr aafolge der Kranke dureb die Jjeate 



i) cx«^. Haadb. 1, b. S. h. J. I, a> S. M, 



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in der Synagoge erfahren haben. Davon schweigt der Text 
Bkht blo«, «ondem er widerspriclit einer solchen Annah* 
■e aufs Bestimmteate. Sein Witten om Jepu Metilani- 
tat hebt der aus dem Menschen i*edende D/imon durch das 
liöu OB li^ ti X. T. A. deutlich ait ein ihm nicht von JMen- 
•ehen snf^ig MUgethelltet 9 sondern alt ein ihm vermdge 
leiaftr dämonitchen Natur wetentlich Znfconiniendet heraot. 
Ferner, wenn Jesus ihm ein (pifuv)t}i^ji\ anruft, so besiehl 
lieh diefs eben auf das, was der Dämon auvor Ton seiner 
Metsianicät aosgetagt hatte , wie ja auch sonst Ton Jetn 
srsihft Wied, daft er ajr r^qu kaXtiv %i datiiimuj ors rfimr 
CUV aiiov (Marc. 1, S4. Luc. 4^ 41.), oder, Iva ftij fpave(Wip 
cvtoy noii^attßatv (Marc. 3, 12.); glaubte also Jesus durch 
4ss dem Dämon aufgelegte Schweigen dat Bekanntwerden 
teiaer Mettianitit Terhindem sn kttnnen, so muft er der 
Meüiung gewesen sein, dafs ntehf der Besessene dnr6h dat 
Volk in der Synagoge etwas von derselben gehört habe, 
Tielmehr uiDgekehrt dieses es von dem Besessenen erfahren 
k6«nte; wie denn auch in der Zeit des ersten Auftritts 
Jssu, in welche die Evangelisten den Vorfaü Terlegen^ 
Boch Niemand an seine MessianitSt gedacht hat. 

Fragt es sich demnach, wie, ohne Mittheilung von 
■issen, der Dimonische Jesum als Messias durchschaut 
haben k6nne? so beruft sich OtSHAimif auf die unnatür- 
lich gesteigerte Nerventh«tigkeit , welche in dfimonisehen 
Penoiten wie in somni mhuien ein ^erst^irktes Alinungsver- 
aSgen, eine Art von Hellsehen hervorbringe, vermöge det- 
m ein toleher Mentch gar wohl die Bedeutung Jetu filr 

ganze Geisterreich habe erkennen können Allein 
Abgesehen von den starken Zweifeln, welchen die Wirk- 
Üehkeit einet tolehen Helitehent bei SoauianbOleD noch 
isierliegt , to tehreibt die evangeKsehe Darstellung Jene 
Kunde nicht einem Vermögen des Kranken, sondern des 



üiyilizeQ by GoOglc 



*U Zweiter Abtehaltt. ^ 

in ihm wohiieiicien Dämons zu, wie diefs auch allein den 
damHÜgea jüdischen Vorstellungen angemessen ist. Der 
Hetsias sullte erscheinen , um das dSmonische Reich sa 
•tilrsen C^Ttoliaai f]/iias, vgl. 1 Job. 3, 8. Lae, III) ISf.)» 
den Teufol sammt seinen Engeln in den Feuerpfuhi -ma 
werfen .(Matth. 25, 41. Offenb. 20 ^ 10.) 0, und dnfs nun 
die Dämonen denjenigen ^ der ein solches Gericht über sie 
m^ fiben bestimnit war» ele solchen erkennen würden, er* 
gab sieb yon selbst ^> Da wir demnach einerseits eine 
wirkliche Existenz von Dämonen in jenen Leidenden nicht 
annehmen, das jedoch ebenso schwer ans denken können, 
dnfs Jene Menschen selbst Termtfgei einer Helisehergabe Je- 
sum Bu einer Zeit , wo ihn sonst noch Niemand, und Tiei- 
leicht er sich selbst noch nicht, für den Messias hielt, als 
selchen erkannt haben ; andrerseits aber dieses Erkanntwer« 
den des Messias Ton den Dämonen so gans mit den Tolks- 
tlitf milchen yorstellungen BusemmentröiFen sehen: so mOs-t 
sen wir wohl vermuthen, dafs in diesem Punkte die evan- 
gelische Tradition mehr diesen Vorstellungen , als der hi- 
storischen Wahrheit gemäis sich gebildet habe Ulesq 
war am so mehr Veraniassang , Je rühmlicher fiHr Jesam 
eine solche Anerkennung von Seiten der Otfmonen war. 



3) TgL BiKTaoLDT, Gbriitol. Jod. §§. 36. 4J, 

4) Nach Fesikta ia Jidkut Schimoni ^ , f. 56 > 3. (s. Bk|ithou>t, 
p. 185.) erkennt auf ähnliche Weise der Satan den unter dem 
Throne GoUes präexistircndcu Messias nüt Sclufchrn als don- 
jenigcn, (|ui nie, sagt er, et omnes gentUet in inffmum prao- 
cipilaturus est. 

5} Fhitzschs, ia Marc. p. 35: In multis ovangelioriun locit ho^ 
laiae» legat a praTia dacmoDihut agitatoa^ quam primuni con- 
. apexerlat Jesumy eiim Metaiam eaaey a nemine iinquam de 
hac ce 90]mn9nito«y atatim iatelligere«^ qua re bac noaJtH 
a^riptorea ducii aunt aenteatia, oonacntaneimi eaae, Sataaaa 
aatellitea faeile cognoTiaae Meaaiam, qulppe insignia de 9p 
sypplida ali^iuando «umtnrum. 



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^ Neuntes Kapitel. {* 89« '25 

Wie iliin, da die Erwaclisonen ihn verkannten, aus dem 
Munde der Kinder Lob zubereitet Mar (Matth. 21 ^ 16.)) 
wie er, falls die Menschen schwiegen, überseogt war, data 
die Steine schreien wOrden (Luc. 19, 40.): so mofste es 
sngemessen scheinen, den, welchen sein Volk, das zu ret- 
ten er gekommen war, nicht anerkennen wollte, von den 
Dämonen anerkannt werden sq lassen, deren Zeugnifs, * weil 
sie nur Verderben yon ihm ma gewarten hatten, unpar- 
teiisch, und wegen Ihrer höheren geistigen Natur aaver« 
liLssia: war« 

Haben wir in der zulezt betrachteten Heilnngsgeschichte 
eines Dfimonlschen eiiie Ton der einfachsten Gattung gehabt : 
so begegnet uns In derErzfihlung von der Heilung der be- 
sessenen Gadarener (Matth. 8, 28 ff. Marc. 5, 1 ff, Luc. 8, 
26 fiC) elae höchst zusammengesezte , indem wir hier, ne« 
ben mehreren Abweichungen der Evangelisten, statt £inea 
Dfimons viele, und statt des einfachen Ausfahrens derselbea 
ein Fahren in eine Schweineheerde haben. 

Nach einer stürmischen Uberfahrt über den G^nliiäischen 
See an das östliche Ufer begegnet Jesu nach Markus und 
Lukas ein Oltmonischer, welcher sieh in den Grabmftlei^ 
jener Gegend auflüelt^) und mit furchtbarer Wildheit ge- 
gen sich selbst ^) und andere zu wüthen pflegte ; nach 
Matthüus waren es ihrer cwei^ £s Ist erstaunlich, wie 



6) iSin Licblingsaufcnthalt der Rsseaden, s. Li6htfootu. Scuött« 
BF.jf z. d. St., und der iwreinen Geitter, die rabliiiuacbeii 
Steilen bei Wststsik. 

7) Dati das mmitdnrMtw iarr^v Zt9o$$, weichet Markut demBe* 
testenea sutchreibt, in lichten Ausblicken tlt Busse lllr 
•eine Verschuldung von ihm gescliehen sei, gehtfrt sa den 
Unrichtigkeiten, zu welchen Olshavskn durch se inen fal8chen| 
moralisch - religiösen Standpunkt in Betrachtung dieser Er- 
tcheinungen verführt wird , da doc]i bekannt genug ist , wi« 
gerade in den Faroxymea ftoicker Kranken die teibtUcrittt* 
reade Wuth eintritt. 



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2« 



Zweiter Abschnitt. 



lange sich hier die Harmonistik mit elenden AuBflfichteni 
vriey defii Marku« und Lukas nar Einen nennen, weil die- 
ser durch Wildheit sich besonders ausgeseichiiet, oder 
jVfatthttu8 zwei, weil er den dem Wahnsinnigen zur Auf- 
sicht beigegebenen Begleiter loitgezühit habe, und dergl. ^) 
behoifen hat, bis man eine wirkliche Differens swischen 
beiden Relationen nngeben mochte. Hiebe! hat man, in 
£rwfigung dessen , dafs dergieichen Rasende ungesellig zu 
sein pflegen, der Angabe der beiden mittlem Evangelisten 
den Voraug gegeben, und die Verdoppelung des £inen Da- 
monisehen bei dem ersten daraus erklärt, dals die Mehr- 
heit der öaluovesj von welchen in der Ersählung die Rede 
war, dem Referenten zu einer Mehrheit von Ja<//0)7^(!//evot 
geworden sei ^J« Allein so entschieden ist die Unmöglich- 
keit, dais Ewel Rasende In der Wirklichkeit sich snsam* 
mengeseilen, oder vielleicht auch nur in der ursprünglichen 
Sage zusammengestellt wurden, denn doch nicht, dafi» 
hierauf allein schon ein Vorzug des Berichts bei Markus 
nnd Lukas Tor dem bei Matthilns sieh begrdnden llefse. 
Wenigstens wenn man fragt, welche der beiden Darstel- 
lungen der Sache leichter aus der andern, als der ursprüng- 
lichen, in der Überlieferung sich habe bilden können? so 
wird man die Möglichkeit auf lieiden Seiten gleich grofa 
finden. Denn wenn auf die oben angeseigte Weise die 
mehreren Dfimonen zu der Vorstellung auch von mehrei*en 
Dämonischen Anlals geben konnten., ao läfst sich ebenso 
«mgekehrt sagen : in der dem Faktum näheren Darstellung 
des Matthäus, wo ron Besessenen sowohl als von Dämo- 
nen in der Mehrzahl die Rede war, trat das specilisch 
Ausserordentliche dieses Falls nicht genug hervor, dals auf 



g) t. die Sauimhtng von dergleichen Erklärungen bei FniTstcas^ 

in Maiib. p. 527. 
9) so ScMVLz, über das AbendaMhl, S* 909; TAmot s. d. Si.j 

lUiB, L. J. %. 75. > 



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£iii ladiviilaaBi mehrm llaionan kimeiiy and indem »«ni 
mm dieses Verliiitoifs iierorsnheben) eleh beim Wiederer- 
lihlen so ausdrücken nifäte, dafs in Einem Menschen 
mehrere Dämonen sich bfunden haben, so lionnte dlefs 
leicht Veraniassnng werAn» dafs naeh und nach dem Piu- 
ral der OXmonen ge^^enOler der Besessene in den Singular 
gesezt wurde. Im Ubrign ist in diesem ersten Eingang 
die £r2ähinng des Matth. us kurz und allgemein, die der 
beiden andern ansfahriiel malend^ woraus man gieichfalls 
aichs ennangelt hat, auf tte grölsere UrspriinglichlLeit der * 
lesteren nn schliefsen ' °). Gewifs aber iiann ebensowohl 
die AnsHihrang, in welcYe sich Lukas und Markus thei- 
len, ciais der Besessene kein Kleid an sich geduldet» alle 
F esse l n nerrlssen, nnd siel sellist mit Steinen geschlagen 
habe, eine willkührliche Ausmalung der einfachen ßezeich» ' 
Dung xcdsTioi Uav sein, welche Matthäus nebst der Folge, 
dab Niemand Jenen Weg labe gehen können , giebt^ als 
diese eine nngenane Znsammenfassung Ton Jener. 

Die Eröffnung der Scene zwischen dem oder den Dä- 
Bonischen und Jesus geschieht hier wie oben durch einen 
sngstrollen Znmf des Dämonischen in der Person des ihn 
bssitienden DlsMinsi dals er mit Jesus, dem Messias, von 
welchem er nur Qualen sn erwarten hätte, nichts nn sehaf* 
fen haben wolle. Die eur Erklärung der Erscheinung, 
dafs der Dämonische Jesnm sogleich als Messias erkannt, 
gemneblen Postnlate, dafs Jesus damals wohl auch schon 
auf dem perillschen Ufer als Messias genannt werden sei ' 
oder dafs dem Menschen (welchem seiner Wildheit wegen 
Mismand nahe kommen konnte!) einige von den mit Je« 
m aller den See Gekommenen gmgt haben, dort sei der 
Meseiai na*s Land gestiegen ' sind gleicherweise gmnd« 



M) Scnms, s« s. O. 

11) SeaLanaK&CMUi, 6ber den Lukas, 8. 127* 

12) VkMVO^y h, J. 1, S. 2il, 



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t ■ 

9» 



» 

Zweiter Abtemilt 



los, alt oifenbar iit, wie anch iiir diieseibe jAdisch-chriit- 
liche Voraussetzung Aber das lerhfiitnils der DXmonen 

zum Messias wie oben diesen Zi^ der Erzählung hervor- 
gebracht bat*^). Indefs tritt bleinoch eine Differenz der 
fieriebte ein. Naeb Mattbtta« ntaUcb rufen die Besetie- 
nen, wie sie Jesu ansicbtig werdet : ti t^fuv xal aol — ; 7]^* 
O^eg — ßumvioai rjfiug; nach Lulas fällt der Dämonische 
Jesu sa Fufsen, und bittet ibn; ju^ /le ßaaccvtafis' nach 
Markus endlicb itfnft er von ferne berbd, um Jesum fufs- 
ftiiig bei Gott SU beschwören, difs er ibn nicht quälen 
möchte. Wir haben also vviedei einen Klimax : bei Mat- 
thäus ein schreckenvolles Abwehren des unerwünscht kom- ' 
»enden Jesus: bei Lukas eine bittende Annäherung an 
den geurenwärtioren ; bei Markuf sogar ein eiliges Aufsu- 
chen des noch entfernten. Die Erklarer, von Markus aus- 
gehend, müssen selbst angeben, dafs das Hersulaufen eines 
Dänoniscben su Jesu, den er dsch fürcbtet, etwas Wider- 
sprechendes sei, wefswegen sie sich durch die Annahme 
helfen, der M ensch, als er sich gegen Jesnni liiii in Hewe- 
gung seete, sei in einem lichten Augenblick gewesen, in 
welchem er vom Dämon befreit au werden wünschte , und 
erst durch die Erhitaung des Laufens , oder durch die 
Anrede Jesu sei er in den Paroxysmus gerathen, in 
w^elchem er in der Rolle des Dämons um Unterlassung der . 
Austreibung bat. Aliein in den susammenbängenden Wer- 
ten bei Markus: Idtav — B^Qnine — iraJ nnooBiev rfit — »al 
y^Qa^ug — fJrr«* ist keine Spur von einem Wechsel seines 
Zustandes zu finden, und es bleibt so das Unwahrschein- 
liche seiner Darstellung; denn der wirklich Besessene hät- 
te sich, wenn er den gefürcbteten Messias Ton ferlie erkann- 
te, eher so schnell wie möglich davon^cmaclit, als 6ich ihm 



15) s. FaxTCtciii, in Mittb. S. S39. 

14) Natürliche GcKchiclitc, 2, 174. 

15) Fallus, cz. üandb. b. S. 473 \ Ommaussm, S. S02. 



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fenihcrt} und wean aioh die£t', fo konste er^ der alch 
darch einen Gott feindeeligeD Dimon beeeteen fknlkte, 
Jesom doch gewifs nicht bei Gott beschwören, wie 3Iar« 
lins den Dämonischen thun läfst Kann demnach sei- 
ne Darstellung hier die ursprüngliche nicht sein, so iat die 
dee LoJk«« Ihr so Yerwtndt, nnd eigentlich nur um d}e 
Züge dee flensulaafens «nd Beschwörens einfacher, als dafs 
wir sie für die dem Faktum nächste ansehen könnten. Son- 
dern die au reinsten i^aitene ist ohne Zweifel die des 
Matthias 9 deren edureclienrelle Frage: r^lO$g aidt oqo 
xatQH ßccoariaai rjtag; einem Dfimon, der als Feind des 
Messiasreichs vom Messias keine Schonung zu erwarten 
hatte, weit natürlicher steht , als die Bitte um Scbonniig. 
• bei Marliu« ond Luliasy wenn gleich Phiioetratna in ein^r 
firaffhlong , die man als Nachbildung dieser evangelischen 
ansehen könnte, sich an die ieztere Form geiialten hat ' 

Während man nach dem Bisherigen glauben rnalstf ^ 
die Dfimonen haben hier wie in der ersten £rslihian|^ oh^ 
ne dafs etwas von Seiten Jesu vorangegangen war, ihn anf « 
die beschriebene Weise angesprochen: so holen nun die 
ewei mittleren Evangelisten nach, Jesus habe nämlic|i 
dem nnsanbem Geiste geboten gehabt, den Menschen mvt 
verlassen. Ks fragt sieh, wann Jesus dieis getban h^ 
ben soll. Das Nächste wäre: ehe der Mensch ihn anre- 
dete ^ aber mit dieser Jinrede ist bei Lukas das nQOffifUQSf 
nnd mit diesem weiter rflcl(wlirts das avecMQa^as sa eng 
verbunden, dafs man den Pefehl Jesu vor den Schrei und « 
Fufsfall als deren Ursache setzen müCste. JSun aber i.nt 
als Lirsache davon vielmehr der blofse Anblick Jesu ange- 
geben, so dais oMui liei Lukas nieht sieht, wo jene! Gebot 



16) Dies» fiadea auch Fauv» S, 474. und OuRUitxx S« BOh auf- 
fallcad« 

* 17) ]Es ist diess die EnXhlaag von der EaHarvnog einer IHnposa 
durch Apollonias von Tyana^ vit. Ap.49 35$ hei fiiva $• 145« 



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Ii Zweiter Abtehnitl. 



Jera seine Sielle finden teil. Neeh sehlimmer Itt et fiel 

Markus, wo der Zuruf Jeto rfnrch eine fihnliche Verket- 
tung der S.'itze sogar vor das td()ufte eurückgeschoben 
winl| flo dafs Jesus londerbarerweise schon ans der Feme 
dem Dämon das i^eX^s eugeruftn haben mOfsle* Wenn 
auf diese Weise bei den beiden nittleren Evangelisten ent- 
weder die vorangescliickte Eusammenh/mgende Darstellanj^ 
oder der daraaffolgende Zusas unrichtig sein mufs: so 
fingt sieh nvr, was von beiden eher den Schein des DnhI- 
storischen wider sieh habe? Und hier hat selbst Schlbibr- 
MACBBR eingeräumt, wenn in der ursprünglichen Erzählung 
Ton einem vorausgegangenen Gebote Jesu die Rede gewe- 
sen wirO) so wQrde dieses gewifs in seiner reehten 8teiie 
Tor der Bitte der Mmonen^ nnd mit AnfiBhmng der elg* 
nen Worte Jesu gegeben worden sein ; wogegen seine je- 
nige Stellung als Nachtrag, und ebenso seine abgekUrsto 
Fassang in der oratio obliqua (bei Lnlias; erst Markus 
wandelt sie naeli seiner Welse In oratio recta um) sehr 
stark die Vermuthung begründe, dafs es auch nur ein er- 
iLiirender Nachtrag des Referenten ans eigener Conjektur 
sei '*)• Und Bwar ist es ein lifielist störender, indem er 
der gansen Scene nachträglleh eine andee Gestalt glebt, 
als sie von vorne herein zeigte. Zuerst nämlich war sie 
auf ein Euvorkommendes Erkennen und Bitten des Dämo* 
nisehen angelegt: nnn aber Mit der £rsfihler ans seiner 
Rotte 9 und in der Meinung) der Bitte des Dftmons um 
Schonung müsse ein harter Befehl Jesu vorangegangen sein^ 

iS} a. s* O. S. 128. Wenn er nun aber diese unrichtige Ergän- 
•ung voA Seiten des Lukas daraus erklärt, dass sein Bericht- 
erstatter vermuthlich beim Schift' beschäftigt und etwas au. 
rttckgeblieben) dem Anfang der Sceae mit dem DSmonischea 

JUht angewehat habe) so ist dicss ein gar tu neugieriger 
charftina aeben der Teraltelaa Annahme eines mtfglichst 
nnmiltelbarcn Verlililtnisses der eTangeliscbea Berichte an 
den Tkatsachea. 



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,31 



beaierkt er iMchAiIgend, da(s Jesat Tielmehr mit telneai 
Gebote «iiTorgekoniiien. 

An die Nachholnng dieses Gebots schliefst sich nnn 
bei Markus und Lukns die Frage Jesu an den JDtimon an: 
ti aoi orofta; worauf sich eine Mehrheit von Dfimonen 
Bo erkennen giebt, und als Ihren üamen XeyBiov beceleh- 
nct, — eine Zwischenhandlung, von welcher Matthäus nichts 
hat. Wie wiire es nun, wenn, wie der vorige Zusas ei- 
ne naehtrftgiiclie firkilirong des Vorhergehenden, so diese 
Frage and Antwort eine vorausgeschickte Einleitung des 
Folgenden wäre? und ebenso nur aus den eigenen Mitteln 
der Sage oder des Referenten ? Der sofort von den Dtt- 
monen ansgesproehene Wonach nämlich, In die Schweine» 
heerde m fahrei^, sest swar auch bei Matthias eine Mehr- 
heit von DSmonen in Jedem der beiden Besessenen voraus, 
weil doch die Zahl der bösen Geister beiläufig der Zahl 
der Sehweine entsprechend gedacht werden mafs: eben 
dieses Entsprechen aber der beiderseitigen Annahl schien 
noch' besonders hervorgehoben vrerden ca müssen. Was 
nun bei Thieren eine Heerde, das ist bei Menschen und 
höheren Wesen ein fleer, oder genauer eine Ueeresabthei- 
lang, and da lag, wenn eine gröfsere AbtheUung beseich- 
net vrerden sollte, nichts nSfier, als die rSmIsehe Legion, 
welche Matth. 26, 53. auf die Engel, wie hier auf die Dä- 
monen nngewefidet ist. — Dafs es nun aber, auch abgese- 
hen von dieser niheren Bestimmung, mehrere Dämonen ge- 
Hesen sein sollen ', welche hier in £fnem Individuum Ihre 
Wohnung aufgeschlagen hatten, ist als undenkbar eu be- 
leichnen. Denn wenn man Ewar so viel etwa noch sich 
forscdlig 'machen kann, wie Ein Dffmon mit Dnterdrfickung 
des loenschlichen BeWurstselns, sich eines menschlichen Or- 
gflnismus bemflchti..en könne: so geht einem doch alle Vor- 
fteiiang aus, soh.-tld man gar viele einen Menschen besi- 
senda dämonische Persdniichkeiten sieb denken soll. Denn 
da dieses Beiitsan nichts Andres Ist, alsj sich cum Sab- 



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^2 Z w ei t er , Absc hnitt. 

jekt des Bcwnfstselns in einem Individnnm machen, dns 
' Bevriifstsein aber in der Wiridichkeit nur Eine Spitze, Ei- 
nen Mitteiponkl haben kann : so itt jedenfalis das achleeh» 
terdings nicht su denken, daCi su gleicher Zeit mehrere 
Dämonen von einem Menschen sollten Besiz nehmen kön- 
nen 9 und ea könnte die mehrfache Besitaung immer nnr 
Ton einem auceeasiven Wechaei dea Beaeaaenaeina dnreh 
Terachiedene DXmonen veratanden werden, und nicht wie 
hier ein ganzes Heer derselben zugleich im Menschen sein 
vnd sugleich ihn verlassen. 

Darin nun atimmen weiterhin alle £rsfthlai^|en fibereiny 
dafs die DiMnonen (um nicht, wie Markua^agr, auaser Lan- 
dea, oder wach Lukas in den Abgrund verwiesen zu wer- 
den) Jeaum um die Erlaubnils gebeten haben, in die h^- 
nachbarte Schw^neheerde zu fahren, dala ihnen diefa von 
Jesu gestattet worden , und aofort durch ihre Einwirkung 
afimmtliche Schweine (Markus, man darf nicht fragen, aus 
weiphen Mitteln, bestimmt ihre Zahl auf 2UÜ0) in den See 
goftllret und ersoffen aeten. Bleibt man hier auf . dem 
fikandpunkt der Berichte , welche durchaus wirkliche Dfi- 
monen voraussetzen, stehen, so fragt es sich; wie können 
Dämonen, — eingeräumt auch, dals sie von Menschen Be- 
ain nehmen kdnnen, — wie können ale aber, ala in jedem 
Fall TernOnfrige Geiater , den Wnnaeh haben and errel« 
chen , in thierische Bildungen einzugehen ? Jede Religion 
und Philosophie, welche die Seelenwanderung verwirft, 
mala aua demselben Grunde anch die Möglichkeit eines aol- 
chen Uhergangea läugnen, und Olshausen atellt vollkom- 
men richtig die gadarenischen Säue im N. T. mit Blleams 
£sel im alten als ein ähnliches OHavdtdov -/ml niioaxo^cc 
Boaammen '^). Diesem ist er aber durch die Bemerkung, 
dafa hier nicht aii ein Eingehen der einseinen Dämonen in 
die einaelnen Schweine, sondern an ein bloröcs Einwirken 

^ • • • 



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lieonte« Kapitel. $.89. 33 

tiamtllcher bdsen Geister auf die TJUermusse . mn denken 
sei, mehr aus«rovv!chen, als dafa er diiHiber hinwegg^konl- 
meii wiire. Deiiii dan dotliytlv eig z«,' x^>^i!^S^ ^ ®* 
i^eK^uv ise th ävl^qvmH gegenübersteht, kann doch uiiioog« 
lieh etwas Anderes bedeuten^ als da(s die Dänlonen In das- 
selbe yerhSltnifs, in welchem sie bisher isn den besessenen 
Menschen gestanden, nunmehr zu den Solmelnen getre- 
ten seien ^ auch konnte sie vor der Verbannung ausser 
Landa oder in den Abgrund nicht ein blo&es Einwirken^ 
sondern nur ein wirkliches £inwohnen in den Leibern der 
Thiene bewahren: so dafs jenes a/Miiialov stehen bleibt. 
Unmöglich also kann jene ßitte von vvii klichen Dämonen, 
sondern nur etwa von Jüdischen Wahnsinnigen vorgebracht 
worden sein, nach den Vorstellungen ihres Volks, Ohne 
leibliche UOlle zU sein, macht diesen zufoJgc den bösen 
Geistern Uuai, weil sie ohne Leib ihre sinnlichen LUste 
nicht befriedigen können waren sie daher ans den 
Menschen ausgetrieben , so mnfsten sie in Thierleiber sa 
fahren wünschen, und was taugte für ein jcv^v^ict uxu^uorov 
besser, als ein ^üov ctxdl^aQTOv, wie das Schwein war ? -») 
So weit könnten also die Evangelisten in diesem Punkt das 
Faktische richtig wiedergeben, indem sie nor ihrer Vor- 
stelUtno: »emäCn den Dämonen sd schrieben . was vielmehr 
die Kranken aas ihrem Wahne heraus sprachen, ^uu 
aller, wenn es weiter heilst, die Dämonen seien in die 
Sehweine gefahren, berichten da die Evangelisten nicht, 
eine offenbare Unmöglichkeit? Paolos meinte auch hier, 
wie sonst immer, identiticircn die Evangelisten die besesse- 
nen Menschen mit den sie besitzenden Dä.uioneu, undsclirei« 



ao) Clem. ^om. 9, 10« . 

21) Fmmtciat, in Matth, p. 3^« NSch EltiicMiRsaa 2, 447 C hal- 
ten sich, der jüdischen VortteUuag gemSst» die Dämonen 
überhaupt gern an unreinen Orten auf^ und in ^slkut Rubc» 
ni f. 10, 2. (bei WmTSni) findet sich die Notii : Anima ido- 
lolalraruin, quae venit a tpirittt inunundo, Yocatur pofcut.« 
JJas Liehet Jtsu Jl. Band. 



üiyilizeQ 



Zweiter Abschnitt. 



lien also das ila^X^Blv tig Tsg xo/^a^ den lezteren cu, wäh- 
rend doch in der WirliiichJfteU nnr die ertteren ihrer 
iiteii Idee geinäfs auf die Schweine iotgemnnt seien ^-'). 
Hier liefse sich zwar des Matthäus dntjk^ov eig tüs* yß^' 
QBijy für sich genomnieu, etwa noch von einem Losrennen 
auf die Heerde verstehen; aber nicht nnr mufs Paulos 
selbst einräumen, dafs das etaBl^vreg der beiden andern 
Synoptiker ein wirkliches Hineingehen in die Schweine 
i>ezeichne^ sondern es hat auch Matthäus^ wie die beiden 
andern , vor dem anr^l&0¥ ein i^el&ivzBg oi daifiorfg (se. 
' in ttav av9^omfa¥)j wodurch also die in die Schweine fah- 
renden Dämonen von den IVlenschen , aus welclien sie vor- 
her wichen^ deutlich genug unterschieden sind ^^). So er« 
sählen also unsre Berichterstatter hier nicht bios wirklich 
Vorgefailenes 9 gefärbt durch die Verstellungsweise ihrer 
Zeit, sondern hier haben sie einen Zug, der gar nicht auf 
diese Weise vorgefallen sein kann. 

Neuen Anstois macht die Wirkung, welche die Dä- 
monen in den Schweinen hervorgebracht haben sollen* 
Kaum in dieselben gefahren nämlich sollen sie die ganze 
Heerde angetrieben haben , sich in den See zu stttraen, 
wobei man mit Recht fragt, was denn die Dämonen nun 
durch das Fahren in die Thiere gewonnen haben, wenn 
sie diese alsbald vernichteten , und sich somit der so sehr 
j^rbetencn leidlichen Interimswohnung selbst nieder be- 
raubten S Die Vermuthung, die Absicht der Dämonen 
bei Vernichtung der Schweine sei gewesen, die Gemüther 
der £igenthümer durch diesen Verlast gegen Jesum einsn- 
nehmen, was auch erfolgt sei*^), ist zu weit hergeholt; 
dio andre, dafs der mit Geschrei auf die Heerde losstttr- 



22) a. a. O. S. 474. 485. Ebenso Wwbs, b. Realw. 1, S. 192, 
2^) FbitsschSi in Matth. S. .050. 
24) Favivs, a. a. O. S. 475 L 
2S> Qlsuavssii, S. 307. 



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NeiMitet KapiteL §. 89. Zfk 

sende Dämonische samrat den im Schrecken davonlaufen- 
den Hirten die Schweine sehen gemacht und ins Walser 
gejagt habe würde, wenn «ieaaehnielit naeh demObi* 
gen den Texl aawlder wäre, .doeh nicht hinreichen, um 
das £rtrinlLen einer Heerde von 2000 Stücken nach Mar- 
kus, oder überhaupt nur einer grofsen Heerde, nach Mat- 
thAoa, m erJdären. Die Antflnoht, dafii wohl nur ein Theü 
der Heerde ersoffen sei '7), hat in der etangeliaehen £r- 
Bihinng nicht den mindesten Halt — Vermehrt wird fdr 
diesen Punkt die Schwierigkeit durch die nahe liegende 
Reflexion auf den nicht geringen Schaden ^ weichen das 
Ertrinken der Heerde den £igenthflmem braehte, and des- • 
•en nrfttelhaver Drheher Jesus ge we s e n wire« Die Ortho- 
doxen, wenn sie Jesum in irgend einer W^endting dadurch 
rechtfertigen wollen, dafs durch Zulassung des Übergangs 
der Dämonen in die Schweine die Heilung des Besessenen 
möglleh gemacht worden sei, ttnd dafs doch gewifs Thiere 
getüdtet werden dürfen, damit die Menschen lebendig wer- 
den ^*), bedenken nicht 5 dafs sie hiedurch auf die für ih- 
ren StandpnniU ineonseqnenteste Weise die absolnte Macht 
Jesn Aber das dtoonisehe Releh liesoiirlnken« Die Ans- 
kanft aber, Jesus habe, sofern die Schweine Juden gehör- 
ten^ diese fßr ihre gewinnsüchtige Übertretung des Gesetzes 
strafen wollen ^'), ttberhaupt liabe er aus göttlicher Voll- 
■aelit gehandelt 9 weiehe oft sn lidheren Zweclien £insel* 
nes ausrstöre, and durch ßÜe, Hagel nnd Überschwemmung 
fieler Menschen Habe vernichten lasse worüber Gott 



26) Paulus, S« 474« 
' tO Paüujs, 8. 48S; Wmaa, a.' a. O. 

28) OuHAUSUf, a. a. O. 

29) Ders. ehendss. 

50; UtLMARw, Über die üntündlichkeit Jeiu, in ieinen Studien, 
1, 1, S. 51 f. 



üiyilizuQ 



3S 



Zweiter Absctinitt. 



der Ungerechtigkeit anztiklAgen, albern wÄre ' , — iliefs 
Sit wieder die auf orthodoxem Standpunkt unerlaubteste 
Vermischong det Standes der fimiedrlgimg Christi mit dem 
seiner Erhöhung, ein sehwlmerisehies HinensgeKeii Uber 
das besonnene pauiinfsche yerouevov rrro vouov (Gal. 4, 4.) 
ttiid kav^OP iximae (Phil. 2, T.)? welches uns Jesiim völlig 
•ncfremdet) indem es ihn auch in Besag auf die sitdielie 
Bell rtheilung seiner Handlangen Uber das Maafs des Mensoh« 
liehen hinaushebt. Es blieb daher nur noch übrig, das vom 
Standpunkt der natürlichen Erklärung voraiisgesezte Hin- 
einrennen der Dämonischen anter die Schweine and deren 
dalnrch herbeigeführten' Untergang als etwas Jesa selbst 
Unerwartetes , für das er also auch nicht verantwortlich 
sei} darzustellen ^^): im offensten Widerspruch gegen die 
erangeiische llarsteliung, weiche Jesam die Erfolge, sofern 
er sie auch nicht geradesa bewirkt, doch anfs Bestimmte* 
ste vorhersehen läfst''). Es seheint daher auf Jesu die 
Beschuldigung eines Eingriffs in fremdes Eigenthum liegen 
sn bleiben, wie denn Gegner des Christenthums diese Jidp- 
Bihlang sich Iftngst gehörig sn Motie gemacht haben ^^>; 
wenigstens wäre Pythagoras in ähnlichem Falle weit btlli« 
ger verfahren, da er die Fische, dei*en Loslassung er von 
den Fischern, die sie gefangen hatten, auswirkte, ihnen 
baar besahlt beben soll ^ 

' Bei diesem Gewebe von Schwierigkeiten , welche na* 
mentlich der Punkt mit den Schweinen in die vorliegende 
Eneählung bringt, ist es kein Wunder, dals man in Besag 
auf diese Anekdote frttber als bei den meisten andern ans 
dem öffentlichen Leben Jesu angefangen bat 9 die dorch- 
gängige historische Realität der Erzählung zu bezweifela^ 

31) Olsraussk, a. a. 0* 
52) Paului. 

33) 8. Ullmaivn. 

34) 2. B. WooLSTOK, Disc. i, S. 32 ff. 

35) «lambUck. vita F>thag. no. 36. cd. Hiessüag* 



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I 



Neuutes KapittL $.81^. 17 

md iMbetondcte den Uatorgaiig der Schweine mit der 
Aneh Jeernn bewirkten Auttreibong der Dümonen aue- 

ler Beziehung zu setzen. So fand Krug in der Stellung 
beiiier Erfol^rc ein in der Tradition entstandenes vgtQuif 
n^iQor» Die Scliweine seien schön Tor der Landung Je- 
aa darch den Starm, der wlihrend seiner Überfahrt wtt« 
tfcete, in den See gestürzt worden , und als Jesus nachher 
den Dämonischen heilen wollte, habe entweder er selbst, 
•der einer ans seinem GefoigC) «ien Menschen lieredet, sei- 
ae Dämonen seien bereits in jene Sehweine gefaliren) and 
•Uen sie in den See gestürzt; was dann als wirlillch so 
erfolirf auf (genommen und weiter gesagt worden sei ^^), 
L Ch. L. Schmidt lälst, als Jesns an*s Land stieg » die 
Hirten ilim entgegen gehen, indessen von den sich selbst 
tberlassenen Schweinen mehrere in das Wasser stfirxen, 
und da nun um eben diese Zeit Jesus dem Dämon auszu- 
fahren geboten habe, so haben die Umstehenden Deides in 
CsQsalsusanamenliang geseat'^. Oline iveitere Bemerkung 
crkeant man in diesen EriiiSningsyersnchen , an der gros- 
sen Rulle y welche in denselben das zufitliigo Zusammen- 
treffen verscliiedeaer Umstünde spielt , die angeschicLte 
Venaischang der mjtliischen £rlLiämng mit der natttrÜ- 
then, wie aie den ersten Unternehmungen aitf dem mythi- 
schen Standpunkt eigen gewesen ist. Da diese Vermischung 
darin besteht , dafs von dem Unglaobiichen in einer £r- 
Uhiung, statt es ans Zeitvorstellongen herzuleiten , eine 
bterische aber wunderlose Grundlage angenommen wird : 
10 fragt sich^ ob In der Zeit der 'muthmafslicheu Bildung 



Sl) la der Abbtndlung Hher genetische oder formelle Rrkiyrungs- 

trt der Wunder, in Hrxki's Museum 1, 3, S. 4l() ff. 7.u lo- 
ben ist hier auch das Bewusstscin davon, dass die Darstel- 
lung bei IVIatthäus die einfachere, die der beiden andern 
Evangelisten die susgeschmUsktere ist« 
Vi) Kteg. Beiträge, 2, m S. 



S8 Zweiter Abtehnitt. 

fier «vnrij^elischen Erz/ihlanven fleh Vorstellangen finden, 
aue weJohen eieh der Zog mit den Schweinen in der Tor- 
liegenden Geechiohte erldXren liefee ? 

Eine hieher gehörige Zcitmeinung hatten wir schon ^ 
n«Imiich die, daCs Dümonen nicht obn^ Leib sein wolien, 
nnd, daf« sie gerne nn unreinen Orten aeieni weltwegen 
ihnen die Leiber ¥on Sehweinen am betten fangen mnla- 
ten : (ndefn erkiffrt sich hieraus der Zag noch nicht , dafs 
BW die Schweine in das H^asser gestürzt haben sollen« 
Doch auch hlefUr fehlt es nicht an eriilfirenden . Notinen. 
JoseplHie berichtet von einem Jfldiechen Besehwdrer , der , 
duroh Salomonische Formeln und Mittel die Dimonen aue* 
trieb, dafs er, um die Anwesenden von der Realität sei- 
ner Anstrei hangen eu (iberftlhren, in die Nähe des Beses- 
•anen ein WassergeflKfa gestellt habe, welches der aasfah- 
rende Dimon umwerfen und dadurch den Zuschauem au« 
^erischcinUch zeigen mnfste, dafs er aus dem Menschen 
heraus sei '^)* Auf ähnliche Weise wird von Apoiloniua 
Ton Tjana ersflhit} dafs er einem OfimoU) der einen Jttn(p« 
ling bcBesten hatte, befohlen habcy sich mit einem dcht» 
baren Zeichen zu entfernen , worauf derselbe sich erbot, 
ein in der Nähe b?ündi!olie$ Standbild umzuwerfen, wei* 
cbea dann num grofsen Erstannen ailer Anweaenden wirk* 
lieh in dem Aagenblick umfiel, als der Dimon den Jdng- 
ling verliefs Galt hienach das in Bewegung Setzen ei« 
nes nahen Gegenstandes ohne körperliche Berührung als 
die sicherste Probe der Realität einer Dtimonenanstreibung 2 
CO durfte dieae Probe auch Jeea nicht fehlen, und swiTi 



SS) Antiq« 8, f, 5l (hUfurOf ih irtlte* aal ffaf«rfsa« frcfa« 

iwyxitMijp 6 jB(ffif{>fo<> 9n rmdnfr Ix^t iff/vr, hi9§$ fumfir 

faifiortfo n^oat'roTTir i^idyr^ tS äri^^tSnM ravt* avar^ty/at , xal 
TiffQaaxiiy «riyvfSya» toTj o^tuaiy, Sri watttXilotvt ror Sr^ftmQr* 

ifü) f hiioslr« V, Ap., 4» 80 1 bei £40«« a* a« O. S« 39. 



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N«ant«s KapiteL f. 89. t9 



wenn Jener Oflgenttend bei einem Eieemr nur ftixoov von 
dem Beschwörer und dem Kranken entfernt, mitliin der 
Gedanke nn eine ittuschnng nicht ganz ausgeschlof«en war, 
M rftumt in Besug auf Jetom Matthüus, hierin anamalen- 
der als die lieiden andern, dnreli die Bemerknngi dafa die 
Scliweineheerde ftaxQav geweidet habe, auch den leaten 
Rest einer solchen Möglichkeit hinweg. Dafs nun aber 
diese Prolie hier nicht bios an Einem Gegenstände, son- 
dern an mehreren sieh neigte, dieft hatte seinen Gmnd in 
dner andern Rlleluieht, welehe mit der bisher ausge fahr- 
ten sich verband. Jesus sollte nämlich nicht blofs gewühn- 
licbe Besessene , wie den der ersten von uns betrachteten 
Geacbiehte, gelieilt Imben, sendern die 'sehwierigsten Ka- 
ren dieser Art sollten ihm gelungen sein» Den gegenwlr- 
tigen Fall als einen von äusscrster Schwierit^keit darzusrel- 
ien, darauf ist von vorne herein die ^anzc CrzA'hliing mit 
ihrer grellen SebUdemng von dem furchtbaren Znstand des 
Gadarenprs angelegt. Zn dem Comfiliclrten eines solchen 
Falles gehörte nun aber besonders, dnfs die Besitzung kei* 
ne einfache, sondern wie bei Maria Magdalena , ä(p i^g. 
im§Mnrta inta {^tkrjlv&u {Lue* 8, 2.) 9 oder bei der dlmo- 
nisehen Recldire, wo der ausgetriebene Dlimon mit sieben 
ärgeren wiederkommt (Matth. 12, 45.), eine mehrfache war, 
wefswcgen denn hier selbst diese Zahlen noch überboten, 
nnd der Darstellung des Markus zufolge gegen 2000 Dä- 
monen in Einem Mensehen so denken sind. Daher nnn 
Itor die mehreren Dllmonen die mehreren Gcgenstffnde, als 
welche durch den Zutritt oben erwähnter Vorstellungen 
Thiere und nfiher Schweine bestimmt wni*den. Die Ein- 
wirkung der ans dem Menschen vertriebenen Dümonen 
aber, wie sie an einem WasaergeflKrs oder Standbild durch 
nichts angensciieinlich(M' sich zeii;en konnte, als dadurch, 
dafs dasselbe gegen sein nntOrJiches, durch das Gesea «ler 
Schwere bestimmtes Verhalten umfiel: so lionnte sie an 
Thieren doreli niehts sieiieffer sich bethfitigen , als wenn 



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40 



Zweiter Abichuitt. 



cUe«e, ibrem nntürlichen Lebenstrieb zuwider, sich sn er- 
•Jlafen TemniiaCil worrfen» üar diese £iit8tehong onserer 
EnsRhlonflf nas dem Zatainiiientrefien verschiedener Zeitvor- 
stelhinjjen nnd Interessen erklärt nuch den oben bemerkten 
Widerspruoli , dafs die Dämonen zuerst die Schweine als 
Anfenlhalt sich erbitten, vnd anmifttelbar darauf diesen 
Aufenthalt selbst serstOren. Jene ßitte nimllch ist, wie 
gesajjt, aus der Vorstellung von der Soheae der Dämonen 
vor Kdrperlosigkelt erwachsen , diese Zerstörung aber aus 
der. hiemit gar nicht £usammenhingenden von einer Ans- 
trelbungsprohe; was Wunder, wenn ans so heterogenen 
Vorsiellunoren ewei widersprechende Züge in der Erzäh- 
lung hp|»vorgieiigen ? 

Die dritte und Iczte ausführlich erssählte Dämonenans* 
treibung hat da^ Bigenthilmltche , dafs snerst die Jünger 
vergeblich die Heihinv versuchen, hierauf aber Jesus dl^ 
selbe mit Leichtijjkeit vollbringt. Sämmtliche Synoptiker 
nämlich (Matth. 17, I I ff.; Marc, 9, Uff.; Luc. 9, 37 ff.) 
berichten einstimmig, wie Jesus mit seinen drei Vertraute* 
sten vom Verklärungsberge berabgekommen sei, habe er 
seine übrigen Jü:iger in der Verlegenheit gefunden, dafs 
sie einen besessenen Knaben, welchen sein Vater zu ih- 
nen gebracht hatte, nicht im Stande gewesen seien sn 
heilen. 

Auch In diese** Erzählung findet eine Abstufung statt 

von der grtifsten Einfaelilieit bei I^Intthäns bis zur gröfsten 
Ausführlichkeit der Schilderung bei Markus, was denn 
auch hier wieder die Folge gehabt hat, dafs man den Be- 
richt des Matthäus als den derThatsache am fernsten ste- 
llenden den Iu'lati(i u'n dt r IjchIimi andern nachsetzen zu 
mü.*iben glaubte im Eingang lüfst Matthäus Jesum, 

vom Berge hcrab^psttegen « sn dem ox^og stofsen , hierauf 
den Vater des Knahea zi| ihp freten nud Ihn fubfU^ nm 

40) Sgaum, S. 949t 



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Menntes Kapitel. $.'89. 41 

Heilung desselben bitten ; naeh Lukas boramt ibm der oyXog 
entgegen; nach Markus endlich sieht Jesus um die Jün- 
ger viel Volks und iSchriftgelehrte , die mit ihnen streiten^ 
das Volk) wie es seiner ansichtig wird, i&uft hinea und be- 
grO&C ihn, er aber fragt, was sie streiten? worauf der 
Vnter des Knaben das Wort nimmt. Hier haben wir in 
Bezug auf das Benehmen des VulU^, nieder einen Klimax: 
svs dem sufaliig^n Zosammentrefifen mit demselben bei 
Matthäus war schon bei Lukas ein Entgegenkommen des 
Volks geworden, und dieses steigert nun Markus zu einem 
Herbeilaufen, um Jesum zu begrü fson, wozu er noch das 
abenteuerliche i^B^fiß^a^ fügt. Was in Mler Welt hatte 
das Voik^ wenn Jesus mit einigen J Ungern daherkam, so 
sehr Bu erstaunen ? Diefs bleibt dureh alle andern ErklS- 
rungsgründe, die man aufgesucht Iint, so unerklärt, dals 
ich den Gedanken des Enthymius nicht so absurd £tidea 
kamt, wie Fritzschb ihn dafür ausgiebt, es sei an darn- 
eben Tom VerklXrnnvsberg herabgestiegenen Jesus noch et- 
\\R8 von dem huniDlischen Glanz, der ihn dort umleuchtet 
hatte, sichtbar gewesen, wie bei I^loses, als er vom Sinai 
herunterkam (2 Mos, S4, 20 f.)« Dafs unter diesem Volks- 
gedränge euftfllig auch 8chrifl^gelehi*te sich befunden ha« 
heil, welche den Jüngern wegen der mifslungenen Heilung 
zusezten und sie in einen Streit verwickelten, ist zimr^aii 
und für sich gar wohl denkbar, aber im Zusammenhang 
mit Jenen Übertreibungen hinsichtlich des Verhaltens der 
3Ienge mufs auch dieser Zu« vei'daclitig werden, zumal 
die beiden andern ßerlclUerstatter ihn nicht haben ; so dnfs, 
wenn sich seigen Ififst, auf welche Weise der Referent 
daso kommen konnte, ihn aus eigener Combinatlon hinan» 
zufügen , wir ihn mit höehster Wahrschelnliehkeit fallen 
hissen dürfen.^ In Bezug niif die Tühigkeit Jesu, W under 
au thun, hlefs es bei Markus früher einmal (8, lU) bei 
Gelegenheit der Forderung eines himmtischen Zeichens von 
den ' Pharlsüern I fj()^wzo av'^i^itlv alttitf und so liels er 



üiyilizeQ 



denn hier, wo die Jttngw atoh anfkliig Boin Wandertkiiii 

seigteiij die grofseiitheiU zur pharisäischen Sekte gehör!« 
gen YQaf4fiaTi7g «Is ov^rjiiTTag %oig fia&tjffoig auftreten. — 
Aoeh in der folgenden Sehildernng der Ümstlnde dee Kna- 
ben findet diesellie Abelnfang in Besag auf die Antführ- 
iichkeit statt, nur dafs Matthäus das aBXtp^tal^EraL eigen 
hmtj welches man ihm nie hätte zum Vorwurf machen sol- 
len^*)> Herleitung periodiacher Krankheiten rom 

Blonde im Zeitalter Jesu nichts Ungewöhnliches war 
Dem Markus ist die Bezeichnung des den Knaben besitzen- 
den Ttveöfia als akakov (V. 17.) und xatq^op CV< 25.) eigen- 
thamllch; es lionnte nämlich daa Anastosaen nnartiknlir- 
ter Laote während des epileptischen Anfalles als Stamm- 
heit, und das für jede Anrede unzugängliche Verhalten 
des Kranken als Taubheit des Dämons angesehen werden. 

Wie der Vater Jesttn von dem Gegenstand des Streits 
und der Unfähigkeit seiner JOnger, den Knaben su hei- 
len, unterrichtet hat, bricht Jesus In die Worte aus : yersa 
amgog xal SugQa/nftsvt^ x, r. iU Vergleicht man bei Mat- 
thäus deirSchlurs der Kraähiung, wo Jesus den Jüngern 
anf die Frage, warum sie den Kranlien nicht liaben hel- 
len können, cur Autwort givbt: dia rtjv uniclay vfioh, 
und hieran die Schilderung der bergeversetaenden Maclit 
. achliefsti welche ein auch nur senfkorngrofser Glaube iia- 
be (V. t9 ff.): so kann man nicht sweifelhaft sein, dafa 
nicht auch Jene nnwilllge Anrede sich auf die Jttnger be- 
aiehe, in deren Unfähigkeit, den Dümon auszutreiben, 
Jesus einen Beweis ihres noch immer mangelhaften Glau- 
bens fand Diese achHefsiiche Erklärung des Unrer- 
Biügens der Jünger aus ihrer omg/tf läfst Lukas weg, und 

41) Wie ScHüM a. a. O. su thua tcheint. 

42) s. die vontPiVLVt ex. Handb. 1, b, S. 569 1 und tob Wnisai 

1« S. 191 f. «ngcführten Stellen. 

43) KaiTxsciu s. d. St. 



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Murkas that iiim nicht nur dieses nach, sondern flicht auch 
V. Sl— i4« eine Üm eigenthttiBimie ZwitchentoeM rnmU 
•eben Jetos und dem Vater ein, In welcher er noerat El« 
iii^es Ober die Krankheitsumstünde theils aus Matthäus, 
theiU aiu eigenen Mitteln nachholt, hierauf aber den Va* 
ter mmr al^tg anfgeferdert Warden, und aofort aütThrMnen 
die 3^hwiehe aelnec Glanbene und den Wnnach einer Stir- 
kung desselben aussprechen Ififst. Dieses susammengenom- 
men mit der Notia von den streitenden Schriftgelehrten^ 
wird auui nicht Irre gehen, wenn nan hei Markus und 
wohl auch ^ Lukas die Anrede ; ca ämgog, anf das 
Poblikum Im Unterschied von den Jttngern, nach Mttrkva 
namentlich auch auf den Vater des Knaben besieht , des- 
sen Unglaube hier als der Heilung hinderlich ^ wie ander- 
Wirte CMatth. 9, S.) der Glaube der Angebdrigen als der- 
selben filrderiieli dargestellt wird. Da aber beide Evange- 
Bsten diesen Sinn dadurch hervorbringen, dafs sie die £r- 
kilrung der Unwirksamkeit der Jünger ans ihrer amgla 
saamt den Ausspruch Aber die Berge Tcrsetiende Blaelit 
dee Glanbens hier weglassen : so fragt slch^ ob die an» 
dern Verbindungen, Jn welche sie diese ReddVl stellen, pas- 
sender als die bei Matth&ns sind? Bei Lukas nun steht 
der Ausspruch: wenn Ihr Glauben habt, wie ein Senfkorn 
u. a. f. (denn das Sta T^r amglop iftm haben lielde gar 
nicht}, nur mit der geringen Variation, dafs statt des Ber- 
ges ein Baam genannt ist, 17, 5. 6. ausser aller Verbin- 
dung weder mit dem Vorhergehenden noch Folgenden als 
ein Teraprengtes Bedestftck kleinster Grdfte, mit der ohne 
Zweifel nach Art von Luc. 11, 1. und 13, 23. gemachten 
Einleitang, dafs die Jünger Jesum bitten: nQoax^es T^fiif 
fdgii^ Markus giebt die Sentens Ton Berge versetaen» 
den Glauben als Nutianwendung an der Geschichte yom 
verfluchten Feigenbaum, wo sie auch Matthfius wieder hati 
Aller daau pafst , wie wir bald sehen werden , der Aos- 
aprueh gar nicht, aondeni) wenn wir aicht gans darauf /. 



44 



Zweiter Abtchnilt 



Tersichten wollen, eCwM yon dem Anlels sn wiffen, bei 
welchem er gethan worden Ist, so müssen wir die Ver- 
bindung bei Matthäus als die ursprttngiietie annehmen; 
denn zu einer den Jüngern mifslungenen Kur pafst er vor* 
trefiflicb. ^ Ausser dem Zwiscbenspiel mit dem Vater hat 
Markus 'die Seene aneh dadnreh nooh effisktvoUer mt ma- 
chen gesucht, dafs er wührend jener Zwischenhandlung ei- 
nen Volkszulauf entstehen, nach Austreibung des Dämons 
den Knaben üael ftir^y, eo dais Viele tagten, ort «mi^a» 
fsey, hinsinken, und von Jesu, wie er sonst bei Todten diat 
(Matth. 9, 25 ), durch ein yncrreTv T^g X^^Qog aufgerichtet 
und ins Leben zurückgerufen werden iafst. 

Während naeh vollendeter Kur Lukas durch eine 
knrse Uiiiweisung auf das Erstaunen des Volkes sehlielst, 
iass^n die ersten Synoptiker beide die JOnger, als sie mft 
Jesu allein sind, die Frage an ihn richten, warum sie nicht 
im iStande gewesen seien, den Dämon aussntreiben ? was 
er nun bei Matthäus sunächst airf die erwähnte Weise aus 
ihrem Unglauben, bei Markus aber daraus erklärt, dale 
Töro ro ytvog iv ödirt dvvcaai i^flS^eTv, fi //^ *V naoof rxfj 
xal VTjzüq^ WAS auch Matthäus nach den Reden über Un- 
glauben und Giaubensmacht noch hinauf ttgt* Diefs scheint 
nun bei Matthäus eine ttble Zusammensetsung su gehen ; 
denn wenn /.u der Heilung Fasten und Beten erforderlich 
war: so hätten die Jünger, falls sie nicht vorher gefastet 
hatten, auch mit dem festesten tilauben den Dämon nieht 
ausButreiben vermocht Ob nun die Auskunft genüge, 
die beiden von Jesu namhaft gemachten Gründe der Un- 
wirksamkeit der Jünger dadurch zu vereinigen, dafs man 
Fasten und Beten eben als Stärkungsmittel des Glaubens 
betrachtet ^'), oder ob mit Schlbiermacbbr eine Zusam- 
menstellung von nicht zusammengehörigen Auäsj>rüchen au- 

44) ScMLBtiitaAcnsR, S. 150. 

45) Htfitsa, Imaumuel, 8r 107 ) FamtciB s. d. St. 



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NevBt«t KapIteL f. 89. 45 

nmetmieii sei, Ueibe hier diihingestell^. OaTt llbrlgviit ei- 
ne solche geistige und leibliche Diät des Exorcisten auf den 
Besessenen von Wirkung sein sollte, Jiat man befremdlich 
gefunden , and indem nan eine solche mit Porphyrint 
eher dem Kranken angemeeeen dachte, hat man die nQOfh 
gi^X^ xal VTjcsla als eine dem Besessenen, nm die Knr ra- 
dikal zu machen , gegebene Vorschrift angesehen Al- 
iein In offenbarem Widersprach gegen die Erz&hiang« 
Henn wenn Fasten und Beten von Seiten des Kranken cum 
Gelingen der Kar erforderlieh gewesen wftre: so hltten 
\% ir ciiie allmählige Heihing und keine plözliche, was doch 
alle Karen sind, die in den Evangelien von Jesu ersähit 
werden, and wie namentlich diese darch das ual i^eQamV'^ 
O-r^ o naig otto %r^g üqag Ixe/vj;^ Matthias, so wie durch 
das zwischen ei(£iifi?-ae z. und aniö(t)X€ x. r. X. hin- 
eingestellte idouxo bei Lukas deutlich genug bezeichnet 
ist. Freilich will Padlds jenen Ausdruck des MatthAoa 
gerade so seinem Vortheil wenden , Indem er Ihn so ver- 
steht, von jener Zeit an sei nun der Knabe durch Anwen- 
dung der vorgeschriebenen Diät alimfihlig vollends gesund 
geworden. Allein man darf nur dieselbe Formel, wo sie 
sonst In den Kvangelien a|s Schloisformei von Heilongsge« 
schichten vorkommt, betrachten, um sich von der Unmög- 
lichkeit jener Deutung au überzeugen. Wenn a. B. die 
ISeschichte von der Heilung' der BlutÜttssigen mit der De- 
merkong sehlielst (Matth* 0, 28.): nal ioik^f} f> yiyr^ md 
xrjg wQag ixdvr^g, so tvlrd man diefs doch nicht llberse- 
zen wollen: et exinde muhcr pauUitim ^trvabutur ^ son- 
dern es kann nur heilsen : servata erat^ servatam ^€ pruem 
buitj ab illo temporU mtmento* £in Anderes , worauf 
sieh Pavlds beruft, am mi beweisen, dafs Jesus hier ein 
fortausetcendes Heilverfahren eingeleitet habe^ ist das oiii- 



46) de abstineiit.^ 2, p. 204 und 417 f. s. Wiksa, 1, S. 191. 

47) Falxls, ex. Handb. 2, S. 471 f. 



M Zw«lt«r Abtftlisitl. 

AoMfir imar narQl aSkB bei Lnka«, wa« nMh iha siem- 

lieh ttberflOssig wfire, wenn es nicht ein Übergeben zn be- 
sonderer Fürsorge bezeichnen sollte. Allein a/iodiöiout 
heifst nieht sanüchst Übergeben, sondern surttckgebeni und 
so liegt in den Satse nur der Sinn: puerum^ quem «o- 
nandum acceperai^ sannfum reddidity oder, diifs er den 
einer fremden Gewalt, des Diimons, verfallenen Sohn den 
Eltern als den ihrigen surflcligegeben habe. Endlich, wie 
wilikttrlieh «ist et, wenn Paulos das imoQevitm (Matth. 
4r« 21.) in der engeren Bedentnng eines TöUlgen Weggehens 
Tom vorläufigen Ausfahren, was schon auf das Wort Jesa 
(V. 18.) geschehen sei, unterscheidet. So dafs nns anch 
hier iieine sneeessi?e Kar berichtet ist, sondern, vpie sonst 
inmier, eine momentane, wefswegen denn anch die nQoaevx^ 
und vr^ctla nicht als Vorschrift für den Patienten gefaf^t 
werden können. 

Zu dieser gannen Geschichte rnnfs eine analoge £r- 
■Ihlung aas 9 Kdn. 4^ 89 ff. verglichen werden* Hier wUl 
'der Prophet Elisa einen gestorbenen Knaben dadurch wie- 
der zum Leben bringen, dafs er seinen Knecht Gehasi mit 
seinem Stabe sendet, weichen dieser dem Todten auf das 
Angesicht legen soll; aber das Vornehmen des Knechts 
Ideibt ohne Erfolg, und Elisa mafs selbst kommen nnd den 
Knaben in's Leben rufen. Das gleiche Verhültnifs, wie in 
dieser A. T.iichen Geschichte zwischen dem Propheten und , 
seinem Diener , sehen wir in der N. T. liehen ErsAhlnng 
■wischen dem Messias nnd seinen Jüngern, dafs diese oh- 
ne ihn nichts thun können, r^ifs aber er, was ihnen zu 
schwer ist, mit Sicherheit vollbringt. Ebendamit aber se- 
hen wir nach die Tendenn beider Ersälilangen : sie ist, 
dnreh Hinweisnng aaf den Abstand swisehen ihm und 
selbst seinen vertrautesten Schülern den Meister zu heben ; 
oder, wenn wir die vorliegende evangelische Ersfthlung mit 
der von dem gadarenisohen Besessenen snsammenhalten, 
so iLtanen wir sagen: wie Jener früher erviogene Fall an 



* 



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Ht«Btet Kapit«!. S. 8tf. 47 

steh selbst als einer von höchster Schwierigkeit geschildert 
wurde, so dieser durch das Verhiütnils, ia weJche« die 
deoMelben gewachsene Kraft Jesu eu der^ wenn auch tonst 
noch so grofsen, doch hier nicht aaireichenden Kraft sei- 
ner Jünger gestellt wird. 

Von den übrigen^ iiürzer erzählten Dämonenanstrei* 
bongen ist die Heiiang eines dXmoniscIi Stummen und ei« 
nes ebenso BÜndstnmmen oben bei Gciegenheit des daran 
sich iiilüpfenden Vorwu-fs eines hüllischen Bündnisses, so 
wie die der susammengebückten ii'rau in der aligemeinen 
Betrachlnng Uber die Dflmonischen liereils genügend snr 
Sprache gelKommen; die der besessenen Tochter des liana- 
naiächen Weibes aber (Matth. 15, 22 ff. Marc. 7, 25 ff.) 
hat nur das Eigenthttmliche , dafs sie von Jesu durch ein 
Wort aus der Entfernung bewirlit wird^ wovon s^ter. 

Wenn nun den evangelischen Berichten sufolge In 
sllen diesen Fällen die Austreibung des Dämons Jesu ge- 
lungen ist: so bemerkt Paulus, dafs diese Art von Heilun- 
gen 9 onerachtet sie für das Ansehen Jesu bei der Menge 
das Hebte gewirlLt balra, doch an sich die leichteste ge- 
wesen sei, und auch OB Wette will fDr die Heilung lier 
Dämonischen, aber auch nur für sie, eine psychologische 
£rliilirung gelten lassen ^^); ßemerkungen, welchen wir 
nicht werden umhin können beisutreten« Denn sehen wir 
als die wirkliche Grundlage des Zustands der Dimonlschen 
bald eine Art von Verrückung, bald krampfhafte Stimmung 
des Nervensystems an^ so wissen wir, dafs auf psychische 
und Nervenkrankheiten an ehesten auch psychisch eineu« 
wirken ist, eine £inwlrkang, au weicher bei dem über* 
wiegenden Ansehen Jesu als Propbeten nnd später selbst 
als des Messias alle Bedingungen vorhanden waren. Ntiu 
aber findet mit^ solchen Zuständen eine bedeutende Abstu- 



48) Pavivs, ex. Handb. 1, b, S. 438. L. J. 1, a, S. 223^ ob 
WsTTS, bibl. Dogm. ^. 222> Anm. c. 



48 



Zweiter Abichnitt. 



fang stiitt, {e nachdem eich die pejehische Verrficknng 
mehr oder weniger auch schon körperlich fiiirt hat, und 

die VerstimraiiMg des Nervensystems mehr oder minder Ii.i- 
bituell geworden und in die übrigen iSysteme übergegangeu 
Ist. £8 stellt sich also der Kanon: Je mehr das Übel blos 
in einer Verstimmung des Gemttches lag , auf welches Je- 
sus unmittelbar durch sein Wort geistig wirken konnte, 
oder in einer leichteren des Nervensystems, auf welches 
er durch Vermittlung des Gemütlis gewaltigen Eindruck 
EU machen im Stande war: desto eher war es möglich, 
dafs Jesus ?.6y(i) (Matth. IG.) und nancr/nffta (Luc. 13, ^• 
13.) dergleichen Zustünden ein Ende machen konnte ; je 
mehr aber umgekehrt das Übel sich auch schon als. kör- 
perliche Krankheit festgesest hatte, desto schwerer ist an- 
sunehmen, dafs Jesus im iStande gewesen sei, auf rein p.sy- 
chologische VV^else und augenblicklich Hülfe zu scliaÜen. 
I^in Eweiter Kanon ergieblsich daraus, dafs, um bedeutend 
geistig einwirken eu können, das gauEe Ansehen Jesu als 
Propheten mitwirken mufste, wefswegen er in Zeiten und 
Gegenden, wo er längst in diesem Rufe stand, leichter auf 
Jene Weise wirken konnte, als wo nicht« 

An diese beiden Malsstlibe die evangelischen £rElih« 
lungen gehalten, steht der ersten von dem Vor<^aiig in der 
Synagoge zu Kapernaum, sob/i(d man nur davon abgeht, . 
sie als durchaus historibcii zu Letrachten, nicht mehr ail- 
Euviel entgegen. Denn ob sie gleich so lautet, als Ji£tte der 
Dlimon Jesum aus sich selbst erkannt, so kann doch theÜs 
der in jenen Gegenden bereits sich au&breitende Ruf Jesu, 
theils seine gewaltige Rede in der »Synagoge auf den l>li* 
monisciien den Jbandruck, wenn auch nieh^ dafs Jesus der 
Messias sei, wie die Evangelisten sagen, doch, dafs er ein 
Prophet sein müsse, gemacht, und so seinem Worte Aach- 
druck gegeben haben. Was aber den Zustand des Kran* 
ken lietrifft. so wird uns nur von der fixen Idee desselben, 
besessen zu sein, und von krampfhafteu Anfällen gemeldet, 



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K.euDtes Kapitel, % 89. .49 

welche mtfgiiclierweise Ton der leichteren ,JKvt 'gewesen 
«ein könnten, der sich «nf psychologisoliem Wege.bei|Koei« 

men liel's. Schwieriger in beiden ilindichteJi ist die Hei- 
lung der Gadarener. Denn einmal war Jesus am jenseiti- 
gen Ufer •nicht ao bekannt, und dann wird uns der,/2natand 
deneliien als ein ao heftige und eingewnraelter Wahnsinn 
geschildert, dafs hier schwerlich ein Wort Jesu genügen 
konnte, um dem schrecklichen Zustand ein Ende au ma- 
chen. Hier, reicht aomit die natürliche £rkltirung Ton Pa|j- 
urs nicht hin, aondem, wenn ttlierhaupt nocii etiles Ton 
der Eratthlnng stehen bleiben soll, so müfste man anneh- 
men, dalis, wie andre Theile derselben, so namentlich die 
Schilderung von dem Zustande des Kranken sagenhaft Über- 
trieben seL £bendlef8 wäre in Beslig auf die Heilung des 
mondsQchtigen Knaben anaunehmen , da eine von Kindheit 
an (Marc. V. 21.) dauernde, so heftige und in bestimmten 
Periode/i sich wiederholende Epilepsie etwas zn aehr im 
Ktfrper ejnge%irurseites Ist, als dafa die Mdglichkeit einer 
so schnellen reinpsychologischen Holfe glanhlUh sein könn- 
te. Dals aber selbst Stummheit und yieljährige Verli.rüm- 
mung , welche doch nicht mit Paulus aJs blofse närrische - 
Kinbildung^ man dOrfe nicht reden oder sich aufrichien^^), 
genommen werden kenn, anf ein Wort i^ewichen sei, 
wird man ohne vorgefafste dogmatische Meinungen sich 
nicht überreden können. Am wenigsien endlich iäfat sich 
denken 9 data auch ohne das Imposante seiner Gegenwart 
der WuoderthltAr aus der t*eme habe wirken können, wie 
diefs Jesus auf die Tochter des kananäischen Weibes ge< 
than haben soll. 

So sehr sich alio der Natur der Sache nach annehmen 
Üdke, dals Jeans manche an vermeintlich dflmonlscher Ver^ 
rfleliong oder Nervenstörung leidende Personen auf psychische 
W eise durch die Übermacht seijies Ansehens und Woi*tes ge- 

i 

49) ex. Handb. t. d. St. 

Uai L,eben Jesu II, Band^ 4 



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t 



90 Zweiler Abschnitt. 

'telft hUbe^ 80 rttigcnscheinlich ist es doch (wenn mun nfehc mit 

V'KNTtRiNi und Kaiser*«) annehmen will. Kranke die- 
ser Art haben sich nicht selten geheilt geglaabt, wenn nur 
durch Jesu Einwirkung die Krisis gebrochen wsr^ und die 
'Refei*dnien haben sie dafflr ausgegeben, weil sie nichts 
Weiteres von ihnen erfuhren und also von der wahrschein- 
lich wiedergekehrten Krankheit nichts uulsten}^ daiis die 
Sage auch in diei^em Felde nicht gefeiert, sondern die 
leichteren Täile, welche allein auf Jene Weise kurirt wer- 
den konnten , mit den schwersten und complieirtesten ver- 
tauscht hat, auf welche eine psychologische Heilnrt gar 
keine Anwendung finden konnte ^ Ob sich hiemit diu 
obige Verweigerung jedes Zeichens von Seiten Jesu verei* ' 
nigen lasse , oder ob, um diese begreiflich eu finden, auch 
solche psyclkologisch erklärbare Heilungen, welche aber 
doch nur als Wunder erscheinen konnten, Jesn abgespro- 
chen werden müssen, und ob hinwiederum nach fintsie- 
hung auch dieser (irundlage die Ausbildung so vieler Wun« 
deret'/ahlungen von Jesu sich erklären lasse ? soll hier nur 
als Frage aufgestellt werden. 

Werfen ivir schllefslich noch einen Blick auf das jo- 
hanneische Evangelium, welches von Dümonischen und de- 
ren Heilung durch Jesum nichts hat, so ist diefs dem Apo- 
stel Johannes, dem voransseslichen Verfasser, nicht selten 
als ein Zeichen gelftutei*ter Ansichten cum Vortheil ange- 
rechnet worden '^). Allein, wenn der genannte Apostel 

I" 

50) Natttriicbe Geschiebte u. t. f. 2, S. 429. 

51) Bibl. Theologie, 1, S. 196. 

52) Zu den vorübergehenden Verstimmungen, auf welche Jesus 
psychologisch eingewirkt haben kann, lässt sich vielleicht 
such der Fieberanfall der Scbwiegermutter Petri sahlen, wel- 
chen Jesus nicli Matth. 8, 14 ff. parali. gehoben hat. 

53) So mehr oder minder von Eichhorn, in der allg. Bibliothek, 
4, S. 455 i UsJU>iA, von Gottes Sohn u. s. f. , S. 20 ^ >Vfi«- 



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Neuntes Kapitel.. $. 89. 51 

an wirkliche Teufelsbesitzungen nicht glaa' te^ so hatte ei* 
als Verfasser des vierten Evangeiittuis , der gewöhnlichen 
Ansicht Ton seitien Verhältnils mu den. Synoptikern ienfol- 
ge, die bestimmteste Vemnlassdng, sie ku berichtigen, und 
der Verbreitung einer nach seiner Ansicht falschen Mei- 
Aiing durch eine Darsteilnng dieser Heilungen vom richti- 
gen Gesiehtiponkt aus vonenbeugcn. l)ecli wie könnte der 
Apostel Johannen snr Verwerfung deto' Ansicht, dafs jene 
Krankhelten ihren Grund in dämonischen Besitzungen ha- 
ben , kommen ? Sie war nach Jof ephus jüdische Volksan- 
sicht in Jenei* Zeit, von der ein pal&stinUcher Jude^ der, 
wie Johannes, erst in spätei^en Jähren in dus Ausland 
wanderte, nicht mehr im Stande war, sich loszumnchen ; 
sie war, der Natur der Sache und den synoptischen Be- 
richten sufolge, Andoht Jesu selbst, seines angebeteten Mei- 
sters , von welcher der LiebiingsjUnger gewlfs keinen Fin- 
ger breit abzuweichen geneigt war. Theilte aber Johan- . 
nes mit seinen Volksgenossen und Jesu selbst die Annnh- 
me wirklicher DlUnnnenbesitiangön , und bildete die Hei- 
lung solcher Personen ein^ Qauptthetl, ja vielleicht die 

eigentliche Grundlage der angeblichen VVuuderthiitigkeit 
Jesu: wie kommt es, da/s er dessenuno rächtet in seinem 
Evangelium ihrer keine Erw^nung thut ir Dals er sie 
übergangen habe, weil die übrigen Evangelisten, genug der- 
gleichen Geschichten aufgenommen hatten'5 sollte man doch 
endlich aufhören zu sagen, da er ja mehr als £iiie von ih- 
nen schon berichtete Wandergeschichte wiederholt hat, 
und sagt mau, diese habfe.er wiei^rholt, weil sie der Be- 
richtigung bedurften; so haben wir bei Erw«^ung der syn- 
optischen Relationen von den Heilungen der Diimonisohen 
gesehen, dals bei menchen derselben eine Zurückfülirung 
auf die einfache gesf^hichtUche Gntn41age gar sehr am Orte 

scuKiusa, B.inl. in das fcvang. Joii. S. ^15* i Wettk, bibl. 
Pogm. $• 269. . , . . 

' 4^ 



5t Zweiler Albtelihitt. 

gewesen w&ife. Se bliebe noeh, dafii Johimiies etie Anbe* 
quemung an die griechische Coitar der Kleinasiaten, antcr 

welchen er geschrieben haben soll, die ihnen unglaublichen 
oder anstössigen Dämonengeschichten aus seinem Evange« 
linm «Weggelassen hätte« Aber konnte und durfte wohl, 
rnnfs man auch hier fragen , ein Apostel aus blolser Ae- 
commodntlon an die feinen Ohren seiner Zuhörer einen so 
wesentlichen Zug des Wirkens Jesu zurUckbebalten ? Ge* 
wUs Tielmehr deutet auch dieses Stillschwelgen auf einen 
Verfasser hin , welcher die WlrlKsamkeit Jesu nicht aus 
eigener Anschauung, sondern nur aus einer durch helle- 
nischen Einflufs modificirten Tradition kannte^ in welcher 
daher die der höheren griechischen Bildung weniger ent- 
sprechenden Dftmonenaustreibungen entweder gans ver-» 
schwunden, oder doch so BurUckgetreten waren, dafs sie 
vom Verfasser des Evangeliums übergangen werden konnten. 

S. 90. 
HsHungen vea AustVtsIgeB« 

Unter den Kranken, welche Jesus heilte, spielen ge« 
mäfs dem leicht Hautkrankheiten ersengenden Klima von 
Palästina die Aussfitaigen eine Hauptrolle. Wo Jesus der 
synoptischen firsthlung zufolge die Allgesandten des Täu- 
fers auf die faktischen Beweise seiner Messianitüt hinweist 
(Matth. 11, fuhrt er unter diesen auch das lingoi xa* ' 
(hxQiianai auf; wo er seine Jünger bei der ersten Ans- 
sendung nu allerhand Wunderthaten bevollmlehtigt, stellt 
er die Reinigung der AussStelgen oben an (Matth. 10, 8.), 
und ewei Fälle von solchen Heilungen werden uns Im Ein- 
seinen ersähit. 

Der eine fall ist allen Synoptikern gemefaisehafUieh, 
wiewohl sie Ihn in verschiedenen Zusammenhang stellen. 
Matthäus nümlich iäfst Jesu bei m Herabgehen von dem 
Berge, anf welchem er die Bergrede gehalten (8, 1 ff.)» 
übrigen in unbestimmter Stellung am Anfang seiner gall- 



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Neunte« Hapilei. $• 90, ' ftä 

iCaclien WirksamkeU CMarc. 1, 40 ff. Loc 5, 12 ff.) einen 
A B sigf i gen begegnen, der ihn foieflüllg am Heilung «n« 
tefat, and diese aaeh doreh eine Bertthrnng Jesu erhSle, 

welcher ihn sofort anweist, sich dem Gesetze (3 Mos. 14, 
% iL} gernüfs dem Priester cur Reinerklärung su stellen. 
Der Zustand des Menselien wird yon Blatthfias und Mar- 
kos eiiifaeh dareh Ijtni^ii^ , von LuIum sogar dareh nkr^^ri^ 
Xlnoix^ bezeichnet. Nach Paulus freilich war eben dieses 
Vollsein von Aassaz ein Sjrmptom der Heilbarkeit, indem 
daa Ausschlagen and Abblättern des Anssataes auf der gan- 
aen Haot die Relnigungslirisis beseichne, und demgemfffs 
stellt sich jener Ausleger den Hergang folgendermafscn vor 
Her Aussätxige geht Jesum als den Messias um ein Gut- 
achten aber seinen Zustand and nach Befund um eine Rein- 
erkJSrang an Cc^ ^^ert;, dwtjsaal fi^ xa^aQlaaOy welche 
ihm den Gang zum Priester entweder ersparen, oder doch 
eine tröstliche Hoffnung auf denselben mitgeben sollte. Je> 
saa, indem er sich an einer Untersuchnng bereit eridürt 
{OiluOy streckt die Hand aus, nm ihn au befiBliien, ohne 
dafs doch der vielleicht noch ansteckende Kranke ihm zu 
nahe käme , und nach genauer Untersuchung «|iricht er als 
£i!gebnira derselben die IJbersengnng ans, dals die Krank- 
heit nicht mehr ansteckend sei Ofo^oQla&tjOi worauf sich 
denn wirlüich bald und leicht (ev^tug) der Aussaz vollendä 
ganjB verlor. ^ 

Hier ist ror Allem die Behauptung, der Auasitzige sei 

gerade in der Reinigungskrise gewesen, dem Texte fremd, 
welcher bei den zwei ersten Evangelisten von Aussuz 
sdileehtweg spricht, während das nki^ipr^s ^'inQog des drit- 
ten nichts Andres liedeaten kann, als das A. TJiche 
h'^ inisO (2 Mos. 4, 6. 4 Mos. 12, 10. 2 Köu. 5, 27.), 

was dem Zusammenhang nach Jedesmal den hdchsten Grad 



I) Eieg. Hsadb. 1, b, S« 698 



uiyui^ca GoOglc 



94 



Zweiter Abfohnitl. 



lies AoMat^es beseiphnet« Dafs das imlHiQl^Biv nach he- 
bräischem und hellenistischem {Sprachgebraueh auch blofs 
ITinerklären bedeuten könne, ist zwar nicht in Abrede zu 
atellen, nop mttrsle es diese ßedeutong in dem gansen Ab- 
schnitt beibehalten« Dafs nnn aber^ nachdem von Jesa 
erzählt war, er habe das xadccqia^r/ti gesprochen, Mat- 
thäus nqch ein aal evi^mg ixoc^anioO^ij y< X* in dem Sin- 
ne, dafs also der Kranke wirklich Yon Jesu reiner klfirt 
worden sei, hinangefttgt liaben sollte, ist der albernen Tan- 
tologie wegen sn undenkbar, dafs hier, aber dann aach 
im ganzen Abschnitt, das xa^ctQi^ea^m von wirklichem 
Gerein igt werden au nehmen ist. An das IsnQol xa^ccQit^ov^ 
%€» (Matth. |1, 5«) and XmQag jta^Ql^ete (Matth. 10, 8.), 
wo doch das leatere Wort weder blolse Reinerklürnng , 
noch auch etwas Anderes als in der vorliegenden Erzäh- 
lung bezeichnen kann, genügt es zu erinnern. Woran aber 
die natOrliobe Deutung der Anekdote am entschiedensten 
scheitert^ das ist die Zerreissung des %^ilta, xaiyuQio&r/^t. 
Wer wird sich überreden Können, dafs diese in allen drei 
Berichten unmittelbar verbundenen Worte durch eine ziem- 
liche Paiise getrennt gewesen, dafs das ^iha bei oder ei« 
gentlich vor dem Befählen, das tto^t^aqla^fiti aber nach 
demselben gesprochen worden sei , da doch sämmtliche 
Evangelisten beide Worte ohne Unterschied während d^r 
Berührung gesprochen sein lassen? Gewifs würde, wenn 
der angegebene Sinn der nrsprUngliche wire, wenigstena 
Einer der Evangelisten, statt des r^if'cao aviü 6 ^Ir^mig Ae- 
yct«^ ^ilio^ xa^ßQia'yrji , sagen; o 'A anexQlraro' ^iho, xai 
atffiftevoQ cr^8 elTs* itai>aQia97;in^ Ist aber das xate^ 
ü&i^rt in Einem 2qgo mit &iXta gesprochen, so dafs Jesus 
lediglich in Folge seines Willens, ohne dazwischeneinget 
tretene üntersuchuriir, das xu(>^e()li^€oOai eintreten Üefs; so 
kann die(k unmöglio ) eine Keinerklttmng, wozu es einer 
Yoi^Knglgen Vntersuehung b^urflte, sondern mufs ein wirk- 
liches Reiimniqhen gewesen sein« In dl^s^m 24asilMeahau^ 



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Neuntes Kapitel. $• 90* 



ist Hann auch das ujiTeaOai nicht von uiitcrtjUebl^ttier Be- 
rüliruiig 211 ver^teiiciiy sondern, wie sonst illiiMit itt 
cbea Crsühlungen, von heilonder. 

Für seine nstüpIicKe Erkltf rung dieses Vorgangs beruflt- 
sich Paulus auf den Kanon , dafs überall in einer Kneäh- 
iung das Gewöhnliche und Ordentliche vorausgcseat wer- 
den mfisse, wo nieht das Gegontiieii ausdrtfckUoli a^fego- 
ben sei ein Kanon, weleher an der der ganEon rationa- 
ilsrischen Auslegung eigenthüinliohen Zweideutigkeit leidet, 
was für uns, und was für die auszulegenden So|ii*iftsteller 
gewöhnüoh und ordentlich ist, iiieht so wnlenoheiden* 
Allerdings, wenn ich einen GttBOR vor mir haiiey so darf 
ich in seinen Ersählungen , sofern er nicht ausdrücklich 
das, Gegen theil anmerkt, nur natürliche Ursachen und Vor- 
gSnge voranssetsen, weil von der Bildung einea sololien 
SefariHtotellers ans das ÜbenlatQrliohe hdchsterts* Als /selten- 
ste Ananahme denkbar ist: schon anders verhiiit sieh dieia 
bei einem Uerodot, in dessen ViU-stcUungs weise das Ein- 
greifen höherer Mächte keineswegs uagewühnUch und ans- 
ser der Ordnung ist, und voUenda in einer anf JOdisübenii 
Boden gewachsenen Anekdoteni*eihe, deren Zweck ist,- ein 
Individuum als höchsten Propheten , als mit Gott innigst 
verbundenen Menschen dni ziistellen, versteht sich «las Uber- 
aatariicho so sehr von selbst, daiii Jetoor rationaÜatia^he 
Kanon sich dahin unkehrt: wo in sok^ien KrMthlungen- 
auf Erfolge Gewicht gelegt ist, welche, als natürliche be- 
trachtet , keine Wichtigkeit haben wUrden, da mttfsten 
fiberaatarlielie Ursachen ausdrAeklich ausgeschWkM» sein, 
wenn nicht , dafs solche im Spiele gewesen , als Ansicht 
des Erzählers vorausgesezt werden sollte. In der vorlie- 
genden Geschichte ist übcrdlefs das Ausserordentliche des 
flerganga dadurch hinlänglich angedeutet, dafs es heilst,, 
auf Jesu Wort habe den Kranken der Aussas alsbaid ver* 



2) a. a. O. S. 705 o. sonst. 



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66 Zweiter Abfchultt. 

lüMisn, l'Veillch weifs Paulus, wie schon bemerkt, diese 
Angftbe äui eine nllmähllge netfirliehe Genesung sv deuten^ 
ila 9v^wg, wodurch die Evengellsten die Zeit derselben 
besHmmen, je nach dem verschiedenen Zusammenbände das 
einemal sogleich bedeute, das andremai nur bald und un- 
gehindert* Diefii eingeräumt) soll nun das bei Markus in 
nnnineHMireni Znkanimenhang folgende tv&ifog , i^ißaltp 
avzdv (V» 4S.) sagen wollen, bald und nngehlnderf habe 
Jfsns den Geheilten hinausgetrieben? Oder soll in zwei 
aufeinander foigeoden Versen das Wort in veraebiedenem 
Sinne genrannen werden*? 

Ist tonrft naeh der Absieht der erangellsehen Referen» 
ten von einem augenblicklichen Verschwinden des Aussatzes 
auf das Wort und die Berührung Jesu hin die Rede: so 
Ssty sieh dieib denkbar zu maehen^ freUieh noeh eine gans 
andre Aufgabe, als die, das augenbiiekliene Znreehtbria* 
gen eines mit fixer Idee Behafteten , oder einen bleibend 
stärkenden Eindruck auf einen JNerven kranken sich vorsu- 
, stelien, Dals cAne, in Folge tiefer Verderbnifs der Säfte 
daveh deq hartnäokigsten und bösartigsten aller Anssdiläge 
serfressene Haut durch ein Wort und eine Berührung au- 
genblloklicb rein und gesund geworden sein sollte, diele 
ist, weil es etwas einer langen Reihe von Vermittlungen 
' Biediliifldges als unmittelbar eingetreten darstellt, so undenk* 
bar^), dafs es jeden, der ausserhalb gewisser Vorurtheile 
steht (was der Kritiker immer soll), unwillkUhrüch a|i das 
Fabelreich erinnern mufs. Und im fabelhaften Gebiet mor* 
genländiseliev, näkev Jfidiseher Sage finden wir wirklieh 
das plttsliehe sowohl Entstehen - als Versehwindenm neben 
des Aussatzes zueilst. Als Jehova den Moses eum Behuf 
seiner Sendung naeh Ägypten mit dev Fähigkeit, allerlei 
Zetehen sn thun, aosrttsfete, hfefli er Ihn unter Anderem 
aaeh seina Hand in den Rnsen steeken, mi als ?r sie 



9) ?gi* IUm» U 4. |. ^« 



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Neuntes Kapitel* {• 90« 57 

hermuaMogf war de ton Aatsas bedeckt: er diiifiile de 
noch einmal hineinstecken , oni! heim ahermallgon Heraas- 
ziehen war sie wieder rein (2 Mos. 4, 6. 7.)- Später, we- 
gen eines Empörungsversuchs gegen Moses , wurde seine « 
Sehweeter Mirjam pilialieh mit Aussäe gesehlagen, aber auf 
die FOrhItte des Moses bald wieder geheilt («Mos. It^ 10 ff.). 
Besonders aber spielt unter den Wundertliafen des Pro- 
pi)eten £li8a die Heilung eines Aussätzigen, deren auch Je- 
sus (Lue. 4f 27.) gedenkt, eine bedeutende Rolle. Der sy- 
risefae Feldherr NaCman, welcher am Aussau litt, wandte 
sich an den israelitischen Propheten nm Hülfe ; dieser liefs 
ihm die Weisung geben, er solle sich siebenmal im Jordan 
waschen, woradT auch wirklieh der Aussas wich, welchen 
aber der Prophet spiter Teranlafst war, auf seinen betrü- 
gerischen Diener Gehasi fibersutragen (2 K6n. 5. ). loh 
wfiiste nicht, was wir ausser diesen A. T. liehen Vorgän- 
gen noch weiter bedttrfen sollten, um die Entstehung der 
evangultechen Anekdote erlüXrbar su finden. Was der er- 
ste GolÜ In Jehe^aV Auftrag vermochte, das, wie gesagt, 
mufste auch der zweite zu thun im Stande sein , und oh- 
nehin hinter einem Propheten durfte der Propheten gröfs- 
ter mleht curllekblelben. Waren hienaeh ohne Zweifel schon 
In dem Jttdisoheii Messlashjlde dergleichen Belinngen mit» • 
begriffen , so waren noch bestimmter die Christen, welche 
den Messlas in Jesu wirklieh ei^schienen glaubten, veran-, 
kfat, adne Gesehlehte dureh solche aus der mosaischen 
und prophetlsehen Sage genommene Kflge sn verherrHehen, 
nur dafä sie dem milden Geiste des neuen Bundes ( Luc. 
9, 55 f.) gemlüs die strafende Seite Jener alten Wunder 
weglieiaen. 

Etwas mehr Schein hat die ratlonallstisehe Berufung 

auf den Mangel einer ausdrücklichen Angabe, dafs eine 
wunderbare Reinigung vom Aussaa gemeint sei, bei der* 
£rsftblnng von den aehn Aussätaigen, wdche dem Lokaa 
eigentbanüioh Ist C17} 12 ff.), Bier ntaJich verlangen w«- 



oiyui^ca GoOglc 



Zweiter Abschnitt. 



der die Ki*nnkeii Ausdrücklich die Heilung, sondern sie ru- 
. fen nur: iXir^ov rjfiügj noch thut Jesus ein hierauf sich 
besiebende« Machtwort, soodem er weist «ie nnr mI| eich 
den Priestern su zeigen, was man denn rationalistischer- 
seits nicht säumt, dahin zu erklären, dafs Jesus, nach ge- 
nommener Kenntnifs von llirem Zustand, sie ermuntert ha- 
be, sich der priesterlichen Visitation su unterwerfen ; dieis 
habe wirklich ihre Reinsprechang snr Folge gehabt | und 
der Samariter sei umgekehrt, um Jesu für seinen ermuthi- 
genden Rath zu danken '^). Allein so angeiegentUch , wie 
es hier beschrieben wird, darch ein nlmw isünqoowmi 
dankt man nicht fttr einen bloTsen Rath, noch weniger 
konnte Jesus verlangen, dafs um des Erfolgs dieses Kä- 
thes willen alle Zehne hätten umkehi*en sollen , und zwar 
um Gott die Ehre zu geben — soU man nun sagen dafür, 
dafs er Jesnm heflKbigt habe, Ihnen einen so guten Ratli 
< ma erthellenf Nein, sondern hier wird eine reellere Lei- 
stung vorausgesezt, und diese giebt die Erzählung wirklich 
an, wenn sie sowohl die Umkehr des Samariters durch 
Um flif« ial>ri hegrfindet, als aueb Jesnm den Qrund, wa- 
rum er von Allen Dank erwartet hfttte, durch i^i oi dexa 
ixuO-uQiad-r^aav ; aussprechen läl'st, was Beides doch nur 
höchst gezwungen so erklärt werden kann, dafs, weil sie 
gesehen, dals Jesus mit seiner fteinerklAmng recht gehabt, 
der eine wirklich umgekehrt sei, ihm len danken, die übri- 
gen aber hätten umkehren sollen. Entscheidend aber ge- 
gen die natürliche Erklärung ist der Saz i if %^ vniy€t» 
WfHg ixa^aQla9'r^a¥. Wollte hier nach Jener Oeatnng 
der Referent bloCs sagen : wie die Kranken, beim Priester 
angekommen, sich ihm zeigten, wurden sie für rein er- 
klärt: so mufste er wenigstens setzen : noftf r^tm-i; txw 
3^fQiaO'tfia¥i wogegen nun die absichtsvolle Wahl des er 
vnu'^uv anwidersprechllch selgt , dals von einem Rcüih 



4) Padmmi Lr. J., l,.b, S. 6g. 



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Ifeantes KapIteL S* 90» 99 

werden wBbrend de« Hingehen« die Rede Ist Äueh hier 

also haben wir eine wunderbare Aussazheilang , welche 
eben denselben Schwierigkeiten unterliegt, aber auch eben* 
•e in ihrer Entstehang erJdfirbur acheint, wie die vorige 
AneiKdote. 

Doch es Icomint bei dieser Erzlihlnng noch etwas Ei- 
genthümliches in Betracht, das sie von der vorigen unter- 
scheidet* Es ist Iiier l&eine simple Heilung, Ja die Hei- 
lung lit nicht einmal eigentlich die Hauptsache, diese Hegt 
Tielmehr in dem verschiedenen Betragen der Geheilten, 
und die Frage Jesu: ö/t oi ötaa ixax>aQio^fjaav x, t. L 
(V. 17 f.) bildet die Sjjitse des Gänsen, welches hiemit 
gans moralisch sohlieftt und eam fiehof der Belehrung 
ersfllilt mn sein seheint Namentlich dafs der als Master 
der Dankbarkeit Erscheinende gerade ein Samariter ist, 
mufs hei demjenigen Evangelisten auffallen, welchem auch 
^ Lefarrede vom barmhenlgen Samariter elgenthllmlioli 
Ist. Wie nXmlich In dieser zwei Juden, ein Priester und 
ein Levit, sich unbarmherzig beweisen, ein Samariter da- 
gegien musterhaft barmhereig; so steht hier neun undank« 
baren Juden ein Samariter als der einzig Dankbare go* 
genllber« Wie daher, sofern doch die piddiehe Heilung 
dieser Kranken picht historisch sein kann, wenn wir auch 
hier, wie dort, «ine von Jesu vorgetragene Parabel vor 
mu hätten, welche die Danklmrkeit« wie Jene die Barm«' 
heniigkeit, am Beispiel eines Samarltera darstellen sollte, 
nur aber geschichtlich verstanden worden wäre ? Diefa 
wäre dann so, wie man schon behauptet hat, dafs es mit 
der Versuchungsgeschichte sich verhalte« Doch eben in 
Benug auf diese haben wir gesehen , dafs md warum Je« 
sus nio sich selbst unmittelbar in einer Gleichnifsrede auf- 
treten lassen konnte, und diefs miiis^ er hier gethan hal- 
ben, vrem er tmi gßbm AussIMgeii erdUilt kfttte, die er 



5) SciMJUsaMACitsa, über den Lukas, S. 215* 



iO Zweiter Abaclmltt 

flinMl geheüt habe. Wollen wir daher den Gedanken^ 
hier etwa« orsprAnglieh Parabolisches wm liaiieii, nieht fal> 

leii lassen, so hätten wir uns die Sache so zu denken, dafs 
aus der Sage ¥on HeilungCQ) welche Jesus auch an Ans- 
sülsigen voUbrachC habe, einerseits, und andrerseits aas 
Parabeln, In welchen Jesus, wie In der Tom bamiber^gen 
Samariter, Individuen dieses angefeindeten Volkes als Mu- 
ster versclüedener Togenden aufstellte, die urchristliche 
Sage diese Ers&hlong susammengewoben habe, welche eben- 
daher halb Wanderersihlan§^ lialb Parabei Ist. 

i. 91. 

Bliodenbeilun^ea« 

Eine der ersten Steilen anter den won Jesu geheilten 

Kranken nehmen, gleichfcills nach der ^atur des Landes'), 
die Blinden ein, von deren Heilung wiederum nicht blofs 
in den aÜgenielnen Schilderqngen, welche die £vangelisten 
(Hatth. 15, SO f. Lue. 7, 81.) oder Jesus selbst (Matth. 
11, 5.) von seiner messianischen Thätigkeit geben, die Re- 
de ist, sondern auch einige einzelne Fülle aosführlich be- 
richtet werden. Und awar iMhrere als Fon den Ueiiun- 
gen der anlest beschriebenen Art, ohne Zweifel weil die 
Blindheit, als ein Leiden des feinsten und compiicirtesten 
Organs, mehrere abweichende Behandlungsweisen Euliels. 
&ine dieser Blindenheilnngen ist sfimmtlichen Synoptikera 
gemeinsaai; die andern sind (sofern wir den dXmonisehen 
Blindstnmmen des Matthias hier nicht wieder Efihlen) je 
eine dem ersten, aweiten nnd vierten Kvangelisteu eigcn- 
thttmlich. 

Gemeinsaai ist den drei synoptisclien brangelien die 
Kmlhlnng , dafe Jesus auf seiner leaten Reise nach Jeru- 
salem bei Jericho eine ßlindenheilung verrichtet habe (Matth, 
ao, 29. paraiL); aber bedeutende Diffierennen finden statt 

1} s. Wiraa, Bealw« d. A. Blinde. - 



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Nenntet Kapitel, f. 91. tl 

•owohl In Beetlmninng des Objekts der Heilung, indem 

Matthiias zwei Blinde hat, die beiden andern nnr £inen, 
als auch in Besug auf das Lokal derselben , inctem Lukae 
•ie bei'm £insng, Matthäus und Markus berm Anssug 
aus Jericho vor sieh gehen lassen; auch wissen von der 
Bcftihrung, mittelst welcher nach dem ersten Evangelisten 
Jesus die Blinden heilt , die beiden andern Berichterstat- 
ter nichts. Von diesen DifTerenaen mag sich die leete 
durch die Bemerkung, dafs Markus und Lukas die Berflh« 
run«^, die sie verschweigen, darum nicht ISngnen, etwa lö- 
sen lassen: schwieriger ist die erste, welche die Zahl der 
Geheilten betrifit« Hier hat man bald mit Zugrundlegnng 
des Matthins gesagt, es mOge sieh einer von beiden Blln* 
den besonders ausgeBelehnOt haben, welswegen in die er- 
ste Überlieferung er allein gekommen sei ; Matthäus aber 
als Augenzeuge habe ergänzend. den a weiten Blinden hin« 
BagefUgt So widersprechen weder Lukas und Markna 
dem Matthäus, d^nn sie IXugnen nirgends , dafs nicht noch 
mehrere als nnr der von ihnen hervorgehobene Blinde ge- 
heilt worden seien; noch Matthäus den beiden andern^ 
denn wo Zwei seien , da sei auch £lner *)• Allein wenn 
der einfache £rsahler von £inem Individuum spricht (und 
sogar, wie Markus, dessen Namen nennt), an welchem et- 
was Ausserordentliches geschehen sei: so hat er oifenbar 
der Angatie, es sei an swei Individuen voigegangen, still« 
schweigend widersprochen, was ausdrücklich au thun er 
keine Veranlassung hatte. Wenn man sich aber auf dio 
andre Seite wendet, und, die Einzahl des Markus und Lu- 
kas snm Grunde legend, von Matthäus, der hier wohl nicht 
Augenseuge gewesen sei, vermuthet, sein Referent habe 
vielleicht den Führer des Blinden für einen zweiten Blin- 
den angesehen^): so ist damit schon ein wahrer Wider- 



2) Garn, Goaun. s. Matth. 2, S. '32S. 

3) Favuis, es. Haadb. 3; S. 44. 



üiyilizeQ by 



d2 Zweiter Abschnitt« 

■ 

Spruch zubegeben, nur unnöthigerweise eine höchst unwahr- 
scheinliche Veranlassung desselben erdacht. DaCk die drit- 
te DifFerenz, des tmoQivoftlvm ino und ^ zi^, ty/l^uv $lg 
%QiX(a^ onlffsbar sei, kantig wen die Worte nicht überzeu- 
gen 5 aus den ge\% ah^aineii Ausgleichungsversuchen lernen^ 
welche von GftOTius bis Paulus darüber aufgestellt wor> 
den sind» 

Besser haben daher die IClferen Barmonisten ^) gcthan, 

welchen defs wegen auch neuere Kritiker beigefallen sind^), 
wenn sie mit Kücksicht auf die zulezt besprochene Difi'e- 
rens hier cweieriei Begebenheiten unterschieden ^ und an* 
nahmen, Jesus habe zuerst bei*m Eineug in Jericho (nach 
Lukas), dann wieder beim Auszug (nacli Matthaus und 
Markus) einen ßliuden geheilt. Mit der andern Abwei^ 
chnng) rücksichtlich der Zahl, glauben diese Uarmonisten 
durch die Voraussetsung fertig sn werden, Matthäus habe 
die beiden Blinden , den vor und den hinter Jericbo ge- 
heilten , zusammengezählt , und die Heilung von beiden 
liinter Jericho versezt. Allein, wenn man c?er Angabe des 
Matthlius rücksichtlich der Lokalitfit der Heilung so viel 
Gewicht beilegt, um ihr und der des Markos eufulge zwei 
Heilungen, die eine vor, die andre hinter der )Stadt anzu- 
nehmen: so weifs ich nicht, warum seine abweichende 
Zahiangabe nicht ebensoviel Geltung liaben soll, und Storu 
scheint mir conseqoenter su verfahren, wenn er, auf bei- 
de Differenzen gleiches Gewii lit legend, annimmt, dals Je- 
sus suerst bei m Einzug nach Jericho Einen Blinden (La* 
Ims), dann bei^m Ausjsug von da swei Blinde cMatthäns) 
geheilt habe^*). Kommt nun aber hiebei Matthäus sn sei- 
nem vollen Rechte, so ist diel's hingegen dem Marlvus ver- 
weigert. Denn wenn dieser^ wie hier geschieht, um «ei« 



4} Schulz, Anmerlaingen zu Michaeus, 2, S. 105* 
5) SiKFFKRT, a. a. C>. S. 104. 

6j Über den i^wcck der ev, Geschichlc und cer ür. Joii« S* 345« 

0 



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Nevntet ftapHel« f. 91 



■er Ort«ing«be willm mit Btafttlbiiw sammiiiengetliBt itt, 

so geschieht hiebei seiner Znhlangabe Gewalt, welche fUr 
•ich vielmehr eine Zusammenstellung mit Lukas erheischen 
würde : ao da£i 9 wenn man keine seiner Angaben beein- 
Mektfgen will, waa man bei dieser Verfiihrongaarl nfeht 
darf, er von beiden gleicherweise getrennt werden mufs. 
So hätten wir drei verschiedene ßlindenheilungen bei Je- 
rteho : 1> die Ueiinng Eines Bünden bei'ai filnimg, ^ 3) die 
einee weiteren bei'm AnsEug, ond S) die HeUnng sweler 
Blinden bei'm Auszug, also zusammen vier Blinde. Den 
Kweiten und dritten Fall non aiiseinandersahaiten^ ist frei- 
üeb aebwierig. Denn wenn doch Jesos sa nwei verschie- 
denen Tbet«n nu gleieber Zeit niebt ansgezogen sefai kann^ 
so will sich ebensowenig das vorstellen lassen, dafs er, 
biofii auf der Durchreise begriffen , nach dein ersten Ana» 
sng wieder in die Btadt aurückgekebrt , und qpäter noeh 
einmal ausgesogen wäre« Überhaupt aber, drei so gans 
ihniiehe Vorfftile hier sasammentreffen au lassen, will 
kaum angehen. Schon die Häufung von ßlindenheilungen 
aittla befremden. Besonders aber wird das Benebmen der 
Begleiter Jesu aabegreiflieb, weieliey hatten sie einmal bd'm 
Einzug gesehen, dals das inrnpi^ nTt Tvg^hi), im otümijarj 
nicht in Jesu Sinne sei, indem er ihn ja zu sich rief, diels 
doch nicht bei dem Auszug, und zwar aweimalj wieder«- 
lioit haben werden. SxoRR'n freilich stdrt diese Wiederho- 
lung ni^t in der Annahme von wenigstens ewei VorfÜl« 
len dieser Art, denn Niemand wisse ja, ob diejenigen, 
weiclie hiater Jericho Stille geboten, nicht ganz andre ge« 
weaen seien, als die Tor der Stadt das Gieiobe getban 
hatten ; wenn aber aneh , so wire eine solche Wlederho- 
long eines von Jesu faktisch mifsbiliigten Benehmens zwar 
ansehicklich gewesen, aber darum nicht unmöglich, da 
aoeb die Jünger, welche der ersten Speisung angewohnt 
betten, doch vor der aweiten wieder gefragt haben, wo 
Brot für so Viele herzunehmeji sei ? — allein das heifst aus 



üiyilizeQ 



I 



M Zweiter Alschnitt. 

dir WirkHekkeit «iner ünmSglidikelt auf die dar andern 
argoiMntfrt, wie wir bald genug bei Be^chtang daa 

.doppelten Speisungswnndcrs sehen werden. Doch nicht 
allein das Benehmen der Begleiter, sondern überhaupt fatt 
alle Züge der Begebenheit mttfalen sieh auf ciie unbegreif« 
.Hebele Weite wlederliolt haben. fiSnaal wie daa andere 
der Ruf der Blinden: iXerjaov 7]fiag, oder //f, vle Javiö\ 
hierauf (nach dem ihnen von der Umgebung auferlegten 
•SliUachwelgen,) der Befehl Jean, ale so Ihm sa bringen; 
aeine Frage, was sie ven Ihm wollen? ihre Antwort : ae- 
hend werden; seine Gewährung ihres Wunsches, worauf 
aie ihm dankbar nachfolgen. Daia sich diefs Alles drei« 
. mal 9 oder aaeh nnr swelmal ao wiederholt haben •eilte, 
.iat eine der Unmöglichkeit gleiehfcommende Unwahrsobein- 
Jichkeit, und es inüsste entweder nach der von Sieffert 
In solchen Fällen angewandten Hypothese eine sagenhafte 
AselmÜation yeraehiedener Fakta ^ oder eine traditioneile 
Variation einer einnigen Begebenheit angenommen werden. 
Fragt man sich, um hier zu entscheiden : was konnte, ein- 
mal eine Vermittlung durch die Sage vorausgesezt, leichter 
l^esehehen, daa Eine, dafa dieselbe Geschichte bald toh 
lEllnemy bald Ton Hehreren, bald vom fiinaag, bald vom Aue- 
Bug eralihlt wnrde? so braucht man das Andre gar nicht 
erst dazuKudenken , da jenes £rstere so ohne Vergleichung 
wahracheiniich ist, dafii man keinen Augenblick swei^ela 
kann» ea als wirlüich venuttsuaetien. Redneirt man aber 
ao die scheinbar mehreren Fakta anf wenigere , so bleibe 
man nur nicht mit Sii>ffert bei der Reduktion auf zwei 
stehen, da hiebei nicht allein die Schwierigkeiten hinsicht- 
lich der Wiederholang decaeiben Hergangs bleiben} aon» 
dem auch die Consepenn reriangt, wenn man die eine 
Abweichung (in der Z.thl) als unwesentlich aufhiebt, auch 
von der andern (im I^okal) zu abatrahiren. Stellt sich 
nnn, wenn hier nur J^ne Begebenheit emAhit werden seil, 
die weitere Frage , welche der vertohiedenen firalihlungen 



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Nennte« Kapital, f. 91. itft 

•wolü cUe arsprfingliche sei? eo wird die Ortsangabe an 
keiner fintaehefdn ng helfen, da «[enan eliensegnc vor als 
hinter Jericho ein Blinder au Jesu stofsen konnte. Eher 
wird man in fiezng auf die Zahl Grund Imbcn, sich zu 
entscheiden, und zwar zu Gunsten des Lukas und Markus 
ftr Mofa £inen Blinden. Keineswege nwar aus dem von 
ScHLSmMACHBR angegebenen Gmnde, weil Markos, der 
durch die Angabe, wie det* IMlnde gcheifsen, eine genauere 
Bekanntschaft mit den Verhältnissen beurkunde, auch nur 
Einen habe^), da dem so oft auf eigne Hand IndividuaH- 
afananclen Markos am wenigsten bei den ihm elgenthilroll- 
ehen Namen zu trauen sein dürfte; sondern aus dem Grnn- 
de , weil sich denn doch, diesen Fall mit der Erzählung 
foa dem Gadarenlseben Besessenen snsanunengehalten) ei-, 
ne Neigung des ersten Evangeliums sa Verdoj)pluiigen 
nicht verkennen iäfst. 

Vielleicht war die Verdoppelung des Blinden bei Mat- 
tblos durch die £rinneming an die demselben Evangelisten 
eigenthClmliehe Ersählung von einer früheren Heilung sweier 
Bünden (9, 27 ff.) veranlafst. Hier, gleiehfalls im Wegge- 
ben , nämlich von dem Ort, wo er die Tochter des uq'j^iov 
wiedererweekt hatte, folgen Jesu zwei Blinde nach, (die 
bei Jericho aitaen) und rnfen ähnlich wie dort den Da« 
▼idaeohn um Erbarmen an, der sie sofort auch hier, wie 
dort nach Matthäus, durch linndauflegung heilt. Daneben 
Jinden sicli freilich nicht geringe Abweichungen : von ei- 
nem Slillegebot der Begleiter Jesu steht hier nichts f und 
während bei Jericho Jesus die Blinden sogleich so sich 
ruft, kommen sie in dem früheren Falle erst zu ihm, als 
er wieder au Hause istj ferner, während er dort sie fragt, 
WAS sie von ihm wollen? fragt er hier gleich, ob sie das 
Vertraoen haben, dafs er sie heilen iKÖnne? endlieh das 
Verbot , Niemand etwas zu sagen , ist dem frftheren Fall 



7) a. a. O. S. 237. 
JJoi LtUn J0ia i/. JBomf • 9 



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Oft 



Z IV e 1 1 • r A h s 6 h n i U« 



•igenthttmilch* Bei diesem Verhahnifs beider Erzähliin» 
gen könnte wohl eine AssimiUtion in der Art staetgefomlen 
haben, daüs dem Matikfine die swei Blinden and die Berfih- 
rang Jesn ans der ersten Anekdote in die sweite, die 
Form des Rufs der Kranken aber aus der sweiten in die 
erste hineingekommen wäre* 

Wie beide Geschichten angelegt sind^ scheint fSr ei- 
ne natilrliehe firklürung sieh wenig dareubieten. Dennoch 
haben die rationalistischen Ausleger eine solche zu veran- 
stalten gewufst. Dalis Jesus in dem früheren Falle die 
Bünden fragt, ob sie Vertranen na ihm hallen, erklärt rnnm 
dahin, Jesus halie sich Abersengen woüen, ob sie ihm 
wohl bei der Operation festhalten und seine weiteren Vor- 
schriften pünktlich befolgen würden^}; erst zu üanse hier- 
auf, um ungestört- SU ^ein, habe er ihr Übel untersucht, 
und als er in demselben ein heilbares (nach Vbnturiiii') 
durch den feinen Staub jener Gegenden bewirktes) Lbel 
erkannte, die Leidenden versichert, dai's ihnen nach dem 
Maafs ihres Zutrauens geschehen solle* Hierauf sagt Pao» 
Lüs nur kum, Jesus habe das Hindernifs Ihres Sehens eni* 
fernt ; aber auch er mufs sich etwas Ähnliches mit Vkn- 
TtiRiMi denken, weicher Jesum die Augen der Blinden mit 
einem scharfen , von ihm vorher subereiteten Wasser be* 
streichen, und sie so von dem entsttndefeen Staube reini- 
gen läfst, worauf in Kureem ihr Gesicht zurückgekehrt 
sei« Allein auch diese natürliche £rklärung hat nicht die 
mindeste Wursel im Text ; denn weder kann in der von 
den Kranken' geforderten ni^ig etwas Andres, als, wie 
immer in ähnlichen Füllen, das Vertrauen auf Jesn Wun- 
dermacht, gefunden werden, noch in dem r^ipcao eine chii** 
urgische Operation, sondern lediglich jenes Berühren, 
welches bei so vielen evangelischen fleilnngswnndem , sei 



8) Pavhjs, L. J. i, My S. 249. 

9) Natürliche Geschichte des Propheten von Nas. 2, 5. 216. 



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M «U Züihan oder a1« Leiter der beilendeii Kraft Jesn^ tt* 
•chsint; von weiteren Voreehriflteii sur v4Üligen fierstel^ 
long iet ohnehin nichts so bemerlien« Nicht ender« terhfilt 

et sich mit der Heilung der Blinden beiJericho) wo über« 
diefs die xwei mittleren KvangeiUten iiicht einmal einer 
BorüLrnng gedeniien« 

Sollen aller auf dieie Weise nach dem Sinne der lle« 
ferenten auf das biofse Wort oder die Berührung Jesu hin 
Blinde augenblicklich sehend geworden sein: so werden 
wohl «hnliehe Bedenlüiehiieiten hjer eintreten, wie in dem 
vorigen Fall mit den AnsslKEigen« Denn ein Augenübel, 
es niag noch so leicht sein^ wie es nicht ohne manchfneho 
Vermittlung entstanden ist, so wird es noch weniger jan* 
mitleU»Ar auf ein Wort oder eine BertShrung hin weichen 
wollen, sondern es erfordert sehr compllcirte theils ehiror» 
gische thells medicinische Behandlung, und so vornehmlich 
die Blindheit , wenn sie Überhaupt heilbarer Art ist« Wie 
sollten wir uns auch die plöaliche heilende fiinwirirnng ei- 
nes Wortes und einer Bend auf ein erblindetes Aoge vor- 
stellen? rein wunderbar und magisch f das hicfse das Den- 
ken über die Sache aufgeben; oder ma^^netisch? allein es 
ist ohne Beispiel, dafs aof dergleichen Übel der Magnetis- 
«ns von Einflofs gewesen; oder endli|oh psychisch? aber 
die Blindheit ist etwas rem Seelenleben so Dnabhiingiges , 
selbststündig Körperliches, dafs an eine, nitmcntlich j)iüz- 
liehe, Hebung derselben von geistiger Seite her nicht ca 
denlien Ist. Wir müssen folglich bekennen, dafs eine ge^ 
sehiehtllche Auffiissung dieser EraUhlungen 'uns mehr als 
nur schwer fallt, und es kommt nun darauf an, oh wir 
die Entstehung unh|storischer Sagen dieser Art wahrschein* 
Üeli omehen können. 

Die Stelle ist heroits angeführt t wo nach dem ersten 
und dritten Evangelinm Jesus den Gesandten des TÄuferi 
l^eniiber , welche ihn zu fragen hatten , ob er der t(>/o- 
liifog sei, sich auf seine Theten beruft, und vor allem An* 

5 • 



oiyui^ca GoOglc 



I 



(MI Zweiter Abtehnitt. 

dern hervorKebt, def« wvq^iol avaßlinsütf smn dentli- 
lichen Beweis , ilais namenllich' eoeh solche, an Blinden 

verrichtete Wunder vom Messias erw artet wurden , w ie 
ja jene Worte ans Sd, 5^ einer messinnisch gedeuie- 
leiB Weissagung, genommen sind, and anch in einer oben 
angefAhrten rabbinisehen Stelle anter den Wandern, wel- 
che JehovA in der messianischen Zeit ausführen werde, 
das hervorgehoben ist, daCs er oculos tot cor um aperii 
id quod per LUiumffcit Eine eigentliche Blindheit 
nun hat EBsa nicht geheilt, sondern nnr einmal seinem 
Diener die Augen Dir eine Wahrnehmung ans der über- 
sinnlichen Weit eröffnet, und dann eine in Fujge seines 
Gebets über seine JTeinde verhängte Verblendong wieder 
aufhören lassen (3 Kön. 17*— 20.)< Diese Theten des £lisa 
nun fafste man , ohne Zweifel in ROebsIcht auf die Jesaia- 
nische Stelle, ^'cradezu als Eröffnung erblindeter Augen 
auf, wie wir aus jener rabbinisehen Steile sehen, und so 
wurden vom Messias auch Biindenbeilungen erwartet * 

10) s. Band 1, S. 75, Anm. 

11} Auch sonst linden wir, das» in jener Zeit Männern , die für 
Lieblinge der Gottheit galten , das VeraOgen vruaderbarer 
Heilung, namentlich aocb der Blindheit, sugetchrteben su 
werden pflegte. So ersShIen uns Tacitut, Bist. 4, 81. , und 
Sueton, Veepat* 7, in Alexandrien habe sich an den kttrxlich' 
Imperator gewordenen Vespasian ein Blinder, angeblich nach 
einer Weisung des Gottes Scrapit, mit der Bitte gcwcndft, 
ihn durch Benetzung seiner Au^cn mit scinrin Speichel 7ii 
heilen, was N'cspasian mit dem Krfolrrc gellian habe, dass der 
Blinde auj:;cnblicklich das Gesicht wieder erhielt. Da Tsci* 
tus die (Dichtigkeit dieser Erzählung ganz besondert ver« 
bürgt , so dürfte Paulus wohl nicht Unrecht haben, wunn er 
die Sache ait Veranttaituag tehmeichleritcher Priester an- 
•iebt, welche durch tulioniirte Scheiakranke den Kaiser in 
den Ruf det WunderthMters, und dadurch ihren Gott, dessen 
Rath den Vorgang Teranlasst hatte, bei ihm in Gnnst setzen 
wollten. £xeg. Uandb. 2, S. 56 f. Jedenfalls aber sehen wir 



» 



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ff 



Mahm nun die «rchristliclie Gemeinde , wie sie eos den 
Joden liervorgega Ilgen war, Jesam fittr des nessfnniflche 

Subjekt, so inufste sie die Tendenz haben, ihm auch nlio 
■essianischen PrAdikate^ und so auch das in Rede stehen* 
de^ Busosehreiben. 

|>ie dem Markos eigenthttmliche Ersihlftng Ton einer 
Bllndeiiheilung bei Bethsaida (S, 22ir. ) ist j iiel>t)ii der 
gleichfalls nur bei ihm zu findenden von der llrihing ei- 
nes scliwerredenden Tauben Cfy 32 ff.) , weiche wir defs- 
wegen hier mitberüeksiehtigen, die Lieblingseraiihinni^ailer 
mtiuiialistlschen Ausleger. Wären uns doch, rufen sie aus, 
such sonst bei den evangelischen Heiiungsgescbichten wie 
iiier die erklärenden Nebenumstände auf i>ekaJten ^ so wür- 
de, dafs Jesus nicht durch hlofse Maohtsprficlie heilte, hi« 
itorisch EU erweisen, und für tiefer Forschende sogar 
die natürlichen Mittel seiner Heilungen zu entdecken sein' -} ! 
2^ ist 9 vorziigiioh aus Veranlassung dieser firaUhlungeOi 
weichen sich dann aber auch einseine Züge aus andern 
TheiJen des aweiten Evangeliums anschliefsen , Markus In 
neuester Zeit auch vou solchen, die sonst dieser Ausie- 
gnngsweise nicht eben geneigt sind , als Patron der aatOr- 
liehea ErldXrnng dargestellt worden^'). 

Was nun unsre beiden Heilungen betrifft , so ist den ' 
raitoualistisehen Auslegern schon das eine gute Vorbedeu- 
tung, dafs Jesus beide Kranke vom Volke weg besonders 
nimmt 9 aus keinem andern Grunde, wie sie glauben, als- 
um ihren Znstand toBtUch stt unteimdien , und m sehen, 

liierau«, was mmn in jener Zeit auch ausserhalb Parasti«a*t 
TOn einem Manne erwartete, welcher, wie Tacitus sich hier 
über Vespasian ausdrückt, einen favor e coelis imd sine in* 
ctinatio nuaunum genoss. « 

12) So ungefähr Pavlüs, ex. Handb. 2» S. 312. 391. 

nf n Wrrw, Beilrag sur Charakteristik des Evangelisten Blar- 
kus, in Uu.«Aicit*t und Umbuht*« Studien 1, 4, 739 ff. Vgl. 
KösTCR, Immanuel, S. 72. 



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70 Zweiiar Abtehttikl. 

ob sieb helfen liuie oder ntefat. Eine solche Uiilertiiehiiiig 

iSnclen die bezeichneten £rklärer vom Evangelisten selbst 
imgeKeigt, wenn nach ihm Jesus dem Tanben die Finger 
in ilie Ohren steokte* wobei er die Taubheit als eine heil- 
bare, vielleieht nnr dorch xrerhlrtete Feuchtigkeit Im Ohr 
entstandene 9 gefunden, und hierauf, gleichfalls mit den 
Fingern y da« Uindernlf« des Gehörs entfernt habe. Wie 
das (ßcila vig Sdtxtvlas fi^^f wird auch das ^0a- 

%o tr^g yltiaar^g von einer chlrurglsehen Operation verstan- 
den , durch welche Jesus das Zungenband bis auf den er- 
forderlichen Punkt gelöst I und dem erstarrten Organ sei- 
ne GeienJiigkeit wieder gegeben habe, und ebenso wird 
das iTtt^ds 'tag tßtiictg avti^ bei dem Blinden dahin erklflrt, 
Jesus habe vielleicht durch ein Drücken der Augen die 
verdickte Linse herausoebracht. Eine weitere Hülfe findet 
diese Erklfirungsweise darin, dafs Jesus bcidemale, an der 
. Zunge des Schwerredenden und an den Augen des Blin- 
den, Speichel anwandte. Schon für sich hat der Speichel^ 
besonders nach filteren Ärzten eine für die Augen heilsa- 
me Kraft; da er indefs so schnell in keinem Falle wirkt, 
um eine Blindheit und einen Fehler der Sprachorgane mit 
£inemmale entfernen su können , so wird fllr beide Fülle 
vermuthet, Jesus habe den Speichel nur gebraucht, um ein 
Arsneimittel , wahrscheinlich ein äteendes Pulver, aiisu- 
fenehten, wobei sowohl der Blinde nur das Ausspucken ge- 
hört, Ton den eingemischten Medikamenten' aber nichts ge- 
sehen , als auch der Taube nach dem Geist der Zeit dio 
natürlichen Mittel wenig beachtet, oder die Sage sie nicht 
weiter aufbewahrt habe« Wird hierauf in der £r]Bählung 
vom Tauben die Heilung nur einfach angegeben, so «dch* 
net sich die vom Blinden noch dedurch aus, dafs sie die 
Wiederherstellung seines Gerichts umständlicii als eine suc- 

cessive bescbrcibt« 2^Acluiem Jesus die Augen des 
14) Piia« B, t»i 7« w, «. St, bei WsTSTsnr, 



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kea auf lUe betobriebone Weise bebendell bette, fragte er 
deaeelbeii, ti ßllnei; gar nicbt, bemerkt Paulus, wie 

ein WtiiidertliHter, der de» Erfolges sicher ist, sondern 
recht wie ein Arzt, der nach gemachter Operntion deu 
Palienten probiren itflat» eb ibm geboileii sei« Der Kran- 
ke erwiedert, er aebe, aber erat nndeadieb^ ao dafii ihm 
4ie Metischen wie Bäume erscheinen. Hier kann nun der 
r.itiuiiali8tische Erklärer siegreich, wie es scheint, den 
artbodoxfin fragen: wenn Jesu die göttiicbe Krafi au Be- 
wirkuiy Ton Heilungen an Gebole atand, warum heilte er 
den Blinden nicht sogleich vollständig? Wenn ihm das 
Übel einen Widerstand entgegensezte ^ den er nicht schon 
ket*m ersten V^ersuobsu überwinden vermochte, wird daraus 
liefat klar, dafs seine Kraft eine endliche ^ gewühnlicb 
BMsaehliehe geweaen ist? Hierauf legte Jesus noeh ein- 
nmi Hand an die Augen des Kranken, um der ersten Ope- 
ration nachzuhelfen, und nun erst war die Kur vollendet ^^). 

Die Freude der rationaiistisehen Ausleger an diesen 
Ersllilunge» des Markus ist durch die trockene Bemer- 
kung zu stüron , dal's auch hier die Umstände, welche dis 
natürliche Erklärung möglich machen sollen ^ nicht vom ^ 
Kvangeiisten aelbat angegeben, aondern von den Auslegern 
aatergeschoben sind« Denn liei beiden Heilungen giebt 
3I«rIins nur den Speichel her, das wirksame Pulver oher 
streuen Paulus und Vemturiiii darein, wie auch nur sie 
es sind, die aua «lern Leg^ der Finger in die Ohren an- 
srst ein Sondiren , dann ein Operiren , und aua dem 
iil^hat Tag ytTnceg ItÜ lüg 6(p(}ulfidg sprachw idrig statt 
eines Handauflegens ein clürurgisches llandanlegen machen« 
Auch das Beiseitenehmen der Kranken besieht sich dem 
Znsammeniiang aofolge (7, 3C. 8, 26«) auf die Absicht Je- 
ftu, den wunderbaren Erfolg geheim zu iiaiten, nicht auf 

15) Fmvs» a« «• O. S. 312 f. SdSff.; itatMicbe Gctchichte, 3 9 
S. 51 ft. 216 f. HötTsii, Immanuel, S. 188 IT. 



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71 



Zweiter Ab«ehjiitt. 



das Verlangen I in Anwendung der natllrliehen Hitteft nn« 
gestftrt BQ sein: eo dafs der retlonalisdschen EriilArong^ 

alle Stützen sinken und die orthodoxe sich ihr auf 8 Neue 
gegenüberstellen kann. Diese nimmt die Berührung und 
den Speiehei entweder alt Herabiaasong bh den Kranken^ 
welehen dadoreh nalie geiegt werden aoiite, wessen Macht 
«ie ilu'e Heilung zu verdanken hätten oder als ein lei- 
tendes Medium der geistigen Kra£t Christi, an dessen Ge- 
liraach er jedoch nicht gebunden gewesen sei ' ^) ; das Sne- 
cesslre der Heilung kber suclit man dann theils so bb wen- 
den , dafs JesQS dureh die halbe Heilung envor den Glan- 
ben des Blinden habe beleben wollen, und erst als dieser 
gewachsen war, den nunmehr Würdigen ganz wiederher- 
gestellt habe ^*); oder vermuthet man, dem Blinden, hei 
seinem tfef^ifewnrBellen Leiden, wffre eine pltaliehe Hei- 
lung vielleicht scliäcllich ofewescn 

Aliein durch diese Versuche, namentlich die iezte Ei- 
genheit der erangellschen ErBühlung b'u denten, begeben 
sieh die sapranaturalistlschen Theologen , welche sie vor» 
bringen, selbst > auf Einen Boden mit den Rationalisten, in- 
dem sie nicht minder als J^ne in den Text hineintragen, 
was in demselben nicht ron ferne angedeutet ist* Denn 
wo ist In dem Heilrerfahren Jesa mit dem Kraniien Irgend 
eine Spnr, daft er zuerst nur daranf ausgegangen sei, sei- 
nen (ilauben zu pr.'ifen und zu stärken? in welchem Falle 
statt des nur seinen flussern Zustand betreffenden invjQtiva 
aiviv et ri ßUsm ; vielmehr wie Matth. 9» S8. ein mgiveig 
Ott dvvaum r8vo noitjoai; stehen mttftte. Vollends aber 
die Vermuthung, eine plüzliche Kur möchte schädlich ge- 
wesen sein! Dw heileade Aiit eines Wunderthütera ist 



!()) Hess, C.rsrli ( htr Jesu, 1, S. ?;! 0 f, 

17) Oi.sKiVSKN, b. CiMjini. 1, S. 510, 

18) l)t't Hui^^UL, in Maro« J>, tlQ« 



Digitizod by Gü*..' 



6meh CnaMaUkii nach OlshausbhV Ansicht) nloht ais der 
bloTs negatSire der WegrüiiiMing einet Übels , sendern bo* 

gleich als der positive einer MittheiJang ncoen Lebens und 
frischer Kraft an das leidende Organ zu betrachten , .bei 
weleher Ton Seblidliohkeit ihres phlsÜchen Eintritts niehl 
die Rede sdn kann. Da somit kein timnd sieh ansfin- 
dig machen läCst, aus welchem Jesus absichtlich dem äu- 
gen blioklicben Wirken seiner Wunderkraft £inhait getban 
bitte « so nttiste sie nor ohne seinen WÜien Ten attssen 
dnrcfa die Macht des eing ewnraelten Übels gefieainit wop- ' 
den sein, was aber der ganzen evangelischen Vorstellung* 
von der selbst dem Tod überlegenen Wundermacht Jesu 
entfegen ist^ folglich nicht Meinung unsres EvangeÜsten 
sein kann. Sendern ' die Absieht des Markus j wenn wir ' 
seine ganse schriftstellerische £lgenthtimlichkeit erwägen, 
kann aucli hier auf nichts Anch'es als auf Veranschauli- 
ehnng geben. Alles Pluaiiohe aber ist schwer sich nur 
Anschannng sa bringen: wer eine gesehwinde Bewegung 
einem Andern dentlich machen will, der macht sie Ih« 
zuerst langsam vor, und ein schneller Erfolg wird nur 
dann recht vorstellbar , wenn ilin der £raähier durch ai« 
ie seine HooMnte hindnrehftthrt ; weiswegen denn ein Re- 
ferent, dem es darum an tbnn ist, In seiner Era^lhlong der' 
Vurstellnngski'aft seiner Leser möglichst so Hülfe zu kom- 
Bien, auch die Neigung zeigen wirdj wo möglich (iberall da« 
Unmittelbare au Termittela und an dem plüaliohen £rfoig doch 
das Snoeessive seines Eintritts hervoraukehren. 8e glanb* 
te hier Markus oder sein Gewährsmann rlel Air die An« 
schaulichkeit zu thun, wenn er zwischen die Blii|dheit des 
Mannes und die völlige Herstellung seiner Sehkraft die 
halbfertige Heilung oder das Sehen der Mensehen wie Bin« 
me einschob 9 und das eigne GefiShl 'wird Jedem sagen, 
(iafs dieser Zweck vollkomiuon erreicht ist. Darin aber 
liegt 9 wie auch Andre bemerkt haben -^Jl, so wenig eine 

20) Faitzicui^ Coutm. la Marc. ^. XLXU« 



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74 Zw«itiir AbiakiiitC. 

Ihnnctgang des Markos su natürlicher Auffassang solcher 
Wiiiilkry lUla er Ja yieimehr nlelU selten die Wottder mn 
TergHtosem bemüht ist, wie wir theili bd*» Gadarener 
gesellen haben, theils noch öfters werden bemerken kön- 
nen. Auf Ähnliche Weiae wird dann auch da« mu beur- 
tfaellen aeiii| da(a Alarkiia lumentlleh indieten tkm eigenen 
Eraihlnngen (aber aueh tonst, wie 6, 13, wo' er benrarkt, 
dafs die Jünger die Kranken mit Ol gesalbt haben) die 
Anwendung äoaserer Mittel und Manipulationen bei den 
He lln n gawnndem henrerhebt. I>a£i diese Mktel, wie lie» 
sonders der Speichel, in der damaligen Voüuansicht nicht 
als natürlichwirkeiide Ursachen der Heilung galten, davon 
ka/ia schon die oben angeführte Ersählong ?on Yespasian 
fthemei^gett, se wie Stellen jüdischer und rlhnisehsr Ante* 
veny nach welchen das Anspucken als magiselMS Mittel, 
vornehmlich gegen Augenübel, galt Sondern Olshau- 

bXH giebt ganz die damalige Vorstellung, wenn er Bertth* 
mngi Speichel dgk fttr die Condaktoren der dem Wnn- 
dermann inwehnenden höheren Kraft erklirft. Nur frei- 
lich diese Ansicht auch eu der unsrigen machen könnten 
wir nur dann, wenn wir mit Olshausen von einer Parallele 

M 

der Wnnderkraft Jesu mit der animalisch - magnetischen 
ansgiengen, eine Tei^ileichangy welche snr KHilirung der 
Wunder Jesu, insbesondere des Torliegenden, onanreichend 
und darum überflüssig ist. Wir schreiben daher jene Mit- 
tel lediglich auf Rechnung des Evangelisten. Auf diese 
kommt dann ohne Zweifel auch das BesondemehaMn der 
Kranken j die übertreibende Beschreibung der Verwunde- 
rung des Volks (vTiBOTiFoiaaoig i^eulrjaaotto afimTfg, 7, 
S70i und das strenge Vei*bot , Niemand von den Heilun- 
gen etwas sn sagen. Diesee Gehelmhalten gab» der Sache 
ein mysteriStes Ansehen , welches auch nach andern SteN 
len dem Markus gefallen au haben scheint« Zu demMj«- 



81) $• d. St. bei Watssst« uad LtsavraoT sn Job. 9f 6. 



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tteriSsen gehört bei der Heilung des Tauben auch das 
ivaßXiijfCLg eig zov tsQavov igna^e (7 , 34.). Denn woza 
hier seofken I Uber das £lend des Menschengeschlechts^ 
das Jeso aos viel franrigeren Füllen langst bekannt sein 
nnlste? oder wollen wir dnrch die Erkllfming, dafs Jener 
Ausdruck nichts vreiter, als stilles Beten oder lautes Spre« 
eben bedeute ^')} der Schwierigkeit ausweichen? Wer 
den Harkos kennt| wird vielmehr den flbertrelbenden Er* 
dhler darin erkennen, dafk er Jesu eine tiefe Oemaths* 
bewegung bei einem Anlafs zuschreibt, der eine solche gar 
nicht herforbringen konnte, aber von derselben begleitet 
sich nor vm so gehelmnifsvoller ausnahm. Gans Torsflg* 
Hefa aber seheInt mir etwas Mysteritfses darin sn liegen, 
dafs Markus das gebietende Wort, mit welchem Jesus die 
Ohren des Tauben aufthut, in seiner ursprünglichen syri- 
sehen Form : iqfqM&a^ wiedergieb^ wie b^i der firweekang 
der Toehter des Jaims nnr onser Evangelist (5, 41.) das 
talid-a utHf-U hat. Man sagt wohl, diefs seien nichts we- 
niger als Zauberformeln gewesen*^); allein, dafs Markus 
diese Machtworte so gerne in der seinen Lesern, denen er 
sie Ja erklären mois, firemden Ursprache. wledergiebt, be- 
weist doch, dafii er eben dieser Ihrer nrsprtingKehen Form 
eine besondere Bedeutung beigelegt haben mufs, welche 
dem Zusammenhang anfolge nur eine magische scheint ge- 
wesen sein so können. Diese Neigung snm Mysteriösen 
können wir rflekwörts blickend nan auch in der Anwen- 
dung jener äusseren Mittel ßnden, welche zum Erfolg in 
keinem Verhültnirs stehen; denn eben darin besteht ja 
das Mysterium, dais mit einer inadäquaten, endliehen Form 
ein vnendlieher Inhalt, mit einem scheinbar untrlrkaamen 
Mittel die kräftigste Wirkung sich verbindet« 



tXi so nach Enlhymiot Fansaa», in Marc« p« S04» 
th) Ertteret KviKtft, Lesteret ScMorf* 
24) UkMi Gesch. Jesu, l, ii^l« Aua. 1, 



Digitizc'ü 



76 



Zwitter Abtiohnltt 



Babeo wir non oben die einfacbe £i«ibiiiiig tlmaift- 

lieber Synoptiker von der Blindenhellung bei Jeriebo niebt 
für historisch halten können, so sind wir diefs bei der ge« 
heimnifsvollen Schilderung des Einen Markus von der 
lieünng eines Blinden bei fietbsaida noeb weniger im Stan- 
de, sondern wir railssen sie als ein Produkt der Sage mit 
mehr oder weniger Zuthaten des evangelisclien Referen- 
ten ansehen , und ebenso die von ibm mit gleicher Eigen- 
tbilmlicbkeit eraäbite Heiiong des rnnyog ftayikalog^ Denn 
nueh bei, dieser iesteren Geeebicbte febien uns nel»en den 
schon ausgeführten negativen Gründen gegen ihre histoi*i- 
sehe Glaubwürdigkeit die positiven Veranlassungen ihrer 
mjrtblschen Entotebnng nicbt, da die Weissagung auf die 
messianisebe Zeit: voVs-cJra x(aq>iav axAeowrai — ItQcmj 
i^ca ylojoou fioyi?, tiliov (Jes. 35, 5. 6.) vorbanden 
war, und nach Matth. 11, 5. eigentlich verstanden wurde. 

So günstig der natttrlicben £rkiArnng auf den ersten 
Anblick die eben betracbteten JElrsäUnngen des Markus sn 
sein sebienen: so nngOnstig und verniebtend, sollte man 
glauben, müsse die johanneische Erxlfblung, Kap. 9., auf 
sie fallen , wo nicbt von einem ßiiiiden scblecbtweg , des- 
sen Bufäilig eingetretenes Übel ietcbter wieder an beben 
sein moclite, sondern von einem Blindgeborenen die Rede 
ist. Doch wie die Ausleger dieser Richtung scharfsichtig 
sind, und den Muth nicht bald verlieren, so wissen sie 
aucb bier manches ihnen Gfinstige tsn entdecken» Vor Al- 
lem den Zustand des Kranken finden sie» so bestimmt aaeh 
das TKf/.üv ix yersri'g rii lauten scheint, doch nnr unge- 
nau hezelt'hnet. Die Zeitbestimmung zwar, welche darin 
liegt, entb&lt sieb Paclüs, wiewobl nngem and- eigentücb 
nur lialb, omaustolsen : um so mebr mala er dann aber an 
der QunÜtlttsbestlmmung des Zustandes zu rütteln suchen. 
Yr<f).(i^ müöse nicht gerade totale Blindheit bezeichnen ^ 
und wenn Jesus den Kranken anweise, sum Siloateicb au 
j^ebon, nicbt sieb fttbren an lassen, so müsse derselbe noch 



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Neuntes Kapital* $• $U 



einigen Schein des AngenlichU gehabt haben, nm selbst 
den Weg dahin finden so kdnnen« l^och mehr Hülfe sehen 
die rationallstisehen Ausleger In dem Heilverfahren Jesn. 

Gleich Anfangs (V. 4.) sage er, er müsse wirken nög 
^fiiQa iglvy in der Nacht lasse sich nichts mehr anfangen: 
Beweis genug » dafs er den Blinden nicht mit einem blo« 
sen Machtwort en heilen im Sinne gehabt habe, was er 
auch bei Nacht hätte aussprechen können, dafs er viel- 
mehr eine künstliche Operation habe vornehmen wollen^ 
XU welcher er (ireilich das J'ageslicht bedurfte. Der m^Xag 
femer, welchen Jesus mittelst seines Speichels 'macht und 
dem Blinden auf die Aii<rcn streicht, ist ja der natürlichen 
Auslegung noch günstiger als das blofse mvoag hei m vo« 
rigen Fall, wefswegen denn aus' demselben die Fragen 
und Vermuthungen wie Pilse in üppiger FdUe aufschies* 
sen. Woher wufste Johannes, fragt man, dafs Jesus nichts 
weiter als Speichel und Staub zu der Angensalbe nahm ? 
war er selbst dabei , oder hatte er es hlos aus der £rE&h* 
lang des ge hellten Blinden? IMeser lionnte aber bei dem 
schwachen Schimmer, den er nur hatte, nicht genau se* 
hen, was Jesus vornahm, er konnte vielleicht, wenn Je- 
sus 9 wlihrend er aus andern Ingredienzien eine Salba 
mischte 9 sufiillig auch ausspuckte, auf den Wahn yerfal* 
len, aus dem Ausgespuckten sei die Salbe entstanden. 
Noch mehr: hat Jesus, während oder ehe er etwas auf 
die Augen strich, nicht auch etwas aus denselben wegge- 
nommen,' weggestrichen, oder sonst etwas daran verffn- 
dert, was der Blinde selbst und die Umstehenden leicht 
flir Nebensache ansehen konnten? Endlich das dem Blin- 
den gebotene Waschen im Teiche dauerte vielleicht mehrere 
Tage, war eine längere Badekur, und das ßUnm 
sagt nicht, dafs er nach dem ersten Bade, sondern dafii 
er KU seiner Zeit, nach Vollendung der Kur, sehend wie- 
derkam 

25) Paulust, Coinin. 4, S. 472 ff. 



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7H Zweiter Abpehnitt 

Allein I am von vorne ansufangen, so wird hier dem 
ijfiiQct und yv£ eine Bedeutung gegeben, welche eelbst ei- 
Dem VxMTVRim »■ seieht gewewn ist '^)) «nd nMMntlioh 
dem Zaeaadienluuig mit V« & sawiderliafl^ welcher dareh« 
aus eine Bezicliung der Worte auf den baldigen Hingang 
Jesu erheischt ^^)« Wßg aber von etwaigen medicinischen 
Ingrodiensien des fgtjlog Teraintliet wird, ist an 'so boden- 
loser, als hier nicht wie bei dem Torigen Fall gesagt wer» 
den liann , es werde nor das angegeben , was der Blinde 
.durch das Gehör oder einen leichten Lichtschimmer wahi*- 
nehmen konnte, da ja dieisnud Jesus den Kranken nicht , 
•ilein, sondern In Gegenwart seiner Jünger vomaha« 
Über die weitere Vermuthang vorangegangener ehirargi* 
scher Operationen , durch welche die im Texte allein an- 
gegebene Bestreichung und Waschung cur Nebensache wird, 
ist nichts Mn sagen, als dafs man an diesem Beispiele sieht, 
wie sUgellos die einmal eingelassene natürliche Erkiffrung 
«ich alsbald gebärdet, und die klarsten Worte des Textes 
durch die Gebilde üirer eigenen Combi na tion verdrängt. 
Wenn ferner daraus, dals Jesus den Blinden cum Tei- 
che gehen hiefs, gefolgert wird, er müsse noch einen 

' »Schein des Lichts gehabt haben, so ist dagegen cu be- 
merken, dafs Jesus demselben nur angab, wohin er siv.h 
liegeben ivnayu») solle; wie er diefs nfiher angreifen 
wollte, ob allein gehen oder einen Führer nehmen, daa 
überliefs er ihm selber. Endlich wenn das engverbun- 
dene anf^lHv w xcd iviipcno xcd rkS^e ßkmittv CV. 7, 

^Tgl. V.U.) SO einer mehrwöchigen Badekur auseSnander- 
gecogen wird, so Ist dlels' gerade, wie wenn auin das 
i^eni, vidi, vici übersetzen wollte: nach meiner Ankunft 
recognoscirte ich mehrere Tage, lieferte hierauf in gehöri- 
gen Zwischenseitea nnterschiei^liche Schlachten, und blieb 
andlioh Sieger* 

26) Natürliche Gesch. 3, S. 215. 

27> XaouiCR und LUcas s. d. St. ^ ' 



4 



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t 



ll««ii4tt KapiteL f. 91. 7§ 

Sa iMüi mit «bo Meh hier die mitflrlielie Erklftmiig 
in Stiehe, «ml wir behelten einen Ton Jeea wonderbeF 

geheilten Blindgeborenen. Dnfs unsre obigen Zweifel ge- 
gea die Realitüt der Blindenheilungen hier, wo es sich 
ron angeborener Blindheit liendelt, in veretttfiiteBi Biaefee 
wiederkehren, iet natfirlleh. Und swar kommett Iiier noch 
einige besondere kritische GrQnde hinzn. Keiner der drei 
ersten Evangelisten weifs etwas von dieser Heilung. Naii 
aber, wenn doch in der Gestaltung der apostolischen Tra- 
dition und in der Aoswahi, weiche sie nnter den Ton Jean 
BS ersählenden Wandern traf, irgend ein Verstand gewe- 
sen sein soll, so mufs sich diese nach den zwei Gesichts- 
punkten gerichtet haben: erstlich, die grüfseren Wunder 
▼or den scheinbar minder bedeutenden ausanwihlen, und 
- sweltens diejenigen , an Welche eich erbauliche Er d rter u n* 
gen knüpften, vor denen, bei welchen diefs nicht der Fall 
war. In der ersteren Rücksicht war nun offenbar die Hei- 
lung eines ron Geburt an Bünden, als die ungleich schwie- 
rigere, ror der eines Blinden schlechthin ausauwihlen, und 
man begreift nicht, wenn doch Jesus wirklich einen Blind- 
geborenen sehend gemacht hat, warum davon nichts in 
die erangelische Tradition und also in die synoptiseheii 
firangeiien gekomnien Ist. Freilich konnte mit dieser Rflek« 
sicht auf die Gröfse des Wunders die andere auf die Er- 
baulichkeit der daran sich knüpfenden Reden nicht selten 
coliidiren, so dal« ein minder auffallendes, aber durch die 
Gespriehe, die es Toranlafste, Iruchtbareres Wunder et* 
nein auffallenderen , aber bei welchem das Lestere weni- 
ger autraf, vorgeeogen werden mochte. Allein die Hei- 
lung des Blindgeborenen bei Johannes ist von so merk w Ar- 
digen Gesprächen, suerst Jesu mit den ^Ungern, dann 
des Geheilten mit der Obrigkeit, endlich Jesu mit dem 
Geheilten, begleitet, wie von dergleichen bei den synopti- 
schen Blindenheilungen keine Spur ist, Gesprüche, von 

welchen, wenn auch nicht der ganae dialoglaehe Verlauf f 

ff 

N 



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0i. Zweiter Ahscii aitt. / 

so doch gnomiiohe Perlen, wie V. 4. 5. SO., eich nnch für 
die DwPBteLLang der drei erefen EvengelieleB trefflich cig* 
neteii. Dieee hätten aleo nleht imhin gekonnt, etatt der 

sowohl weniger roerkwdrdigen , aIs auch minder erbauii* 
ehen BJindenbeUungen, welche sie haben, die Heilung 
des Blindgeborenen aufsnnehmen , wenn dieeeibe in der 
evangdlachen Ubertiefeningy aas welcher ale aehffpften) 
beHndlich gewesen würe. Der allgemeinen evangelischen 

' Verkündigung konnte sie möglicherweise unbekannt blei- 
ben, wenn aie an einem Orte und unter Umatfinden yor- 
gefallen war, die ihre Ambreitang nicht l>egOnatigten, aJao 
wenn sie In einem Winkei de* Landes ohne weitere Zeu- 
gen verrichtet worden wnr. Aber Jesus vollbringt sie ja 
Tieimehr zu Jerusalem, im iireise seiner Jünger, mit gröls- 
tem Aufsehen in der Stadt, and sam höchsten Anstoft hei 
der Obrigkeit: da mufste die Sache bekannt werden, wenn 
sie anders geschehen war, uinl da wir sie in der ^(nvohn- 
Üchen Evangelientradition nicht als bekannt antreffen, so 
mteteht der Verdacht, sie möchte vielieicht gar nicht ge- 

. aebeken sein* 

Aber der Gewährsmann ist doch der Apostel Johan- 
nes* Wenn diels nur nicht, ausser dem unglaublichen, 
also schwerlich won eineip AugenBcugen herrQlirenden In- 
halt des Berichts, auch noch aas einem andern Grand an* 
wahrscheinlich würde. Der lieferen t erkl/Srt nämlich den 
I^amen des Teiches 2^i?Aoafi durch das griechische dicegaii'' 
fihog (V. 7.): eine falsche ErkJiftrUng, denn ein Abge* 
sehickter heifst l^lW» wogegen nS'^ der wahrscheinlich- 
sten Erklärung zufolge einen Wassergufs bedeutet -^). Der 
£?angelist wählte aber jene Deutung, weil er zwischeji 
dem Ifamen des Teichs und der Sendung des. Blinden bq 
demsellien eine bedeutangsrolle BcBiehung sachte, und sicli 
also vorgestellt cu haben scheint, der Teich habe durch 

^} s« fAiiujt uad I^UcKB n. d. St. 



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Neunte« Kapitel $. 91. 



81 



beten^ere FOgong den Namen des Gesendeten bekommen^ 
weil dereinst vem Messias nur Offielibarung seiner Herr- 
lichkeit ein Blinder zu demselben gesendet werden sollte 
Kuji konnte allerdings ein Apostel eine grammatisch nn- 
nebtige Erklärung geben, sofern er nur nicbt als inspirirt 
ferausgesest wird^ nnd «neh ein geborener Palfistinenser 
konnte sieb in fitymologieen bebräiscber Worte irren, uie 
das A. T. selber zeigt: doch aber sieht eine Spielerei die- 
ser Art eber wie das Macbwerk eijtes entiernter Stehen- 
den als eines Angeniengen ans« Der Angenzeuge batte an 
dem angesebanten Wunder und den vernommenen Reden 
genug Uedeutnngsvolles : erst bei dem entfernter Stehen- 
den konnte die Mikrologic eintreten, dais er aucb aus den 
Ikleinaten Nebenattgen eine Bedeutung beranssnpressen sucb- 
te. TnOLUCK nnd LOckk stossen sieh starit an einer sol- 
chen, wie der Lestere sich ausdrückt, an Unsinn streifen- 
den Alle^^orie, welche sie ebendets wegen sich nicht für jo- 
iianneiscb aufreden lassen woilen^ sondern als eine Glosse 
betrachten. Da jedoeb alle iLritiseben Anktorit&ten, bis 
auf £ine, minder bedeutende, dieselbe bieten, so ist eine 
suiche Behauptung die baare VVillkühr, und man hat nur 
die Wahl, ob man mit Olsuaussn aucb an diesem Zug als 
einem aposiplisehen sieh erbauen oder mit den Probe- 
bUien denselben mit nnter die Merkmale Ton dem nicht 
;tpustulischen Ursprung des vierten Evangeliums aahlea 

Was nun aber den Verfasser, des vierten Evangeliums^ 
oder die Überlieferung, aus welcher er schffpfte) veran- 
lassen konnte, unzufrieden mit den ßlindenheilungen, von 
welchen die Synoptiker berichten^ die vorliegende Üoraäh- 



2y) so Euthymius und Pavlvs z. d. St. 

50) b. Conuu. S. 230, wo er jedoch das antgaXftiyoi sof den 

von Gott autgehendea Gei«ie»«trott J»«zi«ikk» 
31) S. 9S. 

Dat LthtH Jgi» II, Hand. 6 



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Zwtit^v Abschnitt. 



lang aasBubÜden, Üfgl tchon in dem bisher Ausgeführten. 
Es ist schon von Andern die Bemerkung gemacht, wie das 

vierte Evangelinm Ewar wenigere, aberum so stiricere Wen- 
der VOif Jesu erzähle ' So, wenn die übrigen Evange- 
lien simple Paralytische haben, welche Jesus heilt, hat das 
vierte Evangelium einen, der 38 Jahre lang gelähmt war; 
vvenn Jesus in jenen eben Verstorbene wiederbelebt, ruft 
er in diesem einen schon vier Tage in der Gruft Gelege- 
nen bei weichem bereits der Eintritt der Verwesung zu 
vermuthen war, in das Leben snrfick; ebenso hier statt 
e/nfacher ßlindenheihmgen die Heilung eines Blindgebore- 
nen, eine Steigerung der Wunder, wie sie der apolo- 
getisch - dogmatischen Tendenz dieses Evangeliums ganz 
angemessen ist. Auf welchem Wege hiebei der Verfasser 
des Evangeliums oder die particuläre Tradition, welcher 
er folgte, zu den einzelnen Zügen der ErzäiAung kommen 
konnte, ergiebt »ich leicht. Das mveiv war bei magischen 
Augenkuren gewöhnÜch; der mjldg Ug als Surrogat einer 
Auoensaibe nahe und kommt auch sonst bei Eauberhaften 
Proceduren vor der Befehl, sich im Siloateich BU wa- 
fchen, kann der Verordnung Elisas, dafs der aussätzige 
Nataan sich siebenmal im Jordan baden solle, nachge- 
bildet sein. Die Verhandlungen , weiche sich an die Hei- 
lung knüpfen, gehen theils aus der, auch von Storr bc- 
merkiich gemachten Tendenz des johanneischen Evangeliums 
hervor, sowohl die Heilung als die angeborne Blindheit des 
Menschen möglichst urkundlich zu machen und zu verbür- 
gen, daher das wiederholte Verhör des Geheilten selbst und 
sogar seiner Eitern; theils drehen sie^ sich um die symho- 
lische Bedeutung der Ausdrücke: %vg>log und ßk^non; i)filncc 
und vi}^, wie sie zwar auch den Synoptikern nicht fremd 
ist , noch specifischcr jedoch in den Johanneischen Bilder- 
kreis gehört. 

52) KösTKF, Immmuel, S. 79 i Bmwmmn, Frobsb. S. IM. 
33) WsTSTsui s. d. St. 



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Ntvntes /(rapltel. |. 92. 



8S 



5. * 

HeUcmgen Ton Paralytischen. Ob Jesus Krankheiten als 
SUndenttrafen betrachtet habe« 

ßn wichtioer Zug in der johanneischen HeÜiingsffC- 
•chichte des Blindgeborenen ist übergangen worden ^ weil 
er erst in Verbindung mit einem entsprechenden in der 
sjnoptisclien Ers&hlong von der Heilung eines Paralyti-» 
sehen (Matth. 9, I ff. Mare. % 1 ff« Luc« 5, IT ff.)j die wir 
demnächst zu betrachten haben, richtig gewürdigt wenien 
kann. Uier nümlich erkl&rt Jesus dem Kranken zuerst : 
atftmtid ao$ (d ifiaq^Uxi aOf und hierauf, als Beweis,^ dafs 
er so solcher Sflndenvergebong VoUmaeht habe, heilt er 
ihn 5 wobei die Beziehung auf die jüdische Ansicht nicl t 
verkannt werden kann, dafs das Übel und namentlich die 
Krankheit des Kinaelnen Strafe seiner Sünde sei ; eine An« 
siebt 9 welche 9 In ihren Gmndsflgen Im A« T. angelegt , 
(S Mos. 16, 14 ff. 5 Mo«. 28, 15 ff. 2 Chron. 21, 15. 18 f.), 
▼on den spjiteren Juden auf s Bestimmteste ausgesprochen 
wurde Hätten wir nun blofs jene synoptische Erz&h- 
IiiBg) so meisten wir glauben^ Jesus habe die Ansicht sei* 
ner Zelt* and Volksgenossen Aber diesen Punkt getheilt, 
indem er ja seine Befugnifs, Sünden (als Grund der Krank- 
heit) zu vergeben, durch eine Probe seiner Fähigkeit, 
Krankheiten (die Folgen der Sünde} so heilen ^ bevtreist. 
Allein, sagt man, es finden sieh andre Stellen, wo Jesus dfe^ v 
ser jüdischen Meinung geradezu widerspricht, und daraus 
folgt, dafs, was er dort zum Paralytischen sprach, hlofse 
Aecomnuidation an die Vorstellungen des Kranken Bor Fbr^ 
demng seiner Heilung war 

Die Ranplstelle, welche man hiefttr anzufiihren pflegt, 



1) Nedarim f. 41, 1. (bei Sca^irssir, I, 8. 93.) t Diait B. Chija 
liL Abba : nuUua aegrotut a morbo tno sanatur , donoc ipsi 
OBinia peccata remissa tint« 

3) Hask, L. J. §. 73. FanrsscBS, in Mattb. S. 335« 

5 • 



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94 . Zw«Uer Abaclinill, 

ist eben die fiinleitung der ealest beernchteten GeKchichfe 
toni Blindgeborenen (Job. 9, 1 — 3). Hier nimlleb logen 
die Jnnger, wie sie den Mann, den sie als von (lebiirt 
an Blinden kennen, am VV^ege stehen sehen, Je«u die Fra- 
ge vor 9 ob sein^ Blindheit Folge seiner eigenen , oder der 
Sfinde seiner £item sei? Der Fall war fiir die jttdische 
Vergeltungstheorie besonders schwierig. Von tbeln, wel- 
che einein Menschen erst im Verlauf seines Lebens znge- 
stossen sind , wird der auf eine gewisse Seite sich einmal 
neigende Beobaehter leicht iigend welche eigne Verschul- 
dungen dieses Menseben als Ursache ausfindig machen oder 
doch voraussetzen. Von angeborenen Übeln dagegen gab 
swar die aithebräische Ansicht (SlUos. 20,5. 5 Mos. 5,^9. 
S Sam. 3, 29.) die £rklftmng an die Hand, dafs durch die* 
selben die SOnden de|* Vorfahren an den Nachkommen 
heimgesiiclit werden j allein, wie tür das inerisehliehe Heelit 
das mosaische Geses seihst festseate, dnls Jeder nur t'üv 
eigene Vergehungen solle gestraft werden können (5 Mos* 
24, 16. 2 Köo. 14, 0.) , und auch in Besug auf die göttli- 
che Strafgerechtigkeit die Propheten ein Gleiches aliiiteit 
(Jer. «H, 30. Ezech. 15, 19 f.) : so ergab sich für angebo- 
rene Ubel dem rabbinischen Scharfsinn der Ausweg, sol* 
ehe Menseben mttgen wobi schon in Mutterleibe gesfiudigt 
haben und diese Meinung war es ohne Zweifei juich, 
welche die Jünger bei ihrer Frage V. *X, voraussezten 
Wenn ihnen nun Jesus cur Antwort giebt, weder um ei- 
ner eignen, noch um einer Sünde seiner filtern willen sei 
jener Menscb blind nur Welt gekommen, sondern um durch 



3) Sanhedr. F. 91, 2. und BcrcschJth Rabbaf. 38, 1. (bei Ligiit- 
FOOT S. 1050) : AntoninuR interronavit Rabbi (Jiidam) : a quo- 
nam tempore imiplt malus ailiclus prarvaltTP in bomine? 
an a tempore formationis ejus (in utero), an a tempore pro- 
ccstionis ejus (ex utero} l Dicit ei Babbi : a tempore for- 
mationis ejus. 



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r^auHto« Kapitel«' §• SIS. 



65 



die Heilung, weiche er als Messiiis nn ihm vollsiehen soll» 
le, die yTondemiacht Gottes rar Annchauung so bringen : 
wird dief« insgemdn so verstanden , als hKtte damit Je- 
sus jene gnnze Meinung^ dafs Krankheit .und sonsfiorrs L bei 
wesentlich Sündenstrafe seiy verworfen. Allein aiisdrüeU- 
üeb sprielit hier Jesus nor von dem Falle, der ihm ehen 
Vortag, dals« dieses bestimmte Obel hier nicht in der Ver^ 
sehuldung des Individuums , sondern in höheren göttlichen 
Absichten seinen Grund iiaboi einen allgemeineren Sinn und 
die Verwerfung der gansen Jüdischen Ansicht in jenem 
Ausspruch su finden, liönnte man nur durch andre be- 
stimmter dabin lautende Aussprüche ein Recht lM*kommen. 
J)a nun aber dem Obigen zufolge in dc ji synoptischen i'^van- 
geiien eine Erzählung sieh findet, welche, einfach aufge- 
ftSgt j vielmehr ein £instimmen Jesu In die herrschende 
Meinung enthxit , so würde sieh fragen , was leichter mn-* 
gehe, jenen synoptischen Aussprneh Jesn als Aecommoda- 
tion , oder den johanjieiüchen nur mit Bezug auf dvn vor- 
liegenden Fall au fassen? eine Frage, welche Jeder bu 
Gunsten des losten Gliedes entscheiden wird, der einerseie»! 
die Schwierigkeiten der Acconimoilntlonshyiiothesc in ihrrr 
Anwendung auf die evangelischen Aussprüehe Jesu kennt, 
und andrerseits sich klar macht, dafs in der betreffenden 
Stelle des vierten Evangeliums eine allgemeinere Besiehung 
deb Ausspruchs gar nicht angedeutet ist. 

Freilich darf nach riebt i^^cn liiterjiretationsgrundtiatKen 
ein ßvangelist nicht unmittelbar aus einem andern erläu- 
tert werden, sondern es bliebe in unsrem Falle wolil mög- 
lieh, dafs, wihrend die Synoptiker Jesu jene Zeitansieht 
Eiischreihen , der höher gebihlote \ri l'asser des vierten 
Evangeliums ihn dieselbe verwerten liefse : allein dafs auch 
sr jene Abweisung der Zeitansicht von Seiten Jesu niir 
•vf den eineeinen rall bezo«^' , beweist er durch die Art, 
w'w er ein .uiderTial Jesnm reden lafst. M eun dieser näm- 
lich SU dem achiunddrcifi»lgjährigeu Ki'ankcn Joh* 3* nach 



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Zweitor Absclmilt* 



seiner Wiederhrratellung warnend tagt: fujkki iftaqrapef ^ . 
iVa ftrj xBiQOv tl aoi yh-rp^m (V. 14.) » «o iit dlef» eo gut, 

als wenn er einem zu Heilenden zuruft : acftmiai ool ai 
ifAU^lai (Jff, beidemale nämlich wird Krankheit als Sün- 
denstmfe hier aufgehoben, dort angedroht. Doch anch hier 
' wissen die ßrUXrer, denen es anwÜlkonftmen ist, von Jeaa 
eine Ansicht, welche sie verwerfen, anerkannt au finden, 
dem natürlichen Sinne auszuweichen. Jesus soll das he- 
sondre Ubei dieses Menschen als eine natürliche Folge 
gewisser Anssehweifongen erluinnt, und ihn vor Wiedep» 
holunsf derselben gewarnt haben , weil diefs eine gefUhrii- 
chere Recidive Ijorbciführen könnte Allein der Denlc- 
weise des Zeitalters Jesa liegt die Einsicht in den natürii- 
ehen Zusammenhang gewisser Ausschweifungen mit gewla- 
'sen Krankheiten als deren Folgen weit ferner als die An- 
sicht von einem positiven Zusammenhang der Sünde über- 
haupt mit der Krankheit als deren Strafe ; es mülste also, 
wenn wir dennoch den Worten Jesu den ersteren Sinn 
sollten unterlegen dürfen, dieser sehr bestimmt in der Stel- 
le angezeigt sein. Nun aber ist in der ganzen Erzählung 
von einer bestimmten Ausschweifung des Menschen nicht 
die Rede, das von Jesu ihm augerufene fujxizi ifiiqtan be- 
aeiehnet nur Sflndigen fiberhaopt, und eine Unterredung 
Jesu mit dem Kranken, in welcher er denselben über den 
Zusammenhang seines Ijcidens mit einer bestimmten Sünde 
. belehrt liütte, zu suppiiren, 0> die wiilkührltchste Fik« 
tion. Weiche Auslegung, wenn man, um einem dogmatiscli 
unangenehmen Ergebnifs ausauweiohen, die eine Stelle CJob, 
9.) zu einer niclit in ihr liegenden Allgemeinheit erweitert, 
die andere (Matth. 0.) durch die Accommudationshypothe«» 
se eludirt, der dritten (Job, 5.) einen modernen Begriff 
gewaltsam aufdrängt: statt dafs, wenn man nur die ante 



4) FiVLVi, Comm. 4, S, 2f4 LCcai, 2, S« 2t, 

5) Wie Taema s. d. St, Ihut. 



Steile nicht mehr sauren l/ifst als sie sagt, die beiden tin- 
dern in ihrem sonfichst liegenden Sinn nicht im Miiideften 
•agetiittel so werden brauchen ! 

Doch man bringt noch eine weitere, und /.war syn- 
optische Steile herbei, am Jesn die t^i hübenheit über die 
ftcseiehnete Volicsmeinong xii vindiciren. Wie ihm nflmlich 
einmnl von Galilflem erslhlt worde, welche Pilatos bei'm 
Opfern hatte niederhauen lassen, nnd von andern, welche 
durch den Einsturs eines Tburmes verungiUckt wnreii (Luc. 
IZj 1 ffO) wobei die Eriefihler) wie mm% glauben mafs, xu 
erkennen gaben, dafa sie |ene UnglilcktCKile für göttliche 
Strafen der beeondem Verworfenheit Jener Leute anseheni 
cpwiederte Jesus, sie möchten ja nicht glauben , |>ne Men- 
•chen seien besonders schlecht gewesen ; sie selbst seien 
■m nicht« besser, nnd sehen daher, falls sie sich nicht be- 
kehren, einem gleichen Untergnntr entgegen* Es Ist in der 
Tliat nicht klar, wie man in dieser Äusserung Jesu eine 
Verwerfung jener Volksansicht finden kann. Vl^olite Jesus 
gegen diese sprechen, so mnCste er entweder sagen: ihr 
seid ebenso grofse Sflnder, wenn ihr anch nicht auf die 
gleiche Weise leiblich zu Grunde gebet; oder: glaubet 
ihr, daf« jene Menschen ihrer SUnde wegen xu Grunde ge- 
gangen seien? nein! diefs sieht man an euch, die ihr im- 
erachtet eurer Schlechtigkeit doch nicht ebenso nu Grunde 
gehet. So dagegen , wie der Ausspruch Jesu hei Lukas 
lautet, kann der Sinn desselben nur dieser sein: djifs jene 
Menschen schon jezt ein solcher Unfall betroffen hat, be- 
weist nichts flBr ihre besondre Schlechtigkeit, so wenig das, 
dafs Ihr bisher von dergleichen verschont geblieben seid, 
für eure grofsere Würdigkeit beweist ; vielmelir werden 
früher oder später über euch kommende ühnlirhe Strafge- 
richte eure gleiche Schlechtigkeit beurkunden — wodurch 
^also das Genes des Zusammenhangs swischen Sfinde und 
rngliick jedes ßinxelnen bestätigt, iiicl;t umgestofsen wür- 
de. Diese vulgär -hebräische Ansicht % on Krankheit und 



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1 



Zweiter Abtohnitt« 

Übel steht onn Allerdings Widerspruch mit jener esote- 
rischen y essenlsch-ebionitlsehen , die wir im Eingang der 

Bergrede, im GJeichnffs vom reichen M»nn und sonst pe- 
fiinden hnbon. nnch welcher vielmehr die Gerechten in die- 
sem Äon die Leidenden, Armen, Kmnken sind: sllei.n bei- 
de Ansichten liegen einmal in den Anssemnffen Jesa flBr 
eine unbefangene Kxepese en T«ge, and der Widerspmeh, 
welchen wir zwischen beiden finden, berechtigt nns we- 
der, die eine Klasse von Anssprficben gewaltsam zu dea- 
ten, noch nach, sie Jesa abeusprechen , da wir nicht be- 
rechnen Itdnnen , wie er den Widerstreit eweler Ihm von 
verschiedenen Seiten der dnmnli<jen jüdischen Bildong her 
gebotenen Weltaiiscbniiungen für sich 'gelost haben mag. 

Was nun die oben erwAbnte ITeiInng betrifft, so las- 
sen die Synoptiker Jesam den Hofen des Tünfers gegen- 
über sich namentlich auch darauf berufen , dafs durch sei- 
ne Wnndermacht yroXol netfinctrSaiv (Matth. II, 5.) 9 und 
ein andermal wundert sich das Volk, wie es neben andern 
Geheilten auch yjf)' TjeniTicaiivraQ und y.vkk^g vyuTg CP- 
% blickt (Matth. 15, 31.). An der Stelle der 'xoAo^ werden 
anderwürts naQaXtrnxo} aufgeAihrt (Matth. 4, 24.), und 
namentlich sind in den detaillirten ireilon<Tsnescbichten, 
welche wir über diese Art von Kranken haben, (wie IMatth. 
0, 1 fi. paraiL 8, 5 ff. parall.) nicht x^/iAof, sondern Trance* 
IvTtxol genannt. Der Kranke Job. 5, 5. gehörte wohl zu 
den 3ff'iAo"p, von welchen V, 8. die Rede gewesen war; 
ebendaselbst sind ^ 00/ afifpfcfiihrt, und so finden wir Matth. 
12i 9 ff. parall. die Heilung eines Menschen, der eine yjiQ 
f'iQi hatte. Da jedoch die drei zulest antreführten Uei- 
lunifen von Gliederkranlcen nnfer andern Rabriken nns 
wiederkehren werd mi : so bleibt Iiier nur die Ileilunj^^ des 
Paralytischen Matth, ü, 1 ff. parall. eu beleuchten übrig. 

Da die Definitionen , welche die alten Ärzte von der 
TUtQakvaig geben, swar alle aafi^hmuug, aber uuentschio« 



Digitizod by Gü*..wtL 



liaaiit«f KapiteL f. . 89 

lim , ob totale oder pnrtiafe, gehen ^) , and llberdiers von 
ilen ErAngelisten kein strenges Festhalten an der medicini- 
ffcben Kunstsprache zu erwarten ist^ so müssen wir, was 
sie unter Paralytiscben Terstehen, ans ihren eignen Be- 
ifhreibnngen von dergleichen Kranken entnehmen. In 
vnsrer Stelle nun erfahren wir von den jraoaAiTixo^, da(i 
er auf einor xKvi^ getj'agon werden mufste , und dnfs , ihn 
mal Aufstehen and Tragen seines Bette« ea befähigen , 
ftr ein nie geaehenea naQddo§ov galt| worana wir also anf 
eine LXhmnng wenigstens der Fttfae aehliefsen mttsaen« 
Während von Schmerzen und einem hitzigen Charakter der 
' Krankheit in unsrem Falle nicht die Rede isty wird ein 
solcher in der Geschichte Matth. 8| 6. anrerkennbar ror* 
aasgeaeaty wenn der Centnrio ron seinem Knechte sagt: 
ßt ilr^ai — TtanaXmixng , (hmog ßaanri-^niiti ogy so dafs wir 
lUo unter der naocxlraig in den Evangelien bald eine 
whmeraios ifihmende, bald eine schmerahafit gichtische 
Gliederkrankheit an verstehen hfitten 7). 

In Schilderung derScene, wie der Paralytische Matth, 
f, 1 ff. parail. zu Jesu gebracht wii-d, findet zwischen den 
drei Berichten eine merkiiche Abstufung statt. Matthäus 
Mgt einfach 9 wie Jeans von einem Ansflng an das Jensei- 
tige Ufer nach Kapemanm eurttckgekehrt sei, habe man 
i'im einen Paralytischen, auf einem langer hingestreckt, ge- • 
bmcht. Lukas beschreibt genau, wie Jesus, Ton einer 
frolfen Menge, namentlich von PharisXern and Schrift* 
feiehrten, amgeben, in einem Hanse lehrte und heilte, nnd 
wie die TrSger des Paral) tisc hen , weil sie vor der Volks- 
menge nicht durch die Thüre zu Jesu gelangen konnten^ 
<ien Kranken diirch das Dach an ihm niederliefsen« ße- 



6) Man sele sie bei Wctstsih, N. T. 1, S. 2a4, und in Wahles 
CUvis u. d. A. nacli. ' ♦ 

7) Tgl. Wnun, Realw. 1 Aufl. S. 776. und Famscas, in Matth« 
p. 194« 



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90 



Zweitor Abschnilt. 



denkt man die Straktor jni>rgeniändischer Häuser , auf de- 
ren plattes Dach ans dem oberen Stockwerk eine Öffnung 
fahrte and nimmt man den rabbinisehen Sprachgebraach 
hinzu, in welchem der via per portam (D^nnD "pi) die 
via per tectum (fxi "pT) nicht minder ordentlicher 
Weg) namentlich am in das VTUQffw bu gelangen , gegen- 
übergestellt wird: eo kann man anter dem na^Uvai diu 
%(üv xBQif.i(ssv echwerllch etwae Anderes Terstehen, als daCs 
die Triiger, welche entweder mittelst einer unmittelbar von 
der Strasse dahin führenden Treppe, oder vom Dache des 
Ifachharhaoses ans aof dae platte Dach des Hauses, in 
welchem Jesas sich befand, gelangt waren, den Knuiken 
■amtnt seinem Bette durch die im Dachboden bereits be- 
Endliche Offnang, wie es scheint an Stricken, eu Jesu her- 
ebgelassen haben* Markus, der in der Verlegung derSce- 
ne nach Kapemaaoi mit MatthttaS| in Schilderong des gros- 
sen Gedrfinges nnd der dadurch veranlafsten Besteigung des 
Daches mit Lukas eusammenstimmt, geht, ausserdem, dafs 
er die Zahl der Tr^iger auf viere festsezt, darin noch wei- 
ter als Lukas I dafs er dieselben, ohne Rlicluicbt auf die 
schon torher Torhandene Thttre, das Dach abdecken nnd 
durch eine erst aufgegrabene Öffnung den Krauken Mnun- 
terbefördern ilifst« 

Fragen wir auch hier, in welcher Richtung, ob auf- 
wärts oder abwXrts, der Klimat wohl eher entstanden sein 
möge, 60 hnt die auf der Spltre desselhen stehende Ercfih- 
lung des Markus so viel Schwieriges, dafs sie wohl kaum 
ffir die der Wahrheit nüchste wird angesehen werden kön- 
nen. Denn nicht allein von Gegnern ist gefi*ngt worden, 
wie denn das Dach habe aufgegraben werden können, oh- 
. ne die darunter Befindlichen au beschädigen * °) ? sondern 



8) Wiker, a. a. O. u. d. A. Dich. 

9) LiCHTrooT, p. GOl. 
10) WooLSTox, Disc. 4« 



Neuntes K«piteL {• M* 



aaeh OtsnAiMBM rflomt ein, daftdie ZentHrbngder oberen, 

Btft Ziegeln bedeckten Fläche etwas Abenteiicrliclics ha- 
be ' Diesem aasznwelchen nehmen manche Erklärer an^ 
Jesus liabe entweder im inneren Hofe > '"') » oder tot dem 
Hause untef freiem Himmel gelehrt, und dieTrliger faa* 
ben nur von der Brustvrelir des Daches ein Stück heraus- 
gebrochen , um den Kranken bequemer herunterlassen sa 
können« Allein sowohl die Beseiehnong ; dut %u$9 »egafim 
bei Lniuis, als die Ansdrfleke des Markus maehen diese 
Auffassung unmöglich, indem hier weder ciy?] Brustwehr 
des Dachsi noch anogeyd^iü das Durchbrechen ron dieser^ 
i^oQvwTta aber doch nur das Aufgraben eines Loches be* 
deuten kann. Bleibt hiemit das Aufbrechen des oberen 
Dachbodens, so wird diefs auch noch defswegen unwahr- 
scheinlich , weil es bei der in jedem Dache befindlichen 
ThUre völlig fiberflüssig war. Daher hat man sieh durch 
die Annahme nn helfen gesucht^ dals die TrSgSf ewar die 
im Dache schon rorher befindliche ThOre benOat, diese 
aber, well sie für die Lagerstatt de« Kranken eu eng ge- « 
Wesen, durch Wegbrechen der umgebenden Ziegellagen er- 
weitert haben allein auch hiebel bleibt das Geffihrli- 
ehe, und die Worte lauten Ton^einer eigens gemaehten) 
nicht blos erweiterten Öffnung im Dache. 

So gefährlich und Überflüssig aber ein solches Begin- 
nen in der Wirklichkeit war, so leicht lAftt sich erklären, 
wie Markos, in weiterer Ausmalung des Berichtes von 
Lukas begriffen, auf diesen Zug verfflllcn konnte. Lukas 
hatte gesagt, man habe den Kranken hinabgelassen, so dnfs er 
fynfjoa^f» %H ^brfiH herunterkam. Wie konnten die Leute ge* 



11) i, S. 310 f. 

12) Kttma, Imminoel, 8. 166. Ana. 66. ^ 

13) So scheint es Pavuts xu meinen, L« J. i, a. 8. S36- Anders 
cx. Handb. 1, b, S. 505. 

1-4) So LieUTfOOT, KUIAÖI., OLtHAUiSn z. d. St,- 

. ij ^ .d by Google 



9% Zjnraiter Absohuitt. 

nida diete Steile treffen , fragte sich Markos, wenn Jesus 
nieht snftilig unter der Thflre des Oaehes stund, eis de- 
dnrch, dafs sie das Daeh in der Gegend, «nter welcher 
sie Jesnm befiiidiich wursten, aufbrachen, iaTiegeyaaav 
Ti/v ^iyijP OTftf ijv '.0^ ^'^^ Markus um so lieber 

anfnahnii weil er den keine Mflhe aehenenden Eifer, wel- 
. chen das Zutranen an Jesa den Leuten elnflöfate, in das 
stärkste Licht zu setzen geeignet war. Aber eben aus dem 
ieztek*en Literesse scheint auch schon die Abweichung des 
l4ukas ron Matthäus henrorgegangen an sein. Bei Mat- 
thäus nXmlich, der die Trifger den Paralytischen auf dem 
gewöhnlichen Wege zn Jesu brinj:^en J/ifst, indem er oline 
Zweifel das mtihseiige Herbeischleppen des Kranken auf 
seinem Lager fSr sieh sehen als Probe ihres Glaubens an- 
sah, tritt es doch minder bestimmt hervor , worin Jesus 
ihre rcictg gesehen haben soll. Wurde nun die Geschichte 
ursprünglich -so, wie sie im ersten Evangelium lautet, vor- 
getragen, so konnte leieht der Reis entstehen, ein mehr 
hemrortretendea Zelelien ihres Zutrauens für die Trffger 
ausfindig en machen ^ welches, sofern man die Scene zu-- 
gleich in grofsei^ Volkagedrünge vor sich gehen liefs, am 
angemeasenaten in dem ungewöhnlichen Wege bestanden 
cn haben scheinen, konnte, welchen die Leute einschlugen, 
um ihren Kranken cu Jesu so bringen. 

Doch auch die Dnrsteilung des Matthäus können wir 
nicht für treuen Bericht von einem Faktum halten. Man 

« 

bat Bwar den Erfolg dadurch als einen natttrllchen darsu- 
ateilen gesucht, dafs man den Zustand des Kranken nur 

für ^Vrvenschwäche erklärte, bei \vol<hcr (Ins Sciilliiimste 
die Einbildung des Kranken, sein Lbel mfisse als Sünden- 
Strafe fortdauern, gewesen sei '^); man hat sich auf ana- 
loge Fslle schneller psychischer Heilung von Lähmungen 



15) s. Famsciui, in Marc. S. 52. 

16) PAmSs, ex. Uaadb. 1, b, S. 498. 501. 

% 



N«iiiift«s Kapifttl. f. HS.« M 



bernfen und eine Iffnger fortgetesto Nuehknr ange- 
nommen allein das Erste und Lezte ist reine Will- 
iLühr; wenn aber an den angeblichen Änalogieen auch et- 
was Wahi*ea sein sollte, so ist es doch immerhin ohne 
Tergleichnng leiehter mdglich gewesen, dafs Hellungsge-^ 
schichten von jfftiAof^ und naQaXxniTtolg den raessianischen 
Erwartungen gemäfs sich in der Sage bilden', als dafs sio- 
wirklich erfolgen konnten. In der schon angeführten Stelle 
dei Jesaias nffmlich, 35, 0, war Ton der messianlschen 
' Zeit auch verheifsen : tüts ikättm tag iXaq^og 6 x^^^^Sy ""d 
in demselben Zusammenhang, V. 3., war den ymcacc na^ 
^Islvfiha ein iaxvaine zugerufen, was,, wie die Übrigen 
damit snsammenhUngendenZttge, splter eigentlich Terstan« 
den und als Wnnderielstnng vom Messlas erwartet worden 
sein mufs, da sich, wie schon erw.'ihnt, Jesus, zum Be- 
weis, dals er der iQxofi^yog sei, auch darauf, dals x^f^^ol 
iSiQgnatfäoiy berief. 

g. 93. 

UnwillkUhrlichc Heilungen. 

Etllchemale in ihren allgemeinen Angaben Über die hef« 
lende Thfitigkeit Jesu bemerken die Synoptiker, dafs Kranke 
aller Art Jesum nur zu berühren, oder am Saum seines 
Kleides sa fassen gesucht haben, um geheilt zu werden^' 
was dann auf die Berührung hin auch wirklich erfolgt sei 
(Matth. 14, 36. Marc. 3, 10. 6, 50. Luc. 6, 19.). Hier 
wirkte also Jesus nicht, wie \^ir es bis jczt immer gefun- 
den haben, mit bestimmter Richtung auf ein/eine Kranke, 
sondern, ohne dafs er von jedem besondre Notis nehmen 
konnte, auf ganse Massen; sein Vermögen au heilen er- 
scheint hier nicht, wie sonst, an seinen Willen, sondern 

17) BaNfrEL , Gnomon , 1 , S. 24.'>. ed. 2. Paulus , S. S02 , nimmt 
auch hier wieder ein ofTcnbarcs Mährchen ans Liviut 2, 36, 
als natürlich erklärbare Getchichle« 

IS) Psmos, s. s.. O. S. 501. 



Dii 



I 



M . Zweiler A^J^tchnitt. 

tH eeinen Leib und dessen Uinhttlliii^j;en gebunden; er 
^ndel lüeht eelbstthäUg Kräfte a«e| eondem mutk eieh 
dieselbea «nwillkäbrlieb abgewinnen lassen. 

Auch von dieser Gattung der Heilungswunder ist uns 
ein detaillirtes Beispiel aufbehalten, in der Geschichte von 
der bintflüssigen Fma^ weicbe sämmtUche Synoptiker wie* 
dergeben, nnd sie auf eigenthfimliebe Welse mit der Ge- 
schichte Ton der Auferweckung der Tochter des Jairus so 
verflechten I dafs auf dem Hinweg zu dessen Hause Jesus 
die fran gebeilt haben soll (Matth. 9, 20 ff. Marc. 5, 
- S5 1^ Lac. 8^ iS if.)« Vergleichen wir die Darstellung 
des Vorgangs bei den yerschiedenen Evangelisten, so kann- 
ten wir diefsmai versucht sein, die des Lukas für die ur- 
sprüngliche zu halten, weil aus ihr die gieichmlifsige Ver* 
Ündang der beseichneten ewei Geschiebten sieb vielleicht 
erblSren liefse. Wie nSmllch die Leidenseeit der Frau von 
fiämmtiichen Referenten, so wird von Lukas, ucJchem 
Markus folgt^ auch das Lebensalter des Mädchens auf zwölf 
Jabre geseat, eine Gleichheit der Zahl, welche wohl 'im 
Stande gewesen kdnnte, die beiden Geschichten in der 
evangelischen Uberlieferung zusammenzugeselien. Doch die- 
ses Moment steht viel Ku vereinzelt, um für sich eine £nt- 
sebeidung herbeiauführen , weicbe nur aus. einer durchge- 
Ibhrten Vergleichung der direi Berichte nach ihren einael- 
nen Zügen hervorgehen kann. Matthäus nun bezeichnet 
die frau einfach Als^yvv^ al^OQnoüoa ötodey.u tir^y was ei- 
nen so lange andauernden starken Blutverlust, vermutb- 
lich in Form an reichlicher Menstruation, bedeutet. Lu- 
kas, der angebliche Arzt , zeigt sich hier seinen Kunstver* 
wandten keineswegs liold, sondern sezt hinzu, die Frau 
habe ihr ganses Vermögen an Arzte gewendet, ohne da(s 
diese ihr hICtten helfen können. Markus, noch ungünsti- 
ger, fügt bei, dals sie von den vielen Arsten viel habe 
leiden müssen, und dafs es durch dieselben, statt hessiM*, 
vielmehr schlimmer mit ihr gewoinien sei. Die Umgebung 



Nenaftet KapIt^L f. tS. f S ' 

Jesu, als die Fnui cn tkm tritt, bilcten mueh MattMw 

seine Jünger, nach Markus und Lukas drängende Volks« 
massen* JHnchdem nnn alle drei Berichterstatter ercihit 
kaken, wie die Frau, ebenso cchilchteni als Tertraaent- 
ipell, xon hinten herangetreten sei nnd denSatini von Jesu 
Gewand berührt habe, melden Markus und Lukas, sie sei 
alsbald gehellt worden , Jesus aber habe das Ausgehen ei- 
ner Kraft gefühlt nnd gefragt, wer ihn bertthrt habel? Ale 
die JSnger befremdet erwiedem, wie er denn bei so ali- 
geineincin Dräiigen und Drücken des Volks eine einzelne 
Berührung habe unterscheiden können? beharrt er nach 
Lnkas auf seiner Behauptung, nach Markus blickt er so* 
ehend am sieh, die ThXterin ausfindig mu machen« Auf 
dieses kommt nach beiden die Frau zitternd herbei, fällt 
ihm zu Füfsen und bekennt Alles, worauf er ihr die be* 
ruhigende Versicherung giebt, dafs ihr Glaube ihr gehol* 
fen imbe. Diesen complicirten Hergang hat Matthäus nicht, 
sondern Ififst nach der Berflbrung Jesum sich umschauen, 
die Frau entdecken, ihr die Rettung durch ihren Glauben 
verkündigen, und sofort ihre Heilung erfolgen. 

Die vorgelegte Differens ist so erheblich, dais man 
^h nicht eu sehr wundem darf, wenn Stork ew^ vee» 
stliiedene Heilungen blutflüssiger Frauen annehmen woll- 
te Wurde er aber hiezu noch mehr durch die bedeu* 
tenderen Abweichungen bestimmt, welche in der mit vor* 
liegender Heilnngsgeschichte verflochtenen ErsShlung von 
der Auferweckunt{ der Tochter des Jairus sich finden : so 
wird es eben durch diese Verflechtung vollends unmöglich, 
sich vorsustellen, dafs Jesus sweimal, beidemale im Hin« 
weg nur Wiederbelebung der Tochter eines jOdischen Sq* 
XCiiy, eine zwölf Jahre lang mit dem Blutflufs behaftete 
Frau geheilt haben solle. Wenn in Betracht dessen die 
lüritik längst fftr die Einheit der faktischen Grundlage no- 



1) Über den Zweck der evang. Gesch. und der Bi;« Job. S. 351 f» 



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Zweiter Abfchnitt 



aerer drei firzählangen sich entschieden hat, so hat ain 
sngle&ch den Beriohten des Markaa und Lukas, ihrer grös- 
seren Ansehauliehkeit wegen, den Vorsog gegeben ^> Al- 
lein , gleich von vorne , wenn doch von Markus Jeder zur 
geben wird, dais sein Zusaz: d/J.cc fj.äkkov eig %d ^Uf* 
QO¥ iX&öaaf als Ausmalung des ix ioxva^v vn idevog 
QonevOijvai bei Lukas, auf seine eigene Reehnung kommt: 
so scheint dieser Zug bei Lukas gleichfalls nur eine selbst- 
, erschlossene Ergänzung des alfiO^lwüaa äudaxu ttrj zu seui^ 
welches Matthäus ohne Zusan' wiederglebt. War die Fraa 
so lange krank, dachte man, so wird sie In dieser Zelt 
viel mit Ärzten zu thun gehabt haben, und \veil zugleich 
im Contrast ^egen die Arzte, welche nichts ausgerichtet 
hatten, die Wundermaeht Jesu, welche augenblicklich 
Hülfe schaffte, in um so glänsenderem Lichte erschien ; so 
bildeten sich in der Sage oder bei den Referenten jene 
Zusfitze. Wie nun, wenn es mit den Übrigen DillVienzen 
sich ebenso verhielte? Dais die Frau auch nach Alatthaas 
Jesnm nur vqu hinten berflhrte, drückte das Bestreben und 
die Hoffnung aus, verborgen su bleiben; daCs Jesus sieh 
sogleich nach ihr umsah, darin lag, dafs er ihre Berüh- 
rnng gefühlt haben mulste. Jene Hoffnung der Frau wurde 
erklttrlicher und dieses GeflQhl Jesu um so wundervoller, 
Je mehr Mensehen Jesum umgaben und drängten; daher 
wurde aus dem Geleite der ftaO'jjai bei Mattliüus von den 
beiden andern ein aw^U^^adtii durch die o/Aoi gemacht. 
J}a sugleich in dem auch von Matthäus erwähnten Um- 
schauen Jesu naoh der ßerffhrung die Toraussetaung lag, 
daCs er diese auf eigenthümliche Weise empfunden habe, 
so bildete sich weiterhin die Sceno aus , wie Jesus , oh* 
gleich von allen Seiten gedrängt, doch jene einzelne Be- 
rfihrung an der Kraft, die sie ihm entlockte, herausfühlt, 
und so wurde das einfache im^Qa^eig xai iöioy iivii]v des 

9) Scan», a. a. O. S. OLtiuvsiii, 1, S. '322. 

1 



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Neunte« Kapi'teL 97 

§ 

Mattblnt sn eaneai fragenden und die Thüterin aus der 
Menge heransauchenden Sichnmwenden, weichet das tie* 
stindnifs der Frau stir Folge hatte, umgebildet. £ndlieh, 
weil als das Eigeiithümlichc dieser Heilungsgeschiehte^ auch 
nach ihrer Gestalt im ersten Evangelium, das Ausgehen ei- 
ner Beilkraft ao8 Jesu noch ehe er die httlfesnchende Per» 
•on gesehen hallte, sich bemeVkllch macht: so bestrebte man 
sich bei'm Weitererzählen der (leschichte immer mehr, 
anmittelbar nach der Berührung den Erfolg eintreten, und 
Jesnm aach nach demselben noch längere Zeit über die 
TiiSterin in Ungewifsheit sein an lassen Cl^^^res im Wi- 
derspruch mit der sonstigen Voraussetzung eines höheren 
Wissens Jesu)) so dafs sich von allen Seiten die Erzäh- 
lung des ersten Evangeliums als die frühere nnd einfachere, 
die der fateiden andern als spätere und ausgescbmficktere 
Formation der Sage zu erkennen gicbt. 

Was nun den gemeinschaftlichen inhalt der Ereäiilungen 
betrifft, so ist in neuerer Zeit beiden, orthodoxen wie ra- 
tionalistischen Theologen das Onwillktthrliche des heilenden 
Einwirkens Jesu ein Anstofs gewesen. Gar zn sehr — hierin 
stimmen Paulus und Olshaus£N zusammen ^) — werde 
liiedurch die Wirksamkeit Jesu in das Gebiet des Physi- 
tehen herabgesogen; Jesus erscheine da wie ein Magne- 
tfsenr, welcher bei der heilenden BerOhrung nervenschwa- 
cher Personen einen Abgang an Kraft verspürt 5 wie eine 
geladene elektrische Batterie, die bei'm Betasten sich ent- 
ladet. Eine solche^ Vorstellung von Christo, meint Ols- 
HAOSBN, verbiete das christliche ßewufstsein, welches sieh 
vielmehr genöfhfgt finde, die in Jesu wohnende Kraftfiille 
als durchaus beherrscht durch seinen Willen , und diesen 
geleitet durch das Bewufstseln von dem sittlichen Zustande 
der stt heilenden Personen, sich an denken. Defswegen 



i) ex. Handh. 1, b, S. 524f. ; >ibi. Gomm. 1, S. 324 f.; v^. 
KötTBR, Immanuel, S. 201 IT* 

Dat Leben Jesu IL Band, 7 



Zweiter Absehniti 



wird nun voraoagesezf , Jesus habe die Fniii aueh ai^gese* 

heil wohl erkannt, und mit Rücksicht auf ihre Fähigkeit, 
durch diese leibliche Hülfe aiieh geistig gewonnen eu wer* 
den, seine heilende Kraft wohlbedacht In sie aosstrdmen 
lassen, sich aber, am ihre falsche Scham su brechen und 
sie zum offenen Bekenntnifs eu treiben, gestellt, als ob er 
nicht Wülste, wei* ihn berührt habe. Allein das christllclte 
Bewufstsein, d. h. in dergleichen Fällen nichts Anderes, 
als die fortgeschrittene religiöse Bildung unsrer Zeit, wei* 
ehe die alterthO etlichen Vorstellungen der Bibel nicht sa 
den ihrigen raachen will , hat zu schweigen , wo es eben 
nicht auf dogmatische Aneignung, sondern rein auf exege* 
tische Ermittlung der biblischen Vorstellungen ankommt» 
Wie von der iSinmischu ng dieses angeblich christiiehen Be> 
wufstäcins alle Verimingen iler Exegese herrühren, so hat 
es auch hier den genannten Ausleger von 4eni offenbaren 
Sinn der Berichte abgeführt* Denn nicht nur lautet in 
den lieiden ausführlicheren Enefiblnngen die Frage Jesu: 
tig pta r^Af'UTO; in der Art, wie er sie bei Lukas wieder- 
holt und bei Alarkus durch ein suchendes Umherblicken 
bekräftigt, durchaus als eine ernstlich gemeinte, wie Ja 
aberhaupt die BemUhung dieser l>eiden Evangelisten dahin 
geht, das Wunderbare an der Heilkraft Jesu dadureli in 
ein besonders helle^s Licht zu setzen , dai's durch blofse 
gläubige Uerüiirung seines Gewandes, ohne dafs er die be- 
rfihrende Pei*son erst r.u kennen, oder ein Wort »u ihr ku s|ire- 
eben brauchte, Heilung von ihm zu erlangen gewesen sei: 
sondern auch ursprünglich sclyin In der kürzeren Darstel> 
lang* des Matthäus liegt in dem nQOOik^yHaa OTiiad-ev r^^fu^ 
to und iui^Qaq^dg IStav tnit^v deutlich dlels, dafs Jesus 
erst nachträglich die Frau kennen gelernt habe, nachdem 
bereits die heilende ICraft in sie ausgeströmt war. Läfst 
sich somit eine der Heilung vorausgegangene Kenntnifs der 
Fraa und ein speeieUor Wille, ihr mn helfen, bei Jesu nicht 
nacjiwdsen, so bliebe für denjenigen, welcher keine un- 



* 



NeiHites Kapitel. 9X 99 

wllikiihriiche Äusserung der Heilkraft Jesu aniieilineti will, 
aar Qbrig, einen bestfindigen «ligemeinen .Willen, Boheilen, 
ia ihiD yoraasEusetsen , mit welchem dann nur der Glau* 
be im Kranken zusnmnu'ntrefifcn durfte, um die H'irkliehe 
Heilung hervorzubringen. Allein dnfs, unerachtet eine specielle 
Willeoarichtung auf die Ueilnng dieser Frau in Jesu nicht 
vorhanden war, sie durch ihren, blofsen Glanben, auch oh- 
ne Berührung seines Kleides gesund geworden wfire, ist 
gewifs nicht die Vorstellung der Evangelisten , sondern es 
tritt hier an die Stelle des indi?iduellen Willensaktes yon 
Seiten Jesu die Berfihmng von Seiten des Kranlien ; diese 
fet es, welche statt des enteren die in Jesu rohende Kraft s 
zur Äusserung bringt: so dafs mithin das Materiali8tis4,he 
der Vorstellung auf diesem Wege nicht cu vermeiden ist. 

Einen Schritt welter mufs die ratlonalistisehe Ausle- 
gung gellen 5 welcher nicht blofs, wie dein modernen Su- 
pranatural Ismus , ein unbewulstes , sondern überhaupt das 
Ansgeheu heilender Kräfte von Jesu nnglanblich ist, wel- 
che dber doch die Evangelisten geschichtlich wahr erstth ^ 
len lassen will. Nach ihr wurde Jesus zu der Frage, wei* 
ihn berührt habe, lediglich dadurch veranlafst, dafs er sich 
im Vorwärtsgehen aufgehalten falilte i dafs die Empfindung 
einer dvfa^ig i^iXO'Saix die Veranlassung gewesen sei, is« 
hlofser Sclilufs zweier Referenten , von welchen der eine^ 
Markus, es auch blufs als eigene Bemerkung giebt, und nur 
Lukas es der Frage Jesu einverleibt ^ die Genesung der Frau 
wurde durch ihr eialtirtes Zutrauen bewirkt, ' vermöge 
dessen sie bei der Berührung des Saumes Jesu in allen 
Nerven zusammenschauderte, wodurch vielleicht eine plüzli^ 
che Zosammensiehung der erweiterten BlutgefüCiie herbei« 
gefilhrt wurde; tibrigens konnte sie im Augenblick nur 
meinen, ;iicht gewifs wissen, gehdit mu sein, und erst 
nach und nach, vielleicht in Folge des (lebrauchs von J>Jit- 
tela, die ihr Jesus anrieth, wird das Übel sich völlig ver^ 

7 • 



oiyiii^cG Uy Google 



/ 

2weit«r Abschnitt» 



loren fiftben ^> Allein wer wird tleli die «ehllehteme Be- 
rührung einer kranken Frau, deren Absicht war, verbor- 
gen za bleiben, und ileren Glaube auch durch das leiseste 
Anstreifen lleilung Bu erlangen gewifs war, als ein Anfas- 
sen, das Jesam im Gehen aofhielt, vorstellen ? was fbr ein 
mächtiges Vertrauen ferner auf die Macht des Vertrauens 
gehürt zu der Annahme, dafs es ohne Hinzutritt einer rea- 
len Kraft Ton Selten Jesu einen BwdlQ'ihrigen Blutfluls 
geheilt oder auch nnr gemindert habe? . endlieh aber, wenn 
die Evangelisten einen selbstgemachten Schlufs (dafs eine 
Kraft von ihm ausgegangen) Jesu in den Mund gelegt, und 
eine nur saccessiv eingeti*etene Wiederherstellnng als eine 
mpmentane beschrieben haben sollen: so fffllt mit dem Auf- 
geben dieser Züge die Bttrgschafit fttr die historische Rea* 
lität der ganzen Erzählung, aber ebendainit auch die Ver- 
anlassung hinweg, sich mit der natüriiciien Krklfiruiig Ter» 
gebUcho Mflhe eu machen. 

In derThat auch, betrachten wir nnr die vorliegende 
Erzählung etwas naher, und vergleichen sie mit verwand- 
ten Anekdoten , so können wir über ihren eigentlichen Cha* 
rakter nicht im Zweifel bleiben. Wie hier und an eini- 
gen andern Stellen von Jesu erefiblt wird, dafs durch blo- 
86 ßerührnng seines Kleides Kranke genesen seien : so be- 
richtet die Apostelgeschichte, dafs die üwh'cota und ai/ji^ 
xh&ia des Paulus, wenn man sie auflegte Cl^i 1^ fO> 
von! Petrus selbst der Schatten, wenn er auf einen fiel 
(5, 15.), Kranke aller Art gesund gemacht habe, und apo- 
kryphische Evangelien lassen durch die Windeln und das 
Waschwasser des Kindes Jesu eine Masse von Kuren vei^ 
. riehlet werden ^> Von diesen lesteren Geschichten weift 
Jedermann^ dala er sich mit denselben auf dem Gebiet der 



4) Faiilvs, es. Hsndb. 1, b, 6. 524 f. 530; L. J. 1, a, S«244f.; 
VaaiuatNi, 2, S. 204 C ; RVstsr a. 's. O. 

5) das Evangelium infantiae arabicum« 



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Neunte)» Kapitel. §.1I3. 401 

Smge und Legende betiiidet ; aber wodurch sollen sich von 
diesen Kuren durch die Windein Jesu die Heilungen durch 
die SehweiCitllcher Pauli unterscheiden, als etwa dadurch, 
dafd jene von einem Kinde y diese von einem Erwachsenen 
ausgehen? Gewifs, stliiide die le/tei*e ^achriclit nicht in 
einem kanonischen Buche, so würde sie Jedermann für fa* 
belhaft haiten: und doch toU die Giaubwflrdiglieic der Er- 
cHhlumgen nicht aus dem vorausgesessten Ursprung de« Buchs, 
das sie enthält, sondern «lie Ansicht von diMii Hii(:!u> nmU ^ 
mmB der liescliaffenheit seiner einzelnen Erzählungen er- 
•ehlosaen werden. Zwischen diesen Heilungen durch die 
Schwei IstQcher aher und denen durch die B<*rOhrnng des 
Maurus am Kleide fiinlet wieder liein wesentlicher Uiitei- 
echied si^tt. i^idemale eine ßerühruiig von Gegenständen, 
wekhe nur in Süsserem Zusammenhang mit dem Wunder- * 
thiter stehen; nur dafs dieser Zusammenhang bei den 
abgelegten Schweifstücliern ein unterbrocliener^ bei dem 
Gewände noch ein fortdauernder ist; beidemale aber 
werden Erfolge,* welche doch auch der orthodoxe Stand- 
ponkt nur aus dem geistigen Wesen Jener Mfinner ablei- 
ten, und als Akte ihres mit dem göttlichen einigen Willens 
betrachten kann, zu physischen Wirkungen und Austliis- 
•en gemacht. Steigt hiemlt die Sache vom religiösen und 
theologischen Standpunkt auf den natarlichen und physi- 
kalischen herunter, weil ein Mensch mit einer solchen sei- 
Bern Körper inwohnenden und ihn als Atmosphäre umflies- 
senden Heilkraft zu den Gegenständen der Naturkunde, 
nicht oMhr derReiigion, gehören würde : so findet sich die 
Naturwissenschaft auss^ Stands, eine solche Heilkraft ^ 
durch sichere Analu^ieen oder klare Begriffe festzustellen, 
und es fallen also jene Heilungen , vom objektiven Gebiet 
auf das subjektive vertrieben, der Psychologie sur Begutach- 
tung anheim. Diese wird nun allerdings, wenn de die 
Macht der Einbildung und des Glanbens in Rechnurg 
nimmt, fOr möglich erachten, dsi's ohne eine wirkliche 



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Zweiter Abcchnitt. 



Ueikraft in fiem vermeiiitiiclien Wiinderthäterj einzig durch 
4m ttbmciiweii^liche Zutraaen des Knmiken so demMl- 
lien, körperliche Leiden, welche mit dem Nervensystem in 

engerem Zusnmmenhang stehen, j^eheilt werden können: 
wenn «nun aber die Psychologie geschichtliche Belege hie- 
Ittr «ttlkaehfcy siv wird die Kritik, weiche sie hiebe! cq Hül- 
fe RH nehmen hst, hsld linden, dsls eine weit gröfsere Zehi 
von dergleichen Kuren durch den Glanben Anderer erdich- 
tetj als durch den angeblich dabei Betheiligter verrichtet 
Wördes ist. So wllre es swor keineswegs an sich vn« 
möglich, diifs dnreh den Sterken Glauben an eine selbst 
den Kleidern und THchern Jesu und der Apostel inwoh- 
nendc Heilkraft manohe Kranke bei Berührung derseli^en 
wirklich Besserung verspürt hätten: aber mindestens eben« 
sogut llllkt sich denken 9 dafs man erst später, als nach 
dem Tode Jener Mfinner ihr Ansehen In der Gemeinde im- 
mer höher stieg, dergleichen sich glaubig erzählt habe, und 
es kommt auf die Beschaffenheit der Berichte hierüber an, 
für welche von beiden Annahmen man sich so entscheiden 
hat. An den allgemeinen Angaben nmi In den Evangelien 
und der A. G. , welche ganze Massen auf jene Weise ku- 
rirt werden lassen, ist eben diese Häufung jedenfalls tra- 
ditionell; die detaiUirte Geschichte aber, welche wir bis- 
her nntersncht haben, hat darin, daft sie die Frau ganae 
ewülf Jahre lang an einer sehr hartnäckigen und am we- 
nigsten blos psychisch zu heilenden Krankheit leiden, und 
dicHeiinng, sti^t durch die Einbildung der Kranken, durch 
eine Jesu fjflhlbar entströmte Kraft vor sloh gehen Mkt^ 
so viel Mythische?, dafs wir eine historische Grundlage 
gar nicht mehr herausfinden können, und das Ganzem als 
Sage betrachten müssen. 

Was diesem Ztvelge der evangelischen Wnndersage Im 
Unterschied von andern sein Dasein gegeben hat, ist nicht 
schwer su sehen. Oer sinnliche Glaube des Volks, unfä- 
hig, das Göttliche mit dem Gedanken au ergreifen , strebt,. 



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Iiieuntes Kii|iitei. $. y4. 16S 

et immer mehr in da« niAterielle Sein herabcnxlehen. Da« 
her miifite nach der späteren Meitiang der heilige Mana 
alt Knocbenreliqole Wunder thuii, ChriaH Leib in der ver* 
wandelten Hostie gegenwirtig sein, und ebeiiflnlier nnch 
jinch einer schon frühe ausgebihleten Vorstellung die Ueii- 
knh der neuteatamentücheii Männer an -ihrem Leib and 
denen Bedeckungen haften. Je weniger man Jean Worte 
fiilite, desto mehr hielt man auf .das FaKsen seines Man« 
(eis, und je mehr man sieii von der freien lieistcsiiraft des 
AposteKs Paulus entfernte ^ fiestd (>^utroster Uels man seine 
üeiiJuraft im Scbweifstuch naeh Hause tragen, 

f. M. 

Heilungrn in die Kerne 

Von jenen onwilikühriichen Ueiiungen sind nun sei- 
dWy welche ans der Entfernung bewirkt werden , ' eigent- 
lich das gerade Gegeiitlieii. Geschehen jene durch blofse 
körperliche Berührung, ohne besondern \V illensakt : so er- 
folgen diese durch den blolsen Wiliensakt olme leibliche 
ScrAhmng oder auch nur räumliche Iffihe. Zugleich aber 
Muts man sagen: war die Heilkraft Jesu so materiell, dafd 
lie bei der blofsen leiblichen Berührung unwilikührlicli sich 
cadiid, so kann sie nicht so geistig gewesen sein, dafs der 
IjlsCie Wille sie auch Über bedeutende Entfernungen hin- 
ibergefragen hätte; war sie aber so geis(i(>;, um auch oh- 
ne leibilclie Gegenwart zu \>irken, so kann sie nicht so 
oMiteriell gewesen sein, um olnie \V illea sich su entladen. 
As wir nnn Jene reinphysische Wirkungsweise Jesu be- 
sweifelt haben : so bliebe uns für diese geistige freier Raum, 
und die £ntscheidunaf über dieselbe >\ird also rein von der 
Untersuchung der Berichte und der Sache selber abhängen. 

Als Proben einer solchen In die Ferne wirkenden Heil- 
kraft Je^n berithten uns Matthäus nnd Lnkas die Heilung 

kranken Knechts eines ilauptmanns ku lia|iernaum , 
Johannes die des kranken Sohns eines ßaailutig ebenda- 



Diyitiz 



1114 Zweiter Abschnitt ) 

•ellwt (Matth.; S, 5 ff. Lue. 7, 1 ff. Joh. 4, 46 ff.); Denier 

Matthäus (15, 22 ff.) und Markus (7, 25 ff.) die Heilung der 
Tochter des kananäischcn Weibes , wovon , da die leztere 
in der sammarischen Relation nichts ÜÜgenthttmiiches hat, 
unr die enteren beiden Iiier so untersuchen sind« Die 
gewöhnliche Ansicht nämlich über die bezeichneten Erzäh- 
lunsren ist die, dafs swar Matthäus und Lukas dasselbci 
Johannes aber ein von diesem Tcrschiedenes Faktum mel« 
de, da sein Bericht von dem der beiden andern in folgen- 
den Zügen abweiche: 1) der Ort, von wo ans Jesus hei- 
le, sei bei den Synoptikern der Aufenthaltsort des Kran- 
iien, Kapernaumy nach Johannes ein davon verschiedener, 
. n&mÜch Kana; 2) die Zeit, in welche die Synoptiker die 
Begebenheit setzen, ntfmlich beide unmittelbar hinter die 
lli iiiikc'lir Jesu nach der Bergrede, sei von der im vierten 
Evangelium angegebenen^ ebenso unmittelbar nach der Rück- 
kehr Jesu vom ersten Pascha und seiner Wirksamkeit in 
Samaria, verschieden; 3) der Kranke sei nach Jenen der 
Sklave, nach diesem der Sohn des Bittstellers; die wich- 
tigsten Abweichungen aber finden 4) in Hinsicht des Bitt- 
stellers selber statt, indem er im ersten und dritten Evan- 
gelium eine Milltftrp'erson (ein ixai6vTaQxos)9 Im vierten ein 
Hofbeamter CßoaiUxcg') y nach Jenen (laut V. 10 ff. bei 
Matth.) ein Heide, nach diesem ohne Zweifel als Jude xu 
denken sei; liauptsüclilich aber werde er nach den Synop- 
tikern von Jesu aU Muster des innigsten, demüthlgsten 
Glaubens belobt, weil er ja Jesum in der Zuversicht, dafs 
er auch aus der Ferne heilen könne, verhinderte, in sein 
Haus zu gehen : nach Johannes dagegen werde er umge- 
kehrt, weil er die Gegenwart Jesu in seinem Hause Bum 
Behuf der Heilung für nöthig hielt, wegen seines schwa« 
chen , der ot^fttla und %tQaicc bedürftigen (iluubens geta- 
delt '). 

i) s. die AutfUhriingcn von Paulus, Lvckb, Taoivcx und Oli« 
MAUisn s. d. St. 



4 



•Neuntes KapiteL 94. M 

Diese Abweichungen tlnil elierdfn^ bedeutend genug, 
am von einem gewissen Gesichtspunkt aus um ihretwilieu 
auf der Verschieden heit des dem synoptischen und des dem 
jolianneischen Berichte sum Grunde liegenden Faktischen 
SU beharren : nur soiite man, wenn man es ron dieser Seite 
80 genau nimmt, sich über die Abweichungen, welche auch 
zwischen den beiden synoptischen Berichten stattfinden ^ 
nicht Terblenden. Schon in Bezeichnung der Persen des 
Leidenden stimmen sitf nicht gans susammen : Lulias heifst 
ihn einen di}).og liitfiog des Ilati])tmanns , bei Matthäus 
nennt dieser ihn fS Tnug ti^i, was ebensowohl einen Sohn 
als einen Diener bedeuten iiann, und dadurch, daTs der 
Hauptmann V* 0, wo er von seinem Knechte spricht, den 
Ausdruclc: dsXog gebraucht , wfihrend der Geheilte V. 13. 
wieder als S naig aiiu bezeichnet wird, eher im ersteren 
Sinne erkh'irt eu sein scheint. In Betreif seines Leidens 
wird der Mensch von MatthSus als ein naQaXwixog dsi— 
vojg ftaaavitoiievog geschildert, von welcher Kranliheitsform 
Lukas nicht allein^schweigt, sondern, indem er zu dem unbe- 
stimmten : xaxiog eycov noch zeXivz^ sest. Manchen 
eine andere Kraniiheit voranssusetsen scheint , da die Pa* 
ralyse sonst nicht als schnell tOdtende Kraniiheit vor^ 
komme -). Als die bedeutendste Differenz aber geht durch 
die ganze Er/ählung diese hindurch, dais Alles, was iiach 
Matthfius der Centurio unmittelbar sellist thut, bei Lulias 
doreh Gesandtschaften vermittelt Istj indem er hier suerst 
schon, nicht wie bei Matthiius persönlich, sondern durch 
die 7Li)eoßi^iQHQ %wv ^lüöaluiv Jesum um die Heilung ersncht, 
dann aber von dem Betreten seines Hauses Ihn wiederum 
nicht selbst surlickhlllt, sondern durch einige Freunde al»- 
mahnen läfst. Zur Ausgleicliung dieser Differenz pflegt man 
sich auf die Regel : quod quis per alium facit etc. zu be- 



2) SciaiiXMUCMSJi, Uber den Lukas, S« 9f« 



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Zweiter Abschnitt; 



rufen Soll damit 9 wie es auf dem Sfandpiinkt der so 
urdieüenden £rkiXrer nicht anders denkbar ist, gcMgt 
•ein, Matthfins habe wohl gewafst, dals swisehen dem 

Hauptmann und Jesu Alles durch Mittelspersonen verhan- 
delt worden sei, dennoch aber habe er der Kttrse wegen 
mittelst Jener Redefignr Ihn selbst mit Jesu sprechen las- 
sen : so hat Storr vollkommen recht mit der Gegenbemer- 
kung^ dafs wohl schwerlich irgend ein Geschichtschreiber 
jene Metonymie so beharrlich» durch eine ganze Erzühlung 
.kindurchfiihren würde ) und swar in einem Fallej wo et- 
nerseits die Redefignr sieh keineswegs so von selbst f^irathe^ 
wie B* B. wenn einem Feldhemi sugeschrleben wird, was 
seine Soldaten thun, und wo andrerseits gerade auf den Um- 
stand, ob die Person selbst oder durch Andere gehandelt 
haboi nur vollen Erkennbarkeit ihres Charakters etwas an- 
komme Mit Idbllcher Conseqnens hat daher Storr, wie 
er der bedeutenden Differenzen wegen die Erzählung des 
vierten Evangeliums auf ein anderes Faktum beaiehen au 
inOssen glaubte, als die des ersten and dritten, ebenso um 
der Abweichungen willen, welche er awisehen den Berich- 
ten der lezteren beiden fand , auch diese für Erzalilungeii 
aweier verschiedenen Be«;ehenhei(en erklärt. Wundert man 
sich, dafs su drei verschiedenen Malen ein so gana ähnli- 
cher lleilungsfall an dem gleichen Orte vorgekommen sein 
soll (denn auch nach Johannes lag und genas der Kranke 
in Kapernaum) : so verwundert sich Storr seinerseits* wie 
man im Mindesten unwahrscheinlich finden könne, dafs in 
Kapernaum an verschiedenen Zeiten awei Hauptlente einen 
kranken Knecht, und wieder ein andermal ein Hofbeamter 
einen kranken Sohn geiiabt, dafs der zweite lianjitniann 
Cdes Lukas^ von der Geschichte des ersten gehört, sich auf 



S) Augustin, de consent, cvang. 1^ 20) Faulus, ex. Uandb. i, b 

S. 709; KöRTKR, Immanuel, S. 65. 
4) Über den Zweck u. f. S. 35l« 



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M.eaaU« KiipiteL S* M« ' 107 



ihatiche Art «n Jmub gewendee, und tebi Beltpiel ebem 
durch Denulh so übertreffen gesacht habe, wie der erste 

Hanptmann (Matth.), dem die frühere Geschichte des Hof- 
manns (Joh.) bekannt gewesen sei, das schwache Vertrauen 
dieeee lauteren habe ttbertreff»iii wollen, nnd dafs- endlich 
Jesus alle drei Patienten auf dieselbe Weise aus der Feme 
geheilt habe. Allein der Vorfnll,' dafs ein vornehmer Be- 
amter von Kaperna um Jesam um die Heilung eines Ange- 
hörigen bat> und Jesus aus. der Kntfemung so auf diesen 
einwirkte, dals nai di^eselbe Zeit, da Jesus das heilende 
Wort sprach, der Kranke zu Hause genas, ist so einzig 
in seiner Art, dafs eine dreimalige Wiederholung dessel- 
ben unmöglich angenommen werden kann, und auch schoA- 
eine blofs sweiaMdige Schwierigkeiten hat; wefs wegen der 
Versuch gemacht werden mufs, ob nicht die drei Berichte 
auf £ine Grundlage sarttckgefUhrt werden können. 

Hier ist nun die am allgeoMinsten fttr verschiedenartig 
gdialtene Emihlung des vierten Evangelisten nicht allein 
in den schon angegebenen GrundsUgen der synoptischen 
verwandt, sondern in manchen bemerkenswerthen Einzel- 
lieiten stimmt einer oder der andere der beiden sjnopti- 
schen Relerenten genauer mit Johannes susammen alr mit 
dem andern Synoptiker. So, wlihrend in dem Zuge, dals 
er den Kranken als 7i;ct7g bezeichnet, Matthäus mindestens 
ebensowohl mit dem johanneischen viog übereinstimmend 
gefunden werden kann, als mit dem dnlog des Lukas, tref- 
fen Matthäus und Johannes darin entschieden susammen, 
dafs nach beiden der kapernaitlsche Beamte sich unmittel- 
bar an Jesum selber wendet, und nicht, wie bei Lukas, ^ 
durch Vermittler. Dagegen stiaunt der johanneisohe Be- 
rieht mit dem des Lukas ^egen den Blatthflns in der Be- 
aohreibung des Zastandes überein, in welchem der Lei- 
dende sieh befunden haben soll : beide wissen nichts von 
der nandlvatSy von welcher Matthjius spricht, sondern be- 
seiehnen den Kranken alk dem Tode nahe, Lukas durch 



1^ Zweiter AbscliDiit. 

t^fislla tilew^f Johannes durch ^ftelXer ano&vr^axnv^ 
WQsa der lestore V. 51 naehtrXgiieh bemerkt, 4alk die 
Krankheit ron einen nvQerog begleitet gewesen/ In Dar- 
stellung der Art, wie Jesus die Heilung des Kranken voll- 
isog, und wie dessen Genesung erfolgte | steht Johannes 
wieder auf Seilen des Matthias gegen den Lukas* Wäh- 
rend nISuilleh dieser ^ne ansdrllckllehe Versleheirung Jesu, 
dafs der Knecht geheilt sei, gar nicht hat, lassen jene bei- 
den ihn sehr Übereinstimmend su dem ßeamten sagen, der 
eine: maye^ Mfd wg iTÜgBvaag y&n^&iim aoif der andere: 
noQBVüy 6 vlos ÜB U], nnd adch derSetduft des Matthias; 
xal uttyr^ o 7icil(; ariü h tfj wqa ixiivjjj stimmt wenigstens 
der F,orm nach mehr zu der johanneischen Angabe, bei ge- 
haltener Naehfrage habe der Vater gefunden^ dafs ixUvfi 
%fl al^. In welcher Jesus Jenes Wort gesprochen, sein 
Sohn gesund geworden sei, als zu der des Lukas, dafs die 
eurtfckgekchrten Boten den kranken Knecht gesund ange- 
troffen haben» In einem andern Punkte dieses Schlusses 
wendet sich nnn abl^r die Zustimmung des Johannes roa 
Matthias ' wieder sn Lukas Eurfick. Bei beiden nimlleh 
ist von einer Art ron Gesandtschaft die Rede, welche Kn- 
iest noch aus dem Hause des ßeamten tritt: bei Lukas 
eine Ansahi Ton Freunden des Uauptnuinns, welche Jesom 
abhalten sollen, sich selbst su bemOhen; bei Johannes 
Knechte, welche jubelnd ihrem HeriMi entgegen zie Ihm i und 
ihm die Kunde von der Genesung seines Sohnes bringen. 
Gewils, wo drei ßrsihlungen so durcheinander Tersclilon- 
gen sind., wie diese, darf iMn nicht biofs nwei derselben 
für identisch erklären und eine als rerschiedene stehen las- 
sen > sondern man muls die drei Berichte entweder alle 
auseinander halten, oder alle sasammenwerfen, wie Les- 
teres nach Üteren Vorgängern Sinlbr gcthan 0, und Tho- 
lüCK wenigstens für möglich erklärt hat, es »u thwn. Nur 

suchen solche Ausleger dann die Abweichungen der drei 

»_ . * 

5} s* hei LücKB, 1, S. 552* 



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« 



Helmtes Kapi taL f. 04. 109 

Beriehte eo mn erkUren, dafe keiner der fivenigelitten et- 
was Falachea getagt haben eolL Den Stand des Bittstet- 

lers betreffend sncht man den ßaaihxog des Johannes zum 
Militarbcamten zu machen, wovon dann das kxcttoyraffxos 
der beiden andern nnr nähere Bestimmung wire; was aber 
den Hanptpunkt) das Benehmen des Bittstellers, betrifft, 
99 kannten, meint man, die rersehiedenen firefihler ver- 
schiedene Seiten der Sache in der Art hervorgehoben ha- 
ben, dais Johannes nur das Frühere wiedergäbe, wie sieh 
Jeana Aber die anftngiiehe Sehwiehe des Gianbens in deas 
Bittenden beklagte, die Synoptiker nnr das Spitere, wie 
er seinen schnell gewachsenen Glauben belobte. Wie man 
aaf noch leichtere Weise die Hauptdifl'erenz swischen den 
beiden ajnoptisehen Berichten, in Hinsicht der mfttelbaran 
eder unmittelbaren Bittstelinng, ausgleichen su können 
meinte, ist bereits ai\gegeben worden. Dieses Bestreben, 
die Widersprüche der drei Relationen auf gütlichem Wege 
ausangieichen, Ist ein falsches. Es bleibt dabei: ^e Sjih 
optiker haben sich den Bittsteller als einen Centurio ge» 
dacht, der vierte Erangeilst als einen Hofbeamten; jene 
als glaubensstark, dieser als der Stärkung noch bedürftig^ 
Johannes und Matthäus stellten sich vor, er habe sich an* 
mittelbar, Lukas, er habe sich aus Bescheidenheit nur mit* 
talbar an Jesnm gewendet ^« 

Wer stellt nun die Sache auf die rechte, und wer auf 
irrige Weise dar? Nehmen wir zuerst die beiden Synop- 
tiker fflr sich, so ist nur Eine Stimme der Erkiirer, daib 
Lukas die genauere Darstellung gebe. Schon das will man 
unwahrscheinlich finden, dal's der Kranke nach Matthäus 
ein Paralytischer gewesen sein sollte, da bei dem Ungefähr- 
lichen dieses Leidens der bescheidene Hauptmaiin schwer- 



€) FamtcMs, in Maltk* p. 310: diserepat aotem Lucas ita a 
Mattbaei narratione« ut centurionem non Ipsum venisse ad 
Jesum, aed per legatoa cum eo egiise tradat ^ qulhns disai- 
dcnUbus paeem obtmdere, boni aego interpretii ette« 



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IM 



7weit«r AbBobnitt. 



Heb Jotom glelcb bet'm Eintritt in die Stadt in Betchlag 

'genommen haben wUinle als ob ein sehr schmerzhaf« 
tes Übel 9 wie das von IVlatthäus beschriebene, nicht mög« 
Üeiift schnelle Abhülfe wttnschenswerth machte , and ala 
ob' et ein nnbeselieidener Ansproeb gewesen wtfre« Je* 
fium noch vor seiner Nachhauselianft um ein heilendes 
Wort ea ersuchen. Vielmehr das umgekehrte Yerhfilt« 
aÜs Bwischen Matthäas und Lukas wird durch die £e* ^ 
awrkang wabrscbeinlicb, dafs das Wunder nnd also nach 
das Übel des wunderbar Geheilten in der Überlieferung 
sich nie verkleinert, sondern stets vergrölsert, daher eher 
der arggepiagte Paralytische zum /niXXtjv relBut^ gestei» 
gerty als dieser sn %nem blofs Leidenden berabgesest wer- 
den mochte. HaoptsflcbÜch aber die do])pelte Gesandtschaft 
" bei Lukas ist nach Schleiermacher etwas, das nicht leicht 
erdacht wit*d. Wie^ wenn sich dieser Zug vielmehr sehr 
deutlieh als einen erdachten su erkennen gtfbe? Wfihrend 
bei MattliXus der Hauptmann Jesum auf sein Erbieten, 
mit ihm gehen zu wollen, durch die Einwendung zurück- 
Euhalten sucht: xvQts, ux el/ui Ixavdg, iva fiu vtio Tt]v s^Y^^ 
ütMdjiQf lälst er bei Lukas durch die abgesandten Freunde 
noch liinausetsen ; dio iÖe ificevrov ^^Itaaa nqog ae iX^cIr, 
womit deutlich genug der Schlufs angegeben ist , auf wel- • 
chem diese Gesandtschaft beruhte. Erklärte sich der Mann 
für unwürdig, dafs Jesus su ihm komme, dachte man, so 
hat er wohl auch sich sellist nicht fiBr würdig gehalten, an 
Jesu BU kommen, eine Steigerung derDemuth des Mannes, 
durch welche sich auch hier der Bericht des Lukas als 
der secundfire zu erkennen giebt. Jien ersten Anstofs au 
diesen Gesandtschaften scheint übrigens das andere Inter- 
esse gegeben eu haben, die Bereitwilligkeit Jesu, Iii des 
Heiden Haus zu gehen, durch eine vorgängige Empfehlung 
desselben su motiviren. Das ist ja das Erste, wns die 
nQBaßunQOi tww ^Maim^ nachdem sie Jeait den Kranlibeit»» 

7) ScauniaMAcasK, a. s. O* S, 92 f« 



NeHBUt Kapitel. % U. ' Ul 



IkU beriehtet» liimEiiMtBeii, Sri ä^wg igip f ytOQtiti rSro* 
ayan^ yaQ ro idifog r^ficSv sr. t. Shnlich , wie gleiehfftlls 
bei Lukas, in der Ä. G. 10, 22., die Boten des Cornelius 
dem Petrus 9 nm ihn su einem Gang in dessen Haus sii 
TermSgeii} aoseinandertetiBeii, da(s er ein ow^q dlxaiog xoi 
q:oßijitevog top ^ov, fiaQTVQilfievog re vnd oXe t8 l&vag twv 
^ladalov sei. Dafs die doppelte Gesandtschaft nicht ursprüng- 
lich sein kann, erhellt am deutlichsten daraus, dafs durch 
diesalbe die firaUhiang des Luiias aile Haltung verliert. 
Bei MatthSnt hüngt Alles wohl sasamineii : derHaoptmann 
seigt Jesu zuerst nur den Zustand des Kranken an, und 
fiberlüfst entweder ihm selber, was er nun than wolle, oder 
et kommt ihm, ehe er seine ßitte ltellt| Jesus mit seinein 
Anerbieten, sieh in sein Hans au begeben, anvor, was nun 
der Hauptmann auf die bekannte Weise ablehnt. Welches 
Benehmen dagegen, wenn nach Lukas der Centurio Jesu zu« 
•rat durch die jüdischen Ältesten sagen läfst, er möchte hom- 
men (£l5ttffO und seinen Knecht heilen, hierauf aber, wie 
Jesus wirklich kommen will, gereut es ihn wieder, ihn 
dazu veranlafst su haben, und er begehrt nur ein wunder- 
thätiges Wort yon ihm. Dals die erste Bitte nur von den 
Altesten, nicht von dem Centurio ausgegangen diese Aua» 
knnf^ läuf^ den ausdrücklichen Worten des Evangelisten 
entgegen, welcher durch die vW^endung: a/ftgtUe — nQ^oßv-^ 
tigog iifunon' aviov die ßitte als vom Hauptmann selber 
ausgegangen darstellt; dafs aber dieser mit dem ik^hav nur 
gemeint hallen sollte, Jesus mScIite sich in die Mähe •eittCU 
Hauses begeben, und nun wie er gesehen, dafs Jesus so« 
gar in sein llaus treten wolle, dicfs abgelehnt habe, wfire 
doch woiii au ungereimt , als dals man es dem sonst ver- 
standigen Manne «utrauen könnte, von welchem aber eben« 
defshalb noch weniger eine so wetterwendische Umstim« 
mnng au erwarten ist, wie sie im Texte des Lukas liegte 



8) KviKÖL, in Matth. S. 221 f. 



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112 Zweiter Abschnitt. 

Wie aber dieser dazukam, die Bitte der ersten Gesandt- 
schaft durch eine zweite surttcknehmen zu lasse diefs ent- 
deckt Qn8 ein iinseheinbarer Verrfither^ der Aasdmek: 
ytQi€ , ^r^ axvXXo nSmlieh j weicher in nntrer ErKlEhinn|r 
dem Lukas eigenthUmlich ist. Diese Formel erinnert an 
die ähnliche, welche derselbe Evangelist, und nach ihm 
Markus, in der Gescbichto Ton der Tochter des Jaims 
gebraucht, wo, nachdem vor Jesn Ankunft im Hanse das 
Müdchen gestorben ist, ein Bote von da dem mit Jesu sich 
nähernden Vater mit der Erinnerung : /urj oxvkle joy dido» 
CxakWf en^egenkommt (ß, 490* Der Hauptmann, welcher 
Jesnm nicht in sein Hans tiemfiben will • erinnerte ihn an 
den Boten, der dem Jairus wehrte, den Lehi*er in sein 
Haus zu bemühen, und wie hier, so iiers er nun auch dort 
der Ablehnung eine Aufforderung, in das Haus xu kom- 
men, vorangehen* Da an einer solchen Contre» ordre nnr 
bei Jairus, in dessen Hause sich seit der ersten A'ufTorde- 
rnng durch -den Tod der Tochter die Lage der Dinge ver- 
ändert hatte, keineswegs abe^* bei dem Centurio , dessen 
Knecht noch immer im gleichen Zustande war, ein Grund 
▼erlag, so kann der Zug mit der widerrufenden Botschaft 
nur aus jener Geschichte , wenn sie gleich erst nach der 
unsrlgen kommt, in diese herübergewandert sein, nicht aber 
umgekehrt« 

Da von der Identification aller drei Geschichten die 

neueren Erklarer sich hauptsächlich durch die Furcht ab- 
gehalten finden, Johannes möchte dabei in das Licht eines 
solclien gestellt werden, der die Scene nicht genau genug 
anfgefafst, und wohl gar das Hauptmoment übersehen ha- 
be so würden sie niso , wenn sie eine Vereinigung 
dennoch wagen wollten , dem vierten Evangelium so viel 
möglich die ursprünglichste Darstellung der Sache vindici* 
ren, ^e VoranssetBung , die wir sofort aus der Beschaf* 



9) TaOiVCK, S. 102 f. Hase, ^. 68. Aom. 2* 



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Nenntes Kmpiteh S* te. 113 

fenheit Her BericHte heraitB so prftfeii hnben. Das nun, 
dafs dein viertt'ii Evangelisten der Bittende ein (iaoi?,ixog 
ist, nicht, wie den übrigen, ein kxtetoviaQxoQy ein in« 
differenter Zog, ans weleJiem sich füv keinen TheÜ etwas 
sehKefeen Ixist, ond ebenso kann es mit der Abweichang 
in Betreff des Verhältnisses des Kranken zum Bittsteller 
sich zu verhalten scheinen. Indessen, wenn man in Bezug 
aof dtn leateren Ponkt sieh iragt: welche, der drei BeaeicJi* - 
mmgaweisen eignet sieh am ehesten daan, die bdden an* 
dern aus sich haben entstehen zn lassen ? so wird man wohl 
schwerlich annehmen können , dais aas dem jobanneischen 
ri6$ in absteigender Linie snent anbestimmt ein naig^^ 
dann ein dölog geworden sei, and aach die umgekehrte 
aufsteigende Richtung ist hier minder wahrscheinlich , als 
das Mittlere, dais aus dem sweideutigen naigy welches wir 
im ersten EvangeUnm finden, in zwei Richtungen das ei- 
nemal ein Knecht, wie bei Lukas, das andremai ein Sohn, 
wie bei Johannes, gemacht worden sein. mag. Bafs die Bo 
Zeichnung des Zustandes, in welchem sich der Leidende 
iiefand, bei Johannes wie bei Lukas sich au der bei Mat«' 
thXas als Steigerong, mithin als die spätere yerhahe, ist 
bereits oben bemerkt. Der Unterschied in der Ortsan« 
gäbe würde auf dem jetzigen Standpunkt der verglei- 
ciienden Evangeiienkritik ohne Zweifel so beurtheilt wer« 
den, da(s in dar apostolischen Tradition, ans weleher die 
Synoptiker schöpften, der Ort, von weichem aus Jeisua 
das Wunder verrichtete, mit dem, in welchem der Kranke 
lag, zusammengeflossen, das minder bekannte iiana* von 
däm iierttJunten Kapemaum versaiiiungen worden sei, Jo* 
hannes aber, als Angenseuge, das ivenauere aufbewahrt 
habe. Allein so erscheint das Verhültnifs nur, wenn man 
den vierten Evangelisten als Aogenaeugen schun voraus- 
sest: sacht man, wie man coli, rein aus der Beschaffen« 
hak der Barichto k^rana m entsokeidou, so atelit sink ein 
ganz anderes Ergebnifs heraus; £s wird hier eine Hei« * 
JJai lieben Jtiu II, Band* 8 



■ 



114 aw«itev Abtehnill. 

lung au d«r Penie beriehtet , in wcÜehcv das Wunder nn 

so gröfser erscheint, je weiter die Distans swischen doia 
Heilenden und Geheilten ist. Wird nun die mötidiiche 
Überlieferung 9 wenn sich die £caälüung in dieser fori- 
pflenst, eine Neignng baben, Jene Entfernung , und daadt 
das Wunder y zu verlileinem , so dafs wir in der Darstel- 
lung des Johannes, der Jesuin die Heilung von einem Orte 
aus verrichten läfst , von welchem der Hofbeamte erst am 
andern Tag bei dem GebeÜten ankommti die urtprüngiielie^ 
in der der Synoptilier dagegen, welebe Jesum mit dem 
kranken Knecht in derselben Stadt sich befinden lassen, die 
traditionell umgebildete £rsäblnng b&tten? Kur dae Um- 
gekebrte kann der Sage gemäfs gefunden werden | und 
aoeb liierin alte neigt sieb der Jelianneiteiie Berieht als 
ein abgeleiteter. Besonders gemacht eelgt sich noch die 
Fttnktlichkeity mit weicher im vierten £vangelium die Stun- 
de der Geneenng des Kranken autgemittelt wird* Aua dem 
einfiiehen, aneb aenat am Scblusse ron Heilungsgeseblebten 
vorkommenden la^/; tfj di()^ ixtivt] des Matthäus ist ei- 
ne Nachfrage des Vaters nach der üjqu iv rj xofitl'OTiQW 
fg^Bf eine Antwort der Knechte: .oci x^^» ißdofiipf^ 
aqi^Mtw ovror o nvQitigf und endlich daa Resultat, dala 
iv ixeivt] xfj a»()^, iv t] flnev aitt^ 6 V. 6 viog oa ^fjj die- 
ser wirklich gesund geworden sei , gemacht : eine üngstU« 
die Genauigkeit, eine Quälerei mit der Rechnung | welche 
weit mehr das Streben dea Referenten | das Wunder an 
eenftaCiren, als den ursprfinglichen Hergang der Sache zu 
eeigen scheint. Darin, dafs er den ßctOikiKos persönlich mit 
Jean verbandeln läfst, hat der Verfaafer dea vierten Rvan-' 
gelluma mehr ala der dea dritten die nraprOngllebe Ein» 
fiiebbelt der firaKhIung bewahrt, wiewohl er, wie bemerkt, 
in den entgegenkommenden Knechten einen Anklang an 
die aweite Botschaft des Lukas hat. In dem Hauptdiffe- 
renspmkt aber, der den Gharakler des BIttotellera beCrifily 
kteale nmn mit Amwendnng unsen eigenen BlaAftabea dem 



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« 



neuntes Kapitel. §.94. ' IIS 

Johannes den Vorzag vor den beiden andern Referenten 
juierkennen h ollen. Denn wenn diejenige ErzHtiiung die 
nehr sagenhafte Uty welche ein Bestreben iiaeh VergröPse- 
ning oder Verschöneriung wn erkennen giebt: so konnte 
man sagen, es zeige sich der Bittende, der nach Johannes 
aiemiich schwach im Glauben gewesen sei, bei den Syno|w 
tikem ni einem CUanbensamster verschönert. Allein nicht 
Mif Verschdnerung ttberhaupt, sondern nar In Bealehung 
mmi ihren Haaptsweck, welcher bei den Evangelien die 
Verherrlichung Jesu ist, gebt die Sage oder ein dichten der 
Referent ans, and bienach wird man in doppelter Ulnsicb^ ' 
die Versehtfaerung auf Seiten des vierten Evangelloms fin« 
den. Einmal, wie es überfaaapt darauf ausgeht, die Über- 
legenheit Jesu durch den Contrast mit der Schwäche de- 
rer, die mit ihm an tbun haben, hervorzuheben, konnte es 
aneh hier sein Interesse sein, den Bittsteller eher schwach- 
als starkgläubig daransteilen, wobei liim Jedoeli die Erwie- 
derung, welche es Jesu in den Mund legt : idv ///} oijitla 
uai %iQaxtt idt^Sf i fu^ m^BvavjffBf doch wohl zu hart ge- 
mthen Ist^ welswegen.sie denn auch die meisten Erklärer 
in Verlegenheit seat. Zweitens aber konnte es anschick- 
lieh erscheinen , dafs Jesus von seinem anfänglichen Vor- 
saz, in das Haus des Kranken zu gehen, sich nachher 
wieder abbringen liefs^ and so fremdem Einfluls na folgen 
sebieii; man konnte.es fiBr angemessener halten, die llei- 
long aus der Ferne als seinen arsprOnglichen Vorsaz, und 
nicht erst durch einen Andern ihm eingeredet, darzustel- 
len. Sollte nun aber, wie diefs die Überliefernng an die^ 
Hand gab, «ier Bittsteller doch eine lünrede gethan haben, 
so moTste diese die entgegen^esezte Richrang als bei den 
Synoptikern bekommen, nämlit:li, Jesum zu einem Gange 
in das Haas des Kranken bestimmen zu wollen. 

Fragt es sich nun um die Möglichkeit und den nüiie- 
ren Hergang des vorliegenden Ereignisses, so glaubt die 
natürliche Erklärung am leichtesten mit der Erzählung 

8 ♦ ■ 



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11(1 Zweiter Abschnitt ' 

des vierten £vangeliams zurecbtsukommen. Hier, wirf) be- 
merkt , sage Jesnt niclits diifon, dafs er die Heilung des 
Kranken bewirken wolle, sondern er Tersiehere den Vater 

nur, dafs das Leben seines Sohnes ausser Gefahr sei (o 
wid^' Oü ^ij)> und auch der Vater, wie er finde, dafs das- 
Besserwerden seines Sohnes mit der Zeit, am weiche er 
mit Jesus gesprochen, susammenfaUei sciiBelse keineswegs, 
dafs Jesus die Heilung aas der Ferne bewirkt habe. So 
sei diese Geschichte nur die Probe davon, dafs Jesus, ver- 
möge gründlicher Kenntnisse in der Semiotik , im Stande 
gewesen sei, auf gegebene Beschreibung der Umstände ei» 
nes Kranken hin eine richtige Prognose Ober den Verlauf 
seiner Krankheit zu stellen ; dafs jene Beschreibung hier 
nicht mitgetheilt sei, daraus folge nicht, dafs sie Jesus 
sich nicht habe geben lassen; ein ai^fistov sber werde 
diese Frohe (V. 54.) genannt, als Zeichen einer Ton Jo- 
hannes zuvor noch nicht angedeuteten Fertigkeit Jesu, die 
Genesung eines besorglich Kranken vorauszusagen AI« 
lein, abgesehen von dieser Mifsdeutnng des Wortes Wf^fiHw 
und jener Einsehwiireung eines im Text niobt angedeute* 
tcn Gesprächs , erschiene bei dieser Ansicht von der Sa- 
che der Charakter und selbst der Verstand Jesu Im 
sweideutigsten Lichte. Denn, wenn wir schon denjenigen 
Amt fdr unyorsiehtig halten würden , welcher auf selbst- 
genommenen Augenschein hin bei einem Fieberkranken, 
den man so eben noch für erbend hielt, die Genesung 
verbürgte, und dadurch seinen Kredit auf das Spiel see- 
te: um wie viel vermessener hfitte Jesus gehandelt, wenn 
er auf die blofse Beschreibung eines Laien hin die (Se- 
fahrlosigkeit des Uinstandes versichert hätte? Ein solches 
Qenehmen können wir uns an ihm defswegen nicht den« 
keni weil es der Analogie seines sonstigen Verfahrens, md 



10) Favlvs, Comm. 4, S. 2S3f. Vsanrana, 2, S. 140 ff. Vgl. 
Hsw, 6S. 



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117 



4Mi Eindruck , welchen sein ChiuniiiCer bei den Zeifgeno«- 

sea surückliefs ) geradezu widersprechen uiirdo. Hat al- 
so Jesns die Genesung «ies ileberliraniLen auch nur vor- 
aosgessgtv ohne sie sn bewirlien, so muis er doch auf so- 
Yorilfsigere Weise als durch natttrlitflies RSsonnemenC ron 

derselben versichert gewesen sein, er niufs sie auf über- 
nalflriicJie Art gewufst haben. Diese Wendung hat der 
neaeata firlüfirer daa Johannas der Sache an gaben versucht. 
Kr ateilt die Frage , ob wir hier ein Wunder des Wissens 
oder des Wirkens haben ? und da nun von einer unmit- 
telbaren Wirkung des Wortes Jesu nirgends die llede sei, 
sonst aber iui vierten Evangelium gerade das höhere Wis- 
san Jesu l»esonder8 liervorgehoben werde 9 so erldirt er 
sich dahin, Jesus habe vormuge seiner höheren Natur nur 
gewufst, dafs in jenem Augenblicke die Krankheit sich zum 
Lalieo entschied ' Allein die öftei*e Uervorhebuiig des hö- 
heren Wissens Jesu in unserem Evangelium lieweist \de* 
her nichts, da es ebenso oft auf sein höheres WirlLon auf- 
merksam macht. Ferner, wenn von übernatürlichem Wis- 
sen Jesu die Rede ist, wird dlefs sonst deutlich angegeben 
(wie i) 49. 2, 25. ö^ 64.)» und so würde Johannes, wenn 
eine AliernatOriiehe Kunde von der ohnehin erfolgten Ge- 
neitung des Knaheu gemeint wäre, Josum wohl aucli 
hier auf ähnliche Weise, wie dort au Nathanael, zu dem 
Vater sprechen iaasen, dals er seinen Sohn bereits in ar- . 
trigÜelierem Zustande auf seinem Bette erblicke. Nicht 
nur aber ist von höherem Wissen nichts angedeutet, son- 
dern eine wunderbare Wirksamkeit deutlich genug zu ver^ 
stehen gegeben. Wenn nämlich von einem /i£Uow ano^ 
Or^axuv die piöaiielia Genasung gemeidet ist, so will man 
aanichsl die Ursache wissen, welche diese unerv> artete 
Wendung herbeigeführt habe, unti >%enn nnn ein ßericht, 
der auch sonst auf das Wort seii.es lielden hin Wunder 
erfolgen i&lst, eine Versicherung des»elbau^ dals der iiran- 

IJ) LScaa I, S. WO f. 



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US Zweiter Abschnitt. 

ke lebe, mittheilt, 80 kann nur das falsche Bestreben, das 
Wonderbare en veraindem, der Anerkenntnifs im Wege 
stehen,' dafs der ErzShIer in diesem Worte die Urseelie 
Jener Veränderung anheben wolle. 

Bei der synoptischen Erzffhlang ist mit der Annahme 
einer blofsen Prognose nicht nbznkommeny da hier der Vater 
(Matth. V. 8.) eine heilende Einwirkung verlengt, and Jeras 
ihmCV. 130 eben diese seine Bitte ^fewllhrt Dadoreh schien 
sich bei der Entfernung Jesu von dem Kranken, welche «lle 
physische wie psychische Einwirkung nnmöglich machtey 
der natprliehen Erklffrang jeder Weg en Tersehliefsen : 
wenn nicht Ein Znir der finsllhlong unerwartete Hfllfe ge- 
boten hätte. Die Vergleichung nM'mlich , welche der Cen- 
tnrio zwischen sich und Jesu anstellt, dafs, wie er nur ein 
WoK spreohen cttirfoi vm dnreh seine Soldaten and Die- 
ner diefs and jenes ausgerichtet bu sehen , so aneh Jesam 
es nnr ein Wort koste, seinem Knechte zur Gesundheit zu 
verhelfen, konnte man möglicherweise so pressen, dafs, wie 
auf Seiten des Kii^iptoiannsy so auch anf Seiten Jesa an 
mensehliehe Mittelspersonen gedacht wurde» Demnach 
soll nun der Hauptmann Jesu haben rorstellen wollen , er 
dürfe nur zu einem seiner Jünger ein Wort sprechen, so 
werde dieser mit ihm gehen und seinen Knecht gesund 
mnehen , was sofort aueh wirklieh geschehen sein 'soll ■ 
Allein, da dlels der erste Fall wire, dafs Jesus durch sei- 
ne Jünger heilen liefs, und der einzige, dafs er sie unmit- 
telbar zu einer bestimmten Heilung abschickte: wie konn* 
te dieser eigenthUmiiohe Umstand sogar in der sonst so 
ausflihrilehen ErsXhlung des Lukas stillschweigend Tor^ 
ausgesezt werden ? warum , da dieser Referent in Aus- 
spinnung der ttbri«fcn Rede der Abgesandten nicht spar- 
sam ist| geiEt er mit den paar Worten j welche Allee auf* 



III) Paulus, ex. Haodb. h, S. 710 f.} natUrliche Geschichte, 
a, S. 28S ff« y ' 



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Neuntes Kapitel. $. M. 



119 



gekUUrt haben worden, wenn er näaÜoh so dem dns Xdytih 
tA tiöv fta^tjinh OB oder dergleiehen etwas getest hfttte? 
VoUende aber an Sehioate der BrafiMimg^ wo der Erfolg ge- 
■Mldet wird , kommt diese Deutung niebt blos durch das 
Seilisch weigen der Referenten, sondern durch einen positi- 
ven Zug bei Lukas in die übelste Verlegenheit. Lukas 
aehliefst nllmUeb aüt der Motis, dafs die Frenade des Häuft- 
maniBs bei Ihrer Rüekkehr Iib< deisen Haas deii Kneeht be> 
reits gesund gefunden haben. Soll ihn nun Jesus dadurch 
wiederhei^esteilt haben, dafs er den Abgesandten einen 
•der BMhrere seiner Jttnger mitgab, so konnte es mit dem 
Kranken erst von da an, als die Abgesandten mit den 
Jüngern iiu use Ankamen, allmfihlig besser werden, 
nicht aber konnten sie ihn bei ihrer Ankunft schon her- 
gestelit i|nden. Paom» freilieb sent vorans, dieAbgesandtsn 
haben sich bei den Reden Jesn noeh etwas verweilt^ nnd so 
seien die Jünger vor ihnen angekommen : aber wie sich 
jene so unnöthig haben verweilen mögen, nnd wie der 
Evangelist neben der Absendang der Jfinger mm aueli 
noeh das Zorflekbleiben der Abgesandten habe verseliwei- 
gen kennen, enthllt er sich an erkliCren. Mag man nnn 
statt dessen als dasjenige, was den Soldaten des Haupt- 
manns auf Seiten Jesu entspricht, KrankheitsdäoMnen *'>, 
oder dienstbare fingei*^), oder blos das Wort nnd die 
Heilkrüfle Jesa denken: JedenlSills bleibt ans eine 
wunderbare Wirksamkeit in die Ferne. 

Diese Art des Wirkens Jesa nun hat nach dem Zuge- 
stlndnilb seilist soleher Aasleger, welche sonst das Wan- 
derbare nicht sehenen, darin etwas liesonders Sebwierl* 
ges , dafs durch den Mangel der persönlichen Gegenwart 
Jesu und ihres wohlthfttigen Eindrucks auf den Kranken 



IS^ so ichon Clem. homil. 0, 21; jezt Fritzkchk, in Matth. M3* 

14) Wbtstkik, N. T. 1, p. 349; vgl. ÜMMA^ssir» 1» S. 269. 

15) üttSTsa, laiaManel, S. 186. Anau 



Uü 



Zweiter Absehnitt« 



ans jede Mügllehkeit genommen ist, die Heilang dnrch ein 
Analogon des KAtüriichen uns denkbar su maclien '^)* 
Naeb OwAUSBH «war hut aaeb dieae Femwirknng Um 
Analogleen y niaalieh Ina ihieriaelien Hagnetianiaa Iah 
will diefs nicht geradezu bestreiten , sondern nur auf die 
Schranken anfmerksam roacben, innerhalb deren sich met- 
aea Wiasena dIeae l!a*sehainiiiig im Gebiete dea JMagnetia- 
Moa lauaer bftit. In ilia Feme bin wIrben bann nneb den 
bisherigen Brfahmngen nnr theils der Magnetiaenr oder 
ein anderes im magnetischen Rapport mit ihr stehendes In- 
dividimoi auf die aomnaoibüle Person, wo aJao der Fern» 
wirbnai; laMier eine imnültelbare Berfibrnng. veranagegaii* 
gen aebi «inft, waa In dem Verbiltnira Jean m» dem Kran- 
ken unsrer Erzifhlung nicht gegeben ist; thells kommt eine 
solche Wirkungsart bei den Somnambulen selbst oder an- 
dern in ■endMetem N^BnrenBaatand befindlieben Menaebon 
vor, waa nHedemm auf Jeaum belne Anwendung findet. 
Geht also ein solplies Heilen entfernter Personen, wie es 
In unaem firnäUiuno^en Jesu zugeschrieben wird, über je- 
nes AiiaaeMto natUrliebmp Wirlisaaibeit, wie wir es im 
Magneliamoa nni den verwandten firsebeinnngen finden ^ 
noch weit hinaus: so wird uns durch jene Ersählungen, 
aofern sio historisnlie Geltung ansprechen, Jesus zu einem 
übernatürlichen Wesen , und ebe wir ein solches uns 
ak wirklieb denlien, verlohnt et «ich aa£ nnaeram krili- 
aeben Standpunkt , auvor noeb sn unteraUcben , ob 'die 
betraehteto KvaU iIuii«t nicht auch ohne historischen 
Grai\d dennoch habe entstehen können? Eumal sich| dala 
alo aagenbafte In^rediensien enthalte, aehon an den ver- 
acbledenen Formationen aeigt, welohe aicf In den dcoi evan- 
gelischen Berichte i erhalten hat. Und hier erhellt es nun 
von selbst, dals da« wuaiierJjiu*eUeUea Jesu durch Berüh- 



16} Lt^oifB, 1, 8. SSO. 
17) b. Comm, S. 



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I 



rung des Kranken , wie wir e8 2. B. bei den AuMülcigm 
lUttb. 8» I. «nd dm Blinden Matth* 9, natreffiin, veiv 
Büge einM nahe Uegfenden Klimax aanlohat sum Heilan 

Gegenwärtiger mlttelist des blofsen Wortes, wie bei den 
Dumoniaohen» dan Aiusftteigen Luc. 17 ^ 14. und andern 
Krankafty dann abav nnr llerttelkilig aeibst Abwasandar 
dnrah ein Wort tiah «telgern konnte, wie denn aohan in 
A. T. ein Analogen hievon besonders herausgehoben ist. 
Wie n6inUoh nach 2. Kön. 5 , !) ff. der syrische Feldherr 
Na^flum vor die Woknttng das Frepiiaten fiiftta ium, un 
•ich vom Ansaas keilen sn lauen, gieng dieser nicht aelbat 
EU ihm heraus, sondern sandte ihm einen Boten und Hefa 
ihn zu siebenmaliger Waschung im Jordan anweisen. Dar- 
filier wurde der Syrer so ungehalten, da(a er, ohne die 
Anwelning dea Propheten nn berflekdohtigen, wieder hein- 
sfiehen wollte. Er hake erwartet, erktSrt er, der Prophet 
werde zu ihm hertreten und unter Anrufung Gottes mit 
der Hand über die auss&taige Stelle fahren;- dafs nnn aber 
der Prophet, ohne aelkat etwas an ihn Torsnnehnen, ihn 
an den Jordan verweist, das maeht ihn nothlos und ärger- 
lich, weil, wenn es auf W^asscr ankäme, er solche zu 
Uause besser als hier hätte haben können. Man sieht aus - . 
dieser A. T,liehen Darsteiiong: das Ordentliehe, was man 
ron einem Propheten erwartete^ war, dafs er anwesend 
mit körperlicher Berülnuing heilen könne; dafs er es auch 
entfernt und ohne Berührung vermöge, wurde nicht vor- 
ausgesetet. i)a£i Elisa dennoah auf die lectere Weise die 
Kur des anss&tsigen f'eldherrn vollbringt, (denn das Wa- 
schen wsr es auch hier so wenig als Job. 9. , was den 
ICmnken gesund machte, sondern die Wundermacht dea 
Propheten, welche ihre Wirksamkeit an diese äussere 
Handlung «n knfipfen fllr gut fand), dadurch bewies er 
sich als einen besonders ausgezeichneten Propheten, — und 
nnn di'r ^lessias, durfte der auch in diesem Stücke hinter 

fiijui Propheten «ni'üfikbieibeu ir ISo aeigt sieh unsre Ii. T.Uehe 



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122 Zweiler Abschnitt. 

£r£ühlung als nothwendiges Gegenbild Jener A. T.lichen. 
Wie dovl der KmniLe an die Mligtiehkek aeiner Wiedel 
berstellanf nieht glaahea will, wenn der Frephet nkin evn 
seinem Hause heraus £u ihm trete: so zweifelt hier nach 
der einen Redaktion der für den Kranlien Bittende ebenso 
nn der MdgliehlMit dSw Ueiinngi wenn nicht Jesoe in sein 
Baas tretay naeh der andern im Ctegentbeii ist er Ton der 
Wu*l&8amkeit der Heilkraft Jeso aneh ohne das Obei-seugt, 
und nach beiden geiiiigt hief Jesu wie dort dem Preplietea 
' aneh dieser besonders sdiwierige WnnderalU« 

f. M. 

Sabbatheilttiigett« 

Grofsen Anstofs erregte den evangelischen INachricliCeii 
nfolge Jeans dsidnrehi dals er nicht seiten seine HeÜnngs- 
wunder am Sabbat yerrichtetey weven ein Reispiel den drei 

Synoptikern gemeinschaftlich Ist, swei dem Lukas eigen- 
thämlichy und awei dem Joluinnes* 

In fener den drei ersten ETangellslen gemetnsehaftK* 

eben Erzählung sind zwei Fälle vermeinter Sabbatsenthei- 
ligung verbunden, das Ährenraufen der Jflnger (Matth. 
12) 1. paralL) nnd die durch Jesum yollbracble Heilung 
des Menschen mit der verdorrteif Hand (V. 9 IF* parali*). 
j^ach der auf dem Felde vorgefallenen Verhandlung Uber 
das Ährenraufen fahren die beiden ersten Evangelisten so 
fort) wie wenn Jesus unmittelbar von dieser Scene weg 
In die Synagoge desselben nieht niher beaeichneten Orts 
sich verfügt , und hier aus Anlafs der Heilung des Men- 
schen mit der verdorrten Hand abermals einen Streit über 
die Heiligung des Sabbats gehabt hütte. Offenbar aber 
waren diese iieiden Geschichten arspranglich nur der Ahn- 
llebkeit des Inhalts wegen zusammengestellt, wefswegen 
hier Lukas au loben ist, dafs er durch die Worte: iv Iti' 
Qtf üaßßar^ den ehronaiogischen Zusammenhang swisehen 



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* 



beiden aasdrücklieh eerschnitten hat Die weitere Un- 
lemicliaiig) wessen Erzlihlong hier die arsprttngiiclieffe s^ 
JÜiaiieii wir dareh lUe BemerlLaiig erledigen , dele, wenn 
Ae von Bfatthios den Pharislem In den Mund gelegte 
Frage, ob es erJaabt sei, am Sabbat zu heilen, als ein 
Stficli Ton gemachtem Dialogisiren bezeiehnel wird 
deeeen eliensognl diesellie Fmge Imelinldigt werden kenn» 
welehe die nwei mittleren Eimngelisten Jeta leihen, nnd 
noch dazu ihre belobte ^) Schilderung, wie Jesus den 
Kranken in die Mitte treten heifst, and spSter strafende 
Biieke ringsumher wirft, einer gemeehten AneelmnUehiieit. 

Dm Üiiei des Kranken war nach den llbereinstinnien* 
den Nachrichten eine x^^^Q ^^^Q^ oder i^rjQaftfiivTj. So un- 
liestimmt diese Beaeichnung ist, so macht es sich doch die 
Mtfirliche £rkiämng ailsnieieht, wenn sie mit Pilülüs nnr 
eine durch Hitne angegriffene oder gar nach Vsimmiin's 
Ausdruck eine verstauchte Hand ^) darunter versteht. Son- 
dern wenn wir, um die ßedentung der N. T. liehen Be- 
leiebnungsweise sn bestimmen, .biliig auf das A. T. so* 
rOekgelien^ so finden wir 1* Kdn« 18, 4. eine Hand, wel« 
che im Ausstrecken i^ijQovd-r^ C^^^J?^)? aIs unfähig geschii» 

dert, an den Leib anrOckgezogen au werden, so da(s also 

an Lshmung und Starrheit der Hand, and, bei Verglei* 
chung des von einem Epileptischen gebrauchten ^r^oalrfalhaL 
Maro. 9, 18», augieich an ein Saftioswerden nnd Schwin- 
den SU denken ist Dafbr nun aber, dafs Jesus dieses 
und andre Übel mit natürlichen Mitteln behandelt habe, 
wird aus der vorliegenden £rzählung ein sehr scheinbares 



1) ScMLsiBRAiACHKR, Ubcr den Lukas, S. 80 f. 

2) ScMKBCKSKBVR«BR, Über den Ursprung u« s« f. S« 50. 

3} SCHLKIBÜMACHBR, B. B. 0. 

4) r». Handb. 2, S. 48 ff. 

5) NalürUcbe Getcbiclite, 2, 8. 431« 

6) Wiaia, b. Redw. t, 8. 796« 



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124 



Zweiter Abschnitt 



Argument abgeleitet. Nur ein solches Heilen , sagt man , 
war »m Sabbat verboten , weiohet out irgend einer Be» 
■ohllitignng rerbunden war: also mllasen die Phariifer, 

wenn sie, wie es hier heifst, von Jesu eine Übertretung* 
»der Sabbatsgesetze durch Heilen ern arteten ^ gewuüt ha- 
ben, dafo er nicht durch das bloiae Wort, aondem durch 
Medieaikiente und diirorgische Operationen sn helien pfleg* 
te Da indessen, wie Paulus selbst anderswo anf&hrt, 
am Sabbat das Heilen auch nur durch eine sonst erlaubte 
Beschworung verboten war da femer Bwischen den 
Schulen HiUei's und Sctuunmara ein Streit obwaltete , ob 
ancb nur das TrSsten der Kranken am Sabbat eriaubt sei 
und da überdiefs nach Paulus eigener Bemerkung die äl- 
teren Rabbinen im Punkte des Sabbats strenger waren als 
diejenigen, von weichen die uns Torliegenden Schriften 
über diesen Gegenstand^ herstammen so konnten die 
Heihingen Jesu , auch ohne dafs natürliche Mittel dabei 
ins Spiel kamen, von chicanirenden Pharis&ern unter die 
Kategorie von Sabbatsverletsungen gesogen werden. Dem 
Baopteinwand gegen die rationalistisehe Krklfirung, der ano 
dem Schweigen der Evangelisten von natürlichen Mittein 
hergenommen wird, glaubt Paulus für unsorn Fall durch 
die Wendung nn begegnen, dafs damals in der Synagoge 
keine cur Anwendung gekommen seien, sondern Jesus 
habe sich die Hand vorzeigen lassen, um zu sehen, wie 
die bisher von ihm angeordneten Mittel (also werden der» 
gleichen doch fingirt) geholfen hätten, und da habe er sie 
bereits Tdllig geheilt gefunden ; denn dafs sie bereits wie» 
derhergestellt gewesen sei, nicht dafs sie nun plözlich ge- 
sund gewoi*den, bedeute das anoxaiiga^ti stimmtlicher ile- . 



7) Pavius, a. a. O. S. 49. 54. KKjjtkk, Immanuel^ S. ISo 1. 

8) a. a. f). S. 8). , aus tract. Scliabhjt. 

0) Schal)bat, f. 12, 1, bei ScHöms», 1> p. 123. . 
lu; a. d. sulezt «. O. 



Nemitta KiipUeL f. m 

fcrmten* Allerdings sagt dieser Aorist; sie war herge* 
stellt und wurde es nicht erst wffhrend des Aasstreckeiis , 
weJches ohne vorangegangene Heilung so wenig möglich 
gewesen wäre als 1. Kön. 13, 4L dns Ansiehen: aber sie 
war es geworden dureh das Wort «leso, welches die £vsn- 
geiisten mittheilen , nicht darch natfirliehe Mittel , welche 
nur von den ErkJärcrn ersonnen sind 

tiieich sehr entscheidend aber^für die Kothwendlgkeit, 
hier eine Wonderheilung ansonehmen^ wie für die Müg* 
liehkeit , die Entstehung der Anekdote sn erklären, ist die 
nähere Vergieiclinng der bereits erwähnten A. T. lieben Er- 
sählung 1. Kön. 13, 1 ff. Als ein Prophet aus Juda dem 
MB Götaenaitar rüuchernden Jerobeam jnit dem Untergang 
des Altars und des Gfftaendlenstes chrohte, und der König 
mit ausgestreckter Hand den Unglückspropbeten zu grei- 
fen befahl, da vertrocknete plötzlich seine Hand, so dafs 
er aie nicht mehr anrflckaiehen konnte^ und der Altar aer«' 
fieL Wie aber auf £rsnehen des Königs der Prophet Je- 
hova um Wiederberstellung der Hand bat, konnte sie jener 
wieder an sich ziehen, und sie wurde, wie sie vorher ge* 
weaen war Auch Paulus vergleicht hier diese £rafih- 
long, aller nur um auch auf sie seine, Jiatttrliche Crklämngs- 
weise durch die Bemerkung ansuwenden, Jerol>eams Zorn 
habe leicht eine vorübergehende krampfhafte Erstarrung 
der Moskoln u. s. w. in der gerade mit Heftigkeit aus» 
gestreckten Uand henrorbringen ktfnnen« Wem Mit ea 



11) Fmvxscasy in MtHh. p. 427 ; in Marc. S« 79* 



12) 1 Rtfai. 13, 4. LXX : ««V 2Si 
rS ßmotiäm^ sr|o« «^or, jwl 



MaHh. 12, 10; wA tS^ Sr^ 

^aV (Marc, i^rj^afj ft^vr^v)» 

13: roV« i4f9i ttr9^n^*- 



ttn Mtlr andmr Verliliidiiii|^ mkomm^ii kdimfe; <den«( 
auch noch einer dritten Heilungsgeschichte Ist ein lihnlichep 
Ausspruch beigesellt. Luiias nümlich erzählt 13, 10 ff. die 
mm Jesa am Sabbat vollzogene Heilung einer dfimonisch 
MaanmengobOekten Fraa, wo aaf die Beschwerde des Sjh- 
agogenvonrtehers Jeans die Pragpe snriickgieht , ob denn 
nicht jeder am Sabbat seinen Ochsen oder Esel von der 
Krippe löse and cur Trünke fühi*e? eine Frage, in wel- 
oher die Variation der obigen nicht an verkennen Ist 80 
gann jden tisch erscheint diese Gescliiehte mit der snleat er- 
wähnten , dafs Schleiermacher daraus, dafs bei der zwei- 
ten nicht auf die vorhergehende surück gewiesen , und so 
die Wiederholung durch das EingestXndnifs entschuldigt ist, 
aeklieCst , es könne Luc. 13^ 10 — 14^ 9» nicht von demsel- 
ben Verfasser hintereinander geschrieben sein ' 

Haben wir hienach gleich nicht drei verschiedene 
Verfälle hier, sondern nur drei versehiedene Rahmen, in 
welche die Sage das nnvergefsllche, v^abi*haft Tolksthftmll- 
che Diktum von dem am Sabbat zu rettenden oder au ver* 
Borgenden Hausthier gefaist hat: so mufs doch, scheint 
es, wenn wir Jesu eine so originelle und angemessene He* 
de nicht absprechen wbilen, irgend eine, am Sabbat ver- 
gefallene Heilung enm^ Grunde liegen. Nur nicht gerade 
eine wunderbare. Sondern wie Lukas in der zulezt an- 
geführten Stelle jenen Ausspruch mit der Heilung einer 
dUmenisehen Frao verbindet, so konnte er von Jesu bei Ge- 
legenhelt einer jener Heilungen von Dämonischen,' deren 
natürliche Möglii hkeit wir unter gewissen Einschränkun- 
gen sugegcben haben, gethan worden sein \ oder kann Je- 
ans anofa , wenn er bei KrankheitsfKllen unter seiner Ge- 
sellschaft in Anwendung der Üblichen Medikamente auf 
den Sabbat keine Rücksicht nahm , jene A])pellation an 
den praktisohen Menschenverstand au «einer iUehtfertigung 



n) a. a. O. S. 196. 



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Nemit^s Kapitel. $,9!^ 19$ 

waMg gthßkt haiMB.; «dar andlieii, wemi an dar Annahme 
»tioiialiatisclier £rklarer afwaa Wahre« itt, dnfs Jesus in 
orientalUcher, namentlich essenischer Weise neben der 
Seelenheilang auch mit leiblicher sich befafst habe, so 
kann er hiebei, wenn er der Anffordemng hieao auch am 
Sahbat niehc widerstand so einer solchen Apologie ver> 
ania(^t gewesen sein; nur dais wir dann immer nicht mit 
jenen Auslegern in den einzelnen übernatürlichen Heilun* 
gen, welche die lüvangelien melden, die cum Gmnde lie* 
gendan natttrliehen au&nchen dttrflen, sondern wir mlüs» 
ten eingestehen, dafs ans diese gaits verloren, und jene an 
ihre Stelle betreten seien Lbrigens müssen es nicht 

^nmal Heilungen überhaupt gewesen sein, an welche sich 
Jener Ausspruch Jesu knüpfte, sondern Jeder als Lehens- . 
rettong oder Lebenserhaltung sn betrachtende nnd mit äus- 
serer Geschäftigkeit verbundene Dienst, ilen er oder seine 
Jünger leisteten , konnte ihm der pliarisüiscben Partei ge» 
genfilier Anlafs au einer solchen Vertheidigung Vierden. 

Von den awel Sabbatheilungen des vierten Erenge- 
Hame ist die eine schon mit den Blindenheiluniien betrach- 
tet worden; die andere (5, IffO) welche unter den iiei- 
inngen der Paralytischen vorgenommen ^ werden konnte, 
llelä sich, well doch der Kranke nicht mit jenem Ausdruck 
bezeichnet ist, hieher versparen. In den Hailen des Teichs 
Üethesda in Jerusalem fand Jesus einen schon u8 Jahre, 
wie aus dem Folgenden erhellt, an Lühmung kranken Men- 
achen, welchen er mit, einem Worte sum Aufstehen und 
HalBiUragen seines Bettes beflfthlgt, dadurch Jedoch, weil es 

i6) Treffend Wikkr, b. Realw. 1, S. 796: „man sollte sich doch 
betcheidein , [von den Heilungen Jesu] nicht in den ein- 
seinen Fällen eine natürliche Erklärung ^ebea su wol* 
teil) und immer bedenken, dass die Verbanauag des Wua« 
derharea aas der Wirksamkeit Jesu, to lange die Evan- 
gelien geschichtlich betrachtet werden^ nie* 
mais gelingen kann,** ^ 
IIa« l^hgn J€au IL Band. * 9 



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130 Zweiter Abtehnltt. 

Subb«! wnr, die FVlndteheft der JlfdiMheii Rlemreben auf 

sich Indet. Auf ei^' ne Weise glaubten seit Woolston 
JMaiiche mit dieser Cie8chichte durch die Annahme fertig 
SU %vei*«l«ii, daf« Je<oe hier nicht einea wirklieh Leiden* 
den. geheilt, sondern nur einen verstellten Krenlien entlenri 
habe**). Der einzige Grund, der mit einigem Schein hie- 
fttr angeführt werden kann, ist, dafs der tiesandgemachte 
Jesum seinen Feinden als denjenigen angebe, der ihm an 
Sebbat sein Bettesa tragen befohlen habe (V. IS. vgl. 11 ff.), 
was sich nur dann erklSren lasse , wenn Jesus ihm etwas 
Unwillkommenes erwiesen hatte. Allein jene Aneeige konnte 
er auch entweder in guter Meinung nachen, wie der Blind- 
geborene CJoh. 9f 11. Sft»), oder wenigstens in der unschul- 
digen , den Vorwarf der Sabbatsverletzung von sich auf 
einen Stjirkeren abzuwälzen '^). Dals der Mensch wirk- 
lieh krank I und swar an einem langwierigen Übel krank 
gewesen sei, giebt ipvenigstent der Evangelist als seine 
Ansieht, wenn er ihn Als T^icnrortcr xal oxttj etri tx!^ 
iff uai^tveiri bezeichnet (V. 5.)j wovon Paulus seine früher 
vorgetragene gewaltsame Erklärung, nach welcher er die 
S8 Jahre auf das Lebensalter^ nicht auf die Krankheitsseit 
des Mannes besog, neuerlich selbst nicht mehr vertreten 
mag^°). Unerklärlich bleibt bei jener Ansicht von dem 
Vorfall auch, was Jesus bei einer späteren Begegnung au 
dem Geheilten sprach CV. 14.): ide vyt^g yi/owas* f^iti 
uftccQTcn'ey tva /nrj ytlQOv tlaoi yivr^tat* Paulus selbst sieht 
sich durch diese Worte g'eniithigt, ein wirkliches, nur un- 
bedeutendes Unwohlsein bei dem Menschen vorauszuse* 
Ben, d. h. daj ünsureichende seiner Grundansicht von 
dem Vorfall selbst einzugestehen, so dafs wir also hier ein 
Wunder, und zwar keines der geringsten^ behalten. 

17) Ditc. • 

18) Paulus, Comm. 4, S. 263 ff. L. J. 1, S. 298 It 

19) s. Lücke und Tholuck z. d. St. 

20) vgl. mit Comm. 4^ S. 290. das L. J. 1^ S. 298. 



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Neuntes Kapitel. 95. 



131 



Was nan die historische Glaubwürdigkeit der Erzäh« 
logn betrifft) so kann man es allerdings auffallend finden^ 
fUfii einer «o grolaartigen WohlltaligkeitMBatelt, wie io»* 
hennei Betflieeila beselireibt) weder Jeeephoe noeh die SUJk* 
binen Erwähnung thun , ramal, wenn die Volksmeimmg 
* an den Teich eine wunderbare Heilkraft knüpfte -'): doch 
flliirt diedi noeh keine Entseheidung herbei« üafs in der 
fiesclirelbang des Telokee ein- fabelluifter Veiksglauke Jiegl^ 
«nd vom Referenten aceeptirt cn werden scheint (wenn 
auch V. 4. unächt ist, so liegt jener Glaube doch in der 
tdmfitg t5 vdcezog V. 3. und dem woQax^fjy* '^Of beweist 
gegen die Wahrheit der Ersüliliing trfehtt» da «neb ein- 
Aogenieeuge und Jünger Jeiu den betreifenden Voiksglau» 
ben getheiit haben kann. Dafs nun aber ein seit 38 Jah»' 
ren in der Art gelähmter Mensch, dafs er zum Gehen nn->- 
£lhig anf eineooi BeUe liegen mofate^ dnreh «in Wort vttlllgi 
wiederhergestellt worden sein soll, dSefa denkbar na hm- 
eben, reicht weder die Annahme psychologischer Einwir- 
kung (der Mensch kannte ja Jesum nicht einmal, V. 13.}> 
Boeh irgend welebe phyaiache Analogie (wie Magnetismue 
Mm dergl«) auch nur von ferne biny aondern wenn dielb 
wirklich erfolgt ist, so mflssen wir den, dnreh welchen re 
erfolgte , über alle Grenzen des Menschlichen und Natürli- 
chen hinausheben. Dagegen hätte man das, dafs Jesus aus 
der Menge von Kranken, welche in dei^ Hallen von Be- 
theeda sieh befanden, nur diesen einsigen aar Heilong aus- 
erkor, niemals bedenklieh hndcn nullen da die Heilung 
dessen, der am längsten krank lag, aur Verherrlichung der 
Mesian&sehen Wunderkraft nicht nur besonders .geeignet , 
sondern anch hinreichend war. Dennoch knüpft sich an- 
drerseits eben an die.sen Zug tlie V ermuthung eines m)thi> 
sehen Charakters der is^rzühlung. Auf einem gruisen Schau- 



21) Bhktschnbidkr, Probab. S. 69* 

22) Wie Hass^ h. J. ^. 

% 

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0 



Itt 



pUrs der Knifikliett, wo all^ inl)|[r|{ehe Ulileiiile aiitfetfellt 

^suifi, tritt «Icr grofse Wuiicierarzt Jesas auf, und Mählt 
tioh HcnfonWen, der um lfai*tniickigsten leidet , heraus, um 
lUnrcli Wieäerhersteilotig desselben die gUCnmendsto Probe 
seiner Hellkrsflt »bsulegen. Wie wir es bereits als die 
Weise des vierten Evangeliums kennen, statt der extensiv 
gröfsoren Masse synoptischer Wundergeschiohten ^enigOi 
aber desto intensivere cu gelien : so hat es aaeh hier darch 
die Erafihiiing von der Heilung eines 88 Jahre lang Ge* 
lähmten alle synoptischen Berichte von Heilungen giicder» 
kranker Personen, von weichen die am längsten leidende 
bei Lukas 11. nur als eine yv^i^ nnvftai'xHaa aa&tviiag 
fnf dixa tt<ä onrii beseichnet war, liei Weitem ftberbo* 
ten. Ohne Zweifel war dem Evangelisten eine 9 obwohl, 
wie wir diefs auch sonst schon fanden> eiemlich onbestimpite 
Kunde von dergleiciien Heilungen Jesn, namentlich der dee 
Paralytisclien Matth. 9, 2 parall., zugekommen , da der 
heilende Zuruf und der firfuig der Heilung hier bei Jo- 
hannes fast wörtlich ebenso, wia dort namentlich bei Mar- 
kus, angegeben ist *^). Auch davon, dafs in der synopti- 
aehen Arsählnng Jene Heilung cuglelch als ein Akt der 
SSndenvergelMing erscheint , ist in der vorliegenden jolmn- 
neischen Geschichte noch eine Spur^ üidem Jesus ^ wie er 



Marc. 2, 9: 

Mfdßfimrvt ivf |tjrcfrti ; 

10; — fyriQt^ aQov rov 
m^äßßajor am xttX Snayt ilf 
tir •tniw 99, 

12* jmI ^tY*\9rj 9v9^(y »m 



Joh. 5, 8: 
4MI* n§ffnärt*» 



9: MaX fSSitft %fhtT9 ^tri% 

S 9p9^ta9to;j xat i]Qf rov x^dß^ 
ßaiov mveä xai nt^itnaxit. 



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NeaAtei Kapitel. 96, 1)S 

dort den Kranken ror der Heitang mit einem ccq)i(t}vral 
ul ufia4f$iai beruhigt , aQ hier n*Qh der lieiiang.ihii 
durch das ^/itiith^ ofHi^am r« L rerw^mL Die ao «fip- 
l|e«chnaokte HeilangsgeMhichte aber wvrde sugleieh' s«r 
•Sabbatheilung gemacht, weil das darin Torkoinmende Ge- 
heifs y das Bette hlawegs^utragen , ai« der geeignetate Aa- 
lidasiinVorvriicf derSdbiMMillH)!^^ wmbim. 

tu«..-.'' 

, Todtenorwecliuagen. 

0rtti Tedtentrmcbtingwi wkaen Ufo Bnftifellitoii 
Jean w erslhlen, dafon eine den drei SynoptUtem ge* 
. iiiein^cliHftlich, eine dem Lukas , und eine deo^ Johannea 
eigeuthüiolicii ist* * 

Die yainta«o iat diejenige, welche tob Jean. an ei- 
nem Mffdchen verriehtet worden, und In allen drei Berieh» 
(en mit der Erzählung von der biutflüssigen Frau verbun- 
den ist CMatth. 9, 18 f. 23— '26. Marc. 22 ff. Luc. 8, 41 ff.). 
In der nfiheren Beeeichnn^g des Müdchena «nd ihrea Ve* 
(era welchen die Synoptiker ab, indem Ihltbilia den Va- 
ter, ohne einen tarnen zu nennen, unbestimmt als an^wv 
^iSt beiden andern aber als Synngogenvorsteher Na- 
mena *laai(MS einfilhrefi) und ehendieseibeii aoch die Tech- 
ter ala awfilQlihrlg, Lokiia.'nech entoerdem ala daa einnige 
Kind ihres Vaters, bestimmen, wovon Matthfna nicfata 
weifs. Bedeutender i^it die eitere Differenz , dafs nach 
Mattbäna der Vater das Müdchen Jesu gleich Anfange ala 
gestorben ankündigt, nnd ihre Wiederlieiebung Tcrlai^, 
während er nach den beiden andern aie noch lehend, ob- 
wohl in den legten Zügen, vei liers, um Jesum zur Verhü- 
tung ihres wirklichen Todes Jierbei/u holen, und erst, wie 
Jeaoa mit ihm auf dem Wege war, Leute auif MnemHau- 
ae mit der Nachricht kommen, dafs daa ^tfidchen indefa 
gestorben, und nun jede weitere licnuihuii^ Jesu vergeb- 
lich ael. Auch di« Umlfijije bei dc4' W ietlci'helebMJPg .h er- 



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154 



Zweiter Abiohnitt. 



den verschieden beschrieben , iitdem Mntthtins nunientlich 
'dävon nlehtt düfs Jesu« nach den beiden nndern 

Referenten nur den enffsten AassehnA seiner Jflnger, den 
' Petrus und die ZeheHaiden , als Zeugen mit/grenomineit hn- 
ben soll. Diese Abweichungeil' hat z. B. Storr so bedeu- 
tend ffefnndeii dafs er zwei verschiedene F&ile annahm, 
tn Welchen linter IhnÜ^hen UteetffndeR die Toebter das 
nemal einea weltlichen oq/m^ CMatthilas') , das andremal 
eines Syna^ogarchen Jairus (Markus und Lukas) vom To- 
de erweckt worden sei Oafs nan aber, was Sroaa 
"noch deiMi. nnntnMnt, and was nnf diesem Standponkt an- 
genommen wet*den mnft, Jesos nicht biet eweimal ein Mid- 
chen vom Tode erweckt, sondern auch heidernale unmittel- 
bar vorher eine Frau vom Blutflufs geheilt haben soll, ist 
ein Zneemmentreffeni welches sich d«rch die Tafte Bemer- 
knufir Sreaa*», es können sich an verschiedenen Zeiten gar 
wohl sehr Ähnliche Din^e KTTtragen, um nichts wahrschein- 
licher wird. Muf^ man somit einrünmen, dafs die Evan- 
gelisten inir*Cllne Begebenheit evaShlen, so sollte man doch 
dl>s welehliMKen Bestr44>en9 sich entschlagen, eine ydllige 
llbercinstlmmnufr ihrer Erziihlungen herauszubrinffen. Denn 
weder kann das iiiti ijekevTVOs bei Matthäus, wie Kuinöl 
wiil->| est morti proxtma heifseni noch Ittfat sich daa 
iftxiifta^ ffH und afttSmjtnn bei Markus und Lukas von . 
bereits erfolo^tem Tode verstehen, zumal bei beiden die 
Todesnachricht den Vater später als etwas Neues iünter- 
k*aoht wird 0.. 

I) tUber den Zwee\ des Joli, 8. SSiff« 

ty Conun. in Matth, p. 263. Welche Argmaentatioii: verlis [NB. 

Matthaci]: Jon hfltvrijntr non possunt latine roddi : |am 
mortua est; nam , »iictorc [NB.] Luca, palri aiihuc cum 
Christo coUoqiiontk nuntiabat servus, filiam jam cxspiraste, 
ergo [auctore Matthaeo?] nondMui mortua erat^ cum pater 
ad Jesum aeccdcrct. ' 

$) Vergt Uber diese falschen AnsglelohaagSTersnehe Seattom« 



Neuntes Kapitel. $. 96 



135 



Hat daher die neuere Kritik mit Recht hier eine Ab- 
wekbung der^Kelationeii zubegeben, so findet sie die ge- 
nmmere Darstellung des Hergangs einstimmig auf Seiten der 
milderen Evangelisten, sei esj dafs nnn mit Schonung des 
Matthäus in seiner Darstellung eine Alikurzung findet, wie 
sie auoh von einem Augenzeugen veranstaltet sein könn» 
te oder da£i man diese mindere Genauigkeit als Zeiciien 
eines niclitapostoiisclien Ursprungs des ersten Evangeliums 
ansieht Dafs nun Markus und Lukas den von Matthäus 
verschwiegenen Namen des Bittstellers angeben ^ und auch 
seinen Stand geAaner als jener bestimmen > kanii ebenso- 
wohl na Ungunsten ) als 9 wie gewöhnlich ^ so Gonsten Je- 
ner beiden ausgelegt werden, da die namentliche Bezeich- 
nung der Personen^ wie schon früher bemerkt, nicht sel- 
ten Zutliat der spffteren Sage ist, wie die blutflüssige Fran 
eref In der Tradition eines Job. Halala Veronika das 
kananiische Weib erst in den Klementinen Jtistn helfst 
und die beiden Mitgekreuzigten Jesu erst im ICvartf^t Uum 
i^icodemi Gestas und Denias ^> Das fiovoytr^s des Lu- 
kas ohnehin dient nar| ^die Scene rOhrendcr mu maclienf 
und das irw MÜBna konnte er und iwch Ihm Markos ans 
der Geschichte der Biutflüssigen heraufnehmen. Die Dif- 
ierena, daCi nach Matthäus das Mädchen schon Anfangs 
als gestorben, nach den Kieiden andern erst als sterbend 
angekUniligt wird, mOfste man sehr olierflfchUch angese- 
hen haben , wenn man dieselbe nach unserem eigenen Ka- 
non EU Ungunsten des Matthäus unter dem Vorwand go* 

MAona, über dea Lukas ^ 8« iSI« uad Faimon» in Msttb. 

p. 347 f. 

S} ScHLKiKRBiACHsa, s. «. 0. S. 131 ff. y ScuuLz, über das Abendm. 
S. 316 f. 

6) s. Fabaicius, Cod. aj^ocr. N. X. S. 449 

7) Homil. 2, 19. . * 

8) Gap. le. 



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135 Z\r«iter Abachnitl* 

brauchen eu können gjaubfe, dafs bei ihm das Wnnder 
Tergrössert seL Denn auch bei den beiden andern wird 
hernach der Tod des Mxdchena gemeldet, und daft er naoh 
Matthäus einige Auo;enblicke früher eingetreten aeln apttfa- 
te, kann keine VergröCserung des Wunders heifsen. Um- 
gekehrt mufii man sagen, dafs bei den kreiden andern die 
Wiindermaeht Jean, swar nicht objeictir, wohiaber anbjek* 
tlv gröfser, weil gesteigert durch den Contrast und da« 
Unerwartete , erscheine. Dort, wo Jesus gleich Anfangs 
am eine Todtenerweckung gebeten wird, leistet er nicht 
mehr, als yon Ihm verlangt war : hier dagegen, wo er, nnr 
nm eine Krankenhellung ersacht, eine Todtenerweckung Toli- 
bringt, thut er mehr als die Betheiligten bitten und ver- 
stehen; dort, wo das Vermögen, Todte zu erwecken^ vom 
Vater bei Jesu vorausgesest wird, ist das Ungemeine eines 
solchen Vermögens noch nicht so hervorgehoben", als hier, 
wo der Vater zunächst nur das Vcrm(>o*en, die Kranke zu 
heilen, voraussezt, und als der Tod eingetreten ist, von ^ 
jeder weiteren Hoffnung abgemahnt wird« In der Art, wie 
die Ankunft und das Verfahren Jesu Im Leichenhause be- 
schrieben wird, ist Matthäus bei seiner Kürze wenigstens 
klarer als die andern mit ihren weitläuftigen Berichten. 
Denn dafs Jesus, im Hause angelangt, die bereits cur Lei- 
che versammelten Pfeifer sammt der fibrigen Menge aus 
dem Grande weg^ewiesen habe, ^eil es hier keine Leiche 
geben werde, ist v ollkommen verständlich ; wai;um er aber 
nach Markus und Lukas ausserdem auch seine Jünger liia 
auf jene drei von dem voruunehmenden Schauspiel ausge- 
schlossen haben soll, davon Ist ein Grund schwirr ein an* 
seilen. Dal's eine gröfsero Anzahl von Zuschauern phy- 
sisch o<ier psychol >a[isch ein Uindernifs der Wieder b^le- 
bnng gewesen wävi , kann man nur unter Voraussetsnng 
eines natilrlichen Hergangs sagen: war es ein Wunder, 
«o könnte miin den Grund jener Ausschlicfsung nur in 
der iuinderen ü'ühigkeit der Ausgeschlossenen suchen» wel« 



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Neuntes Kapitel. $. 96. 137 



eher aber eben dnrcli die Anscbnanng eines solchen Wun- 
ders liätto aufgeboifon werden . tollen. Vielmehr ecbeiot' 
es fMeh Allem, als hfilten die swei späteren Synoptiker, 
welche auch im Ge^ensaz gegen die Schlufsforinel des Mat- 
thias ^ dafs das Gerücht von diesem Ereignifs sich, im 
ganaen Lande Terbreitet habe, den Zeegen desselben Ton 
Jesn das strengste Stillschweigen auflegen lassen , den 
Vorgang als ein Mysteriam betrachtet, zu welchem ausser 
den nächsten Angehörigen nur der engste Ausschufs der 
iäMtger gesogen worden sei. Vollends auf das von Scnqui 
iMraasgehobene, dafty wfihrend Matthüns Jesam das Hfid* 
eben nur einfach bei der Hand nehmen lüfst, Markus und 
Lakas uns die Worte, welche er dazu gesprochen, der er- 
tiere sogar in der Ursprache, au überliefern wissen, kann 
entweder kein Gewiobt .gelegt if erden, oder nor in entge- 
geiigeseatem Sinne. Denn dals Jesus, wenn er bei Anfep* 
weckung eines Mädchens etwas sprach, sich ungefähr der 
Worte: ?; Ticclg iyuQH bedient haben werde, dlefs konnte 
wohl auch der Tom Faktum entfernteste £rsfthler i^nf ei- 
gene Band sich vorstellen, und bei Markus gar das 
%aXi^^a xQfti als Zeichen einer besonders ursprünglichen 
Qnelle, aus welcher der Evangelist geschöpft habe, anse- 
hen, heilst das Käherliegende vergessen, dais er es ebenso 
leicht aas dem Griechischen seines Gewährsmanns über- 
tragen haben kann, um, wie bei jenem iqcpciD^u, das geheim- 
nifsvoile Lebens^^ort iu seiner ursprünglichen fremden iSipra- 
ehe, also nur um so mysteriöser klingend, wiedersugeben. 
Gerne werden wir uns demnach dessen bescheiden, mit 
ScBLBiERMACHER*8chem Scharfsinn auszumachen, ob der ur- 
sprGngliehe Gewährsmaun der Erzählung des Lukas einer 
von den drei angelalsenen Jüngern gewesen, und ob der- 
selbe, der sie ursprMngUoh berichtete) sie auch niederge« 
schrieben habe')? 

9) «• s, O. 8. 119 f. 



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m 



Zweiter AbeehnUt. 



In Bezii^ non anf den Toraossosefsenilen wUliehen 

Hergang der Sache tritt die natürliche Erklärung hier 
gan^ be8onde;*8' zuversichtlich auf, indem sie Jesu eigene 
Veniohernng fdr sich sn Unhen glaubt, dafs das Mlidcben 
nicht wirklich todt sei, sondern nur tn einem schlafkhnifchen 
Zustand der Ohnmacht sich befinde, und nicht blofs entsclHe« 
den rationalistische Ausleger, wie Paolos, oder halbratio* 
naiistische, wie Schlbibrmachsr, sondern aoch entseliieden 
snpranatnralistische Theologen, wie Olshaosbn, glilvbeii 
nm der bezeichneten £rklärun£f Jesu willen hier an keine 
Todtener%veckung denken zu dürfen''^). Der sulest ge- 
nannte £rklftrer legt besonders auf den Gegensae in der 
Rede Jesa Gewicht, nnd meint, weil ma dem we miSutve 
noch das uXXd xce^tiöeL gesezt sei, so könne der erstere 
Ausdruck nicht blois so' gefafst werden: sie ist nicht todt, * 
indem ich den Vorsas habe, sie bq erwecken wvnder- 
lieh, da doch dieser Zusas gerade anseigt, dafa sie nnr in- 
sofern nicht gestorben sei, als Jesus sie en erwecken yer- 
möge. Man beruft sich ferner auf die Erklärung Jesu i|ber 
den Lasarns, Job. 11, 14, welche mit ihrem jti^a^Stnt' 
dwf9 der gerade Gegensas bu unserem m^j^e- vo >ro^- 
mov sei. Aber Torher hatte Jesus doch auch von LaBaHis 
gesagt: ain:r^ r< aaO-iveia öx igt fiQOi; O^caaTOv (V. 4.) und: 
^d^aQog 6 q^iXog rjmV xfxolfiJ^rai (V. Ih), also ganz die- 
selbe Lengnnng des Todes and Behaoptnng eines blofsen ^ 
Schlafes, wie hier, ond doch bei einem wirklich Gestorbe- 
nen. Gewifs hat demnach Fritzsche recht, wenn er den 
Sinn der Worte Jesu in unsrer Stelle so angiebt : pue2- 
lam ne pro martua habetote^ sed dormire esistimßtoUf 
quippt in vitam mox redituram. Ohnehin , ' wenn Mat- 
th^Cus 1 1 ,5. Jesuni sagen läfst: rexQol iyeiQorTaif so scheint 
er, der sonst keine Todteiierweckmig eraählt, eben an die- 
se gedacht haben Btt mttssen* 

10) Tallls, ex. Handb. 1, b, S. 526. 51 f. SeHLKiKiUftACiUJi , a. 
«. ü. 5. 132. Oi.9iuusiK, 1, S. 527. 



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I 

lleiiiiles KapiteL $• 96. 



0och Meh abgeiMiwii von der falsohen Oeotong dar 
Worte Jeea hat diese IMlürnniif neeh manche andere 

Schwierigkeiten. Zwar, dafs souolil an sich bei manchen 
Krankheiten Zustünde eintreten künnen, welche dem Tode 
ttaeebend ähnüeh «eben, ale aack inabiseondere bei dem 
eebJeehten Zuatand der HeÜbiinde onfer den damaligen Ja* 
den eine Ohnmacht leicht für wirklichen Tod genommen 
werden konnte, ist nicht in Abrede zu stellen. Nun aber, 
woher soll -Jesns gewnfst haben , dala gerade liei diesem 
Mädchen ein Uofter Scheintod stattfand? Ersfihlte ihm 
aoeh der Vater den Gang der Krankheit noch so genau , 
Ja, war er mit den Umständen des Mädchens vielleicht 
Torher schon beliannty wie die natürliche £rblärang sap- 
ponirt^ iflsmer fragt sicliy wie er iileraaf «o viei banen kenn« 
tC) am, eline da» Kind noch gesehen sa haben, im Wi- 
derspruch gegen die Versicherung der Augenzeugen, es, 
nach der rationalistischen Deutung seiner Worte, bestimmt 
ftr ideht geaterben m erfdüren? Diels witro Vermeasenheit 
gewesen and Unfclaghelt dam, wenn nicht andere Jesus 
auf tibernatürlichem Wege von dem wahren Thatbestand. 
sichere Kenntnifs iiatte, womit aber der Standpunkt der 
aatariielien £riilänin|^Terlaa6en wire. Nach Jesu Ankunft 
\ßk der angeblich Bchelntodten schiebt nun Pauli» bwI- 
sehen das ixQcerT^üB rrjg x^«oo^^ avii^g und das ?]ytQ^'T^ to 
xooaaiovy was, bei Matthäus schon enge genug rerbunden, 
die beiden andern fSfangelisten dnroh tidimg and mtQO^ 
jlQrj^a noch niher sasammenrücken , eine* längere Zelt der 
irztiichen Behandlung ein, und Ventürini weifs die ange* 
wandten Mittel sogar im Einzelnen namhaft zu machen ' 
Mit Recht h4it gegen solche Willkührlichkeiten Olshausen 
daran fest, dals nach der Ansiclit der fimihier der bele- 
bende Ruf Jesu, und wir liönnen hinsMsetBcn, die Bcvttb- 



11) Natttriidie Gescbicbte, 2, S. 212« 



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140 Zweiter Absehniic 



rmig seiiier mit gtfttUcher Miicht gerilstcteii Uend, das Me- 
dium der £rweckiiiif de« Hldchens geweteti eeL 

Bei der dem Lukas eigenthiimlichen Erweckungsge- 
«chichte (7, 11 ff.) fehlt der natürlichen Erklärung die 
Hendhabe, die in der aalest, betrechteteii der Anssprucb 
Jeett bot) kl weiebem er den wirklich erfolgten Tod dee 
Mfidchens eu leugnen schien« Dennoch fassen die ratle- 
nalistischen Ausleger Muth, und knüpfen ihre Hoffnungen 
hauptsüclilich daran | dafs Jesus V« 14. den im 5arge lie- 
genden Jttngling anredet: anreden aber» aagen sie, ittfnne 
man doeb nlebt einen Todten , «ondem nur einen lolelien, ^ 
den man des Hörens füliio: erkannt habe oder vermuthe ' *). 
Allein dieser Kanon würde auch beweisen ^ dals die Tod 
len alle, welehe am £nde der Tage CJiritlae anferweeken 
wird, nur Sebeintodte a^en, da sie sonst nieht, wie es 
doch ausdrücklich heifst (Joh. 5, 28. vgl. l. Thess. 4, 16.)} 
seine Stiuime hören könnten, — - er würde also zu viel be- 
> weisen« Allerdings mufs, wer angeredet wird, ak lU^rend 
und in gewissem Sinne lebend yorausgesest werden, aber 
hier nur insofern, als die Stimme des Todtenervreckep^ 
auch in erstorbene Ohren dringen kann. Nächstdem wer- 
den wir zwar die Mögliehkeit, dafs bei der jüdischen Un- 
•Itte, die Todten schon einige Stunden naob «deren Ver- 
sebeiden en begraben, leicht ein blofs Scheintodter eu 
(irabe getragen werden konnte, zugeben müssen alles 
Weitere aber, wodurch geseigt. werden soll, dafs diese 
MtfgUebkeit hier Wirkiiohkeit« gewesen, Ist- ein Gewebe 
Ton firdiohtungen. Um sn erklären, wie Jeeua, aneh ebne 
den Vorsaz, hier ein Wunder zu tluin, sich mit dem Lei- 
chenauge einlassen, wie er auf die Vermuthung,, der su 
Begrabende möchte vielleicht nieht wirklieh lod| sein,, kom- 
men kennte, wird cuerst fingirt, die beideii Züge, dar 



IS) PAVI.V8, ex. Handh. 1, b, S. 7 16« Anai. had 719 1 
13} 4)«ri. a. s. O. S. 723. 



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Irenaus KftpiuL S* M. IH 

iMthmmMig md der Zog der Begleiter Jee« , etleo gemdo 
»Nter dem Stadtther Basanunengetroffen, und de sie einen- 
der den Weg sperrten, eine Weile aufgehniten worden: 
geradeau gegen den Text, der erst als Jesus den Sarg 
«afefete, die Träger atilieetohen liOst. Durcl» die firslh* 
lang der nSheren UmetÜnde des Todesfidls, die er sieh 
während des Stillstands habe geben lassen, gerührt, sei 
nun Jesus zu der Mutter gejtreten^ und habe^ oline Uezug 
mm£ eine ami veilbriagende Todtenerweekang^ rein nnr alt 
Metenden Zuspruch, die Werte: ftij nXine an ihr gespro* 
eben '^}. Allein was wäre doch das für ein leerer, an- ^ 
■Mifsender Tröster, welcher einer Mutter, die ihren einzi- 
gen Sehn iiegrftbly nur geradezu das Weinen verbieten 
wollte I ohne weder reale Uttife dnreh Wiederbeiebung dee 
Gestorlienen , noch ideale dnreh eosgesnehto Trostgrflnde . 
ilur SU bieten? Das Lcztere thut nun Jesus nicht: soll er' 
also nicht gana unzart aufgetreten sein, so mufs er daa 
Krstere Im Sinn gehabt liaben, und daau maeht er auch 
alle Anstalt, indem dr abslehtllch den Sarg anhält und die 
Träger zum Stehen bringt. Vor dem erweckenden Ruf ' 
Jesu schiebt nun die natürliche Erklärung den Umstand 
ein 9 dala Jesus an dem Jüngling irgend ein Lebensaeichea 
bemerkt, und auf dieses hin entweder unmittelbar, oder 
nach vorgängiger Anwendung von Medikamenten '^), jene 
Worte gesprochen habe, weiche ihn vollends erwecken 
halfen* Aliein abgesehen davon, dals jene Zwischenmo« 
BMnte in den Text nnr* eingesehoben sind, und das' starke; * 
vfavlaxe, ooi Uycoj iykq^^rjfii, eher dem Machtbefehl eines 
Wunderthäters als dem Belebungsversuch eines Arztes ühn- 
lieh sieht: wie konnte Jesus, wenn er sich bewulst war^ 
den Jflngiing ab lebenden sehon angetroffen, nicht aelbst 
erst ihn vom Tode surückgemfen ra haken, mit gutem Ge- 



I4) so such Hais, L* h 87. 

13) Vsinrvai&i, 2, S* 293. * 



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US Zweiter Abeehnilt, 

wkMB dla Lobprekimgen hinneimeii, welehe den fieriolit 
sufulge He Boeehauende Menge dieser Thel wegen flkn ids 

grofsein Propheten sollte? Nach Paulos war er selber an- 
gewii^9 wie er den Erfolg anzusehen habe; aber eben 
wenn er nieht Ubersengt wer, den £rfolg eich selber nn- 
sobreiben n dürfen, eo erwnelis ihm «tte PAleht, allee 
Lob in Besag auf denselben absalehnen, und er kommt , 
wenn er diefs nicht that, in ein eweideuciges Licht, in 
welcheni er nach der übrigen eTangelischen Gescbiebte, 
99§Bm sie nnbefangen anfgefalst wird, iteineswegs seeht. 
Auch hier also mflssen wir anerkennen , dafs der Evan- 
gelist uns eine wunderbare Todtenerweckung erzählen 
wiii> und dals nach ihm auch Jesus seine Tiiat als ein 
Wunder angesehen haben mala 

Je Mreniger bei der driften Todtenerweekongsgesehleh» 
iBj welche dem johanneischen Evangelium (Knp. IL) ei- 
genthfimlich ist, weil wir an Lazarus keinen eben Gestor> 
bonen, oder auf dem Weg nnm Grabe Befindlichen-, son- 
dern einen schon melirere Tage Begrabenen vor nns im* 
ben, an eine natürliche Erklärung gedacht werden zu kön- 
nen scheint: desto künstlicher und ausfttlirlicher hat sie 
sich gerade in Besag auf diese Brsählnng ansgebildel» Und 
«war ist hier neben der streng* ond conseqnent ratienaii« 
stischen Anslegungsweise , welche den evangelischen Be- 
richt durchaus als geschichtlich festhaltend, alle Theile des- 
selben natOrlich au deuten sieh anheischig nmcht, «nck 
noch Jene andere aufgetreten, welche einnelne Zige des 
Beriehts als solche ausscheidet, die erst nach dem Erfolg 
hinzugesezt seien, womit also schon ein Schritt in die my* 
thische Erklärung hinüber gemacht worden ist. 

Auf die iifimlichen Prftnnssen wie bei der vorigen fii^ 
nihiung gestüzt , dafs sowohl an sich als wegen der jlidi* 
sehen »Sitten ein Begrabener wolil nach viertägigem Auf- 



a&y Tgl« 8cmsfS««4Caiay a» a. O. 8. iOS t- 



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CBlIiAlt in eiiMT Feltengnift wieder mam Leben bebe ko«- 
Men kffnnen — eine Mdglicbkeit, die wir als «olcbe aooli 

hier nicht bestreiten — , beginnt die natürliche Erkliirang 
mit der Voraussetzung, die wir vielleicht schon njcht mehr 
abeneo passiren lassen sollten, dafs bei dem Boten, den 
Ihoi die Sekwestern mit der Rrankheitsnaehricht sandten, 
Jesus sieh genan nach den Umständen der Krankheit er- 
Jknndigt haben werde, und nun soll die Antwort, weiche 
er dem Boten gab (V. 4«): avz?^ fj ia&i»€ia At igt ngog 
^oMTVor n. 2. eben nnr als Schluis aus den yon dem Bo* 
ten eingezogenen Naehriehten seine Uberseugung ansdrfi« 
cken, dafs die Krankheit nicht tödtlich sei. l\lit einer sol- 
eben Ansicht von dem Znstande des Freundes würde aller* 
dinge das anfs Beste nnsammenstimmeii, dals Jesus naek 
erhaltener Botsehaft noch nwei Tage in Perla blieb (V. 6.), 
indem er nach jener Voraussetzung seine Anwesenheit in 
Bethanien für nicht so dringend noth wendig erachten konnte. 
Mnn aber, wie kommt es, dafii er nach Abflul's dieser swei Tai» 
ge nieht nnr entseklessen ist, daliin anreisen CV«8.)9 sondern 
auch von dem Zustand des Lazarus eine gans andre Ansicht, ja 
die bestimmte Kunde von seinem Tode hat, welchen er den JUn- 
gsrn snerst rerblUmt CV. 110> dann offen C V. 14.) ankündigt ? 
ffier eriiAlt die beseiehnete Brldtfrungsart einen bedeuten- 
den Rils, den sie durch die Fiktion eines aweiten Boten 
welciier nach Veriluls der zwei Tage Jesu die Nachricht 
fun des Laaarus indeia erfolgtem Ableben gebracht habe^ 
nnr om so auffallender maokt Denn von einem sweitea 
Boten kann wenigstens der Verfasser des BTangeliums 
nichts gewufst haben, sonst raüfste er seiner Erwähnung 
tbnn, da die Verscbwelgung desseliten der ganaen Era&l^. , 



J7) Paulus, Comm. 4, S. 535 ff. L. J. 1, b, S. 55 ff. 

IS) im L. J. 2, b ( TeztUbersetzung ) S. 46* scheinen gar nach 

der im Evangelium erwühnten Sendung noch drei weitere 

▼orauigetest xu werden, . 



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144 Zweiter Abechnltt. 

lung eine andre Farbe gfebt, die tiSmlich, dafs Jesns auf 
wunderbare Weise von dem Tode des Lazarus Kenntnil's 
gehabt habe. Dais sofort Jesos^ ai« er entschlossen ysavy 
nach Bethanien eu reiseni sn den Jflngern sagte^ er wolle 
den eingesehlamnierten Laearos aufwecken ixexolfut/Fai — * 
i^vnviao) — V. II.)? wird auf diesem JStaiulpmikt so er- 
klfirt, Jesus müsse aus den Nachrichten des Boten , der 
den Tod des Lasams meldete, irgendwie abgenommen Ila- 
ben , dafa derselbe nur in einem soporösen Zustand sieh 
befinde. AJlein hier so wenig als oben können wii^^Jesu 
die unkluge Vermessenheit sutrauen , ehe er noch den an- 
geblich Verstorbenen gesehen hatte, die bestimmte Versi- 
ehemng, dafs er noch lebe, cu geben Aach das hat 
auf diesem Standpunkt seine Schwierigkeit, daCs Jesus ku 
seinen Jüngern (V. 15.) ««'tgt, er freue sich um ihretwillen, 
vor und bei des Lasarns Tode nicht engegen gewesen an 
•ein, mgdaijTe. Die PAULUs^sche ErklXrong dieser 
Worte^ als ob Jesus gefttrehtet hfitte, der in seiner Gegen* 
wart erfolgte Tod hätte sie im Glauben an ihn '^vankend 
machen können , hat nicht allein das von Gabler Bemerk* 
te gegen sich, dals mgtvia nicht geradesa nur das Mega- 
Üre: den Glauben nicht 'Terlieren, bedenten kann, was 
vielmehr durch eine Phrasis, wie : /Vot //3y ixltinji rr/c/^* 
Vftüy Cs* Luc. 22, 32.) ausgedrückt sein mfifste *^), son- 
dern es ist auch nirgendsher eine solche Vorstellung der 
Jünger von Jesu als dem Messias naehtfuwelsen, mit wel- 
cher das Stci beii eines Mensclieuj oder näher eines Freun- 
des, in seiner Gegenwart unverträglich gewesen wftre* 

Von Jesu Ankunft in Bethanien an wird die evange» 
Usche Krsfthlnng der natttrlichen BrkÜmng etwas gllnstl- 

idj v^l. C. Ch. Flatt, etwas cur Vertheidigung des Wundert der 

AMcdti btitbung des liazaiu«», in Silsmiiii^s Magazin, l-itct 
Stüch, S. 93 ff. 

20} Gablsa's Journal für auserlesene tbcoL Literatur, S, 2} S. 261> 
Anm. 



ll« aBt«t KapIteL $• M. 14$ 

get* Zwar die Anrede der Martha an Ihn (V» Slf.) ; wft> 

re er zugegen gewesen, so würde ihr Bruder nicht gestor- 
ben sein, aXXa xai vin^ olda, ikiy oaa av ahr^oji %6v ^eovy 
daSoM oof d ^eoffy eeheint onverkennhar die Uefiin^g aua- 
«i^reehen, dala Jeana aaeh den aehon Oeatorbenen in daa 
Leben aurfickzurafen vermöge; allein dafs sie auf die fof» 
gende Zusicherung Jetn: avag^^'aerat o adeAydg aa, klein* 
ttfllhig erwiedert: ja, am jUngsten Tage CV.M.)^ thut al- 
lerdings einer firlüamng'Vorsebnby weiehe nun rliokwitrta 
anch der obigen Äusserung der Martha (V. 22.) den unbe- 
stimmten Sinn unterlegt, auch jezt noch, unerachtet er 
i|iren Bruder nicht bei'm Leihen erhalten habe, glaube aie 
an Jeanm ala an denjenigen, welcheai 6ott Alles, waa kat 
bitte, gewähre, d. h. als den Liebling der Gottheit, den 
Messias. Allein nicht m^evo) sagte Martha dort, sondern 
o?da, und die Wendung: ich weifs, da£s das und das ge- 
eehieh^ wenn da nur willst, ist eine gewdhnliehe indirelLte 
Form der Bitte, und hier nm so nnverlLennbarer, da der 
Gegenstand der Bitte aus dem vorausgeschickten Gegensatze 
daliin klar wird, dafs Martha sagen will: den Tod des 
Bruders swar hast du nicht veriiinder^ aber anch Jeat ist 
es noch nicht au apit, sondern auf deine Bitte wird ihn . 
Gott dir and uns wieder schenken. Ein Wechsel der Stim- 
mung, wie er dann in Martha angenommen werden mufs, 
deren tLanm geäusserte Uoftiiung in der Erwiederung V. 24. 
heretta wieder erloachen ist, kann bei einem Weibe, wel- 
ches hier und sonst als von sehr beweglicher Natur sich 
neigt, nicht zu sehr befremden, und wird in unserem Falle 
durch die Form der vorangegangenen Zusicherung Jesu 
(V. tL) hinltinglich erklärt. Auf ihre indirekte Bitte näm- 
Üeh liatte Martha eine bestimmte gewälirende Zusage er- 
wai'tet : da nun Jesus nur ganz allgemein und mit einem 
Ausdruck antwortet, welchen mau auf die Auferstehung, 
am finde der Dinge an beaiehen gewohnt war (oyagi^'oiTai^, 
so giebt aie halb empfindlich halb kleinmflthig jene £rklä- 
JJas Lihen Jttu JJ, ßand. iU 

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146 2&weiter Ab<«:huitft. 

rmng ^')« £ben fene so allgemein lantende Äasserung Je- 
su aber, so wie «Be noch onbestimmteren ^ V. 25t*: *>« 
> dfit Ti ivdgaaic: y. t. A., glaubt man nun raHonaiiatischer- 
•eito A f i^^^ deuten au können, Jesus selbst sei von der Er- 
• Wartung elnea anaserordentlichen Erfolgs noch entfernt ge- 
wesen, deiawegen trö«te er die Hartha blofa mit dei* allge- 
meinen Hoffnung, dafs er, der Messias, den an ihn Glau- 
bigen die einstige Auferstehung und ein seliges Leben ver- 
sehaffen werde. Da jedoch Jesus oben (V. 11.) zu seinen 
Jttngem euverslelitlich von einem Aufwecken des Lazarus 
gesprochen hatte , so möfste er indessen umgestimmt wer- 
den sein, wozu kein Anlafs zu finden ist. Auch beruft 
sich Jesus V. 40, wo er, im Begriö', «ur Erweckung des 
Lasaros bq sehreiten, so Martha sagt: ix äninf aoiy Oth 
tav iiigtvQng, oipei Tr> do^cn^ w ^5; offenbar auf V. «3, 
in weichem er also schon die vorzunehmende Wiederbele- 
bung Torhergesagt haben will. Dafs er diese nicht be- 
stimmter beseiehnet und das kaum gegebene Versprechen 
in Bezug auf den idtlifog V. 25 f. wieder in allgemeine 
Verheifsungen für den 7iige!to¥ überhaupt TcrhOllt, ge- 
schieht , um den Glauben der Martha 2U prüfen und zu 
stirken 

Wie nun Mari» mit Begleitung heraoskomiiit , und 

• durch ihr Weinen nuch Jesus bis «n Thrffnen erscbOttert 
wird, das ist ein Punkt, auf welchen sich die natürliche 
firkifirung^mit besonderer Zuversicht beruff und fragt, ob 
Jesus, wenn ihm die Wiederbelebung des Freundes jeat 
schon gewifs gewesen wSre, nicht vielmehr mit der innig« 
sten Freude sich seiner Gruft genähert haben würde, aus 
der er ihn I» nächsten Augenblick lebend wieder hervor- 
Tulen BO kftnnen sich bewufst war? Hiebei wird dann das 
ivsßQifi^oato (V.M.) und i^jß^i^-iiof^evog t^. 38.) Ton ge- 



Sl) TtMT, a. a. O. S. 102 f. 

12) Fi4XT| a. a. O. , LUcn und Tioudck x. d. St* 



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Neuntes Kapitel. $. 06. 147 

walfsnmem Zurückdrängen des Sclimerzons über den Tod 
des Freundes verstanden, der sich hierauf in dem idaxQv^ 
09 Luft gemacht habe. AUein sowohl nach der fitymolo* 
gie, nach welcher es fremere in nliquem oder in se heifst, 
«Is nach der Analogie des N. T.liclicn Sjirachgcbrauchs, wo 
es Matth. 9, 30. Marc. 1, 43. 14, 5. immer nur im Sinne 
von increpare aliquem verkomm^ heaeichnet ifißQtfiua^i 
eine Bewegung des Zorns, nicht des Schmersens, und «war 
mufste es hier, wo es nicht mit dem Dativ einer andern 
Person, sondern mit %q mevficcfi und iv iaint^ verbunden 
ist, 7on einem stillen, verhaltenen Unwillen verstanden wer- 
den, in diesem Sinne würde es ¥.38, wo es som swei- 
tenmnl vorkommt, gane wohl passen, denn in der voran- 
gegangenen Äusserung der Juden: &x t^dvvavo ^cog^ 6 
woi^ag tag '6q>l^alfiäg tö rt^is, noiijaM iW jro^ wog fi^ 
uno&opfj; liogt jedenfalls ein atavdaXl^eodixi , indem Jes« 
frühere That sie an seinem jetzigen Benehmen, und dieses 
hinwiederum an jener irre machte. Wo aber das erstemal 
von einem ifiß{iiftäa&ai die Eede^ist, V. 33| scheint ewar 
das allgemeine Weinen Jesum eher sa einer wehmOthlgen 
als on willigen Bewegung haben teranfassen to kOnnen : 
doch war auch hier eine starke Müsbiiligung der sich zei- 
genden okiyomsiu möglich. Da(s hierauf Jesus selbst in 
Thränen ansbraeh, beweist nur, dafs sein Unwille über 
die yevta äm^og um ihn her sich in Wehmath anüdste, 
nicht aber, dafs Wchmuth von Anfang an seine Empfin- 
dung war. Endlich, dafs die Juden (V. 36.) die Thränea 
Jesa als Zeichen auslegten, ndig itpl^i avtov^ diefs scheint 
eher gegen als HUr diejenigen sn sprechen, welche die Ge* 
müthsbewegung Jesu als Schmri'z ii[>ei* den fod des Freun- 
des und Mitgefühl mit dessen Schwestern bctra<'hten , da, 
wie der Charakter fler Johanneischen Darstelinng überhaupt 
eher einen Gegensais awischen dem wirklichen Sinn des Be- 
nehmens Jesu und der Art, wie die Zuschauer es auif'afs- 
ten 9 erwarten i^isi , so insbesondere oi litöunn iu diesem 

lU ♦ 
% 



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I4ft Zwtitsr Abschaut. 

Ev«nÄeK«n aonsi immer diejenigen tSnd, weleko Jera Worft 
«nd Thaten theils miCsverstelien , theils mlfsrfevten. M«n 
ktmft «Itl^ freilich noch «uf den sonst «o milden Chnrak- 
t«r Jesu, welohem die Härte nicht Rngemcssen sei, mit wel- 
eher er hier der VinritL und den Übrigen ihr so nAtOriiehei 
Weinen übelgenommen haben müfste '^): eileln dem jo- 
hanneiwhen Christas ist eine solche Denkweise ki ineswogs 
fremd. Derjenigei welcher dem ßaaiUxosj <*er ihm mit der 
unverfänglichen Bitte, «ur Heilung seine« Sohnes i^ sein 
Hans »u kommen, entgegentrat, den Verweis gab: iav /iiy 
Ctjft^ «ol tiqoeta ?<)r,Tf, ö (a^ m^evarje (4, 48.); der die 
Jtlngeri welche sieh en der harten Rede des 6ten Kapitels 
gestossen hatten, so schneidend mit einem turo vfiag axav^ 
&aU^€L; und firj xal vfieig Meiere vndyfiv; aniiers (6, 61. 
IW.); der seine eigene Mutter, als sie bei der Hocheeit an 
Kann ihm den Weinmangei klagte, durch das harte: %l 
ifioi nm aoU yiW; ehwies (Jfc, 4.>5 der also jedesmal dann 
am unwilligsten wurde, wenn Menschen, sein höheres Thun 
und Denken nicht begreifend, sieh kleinmüthig oder 8U. 
dringlieh aeigten: der war hier ganz besonders zu «hnli- 
them Dnwilien veranlallrt. ist bei dieser Erklärung der 
Steile von einem Schmers Jesu «her den Tod des Laaams 
gar nicht die Rede, so fällt auch die Hälfe weg, welche 
die natürliche Erklärung des gansen Hergangs in diesem 
i^ttge sa finden glaubt; indels auch bei der anderen Deu- 
tung l«(st rieh die angenbÜ^Ulche Rtthrung durch das Mit- 
gefiihi mit den Weinenden gar wohl mit der Voraussieht 
der Wiederbelebung vereinigen ^^). Und wie hätten sich 
auch die Worte der Juden V. 37. nach der Behauptung 
natarlieher Erklirur geeignet, die Hoffnung, dals Gott auch 
jezt vielleicht etwas Ausaeichnendes fÄr ihn thun werde, 
in Jesu cuerst anzuregen? JNicht die iiofihungi dals er^ 



33) Li7CKC, 2y S. 388. 

24) Vlatt b. 0. S. 104 f. Li;€MB, a. a. 0. 



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IfeKNte« K.»|»itel. $. 96. 149 

den Todten wiedererw ecken könne y sondern nur die Ver- 
xuuthuiig, dar« er vielleicht den Kranken «m Leben su er-> 
li«lteu im Stande gewesen wäre, ipnicben Ja die Juden 
•OS ; et hatte abo sehen frUher Martha dorch die Ansse* 
rang, dafs auch Jest noch der Vater ihm gewiihren i^erde, 
\vAs er bitte, mehr gesagt: so dafs, wenn dergleichen 
Hoffnungen erst von aussen in Jesu angeregt wurden, die- 
selben eehen früher, angeregt sein mufsten, nnd nanentlick 
▼er jenem Weinen Jesu, auf weichte man sieh dafllr, dafs 
sie noch nicht angeregt gewesen, zu berufen pflegt. 

Dafs die Äusserung der Martha, als Jesus den Stein 
?om Grabe so nehmen befiehlt: xvQttf ijdij o^u (V* 99*% 
ftr die wirklieh schon eingetretene Verwesung und also 
gegen die Möglichkeit einer ntitürlichen Wiederbelebung 
nichts beweise, da sie auch blolser Schlufs aus dem r6f 
tttlos sein kann^ ist aueh ¥on supranaturalistischen Aue- 
legem eingerCumt worden Hierauf aber die Worte, 
mit welchen Jesus , die Einrede der Martlia ablehnend, 
auf der Öffnung des fiyt^fitiov besteht (V. 40«) ^ dali» »ic^ 
wenn sie nur glaube 9 %^ do£ap fö %^sa sehen werde, wie 
konnte er> diese aussprechen, wenn er sich seitier MadH^ 
den Lazarus zu erwecken, nicht auf s Bestimmteste bewnlst 
war? Mach Paulus sagte fener Ausspruch nur allgemein, 
dals der Vertranensvoile auf irgend eine Welse eine herr- 
Helle Äusserung der Gottheit erlebe. Allein welche herr- 
liche Äusserung der Gottheit war denn hier, bei Eröffnung 
der Gruft eines seit vier Tagen Begrabenen au erleben, 
wenn nicht die, da(a er auferweckt werden sollte? und 
im Gegensas vollends gegen die Verdieherung der Martha, 
dals den Bruder bereits die Verwesung ergriffen haben müs- 
se, was können jene Worte für einen Sinn haben» als, 
hier sei der Mann , der Verwesung zu wehren ? Um aber 
gans «ioher m erAJiren, was ^e dd|a tS in unserer 



25) F&ATT, S. 106; OuMAoasj«, 2, S. 269. 



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150 Zweiter Absolinitt. 

Stelle sagen will , darf mnn nur auf V. 4« zinrfleksehen, • 
WO JeäuB gesagt hattet die Krankheit des Lasani« sei nicht 

nQOQ Siivctrovj sondern vn^Q t% ^o^fiQ tu &$S, t. iL 
Hier erhellt doch wohl ans dem Gegensaz: nicht zniii To- 
de, unabweisbar, dafs die öo^a tu d-tH die Verherrlichung 
Gottea durch das Leben , aico ^ aofem er jest bereits todt 
war, durch die Wiederbelebung des Lasaras bedeutet, — 
eine Hoffnunsf, welche Jesus gerade im entscheidendsten 
Augenblick nlclit anzuregen wagen konnte, ohne eine hü- 
here Gewifsheit bu haben, da(s sie in firffiliung gehen wer- 
de Dafs er sofort* nach Eröffnung der Gruft, noch 
ehe er dem Todten das devQO eio) ! zutjerufen, bereits dem 
Vater für die Erhörnno^ seiner Bitte dankt, dicfs wird vom 
Standpunkt der natürlichen Erklärung als der Idarste Be- 
weis dafUr angeführt, dafs er den Lasarus nicht durch Je- 
nes Wort erst in das Leben gerufen, sondern beim Hinein- 
bliok in die Gruft ihn bereits wiederbelebt gefunden haben 
nflsse« Ein solches Argument sollte man von Kennern des 
Johanneischen Erangeliums in der That nicht erwarten. 
Wie gewöhnlich Ist es diesem nicht, b. B. in dem Ausspruch : 
h^n^aoO-i] o woffr. a., das erst noch Bevorstehende und nur 
. erst Angelegte als bereits Verwirklichtes darzustellen : wie 
passend war es namentlich hier, die Gewifsheit der Erliö- 
rung dadurch herrovanhelien', dafs sie * alt bereits o^esche- 
hene beaeichnct wurde? Und welcher Fiktionen bedarf es 
nun ferner, um zu erklären, theils wie Jesus das in den 
Laeanis surttckgekehrte Leben bemerken , theils wie er 
wieder cum Leben gelangt sein konnte ! Zwischen dem Weg- 
nehmen des Steins, sai^t Paulus, und Jesu Dank^ebet liegt 
der Moment des überraschenden Erfolgs; damals mufs Je- 
sus, noch um einige Schritte entfernt, den Lasarns als ei- 
nen Lehenden erkannt haben. Woran? mCIssen wir fra- 
gen, und wie so schnell und sicher? und warum nur er 



26) ViaWf S. 97.i, 



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und Nieouiod «onst? £rkannt m^e er ihn huhea an Be- 
wegungen, Ternnthel aen. Abe^ wie Jeicht konnte er 
eich hierin tXaechen bei einem in d'onkJer Feieengrnft lie- 
genden Tüdten; wie voreilig, wenn er, ohne erst gf'nauer 
untersucht zu haben , so schnell und bestimmt die Über- 
^^g^^gf er letiey «af8)irech! Oder, wenn di^ fiewe 
gungen des Tod rgoglaabten* stark und unverkennbar waren, 
wie konnten sie den Umstehenden eiit»ehen? £ndlich, wie 
konnte Jesus in seinem üebet 'das bevorstehende Faktum 
als-£rkennangSEeichen seiner göttlichen Sendung darstel- 
len, wenn er sich bewurst war, die Wiederbelebung des 
Lasarus nicht bewirkt, sondern nor entdeckt sn haben? 
Für die natürliche Möglichkeit eines Wiederautlebens des 
schon Begrabenen wird unsrelinkenntnifs der nälieren Um- 
stlnde selnee Temeintliciien Todes , das schnelle Begraben , 
bei den Jaden, hierauf die kühle Umft, die Jtark duften- 
den Specereien, und endlich der warme Luftzug angeführt, 
welcher mit der Abwälzung des Steins belebend in die Gruft 
strft^rttt. Alle diese Umstände jedoch führen. nicht über defn 
niedrigsten Grad der Möglichkeit, welcher der höchsten 
Uli Wahrscheinlichkeit gleich ist, hinaus, womit dann die 
Gewifsheit, mit welcher Jesus den £rfolg vorausverkUn- 
digt, unvereinbar bleiben muls J^). 

Eben diese bestimmten Vorhersagen, als das Haupthin- 
demifs einer natürlichen £rklfirung dieses Abschnitts, sind 
es daher, welche man, noch vom rationalistischen Stand- 
punkt aus, durch die Annahme beseitigen wollte, dafs sie 
nicht von Jesu selbst herrühren, sondern ex evtntu vom 
Referenten hinsogefttgt sein mögen. Paulus selbst fai^d 
wenigstens das l^vrtvlata airov (V. IK) gar nn bestimmt, 
und wagte daher die Vermuthung, clafs der Erzähler nach 
dem Erfolge ein milderndes Vielleicht, das Jesus hinzuge- 

i7) vgl, auch hierülNtr Torsttglich Futt und LUcas. 



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1^2 



Zweiter Abschnitt 



fest iMMe, wegiKelftmi habt ^*>. Diese Äoekmift -het 
Gablie In emelterte Anwendang gebracht. Nicht blofs 

über den bezeichneten Ans«prnch theüt er dfe PAüLUs'sche 
Vermuthangy sondern schon V. 4. ist er gtnelgt, dns vniQ 
xjqg do^fjg tS O^bh nar auf QUchninig dee Erangelisten sn 
schreiben ; ebenso V. li^., bei desi yctlQta dl viiag, fm mcev* 
atp:€j ort. rjurv fxfT, vermuthet er eine kleine, von Jo- 
hannes nach dem Erfolg Angebrachte Verstürkang; endlich 
nnch bei den Worten der Martha} V* SS.: akU iroi yvr 
ol^cr jr« t, X, glebt er dem Gedanken an einen eigenen Zu- 
«ftz des Referenten Raum *^). Durch diese Wendnng hat 
die natürliche Auslegungs weise sich selbst als unfKhig be- 
kannt ^ mit der johanneischen Ersfihlang fertig sn wer« 
den. Denn wenn sie 9 am sich an derselben geltend ma- 
chen cu können, mehrere , gerade der bezeichnendsten 
Stellen ausmerzen mnfs, so gesteht sie damit eben, dafs 
die islrsählung, so wie sie vorliegt, eine natfirliohe I>eD* 
tung nicht sitläfst. Zwar sind die Stellen, deren Unfein 
trilglichkeit mit der rationalistischen Erkllmngsart durch 
Au'sscheidung derselben eingestanden wird, sehr sparsam 
gewKhlt: allein ans der obigen Darstellung erhellt, dafs^ 
wollte man alle in dieni^m Abschnitt vorkommende ZOge, 
welche der natürlichen <• nicht vom gansen Hergang wi- 
derstreben , auf Rechnung des Evangelisten schreiben, am 
Ende nur nicht gir Alles, was hier verhandelt wird, als 
spXtera Erdichtun :r angesehen werden miifste. Hiemit ist, 
was bsi den frtther betrachteten swei Berichten von Tod- 



J8) So im Commcntar, 4, S. 557; im L. J. 1, b , S. 57 , und 2f 
b, S. 46. wird diese Vcrmuthung nicht mehr angewendet. 

29) a. a. 0. S. 272 ff. Wie Gablbk diese Äusserungen nicht von 
Jesu» tondern nur von Johfnnet) so glaubte sie DuFPSTtBACB» 
in BiRTKotai^i krit. Journal, Bf S. 7 ff. ) «nck nickt Ton Jo* 
haanet ableiten tn kttnneni und da er das Übrige Evang«lium 
lllr jokanaeitck liidt^ so erUXrte er jsae Steilen für Inter« 



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Nennte« KupiteL f. 96p Iftt 

ten erwec k nngew wir gethan haben, bei der festen vnd 

merl^wffrdigsten Geschichte dieser Art von Hon verschiede- 
nen auf einander gefolgten Erkliinm^rsversiichen selbst voll« 
sogen worden, nämlich die Sache auf die Aitemative sn 
treilieny da(a man Ton der evan^llschen Ensffhlang enCwe* 
der den Hergnng als fibematflrlichen hinnehmen ,t oder, 
wenn man ihn als solchen unglnublich findet, den liifitori- 
aehen Charakter der firsAhlung leugnen mufs. 

Um in diesem Dilemma fdr alie drei hiehergehSrIge 
Errffhliingen eine Entscheidung en Ünden, mflssen wir auf 
den eigenthümlichen Charakter derjenigen Art von Wundern 
saHIcltgehen , welche wir hier vor uns haben« Wir sind 
bis Jest darcli eine Stufenleiter des Wunderbaren anfge» 
stiegen. Zuerst Hellungen von 6ei8fes1[ranl(en; dann von 
allen Arten leiblich Kranker, deren Organismus aber doch 
noch nicht bis £um £ntwcic}ien des Geistes und Lebens 
•errfittet war; nanmehr die Wiederbelebung soieher Kör- 
per, ans welchen das Leben bereits geflohen ist. Dieser 
Klimax des Wunderharen ist zugleich eine Stufenreihe des 
Undenkbaren. Das nämlich haben wir uns swar etwa noch 

. Terstellen liönnen, wie eine geistige Störung, hei welchier 
von den kdrperÜehen Organen nur das dem Geiste sunKchst 
angehorige Nervensystem sich einigermafsen angegriffen 
aeigte, auch auf dem rein geistigen Wege des biofsen Wor- 
tes , AnbiiclKSy EindruclKs Jesu gehoben werden mochte: 

' Je weiter Bhw in das Körperliche eingedrongeh das JJM 
sieh seigte , desto undenlcbarer war uns eine Heilung die- 
ser Art. Wo bei Geisteskranken das Gelurn bis zur wil- 
desten Tobsucht, bei NervenlLranlien das Nervensystem bis 
so periodischer fipÜepsie »errfittet war, da i&onnten wir 
uns sehon schwer vorstellen ^ wie durch Jene geistige £in- 
wirknnsf bleibende Hülfe geschafft worden sein sollte; noch 
schwerer 9 wo die Krankheit ausser allem unmittelbaren 
Znsammenhang mit dem Geistigen sich seigte, wie bei Aus- 
säe, Biindheiti Lfthmung und dergleichen. Immer aber 



154 ' Zweiler A^bsebnilt. 

urar doch hier noch etwas rorhimdeiiy wenm die Wonder» 
knilt Jeen, sofern wir sie ans doch geistiger Art denlien 

müssen, sich wenden konnte; es war doch noch ein Bc- 
wufstsein in den Menschen , auf weiches Kiitdruck zu ma- 
chen ^ and durch dessen Vermittlung möglicherweise euch 
aaf den Körper soicher Personen bu wirken war. Nun 
aber bei Todten ist das anders. Der Gestorbetie, dem mit 
dem Leben auch das Bewuf^tsein entflohen ist, hat den lez- 
teil AnkiHipfnngspunkt für die Einwirkung des Wunder- 
thftters yerloreni er nimmt ihn nicht mehr wahr, bekommt 
iieinen Eindruelt mehr ron ihm, da ihm selbst die Fiihig* 
Icelt, Eindrücke zu bekommen, aufs Neue verliehen wer- 
den mufs. Diese aber su verleihen , oder beleben im ei- 
gentlichen Sinn 9 ist eine schöpferische Thitigkeit, Welclie 
Ton einem Menschen ausgeübt sa denken , wir ans^ Un- 
fähigkeit bekennen müssen. 

Doch auch innerhalb nnsrer drei Todtenerweckungs- 
geschichten sellMt findet ein anverkennbarer Klimax statt/ 
Mit Heclit liat schon Woolstom bemerkt, es sehe aas, «wie 
wenn von diesen drei Erzählungen jede zu der vorange- 
henden an Wunderbarem hätte hinzufügen wollen, was 
dieser noch fehlte Die Jau*u8tochter erweckt Jesus 
noch auf demselben Lager, aaf welchem sie so eben ver- 
schieden war; den nainitischen Jüngling schon im Sarg 
und auf dem Wege zur Bestattung^ den Lazarus endlich 
Mch viertägigem Aufenthalt in der Gruft. War es in je- 
ner ersten Geschichte nar darch ein Wort angeseigt, dafa . 
das Mädchen den onterirdischen Mficbten verfallen gewe- 
sen : so wurde diefs in der zweiten Geschichte durch den 
Zug, dafs man den Jüngling bereits vor die Stadt hinaus 
sa Grabe getragen iube, auch fttr die An^hauong ausge- 
prägt , am entschiedensten aber ist der längst in der Gruft 
verschlossene Lazarus als ein bereits der Unterwelt aii- 



50) DiM. 5. 

i- ijiu^ jcl by Googl 



Neuatoa Kapitel. $. Oü« 



1» 



geböriger. gecchiidert , so d«(«, ^enn die Wirklichkeit des 
Todes im ersten Falle bezweifelt werden konnte , diefs 
bei*ai »weiten sehon sehwerer, be{*m dritten so viel wie 

uiiinu^lich ist In dieser Abstufung steigt dann auch 

die Schwierigkeit y die drei Begebenheiten sich denkbar zn 
machen : wenn anders, wo die Sache selbst nndenkbar ist, 
zwischen Terselriedenen Modificationen derselben eine Stel- 
gerung der Lndenkbarkeit stattfinden kann. Wäre näm- 
lich eine Todtenerweckung Uberhaupt möglich , so mül'ste 
sie wohl eher möglieh sein bei einem so eben Terschiede- 
nen , noch iebenswarmen Individunm , als bei einem erkal- 
teten 5 das schon zu Grabe getragen wird, und wiederum 
bei diesem eher als bei einem solchen, an welchem wegen 
bereits Tiertllgigen Aufenthalts im Grabe der Anfang, der 
Verwesung als eingetreten voransgesezt , nnd dafs sieh 
diese Voraussetzung bestätigt habe,^ wenigstens nicht ver- 
neint wird. 

Doch auch abgesehen ron dem Wunderbaren ist tob 
den betraehteten Geschichten immer die folgende thells In- 
nerlich unwahrscheinlicher ) theils änsserlich unverbürgter 
als die vorhergehende. Was die innere Unwahrscheiniich- 
keit betrifft 9 so tritt ein Moment derselben, welches an 
sich Bwar in allen, nnd somit auch in der ersten liegt, 
doch bei der zweiten besonders hervor. Als Motiv, war- 
um Jesus den Jüngling zu !Nain erweckte, wird hier das 
Mitleiden mit seiner Mutter bezeichnet (V. 13.)- Damit 
Ist nach Olshaüsbii eine Beziehung dieser Handlung anf 
den Erweckten selbst nicht ausgeschlossen« Denn der 
Mensch, bemerkt er, kann als bewufstes Wesen nie blofs 
als Mittel behandelt werden, wie es hier der Fall wäre, 
wenn man die .Freude der Mutter als alleinigen Zweck 
Jesu bei der Auferweckung des JOnglings betrachten woll« 
te ^ Hiedurch hat Olsuausen auf dankcuswerthc Weise 

31) BaBTSCiniBnisa, Frob«b, S.Bl. 

32) 1, S. 170« 



Zweiter Abschnill. 



Hie Schwierigkeit dieser atid Jeder TodtenerweelLong nicht 
gehoben I sondern in's Lieht gestellt. Dekin der Sehiols^ 

dafsy was an sich, oder nach geläuterten Begriffen, nicht 
erlaubt oder schicklich ist, von den Evangelisten Jesu nicht 
Bogeschrieben werden könne, ist ein durchaus unerlaubter: 
Tielmehr sfllstey die Reinheit des Charakters Jesu vorans- 
gesezt, wenn ihm die Evangelien etwas Unerlaobtes no* 
schreiben^ auf die Unrichtigkeit ihrer Erzählungen ge- 
schlossen werden. Dafs nun Jesus bei seinen Todtenervie- 
ekungen darauf Rfieksicht genommen hitte, ob sie den so 
erweckenden Personen | Tcrmöge des Seelensnstands , ki 
welchem sie gestorben waren, zu Gute kommen oder nicht, 
davon finden uir keine Spur; dafs, wie Olshausen an- 
nimmt} l>ei den leiblich Jiirweckten auch die geistige Erwe- 
ckung habe eintreten sollen und eingetreten sei 9 wird nli^ 
gends gesagt; überhaupt ti'eten diese Erweckten, auch den 
Lazarus nicht ausgenoiamen| nach ihrer Erweck ung durch- 
aus surUcki welswegen Woolston fragen konnte, warum 
doch Jesus gerade diese unbedeutenden Personen dem Tode 
entrissen habe, und nicht einen Täufer Johannes oder ei- 
nen andern aligemein nüzlichen IVIann ? Wollte man sagen, 
er habe es als den Willen der Vorsehung erkannt, dafs 
diese Männeri einmal gestorben, im Tode blieben : so hatte 
-er 9 scheint es, von allen einmal Gestorbenen so denken 
mUssen, und es wird in lerJer Beziehung keine andere Ant- 
wort übrig bleiben, als diese: weil man von beHihmten 
MAnnern urkundlich wulste, dafs die durch ihren Tod ent- 
standene Lücke durch kein Wiederaufleben ausgefüllt wor- 
den war, so konnte die Sage, was sie von Todtenerwe- 
ckungen su erzählen Lust hatte, nicht an solche Namen 
knUpfen, sondern mulste unbekannte Subjekte wählen^ bei 
welchen Jene Controle wegfiel. 

Ist dieser Anstofs allen drei Erzählungen gemein, und 
tritt bei der aweiten nur eines zufälligen Ausdrucks we- 
gen sichtbarer henror: so ist dagegen die dritte ErsAhiung 



licanftes Kapitel, f. ^ 157 

▼oll TOn gans «igenthttnüiclien Schwierigkeiten, imlem das 
ganae Benehmen Jean und anm TheÜ aueh der llbrigep 
Pertonen nicht wohl an begreifen Ist. Wie «letus die 
Nnohricht von Her Krankheit des Lazarus und die darin 
enthaltene Bitte der Schwestern^ nach Bethanien zu koni< 
Mn, erbttit, bleibt er noch awei Tage an Ort and ^teiloi 
vnd aest aleh erst, nachdem er seines Todes gewlfs gewor- 
den , nach Judfia in Bewegung. Warum diefs ? Dafs es 
nicht geschah, weil er etwa die Krankheit für ungefährlich 
gehalten hatte^ Ist oben geaeigt, da er ylelnehr den Tod 
des Laaarua yoranssah. Oafs es ebensowenig Gleichgültig» 
keit gegen diesen war, wird vom Evangelisten (V. 5.) aus- 
drücklich bemerkt. Was also sonst? Lt}CKE verniuthet, 
Jeaoa sei ?lellelcht eben in einer besonders gesegneten Wirlt« 
aamkeit In PerXa begriffen gewesen, welche er um des La* 
aama willen nicht sogleleh halw abbrechen wollen, indem 
er fiir Pflicht gehalten habe, seinem höheren Beruf als 
Lehrer den geringeren als heilender Wunderthäter und 
helfender Freund nachavsetaen Allein neben dem, dala 
er hier gana wohl das KIne thnn und das Andre nicht las- 
sen konnte, nämlich entweder einige Jünger zur Fortse* 
aung seiner Wirksamkeit in jener Gegend aurlicklasseOj 
oder den Laaarua, aal es durch einen Jünger, oder dnroh 
die Macht seines Willens in die Ferne hellen, schweigt ja 
unser Referent völlig über eine solche Veranlassung des 
lungeren Vcrweilens Jesu, es darf sich also diese Ansicht 
Ten demselben nur dann erst, und awar ala bioise Ver- 
mothong, hfiren lasten, wenn vom ETangeliaten kein aa^ 
derer Grund von Jesu Verweilen angedeutet Ist. Dieser 
liegt aber, worauf auch Olshausen aufmerksam macht, 
gans offen in der Erklärung Jesu V. 15. , delswegen aal 
es Ihm lieh, dals er bei Laaarua Tpde nicht gegenwirtig 
gewesen sei, weil lür den Zwaek, den filanben der Jto- 



SS) CeaHtt. 2, 8. S76. 



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198 Zweiter Abschnitt. 



ger sa stärken, <Ue Wieiterbelebang des Gestorbenen wirk- 
sstmer sein werde, als die Heilang des nnr erst Kranken 

hätte sein können. Absichtlich also liatte Jesus den La- 
zarus erst sterben lassen , um durch seine wunderbare Er- 
weckung sich um so mehr Glauben zu. verscbaffen. Das« 
selbe im GkuEen fassen Tholügk und Olshaüsbn nur Au mo- 
ralisch , wenn sie von einer pftdngogischen Absicht Jesu 
reden , den Seelenzustand der ßethanischen Familie und 
seiner Jünger ma Tollenden 3^), da es doch nach Ausdrtt-. 
eken, wie %va So^aadfj 6 viog ▼ieimehr mes- 

sianisch um Verbreitung und Befestigung des Glanbens an 
Jesum als Gottessohn, zunäclist freilich in jenem engsten 
Kreise, eu thun war. Hier ruft zwar Lccke: nimmer- 
mehr! so wlUkiihrlich und eigensinnig hat der Helfer in 
der Noth, der edelste Menschenfreund, nie gehandelt ^^), 
und auch de Wette macht darauf aufmerksam, dafs Jesus 
sonst niemals seine Wunder absichtlich herbeigeführt oder 
rergröisert habe Allein wenn beide hieraus schliefsen, ' 
es mtfsse also Jesum irgend etwas Äusseres, ein anderwei- 
^ges ßerufsgeschäft, abgehalten haben: so ist diefs im 
Obigen schon als dem Bericht zuwiderlaufend erwiesen, so 
dais, wenn Jene Männer mit Recht darauf beharren, der 
wirkliche Jesus habe so nicht himdein können, das aber 
nnr mit Unrecht leugnen, dafs der Verfasser des vierten 
JSvangeliums seinen Jesus so handeln lasse, nichts Ande- 
res übrig bleibt, als aus dieser Incongruens des Johannei- 
wd^n Christus und des denkbar wirklichen mit den Pro- 
babillen auf den unhistorischen Charakter der }oban- 
Jieischen Erzählung zu schliefsen. 

Auch das angebliche Benehmen der Jünger V. 12. f» 
imils befremden. Wenn ihnen Jesus doch^ sofern Jeden-» 

8^) TnoLVGir, S. 202. Otnuutsir, 2, S. SßO. 
SS) a. a. O. 

86) Andtchttbuch, 1, S. 292 f. 
97) S. 59 f. 79. 



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Neuutei Kapitel. $• 96, 



159 



üUls ihre drei Koryphäen dabei gegenwftrtig gewesen wa- 
ren, schon den Tod der Jainutochter als einen blofsen 
Schlaf dargestellt hatte: Vfle konnten sie dann, wenn er 
nun von Lazarus sagte: ^ey.oitnjca und i^invioco arror, 
an einen natürlichen Schlaf denken ? Aus einem gesunden. 
Schlaf weckt man doch wohl einen Patienten nicht, und 
so mafste den Jüngern alsbald einfallen, dafs hier vielmehr 
in dem Sinn, wie bei jenem Mädchen, von einer xolfii^oig 
die Rede sei. Dafs statt dessen die Jünger das tiefer Ge* 
meinte so oberflächlich verstehen, das ist ja gans nnr die 
Lieblingsmanler des vierten Evangelisten, die wir schon 
an einer Reihe Von Beispielen kennen gelernt haben. Es 
war ihm traditionell der Sprachgebrauch Jesu zu Ohren 
gekommen, den Tod nur als einen Schlaf zu bezeichnen^ 
nnd alsbald ergab sich in seiner, bq dergleichen Antithe« 
sen geneigten Phantasie filr diese Bilderrede ein entspre« 
chendes Mifsverstfindnlfs. 

Was die Juden V. 37. sagen ^ ist, die Wahrheit der 
synoptischen Todtenerwecknngen voransgesent^ schwer be-^ 
greiflich« 'Die Jnden berufen sieh anf ,die Heilung des 
Blindgeborenen (Joh. 9.)) und machen den Schlufs, dafs 
derjenige, welcher diesem s.um Gesicht verholfen, wohl 
nach Im Stande gewesen sein mttfste, den Tod des Las»« 
ms sa verhindern. Wie verfallen sie anf dieses heterogene 
nnd unsareichende Beispiel , wenn ihnen doch in den bei- 
den Todtenerweckungen gleichartigere vorlagen, und so!« 
che, welche selbst noch fUr den Fall des bereits erfolgten 
Todes Hoffnung sn geben geeignet waren? Vorangegangen 
waren aber jene galilliisehen Todtenerweckungen dieser 
judäischen in jedem Fall, weil Jesus nach dieser nicht 
mehr nach Galiläa kam; auch konnten jene Vorgänge in 
der Hauptstadt nicht unbekannt geblieben sein, sumal ee 
ja von beiden ausdrücklich heilst, das Gerficht von densel- 
ben habe sich eig olrpf tt^v yr^v ixelvr^v, iv olji tfj lijöaif^ xai 
iv naofi tfi ni^ixoiQf^ verbreitet. Den wirklichen Juden ^ 



100 



Zweiter Absehnitt. 



abo hlitten diese Fülle nüher gelegen: da der vierte Evan- 
gelist sie aaf ehvas weit weniger Maheliegendet sich be- 
rufen IXfst, so wird wahrscheinlich, dafs er van jenen 
Vorgängen nichts gewafst hat j denn dafs die ßerufung nur 
ihm, nicht den Juden selber angehört, zeigt sich schon 
darini dals er sie gerade anf diejenige Heilung sich beaie- 
hen Isfst, welche er nXchstenvor ersflhlt hatte» 

Ein starker Anstofs liegt auch in dem Gebete, welches 
V. 41 £• Jesu in den Mund gelegt wird. Nachdem er dem 
Vater für die Erhörung gedankt, seat er hinan, er für sich 
wisse wohl, dafi der Vater ihn Jederaeit erhöre, und nur 
um des Volkes willen, um ihm Glauben an seine göttliche 
Sendung beizubringen, spreche er diesen besonderen Dank 
aus. Zuerst also giebt er seiner Rede eine Beaiehung auf 
Gdtl, hinterher aber sest er diese Beaiehung su einer nur 
um des Volks willen gemachten herunter. Und diefs nicht 
nur so, wie Lücke will, dafs Jesus für sich zwar blofs 
still gebetet haben würde, um des Volks willen aber sein 
Gebet laut spreche (denn für das blols stille Beten liegt In 
der GewiTsheit der £rhf mng kein Grund), sondern In dem 
Sinne, dafs er für sich dem Vater nicht für einen einzelnen 
Erfolg, wie gleichsam überrascht, au danken brauche, da er 
der Gewährung Im Voraua gewUs sei, also Wunsch und 
Dank ausammenfallen, überhaupt sein Verhfiltnils cum Vater 
nicht in einzelnen Akten der ßitte, der Erhörung und des 
Danks sich bewege, sondern ^in beständiger und stetiger 
Austausch dieser gegenseitigen Funktionen sei, ans wel- 
chem an und für sich kein einselner JDankakt in dieser 
Weise sich aussondern wOrde. Wenn nun allerdings in 
Besug auf die Bedürfnisse des Volks und aus Sympathie 
mit tUmselben In Jesu ein solcher einselner Akt hervorge- 
tretoni sein könnte : so mlllste doch , wenn In dieser Stel- 
lang Walirheit gewesen sein soll, Jesus gana im Mitgefühl 
aufgegangen sein, den Standpunkt des Volks zu dem sei- 
nigen gemacht, und so in jenem Augenblicke doch auch 



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• 



' Nenntet KapiteL $« 00. 161 

eas eigenem Trieb und für sich selber gebetet I nben. Hier 
aber bat er kaum sn beten angefangen, so steigt ibm schon 
die Reflexion auf, dais er lileht in eigenem Bedürfnisse 
bete, er betet also nicht aus lebendigem Gefühl, sondern 
ans kalter Accommodation, und diefs mufs man nnstöl'sig, ja 
widrig ünden. In keinem Falle d^rf, wer anf diese Wei« 
se nur Eur.£rbauung Anderer betet, es diesen sagen, es 
geschehe nicht von seinem, sond.ern nur ron ihrem Stand* 
punkt ans 5 «veil ein lautes Gebet auf die Hörer nur dann 
luindruck machen kann, wenn sie voraussetsen, dafs der Spre« 
ehende mit ganser Seele dabei sei. Wie mochte also Je- 
sus sein angefangenes Gebet durch diesen Zusae unwirk« • 
sara machen? Dranüte es ihn, vor Gott ein Bekennt- 
nifs des wahren Bestands der Sache abzulegen, so konnte 
er die& im Stillen thun; dajs er es laut aussprach, und 
in Folge dessen auch wir es hier lesen, diels kOnnte nur 
auf die spätere Christenheit, anf die Leser des Evange- 
liums, berechnet gewesen sein. Während nauiUch zur ^ 
Er\f eckung des Glaubens in der umstehenden Menge ei* 
klärtermaCben das Dankgebet nöthig war, konnte der fprt- 
geschrittene Glaube, viie ihn das vierte fivangeiium Toraus* 
sezt, sich an deuisclbcn stossen, weil es aus einem zu un- 
tergeordneten, und namentlich leu wenig stetigen Verhält« 
nifs des Sohns Bum Vater hervorgegangen scheinen konn- 
te; es mnlste folglich Jenes Gebet, das f^r die gegenwär- 
tigen Hörer nöthig viar, für die späteren Leser >\i<"(lrr 
annuliirt, oder auf den Werth einer bioii<en Accommodation 
restringirt werden. Diese Rücksicht aber kann |tnmOglich 
•clion Jesus, sondern nur ein später lebender Chnst ge- 
habt haben. Diefs hat schon frdher ein Kritiker geffihlf, 
und daher <ien 42. Vers als unäciiten Zusaz von spän rer 
Hand aus dem TeiLte werfen wollen ^ Da jedoch dieses 



58) DiKKrK\BACif, Über einige walirschoinlichc Inlerpolatloncn im 
Kvan^f'liiim Johannis, in Bcatiioldi's lirit. Journal^ 
Da$ Lebon Jt$u JU ßand^ 11 



üiyilizeQ by ^üOglc 



161 



Zw«it<r Absalmitt. 



UrtheU rcn rHmi iuiiercn Gpünden TerlMaen Irt, ao mürsta 

man, wenn jene Woüe doch nicht von Jesa sein kftnnen, 
annehmen, woeu Lücke früher nicht ganz ungnuMot war 9), 
der Evangelist habe Jesu jene Worte nnr geliehe», um die 
in V. 41. vorangegangenen bu erläutern. CJan« geKifs ha- 
ben vrip hier Worte, die Jesu vom Evangelisten nur gelie- 
hen sind: aber, wenn einmal diese, wer steht uns dann 
auch hier dafür, dafs et nur. mit diesen sich so verhalt? 
In einem Evangehuip, in welchem wir schou so viele Re- 
den als blofs geliehene erkannt haben, im Zusammenhang 
einer Erzühlung, welche an allen Enden historische ün- 
denkbarkeiten h u , ist die Sclnvierigkeit eines einzelnen 
Verses nicht ein Zeichen, dafs er nicht snm übrigen, son- 
dern in Verbindung mit dem Übrigen davon, dafii das Ganse 
nicht in die Isiasse historischer Compositionen gehdrt 

Was fürs Andere die Abstufung zwischen den drei 
ErsKhlungen in Rücksicht auf die «ussere Beglaubigung be- 
trifft, so hat schon Woolston richtig beobachtet, wie auf- 
fallend es sei, dafs n*ir die Erweckung der Jairustochter, 
in welcher das Wunderbare am wenigsten hervortrete, I i i 
drei Evangelisten vorkomme, die beiden andern aber je 
nur bei Einem ^»)> swar, indem' es liei der Erweckung 
des Lazarus noch weit weniger begreiflieh Ist, wie sie bei 
den übrigen fehlen kann, als bei der Erweckung des naini- 
tischen Jünglings, so ist auch hier ein voilst&ndiger Ivli- 
max vorhanden« 

Dafs die znlezt genannte Begebenheit nur allein vom 
Verfasser des Lukasevangeliuins erzählt ist, dafs insbeson- 
dere Matthäus und Markus sie nicht neben oder statt der 
ErsShlting von dem erweckten Mädchen haben , macht in 
mehr als Einer Hinsicht Schwierigkeit Schon über- 

S9) Comm« s. Job. Ite Aull. 2, S. 310. 

4u) So auch der Verf. der ProbabiUen S. 6f . 

4!) Dise. 6* 

42) Vgl. ScaLmtamcasa, Uber den Lukas, S. 103 C 



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Kennt«« KapiteL S« 96. 16S 

hanpt als Todtenerwecknng , soUle nuin glanben, da deren 

nach unscrii Berichten nur wenige vorgekommen waren, 
und diese von ausgezeichneter Beweiskraft sind ^ es müfste 
die Evangelisten nicht verdrossen haben | neben der einen 
auch noch die sweite aufaunehmen, da es Ja Matthäus fflr 
der Mühe werth gehalten hat, e. B. von Blindenheilungen 
drei Proben zu berichten , welclie doch weit weniger Ge- 
wicht hatten ) wo er also weit eher mit Einer h&tte ab- 
kommen , ond statt der fibrigen noch eine oder die ande* 
re Todtenerweekong aufnehmen können. Gesest aber auch, 
die zwei ersten Evannfelisten wollten aus einem nicht mehr 
SU ermittelnden Grunde nicht weiter als Eine Todtener- 
wecknngsgesehichte geben ^ so sollten sie^ mnfs man mei« 
nen, weit eher die vom Jflngiing zn Nein, sofern sie von 
derselben wuPsten, ausgewählt haben, als die von der Jai- 
rustochter, well sie, wie oben ausgeführt, eine en^ächiede* 
nere und auffallendere Todtenerweckung war. Geben sie 
dessen ungeachtet nur die leatere, so kann von der andern 
wenigstens Matthäus nichts gewufs't haben; dem Markus 
freilich lag sie wahrscheinlich im Lukas vor, aber er war 
schon 3, 7. oder 20. von Lukas6, 12. Ci7.) zu Matthäus 12, 15. 
übergesprungen, und kehrt erst 4, 35. (21 ff.) an Lukas 8, 22^ 
(16ff.)2(i<*''ck^'), wo er dann dieErweckong des Jünglings 
(Luc. 7, 1 1 ff.) bereits hinter sicli hat. Die nunmehr entstellen- 
de zweite Frage: wie kann die Wiederbelebung des Jüng- 
lings, wenn sie wirklich vorgegangen war, dem Verfasser 
des ersten ßvangeliums unbekannt geblieben sein? hat, 
aucii abgesehen \on lieni voraussez-licli aj)Ostolischen Ur- 
sprung dieses Evangeliums, doch nicht geringere Schwie- 
rigkeiten als die vorige. Waren doch ausser vielem Vol- 
ke auch /la^Tal Inctvol dabei; der Ort Nain kann, wie 
Jusephus seine Lage im Verhältnifs zum Thabor bestimmt, 
nicht fern von dem gewöhnlichen galilälschen Schauplaa 



4S) SAimim, iibcr die QucUea de» Markus, S. 66 IT. 

11 * 

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104 Zweiter Abschnitt. 

der Thafi/^Ucit Jesu gewesen sein ; endlich verbreitete 
sich ja du«Gei ficSf ^on dem Ereignifs, wie natürlich, weit 
noiher CV. 17.). Sculbiehmacher meint , die nichtapostdli- 
eehen Verf«««er dir ersten Aofiteichiinngen aus dem Le- 
ben Jeüu haben weniger gewn-^f, die vielbeschlifrlgten Apo- 
stel um Notizen anzugehen, sondern mehr die Freunde Je- 
su Bwelter Ordnung aufgesucht, und liiebei haben sie sich 
naturlich am meisten an diejenigen Orte gewendet, wo sie 
die reichste Ernte hoffen konnten, nach Kapernaum und 
Jerusalem: was sich, wie die in Rede stehende Todtener- 
weckung, an andern Orten zugetragen, das liabe nicht so 
leicht Gemeingut werden können. Allein diese Vorstellung 
der Sache Ist theils su subjektiv, indem sie die Verbreitung 
der Kunde von Jesu Thaten durch Nachfrage einselner 
Liebhaber und Anektlotensammler gehen läfst, theils, was 
damit susammenhängt, liegt Ton dergleichen Geschichten 
die irrige Ansieht Bum Grunde, a& wären -sie an den 
Plätzen, wo sie vorgegangen, wie träge Klumpen Bu Boden 
gefallen, desselben Orts als todte Schätze verwahrt, und 
nur denen, die sich an Ort und Stelle bemühten, vorgezeigt 
worden: statt dais dieselben vielmehr von dem Ort, wo 
sie sich begeben oder gebildet haben, lebendig auiliiegen, 
allenthalben umherschweifen, und nicht selten das Band, 
das sie mit dem Ort ihrer Entstehung verknüpft, ganz zer- 
reissen, wie wir an unsähllgen wahren oder erdichteten 
Gesehichten titglich sehen, welche als an den verschieden- 
sten Orten vorirefallen dargestellt werden. Bat sich ein- 
mal eine solche Erzählung gebildet, seist sie die Substanz, 
die angebliche Lokalitfit das Accidens, keineswegs, wie Schlm- 
BRMACMBR CS wendet, der Ort die SubstanB, an welche die Er- 
Zählung als Accidens gebunden wlire. Lflfst CS sich dem- 
nach nicht wohl denken, wie eine ßegebcnheit dieser Art, 
wenn sie wirklich vorgefallen war, ausser der allgemei- 
nen Oberaeferung bleiben , und daher dem Verfasser des 

44) vgl. WiKBA, h. Rcalw. d» A. . 



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^«UMtet Kapitel. $. 96. 16ft 

ersten £?angeliu ms unbekannt sein konnte: so ergiebt sieh 
aas der Thatsachei dafs er niehts von derselben weiis) ein 
Sehinfs gegen ihr wirkliches Vorgefiillefisefn. 

Doch mit ungleich schwererem Gewicht fällt dieser 
Zweifelsgrund auf die £reäblung des vierten Evangeliums 
Ton der Anferweeknng des Laaams. Wülsten ilie Verfas- 
ser oder Sammler der drei ersten Evangelien Von dieser, so 
konnten sie aus mehr als Einem Grunde nicht umhin , ^le 
in ihre Schriften aufzunehmen. Denn erstlich ist sie unter 
sammtliehen von Jesu vollbrachten Todtenerwecknngen , ja 
nnter seinen simmtliehen Wandern flberhaapt dasjenige, 
dem der Charakter des Wunderbaren am unverkennbarsten 
aufgeprägt ist, und welches daher, wenn es gelingt, einen 
von seiner historischen Realität an Qberseagen, eine vor> 
BligÜeh starke Beweiskraft Imt ^')| wefswegen die Evan- 
gelisten , sie mochten schon eine. oder ewei andre Todten- 
erweckungen erzählt haben, doch nicht (iberflüssig hiuicii 
konnten 9 auch diese noch hinzusufUgen. Zweitens aber 
griff sie, laat der Johannelselien Darstellung , entscheidend 
In die fintwiekelung des Schicksals Jesu ein, indem nach 
11, 47 if. der vermehrte Zulauf zu Jesu und das grofse 
Aufseilen, >vas die Wiederbelebung des LsEarus herbeige- 
üDhrt hatte I das Synedrium so Jener Berathschiagang* ver- 
anlafste, hei welcher der hlutige Rath des Raiphas gege- 
ben wurde und Eingang fand. Diese doppelte, dogmatische 
sowohl als pragmatische Wichtigkeit des Ereignisses mufste 
die Synoptiker nöthigen, es an erzählen, wenn sie davon 
wafsten. Indels die Theologen haben allerlei Grfindd aus- 
findig (gemacht, warum jene Evangelisten, auch wenn ih* 
neu die Sache bekannt war, doch nichts von derselben sol- 
len haben erzählen mögen. Die einen waren der IMcinung, 
cur Zeit der Abfassung der drei ersten Evangelien sei die 
Gescliichte noch In aller Munde, mithin Ihre Anfseiehnuii|> 



\ 45) Man crSnnsre sieb der bckanatea Xusseruag voa Smosi. 



Digitizc'ü 



Ilki Zweiter AbicUnltt. 

fiberflUssS^ g^ewesen *'^) ; Andre veriniitheten umgekehrt, man 
habe daif weitere ßeknnntwerden derselben ?e^b{iten wollen, 
um dem noeb lebenden La«ini«y welcher nach Job. 12, 10» 
' we^en lies an ihm fresehehenen Wundert von den jOdiachen 
Hiernrchen verfolgt wurde, oder seiner FAmilie, keine Ge- 
fahr /u bereiten , wns in der späteren Zeit , als Johannes 
sein Evangelium sehrieb, nicht mehr cn liefUrchten gewe- 
« sen sei ^^)« Zwar heben sich nun diese beiden GrOndo 
aufs Schönste ge^enseifinf auf, und sind auch jeder fftr 
sich kaum einer ernsflmfren Widerlegung werth : doch sollen» 
weil fihnÜche Ausflüchte auch sonst noch öfter ala man 
glauben mSehte , angewendet werden , einige Gegenbemei^ 
kan^ren nicht (r^'^pnrt sein. Die Rehauptang^ als in ihrem 
Kreise allgemoiii bekannt sei die Wiederbelebung de« La- 
saros von den Synoptikern nicht anfgezeichnet worden ^ 
beweist sn viel, indem auf diese Weise gerade die Uaupt» 
punkte im Lehen Jesu, seine Taufe im Jordan, sein Tod 
und seine Aufersteljung, hätten unbesrhrleben bleiben müs- 
sen. £8 dient aber eine solche Sciirift, die, wie unsre 
Evangelien^ in einer religiösen Gemeinde entsteht, keines-- 
wegs blofs dasu, Unbekanntes bekannt so machen, son- 
dern auch das bereits Bekannte festzuhalfen. Gegen die 
andre l'^rkiäriintr ist schon von Andern bemerkt worden ^ 
das Bekanntwerden dieser Geschichte unter NichtpalA'sti- 
nensem, für welche Markus und Lukas schrieben, habe 
dem Lazarus nichts schaden können; aber auch der Ver- 
fasser des ersten Evangeliums, falls er in und für Palästina 
geschrieben, würde wohl schwerlich aas Rücksicht auf La- 
sarus, welcher, ohne Zweifei Christ geworden, wenn er 
auch Im unwahrscheinlichen Fall nur Zeit der Abfassung 
des ersten Evangeliums noch gelebt haben sollte, so wenig 

46) Wmrwr, Aanat. 2. d. St. 

47) So Gnonut, Hkudir; such OtiRAVtnv bekennt sich vermu« 
tkungsw eise zu dicicr Anticbtj 2; S. f. Aninerk. 



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als seine Familie sich weigern durfte | um des fCamene 
CiiHati willen su leiden , ein Faktum Tmehwiegmi haben, 
iii welchem sieh dessen Herrlichkeit so besonders geoffen- 
bart hatte. Die geflihrlichste Zeit für LaEarus war nach 
Joh. 12, 10. die gh^ich nach seiner Wiederbelebung ^ und 
schwerlich konnte eine so sp&t kommende Ersählung diese 
Gefahr erhöhen oder erneuern; ttberheopt mnlste in der Ge- 
gend Ton fiethanlen und Jerusalem, Ton weher de« La« 
CHrus *lie Gefahr droKte, der Vorgang so bekannt sein und 
iiu Andenken bleiben, dafs durch Aufseichnung desselben 
nichts Bu verderben war 

Bleibt es also, dals die Synoptiker von der AnfSerwe- 
ckvng des Lazarus, von welcher sie nichts erzählen, auch 
iiicJits gewuDit haben können, so entsteht auch hier die 
sweUe Frage, wie die^ Nichtwissen möglich war? Die 
mysteriöse Antwort Hasb's, der Gmnd dieser Auslassung 
sei in den gemeinsamen Verhöltnissen verborgen, anter 
\vi*U Iien die Synoptiker überhaupt von allen früheren Vor- 
lalleu in Judäa schweigen, lafst wenigstens dem Aus- 
druck nach ungewils, ob damit nu Ungunsten des .vierten 
£%angellums oder der übrigen entschieden sein soll. Ge* 
raile «lieses Beste an der ÜASE'schen Antwort hat die neue- 
ste ikritik des MatthäusevangeUums etwas cufaln'eud ver- 

4Ss) s- diese Argumente xcrstrcuk bei Favlvs und LI'ckk z. d. 
Absch. ; bei GABi.aa in der ahgcf. Abhandl« S. 23S ff« und 
Hisc, L. J. §. 119. Einen neuen Grund, warum namentlich 
MatthMuf von der Auferweckung dot Lazarus schweige, hat 
HcfnanaaiCR (über die UnzulStsigkeit der mythischen Auffat- . 
tung, 2tet Stfick, S. 42.) ausgedacht. Der Evangeliit habe 
•ie Oberg angen j weil sie mit einer Zartheit und Lebendig- 
keit des CjefühU riarpestellt und Lcliandelt sein wolle , zu , 
wrlrlirr er sich niciil fiifiig gefitlilt habe. Daher habe der 
brsf Iii idonc Mann sich lirbcr £^ar nicht an die Geschichte 
\va^(Mi wollen, als .^ic in seiner l^rzählung an rührender Hratt 
und h>habcnheit verlieren lassen. — Welche eitle Betchei* 
denheit daeat gewesen wäre! 



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Zweiter Abschnitt. 

dorbaii} 'indem sie jene gemeinsamen Verhältnisse eili^rst 
ilAhin beetfninite, dafe dareh die Unbekenntachaft mit einer 
Geschiehte , die einem Apostei habe bekannt sein müssen , 
die Synoptiiier sich sämmtlicli als Nicht aposfel beurkun- 
den ^'). Durch rUese Versichtleistung auf den »posto- 
llschen Ursprung des ersten l^vangeliunu wird sein und 
der andern Nichtwissen um den Vorgang mit LaBams hoch 
iieineswegs erklärlich. Denn bei der Merkwürdigkeit des 
FaktnmS} da es ferner .im Mittelpunkte des jüdischen Lan- 
des Torgefaiien war, grofses Aufsehen erregt hatte, und 
die Apostel als Augeneeugen nngegen gewesen waren: Ist 
gar nicht einsusehen, wie es nicht in die allgemeine übei^ 
lieferung, und aus ihr in die synoptischen Evanirelien hätte 
kommen sollen. Mau berief sich darauf, dafs diesen £van* 
gellen galiiälsche Sagen, d. h. mandliche Ersählongen und 
schrtfitllehe Aufsfitse der galllSlsohen Freunde und Beglei- 
ter Jesu Kum Grunde liefen; dlpse seien bei der Anferwe- 
okung des Lazarus nicht zugegen gewesen, und' haben sie 
also nicht in ihre Jlenkwttrdigkeiten ani^nommen; die 
Verfasser der ersten Evangelien aber, Indem sie sich streng 
an diese galiläischeii Nachrichten hielten, haben die Bege- 
benheit gleichfalls übergangen ^ Allein so streng läfst 
sich die Scheidewand swischen 6alil£ischem und Judäi- 
ichem' nicht nlehen, dafs der Rnf eines Ereignisses wie die 
Anferweckung des Lazarus nicht auch nach GalilKa bStte 
hinübertunen mUsSvMi; war es auch nicht in einer Festzeit 
vorgefallen, wo (wie Job. 4, 45.) viele Gaiil&er Augen- 
seugen sein konnten, so waren doch die JSnger, gröfcern- 
thells GalilXer, dabei (V. 160} vnd mufsten, sobald sie 
nach Jesu Auferstehung wieder nacli Galiläa knnion , das 
Faktum überall auch in dieser Provinz ausbreiten; oder 
vielmehr mafsten schon vorher^ an dem lesten von Jofu 



49) Scii.NKCKKKBUHGKK, ubcT (Icn Urspr. S. 10* 
iO) Oabum, a. s. ü. S. 240 f. 



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JSeuutes Kapitel. §. 95. 



besuchten Paschafest, die festbesiiohcnden Gniliäer die 
stadtkandige Begebenheit erfahren haben. Daher findet 
auch LOcKB diese 6ABLBR*8che £ridlErnng nneenUgend ; wenn 
er aber seinerseits das Hädiscl durch die Bernerkniifif losen 
will, daCs die urspriiuuliche evangelische Uberiieferungf , 
welcher die Synoptiker gefolgt seien, die Ijetdenageschichte 
weni;^ pragmatisch, also aach ohne Rücksicht auf diese 
Begebenheit, als das geheime Motiv des Mordbefehl« ge- 
gen Jesum, dargestellt habe, und erst der in die innere 
Geschichte des Synf)driuais eingeweihte Johannes im Stande 
gewesen sei, diese Ergfinsong so -geben '0* *^ kSnnte 
«war hiemit der eine Grund entkriflet an sein scheinen, 
der die Synoptiker nöthigen mufste, jene Begebenheit auf- 
Kiinehmen , der nämlich, welcher von ihrer pragmatischen 
Wichtigkeit hergenonnien ist; wena aber hinaugeseat wird, 
als Wunder an sich ond ohne Jene nXhereri Umstünde be» 
trachtet, habe sie sich leicht unter den (ihrigen \V underer- 
B£hlangen verlieren k<innen, von welchen wir in den drei 
ersten Evangelien eine anm Theil anfällige Auswahl ha- 
llen: so erscheint die synoptlsclie Wnnderauswahl eben nur 
dann als eine zufällige, wenn man, was hier erst bewie- 
sen werden soll , schon voraussezt , dafs die johanneischen . 
Wunder historisch seien, und ist sie nicht bis eum Vor- 
standidsen anföllig, so kann sie ein solches Wunder nicht 
' verloren haben ^2). - 



51) Comm. s. Job. 2, S. 402. 

St) Darf Ich mich auch auf eine erst zu dmcliende Schrift hezie* 

hen , 80 werden wir in den SciiLEiER.MACHKR'schcn Vorlesun- 
gen über das Leben Jesu zur lOrMärung des fraglichen Still- 
•chweigons darauf vorwiesen werden, dass die synoptischen 
Evanfrolien überhaupt das Verhältniss Jesu zur Be^lhanischen 
Familie ignoriren , weil ^nelleicht die Apostel eine vertraute 
persönliche Verbindung dieser Art nicht in die allgemeine 
Tradition haben tUbergehen' lassen wollen , aus welcher jene 
evangelisten schSpften; mit dem Verhiatniss Xetu au dieser 



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17» 




▼ •rark , » »^n - aaic w«»tivit*i" 31.1.1 ■lo»;^» frn^r^ iainrr 
lior znm Sj^^t^jittii 4cr ^'-aii'^r^wi^r uci aaait^ntUcii fies 

r l i » —» Mike ciae inm mmm Cvul£«Iim fvfilhHKW Aat- 
ißf^rt »n«! VTLf frkr^ies Lccsi*^ Baniutrah. 

len^ Vi ei< r.'^r iJi <^.er »eae« A&ie<Jkbe dem jettigea , der 

«M ileM ikJmeif e« der Sitpiifcfi' 

•«lifieCtt. eine AkrUie sonder Gkirhn vm! siBsiielwii Man- 

gel an ILiuMeUt in da» \ erf.äirnii*» on^rer £Fan£elIen zu 
elfiüfider (tt ie es niMlich die eeutliehe Sl« herfielt der Theo- 
hgen, äueh dmrtk die amm TkeU tiiftadia Winke dar JPMa- 



Vtmilit überbaupl sei nun Mick dieses einzelne aaf sie sich 
kezSf'hrnde Faktm mibckaiiBt gckiirkca. AUob was soIHe 
die Apostel tu einem tolcheB ZaruckbaltcB k ewa g t « kaken? 
•ollen wir denn an gckenscy oder adft Vanvam an sarle 
Verkifidungen denken? sollte kei Jesn nickl anck ein soU 
cfim )'rivatvcrhältniis des Crkanlicken Tid gekabt babcn? 
Wil l lit li < nllialti n ja die Proben, welche uns Johannes und 
Lnl'.as \on (!< ni \ < rl)allniss Jt »su zu der bezeichneten Fami- 
lie g< },rn, (Jefcs« n \U:\, und aii^ der Erzählung des Lezteren 
von dem Besuch Jesu hei Martha und Maria sehen wir zu- 
gleich , daii auch die apostolische WrKündigung heinetwegs 
abgeneigt war^ etwas von {enem Verhäitniss sehen ma lassen, 
•ofern es allgemeines Interesse gewahren konnte. In dieser 
Hinsicht ragte ntin aber die Auferweckvng des Luams ^s 
•iiiinentes Wunder okne Vergleickung weiter als jener Be* 
•ueh mit seinem irSs rc^^« das PriTstverhSiltniss Je- 
lu zur Jiethaniiichen Familie hinaus: das vorau^^esezte Stre- 
ben , dirsrn f^eheini zu halten, konnte der Verbreitung von 
jener ni» ht in d» n Weg treten. 
S3) Krsk, iihi^r den Ursprung des Evang. Matth. Ttib. Zeitichrift^ 
ibUf Zf ö. 110. 



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I^euutea Kapitel. $. 96. 171 

bil'ien nicht aufgerüttelt ^ noch immer festfiäU) vorwirft, 
nicht 60 sehr, um uns von der bestimmten £rklftrang *a* 
rQcksnhalten y dafs wir die Erweck angsgeachichte des La- 

zaras für die wie innerlich unwahrscheinlichste, so üusser« 
lieh am wenigsten beglaubigte halten, und auch »sen Ab- 
schnitt in Verbindung mit den bisher belencüteten als Kenn« 
teichen der Unfichtheit des vierten Evnngeiinms betraehten. 

Sind auf diese Weise alle drei evancrelischo Todtener* 
weckungsgcscliichten durch negative Gründe mehr oder 
minder zweifelhaft gemacht, so fehlt jezt nur nocli der po- 
sitive Nachweis y dafs leicht aach ohne historischen Grand 
die Sage, Jesos habe Todte erweckt, sich bilden konnte. 
Vom Messias wurde bei seiner Ankunft nach rabbini- 
sehen ^'^j wie nacli N. T.lichen Stellen (z. B. Joh. 5, 28 f. 
6, 40. 44. 1. Kor. 19. 1. Thess. 4, 16.) die Anferweckung 
der Todten erwartet. Nun war aber die naQHola des Mes- 
sias Jesus in der Ansicht der ersten Gemeinde durch sei» 
Den Tod in swei Stücke gebrochen: in seine erste vorbe- 
reitende Anwesenheit 9 welche mit seiner menschlichen Ge- 
bort begann nnd mit der Anferstehong nnd Himmelfahrt 
schlofs, und in die zweite, noch zu erwartende Ankunft 
in den Wolken des Himmels , um den aiiov {.dlkuiv wirk- 
lich ea eröffiien. Da es der ersten Parasie Jesa an der 
von einem Hesslas erwarteten Herrlichkeit gefehlt hatte ^ 
so Warden die grofsartlgen Bethätigungen messlanischer 
Macht, wie namentlich die allgemeine Todtenervveckung, 
in die sweite^ noch bevorstehende Parusie verlegt. Doch 
mofste, cum Unterpfand fitir das sn £rwartende, auch 
schon doreh die erste Anwesenheit Ae Herrlichkeit der 
zweiten in einzelnen Proben hindurchgeschimmert, Jesus 
seinen Beruf, einst alle Todte zu ei*wecken, schon bei sei- 
ner ersten Anknnft durch firweckung einiger Todten be- 
urkundet haben 9 er mulstei um seine Messianit&t gefragt, 



54) BaafMOUiTi Ghristol. Jud. %. S5. 



Zweiter Abschnitt. 



unter den Kriterien derselben auch das y$x(^l ^iyelQOvrai 
(Matth. 11| S.) haben aufflBhrön und seinen Aposteln dieselbe 
Vollmacht ertheilen können (Matth. 10, 8. vgl. A. 6. 9, 40. 
20, 10.) I namentlich aber als genaues Yorsiilel davon, dafa 
einst ndAig ol h roTg fivijuelo^g axoaovrai tf^g funrng avtS 
»cd ixnoQivaovtai (Job. ft, SS f.) 9 einem riaaa(iag ^fUQttg 

Ttp f4V}jpel(i) qxüvfj peyah] das SevfM f^ia nu- 
gerufen haben (Job. 11, 17. 43. )• die Entsteluing de- 

tailiirter £rzHltlungeii von einzelnen Todtenerweckungoii 
lagen aberdiefs im A. T. die geeignetsten Vorbilder. Die 
Propheten Elias (1. KOn. 17, 17 ff.) und £lisa (S. K5n. 
4, 18 if.) hntteii Todte erweckt, und darauf berufen sich 
jüdische Schriften als auf ein Vorbild der messiaiiischen 
Zeit ^^). Objekt ihrer Todtenerweckungen war bei bei* 
den ein Kind, nur. ein Knabe, wie in der den l^^n optikern 
gemeinsamen Erzählung ein Mädchen ; beide erweckten es, 
wie Jesus die Jairustochter, noch auf dem Bette ^ beide 
so, da(s üie sieh allein In die Todtenkammer begalien, wie 
Jesus dort Alle ausser wenigen Vertrauten liinauswiea; 
nur braucht wie billig der Messias die mühsamen Mani- 
pulationen nicht vorzunehmen, durch welche die Prophe- 
ten an ihrem Zwecke zu gelangen suchen. £lia im Beson- 
dern erweckte den Sohn einer 'Wittwe, wie Jesus un Nain 
that; er begegnete der Sareptanlschen Wittwe (aber yor dem 
Tod ihres Sohnes) am Thor, wie Jesus mit der Nainitiselicn 
(nach ihres Sohnes Tod) unter dem Stndtthor zusammentraf; 
endÜeh wird mit denselben WoHen beidemale gemeldet^ wie 
der Wnnderthflter den Sohn der Mutter unrlick gegeben ha- 
be ^<^). Seihst ein bereits in's Grab Gelegter, w ie Lazarus, wur- 
de dui*ch Elisa erweckt (2Kön. 13,21.), nur dafs damals der 
Prophet längst todt war, und die Berührung seiner Gebeine den 



55) s. die Band ], S. 73. angeführte Stelle aus Tancliuma. 

5U) 1 Hön. 17, 23. LXX: xal ?Soixsv auro rj /i^r^l av«i. I^uc. 

« 



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I 



Menntes Kapitel. % 97. 173 

BofUlig diiniuf geworfenen Leicbiijam belebte; swiecben den 
Bovor engeflihrten A. T.lichen Todtenerwcckiingen aber 
und der des Lazarus besteht darin eine ÄJuiiichkeU, dafs 
Jesus, während er bei den beiden andern geradesu gebie- 
tend auftritt, bei dieser ca Gott betet| wie £l!sa und 
namentiicb £lla getban batte. Wahrend nnn Paulus auch 
auf diese A. T.lichen Erzählungen seine an den evangeli- 
schen vollzogene natürliche Erklärung ausdehnt: haben Hei- 
tersehende Theologen iftngst bemerkt, dafa die T.lichen 
Todteherweckungen nichts Andere» als Mythen seien, ent- 
standen aas der Nei<ruiig der ältesten Christengenieinde , 
ihren Messias dem Vorbilde der Propheten und dem mes- 
sianischen Ideale gemäfs bo machen 

$. VT. 

Sturm See- und l^iscbgcscbichtea. 

Wie fibierhaopty wenigstens nach der Darstellnn^ der 
drei ersten Evangelisten ^ die Umgegend des gallläischen 



57) So der Verf. der Abhandlung über die verschiedenen Rücksich- 
ten , in welchen der Biograph Jesu arbeiten l^ann, in Beh- 
tmoldt's kril. Journal, 5, S. 257 f. Kaiser, bibl. Theol. 1, 
S. 202. — li'ine der Erweckung des Jünglings zu Nai^ auffal« 
lead Übnliche Todtenerweckung weist Fhilostratus von tti* 
nem ApoUoniut zu ersMhlea: >»'Wie es nach Lukas einJiiag- 
^ lingy der einsige Solm einer "Wittwe^ war, der schon vor 
die Stadt liinautgetragen wurde: so ist es bei Fliilostratns 
ein erwachsenes , schon dem Brüutigam verlobte» MSdchen, 
dessen Bahre Apollonius begegnet. IHr Befehl, die Bahre 
niederzusetzen, die blosse Berührung und wenige ausgespro- 
chene Worte reichen hier wie dort hin , den Todlen wieder 
zum lieben zu bringen" (Baur , Apollonius v. Tyana und 
Ciuristus, S. 145). Ich m'öchte wissen, ob vielleicht Paulus 
oder wer sonst Lust hatte, auch diese Erzählung natürlich 
zu erbUren ; wenn man sie aber ^ wie man wohl nicht um- 
hin bsnn, sls NacbbHdung der evangelischen fassen nuss : 



m 



Zweiter Abtebnitt. 



Sees IIauptschau])Iaz der Thütigkeit Jesu war: so steht 
aach eilte ziemliche Anzahl seiner Wunder mit dem See in 
unmittelbarer üesiehung. Eines von dieser Gattmig^ der 
dem Petras beseheerte wunderbare Fisebzug^ hat sich uns 
bereits sar Betrachtung dargeboten; übrig sind nun noch 
die wunderbare Stillung des Sturms, der, wahrend Jesus 
aciiliefy auf dem See entstanden war, bei den drei Synop» 
tifcem; das Wandeln Jesu auf dem See, gleiclifalls wäh* 
rend eines Sturms, bei Matthfius, Marlius und Johannes, 
die ZusamiiuMifnssung der meisten dieser Momente, welche 
der Anhang des vierten Evangeliums in die Zeit nach der 
Auferstehung verlegt; endlich deryon Petrus mn erangein« 
de Stater bei MatthXus. 

Die zuerst genannte Erzählung (Matth. 8, 23 ff. jiaralL) 
will uns ihrer eigenen Schlulsiurmei zufolge Jesum aia 
denjenigen darstellen, welchem oi oVc/iOi xcti ^ ^ulaaaa 
vnaxssaiv* £s wird also, wenn wir den bisherigen Wun- 
derklimax verfolgen, hier nicht bloi's vorausgesezt , dais 
Jesus auf den menschlichen Geist und durch diesen auf den 
Kdrper psychologisch^ oder auf den vom Geist verlassenen 
mensciüichen Organismus neu belebend, auch nicht blofs, 
wie in der früher erv\ogenen Eischzugsgeschiclite , dal's 
er auf die vernunftlose aber lebendige JNatur, sondern, 
dals er selbst auf die leblose unmittelbar bestimmend habe 
einwirken können.* Durch ein richtiges Bewufstseln davon, 
wie eine solche Gewalt über die äussere Natur mit der 
ßestimmung Jesu für die Menschheit und ihre Erlösung • 

so gehört schon eine vorgefisste Meinung von dem Charsk* 
ter der N. T.licben Bilchcr dazu, um der Contequens aus- 
suweichen , datt ebenso die in Urnen sich findenden Todlen- 
erwecltungen nur minder absichtlich entstandene Nacbbüäun- 

gen jcncr A. T.lichen seien, welche selbst aus dem Glaal>en 
des Altcrlhums an die den Tod hezwingcndc Kraft gott^e- 
liebter Männer (Herkules, Asculap), und naher aus den jü- 
dischen üe^riffen von einem Propheten abxuieitcn sind. 



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Neuntep Kapitet {• 97. 17ft 

an sich nicht nnsAmmenhfinge, Ist Oj.8hau8EN tmf den Ver- 
sach gpfQhi*t woi'den y das Natarereignifs , welchem Jesns 

hier Einlialt thut, in eine Beziehung zur Sünde, und da- 
mit zum ßeruf Jesu £u setzen. Die IStürme sind ihm die 
Krümpfe and Zackungen der Natar, und als solche Fol- 
gen der SOnde, welche in ihrer forchtbaren Wirksamkeit 
auch die physische Seite des Daseins zerrüttet hat Al- 
lein nur eine Naturbeobnchtung, welche über dem Einzel- 
nen das Allgemeine Tergifst, kann StUrme, Gewitter n. dgl. 
die im Znsammenhang des Gänsen ihre noth wendige Steile 
und wolilthätige Wirkung haben, als Übel und Abnormi- 
tüten betrachten ) und eine VVeltansicht , weicKo im Ernst 
der Meinung ist, vor und ohne den SündenfuJi würde es 
keine Stürme und Gewitter , wie andrerseits keine Gift- 
pflanzen nnd reissende Thlere, gegeben haben, streift 
man weifs nicht, soll man sagen, an das Schwärmerische 
oder an das ICindische. Wozu aber, wenn sich die Sache 
auf diese Weise nicht fassen iiiist | bei Jesa eine solche 
Macht über die Natnr? Als Mittel, ihm Glanben en erwe- 
cken, war sie unzureichend und überflüssig: denn einzelne 
Gläubige fand Jesus auch ohne diese Art von Maciit bewei- 
sen, und allgemeinen Anhang ▼erschafiten ihm auch diese 
nicht. Als Bild der ursprünglichen Herrschaft des Men- 
schen über <lie äussere Natur, zu deren Wiedererlangung 
er bestimmt ist, kann sie ebensowenig betrachtet werden, 
denn der Werth dieser Herrschaft besteht eben darin, dala 
«ie eine Termittelte, durch das fortgeseste Naclidenken und 
die vereinigte Anstrengung von Jahrhunderten der Natur 
abgerungene, nicht aber eine unmittelbare, magische ist, 
weiche nur ein Wort kostet. So ist in Besug auf den 
Theil der Natur, von welchem, hier die Rede ist, der 
Rompafs, das Dampfschiff, eine ungleich wahrere Verwirk» 
lichung der UeiTschaft des Menschen über dieselbe^ als 



t) I». CoflEun. 1, 8. ae7* 



176 . Zweiter Abschnitt 

die Betchwichtignng des Meeres dareh ein blofses Wort 

gewesen wäre. Die Sache hat aber noch eine andere Sei- 
te^ indem die Herrschaft des Menschen über die Natur 
nicht blofs eine in sie eingreifende ^ praktische ^ sondern 
anch eine immanente oder theoretische ist^ vermöge wei* 
eher der Mensch, auch wo er änsserlich der Macht des 
Elementes unterliegt ^ doch innerlich nicht von derselben 
besiegt, wird y sondern in der Überseogong, dafs die JNi^ 
targewait nur das Natflriiche an ihm so serstären vermd- 
ge, sich in der Seibstgewifsheit des Geistes Uber den mög- 
lichen Untergang seiner Natürlichkeit emporliebt. Diese 
geistige Macht, sagt man, bewies Jesus , indem er mitten 
im Starme rahig schlief, und, von den sagenden J fingern 
anfgeweclit, ihnen MuTth einsprach. Da jedoch, wenn 
Muth bewiesen werden soll, wirkliclie Gefahr vorhanden 
sein mufs, für Jesnin aber, sofern er sich als die unmit- 
telbare Macht Uber die Natur wuCste, eine solche gar nicht 
vorhanden war: so hfitte er anch von dieser theoretischen 
Macht keine wahre Probe hier abgelegt. 

In beiden Hinsichten hat die natürliche Erklärung in 
der evangelischen Ersählnng nur das Denkbare und WUn- 
schenswerthe Jesu sugeschrieben finden wollen, nämlich 
einerseits verständige Beobachtung des Gangs der Witte- 
rung, andererseits hohen Muth bei wirklicher Gefahr des 
Untergangs. Das £m%ifi$v ToTg dvifiotg soll nur in einem 
Sprechen Ober den Sturm, in einigen Ausrufungen Aber 
seine Heftigkeit, das Stiliegebieten in der auf Beobachtung 
gewisser Zeichen gegründeten Voraussage bestanden haben, 
dafs der Sturm sich nun wohl bald legen werde, und der 
Zuspruch an die Jünger soll, wie jener bekannte von Cl« 
sar, nur aus dem Vertrauen hervorgegangen sein, dafs ein 
Mann, auf welchen in der Weltgeschichte gerechnet sei, 
nicht so leicht durcli Zufälle aus seiner Bahn herausge- 
wrorfen werde. Dafs hierauf die im Schiff Befindlichen die 
StÜlnng des Sturms als Wirkung der Worte Jesu angese- 



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Nennte« KepiteL S* 177 

hen haben, l>ewebe nichts ^ da Ja Jesn^ ihre Deutung nir- 
gends bUlige Boeh aneh miTsbUligt hat er sie nicht, 
nnerachtet er den Eindmcli wohl liemerken mnfste, wel« 
eben von der bezeichneten Ansicht aus der Erfolg nuf die 
Leute gemacht hatte; er rnüfste also absichtlich^ wie Yen« 
TOJiiNi wirklieh annimmt , ihre hohe Meinung yon seiner 
Wnndermaeht nicht haben stören wollen, > um sie desto 
fester an sich zu knüpfen. IN och ganz abgesehen hieron 
aber, wie sollte die natürlichen Vorzeichen von dem Ende 
des Sturmes Jesus, der nie einen Beruf auf dem See ge- 
habt hatte, besser verstanden haben, als ein Petrus, Ja- 
kobus , Johannes, M'elche von Jugend an auf demselben 
einheiinisch waren Endlich^ wie konnte, wenn Mat- 
thäus , zwar ' damals noch nicht in der Qeselischaft Jesu, 
doch ohne Zweifei von den ttbrigen Jüngern als Augen- 
sengen den Hergang vernommen hat, von diesen dem bie- 
ten Rüsonnircn Jesu über das Wetter der Sinn eines iju^ 
tift^ gegeben werden ? 

£s bleibt also dabei: so, wie die Evangelisten uns 
den Vorgang erzählen, müssen wir In demselben ein Wun- 
der erkennen; dieses nun aber vom exegetischen Ergcb- 
nils zum wirklichen Faktum su erheben, fttllt nach dem 
oben AusgeflUhrten äusserst schwer, woraus gegen den hi- 
storisehen Charakter der ErsXhlung ein Verdacht erwächst. 
Näher jedoch Ififst sich, den Matthäus zum €h*nnd gelegt, 
gegen die Erzählung bis zur Mitte von V. 2(>. nichts ein- 
wenden, sondern Jesus kannte bei seinen öfteren Fahrten 
auf dem galilftischen See wirklich einmal geschlafen haben, 
als ein Sturm aasbrach, die Jünger kUnnten* ihn mit Schre- 
cken erweckt, er aber ruhig und gefafst dns ti\ ötihn tze, 
UtfOTU^O^l uu ihnen gesprochen haben. Was dann wei- 

J) so Vämxtj ex. Handb. 1, b, S. 468 ff. Vkwturim, 2, S. 566 ff. 
iUuaa, hibL Tbeol. 1, S. 197. Auch JUm, ^. 74» findet die- 
se Ansicht mVgltch. 

3) Hub, '«, a. O. 
Ifoi Mm Jam ih üsfur, 12 



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ns Zweiter Abschnitt. 



ter folgt, das h:TtTiu(v rf^ ^a/.(<(ror^, welches Msrkns wie- 
der mit seiner bekannten Vorliebe für solche Machtworte 
mit den angeblich eigenen. Ausdrücken Jesu nach griechi- 
scher Übersetsung (atcma, ^^//ictKro!) wiedergiebt, der 
Erfolg und der Eindruck, könnte in der Sage hineugefDgt 
worden sein. Dai's ein solches inniin^n' if] ^aXuooi] Jesu 
angedichtet werden konnte, dazu lag die Veranlassung im 
A. T« Hier wird In poetischen Darstellungen des Durch- 
gangs der Isra^SlIten durch das rothe Meer Jehova als der- * 
jenige bezeichnet, welcher inert fny^oe rfj e()ii}Q(c dakdaarj 
4 (Ps. 106, 9. LXX* vgl. ^ahum 1, 40» dafs sie zurückwei- 
chen sollte» Da nun das Werkzeng dieser Zurfick Weisung 
^ des rothen Meers Moses gewesen war CSMos. 14, 16. tl.)} 
so lag es nahe, seinem grofsen Nachfolger, dem Messias, 
•elni Ähnliche Funktion zuzuschreiben ^ wie denn wirklich 

« ____ 

nach, rabbinischen Stellen in der messianischen Zelt ein 
ihnliches Austrocknen des Heeres, von Gott ohne Zwei- 
fel durch den J\lessias — bewirkt, erwartet wurde, wie 
einst Moses eines herbeigeführt hatte '^). Dnfs Jesu hier 
statt des Anstrocknens nur ein Stillen des Meers snge- 
schrieben wird, erklArt sich, wenn man den Sturm und 
die dabei von Jesu bewiesene Fassung historisch jüniint, 
eben aus dem Anknüpfen des Mytiiischen an diese ge- 
schichtliche Grundlage 9 wo ein Austrocknen des Sees, da 
sie ja sa SchiflEe waren, nicht an der Stelle gewesen wäre. 

immerhin indefs ist es ohne sicheres Beispiel , und 
auch an sich unwahrscheinlich, dafs auf den Stamm eines 
wirklichen Vorfalls ein mythischer Zusas in der Art ge- 
pfropft worden wXre, dals jener vdUfg nnverfindert blieli» 
Und Ein Zug ist schon in jenem bisher als historisch vor- 
ausgesezten Stücke, welcher, nüher angesehen, sich doch 
elier dafür giebt, in der Sage gedichtet, als wirldlch so 
vorgefallen cn sein. Dals nSmiich Jesus vor dem Aua- 



4} 8. Band I, S. 75, Anmerk. 



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I 

JNeantes Kapitel. $. 97. 179 

briich des Sturmes einschlief , und auch als er ausbrachi. ' 
nichr sogleich erwachte, das war flicht seine That, son« 
dem Zafall; eben dieser Zufall aber ist es, welcher der 
ganzen Seene erst ihre volle Bedeutung giebt; denn der ' 
im Sturm schlafende .Jesus ist durch den Cuntrast, wel- 
cher darin liegt, ein nicht minder sinnvolles Bild, als delr 
nach 80 vielen Stürmen Im Schlaf an der heimische|i Insel . 
landende Odyssens. Oafs nnn Jesus wirklich bei'm Aas- 
bruch eines Sturms geschlafen , kann zwar von Ungefiibr 
in Kinem Falle unter sehn geschehen sein: auch in den 
nenn Fällen aber, wo es nicht gesehehea war^ sondern Je- 
sus nur überhaupt im Sturme gefaftt und 'muthig sieh seig- 
te, würde, glaube ich, die Sage ihren Vortheil so weit ver- 
Stauden haben, dal's si^ den Contrast der Seelenruhe Jesu 
mit dem Toben der Elemente, wie er sich für den Ge- 
danken in den Worten Jesu ausdrückte, so fittr die An- 
8ctiauung in das Bild des im Schilfe (oder wie Markus 
malt auf einem Kissen im üintertheil des Schiffs) schla- 
fenden Jesus susammenfafste. Wenn so , was in i^iiiem 
Falle vielleicht sich wirklieh ereignet hat, In neun Fxllen 
von der Sa<^e produeirt werden mufste: so ist doch wohl 
wahrsclieinlicher, dafs wir hier einen dieser neun, aia 
dala wir jenen Einen Fall vor uns haben. Bliebe auf die- 
se Weise als historische Grundlage nichts mehr übrig, als 
dnfs Jesus im Gegensaz zu tobenden Meereswellen den 
Glaubensmuth seiner Jünger in Anspruch genommen, so 
mufs er diels nicht gerade mitten in einem Seesturm oder 
überhaupt zur See gethan haben, sondern, so gut er bild- 
lich sagen konnte : wenn Ihr Glauben habt nur eines Senf- 
korns grofs, 'so seid ihr im Stande, zu diesem l>er<> zu 
sprechen: hebe dich weg und wirf dich ins Meer (Matth. 
21, 21.), oder zu diesem Baume: entwurzle dich und pflan- 
ze dich In den Meeresgrund (Luc. 17, 6.}> und beides mit 

S) vgl. Siivina, Uber di« Quellen des Markus, S. 52. 

n * 



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180 



Zweiter Absclinitt 



Erfolg Cxcel vny]y.aoiv av vfiiVj Luc): so konnte nach, sei 
es er sich des Bildes bedienen, oder die Sage es ihm nnoh- 
bildend leihen, dafs demjenigen, der Glauben habe. Wind 
und Wellen auf das Wort gelioraam teien (Sri xal Tolg 
avliioig tTtiiauoei xcci nl» \ ()un^ xai tmaxHHOiv am([) Luc.). 
Bringen wir nun noch in Rechnung, was auch Olshauskn 
bemerkt, und Scumkckbnbo&okr belegt hat^), dafs der 
Kampf des Gottesreicha mit der Welt in der ersten chriat- 
liehen Zeit gerne mit einer Fahrt durch einen stürmischen 
Ocean verglichen wurde: so sieht man, wie leicht die Sa- 

Je dasn liommen Jioonte, aus der Parallele mit Moses, aus 
kttssemngen Jesu, und ans ihrer Vorsteliung Ton ihm als 
demjenigen, welcher daa Schliflein des Gottesreichs durch 
die empörten Wogen des xoofiog sicher hindurchsteuert, 
eine solche Erzählung cusammenausetzen. Uder, abgese- 
hen hieven, die Sache nur allgemein vom Begriff einet 
Wunderthfiters aus betrachtet, findet man e. B. auch ei- 
nem Pythagoras ähnliche Macht über Sturm und Unwetter 
sugeschrieben '^). 

Verwickelter als diese erste ist die andere See- und 
Sturmgeschichte, welche dem Lukas fehlt, dagegen aber 
neben Matth. 14, 22 ff. und Marc. 6, 45 ff. sich auch bei 
Johannes, 6, IG ff., findet, wo der Sturm die in der JNacht 
aliein schiffenden J (Inger Überfällt, und sofort Jesus, über 
den See daherwaiidelnd, an ihrer Rettung erscheint Wäln 
rend auch hier mit Jesu Eintritt in das Schiff wunderba« 
rer Weise der Sturm sich legt, bildet doch den eigentli- 
chen liiioten der i^ra&hiung dieüs, dafs in derselben der 



6) Über den Ursprung u. f. S* 68 f« 

7) Ntch Jinriilick. Tita Pyth. 135, ed. RnssttNS, wurden von 

Fytbagorat ertählt Svfßtttr ßiattay x^^**^^^ /Jmäc naftaurCxa 
nartvrijaeit »a\ »v/uärwy noTa^i'toy je xa\ ^alaanttoy antvSiaa uo\ 
n^ot tvfia^fj jüv haiqtm dtöfiagip. Vgl* f orpbyr. V. ^. ZB» 

ders. Ausg. ' 



Digitizod by (J>o<^j 



Meuiito«. Kapitel. $. 97.. Itil 

Leib Jesu von einem Gesetze, welches sonst ausnahoMio« 
alle menschlichen Leiber in seinen Banden hält, von dem 
Oeses der Schwere, so sehr ans|(enomnien erscheint , dals 

er im Wasser nicht nur nicht unti r-, sondern seihst nicht 
einsinkt, vielmehr über die Wellen wie über festen ßoden 
sich emporhält* JDa miir«le man sich den Leib Jesu in ir- 
gend einer Art als einen itheriscben Schelnitörper denkeni 
wie die Doketen thaten, eine Vorstellung, welche, wie 
von den Kirche nvütern als eine irrelij^iöse, so von uns als 
eine abenteuerliche suriick gewiesen werden muls. Zwar 
tagt Olsbaosem , an einer höheren Leiblichkeit, geschwän- 
gert mit Kräften einer hftheren Welt, dOrfe eine solche 
Erscheifuiiifj nicht befremden^): doch das sind Worte, mit 
welchen sich kein bestimmter GcdniiUe verbindet. Wenn 
man die den Leib verldärende und« vollendende Thäcigkeit . 
des Geistes Jesu, statt sie als eine solche so fassen, welche 
seinen Leib den psychischen (leset/cii der Lust und Sinn- 
lichkeit immer vollständiger entnahm, vielmehr 80'versteht| 
da(s derselbe durch sie den physischen Geseteen der Schwe- 
re enthoben worden sei: so istdiefs ein Materialismus, ron 
welclicm, wie oben, schwer zu eiitschejden ist, ob man ihn 
mehr phantastisch nennen soll oder kindisch. Ean Jesus, 
der im Wasser nicht einsänke, wäre ein Gespenst , und 
die JOnger in unserer Ersählung hätten ihn nicht nüt Un- 
ivcht dafür gehalten. Auch daran müssen wir uns erin- 
nern, dnfs bei seiner Taufe im Jordan Jesus diese Eigen- 
schaft nicht aeigte, sondern ordentlich wie ein anderer 
Mensch untertauchte. Hatte er nun auch damals schon die 
Fäfn'gkeit, sich über der Wasserfläche «u halten, und wollte 
sie nur nicht gebrauchen? und war es also ein Akt seines 
Willens , sich schwer oder leicht itu mac)ien ? oder aber, 
wie Olsbausiii vielleicht sagen würde, war er cur Zeit 
seiner Taufe im Procels der Läuterung seines Kärpers noch 



8) a. a. O. S. 491. 



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l%% Zweiter Abselinitt. 

nfoht so weit gekonmen , dafs ihn das Wssser frei gfetra- 
gen hatte, sondern so weit hätte er es erst später gebracht S 
^ Fragen, die wir nur mechen, nm eii^ui Blick in den 

Ab^und von üncrereimf helfen zu eröffnen, in welche msn 
sich bei der supranaturaiistiscben Deutung dieser Erzäh- 
lang verwickelt« 

Sie SU vermeiden, hat die natflrllche Erkiäning man» 
üherlei Wendiing^en genommen. 'Am kflhnsten hat PAüLUft 
geradeza behauptet, es stehe gar niclit im Text, dafs Je- 
las auf dem Meere gegangen, das Wunder in dieser Sreile 
sei lediglich ein philologisches, Indem das mQinox&v inl 
ri^g S^alaaarjg nur, wie 2 Mos. 14, 2. Jas cifctromSevetr inl 
tr^g ^akaoar^g ein Ladern, so ein Wandeln über dem Meer, 
d« h* am erhabenen Ufer desselben, bedeute Der Be- 
deutung der einzelnen Worte nach ist diese iiirklämng mög- 
lich: ihre wirkliche Anwendharkelt aber mnPs sich erst 
aus dem Znsnmmenhang ergehen. Dieser nun läfst die Jün- 
ger 2.5 — 50 Stadien weit gefahren sein ( Joh.) oder mitten 
Im See sich befinden (Matth, u. Mark«), nnd nun heifst es, 
Jesus sei auf sie «n«, nnd swar so nahe, dafs er mit ih» 
nen spi*echen konnte, an das Srliiff herniin;(»kommen, jrfo«- 
nccToiv^ inl rrjg O-celctoat^g — wie konnte er dicis, wenn er 
am Ufer bheb? Dieser Instans ausenweichen , Tcrmuthet 
Paülüs , die Jttn?er seien In der« stOrmlschen Nacht wohl 
nur am Ufer Inrifrefahi'on : was dein ir itiöo) irg O^a^MO" 
ar^g^ wenn es auch allerdings nicht mathematisch genau, 
sondern nach populärer Redeweise cn nehmen ist, bu ent« 
schieden widerspricht , um In weitere Rflcksicht kommen 
stu können. Tüdtlioh aber verlezt sich diese AufTassun^s- 
weise an der Stelle, wo Matthäus auch von Petrus sagt, 
dafs ei* »araßag utco tS nXoi» TtfQundtf^sv inl %u vdata 
(V. 2909 waSj da unmittelbar darauf von xavanovrl^eadttt 



9) Paulus, Memorabilien, 6. Stück | No. V. ^ ex. Hsadb. 2, S« 
238 ff. 



üiyiiized by 



Meujites Kapitel. $. tf7< 



18S 



die Hede ist, doch wohl kein Wandeln am Ufer sein kann, 
und wenn dieses nicht, dann aooh nicht das wesentÜch' 
ebenso beeeichnete Wandeln Jesu '^). 

Aber, wenn Petrus bei seinem ntQincnHv inl ra vöiaa 
SEU sinken anfieng, könnte da nicht bei ihm sowohl als bei 
Jeans an ein Schwimmen auf dem See od^r an ein Waten 
dttrch seine Untiefen sn denken sein ? Beide Ansichten 
sind wirklich aufgestellt worden Allein das Waten 

mtifste durch niQinaxuv diu r. ausgedrückt, um das 
Schwimmen zu beaeichnen aber doch irgend einmal in den 
parallelen Stellen der nne(gentliche Ausdruck mit dem ei- 
^reiitlichen yertanscht sein; abgesehen davon, dafs 25 — SO 
iStaiiien im Sturm zu schwimmen, oder bis gegen die Mitte - 
des gewifs nicht so weit hinein seichten Sees zu waten, 
beides gleich nnmttgüoh sein mufste} femer ein Schwim* 
mender nicht leicht ftlr ein Gespenst gehalten werden konn- 
te, und endlich die Bitte des Petrus um besondere Erlaub- 
iiii's, es Jesu nachzuthun, und dafs er wegen Mangels an 
Glauben es nicht ▼ermöchte, auf etwas libematttrliches 
hinweist 'O* 

Das ftfisonnementj worauf aneh hier die natürÜclie Ausle- 

gungsweise beruht, hat bei dieser Gelegenheit Paulus in 
einer Weise ausgesprochen, an welcher der zum Grunde 
liegende Irrthum besonders glficklich in die Augen iäiiL 
Die Frage, sagt er, bleibe in solchen Fällen immer die, 
ob die Möglichkeit eines nicht ganz genauen Ausdrucks von 
Seiten der Schriftsteller, oder eine Abweichung vom Na- 
tuHauf das Wahrscheinlichere sei? Man sieht, wie falsch 
das Dilemma gestellt ist, da es Tielmehr nur heilsen sollte^ 



10) Gegen die höchst gewaltsame Auskunft, wulcbe hier Pav&vs 
traf, t. Stork, Opusc. acad. 3, p. 

Ii; Jciip von BoLTKK, Bcricbl des IVlatth'aus s. d. St., dictc in 

llK^KK^s neuem Ma^^azin, 0, 2, S. 327 ff. 
12) vgl. Paulus und I'AtiAsciiK z. li. Si. 



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> * 



Zweiter Absehaltl. 

ob e« wahrscheinlicher sei, dafs der Verfasser sich nnge» 
naa (vielmehr widersinnig) ausgedrückt, oder ^lals er eine 
Abweichang vom Natarlauf habe^ ersählen wollen; denn 
nur von dem, was er geben will, ist sunffebtt die Rede: 
was wirklich zum Gmnd gelegen, das Ist, selbst nach dem 
immerwährenden PAULUs'scben Reden Ton Unterscheidung 
des UrtheUs vem Faktoui eine ganc andre Frage* Dar* 
aas 9 dafs unserer Ansicht snfelge eine Abweichung tohi 
Natnrlaaf nicht vorgekommen sein kann, folgt keineswegs, 
dafs ein Erstthier aus der christlichen Urzeit eine solche 
nicht annehmen und berichten konnte ■^): um also das 
Wunderbare ans dem Wege sn rinmen, dürfen wir es 
nicht ans dem Bericht hinaus erkittren, sondern das müssen 
wir versuchen, ob nicht der ganze Bericht aus dem Kreise 
des Geschichtlichen aussuschiiefiicn iat. Und in dieser Hin- 
sicht hat nun zuvörderst jede unsrer drei Relationen el- 
genthttmliche Zttge, die in iiistorisclier Hinsicht verdächtig 
sind. 

Am auffallenclsten sticht ein solcher Zug bei Markus 
hervor I wenn er V. 49. von Jesu sagt, er sei auf dem 
Sieer gegen die Jünger dahergekommen, noX ^ile fiageJi^Zv 
crrrut:, nur Ihr angstvolles Rufen habe Ihn vermocht, von Ihnen 
^utiz zu nehmen. Mit Recht deutet Fritzsche diese Stelle 
so, daf« Markus dadurch anzeigen wolle, Jesus habe im 
Sinne gehabt » durch göttliche Kraft unterstüst, über den 
gansen See, wie über festen Boden, hfnübersugehen. Aber 
uiit eben so vielem Rechte fragt Paulus : hätte etwas zweck- 
loser, abenteuerlio ler sein können, als ein so seltsames 
Wunder au thnn, ohne dafs es gesehen werden sollte? 
Nur dafs man defswegen nicht mit diesem Ausleger den 
Worten des Markus den natürlichen Sinn geben darf, als 
hätte Jesus die in der Nähe des Ufers Schiffenden zu Lande 
vorübergehen wollen | aumal die wunderhafte Deutung der 



13) t. die treffliche Stelle bei FaiTztcius, Comm. ia Matth, p. 505« 



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Neuntes. Kapitel. $• 



1S5 



Steile dem Geist unsres Schriftstellers vollkommen tmf^ 
mesMii ist. Nieht sofrieden mit der DarsteUnng seines Ge- 
währsmanns, dafs JesQS mit besondrer Rttclisi^ht aaf die 

Jünger diefsmal einen so ausserordentlichen Weg gemacht 
habCf giebt er durch jenen Zusnz der Saclie die Wendung, 
als wire Jesn ein solches Gehen auf dem Wasser so na- 
tflrlieb und gewöhnlich gewesen, dafs er auch ohne Rflek- 
sicht auf die Jünger, -vvo ihm ein Wasser im Wege lag, 
seine Strafse über dasselbe so unbedenklich , wie über fe- 
stes Land, nahm« Dals nun ein solches Gehen bei Jesu ha- 
bitoeil gewesen, dlefs würde am entschiedensten eine Ols- 
HAUSEN'sche Leibesverkllirung, mithin das Undenkbare, vor- 
aussetzen, wodurch sich dieser Zug als einer der stärk- 
sten von Jenen zu erkennen giebt, durch welche das sweite 
Evangelium sich hin und wieder der apokryphischen Über^ 
treibung nähert • • 

Auf andre Weise findet sich bei Matthäus das Wun- 
derbare des Voi^angs, nicht sowohl gesteigert, als verviel- 
fiicigt, indem er ausser Jesu auch den Petrus einen, wie- 
wohl nicht gans gut abgelaufenen, Versuch im Gehen auf 
dem Meere maclien läfst. Diesen Zug macht ausser dem 
Stillschweigen der beiden Correterenten auch seine eigne 
Natur verdächtig« Auf das Wort Jesu hin und durch sei- 
nen anfönglichen Glauben vermsg Petrus wirklich eine 
Zeit lang auf dem Wasser zu gehen, und erst als Furcht 
und Kleingläubigkeit ihn ergreift, fängt er unterzusinken 
an. Was sollen wir nun hieven denken? Vermochte Je* 
aus mittelst e^nes verklärten Leibes auf dem Wasser su ge- 
ben: wie konnte er dem Ferrus, der eines solchen Kör- 



14) Des Marlens Neigung zum übertreiben rcigt sich auch in der 
Schlussformel, V. 51 (vgl. 7, 37): »al Xiay e* m^ioan (v 
imyroif eit^arro xat i&av^ta^oy , worin man doch nicht mit 
Tkwn C2, S. 266) eine Mittbilligung des imverhiUtnistmXs« 
•igen Erittuneat wird finden woliea« 



9 



18d Zweiter Abschuitt. 

pars sicli nicht erfreute, zusprechen, ein Gleiches zu thun ? 
oder wenn er durch ein blofseeWort den Leib des Petrus 
vom Geses der Schwere dispensiren lionnte, ist er denn 

noch ein Mensch? und wenn ein Gott, wird dieser auf 
den £infall eines Menschen hin so spielend Naturgesetze 
eeeeiren lassen? oder endlich, soll der (ilaube die Kruft 
haben, augenblicklich den Körper des Glfiubi^en leichter 
zu raachen? Der Glaube hat freilich eine solche Kraft, näm- 
lich in der kaum erwähnten bildlichen Rede Jesu, naeh wel- 
cher der Gläubige Berge und Bfiame in's Meer mu Tersetsen, — 
und warum nicht anch auf dem Meere ma wandeln? — im 
Standeist. Und dafs nun, sobald der Glaube weiche, auch 
das Gelinrren aufhöre, diels konnte in keinem der zwei er- 
steren Bilder so geschickt dargestellt werden, wie in dem 
losten durch die Wendung: so lange einer Glauben habe, 
vermönfc er ungefährdet auf dem wogenden Meere einher» 
zuschreiten, sobald er aber Zweifeln Kanin ^ebe, sinke er 
unter, wenn nicht Christus helfend ihm die Hand reiche. 
Das also werden die Grandgedanken der von Mi^tthäus ein- 
geschobenen Erzählung sein, dafs Petras auf die Festigkeit 
seines Glaubens zu viel vertraut habe, durch das jilö/Iiche 
Schwachwerden desselben in grofse Gefahr gekommen, 
aber durch Jesus gerettet worden sei, ein Gedanke, wel- 
cher sieh Luc. 22, 31 f.* wirklich ausgesprochen findet, 
wenn Jcius zu Simon saut: q auiavag i^i^ujoazo Vftü^ zu 
avnaaai ('tg zov aizor' tyia dt ISft^d^f-v ntQl a&, ivcc fit^ 
btltimn 1/ ni^is <F&. Diefe sagt Jesus dem Petras mit Be» 
sag aof seine bevorstehende Verleugnung: diese war der 
Fall, wo sein Glaube, kraft dessen er sich so eben noch 
erboten hatte, mit Jesu xcil Big q>vXaxr^v xal ffV xh'crcaov 
nogeisat^aif wankend wurde, wenn nicht der Uerr durch 
seine FOrbitte ihm neue Stärke yerschafflt hätte. Nehmen 
wir dazu die schon erwähnte Neigung der ersten christli- 
clien Zeit, die den Christen aufechteude Welt unter dem 
Bilde eines wilden Meeres darsustellen : so werden wir 



Neu Utes Kapitel. 97. 187 

nicht umhin können 9 mit einem der neuefiten Kritiker in 
dem sich muthif nnm Gehen auf dem Meer anaehickenden, ^ 
bald Jedoch kleinmOthig ariteralnkenden , aber von Jesu 

emporgehalfenon Petrus eine in Her Snjre ^ebllflefe alle^o- 
rtach- mythische Darstoiliin^ jener (ilaubensprobe zu fin- 
deiii welche der ao atark aioh dfinkende Jünger ao ach wach 
beatanden, und nnr durch hdberen JMatand glficklieh iber- 
alanden hat '^}. 

Doch auch der Relation des vierten Evang^ellums fehlt 
ea nicht an einigen eigenthHoiÜchen Zflgen^ die einen nn* 
biatoriaeben Charakter rerratben. Ton Jeher bat ea den 
Harmonisten Kreuz gemacht, dnfs nach Matthäus und Mar- 
kus das Schiff erst un^refähr in der Mitte des iSees sieb 
iiefand, ala Jeaua demaeiben begegnete : nach Johannes aber 
bald Tollenda das Jenseitige Üfer erreicht gehabt haben aoll | 
dafs nach jenen Jesus wirklich noch in das Schiff stieff , 
und darauf der Sturm sich lejg^te : nach Johannes dagegen 
die Jfinger ihn ewar in daa Schiff nehmen wollten , die 
wirkliche Anfhabme aber durch daa sogleich erfolgte An* 
Janden üherflüssig" gjeraacht wurde. Zwar fand man aucb 
hier Ausßrieichungen in Menge : das zu kaßhlv gesezfe r^O^i-^ 
Xav aollte bald abundiren, babi, w^'e wenn ea i^'hhXnmc 
Sjtßw hiefse, die freudige Aufnahme beaeiobnen, bald nnr 
den ersten Bindruek liesch reiben , welchen das Erkennen 
Jesu auf die Jünger gemacht habe, wobei die später wirk- 
lich erfolgte Aufnahme in das Schiff verschwiegen sei 
Doch SU einer solchen Deutung liegt der elnaige Anlafs in 
der unbefugten Vergleiebnng der Synoptiker: in der Er- 
zählung des Johannes für sich liegt niclit nur kein (inind 
dafür, sondern ein entschiedener dagegen. Denn der hin- 
sngefiUgte Sas: sv^ioig vo nXoiov iyifevo 47U tijg y^Qj 
vnY/ovy wenn er aneb nicht durch di, sondern durch 



15) jVcRHScxBKBVaetn) über den Ursprung Ur t« f. S. 68 f. 

IQ s. bei LOcaa und Taetvca, « 

« 

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s 

I 

f 

ISS Zweiter Abaohnitt. 

«Oft angeknüpft Ut» kann doch nar adversativ in dem Sinn 
Ijenommen werden, dafa es cur wirklichen Aafnahine Jesu in 
das SchliF oneraohtet der BereitwUIf^keit der Jünger doch 

nicht gekommen sei, weil sie sich bereits am Ufer befunden 
haben. In Betracht dieser Diflei*enz hat Chrysostomos snei 
Terschiedene Gänge Jesu anf dem Meer angenonmen^ und 
wenn er sagt, bei dem aweften Fall, den Johannes ensfih- 
le, sei Jesus nicht in das Schiff gestiegen, ha z6 O^avffce 
fiBi^ov iQyaaijrai '^^'): so werden, wir diese Absicht auf 
den Eyangelisten Übertragend sagen , wenn Markus das 
Wunder dadurch vergrüssert habe, da(s er Jesu die Ab- 
sicht, an den Jüngern vorbei über den ganzen See hinüber- 
Euwandeln, unterlegte: so gehe Johannes noch weiter, in- 
dem er ihn diese Absieht wirklich ausfitthren, und ohne • 
Aufnahme in das Schiff bis an das Jenseitige Ufei^ gelan- 
gen lasse. — Doch nicht nur zu vergrössern, sondern auch 
fester zu begründen und zu constatiren hat der vierte Evan- 
gelist das vorliegende Wunder gesucht. Mach den Syn- 
optikern sind die einsigen Gewihrsmftnner desselben die 
Jünger, welche Jesum auf dem Meer daherschrelten sa- 
hen: Johannes fügt zu diesen wenigen unmittelbaren Ge- 
wfihrsmAnnem eine Masse von mittelbaren hinan , näm- 
lich das Volk, das bei der Speisung versammelt gewesen 
war. Dieses nlimlich, wie es am andern Morgen Jesum 
nicht mehr an Ort und Stelle findet, berechnet nach ihm, 
1) suSchiff könne Jesus nicht über den See gekommen sein, 
denn a) 'das Fahrseug der Jünger habe er nicht raitbestie- 
gen (V, Ä), b) ein andres Fahrzeug sei nicht dagewesen 
(ebendas.); dafs er aber 2) auch nicht zu Land hinüber- 
gekommen sei, ist darin enthalten, dafs das Volk, als es 
sofort über den See fiShrt, ihn bereits am Jenseitigen Ufer 
findet (V. 25.) , wohin er EU Lande In der kurzen Zwi- 
schenzeit schwerlich gelangen konnte* So bleibt in der 

17) Honll. in Joann. 4S. 



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• Neuntes RapiteL $. 97« 



189 



Dmteliong des vierten ETengeliams^ indem alle natürlichen 
Wege des RinQberkommens Jesn abgesehnitten werden^ 

mir ein übernatürlicher Übrig, und diese Folgerung ist von 
der Menge in der verwunderten Frage wirklich gezogen, 
welche sie an Jesnm, als sie ihn am Jenseitigen Ufer ün^ 
det, macht: note wde ytyovag; Da diese ganae Controle des 
Munderbaren Übergangs Jesu an der sclinellen Überfahrt 
der Menge hängt: so beeilt sich der Evangelist, zum Be< 
hnf von lUeser älka nloutqia herbeisnschaffen (,V* 23*). 
If an Ist die Oberfahrende Menge (V. 2S. 26 ff.) als dicjeni* 
ge bezeichnet, welche Jesus wunderbar gespeist hatte, 
und diese belief sich (nach V. 10. Jt auf 5000 Menschen. 
Wenn von diesen auch nnr ^> Ja nur hinüberfuhr, so 
b^urfte es hiesn, nach der richtigen fiemerliang dmr^Pro- 
babilien, einer ganeen Flotte von Schiffen, namentlich wenn 
man an Fischernachen denkt; nimmt man aber FrachtscJiiÜ'e 
an 9 so werden diese nicht gerade alle die Richtung nach 
Kapemanm gehabt, oder dem Begehren des Volks aniieb 
Ihre nrsprOngliche Richtong abgeändert haben. Es scheint 
also dicise ganze Volksüberfahrt nur gemacht zu sein'^), 
theils um das Wandeln Jesu auf dem Meer durch eine 
Controle an bestätigen, theils, wie wir später noch sehen 
werden, um Jesnm, welcher der allgemeinen Oberlieferung 
zufolge unmittelbar nach der Speisung an das andre Ufer 
des Sees sich begeben hatte, noch mit dem Volk über die 
Speisong reden lassen sn können« 

Nach Hinwegnahme dieser, den elnaelnen Eraählnngen 
eigenthümlicheji Auswüchse des Wunderhaften bleibt im- 
mer noch der Stamm des Wunders, dafs nämlich Jesus 
eine bedeutende Strecke weit auf dem Meer gewandelt ha- 
be, mit aller oben aoseinandergeseaten Unwahrscheinlich« 
keit eines solchen Faktums zurück. Doch hat uns die 
Auflösung jener £)ebenaüge, indem wir die Anlässe ihrer 

18) Ba a i scaaa maa, FrebsbiL S. 81. 



I 



100 Zweiter Abschnitt 

• 

nnhistorisehen Entstehang entdeckten, <!ie Aaflindung sol- 
cher Anlässe nucli für die IlaupterzHhlting erleiehtert, und. 
damit die Auflösung auch dieser selbst möglich gemacht. 
Dafa die Gewalt Gottes und des mit ihm einigen mensch- 
lichen Geistes Ober die Natar von den HebrKem nnd er- 
steil Christen gerne unter dem ßihle einer Übermacht über 
die tobenden Meereswellen vorgestellt wurde, haben wir 
ans dem vorigen Beispiel^ gesehen. In der Erzählung des* 
Exodus stellt sich diese Übermacht so dar , .dafs das Meer 
durch einen Wink aus seiner Stelle verjagt, und so dem 
Volk Gottes ein trockener Weg durch seinen Grund geöff- 
net wurde; in der snvor betrachteten N. T.Uchen £rBäh* 
lung so, dafs das Meer an seiner Stelle blieb , und nur so 
weit zur Ruhe gewiesen wurde, dafs Jesus und seine Jün- 
ger zu Schiff gefahrlos über dasselbe hinübergeiangen konn- 
ten : in der jest vorliegenden Anekdote wird aus der zwei- 
ten der Zug beibehalten, ,dafs das Meer an seiner Stelle 
bleibt, zugleich jedoch aus der ersten der herbeigeholt, 
dafs zu FuFs, nicht zu Schiffe hinübergevvandelt w ird, doch, 
mit Rücksicht auf den andern Zog, nicht durch seinen 
Grund, sondern Ober seine Oberfläche. " Dals sich auf sei- 
ehe Weise die Anschaunng der Ubermacht des Wunder- 
thaters über Wasserwogen fortbildete, dazu läfst sich theils 
im A».T., theils in den Meinungen des Zeitalters Jestt 
noch nfihere Veranlassung finden. Unter den Wundern 
des Elisa wird neben dem, dafs er mittelst seines Mantels 
den Jordan getheilt, und so trockenen Fufses habe hin- 
durchgehen können (2 Kön. 2, 14.) > auch das erzählt, dala 
er ein in*8 Wasser gefallenes £isen schwimmend gemacht 
habe C2 Kdn. 6, 0.): eine Übermacht Uber das Gesez dep 
Schwere , welche der W^underthäter wohl auch am eige- 
nen Leibe geltend machen, und so, w ie es Hiob 9, S. LXX. von 
Jehova heifst, tbJs rngmosKay wg in idaqtug &ü ^ttldaar^g 
eich darsteilen Itonnte. Ton Wnnderthätem , die auf dem 
Wasser gehen konnten, wufste man Sich um die Zeit Jesu 



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\ 



Neuntes Kapitel, ii 97. 191 

Vieles SQ erssJihlen* Abgesehen von (>!gentha milch grieehi» 
sehen Yoi-stellnngen '^)) so schrieb die orientalisch - grie- 
clüsche Sage dem Hyjierboreer Abarls einen Pfeil ru, 
auf welchem er über Flüsse, Meero und Ab^a'iiiuie schwe- 
bend seete ^°>; der gemeine Volksn^Iaube lieh manchen 
Thanmaturgen die Fiihigkeit, auf dem Wasser bu gehen 
und es erscheint so die Möglichkeit, dafs sich aus allen 
diesen Elementen und Veranlassungen eine gleiche Sage 
auch über Jesum bilden konnte, ungleich gröfser, als die 
eines wirklichen Vorgangs dieser Art, — womit nnsre 
Rechnung geschlossen ist. 

Mit den bisher betrachteten Seeanekdoten hat die Joh. 
21. erzählte q>ca'fQ<ttaig Jesu inl rr^g ^alaaarg irg Ti/^ioti» 
Sog so auffallende Ähnlichkeit, ^dafs wir, obwohl das vierte 
£vangellnm den Vorfall in die Tage der Auferstehung Je- 
su verlegt , doch nicht umliin können , wie wir sie schon 
frühe^ ihrem einen Theile nach mit der £rzählung vom 
Fischsug Petri in Verbindung brabbten, so nun ihren an- 
dern BestandtheÜ mit dem Wandeln Jesu und Petri auf 
dem Meer in Parallele zu setzen, ßeidemale wird in dem 
noch nächtlichen Dunkel des Frübmurgens Jesus von den 
im Schiffe befindlichen Jüngern erblickt, nur dais er bei 
dem spfiteren Falle nicht wie in dem früheren auf dem 
Meere geht, sondern am Ufer steht, und die Jünger nicht 
durch iSturm, sondern nur durch die Fruchtlosigkeit ihrer 
Fischerarbeit in Verlegenheit gesezt sind. Beidemaie fürch- 
ten sie ihn: dort, weil sie ihn für ein Gespenst halten, ' 
hier wagt es keiner, su fragen , wer er sei , eidoTtgy ozl 6 
Kviftog tctv» Im Besondern aber findet die dem ersten 
Evangelium eigenthümüche Scene mit Petrus in der genann- 
ten Stelle des vierteir ihre Parallele. Wie Petrus dort« 



19} s. die Steiiea bei Wmn», p. 417 f. 

2tg) Jamblicb. vita Pylhagorse 136, vgl« Porphyr. 29» 

21) Lucisn. VliUopiendes, 19* 



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m Zweiter Absehnitt 

als der fiber den See -elnhersehreitende Jesae sieh so er» 

kennen giebt, ihn um die Erlaubnifs bittet, zu ihm über 
das Wasser hingehen zu dürfen: bo wirft er sich hier^ 
eobald der am Ufer stehende Jesus erkannt ist» in das 
Wasser, om auf dem kttrzesten Wege sehwlmroend bu ihm 
Ell gelangen. Da auf diese Weise, was in jener früheren 
Erzählung ein wunderbares Wandein auf dem Meere, in 
I der vorliegenden in Bei^ug auf Jesnm ein wunderloses Ste- 
hen am Ufer, in Beeng auf den Petrus aber ein natttrli* 
, dies JSchwimmen ist, somit die leztere Geschichte fast wie 
eine rationalistische Paraphrase der ersteren lautet: so hat 
es nicht an solchen gefehlt, welche wenigstens von der pe- 
trinischen Anekdote im ersten £vangelinm behaupteten, daft 
sie eine traditionelle Umbildung des Zugs Joh. 21, 7. in*s 
Wunderhafte sei ••). Diese Vermuthung auch auf das 
Meerwandeln Jesu ^useudehnen, wird die jetsige. Kritik 
dadurch abgehalten 9 dafs diesen Zug das als apostolisch 
▼orausgesesste vierte £vangeitum selbst in der fraberen Er^ 
sahlung hat; M'ogegen wir auf unserem Stnmlpunkt es 
gar wohl möglich finden werden, dafs demselben vierten 
Evangelisten dieselbe Geschichte in swiefacher Form mu 
Ohren gekommen, und von ihm an verschiedenen Orten 
seiner Erzälilung einverleibt worden sei. Indessen, wenn 
beide Gescliichten verglichen werden sollen, so dürfen wir 
nicht schon cum Voraus die eine 9 Job« 21., als die nr- 
eprfingliche, die andere, Matth. 14. parail., als die abge- 
leitete setzen, sondern müssen erst fragen, welche von bei- 
den sich eher zum Einen oder Andern eigne ic Allerdings 
nun, wenn wir dem bewährten Kanon folgen, dafs die 
wunderhäftere Erzählung die spätere sei, so erscheint die 
von Joh. 21. in Bezug auf die Art, wie Jesus in die Nahe 
der Jünger, und Petrus zu ihm gelangt, als die ursprüng- 
liche. Aber aufs Engste hängt mit Jenem Kanon der an- 

r 

22) ScBXBCHBHBURMR^ übct dcn Urspr. S. 68. 



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Keuntes Kapitel. $. 97* 



193 



dre sasammen, dafs die einfachere Ersählang die frtilierei 
die coMmmengesestere die spätere iat, wie das Conglome« 
rtii spfiter als die einfache Stelnbildung, — und nach die- 
sem Kanon wMre nmgekehrt die Ereühlung Job. 21. die ab- 
geleitete, da in ihr die bezeichneten Züge noch mit dem 
wanderbaren Fiscbzug verflocbten sind, während sie In 
der früheren Eralihlang HUr sich ein Ganses ansmaehem 
Allerdings swar kann auch ein grfifseres Ganse In kleinere 
Stücke zersplittern r doch solchen Bruchstücken sehen die 
getrennten Erzählungen vom Fischzug und vom Wandeln 
aof dem Bleere keineswegs Mhnlieb, welche vielmehr Jede als 
wohlgeschlossenes Ganse sich verhalten. Aus dieser Ver- 
flechtung mit dem Wunder des Fischzugs, Vfozu noch kommt, 
dafs der ganze Vorgang um den auferstandenen Jesus, der 
an sich schon ein Wunder ist, sich dreht, nird nun auch 
erklArlich , wie , gegen die sonstige Regel, die oft beseieh* 
neten beiden Züge in der späteren Diirstellung ihr \\ iin- 
derhaftes verlieren konnten , indem sie nämlich durch die 
Verbindung idit' anderweitigem Wunderbaren an blofsen 
NebensOgen, snr natfiriiohen Staffage heruntergesest'vmr» 
den. Ist aber auf diese Weise die Erzählung »Joh. 21. oi- 
ne durchaus abgeleitete, so ist sie in Bezug auf ihren hi- 
storischen Werth bereits mit denjenigen Eraählungen be« 
nrtheilt, welche ihre Grandlage bilden« 

Sehen wir, ehe wir weiter gehen, auf die bisher durch- 
laufene Reihe von Sturm-, See - und Fischgeschichten zu- 
rück, so ünden wir, dafs Ewar die eine finsserate der an« 
dern dordiaus nn&hnlich ist, indem in der einen blofs von 
Fischen , in der andern blofs vom Storm gehandelt wird : 
doch aber, je nachdem man sie aufstellt, hängt jede mit 
der folgenden durch einen gemeinsamen Zug zusanimon« 
0ie£nBihlttng von der Berufung der Menschenfischer (Matth« 
4, 18 ff. paraU.) erdffnet die Reihe; mit>dieser hat die vom 
Fischzug des Petrus (Luc. 5, 1 ff. ) die Gnome von ]\u ii- 
^benfischern gemein , aber das Faktum des Fläciizug^ ist 

JJms L§k§n Jna iL JUmA. iZ 



9 



194 Zweiter Abscknitt. 

ihr eigontliiimlioh 3 dieser lezfcre kehrt Joh. 21. wieder, 
wo noch das morgenliche Stehen Jesu am Ufer und da« 
HinOberachwimnitfii de« Petra« damkomnit ; diel« Stehen 
und Schwimmen erscheint* Matth. 14, 22 ff* parall. eis Ge* 
hen aaf dem Meer, uüd zugleich ist ein Sturm und dessen 
Aufhören mit Jesu Eintritt in das Schiff hinzugefügt; 
Matth. 8} 23 ff. parall. endlich ateht dieStiUiing dea Starma 
durch Jeaara ffir aieh allein. 

Entfernter von den bisher betrachteten Erzählungen 
steht die Geschichte Matth. 17, 24 ff. Zwar findet sich auch 
hier wie bei einigen von Jenen eine Anweiaung Jesu an 
den Petrua cum Fischfang, welcher, wie swar nicht aua- 
drOcklich gesagt ist, doch yoransgesezt werden mufs, der 
Erfolg entspricht : aber theils soll nur Ein Fisch, und zwar 
mit dem Angel, gefangen werden, theils ist die Hauptsache 
die, dafa in aeinem Manie ein Geldatllck gefunden werden 
soll, am damil die Tempelateuer Ulr Jesus und Petrus, um 
welche der leztere angegangen war, zu bezahlen. Diese 
Ereählung, wie aie sunfichst sich giebt, hat eigenthümliche 
Schwierigkeiten, welche pAULua gut anseinandersest, und 
auch Olshausbn nicht in Abrede stellt. Wenn nfimllch 
Fritzsciie mit Recht bemerkt, zwei wunderbare Stücke 
seien in dieser Geschichte: da« eine, ^vSh der Fisch einen 
Stator im Maule haben sollte, das andere, dala «leana füe£s 
Torherwnlste, so erscheint theils jenes und damit auch die« 
ses als abenteuerlich, theils das ganze Wunder als unnö- 
thig. Zwar, dafs Fische Metalle und Kostbarkeiten Im 
Leibe gehabt haben, wird auch sonst ersähit-^), und ist 
nicht unglaublich; dafs aber ein Fisch ein GeldstOok im 
Maule haben und darin behalten sollte, während er zu- 
gleich nach 4cm Angel 8chnn})|)t, das fand auch Dr. Schkap- 
PlMOER nnbegreiflich. Der Anlafs des Wunders aber 



23) Die Beispiele s. bei WiTSTirt z. d. St. 

24) Die heU. Schrift des a. Bundes 1, S. 3i4. 2te Aufl. 

I 

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m 



konnte weder Oeldmiingel sein : denn wenn «aeh damflla 
gerade kein Vorrath in der gemeinsRmen Kasse war, so 
befand sich doch Jesus in dem befreundeten Kapernaumj^ 
WO er auf DaiÜrlicbem Weg au dein nöthigen Gelde gelan- 
gen konnte, man mflfste denn mit Olsbaussn das Entleh* 
nen dnreli Zusammenwerfen mit dem Betteln gegen das 
von Jesu zu beobachtende decorum divinum finden; noch 
konnte Jesus nach so vielen Proben seiner Wonderkraft 
anch dieses Wunder noch nöthig finden, am den Petras 
im Glauben an seine Messianität an bestärken. 

Defswegen ist es nicht zu verwundern, wenn ratio« 
nalistische Ausleger gesucht haben, eines Wunders, das 
auch Olshauskn das schwierigste in der gansep eyangeli- 
scben Geschichte nennt, um jeden Preis sich an entledigen: 
es liommt nur auf die Art an, wie sie diefs angegrifTeii 
haben. Der Nerv der natürlichen Erklärung des Faktums 
liegt darin, dais man in der Anweisung Jesu das tvQi^aHg 
nicht Tom unmittelbaren Finden eines Staters im Fische, 
sondern Ton einem mittelbaren Erwerben dieses Geldbe- 
trags durch Verkauf des Erangelten versteht^'). Dafs das 
angeseigte Wort auch diese Bedeutung haben kann, ist zu-, 
angeben, nur mufs, dals es diese und nicht seine gewöhn- 
liche Bedentong habe , im einaelnen Falle aus dem Zusam- 
menhang erhellen. Wenn es also in unsrem Fall hicfsc: 
nimm den ersten besten Fisch, trage ihn auf den Markt, 
jraxsl €Vfija€tg gm^qa^ io wlire Jene Erklärung an der 
Stelle; da stett dessen dem evQijaeig vielmehr ein avol^ag 
TO auiij vorhergeht, da also nicht ein Ort zum Ver- 

kaufen, sondern nur ein Ort am Fisch angegeben ist, \^o 
der Steter erlangt werden sollte, so kann nur an ein 
unmittelbares Finden des Geldstttcks in diesem Theile des 
Fischs gedacht werden ^^). Woau wäre auch das Öffnen 



25) Paulv«, ex. Handb. 2, 502 ff. vgl. Hasb, L. J. ^. Iii. 

26) vgl. Stojui hof^ FLATT*schen Magazin, 2, S. 68 ff. 

* 13 • 



Zweiter Abschnitt 



lies Fischraanls ausdri ckÜch bemerkt , wenn nicht eben in 
demtelben da« Begehrte gefanilen werden sollte? Paulus 
findet darin nur die Anweisong, den Fisch onge^lamt vom 
Angel lösen, um ilin lebendig so. erhalten und desto 
eher verkäuflich zu machen. Zu dem Befehl, das Maul 
des Fisches eu öffnen, könnte allerdings, wenn sonst nichts 
dabei stünde, die Uerausnahme des Angela als Zweck und 
£rf(>lg hinzugedacht Vierden: da aber evQtlaeig gaiijQa da* 
beisteht, so ist unverkennbar dieses als nächster Zweck 
des Mauiöffnens bezeichnet. Das Gefühl, dafs, so lange 
▼on einem Aufthun des Maules am Fisch in der Stelle die 
Itede sei, auch der 8tater als in denselben mn findender 
vorausgesezt wer le, bewog die rationalistischen Erklärer, 
das gofiu wo möglich auf ein anderes Subjekt als den^Fisch 
mu beEiehen, und da war nnr der Fischer, Petras, ttbrig* 
Da nun aber das gofta durch das dabeistehende autö an 
den Fisch gebunden scheint, so hat Dr. Paulus, den Vor- 
schlag eines Freundes, statt ar/&, eiQfjOfig geradezu av&— 
iVQ^OBtg BO lesen, mildernd oder ttberbietend, das stehen 
gelassene atSftf von cd; a getrennt, adverbialisch genommen, 
und iibersczt: du darfst dann nur deinen Mund aufthun, 
um den Fi-ich feilzubieten, sov^ irst du auf der Stelle iuvtS) 
einen Stater für denselben ausbeaahlt bekommen. Wie konnte 
aber, mulste man noch fragen, in dem fischreichen Kaper- 
iiaum ein einaiger Fisch so theuer beaahlt werden? daher 
nahm dann Paulus das %dv uraßuviu UQunov ixO^iv ^()0v 
collectiv: nimm allemal den Fisch, der dir ftuerst aufstöfst, 
und maehe so fort, bis du eines Staters werth eran- 
gelt hast 

Werden wir durch die Reihe von Gewaltthätigkeiten^ 
welche aur natürlichen Erklärung flieser Erzühlung nö- 
thig sind, wieder eu derjenigen siirttckgewiesen , welche 
hier ein Wunder findet, und Erscheint uns doch nach dem 

früher Bemerkten dieses VV iiimIi i' als abenteuerlich und 
nnnötiug, mithin als unglaublich; so bleibt nichts übrige 



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ffeuattts Kapitel. $• ^* I9T 

«Is auch hier ein sagenhaftes Element vorauszusetzen. 
Diefs hat man so versucht, dafs man ein wirkliches aber 
Mlfirliclies Faktnm als suiii Grande liegend annahm , daft * 
Bimlich Jesus einmal den Petras angewiesen habe, so lan- 
ge zu fischen, bis die Tenipelsteuer erangeit würe, woraus 
dann die Sage entstanden sei, der Fisch habe die Steuer» 
mttnse im Manie gehabt'^)« Diesen immer ungenttgenden 
Mittelweg Bwischen natfirlicher und mythlseher £rklfirung 
so vermeiden, denken wir uns lieber als Veranlassung die- 
ser Anekdote das vielhenUzte Thema von einem Fischfang 
des Petrus auf der einen^ und die bekannten £rsähiungen 
Ton Kostbarkeiften, die im Leibe von Fisehen gefunden 
worden, auf der andern Seite« Petrus war, wie wir ans 
Matth. 4, Luc. 5, Job. 21. wissen, in der evangelischeu 
Sage der Fischer, welchem Jesus in verschiedenen Forracnf 
sanfiebst symboliseh, dann eigentlich, den reichen Fang 
beseheerft halte* Das Werthvolle des Fsngs tritt nan hier 
als Geldniünze heraus, welche, wie dergleichen Dinge sonst 
im Bauche von Fischen , so durch eine Steigerung des 
Wunders gleich im Maule des Fisdhes gefunden werden 
sollte. Dals es gerade der nur Tempelsteuer erforderliehn 
Stater ist, könnte durch eine wirkliche Äusserung Jesu 
über sein Verhältnifs zu dieser Abgabe, welche zufällig 
mit Jener Anekdote in Verbindung kam| veranlafst sein^ 
oder kdnnte umgekehrt der iii der Sage vom Fischfang cn« 
fkllig vorhandene Stater an die Tempelahgahe, welche för 
awei Personen eben so viel betrug , und den darauf he* 
Bfiglichen Ausspruch Jesu erinnert haben. 

in diesen mährchenhaften Ausläufer endigen die See - lud 
fisch- Anekdoten. 

S. 98. 
Die wmiderbsre Speisung. 
Wie in den suleat betrachteten üeschicht^n Jesos be- 

27) KATt^KR. bibl. Tbeol. 1; S. 200. vgL Uass s. «. O. 



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4 



198 Zweiter Abschnitt. 

•ttniBeiid nnil besXnfti|(eiiil auf die vernanftlose and selbst 
auf die leblose Kntnr einwirkte; so wirkt er in denjenigen 

Erzfihlungeii, zu deren Befrachtung wir jezt fortschreiten, 
sogar vermehrend nicht allein auf Naturgegenstände , son- 
dern selbst auf künstlich verarbeitete Natarprodnkte. 

Dafii Jesus subereitete Nahrungsmittel auf wunderbare 
Weise vermelirt, mit wenigen Broten und Fischen eine 
grofse Menschenmenge ^speist habe, erzählen uns mit seU 
teuer Einstimmigkeit sSmmtliche Evangelisten (Matth. 14, 
IS ff. Mare. 6, 30 ff. Lue. 9, 10 ff. Joh. 6, 1 ff. >. Und 
glauben wir den heiden ersten von ihnen , so hat Jesns 
diefs nicht hlofs Einmal gethan, sondern Matth. 15, 32 ff. 
Marc 89 1 ff. wird eine Kweite Speisung eralihlt, bei der 
es im Wesentlichen ebenso wie bei der ersten uusieng« 
Sie fKlIt der Zeit nach etwas später; der Ort ist etwas an* 
ders bezeichnet, und ^ie Dauer des Aufenthalts der Menge 
bei Jesu abweichend angegreben; auch ist, was mehr besa- 
gen will, das GröfsenverhältniCi swischen dem Speisevor* 
rath und der Menfchenmenge ein verschiedenes, indem das 
erstemal mit 5 Br iten und 2 Fischen 5000, das zweitemal 
mit 7 Broten und wenigen Fischen 4000 Mann gesättigt 
werden, und dort 12, hier 7 Körbe mit Brocken übrig 
bleiben. Demungeachtet Ist nicht nur die Snbstans der 
Geschichte auf beiden Seiten ganz dieselbe: Sättigung ei- 
ner Volksmenge mit unverhältnifsmäfsig wenigen Nahrungs- 
mitteln , sondern auch die Ausmalung der Seene ist in den 
ürundsagen gans analog: beidemale das Lokal eine einsa- 
me Oegend in der Nffhe des gafiläischen Sees; beidemale 
die Veraiihissuii^ des Wunders ein zu langes Verweilen 
des Volks bei Jesu; beidemale beseigt Jesus Lust, die 
Menge ans eigenen Mitteln su speisen, was die JOnger als 
eine unmögliche Siehe betrachten; lieldemale besteht der 
disponible Speisevorrath Im Broten und Fischen; beidemale 
lAfst Jesus die Leute bieli lagern und theilt ihnen nach 
gesprochenem Dank^ebet durch Verokittlnng seiner Jünger 



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ans; befdenale werden sie Tellkommen satt, and e« kann 

noch eine unverhaltnirsmürsig groAie Menge übrior gebliebe- 
ner Brocken ih Körbe geMumelt werden ; endlich einmal 
wie das andere aesl Jetos naeh voilbrachter Speisang Uber 
den See. 

Bei dieser Wiederholung desselben Faktums macht na- 
mentlich die Frage Schwierigkeit, ob es wohl denkbar seii 
dnis die Jünger , nachdem sie seibst mitangesehen hatten ^ 
wie Jesus mif wenigen Nahrungsmitteln eine grofse Menge 
zu speisen vermochte , dennoch bei einem zweiten ähnli- 
chen Fall jenen ersten spurlos vergessen gehabt ^ und ge- 
fragt haben sollten: aoi^&f ^fur iv iQtjfiig ÜQVOi %oa5%otf 
üga XOQfaaai oxlov toaövov; Wenn man sich ÜBr eine sol- 
che Vergefslichkeit der jHnger darauf beruft , dafs sie auf 
Ähnliche unbegreilliche Weise die Erkl^trungen Jesu über 
sein bevorstehendes Leiden und Sterben vergessen gehabt 
haben, als dasselbe eintrat so ist es ja ebenso noch eine 
olischwebeiMie Frage , ob nach ' so deutlicben Voraussagen 
Jesu sein Tod den Jüngern so unerwartet hätte sein kön- 
nen! Denkt man sich aber zwischen beide S^ieisungen eine 
lingere Zeit und eine Ansahi analoger Fülle iiineln , wo 
aber Jesus nicht fiHr gut gefunden habe, auf wunderbare 
Weise zu helfen so sind diefs theils reine ErdichtoJigen, 
theils bliebe auch so unbegreiflich^ wie die gar su spi*e- 



J) Olsmauskh, 1, S. 512. Die ebcndas. in der Anmerkung gel- 
tend. gemachte Instanz, dass laut des a^ruf eiaßo/zer Matth. 
i6y 7. die Jünger auch nach der zweiten Speisung noch sich 
nicht gemerkt hatten y wie man in der N'ihe des Menschen - 
sohns keine Speise für den Leib mitsunehmen brauche > be- 
weist desswegea nSchtt, weil die ümstXnde hier gsns andere 
waren. Dats aus der wunderbaren SXttigung des zufalUg in 
der Wüste vertpMteten Volks die Jünger nicht den beque- 
men Schluss sogen , welchen der bibl, Cooiau darsus sieht, 
kann ihnen nur zur Khrc gereichen* 

2) i>cr8. ehendas. 



iOO Zweiter Absohuilt. 

• ■ 

ehende Ähnlichkeit der Umttffnde vor der eweiten BfMt- 

sung mit denen vor der ersten auch nicht Einen der Jün- 
ger an diese sollte erinnert haben. Mit Recht beliaupteC 
deher Paulus, hätte Jeeue schon einmal die Menge daroh 
ein Wnnder «respeist gehabt, so wttrden'bei'm Eweiten Mal 
die Jünger nnf seine Erklärung, er möge das Volk nicht 
nüchtern entlassen, ihn getrost zur Wiederholung des vo- 
rigen Wunders aufgefordert haben« 

Jedenfalls daher, wenn Jesas ra Bwei verschiedenen 
Malen eine Volksmenge mit unverhältnifsmÄrsig" geringem 
Vorrath gesättigt hat, müfsfe man mit einigen Kritikern 
annehmen,^ dafs aus der Ersählang von der einen Bege- 
benheit viele Züge in die von der andern flbergegangen , 
und 80 beide, nrsprOnglieh sieh unfthnÜcher, In der mQnd- 
liehen Überlieferung immer mehr ausgeglichen worden seien, 
wobei also namentlich die zweifelnde Frage der Jünger 
nur das erste, nicht aber aneh das eweitemal vorgekem^ 
^men seih kSnnte Für eine solche Assimilation kann 
der Umstand eu sprechen scheinen , dafs der vierte Evan- 
gelist, der namenflieh in den Zahlangaben auf Seiten der 
ersten Speisung dei Matthäus und Markus ist, doch von 
deren sweiter Speisunisragesehichte die Züge liat, dais eine 
Anrede Jesu, nicht der Jünger, die Scene eröffnet, und 
dafs das Volk zu Je>u auf einen Berg kommt. Allein wenn 
man hiebei die Grnndzüge: Wüste, Speisung des Volks ^ 
Aufsammeln der Brocken, auf beiden Seiten stehen Ififst, 
so ist auch ohne jene Frage der Jünger immer noch un* 
wahrscheinlich genug, dafs eine solche Scene sieh auf so 
ganz ähnliche Weise wiederholt haben sollte; läfst man Iiin- 
gegen auch jene allgemeinen Züge bei der einen Geschichte 
fallen , so ist nicht weiter eincusehen , wie man die Treue 
der evangelischen £rzühlung in ßezug auf den Hergang der 

i) Grati ) Com». Matlh. S, S. 90 1 Sonsrnnr, über den 

ürspr. S. 97. 



NeuHtei Kapitel. $. 98. SOI 

«weiten Speisiin^r nuf allon Punlifen in Anspruch nehmen, 
und doch an des Angabe, dafs eine Bolche vorgefallen^ 
feethiilten kann , saioal nor Mattl^tts und der ihm folgen- 
de Markus von derselben wissen. 

Daher haben neuere Kritiker, mit mehr ^) oder weni- 
ger ^) Entschiedenheit, die Ansicht ansa^esprocben , es sei 
bier einfand dasselbe Faktom durch Mifsverstand des er- 
sten Evangelisten, welchem der swelte folgte, verdoppelt 
worden. Von der wunderbaren Speisung seien verschie- 
dene Erzälilungen im Umlauf gewesen , welche namentlich 
in den Zahlangaben von einander abwichen, und nun. habe 
der Verfasser des ersten Evangeliums, welchem Jede Wnn- 
derfreschichte weiter ein willkommener Fund, und der defs- 
halb zu kritischer Reduktion sweier verschieden lautenden 
£rs£hlnngen der Art wenig geeignet war, beide in seine 
Sammlang aafgenommen. Dann erklärt sich vollkommen, 
wie bei der zweiten Speisung die J<inger noch einmal so 
nngliiubig sich A'ussern können : weil iiänilich auch die 
■weite Geschichte da, wo der Verfasser des ersten £van- 
geliama sie hernahm, die elnelge and erste gewesen war, 
and der Evangelist verwischte diesen Zog nicht, well er 
fiberhaupt die beiden Erzählungen ganz so, wie er sie 
hörte oder las, seiner Schrift einverleibt en haben scheint, 
was sich anter Anderem auch in der Constana neigt, mit 
welcher er and der Ihm nachschreibende Markus nicht nur 
in der Darstellung der Begebenheiten selbst, sondern auch 
in der späteren Erwähnung derselben Matth. 16, 9 f. Maro. 
8, 19 f. bei der ersten Speisung die Körbe durch notftvot^ - 
bei der .nwelten durch anvqidB$ beeeichnet ^ Freilich 



4) This&s, krit. Commcntar, f, S. 168ff. ScnüLZ, über d. Abendfli, 
S. 311. vgl. l'KiTr.scnK, in IVTalth. p. 523. 

5) ScHLKiRRMACHKR, Über dcii LuktSy* S. 145* SismaT a. a. O« 
S. OS ff. Ha8«, ^. 97. * 

6} vgl« Saujosa a. a* O. S* 105* 



Zweiter Abschnitt 



wird mit Recht behauptet, dafs der Apostel Matthäus an« 
mögiieh einerlei für eweierlei habe aufgreifen , und eine 
gar nicht vorgefallene neue Geschichte erEXbIen können ^) ; 
aber die Wirklichkeit einer doppelten Speisung folgt nur 
dann hieraus , wenn man den apostolischen Ursprung des 
ersten Evangeliums schon voraussesti der doch erst su be- 
weisen Ist. Wenn ferner WuLua einwirft, die Verdoppe- 
lung jenes Faktums wfire ohne allen Vortheil flBr die Sache 
des Evangelisten gewesen, und Olshausen diefs naher da- 
hin entwickelt, dal's die Sage die sweite Speisungsgescliichte 
nicht so einfach und nüchtern , wie. die erste, gelassen ha* 
l»en würde; so kann dieses begehrliche Reden, et sei et- 
was keine Erdichtung, weil es als solche noch ausge- 
schmückter sein müfstc, eigentlich geradezu abgewiesen* 
werden, weil es, Jedes bestimmten Mafsstabs entbehrend, 
anter allen Umstffnden wiederkehren, und am Ende das 
Mührchen selbst nicht • mährchenhaft genug finden wird; 
insbesondre aber hier ist es defswegen völlig leer, weil es 
die Eraühlung von der ersten Speisung als eine historiscli 
genaue voraosseatr' haben wir In dieser schon ein sagenhaf- 
tes Produkt, 80 braucht sich die Variation davon, die «weite 
Speisuiigsgesohichte, nicht noch durch besondre traditio- 
nelle Züge ausBuselchnen. Doch nicht blofs nicht in s Wun- 
derbarere ist die ErsShlung von der «weiten Speisung ge- 
genüber von der ersten ausgeschmückt, sondern, indem 
sie, die Menge der Nahrungsmittel vermehrend, die Zaiii 
der Gesfittigten vermindert, verringert sie damit das Wun- 
der, und in diesem Antiklimax findet man die sicherste 
Bürgschaft für die Wirklichkeit der eweiten Speisung, in* 
dem , wer zu der ersten noch eine weitere hinzudichten 
wollte, dieselbe wohl auch überboten, und statt der 5000 
Menschen nicht 4000, sondern 10,000 gesest haben würde 



7) Paulus, ex. Handb. 2, S. iiS. Ouaussaa» 1, S. 512* 

8) OMauutSH, S« , 



KeaiiUt Kapllel. (• 98. 

Aach diese Arfamentation bernht auf der nnbegründeCen 

VorauMetsung, dafs die erste Speisang historisch sei, wo- 
bei Olshaüsen selbst den Gedanken hat, dafs einer wohl 
auch die zweite für die historische Grundlage, and die er- 
ste für die sagenhafite Zutliat ansehen kOnnte, und dann 
Terhielfe sieh die erdichtete aar wahren, wie gefordert wflr* 
de, als Steigerung. Wenn er nnn aber hiegegen bemerkt, 
wie unwahrscheinlich es sei, dafs der unlautere Referent 
das ftchte Fälitani als das geringere nachbringe, and das 
falsche voranstelle, yielmehr wolle ein solcher die Wahr» 
heit überbieten, und stelle defshalb immer das Erdichtete 
als das Glänzendere hinten an: so zeigt er damit auFs 
Neue , dafs er sich aaf die mythische Ansicht yon den bi- 
blischen Ersfihlungen nicht einmal soweit yersteht, als sn 
ihrer Benrtheilung nöthig ist. Denn von einem unlauteren 
Referenten, welcher absichtlich die wahre Speisungsge- 
aehichte hätte überbieten wollen, spricht hier Niemand, 
and am wenigsten erklftrt ii^end wer den Matthias fClr ei- 
nen solchen, sondern, mit vollkommenster Redlichkeit, Ist 
die Meinung, hatte der eine von 5000, der andre von 4000 
Gesättigten geschrieben, ebenso redlich schrieb der erste 
Evangelist Beides nach, nnd eben well er völlig arg- and 
absichtslos aa Werke gieng, kam es Ihm aoeh nicht dar* 
auf an, welche von beiden Gescliichten voran- oder nach- 
stehe, die bedeutendere oder die von minderem Belange, son- 
dern er llefs sich hierin durch sofälllge Umstffnde, wie dafs 
er die eine mit Begebenheiten aasammcngesteüt fand, die Ihm 
die früheren, die andre mit solchen, die ihm die späteren 
schienen, bestimmen. Hiemit haben wir indefs blofs das 
negative Resultat dafs der doppelten Ersühlnng der ersten 
Evangelien ' nicht awel verschiedene Begebenheiten können 
aam Grunde gelegen haben : welche , nnd ob flberhaapt 
eine von beiden historisch begründet sei, mufs Gegenstand 
einer eigenen Untersachang werden. 

Wenn, um dem magischen Scheine aatBavreiehen, wel- 



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. , Zweiter Absehnitt. / 

eben das vorliegende Wander vor andern bat, Olshaussh 
dasseibe mit «Lern Gemfithssostand der betheiÜgten Pereo- 
neu in Besiehong sest, und die wunderbare Speisung durch 
den geistlichen Hunger der Menge vermittelt wissen will : 
80 ist diefs nur ein zweideutiges Reden, das bei dem ersten 
Veranoh, den Sinn desseiben featsusteiien, in Nichts sep- 
ftilt. Denn bei Heilungen e. ß« besteht naeh der hier Tor> 
ansgesesten Ansicht jene Vermittlung darin, dafs das 6e- 
mUth des Kranken sich der Einwirkung Jesu gläubig öff- 
liet| so daüs bei fehlendem Glauben auch der Wunderkraft 
Jesu der erforderiiche Ankntfpfiingspunkt im Menschen 
fehit: hier also ist die Vermittlung eine reale. Sollte nun 
hier dieselbe Art von V^ermittlung stattgehabt, und also 
bei denjenigen von der Menge^ weiche etwa ungläubig wa- 
ren , die stfttigende Einwirkung Jesn keinen Eingang ge- 
funden haben: so mOfste hier die Sfittigung wie dort die 
Heilung als etwas von Jesu geradezu und ohne vorange- 
gangene Vermehrung der äiisserlich vorhandenen Nahrungs- 
mittel in dem Leibe der Hungrigen Gewirktes angesehen 
werden. Allein eine'solehe Vorstellung von der Sache wird, 
wie Paulus mit Recht erinnert, und auch Olshausen an- 
deutet, durch die Bemerkung der K\angeiisten abgeschnit- 
ten, dafs tinter die Menge wirklich Speisen Tertbeiit wor- 
den aeien, dala, von diesen jeder, so yiel er wollte, genos- 
sen habe, und dafs am Knde noch miehr als ursprünglich 
vorWUhig gewesen, übrig geblieben sei. Die hierin liegende 
Ausserlich und objektiv vorgegangene Vermehrung der Nah- 
rangsmittel kann nun doch nicht durch den Glanben des 
Volks auf reale Weise vermittelt gedacht werden , so dafa 
jener Glaube zum Gelingen der Brotvermehrun^ mitwirken 
muistey die Vermittlung kann vielmehr nur eine teleologU 
•ehe gewesen sein, d. h. da(a upi eines gewissen Gemtttha* 
^ «istands der Menge willen Jesus die Speisung vornahm. 
Eine solche Vermittlung aber giebt mir nicht die mindeste 
Uülfe I mir den fraglichen Vorgang denkbarer su machen . 




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t 



Bf Kapital, f • M. Mi 

denn ntdit, warom es aoi aondeni wfo aa sagegangan aal, 
Ist Hie Frage. So beruht mithin Allee, was Oii8haü8BN hier 

gcthan KU haben glaubt, um das Wunder denkbarer eu 
machen, auf der Ämphibolie des Ausdrucks: Vermittlangy 
md et bleibt die Undenkbarkeit einer nnmlttelbaren Ein- 
wirkung dee Willens Je«n anf die vemonlUeee Natur die» 

•er Geschichte mit den aulest erwogenen gemein. 

« Doch eigenthOmlich Tor den andern iet Ihr die Schwie- 
rigkeit^ dafs hier nicht blofs wie bisher von einer den 
liiaturgegenständen ertheilten Richtung oder Modifikation^ 
aondern von einer Vermehrung derselben, und «war in'a 
Ungeheure 9 die Rede ist. Zwar ist uns nichts alltagficher, 
als Wachsthum und Vermehrung der !Natiiruegenstttnde, 
wie sie a. ß. ?om Samenkorn in den Parabeln vom 8iie- 
mann und vom Senfkorn dargestellt ist« Allein diese ge- 
achieht erstlich nicht ohne Zutritt anderer Naturdinge, wie 
Erde, Wasser, Luft, so dafs auch hier, nach dem bekann- 
ten Saa der Natarlehre, nicht eigentlich die Substana ver- 
mehrt, sondern nur die Accidensien verwandelt werden; 
sweitens geschieht dieser Proeefs so, dafs er seine verschie- 
denen Stadien in entsprechenden Zeitdistanzen zurücklegt. 
Hier dagegen , bei der Vermehrung der Nahrungsmittel 
dnrch Jesus, findet weder das Eine noch das Andere statt: 
das Brot In der Hand Jesu hXngt nicht mehr, wie der 
Halm, auf welchem die Frucht wuchs, mit dem mOtterli- 
chen Boden zusammen, noch geschieht seine Vermehrung 
aümähllgi sondern plöaÜch« 

Das aber eben soll das Wunderbare an der Sache selfj^ 
wd namentlich nach der ieateren Seite hin das gegenwXiw 
tige Wunder ein beschleunigter Natnrproeefs genannt wer» 

den können. Was von der Aussaat bis zur Ernte in drei 
Vierteljahren geschieht, soll da in Minuten unter der Aus- 
theilang der Speise geschehen sein; denn einer Beschleu- 
nigung aeien ^ Natnrentwlckinngen lUilg, und einer wie 



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Zweiter AbiobAitl. 



groTsen, dM sai nicht mu bettimaien Kiii bcwhlflwnig" 
ter Niitar|irooert wXre es gewesen, wenn in Jesa Hanil 

je ein Korn hundertfältige Frucht getragen und Eur Reife 
gebracht, und er die vermehrten Körner ans imfiier vollen 
Binden dem Volke hingeschaitet hätte, um eie von diesen 
serreiben, kneten nnd backen, oder in der Wüste, wo sie 
waren , roh aas den Hülsen heraus geniessen zu lassen ; 
wenn er einen lebendigen Fisch genommen, und die £ier 
in dessen Leibe plösUch hervorgerufen, befrochtet^ and sa 
ausgewachsenen Fischen gemacht htftte, welche dann die 
Jünger oder das Volk hittten sieden oder braten mögen. 
So hingegen nimmt er nicht Korn in die Hand, sondern 
Brot, nnd auch die Fische mfissen, so wie sie in Stücken 
ausgetheilt werden, irgendwie eubereitet, vielleicht, wie 
Luc. 24, 42. vgl. Joh. 2i, 9. gebraten, oder eingesalsen ge- 
wesen sein. Hier ist also auf beiden Seiten kein reines, 
lebendiges Naturprodukt mehr, sondern ein todtes und durch 
Kunst modificirtes; am ein solches in einen Naturproceft 
Jener Art ea verseteen, hMtte Jesus vor Allem durch seine 
Wunderkraft aus dem Brot wieder Körner, aus den Brat- 
fischen wieder rohe und lebende machen, dann geschwind 
die beschriebene Vermehrang vornehmen, endlich sAmmt- 
liches Vermehrte vom NaturEustand in den kOnstlichen sn- 
rückversetzen müssen. So würe mithin dieses Wunder zu- 
aammeiigesezt 1} aus einer Wiederbelebung, welche alle 
•onst in den £vangelien ersählte an Mirakulositit flbertrft« 
fe; 2) aus einem höchst beschleunigten Naturproeefs , and 
3) aus einem unsichtbar vorgenommenen und ebenfalls höchst 
beschleunigten Kunstprocefs, indem alle die langen Proce- 
daren des Müllers and Bäckers auf der einen, and des 
Koelis anf der andern Seite durch Jesa Wort In einem Au- 
genblick müfsten vor sich gegangen sein. Wie mag also 
Olshauskn sich selbst und den glaubigen Leser durch den 



9) Se nscb ?tamniitia, OuHAVttii, f , S* 499 f. vgl. Hasb, f. 97. 



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Neuntes KapileL i« 98. 207 

annehiBlieh klingenden Aoedruck : beschleunigter Natnrpro- 
eefs, tXnaehen, wenn doch dieser die Sache', Ton der die 

Rede ist, nur zom dritten Theil bezeichnet? 

Wie sollen wir uns nun ein solches Wunder zur An- 
aeiiaunng bringen, and in welchen Moment des Hergangs 
es Tersetaen ? In Betreff deis Lesteren sind, nach der An^ 
Behl der in unsrer firafihlang handelnden (üruppen drei 
Ansichten möglich , indem entweder in den Händen Jesu, 
oder in denen der austheilenden Jünger, oder endlich erst 
in denen des empfangenden Volks die Vermehrung vor sich 
gegangen sein kann, '0ie lestere Vorstellung Ist theils bis 
zum Abenteuerlichen minutiös, wenn man sich Jesum und 
die Apostel denken will, mit Behutsamkeit, da ('s es doch 
]a ausreichen mtfge, Krümchen yertheilend, die in den Hän- 
den der £mpftnger au Stflcken anschwellen, theils wlire 
es nicht wohl möglich gewesen, fUr eine Masse von 50011 
Alann aus 5 Broten, welche nach hebräischer Sitte, und 
da sie Ja ein Knabe trug, nicht sehr grofs können gewesen 
sein, und vollends aus 2 Fischen fttr Jeden ein, wenn aueii 
noch 80 kleines, Stückchen herauszubringen. Unter den 
swei übrigen Vorsteilungsweisen linde ich es mit Olsuau« 
SBN am angemessensten, dals unter den schöpferischen Hftn« 
den Jesu sich die Nahrungsmittel vermehrt , und er neue 
und immer neue Stücke den vertheilenden Jüngern gebo- 
ten habe. Zur Anschauung kann man sich dann, den Vor- 
gang auf die doppelte Art au bringen suchen, dals man 
entweder sich vorstellt, so oft ein Brotkuchen und ein 
Fisch zu Ende war, sei ans den Bünden Jesu ein neuer 
gekommen, oder man denkt sich, die einzelnen ßrotku- 
ehen und Fische seien gewachsen, so dafsj^wie ein Stück 
abgebrochen wurde, es sich so lange wieder erginate, bia 
berechnetermafsen die Reihe an den folgenden kommen 
konnte. Die erster^ Vorstellung scheint dem Texte fremd 
SU sein, welcher, wenn er von Brocken ix tuv nivrt a^ary 
^richt (Joh. 6, 130^ schwerlidi eine Vermehrung dieser 



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Zweiter' Absetmltt. 



Anzahl ToransseKt, und so bleibt nur die zweite, durch 
deren poetische Ausmalung Lavater der orthodoxen An- 
sicht einen schlechten Dienst erwiesen het'^). Denn die* 
•es Wunder gehört £D denjenigen, welche nur so lange 
efnlgermafsen glaublich erscheinen können , nls man sie 
, im Uaibdunkei einer unbestimmten Vorstellung zu halten 
weifs: sobald man dieselben an 's Licht Biehen und In al- 
len Theilen genau anschauen will, lösen sie sich In Nebel- 
gebllde auf. Brote, die in den Hffnden des Austheilendeii 
wie angefeuchtete Schwämme auf(|uellen, ßratiische, wel- 
chen, wie dem lebendigen Krebs die abgerissenen Scheeren 
•llmAKlig, so die abgebrochenen Theile plözlich wieder wach* 
•en , gehören offenbar nicht in das Reich der Wirklich- 
beit, sondern in ein ganz anderes. 

Wie grofsen Dank verdient daher aucli liier die ratio- 
nalistische Auslegung, wenn es wahr ist, dafs sie uns von., 
der Zumuthung, ein so unerhörtes Wunder anzunehmen, 
auf die leichteste Weise zu befreien weifs. Hören wir 
Dr. Faulvs * *), so wollen die Evangelisten gar kein Wun- 
der erstfhlen, und das Wunder ist erst von den £rklli- 
rem in ihren Bericht hineingetragen worden« Was sie er- 
zählen, ist nach ihm nur so viel, dafs Jesus seinen gerin- 
gen Vorratli an Lebensmitteln habe austheilen lassen, un^ 
dals in Folge dessen die ganze Menge genug zu essen be- 
bommen habe. Hier sei jedenfnUs das Mittelglied ausge« 
lassen, weiches näher angebe, wie es möglich gewesen, 
dafs, unerachtet Jesus nur so wenige Lebensmittel zu bie- 
ten hatte, dennoch die grofse Volksmasse habe ges&ttigt 
werden können. £in sehr natflrliches Mittelglied aber er^ 
gebe sieb aus der historischen Combination der Umstände. 
Da nach Vergleichung von Joh. 0,4. die Menge wahrschein- 
lich zum greiseren Xheil aus einer i'estkaravane bestan- 



10) Jesus Messias, 2. Bd. No. 14. 15 und 20* 

11) eieg. Uandb. S. m iT. 



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f 

» 

Neuntes Kapitel. S< 03. 20» 

ilen hnbe^ so kSnne sie nicht ohne nlle Spelsevorrnthe ire* 
Wesen ) und nur einigen Armeren vielleicht der Vorrath 
bereits ansgegnngen gewesen sein* Um nun die besser Ver* 
eehenen bot Mittheilung an die^ denen et fehlte ^ so Ter» 
anlassen) habe Jesus ein Muhl reranstaltef ^ und sei mit 
eigenem Beispiele in der Mittheilung dessen, u^ns er und 
seine Jünger von ihrem geringen Vorrath entbehren lionn* 
ten, Torangegangen I dieser Vorgang habe Nachahmung 
gefunden 9 und so sei, indem Jesu Brotaustheilung eine 
allgemeine Mittheilung veranlai'ste , der ganze Volkshaufe 
satt geworden* Allerdings müsse man dieses natürliche 
Mitteiglied In den Text erst hineindenken; da jedoch das 
fibernatürliche^ welches man gewöhnlich annehme^ die wun- 
derbare Brotverinehrung, ebenso wenig ausdrücklich ange* 
gehen sei^ sondern beide gleicherweise lunzugedacht wer- 
den mOssen: so könne man nicht anders, als für das na*^ 
tlirliche sieh entscheiden* — Doch das hier behauptete gle!* 
che Verhältnifs der beiden Mittelglieder zum Text findet 
in der That nicht statt. Sondern, während zum fioluif 
der natürlichen £rkilirnng ein nenes austheilendes Subjekt 
(die besser Versehenen unter der Menge) , und ein neues 
Ausgetheiltes Objekt (deren VorrÜthe), sammt der Handlung 
des Austheilens von diesen hinzuirodacht werden mufs: be- 
guügt «icli die snpranaturalistische Ülrklärung mit dem vor> 
handenen Subjekt (Jesu und seinen Jüngern), Objekt (de- 
ren kleinem Vorrath) und dessen Austhellung, und Ififst 
nur die Art liinzudenken , wie dieser Vorrath zur Sätti- 
gung der Menge zulänglich gemacht wurde, indem er sich 
nlimlich unter Jesu (oder seiner Jünger) üönden wunder« 
bar yermehrte» Wie kann man hier noch behaupten, dem 
Teit liege keines von beiden Mittelgliedern naher als das 
andere? Dal's die wunderbare Vermehrnng der Brote und 
Fische verschwiegen ist, erklärt sich daraus, da ('s dieser 
Vorgang selbst sich nicht für die Anschauung festhiUten 
lassen will, daher besser nur nach dem £rfolg bezeichnet 
JJmi Leben Jesu JL Band» 14 



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210 Zweiter Ab«clinitt. 



wird : wie aber will man erklären , dafs von der durch 
Jetnoi hervorgerofenen Mittheilsamkeit der übrigen mit Vor- 
rath Versehenen niehts gesagt Ist? Zwischen das Sdiaxa 

To7s fiaD^r]T(xlgf oi öe ftad-rjTai roTg ox^oig CMatth. 14, 19.) 
und xal %(payov JTamg xal ixoQidad'f^aav (V. 20.) jene 
Mittheilnng der Andern hineinzudenken, ist reine Wilikühr, 
wogegen durch das nai vag dvo ixS^vag iftiQiaa nSai (Marc, 
6, 41.) unverkennbar angezeigt ist, dafs nor die 2 Fische 
— und also auch nur die 5 lirote — das Objekt der Thei- 
lang für Alle waren Ganz besonders aber kommt die- 
se natürliche Erldffrang mit den Körben in Verlegenheit, 
weltfhe, nachdem Alle satt geworden, Jesus noch mit den 
übrig gebliebenen Brocken füllen liefs. Wenn liier der 
vierte l^Ivangeiist sagt : am'ryayov ivy xcri iyifttaw dftiJfxtt 
nwplfas xkaaftavpmf ix %£y nivta u^m xtSh xQi^hwr^ 
S ine(f(aaev(f 8 ro7g ßeßQVJxoatv ((», 13.): so scheint doch 
hiedurch deutlich genug gesagt zu sein, dnfs eben von je- 
nen 5 Broten, naclidem 500U 3Iann sich von denselben 
gesättigt, noch 12 Körbe voll Brocken, also mehr als der 
ursprüngliche Vorratlh betragen hatte, Obrl«; geblieben seien. 
Hier hat datier der natürlicJie Erklärer die abenteuerlich- 
sten Wendungen nüthig, um dem Wunder aussuweichen. 
Zwar, wenn die Synoptiker nur schlechtweg sagen, man 
habe die Uberreste des Mahls gesammelt, und mit densel- 
ben 12 Körbe gefüllt, so könnte man vom Standpunkt der 
iiatUrliclien Erklärung etwa denken, Jesus habe aus Ach- 
tung für die Gottesgabe auch das, was die Versammlung 
von den eigenen Vorrathen liegen liels, durch seine Jün- 
ger aufsammeln lassen. Allein, wie das, dafs das Volk 
das übrig Gebliebene liegen liefs und nicht zu sich steckte, 
ansndeuten scheint, dafs es die gereichten Nahrungsmittel 
als fremdes Eigenthum behandelte: so scheint Jesus, In- 
dem er es ohne Weiteres durch seine Jünger einsammeln 
f 

12) OLSMJUJtsa, J, S. 488. 



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Neuntes Kapitel. 9$. ^tl 

lüfst, es als sein Eigentham zu befr^hten. Daher nimmt 
4enn Fauios das rjQcer v> X. der Synoptiker nieht to« 
einem auf das Essen erst gefo igten Aufsammeln des naoh 
Sättigung der Menge Ubriggebliebentn , sondern von dem 
Gbertlufs ihres geringen Vorraths, welchen die Jünger, 
nachdem sie das für Jesnm und sie selbst Erforderliehe 
Eurliekgethan , vor dem gemeinsamen Mahle und um ein 
solches zu veranlassen, herumgetragen haben. Wie kann 
aber, wenn nach tfpayov xal ix^Qfda&f^av unmittelbar xoi 
^Qtof folgt ^ damit auf die Zeit vor dem Essen snrllekge» 
Sprüngen sein? mUfste es nicht nothwendig wenigstens ij^Hn» 
yao heifsen? Ferner, wie kann, nachdem eben gesagt war, 
das Volk habe sich satt gegessen, to neQtaaavaav ^ vollends 
wenn 9 wie bei Lukas ^ tnkdig dabei steht , etwas Anderes 
als das vom Volk Übergelassene bedeuten? Endlich, wie 
ist es möglich, dafs von 5 Broten und 2 Fischen, nachdem 
Jesus und seine Jünger ihren ßedarf genommen, oder selbst 
- ohnediers, 12 Körbe zur Aostheilung an das Volk gefoUt ' 
werden konnten ? Doch noch seltsamer geht e« bei Erklll* . 
rang der johanneisehen Stelle su. Wegen der Anweisung 
Jesu, das Übriggebliebene zu sammeln, ivaf.ii] Ti mioh^zai^ 
scheint der folgenden Angabe, dafs sie von dem Uberschofs 
der 5 Brote IS Körbe gefAllt haben, die Eesiehung auf die 
Zeit nach dem Mahle nicht entzogen werden bu kttnnen,L 
wobei dann ohne wunderbare ürot Vermehrung nicht absu- 
hommen wäre. Lieber reifst daher Paulus von dem arr- 
tffcefw iv das in Einem fortlaufende xai iyifuaaw diidmta 
xfHphsg jr* r. X, ab, und Iffftt nun hier die Rede, noch hXr- 
ter als bei den Synoptikern, ohne alle Andeutung auf Eii - 
mal in das Plusquamperfeciutn und in die Zeit vor dem 
Mahle snrttckspringen. 

Anchr hier demnach löst die natürliche ErklXrung ih- 
re Aufgabe nicht: dem Texte bleibt sein Wunder, und 
wenn wir Gründe haben, dieses unglaublich zu finden, so 
müssen wir untersuchen/ ob die ErnUhlnng des Textes 

14* 



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Sli Zwtitrr AbscIiiiKn 

wirklich Glmilien venÜeaef Für ihre misgexelehiiete Gliinh« 

Würdigkeit gführt iuhii gewöhnlich die Lbereinstimniuiig 
sinuBtlicher 4 ISivangeiUten in derselben an: aber diese 
fibeffeinslifliniaiig iat lo vollständig nicht. Zwar die Dif« 
ferensen, welche awiachen Hatthfina nnd Lnkaa, und wie- 
der zwischen diesen beiden uitd dem auch hier ausmalen- 
den Markus stattfinden, ferner swischen sämmtlichen 8yn* 
eptilMni und Jobannea darin , da£i Jene den Vorgang 
sehleehtweg an ^en %inog tQrjftogt dieser ihn auf ein oqos 
verseht, und dafs den Synoptikern sufolge die Handlung 
durch eine Anrede der Jünger, nach Johannes durch ei- 
ne Frage Jesu eröffnet ist (zwei Züge, worin, wie bereits 
benerkt, die Johanneisehe £rsählnng sich den Bericht des 
Matthüns und Markus Ton der «weiten Sprung nähert), 
endlich noch die Differenz, dafs die Reden, welche die 
drei ersten Evangelist^ unbestimmt totg fta^t^atg in den 
Mund logen, der vierte in -seiner individnaiisirenden WeK» 
se naoMudich dem Philippus und Andreas leiht, welcher 
leatere auch als Träger der Brote und Fische bestimmt ein 
fUuduQiOV angiebt, — diese Abweichungen können wir als 
minder wesentlich ttbergehen, um nur an Eine uns au hal- 
ten , welche tiefer eingreift. Wfihrend nlfmlich nach den 
synoptischen Berichten Jesus die Volksmenge zuerst lange 
belehrt und ihre Kranken geheilt hatte, und erst durch 
den einbrechenden Abend und die bemerkte Verspätung 
veranlalst wurde, sie noch au speisen; ist bei Johannes, 
sobald er nur die Augen aufhebt und das V olk heranzie- 
hen sieht, Jesu erster Gedanke der, welchen er in der, 
Frage an den Philippus anssprieht; wober Brot nehmen, 
am diese su speisen f oder, da er diefs nur mtQa^iüv frag- 
te. Wühlwissend, ti r^iiirkle noulv, der Vorsaz, hier eine 
wunderbare Speisung au veranstalten. Wie konnte denn 
aber Jesu bel'm ersten Herannahen des Volks sogleich die 
Auffalle entstehen, ihm sn essen au geben? Deishaib 
lumi es ja gar nicht zu ihm, sondern um seiner Iiehre und 



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Neuntes KapiteL U8. ti3 

Heilkraft willen. £r mufste sich ai^o ganz aus eigenem. 
Anlrieb jene Anfgabe steilen, am seine Wundemuiciit in 
•iner reebt ansgeseiefaneten Probe bu beweisen. Aber that 
er auch je sonst ein Wunder so ohne Noth und selbst oh- 
ne Veranlassung, ganz eigenwillig, nur um ein Wunder au 
▼erricbten? lob weifs es nicht staHi genug ausinspreefaeni 
wie nnmöglioh liier das Essen Jesu erster Gedani&e sein, 
wie anmöglicli er dem Volk sein Speisungswunder in die« 
ser Weise aufdringen konnte. Hier geht also die synopti- 
sehe Üarstellang, in welcher das Wunder doch ^en An* - 
lala liat| der des vierten Evangelisten fiedentend vor, wei« 
eher, sum Wandereilend, die nöthige Motivirung dessel- 
ben überspringt, und Jesum die Gelegenheit zu demseibeu 
machen, nicht abwarten lAlst* So konnte ein Angenaeage 
nicht eraXhien, and wenn somit der Bericht desjenigen 
Evangeliums, welchem man jezt die grtifsie Aulitoritfft ein- 
räumt, als unlüstorisch bei Seite gestellt werden muls: 
so sind bei den (Ihrigen die oben beregten Schwierigkei- 
ten der Thatsaehe hinreiehende Gründe, ihre historische 
Zuverlflssigkelt so beewelfeln, besonders wenn sieh neben 
diesen negativen auch positive Gründe auffinden lassen, 
welche eine anhistorische Entstehung uuarer Ers&hlung 
denlibar maehen« 

Solehe Veranlassungen linden sieh wirlUch- sowohl 
innerhalb der evangelischen Berichte selbst, als ausserhalb 
ihrer in der A. T« liehen Geschichte und dem jüdischen 
Vollisgiaaben. In ersterer Besiehung ist es bemerkenswerth, 
dafs sowohl bei den Synoptikern als bei Johannes an die 
durch Jesum vollzogene Speisung mit eigentlichem Brote 
mehr oder minder unmittelbar Reden Jesu von Brot und 
Brotiftassa in anelgentliehem Sinne angehXngt sind, näm^» 
lieh hier die Aassprdehe vom wahren Himmels- and Le- 
bens b rot, das Jesus gebe (Job. 6, 27 ff.)j dort die vom fal- 
schen Sauerteig der Phnrisäer uiul Sncldiicäer, nümlich ili- 
m labehen Lehre and Heuehelei (Matth* 16^ d ff. Marc* 



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214 



Zviuirer Abächiiitt. 



8, 14 ff, vffl, Lno. 12, !.)> and beiderseits wird diese bild- 
liche Rede Jesu* irrig von eigentlichem Brot verstanden« 
Hienaeh lilge die Verniathang nicht allsnfeffi, wie in den 
angefnhrten Stpffen das Volle vnd die Jfinger, so habe auch 
die erste christliche l berlieferung das von Jesu nneigent* 
lieh (temelnfe eigentlich gefafst, und wenn He steh etwa 
In bildlicher Rede biswellen als denjenigen dargestellt hat* 
te, welcher dem verirrten und hungernden Volke das wah- 
re Lebensbrot, die besfe Zukost, zu reichen vermöge, wo- 
mit er vielleicht den Snuertelcr der Pharisüer in Gegensas 
stellte : so habe dlefs In der Sage, ihrer realistischen Rich- 
tung gemiirs, die Wendung genomnken, als ob Jesus wirk- 
lich einmal in der Wilsfe hungernde Volksmassen wunder- 
bar gespeist h/ttfe. Wenn das vierte Evangelium die Re- 
den vom Himmelsbrot als veranlafst durch die Speisung 
hliistellt, so kdnnte das VerhSltnirs leicht umgekehrt dlefs 
gewesen sein, dafs die l^ntsteliung dieser Geschichte durch 
Jene Rede veranlafst war, zumal auch der Eingang der jo- 
banneischen GrsftSlung mit seinem: ni&ev ayo(Hiaofiep Sq^ 
ws^^ya tpaycotfiv üroi; sieh gleich bei*m ersten Anblick 
des Volks in Je?u Munde eher denken lüfst , wenn er da- 
mit auf eine Sponunor durch das Wort Gottes C^S^- Joh. 
4f S3 ff.) , aof eine Stillung des geistigen Hungers CMatth. 
ft, 6«) aiisplelte, um das höhere Verstindnifs seiner J fin- 
gen BU fiben (Ttsio {^on/)^ als wenn er wirklich an leibliche 
Sättigung gedacht, und seine Jünger nur in der Hinsicht 
auf die Probe gesteilt haben soll» ob sie sich dabei auf 
seine Wanderkraft verhssen wfirden. Weniger ladet sa 
einer solchen Ans'cht die ErzMhIung der Synoptiker ein: 
durch die bildlich«^ i Reden vom Sauerteig f ür sich konnte 
die Entstehung div Speisungsgeschiclrte nicht veranlafst 
werden^ und da somit das Johanneische Evangellom in Be- 
sag aaf fenen Schein eigentlich allein steht, so ist es dem 
Charakter dossolheti floch angemessener, zu vermnthen, dafs 
es die traditionell überkommene Wundeversäliiung zu büd- 



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Bieuiites Kapitel. $. Vb. 213 

liehen Reden im alexandrinischen Gesclimacke verwendet, 
als da£B ea un» die ursprünglichen Reden aufbewahrt ha- 
be y aot welchen die Sage jene Wundergeachichte gespon^ 
nen hitle. 

Sind nun vollends die ausserhalb des N. T.s liegen* 
den möglichen Veranlassungen 2ur Entstehung der Spefc- 
•ong^eachichte aehr atark : ao werden wir den anf|[enoni* 
menen Veraueh, dieaelbe ana N. T.lichen Stoffen mu eon- 
atruiren, wieder fallen lassen müssen. Und hier erinnert 
Ulla gleich der vierte Evangelist durch die dem |Volke in 
den Mand gelegte £rwfthnnng des Manna, Jenea Hlmmela* 
brofta, welchea M oaea in der Wüste den Vorfahren au ea- 
aen gegeben habe (V. 31. einen der berühmtesten Zü- 
ge der israelitischen Urgeschichte Mos. 10.), welolier 
sich ganz dazu eignete, dafa in der messianiachen Zeit ein 
Machbild deaaelben erwartet wurde , wie wir denn wirk« 
lieh aua rabblnlaehen Schrillten wieaen, dafa unter denjeni- 
gen Zügen, welche vom ersten Goel auf den Eweiten über- 
getragen wurden, daa Verleihen von fiimmelsbrot eine 
Hauptatelle einnahm ' Und wenn daa moaalaehe Manna 
aieh dasu hergiebt, ala Vorbild dea von Jean auf wunder- 
bare Weise vermehrten Brotes angesehen zu werden: so 
könnten die Fische, welche Jesus ebenso wunderbar ver- 
mehrte, daran erinnern« wie auch durch Moaea nicht nur 
in dem Manna ein Brotaurrogat , aondem auch in den 
Wachteln eine Fleischspeise «lern Volk zu Theil geworden 
war (2 Mos. 16, S. 12. 13. 4 Mos. 11, 4— £nde> Ver- 
gleicht man dieae moaaiachen £raJihlungen mit unarer evan- 
gelischen, ao findet alch auch in den einaelnen Zügen ei- 
ne niifTailende Ähnlichkeit. Das Lokal ist beidemale die 
Wüste; die Veranlassung des Wunders hier wie dort die 
Betorgnifa, daa Volk möchte in der Wüste Mangel leiden, 
oder gar durch Uni^er an Grunde gehen: in der A. T.- 



13) S. den 1« Band, S. 73, Anm. 



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' %lü Zweiter Abi»cliiiit(« 

liehen Geschichte die vorlaute, mit Murren verbundene dett 
VolkS| In dep N« T.liohen die iLanMichdge der Jttnger and 
die menscfienfVeandliehe Jeftn. Steht blereuf ni^t der An« 

ivelsung dcH hztevcn an die Jünger, sie sollen dem Volk 
KU essen geben ^ in welcher schon sein Vorhaben einer 
wanderbaren Speisung liegt, die Zusage parallel, welche 
Jehova dem Moses gab, da« VoIIl mit Manna (% Mos. 16, 
4.) und mit Wachteln (2 Mos. 16, 12. 4 Mos. 11, 18—20) 
l^u speisen: so ist gans besonders sprechend die Ahnlich- 
Jichkeit des Zopfes der evangelischen Ersählnng, dafs die 
Jünger es als Unm5flr||ehkeit ansehen, fiDr eine so ^rofse 
Volksmasse in der Wüste Nahrungsmittel herbeizuschaffen, 
Hiit dem, WHS der A, T.liche Bericht den Moses gegen 
dl« Verheifsnng Jehova S| das Volk mit Fleisch ca sfitti- 
gen, awelfelnd einwenden ISfst Mos. 11, 21 f.)* Wie 
nümlich die Jünger, so findet auch Moses die Menge des 
Volks 9U grofs, als dafs er für möglich halten könnte, es 
hinreichend mit Nalirnngsmltteln so versQrgen ; wie Jene 
f^rageni woher In der Wüste so viele Brote nehmen ? sö fragt 
Moses ironisch, ob sie denn Schafe und Rinder (wss sie 
flicht hatten) schlachten sollen ? und wie die Jiin«:er ein- 
wenden t dafs nicht einmal durch die erschöpfendste Aus- 
gabe von ihrer Seite dem Bedürfiiifs gründlich nbgehoHen 
werden kannte: so hatte Moses In einer andern Wendang 
erklärt, um das Volk so, wie Jehova verhiefs, s«ttit;en zu 
können, müfste das Unmögliche geschehen (die Fische aus 
dem Meer herMkammen), Einwendungen , auf welche 
dort Jehova, wie hier Jesus, nicht achtet, sondern das 
Volk )Kur Em|)faiignabmü der wunderbaren Speise sich rQ<» 
sten heifst« 

8q analog (Ibrigens der Hergang der ausserordentlichen 
Sj>eisung auf beiden Selten Ist, so findet sich doch der we- 
sentliche Unterschied, ds(^ Im A. T. beldemale, bei dem 

Manna wie hei den Wachteln , von wunderbarer Beischaf- 

i'aii|^ fiiivar nicht vgrhaodeaer «Speise, im neuen aber von 



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Nenntet KepIteL 98. 317 



wunderbarer Vermehmng eines lehon Torhendenen, aber 
unsumchenden Yomths die Rede Ist, so dafs die Kluft 

zwischen der mosaischen Erzühlung und der evangelischen 
SU grois wäre, um diese unmittelbar aus jener ableiten eu 
können* Sehen wir uns hier nach einem Mittelglied um, 
so trifift es sich gana sachgemäfs, dafs cwlschen Moses und 
den Messias auch in diesem Stüclc die Propheten eintreten. 
Von Elias ist es bekannt , wie dnrch ihn nnd um seinet- 
willen der geringe Torrath an Mehl und Ol 9 den er bei 
der Wittwe an Zarpath fand, wunderbar vemiehrt, oder 
näher während der ganzen Dauer einer Hungersnoth eu« 
reichend erhalten wurde (1 Kön. 17, S — 10.)* ^och wei- 
ter, nnd mehr snr Äliniichkoit mit der CTangelischen £r- 
ji^hlnng entwickelt findet sich diese Wnndergeschichte b^ 
Elisa (2. Kön. 4, 42 ff.). Dieser will, wie Jesus in der 
Wüste mit 5 Broten und 2 Fischen .5000 ^ so während ei- 
ner Hungersnoth mit 20 Broten ( welche, wie die yon Jesu 
vertheilfen bei Johannes, als Gerstenbrote beaelchnet wer- 
den) ucbst etwas Iseniebenem Getreide (S^np^ LXX: tto* 

lu^S) 100 MeiAchen speisen, ein Mifsverhliltnifs swischen 
Vorrath und Mannschaft, welches sein Diener, wie dort 
Jesu Jünger, in der Frage ausdrückt, was denn für 100 
Mann diefs Wenige solle '^)? Elisa wie Jesus läfst sich 
dadurch nicht irren, sondern befiehlt dem Diener, das 
Vorhandene dem Volk an essen au geben, und wie in der 
evangelischen Er^^hlung das Sammeln der übriggebliebenea 
Brocken, so wird auch in der A. T.llchen am Schlüsse 
das besonders hervorgehoben, da(s nnerachtet von dem Vor^ 
rath so Viele gegessen hatten | doch noöh Überscbniä ü<dk 



S4) 2. Ktfn. 4, 43. LXX: 



Job. 6, 9: 



I 



% 

Zweiter Absokoitt» 



lierausgestellt habe Die einzige Differenz ist hier ei- 
gentlich noch die geringere Zahl der Brote ond die grüftere 
dea gesKttigten Voika anf Selten der evangelischen £rsffh- 
iung; allein wer weiCs nicht, dafs überhAupt die Sage nicht 
Jeicht nachbildet, ohne zugleich zu überbieten ^ und wer 
•lebt nicht, dafa es inabeaondre der Stdlang dea Meaaiaa 
Tdilig angemessen war, seine Wnndericraft ea der eines 
£lisa, was das Bedürfnifs natürlicher Mittel betiMfift, in 
das Verh/iltnifs von 5 zu 20, was aber die übernatürliche 

. Leistung, in das von 6000 sn 100 sa setaen? Paulus frei- 
lieh, am die Folgerung absnschneiden^ dafa, ivie die bei- 
den A. T.Iichcn, 80 auch die ihnen so auffallend ähnliche 
evangelische Erzätilung mythisch zu fassen sei, dehnt auch 

• auf jene den Versuch einer natürlichen Erkliirung aus, den 
er an dieser durchgefahrt, und iäfst den Olkrng der Witt- 
we durch Beiträge der Prophetenschüler voll erhalten wer- 
den , die 20 Brote aber für 100 Mann vermöge einer lo- 
benswerthen Mafsigkeit derselben zureichen eine £r- 

. kllmng, weiche in dem Maafae noch weniger verffihi*e- 
risch ist, ala die entsprechende der N. T.Üchen Ereilhlung, 
in welcliem bei jener vermöge ihrer gröfseren Zeiteiitfer- 
nung weniger kritische (und vermöge ihres nur mittelba- 
ren Verhältnisses sum Christenthum auch weniger dogma- 
tische) Beweggründe vorhanden eind, an ihrer historischen 
Richtigkeit festzuhalten. 

Diese mythische Deduktion der Speisungsgoscluchte 
Tollständig mn machen, fehlt nichts mehr, als die Nach- 

, Weisung, dafs auch die spfiteren Juden noch von besonders 
heÜigeu Männern glaubten, es werde durch ihren £iullufs 



15) Ebendas. V, 44 : Mal ^tfayoy^ 

16) es. Hamlb. 3, S. S37 f. 



Matth. 14, 20: xalttfayov Ttdr- 
Ttf «o* Ijjfo^TM^^oar» Mai gfur 



»• r. i. 



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Neuutes Kapitel. §. 99. 



219 



porinorer Speisevorrath zureichend gemacht, — und auch 
mit solchen Notizen lint uns der uneigennützige Sammler* 
fleifs Ton Dr* Pau;«ij8 bescheokt , wie nnmentlich, daft stir. 
Zeit eines besonders heiligen Miinnes die wenigen Sehao» 
brote zur Sättigung der Priester bis zum Überflufs zuge- 
reicht haben'''). Consequenterweise sollte .der genannte 
• Ausleger auch diese £rsAhluog natürlich, etwa gleiehfalla 
durch die Mfifsigkeit jener Priester, 8u erldHren suchen: 
doch die Geschichte steht ja nicht im Kanon , daher kann 
er sie unbedenklich für ein Mährchen halten, und r&umt 
ihrer auffallenden Ähnlichkeit mit der evangelischen ,nur 
•o viel ein , dafs vermöge des dorch Jene rabbinische Nor 
tiz dokumentirten (fllauhons der Juden an dergleiclien S])ei- 
severmehrungen auch die N. T. liehe Erzählung von judai- 
airenden Christen frtthseiüg in gleichem (wunderhaftem)- 
Sinne habe aufgefafst werden können. Allein laut unsrer 
Untersuchung ist der evangelische Bericht in diesem Sinne 
schon abgefafst, und lag dieser Sinn im (je ist der jüdischen 
Volkssage, so ist die evungeiische £r£ählung ohne Zweifel 
ein Produkt derselben. 

S. 99. 

Jesus verwaodeU Wasser ia \\ ein. 

An die Speisnngsgeschichte ififst sich die ErEKhIung 

des vierten Evangeliums (2, 1 ff.) anreihen, dafs Jesus 
bei einer Hochzeit zu Kana in Galiläa Wasser in Wein 
verwandelt habe. Nach Olshausbn sollen beide Wunder 
unter dieselbe Kategorie susammenfalien , indem beidemale 
ein Substrat vorhanden sei, dessen Substanz modificirt 



17) Jörns f. 39, I : Tempore Siaieoiiis jnsti beaedictio erat super« 
duos pancs pentccostslcs et super dccem panes n^o^tneuK'» ut 
singuli sacerdotfs, tjiii pro rata parle accipcrcnt qiinntlt.Ttcin 
olivao, ad saticUlcm comcdcrcnt , imo ut adbuc relii|uiac 
•upercsscat. 



Zweiter Abeohnitl. 



werde Allein hiebe! ist der logisehe Unterschied fiher- 
sehen, dals in der Speistingsgesohlehte die Bfodilication des 

Sabstrats eine blofs quantitative, eine Vermehrung des be- 
reite in dieser Eigenschaft Vorhandenen ^ ist (Brot wird 
aar mehr Brot, aber bleibt Brot): wogegen bei der 
Hoehselt so Rena das Substrat qualitativ modÜicirt, am 
etwas nicht hluf^ mehr dergleichen , sondern ein Anderes 
(aus Wasser V^ein) wird, somit eine eigentliche Trans« 
•nbstantiation vor sich geht« Zwar giebt es qualitative Ver^ 
indem ngen, welche naturgemlls erfolgen, und deren plds- 
Bebe Hervorbringung von Seiten Jesu noch leichter denk- 
bar wfire, als eine ebenso schnelle Vermehrung des Quan- 
tums, wie B. wenn er plöslich Most zu Wein, oder 
Wein sn Essig gemacht . haben wfirde: denn dieCs wXre 
nur ein beschleunigtes Hindurchf&hren desselben vegetabi- 
lischen Substrats, des Traubensafts, durcli verschiedene 
ihm natürliche Zuständlichkciten ; wogegen es schon wun- 
derbarer wUre, wenn Jesus dem Saft einer andern Pflan- 
senfirneht, e. B« des Apfels, die QuaÜtfit des Traubensafte 
ertheilt hätte, ob er gleich hiebei doch immer noch inner- 
halb der Grensen desselben Naturreichs stehen geblieben 
wäre. Hier nun aber, wo Wasser in Wein verwandelt 
wird, ist von einem Naturreich in das andere, vom Ele- 
mentarischen in das Vegetabilische öbergesprungen , ein 
Wunder, weiches so weit über dem Speisungswunder steht, 
als wenn Jesus dem Rath des Versuchers Geh((r gegeben ^ 
qnd ans Steinen Brot gemacht bitte« 

Auch auf diese, wie auf die vorige Wundererzählong 
wendet Olshausen, nach Augustin die Kategorie eines 
beschleunigten Natarprocesses an, so dals hier nichts An- 
dres geeehehen sein aoii, als In aeoelevirter Weise dassel- 



1) b. CoauB» 2^ S. 74« 

1) In JoaiMi. tract. 8 : Ipte viamn lecit in nuptUs , qui omni 
aaao Iwc focit in vitibus* 



Nennte« Kapitel. S* 09. 



Iie^ was in lAngsamer Entwickelong sieh Jltbrlieh am Wein* 
atock dareteile. SHeae Betniehtnngeweise wSre in dem Fall 

gegrttndet, wenn des Substrat, auf welches Jesus ein- 
wirkte, dasselbe gewesen wäre, aus weichem naturgemäfs 
der Wein iiervoraagehen pflegt: hätte er eine Weinrebe 
snr Hand genommen ^ und diese plöBlich anm. Blühen vnd 
Tragen reifer Trauben gebraeht, so liefse sich dlefs ein 
beschleunigter Naturprocels nennen. Auch so Übrigens h&t* 
ten wir noch i&einen Wein, und brachte Jesus ans der cur 
Hand genommenen Rebe sogleich auch diesen henror, so« 
mufste er noch ein unsichtbares Surrogat des Kelterns, also 
einen beschleunigten Kunstprocefs hinzufügen, so dafs auch 
80 schon die Kategorie des beschleunigten ^aturprocesses 
nnsureichend würde. Doch wir heben ja keine Rebe als 
Substrat dieser Weinproduktion, sondern Wasser, und 
hiebei könnte von einem beschleunigten ^Natnrprocefs nur 
dann mit Fug gesprochen werden , wenn jemals aus Was- 
ser, sef es auch noch so allmühlig, Wein entstinde. Hier 
wird nun der Sache die Wendung gegeben, dafs allerdings 
aus Wasser, aus der durch Regen u. dgl. in die £rde ge« 
brachten Feuchtigkeit, die Rebe ihren Saft ziehe, den sio 
sofort zur Produktion der Traube und des in ihr enthal« 
tenen Weinet verwende, so dals folglich allerdings jahr> 
lieh vermöge eines natürlichen Processes aas Wasser Weiu 
entstehe Allein abgesehen davon, dafs das Wasser nur 
£ine der elementarischen Potenzen ist, welche die Rebe 
SU ihrer Fruchtbarkeit ndthig hat, und daüs an demselben 
noch Erde, Luft und Licht hinaukommen mflssen: so könnte 
doch weder von einer, noch von allen diesen elementari- 
schen Potenaen ansammen gesagt werden, daüs sie die 



3) So, von Omhavssiv gebilligt , Augustin a. a. O« : sicat enim^ 
4|uod misemnt adnistri in hydrias , in viaum coaversum est 
. opere Domini, sie e| quod wahw funduat, ia viaum ceaver* 
tttur ejusdem opere Domiai. 

i 

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Zweiter Abschnitt 



Traube oder den Wein hervorbringen, dafs also Jesus, 
wenn er aus W asser Wein hervorbrachte, dasselbe* nur 
schneller 9 getlian habe, was sich in aUmühligem Processe 
jährlich wiederhole ^ sondern such hier wieder sind we- 
sentlich verschiedene logische Kategorieen rerwechselt. 
Wir mögen nämlich das V^erliäitiiifs des Produkts zum Pro- 
ducirendeni von welchem es sich hier handelt, anter die 
Kategorie Ton Kraft und Äusserung, oder von Drsache und 
Wirkung stellen ; niemals wird gesagt werden können, dals 
das Wasser die Kraft oder die Ursache sei , welche Trau- 
ben und Wein hervorbringe, sondern die Kraft, welche 
deren Entstehung verursacht, ist immer nur die vegetabi- 
lische Individnalitiit des Weinstdcks, en welcher sich das 
Wasser nebst den übrigen elcmentarischen Agenzien nur 
.wie die Solicitation zur Kraft, wie die Veranlassung zur 
Ursache verh&lt. D. h. ohne Einwirkung von Wasser, 
liuft u. s. f. kann allerdings die Ti^aube nicht entstehen, 
so wenig als ohne die Rebe; aber der Unterschied ist, 
dafs in der Kebe die Traube an sich oder dem Keime nach 
bereits vorhanden ist, welchem Wasser u. s. f. nur cur 
Entwicklung verhelfen: in diesen elementarischen Wesen 
dagegen ist die Traube weder actii noch potentia vorhan- 
den, sie können dieselbe auf keine Weise aus sich, son- 
dern nur aus einem Andern, der Rebe, entwickein. Aus 
Wasser Wein machen heifst also nicht, eine Ursache schnel- 
ler als auf natfirlichem Wege erfolgen würde, Eur Wirk- 
samkeit bringen 5 sondern ohne Ursache, aus der blofsen 
Veranlassung, die Wirkung entstehen lassen, oder bestimm- 
ter auf das Organische belogen, ein organisches Produkt 
ohne den producirenden Organismus aus dem blofsen un- 
organischen Material, oder vielmehr nur aus Einem Re- 
standtheü dieses Materials, hervorrufen : ungefähr wie wenn 
Einer ans Erde, ohne Daawischenkunft der Getreidepflan- 
Be, Brot, aus Brot, ohne es vorher durch einen thlerischen 
Körper assimiiiren eu lassen, Fleisch, aus Wein auf eben 



Neuntes Kapitel. S. 119. n$ 

ilieiielbe Weite Blot gemacht haben sollte. Will man sieh 
daher nicht blofs aaf das Unbegreifliche eines Allmachts- 

>vürts Jesu berufen, soiulerii mit Olshausen den Procefs, 
deir in dem fraglichen Wunder enthalten sein mül'ste, nach 
Art eines Natnrprocesses sich nfiher bringen : so mafs man 
nur nicht, am die Sache scheinbarer au machen , feinen 
Theil der dazu gehörigen Momente verschweige/i, sondern 
alle hervorstelien, welche dann folgende gewesen sein mttfs- 
ten : 1) Zu dem elementarlschen agens des Wassers mfliste 
Jesns die Kraft der Übrigen oben genannten Elemente ge- 
fügt, dann aber 2) was die Hauptsache Ist, die organische 
Individualitlit der Hebe ebenso unsichtbar herbeigeschafft 
haben; 3) hatte er nnn den natttrllchen Proccls dieser Ga- 
ge nstande mit einander, das Eiflhen und Fmehttragen der 
i^cbe sammt dem Reifen der Traube bis snm Augenblick- 
lichen beschleunigt; 4) hierauf den iKunstprocefs des Pres- 
sens n. 8. f. unsichtbar und plösllch geschehen lassen, und 
endlich 5) den weiteren üaturprocels der Gfthrnng wieder 
bis «um Attgenbiieklichen beschleunigen mllssen. Auch hier 
demnach ist die Bezeichnung des wunderbaren Vorgangs 
als beschleunigten Maturprocesses nur von awei Momenten 
unter fttnfen hergenommen, während deren drei unter die- 
sen Gesichtspunkt sich gar nicht bringen lassen , von wel- 
chen doch <lie beiden ersten, namentlich das zweite, von 
einem Belange sind, der selbst den bei der Speisnngsge* 
schichte von dieser Vorstellungsweise vernachlässigten Mo- 
menten nicht ankam: so dafs also von einem beschleunig- 
ten Naturprocefs hier so wenig wie dort die Bede sein 
kann Da aber allerdings diese Kategorie die einaige 



4} Auch LücKJi, 1, S. 405* findet die Analogie mit dem beieich'« 
neten Naturprocess mangelhaft und undeutlich, und weiss 
sich hierüber nur dadurch einigermassen su beruhigen, dats 
ein MimUcher ttbelstaad auch bei dem Spc isungswühder statt- 

I finde. 



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tM Zweiter AbsohnUt. 

»» 

oder fioe»er8te ist , unter welcher \vir dergleichen VorgiJn- 
ge unserem Vorstellen und Begreifen näher bringen lidn- 
nen : so ist mit der Unsnwendbsrkeit jener Kategorie auch 

die ündenkbarkcit des Vorgangs dnrgethan. 

Doeh nicht allein in Bezug auf die Möglichkeit, son- 
dem aoeh auf die ZweckmäfiiiglLeit und SchickÜchkeit ist 
das vorliegende Wunder in Anspruch genommen worden. 
Zwar der in älteren ^) und neueren Zelten gemachte 
Vorwurf, dafs es Jesu unwürdig sei, sich nicht allein in 
Gesellschaft von Trunkenen betreten zu lassen, sondern 
ihrer Trunkenheit durch seine Wunderkraft noch Vorsehuh 
£u thun, ist als übertrieben ebsuweisen, indem, wie die 
£rkiärer mit Recht bemerken , aus dem otav fu^voi^vfoi 
<V. 10.)> welches der aQX'^^Q^^^'^y^S i" Bezug auf den ge- 
wöhnlichen Hergang bei dergleichen Mahlen bemerkt, fttr 
den damaligen Fall nichts mit Sicherheit gefolgert werden 
kann. So viel jedoch bleibt immer, was nicht allein Fau- 
I.U8 und die Probabilien 7) bemerklich machen, sondern 
auch LüCKS und Olshaussn als eine bei m ersten Anblick 
sich aufdringende Bedenklichkeit sugestehen, dsls nimlleh 
Jesus durch dieses Wunder nicht, wie er sonst pflegte, 
irgend einer ^oth, .einem wirklichen Bedürfnifs abhalf, 
aondem nur einen weiteren Reis der Lust herbeischaffte; 
nicht sowohl httlfrelch, als vielmehr geföUig sich erwies; 
mehr nur so zu sagen ein Luxuswunder, als ein wirklich 
wohithätiges verriclitete. JSagt man hier, es sei ein hinrei- 
chender Zweck des Wunders gewesen, den Glauben der 
Jfinger bu befestigen ^) , was nach V. 11. auch wirklich 
die Folge war: so mufs man sich erinnern, dafs bei den 
ttbrigeu Wiiiidern Jesu in der liege! nicht allein das For- 



5) Bei Chrysostomus, homil. in Joann. 21. 

6) 'WooLSToa, Disc. 4* 

7) p. 4«. 

8) Taoiucs, s. d. St. 



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Neanteg Kapitel, i. in 2-i5 
mal« «l^raelbeti , il* h. dur» sie misftfrordentlfche ßffnige 

waren, etwas Wiinschenswertlies , njimlich den (ilnuben 
der Anwesenden , 2ur Folge hatte^ sondern auch ihrem 
Materialen, d. h* dafs aie in üeiinngen, Speisungen u« dgl« 
bestanden) eine wohlth2itige Absicht enm Grande Jag. Bei 
dem gegenwärtigen Wunder fehlt diese Seife, und Paulus 
hat so Unrecht nicht, wenn er auf den Widerspruch auf« 
lAerksam macht^ welcher darin iiege^ dafs Jesns jßwar dem 
VersQcher gegenüber Jede Aoffordetnng zn solchen Wnn« 
dern, die, ohne materiell 'wohlthfttig, und durcli ein drin- 
gendes Bedürfnifs gefordert zu sein, nur formell etwa Glau* 
ben und Bewunderung wirken iiönntcn, abgevriesen, und 
nun doch ein solches Wunder gethan haben sollte ^> 

Man war daher supranaturaltstlscherseits auf dfe Wen* 
dung angewiesen, niclit Glanben iiberhaii])t, welcher eben- 
so gut oder noch besser durch eine auch materiell wohl* 
thätige Wnnderhandlang £u bewirken war, sondern chie 
gane specielle, eben nur durch dieses Wunder su bewir* 
kende Überzeugung habe Jesus durch dasselbe hervorbrin- 
gen wollen« Und hier ing nun nichts näher, als durch den 
Gegensac von Wasser und Wein, am welchen sich das 
Wander dreht, an den Gegensas swischen dem ßanrl'Cmv 
iv vöurt (Matth. 3, tl.), der zugleich ein o? vor fu] ritrov 
war (l^uc. 1, 15. Matth. 11, 18.), und demjenigen, wel- 
cher, wie er mit dem heiligen Geist und mit Feuer taufte,' 
•o auch die feurige, geistreiche Frucht des Weinstocks' 
•ich nicht versagte, und daher nivu.n'nr^g gescholten ward 
(Matth. 11, 19.), erinnert zu werden, um so mehr, da das 
vierte £vangeÜhm, welches die £i*sählang von der Hoch« 
seit sa Kana enthXlt, in seinen ersten Abschnitten beson« 
ders die Tendene eeigt, vom Tfiufer sn Jesu herd herauf Oh« 
ren. Daher haben denn Herder * °j ujid nach ihm einige 



9) Cemm. 4» S« 151 f. 

10) Von Gottes ?$oha u. s. f. nach Johsimet Evangelium, 131 f. 
Da$ Leben Jetu IL JSand, 15 . 

I 



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Zweiter Abtelmilt. 

Ander«"') ungenomiDeD, Jetns bjibe durch Jenes Vomeb» 
men «einen Jüngern , von welchen mehrere vorher SehO- 
Jei* des Tftufers gewesen waren, das Verbiltnifs seines 

Geistes und Amtes zu dem des Johannes versinnlichen, 
und den Anstois 9 welchen sie etwa an seiner liheraJerea 
fjebenswelse nehmen mochten, durch das Wunder nieder* 
schlagen wollen. Allein hier tritt nun dasjenige ein, was 
gleichfalls selbst Freunde dieser Auslegung als aufialieiul hei*- 
Torheben dais Jesus das sinnbildliche Wunder nicht be- 
nÜBt) um dnrch erlfintemde tfeden seine Jünger üiier sein 
Verbiltnifs nnm Tinfer aufsnliliren. Wie nftthig eine sol- 
che Auslegung war, wenn das Wunder nicht seinen spe- 
cielieu Zweck verfehlen sollte, erhellt sogleich daraus, dals 
der Referent nach V« 11. dasselbe gar nicht in diesem 
Sinn, als VeranschauUehung einer besondem Maxime Je- 
su, sondern ganz allgemein, als q^aveQioaig seiner do^a, ver- 
standen hat^^). War also doch jene specielle Verständi- 
gung Jesu Zweck be} dem Torliegenden Wunder, so bat 
Ihn der Verfasser des vierten Evangeliums, d« h« nach der 
Voraussetzling jener £rklfirör sein empffinglichster Schüler, 
mifsverstanden t und Jesus, diesem Mifs^erstundnifs vorzu- 
lieugen, auf unzweckmürsige Weise versfiiimt; oder, wenn 
man dieses Beides nicht annehmen will, so bleibt es dabei, 
dafs Jesus den allgemeinen Zweck , seine Wunderkraft za 
zeigen , gegen seine sonstige Weise durch eine Handlung 
nu erreichen gesucht hätte, an deren Steile er eine nttali- 
chere sclieint haben setsen nu kdnnem 

Auch das unverhttitnifsmftfsige Quantum Weins, wel- 
ches Jesus den Gästen gewährt, mufs in £rstaunen setzen« 

« 

II) C. G. Flatt, Uber die Verwandlung des Wassers ia Wein, 
in SSsKiim's Msgssin, 14. Stück, S. 86 f. , Oi^usm s« a. 
8. 75 f. ^ 

19) OLSBADIKIf a. s. O« 

iS) Anch LOcas fiadcl jeae synboUscbe Deotoag tu. well berge* 
holt, und SU wenig imToncder ErsXUuagbegrtiadsl. 8.'4e6» 



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m 

Neuntes Kapitel. 227 

6 Krüge, jeder 2 bis 3 fiexQrjag fassend, gäben^ wenn der 
dem hebrfiischen Bath entsprechende attische fuvQijrr^s^ 
so 1{ rtf mischen amphorh oder 21 Wfirtembergischen 
Maafsen, verstanden Ist, •252—378 Mnafs VV^elches Qnan« 
tum für eine Gesellschaft, die bereits ziemlich getrunJieu 
hatte! Welche ongehenren Krüge! ruft auch Dr. Paulus 
moM^ und wendet nun Alles an^ tim die Maalsangabe des Tex« 
tes 8Q Terkleinem. Aaf die sprachwidrigste Weise giebt 
er dem drd statt seiner distributiven eire zusammenfassen- 
de fiedentong, so dafs die 6 Uydrien nicht jede^ sondern 
Bttsammen 2 bis 3 Metreten enthalten haben sollen ^ nnd 
auch OtSRAUSBN getröstet sich nach Ssmler dessen ^ dafs 
ja nirgends bemerkt sei, das Wasser aller Krüge sei in Wein 
verwandelt worden* Allein das sind Ausflüchte : wem die 
Uerbeischaffong eines so verschwenderisch nnd gefHhrlich 
grofsen Ctoantoms von Seited Jesu unglaablleh ist, der roofs 
daraus auf einen unhistorischen Charakter der ganzen Er- 
zählung schliefsen. 

£igenthamliche Schwierigkeit macht bei fieser Er* 
clhlang aach das VerhiltnÜs, in welches sie Jesnm sn sei* 
iicr Mutter und diese en ihm seet. Nach des Evangelisten 
ausdrücklicher Angabe war dieses Wunder die d()Xf} tojv 
Ofi^siatw Jesu: und doch zählt seine Mutter so bestimmt 
darauf, er werde hier ein Wander thnn^ dafs sie ihm den 
eingetretenen Weinmangei nnr aneelgen ea dürfen glaubt, 
.um ihn zu übernatürliciier Abhülfe zu bewegen, und selbst 
als sie eine abweisende Antwort erh&lt^ verliert sie diese 
HoflEhang so wenig, daCs sie den Dienern Anweisung giebt, 
der Winlie ihres Sohnes gewSrtig bu sein C^« 3. 5.). Wie 
«ollen wir diese Erwartung eines Wunders bei Jesu Mut- 
ter erklären !^ sollen wir die joiianneische Angabe, die Was* 
aerverwandlung bA das erste Zeiehed Jesu geweeen» nur 



14^ Wohm, de pondenim, mensurarum etc. rAtionibut sp. Rom. 
tt Graec. p. 113. 126. Vgl. hUum, z. d. St. 

15 • 



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22S 



Zweiter Abtchniif. 



flnif die Kelt aetnes dffentiSelieii Lebene beslelMii, filr «eine 
Jugend nber flie ^pokryphUchcn Wunder der Kindheits- 
evangelien vorausietzen ? odei* i^ enn diefs schon Chrysosto« 
' mat mit Rechl mu unkritisch gefanden hat ^ aollen wir 
lieber yermotheni Maria tiabe, Termdge Ihrer doreh die 
Zeichen bei Jesu Gebart bewirliten Uberseugang, dafs er 
der Messias sei, auch Wunder von ihm erwartet, und, u ie 
vielleicht schon bei einigen früheren, ao nan auch bei die* 
aem Anlafai wo die Verlegenheit grofa war,' eine Probe Je- 
ner Kraft von ihm verlangt ' ^) ? Wenn nar Jene IrAbe 
Uberzeugung der Angehörigen Jesu von seiner Messiani« 
tüt in etvvas wahrscheinlicher^ und namentlich die äusserer* 
dentliehen £reigniaae derKindheit| durch welche ale hervoi^ 
gebracht worden aeln aoll, mehr beglaubigt wSren! wom 
noch kommt, dafs, auch den Glauben der Maria an die 
Wunderkraft ihres Sohnes vorausgesezt , immer nicht er* 
hellt, wie aie unerachtet aeiner abweiaenden Antwort doch 
noch suvemlehtlich erwarten konnte, er werde gerade bei 
dieser Gelegenheit sein erstes Wunder thiin, und bestimmt 
zu wis.sen glauben, er t%erde es gerade so thun, dafs er 
die Diener daau gebrauchen würde. Diefa beatimmte Wia* 
aen der Maria aelbat um die ModalitSt dea au vemlchtenden 
Wunders scheint auf eine vorangegangene Eröffnung Je* 
SU gegen sie zu deuten, und so sezt Olshausen voraus, 
Jesus habe seiner Mutter Uber das Wunder, das er vor- 
hatte, einen Wink gegeben gehabt. Wand aber aollte die* 
ae Krtfflbiung geschehen aein ? achon wie aie cn der ffoch« 
zeit glengen? da mtifste also Jesus vorausgesehen haben, 
dafs es an Wein gebrechen wttrde> In welchem Falle dann 
aber Maria nicht wie von einer unerwarteten Verlegenheit 
ihn von dem alvov ^Sh (xoai in Kenntnifa aeteen konnte* ■ 
Oder erst nach dieser Anzeige, ah»o in Verbindung mit den 



15) Homil. in Joaan. s. d. St. 
ib) Tmoluck, z. d. St. 



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Worten: tl iftol xai aot fvim; jr.«;Jt.? aber hiemil läSat 
eleh eine eo enfgegengeseete Erdfllnung gar nicht In Ver- 
bindung denken, man mafste sich denn die abweisenden 
Worte Jaut, die eusagenden aber leise, blofa für Maria , 
gesprochen vorstellen ^ was eine Komödie veranstalten 
liieree. Begreift man somit aof lieine Weite, wie Maria ein 
Wunder, und gerade ein solehes, erwarten iLonnte, so 
liefse sich der ersteren Schwierigkeit zwar durch die Äntiah- 
jne scheinbar aosweichen, dals Maria nicht In £rwartuiig 
einea Wanders , sondern, nur so, wie sie aieli in allen 
acliwierlgen Fftileh bei ihrem 8ohne Raths erholte, sich 
auch in diesem an ihn gewendet habe '^): aber seine 
Erwiederung aeigt, dafs er iu den Worten seiner Mütter 
die Aufforderang au ^em Wander gefanden hatte , und 
die Anweisung, welche Maria den Dienern giebt, bleibt 
ohnehin bei dieser Aiinahnic unerklärt. 

Die Erwiederung Jesu auf die Anmahnung seiner Mut- 
ter CV. 4.) ist ebenso oft auf fibertriebene Weise getadelt ^ ' 
als aöf ungenttgende gereohtfertigt worden« Man mag im- 
merhin sagen, das hebrftische rj^^ ^^~nO > ^^s tl ifioi 

»al ,aoi entspreche^ komme s. B« Sam. 16, 10. aoch' als 

gelinder Tadel vor oder sich darauf berufen, dafs mit 
drni Amtsantritt Jesu sein Veriialtnifs zur Mutter, was die . 
Wirksamkeit betrifft, sich gelöst habe^''): gewÜa durfte 
doch Jesus auf die Gelegenheiten , seine Wandermacht in 
Anwendung au bringen, mit Bescheidenheit aufmerksam 
gemacht werden, und f.o wenig derjenige, welclier ihm ei- 
nen Krankheitsfall mit hinzugefügter Bitte um Hülfe an* 
seigte 9 eine Sehmtfhaiig verdiente^ so wenig und noch we- 
niger Maria, wenn sie einen eingetretenen Mangel mit bleib 



17) Hess, Gescliicbte Jesu, 1, S. 135* Vgl* auch Ciumc, s. d. St. 

^8) z. van WooitTOa a. a« O. 

19) Fun, a. s. 0. 8. 90^ THotxcuj t. d. 81* 

30) OksaAvsmt, s. d. 8t. 



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^ Zweiter Abiohuitt. 

liiiiEu^odachter BU|e um Abhülfß ku seiner KenntnUs brach- 
te. £in Anderes wXre es i^ewesen, wenn Jesus den Fall 
nlohl geeii^ef, oder gar nnwQrdig gefanden bitte, ein Wun- 
der an denselben ku km'ipfen : dann hatte er die auffor- 
dernde Anzeifire als Reizung zu falscher Wunderthiiti|;keit 
(wie In der Veranebangsgesehlehte) hart abweisen mtfgen; 
so hlngeit^n, da er baid darauf durch die Tliat seigte,, dafii , 
er den Anlafs allerdings eines Wunders werth finde, ist 
schleohterdings night eineusehen, wie er der Mutter ihre 
Aneeige^ die ihm nur vielleioht ein^ A^genliiicke sn frO^ 
he kaai| Terdenken konnte"). 

Den sahireichen Schwierigkeiten der sopranafnralisii- 
sehen Auffassung hat man auch hier durch natürliche Deu- 
tung der Geschichte nn entfliehen yersncht. Von der Sitte 
ansgehend, dafs bei jüdischen Hochselten Geschenke an 
Wetn oder Ol gewöhnlich waren, und davon, daft Jesus, 
der 5 neugeworbene Schüler als ungeladene Gäste mitbrach- 
te, einen Mangel an Wein voraussehen konnte, nimmt man , 
an , des SohenBCS wegen habe Jesus sein Geschenk auf un- 
erwartete undgeh^lmnirsTolle Welse anbringen wollen. Die 
dofa, welche er durch diese Handlung offenbarte, ist hie- 
naoh nur seine U'imanität, welche gehörigen Ortes auch 
^en Spafs nu michen nicht verschmfihte; die fr/ci^,- die 
er sich dadurch bei seinen Jdngem suwege brachte, ist 
das freudige AnscMiefsen an einen Mann, welcher nichts 
von dam drücken len £rnste zeigte, den man sich vom 
Messias prognestloirte« Die Mutter wnfste um den Ver- 
sa« des Sohnes und mahnt ihn, wie es ihr Zeit schien, 
denselben snr Ausführung zw bringen; er aber erinnert 
sie scherzend, ihm nicht durch Vorschnelligkeit den »^pafs 

verderben. Dafs er Wasser einschöpfen lieis, scheint 
so der acherehaften Täuschung gehört au haben, welche 
er beabsichtigte ; dais , als auf Einmal Wein statt Was* 



. Jl) VgU auch die ^obabiUsa, p. 41 f. 



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ü^umiuB ILapitol. (• 99. Sil 

r 

wen in dm Krttgen sich iuidy dieft fflr dne wonderbtre 
Verwandlaog gehalten wurde, ist leicht begreiflloh in ei- 
ner spfiten Nachtstunde, wo man schon ziemlich getrunken 
hatte ; dud endlich Jesus die Uochseirleute über den wah- 
ren Thatbettiind nicht aufklärte , war die natfirllche Cen* 
•eqnenn, die hervorgebrachte tehershafte Tineehung nicht 
selbst Eerstören zu wollen ^ *)• Wie übrisens die Sache 
nogegangen, durch welche Veranstaltung Jesus den Wein 
nn die Stelle des Wassers gehraeht, diele, meint Paulvs, 
laese sich nicht mehr ausaachen ; genug, vi«nn wir wb- 
sen, dafs Alles natürlich vor sich gegangen sei. Da aber 
nach der Annahme dieses Auslegers der £vangelist sich der 
Natürlichkeit des Erfolgs im Allgemeinen liewnist war, 
wnmm hat er uns iteinen Wink darüber gegeben f Weilte 
er auch den Lesern die Überrasch ong bereiten, welche Je^ 
BUS den Zuschauern bereitet hatte, so mufste er sie doch 
hinterher auflüsen, um die Tftuscbu ng nicht bleibend su 
maeiien. NamentÜch durfte er nicht den irreführenden 
Ausdruck gebrauchen I dals Jesus durch diesen Akt t:^ 
dd^'ay CfVTöCV. 11. )> was in der Spraciie seines Evangeliums 
nur dessen höhere W'^ürde bedeuten kann, geoffenbart ha- 
be; er durfte den Vorfall kein at^fiBtw nennen, was eui 
Übematüriiches involvirt; er durfte endlich nicht durch 
den Ausdruck: to vöoiq olvov yfyevrjttvov (V. 9.)? noch we- 
, niger unten (4, 46.) durch die Bezeichnung Kanas mit - 
Ulfa mobjaep vöwq ohnwy den Schein err^n, als stimmte 
er der wunderhafiten Auffiissungdes Vorgangs liei ^'). Die- 
se Schwierigkeiten suchte der Verfasser der natürlichen 
Geschichte durch die Eaar&umung zu umgehen, dafs -der 
Beferent selbst, Johannes, die Sache für ein Wunder an« 
gesellen liabe und als solches eraUhie. Indefs, abgeseiien 



li) Finios, ConuB. 4, 8. 150 ff. $ L. J. I, a, 8. 169 ff.; Natür- 
liche Geschichte, 2, S. 61 ff. 
33) Vgl. hierüber Kiatt a. a. O. S. 77 ff. und LSckb, «. d. Abtch. 



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Zweiter Ab^ciiiiAtt« 



von der nnwttrdigen Art, wie er diesen Irrthnm des 
gellsten erklärt '^'), wäre es Ton Jeso nidit wohl denkbar, 

dafs er auch seine Schüler in der Täuschung der übrigen 
Gäste erhalten, und nicht wenigstens ihnen eine Anfkiä- 
mng über dfen wirklielien Hergang der Sache gegeben ha- 
ben seifte. Man mUfste daher annehmen, der Referent dfe» 
SOS Vorfalls im vierten Evangelium sei keiner von Jesa 
SohUiern gewesen, was jedoch über die Sphäre dieser Er» 
klämngswelse hinausgeht. Doch auch Bogegeben, dafs der 
Referent selbst, wer er Immer sein mde^e, in der Täosehan^ 
derer, welche in dem V or^ann^ ein Wunder sahen, befan- 
den gewesen sei, wobei also seine Darstelhingfsweise und 
die Ton Ihm gebrauchten Aasdrttcke begreiflich wOrden: 
so Ist Jesa Verfahren nnd Handlungsweise desto unbegreif- 
licher, wenn kein wirklicljes Wunder im Spiel war Warnm 
rirlifcte er die Dnrhringung des Geschenks mir rafüiiirtem 
Fleifse SO ein, dafs es als wunderbare Bescheemng eiv 
scheinen mnfste? warum ttefs er namentlich die Geflifse^ 
in welche er sofort den Wein eo brin^ren Im Sinne hsfte, 
vorher mit Wasser voll machen, dessen nothweiidigre Wie- 
derentfernung am unbemerkten Vornehmen der Sache nur 
hinderlich s^in konnte? wenn man nicht mit Woolston an« 
nehmen wll^, er habe dem Wasser nur durch ent^egfossene 
Liqupure einen Wcinoosehmack ertheilt. Das (jcfHhl die- 
ser doppelten Schwierigkeit, theiis das Hineinbringen des 
Weins in die bereits mit Wasser gefällten Krüge denkbar 
isn machen, thells Jesum von dem Verdacht freisusprechen^ 
!«!•< hh'tte er den Schein einer wunderbaren V rrw niHlliing' 
de« Wassers erregen wollen, inajr es gewesen sein, was den 
V erfasser der natürlichen Geschichte bewog, den Zusnm^ 
menbang swlschen dem ein gefeilten Wässer nnd dem spH^ 
ter Eum Vorschein gekommenen Wein ganz zu zerreissen 
. * 

94) Er giebt dem f$i»d0ino9m$ V, 10, eine Bcslebung su«k auf 
. den Johaanes« 



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% 



doroh die Ammlimy d«6 Wasser liabe Jesus hoien les^ea^ 
vreil es auch daran fehlte, und er den wöhlthiStigen Ge- 
brauch des VVasciiens vor und nach der Tafel euipfehleii 
>vollte9 den Weiu aber liabe er hernach aus einer anstos« 
senden Kammer, wohin er ihn gestellt hatte ^ herheibrin* 
gen lassen — eine Äufibssung, bei welcher freilioh entwe- 
der die Trunkenheit sfimmtiicher Gäste nnd namentlich des 
Referenten als ziemlich bedeutend angenommen werden 
müftite, wenn sie den aus der Kammer gebrachten Wein 
fOr einen ans den WasserkrOgen geschöpften angesehen 
haben sollen, oder die tfiuschende Veranstaltung Jesu täk 
sehr fein angelegt, was mit seiner sunstigen Geradheit sich 
nicht vertrügt. 

In dieser Klemme swischen der supranaturalen nnd der 
natitrllohen firldfirung , von welchen auch hier die eine so 
wenig als die andre genügen kann, müfsten wir nun mit 
dem neuesten Aubleger des vierten Evangeliums warten, 
^hiB es Gott gefällt, dui*ch weitere Entwicklungen des be- 
sonnenen christlichen Denkens die Ldsung dieser Rfithsel 
SU allgemeiner Befriedigung herbeizuführen ^^) ' , wenn 
uns nicht ein Ausweg sclion dadurch angezeigt wäre, dafs 
wir die betretende Geschichte nur bei dem Einen Jo* 
bannes finden. War sie, eineig In ihrer Art ^ie sie ist, 
Euglelch das erste Zeichen Jesu, so mufste sie, wenn auch 
diiinals noch nicht alle Zwölfe mit Jesu waren, duch die- 
sen allen bekannt werden, und wenn auch unter den übri- 
gen Evangelisten kein Apostel ist, doch in die allgemeine 
Tradition und von da in die iiojitischen Aufseichnungen 
übergehen; so, da sie nur Johannes hat, scheint die An- 
nalime, dafs sie in einem den Synoptikern unbekannten Sa- 
gengebiet erst entstanden, leichter als die andere, dals sie 
ans dem ihrigen so frlihseitig verschwunden sei; es kommt 
nuv darauf an, ob wir im Stande sind, nachzuweisen, wie 



tS) L0CICB, S« 407. 

i 

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«4 



Zwailer Abtekiiilti 



auch ohne Mttoilsdieii Grund eine «okhe Sage sieh gettal- 

ten konnte. Kaiser verweist hiefHr auf den abenteuerli- 
chen Geist des verwandelnden Orients : aber diese Instanz 
ist so unbestimmt, dafs Kaiser allerdings noch die Voraoa- 
aetsnng einet wiriüicb Forgefalienen bamanen Scberses Jesu 
ttüthig hat womit er in der nnglücklieben Mitt» ewi- 
schen mythischer und natürlicher Erklärung stehen bleibt!, 
ans welcher man nicht eher herauskommt, als bis man be- ^ 
atfmmterei näher liegende mjtblsobe Anlialts« nad £ntste- 
* hnngspunllte fdr eine Brallilttng beri»eisasefoaffen im Stande 
ist. Im gegenwärtigen Falle nun braucht man weder berm 
Orient überhaupt, noch bei Verwandlungen im Allgemei- 
nen stehen an bleiben, da sieb bestimmt Wasserverwand- 
lungen Im engeren Kreise der hebriisehen Urgeseblehte 
finden. Neben einigen £rsfihlungen, dafs Moses den Isra€-> 
Ilten in der Wüste aus dürrem Felsen Wasser verschafft 
habe (2. Mos. 17. 1 & 4. Mof. 20, 1 ffO> «ine Wasser- 
bescheemngy welche , nachdem sie In modificircer Weise 
sieb in der Geschiebte Simson's wiederholt liatte (Riclit. 15, 
16 f.)) auch in die messianischen Erwartungen übergetra^ 
gen wurde '^), ist die erste dem Moses zugeschriebene 
Wassenrerwandlnng Jene Umwandlung alles Wassers In. 
Ägypten In Blnt, welche unter den sogenannten sehn Pla- 
gen aufgeführt wird (2. Mos. 7, 17 If. ). Neben dieser 
mutatio in deteriu:t findet sich aber in der Geschichte des 
Moses ancb eine- am Wasser voUsogene mutatio in melius^ 
indem er bitteres Wasser nach Jebova's Anweisung sfifs 
machte (2. Mos. 14, 23 flf. )> wie später auch Elisa ein un- 
gesundes Wasser gut and unschädlich gemacht haben soll 



26) bibU Theol. 1, 8. 200. 

27) In der Baad 1, S. 73* Annu sagcittlirtea Stelle aus Midratch 
Hoheleth hetsst es unter Aadercn : GoM primut — atcendere 
fMät puteum: sie c|uo<iue GoiA poftrenuis asceadere ladet 
aqnas etc* 



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Heuntet Kapital. {• Ml SA 

0. Kffn. % 19 £)• Wie» lant der angefahrten rabblnlsehen 
Srelle, die WasAerbescheerung, so seheint unsrer fohannei- 

scheii Erzählung ziifolne auch die WasserverwaiuUung von 
Moses und den Projiheten auf den Messias Übergetragen 
worden so sein, mit denjenigen Modificationen Jedoeh, wel- 
ehe in der Natur der Saehe iagen. Konnte nSmlich auf 
der einen Seite eine Veränderung des Wassers in's Schlim- 
mere, wie Jene mosaische Verwandlang desselben in Blut, 
konnle ein soiehes Strafwunder^dem miiden Geiste .des ala 
Messias erl^annten Jesus nicht wohl angemessen gefiinden 
wei*den : so konnte andrerseits eine solche Veränderung , 
in's Bessere, welche ^ wie die Vertreibung der Bitterkeit 
oder Sehädiichl&eit, inneibalb der species des Wassert ste* 
hen blieb, und nicht, wie jene Verwandlung in Blut, die 
Substanz des Wassers selbst änderte, für den Messias 
ungenügend erscheinen ; beides eusammengenommen aber^ 
eine Veränderung des Wassers in's Bessere , weiche so- 
fieich eine speeiüsehe Veränderung seiner Snbstann wärej 
mafsto beinahe selbst eine Verwandlung in Wein ge» 
ben. Diese ist nun von Johannes so eraählt, wie es zwar 
nicht der WirkÜcbkeit, um so mehr aber dem Geist seines 
Evangeliums angemessen gefunden werden mufs. Denn 
so undenkbar, geschichtlich betrachfet, die Härte Jesu ge- 
gen seine Mutter erscheint : so ganz im Geiste des vierten 
Evangeliums ist es, seine Erhabenheit als des göttlichen 
Xoyog durch ein solches Benehmen gegen Bittende (wie • 
Job. 4, 48. und selbst gegen seine Mutter, auf die Spitae 
SU stellen ^^). Ebenso im Geiste dieses Evangelisten ist 
es auch, den festen Glauben, welchen Maria unerachtet 
der abweisenden Antwort Jesu behielt , dadurch herauscn« 
beben, dafs er sie in einer historisch unmöglichen Ahnung 
selbst von der Art und Welse, wie Jesus das Wunder ver* 



28) Vgl. die FtobabiUca, s. «. O. 



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viehton wfirde, die oben beaprociiene Aaweitung den Hie* 
Qeni geben lifo« 

{• 100. 

Jesus verwünscht einen unfruchtbaren Fcigcnbamn. 

Die Anekdote von dem Feigenbanm welchen Jetae, 
weil er, hungrig, keine FrOchte «nf ib« fend, dopcb aeln 

Wort verdorren machte, ist den zwei ersten Evangelien 
elgenthttmlieh (Matth. 21, 18 ff. Marc. 11, 12 ffOi wird abei- 
von ihnen mit Abweichungen ersählt, welclie enf die An- 
eicht von der Sache von Einflafa aind. Cnd nwar achlen 
die eine dieser Abweichungen des Markus von Matthäus 
der natürlichen Erklärung so günstig zu sein, dafs man 
namentlich auch mit RUckaicht auf sie dem Evangelisten 
neuerlich eine Tendena sn natfirllcher Anaieht von den 
Wundern Jesu zugeschrieben, und um dieser einen, gflnati- 
gen Abweichung willen ihn auch bei der andern, /.iemlich 
unbequemen, die aich in vorliegender Ercfthlung ündet, in 
Schnts genommen hat. 

Bliebe es nämlich bei der Art, wie der erste Evange- 
list den Erfolg der Verwünschung Jesu angiebt: xal t^r^— 
QiivÖr^ nuQax^^fia ij awoy CV. 19.], so würde es wohl schwer • 
halten, hier mit einer^natüriichen Erklärung ansukommen, 
da auch die gewaltsame PAüLU8*sehe Deutung, naeh wei- 
cher das :na()axQfjftcc nur weiteres menschliches Ziithuii , 
nicht aber eine längere Zeitfrist ausschliefsen soll, doch 
nolr auf unbefugtem Herttbertragen des Markua in den 
Matthäus beruht Bei Markua nämlich verwänscht Jeans 
den ßaum am Morgen nach seinem Einzug in Jerusalem , 
änderst am folgenden Morgen bemerken die Jünger im V or- 
übergehen, dafa der Baum verdorrt ist. Durch diese Zwi- 
aehenseit, weiche Markus swiaehen der Rede Jesu nnd 
dem Verdorren des Baumes ofl'en Ififst, drängt sich nun 
die natürliche Erklärung der ganzen Geschichte ein, darauf 
fniaend, dafii in dieser Frist der Baum Wohl auch durch na- 



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Neuntes KepiteL S* 100« 



Iflrikfae Ureachen Jiabe verdorren können« Dcmgemfile 
soll nnn Jesae an dem Baome neben dem Mangel an FrBeli« 
ten aneh eonit noch eine Beschaffenheit bemerlct haben , 

aus weicher er ein baldiges Absterben desselben prognosti* 
eirtej und dieses Prognostiken soll er ihm in den Worten : 
▼an dir wird wolil Niemand mehr f rflehtje sa esaen be* 
konmen, gestellt haben« Ale die Hitse des Tages die Vor- 
aussage Jesu unvermuthet schnell verwirklichte, nnd die 
Jünger dieis am andern Morgen bemerkten ^ da erst ses* 
ten sie diesen £rfolg mit den Worten Jesu vom vorigen 
Morgen in Verbindung, nnd begannen diese als Verwfln» 
•chang aufzufassen; eine Deutung, welche übrigens Jesus 
nicht bestätigt, sondern den Jüngern zu Gemüthe führt, 
mit nnr einigem Selbstvertranen werden sie nieht bJofs 
sekhe Sebon physiologiseh bemerkbare Erfolge voranssa« 
gen, sondern noch viel Schwereres wissen und bewirken 
können Allein gesezt auch , die Angabe des Markos 
Ware die richtige, so bleibt doch auch so die natürliche Er» 
kUbmng nnmüglieh. Denn die Worte Jesu bei Markna 
(V. 14.): ^r^nthi ix an dg tov aU3m fnr^(h}g xaqnov rpdyoi, 
rnüfsten, wenn sie blofs eine Verrauthuiig, was wohl ge- 
schehen werde, enthalten sollten, nothwendig ein äv bei 
sieh haben, nnd in dem ftfpik$ i» ü& xa^nog yhtjrm des 
Natthäns ist ohnehin der Befehl nicht sn verkennen, ob» 
gleich Paulus auch hier mit einem blofsen „mag wei^den'^ 
Abkommen möchte. Auch dafs Jesus den Baum selbst an* 
ledet, so vrie das feieriiche eig,%a¥ akava^ welehes er hln^ 
sefBgt, spricht gegen eine simple Voraussage nnd fftr die 
Verwünschung; Paulus ftfthlt diefs wohl, und deutet daher 
ait onerlaubter Gewaltsamkeit das Aiyu avifj zu einem 
Sagen in Besiehnng auf den Baum nm, wfthrend er dae 
tlg rdv auam durch die Übersetsung: in die Folgeneit hin^ 
abschwficht. Doeh gesesl auch, die Evangelisten hätten aus 



1) PAinet, sx«lUadb., 3, s, S. 157 & 



Dl 



SM 



Zweiter Absebnitt 



. ihnr irrigeii Aneiebt ron den Vorgang hemiif.die Worte 
Jeen über dem Feigenbaom In etwet'Terindert, und Jeeas 
also wirklich dem Baum nor ein PrognosHkon gestellt: so 
hat er doch, als das Vorausgesagte eingetreten war, den 
Erfolg «einer ttbematürliehen Einwirkung Kogeschrieben« 
Denn wenn er das, was er In Besog anf den Feigenbaoo^ 
geleistet, als ein noielv beseichnet (V. 21. bei Matth.), so 
kann schon diefs nur gezwungen auf eine blofse Voraus- 
sage beaogen werden; namentlich aber, wenn er es den& 
Berge?erselsen gegenüberstellt, so miils, wie dieses nach 
Je4er mügllehen Deotang doch Immer ein Bewirken Ist, 
ebenso auch jenes als eine Einwirkung auf den Baum ge- 
fa£it werden; jedenfalls mufste Jesus dem xan^Qcicfa des 
Petms (V. Sl. Marc.) entweder widersprechen, oder war 
sein Stillseh weigen darüber Znstimmung. Schreibt demnach 
Jesus das Verdorren des Baums hinterher seiner Einwir- 
kung SU, so hat er entweder auch schon cluroh seine An- 
rede an denselben eine Einwirkung beabsichtigt, oder er 
hat den cofiilligen Erfolg zur Tftosebang seiner Jünger ehr> * 
geizig mifsbraucht, ein Dileuima, in welchem uns die Worte 
Jesu, ^ie sie von den Evangelisten refei'irt sind, entschie- 
den auf die erstere Seite hinweisen« 

Unerbittlich also werden wir Ton diesem natürlichen 
ErklärungSTcrsoeh auf die snpranataralistlsche Avflkssnng 
Eurückgedrängt, so schwierig diese auch gerade bei vorlie- 
gender Geschichte ist. Was sich gegen die physbche Mög« 
lichkeit einer soleben Einwirkung sagen liefse, übergehen 
wir, niebt swar, als ob wir mit Hasb uns anheischig ma- 
chen könnten , sie aus der natürlichen Magie zu begrei- 
fen sondern weil eine andere Schwierigkeit die Unter- 
•nehttng schon vorher abschliefst, und gar nicht bis mm 
Erwägung der physischen Mffglichkeit kommen Itffst. Die- 
ser entscheidende Anstois betrifft die moralische Möglich- 



J) L. J. V IIS. 



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I 

i 

^ Meunlat KiipUeK §«109. 

kek «Iner aolfüieii llandliing Ton SeSten Jeto. Was er hlM^ 
vollsiehr, isl ein Sitnifwaniler. Ein lekllee iindet sieh tenet 

in den kanonischen Berichten Ober das Leben Jesu nicht: 
nur die apokryphischen £yangelien sind, wie oben bemerkt 
warde, toU davon. < In einem der kanonischen Evangelien 
findet sich vieinehr eine gieiclifalis schon öfters angefahr- 
te Steile, Loe. 9, 55 f., welche es als Bewnfstsein Jesu 
ausspricht, dafs eine Benützung der Wanderkraft, um Strai- 
fe Ktt üben und Bache zu nehmen, dem Geiste seines Be* 
ruU widerspreche 9 und dasselbe Bewnfstsein spricht der 
Evangelist Ober ihn ans , wenn er das Jesaianisebe : ttaX»^ 
ftov airvrejQtufttvov « xcaea^ei x, t. X, auf ihn anwendet 
(Matth. 12| 20). Diesem Grundsae und seinem sonstigen 
Verfahren genftis bitte Jesas vielmehr einen dflrren Banni 
nenlieielien, als einen grflnen verdorren machen müssen , 
und um seine diefäinaligo Ilandlungsweise zn begreifen, 
mOfsten wir Gründe nachsuweisen im Stande sein^ wel- 
che er gehabt haben iLönnte, von dem dort ausgesprocilenen 
Grundsas, welcher keine Zeichen der DnSchtheit gegen 
sich hat, in diesem Falle abzugehen. Die Gelegenheit, 
bei welcher er Jenen Grundsas aufstellte, war die aus An« 
lala der Weigerung eines samarischen Dorfs, Jesnm und 

• seine Jünger gastUch anfunnehmen, an ihn gerichtete Fra- 
ge der Zc'bedaiden, ob sie nicht nach der Weise des Elias 
Feuer auf das J)orf herabregnen lassen sollen? worauf sie 
Jesus an die Eigenthttmiichkeit des Geistes mahnt , dem 
sie angehdren, mit welcher ein se verderbendes Thun sich 
nicht vertrage. In unserem Falle hatte es Jesus nicht wie 
dort mit Menschen, die sich unrecht gegen ihn betragen 
iiatten, sondern mit einem Baume ßu thun , den er nicht 

. i;« der erwünschten Verfassung traf» Statt dafs nun liierin 
ein iiesonderer Grund läge, von ;fener Regel absugehen , 
ist vielmehr der Hauptgrund, welcher in jenem ersten Falle 
müglicherweise cur Verh&ngung eines Strafwnnders iiütte 
iMwegen künnen, bei diesem pweltea nicht vdrimodeo» Der 



240 



Zweiter Abschnitt. 



mornlische Zweck der Strafe nMmlich , den Gestraften zur 
£in^ht und Anerkenn tinfs seines Fehlers zu bringen und 
dadarch «o bessern ^ Mit einem Baume gegenüber rölitg 
weg, und selbst von Strafe als Vergelfung liannl>ei einem 
unfreien Nnturgegenstande nicht die Hede sein Sich 
gegen einen leblosen G egenstand ^ den man eben nicht im 
erwilosißhten Zustand indet^ mn ereifern , wird mit Reeht 
als Mangel an Bildung ausgelegt ; in solcher Entrfistung 
bis zur Zerstörung des Gegenstandes fortzugehen , wird 
selbst für roh und unwürdig angesehen, und VV golston hat 
•o Unrecht niebt, wenn er bebaaptet, an Jedem Andern 
als an Jesn würde eine solche Handlung streng getadelt 
werden Zwar l;ei wirklich objektiv und habituell feh- 
lerhafter BeschaÖenheit eines ^aturgegenstandes kann ea 
wohl etwa g^ohehen, dafs der Mensch ihn aas dem Wege 
räumt y um einen bessern an seine Stelle an setaen^ woe« 
übrigens immer nur der Eigenthümer die ochörige Auffor- 
derung und Befugnifs bat (vgl. Luc. 1,1, 7.)* ^^f^ aber 
dieser Banm^ weil er eben damals keine Früchte bot, auch 
im folgenden Jahre keine getragen haben würde, verstand , 
sich keineswegs von selbst , und auch in der £rzlihlnng 
wird da« Gegentheil angedeutet, wenn Jesus seine Verwün- 
achnng so ausdrückt, dafs auf dem Baume nie mehr Früch- 
te wachsen sollen, was also ohne diesen Finch voransses- 
lieh doch noch geschehen sein wüide. 

War so die iibie Beschaffenheit des Baums keine ha- 
bitnelley sondern nur eine vorübergehende, so war sie, 
wenn wir dem Markus weiter folgen, nicht einmal eine ob- 
fektive, sondern rein subjektiv nur in dem sufhUigen 'Ver- 
hältnifs des Baums zu dem augenblickliclien Wunsch und 



3) Augustin, de rerbis Dominl in ev. tec. Joann. sermo 44: 
Quid arbor fecerat, fructum non affcrcndo? quac culpa ar- 
boris infoecundittt ? 

4) Oisc 4. 



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NenaUs Kapitel, f. 100. Ul 

Bedürfnifii Jesu gegyHndet, Denn nech einem Zusac, wel- 
eber die swelte Kigenthflmllehkeit des Marbnt in dieser 

Erzählung bildet, war eben damals nicht Feigenzeit (V. 13.), 
es war also kein Fehler^ vielmehr ganz in der Orduujigy 
da£i aneli dieser Baum damaJs keine hatte) und Jesus, an 
den es sehen Wunder nehmen mufs, dafs er so aur Un- 
zeit Feigen auf dem Baum erwartete, hatte wenigstens, als 
er keine fand, sich auf das UngegrUndete seiner ilirwnr« 
tnng besinnen 9 und eine sa gans unbillige Handlung, wie 
die Verwfinsehung war, unterlassen sollen. Sehen Kirehen- 
Yäter stiefsen sich an diesem Zusaz des Markus, und fan- 
den unter Voraussetzung desselben das Verfahren Jesu ganz 
besonders r&tiiselhaft V^Toolston aber spottet nicht mit 
Unrecht, wenn ein Kentlseher Bauer im Frfihjahr Obst in 
seinem Garten suchte, und die B.'iume umhiebe, welche kei- 
nes haben, so würde er von Jedermann ausgelacht wer- 
den« Die Ausleger haben durch eine bunte lieihe von Con- 
s J^ktnren nnd, Deutungen der Schwierigkeit dieses Zusataes 
tn entgehen gesueht. Von der einen Seite hat man den 
Wunsch, dafs doch die schwierigen Worte lieber gar nicht 
dastehen möchten, geradezu in die Hypothese verwandelt, 
sie mdgen woU spfttere Glosse sein Andrerseits , da , 
wenn ein Zusaa der Art dastehen sollte, eher die umge- 
kehrte Angabe zu wünschen war , dafs damals Feigenzeit 
gewesen, um nttmiich Jesu Erwartung, und seinen Unwil- 
len, als er sie getliuseht sah, begreifen an können: so bat 
■lan aof Tersehiedene Weise die Negation ans dem Satae* 



5} Orlg. ConuB. in Matth. Tom. 16, 29: 1t> Sh Md^mo^ 

Tm Mtrru rdnor , int fi<futy6y Ti Tr^of t6 ^qxov rr^iootv^/^xt, 
nonjaafy Srt — « yoQ tjv xaiqoi avxuv' — Einot yao ay iii' 
tl fiii 6 matqof avxtav r^v^ niSg ^i9er o 7. iS; tuQtjatoy t» ir avrfj , 
Mok näs ii*»t»s ttTiiv aJr.7' f*ti»iT^ tig ror a»wr« im am ^^diU, 
nofnop f^yni Tgl« Augustia a. «• O. 

6} Toimi emcndd. in Suidsm, 1, p. 330 f. 

Ua$ lieben Jssu IL Band^ lÖ 



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S4i Zweiter ÄbnehiiÜt. 

211 tntferriffn gcsoclif, thelli guns ge^valtSAin, Inileiii mnn 
statt i H lasj nach i:V iiiterijungirte, hinter avy.iov ein zwei- 
les toppUrte^ und ttbersezte: ubi enim tum versaba^ 
iurj tempuM ßcuum erat theils ab|fe«chiiiackt, durch 
Verwandlung des Satzes in einen Fragesas: nonne enim 
etc, theiis dadurch, dafs das xaioog ovxcov von der Zeit 
der Feigenärnte genommen , und so in dem Zusnz die An- 
gabe , die Feigen seien noch nicht weggelesen , d* h, noch 
Hof den Bliamen gewesen , gefunden wird ^) , wofRr man 
sich auf das xatnog tiöv xan ioji' Matth. 21,34. beruft. Al- 
lein wie nnter diesem Ausdruck, der eigentlich nur das 
antecedens der Arnte, das Vorhandensein der Früchte auf 
Ackern oder BSnmen besetchnet, wenn er in einem «flfirma* 
tiven Satze steht, das con.scquens, die mögliche Fruchtcin- 
sammlungj nur in der Art verstanden sein kann, dafs das 
antecedens^ das Dasein der Früchte anf dem Felde ^ mit- 
eingeschlossen bleibt, folglich Ici xwQog xaQnuiv nur so viel 
bedeuten kann ^ die (reifen) Früchte stehen auf den Äckern, 
und sind demnach zur Einsammlung bereit: ebenso wird^ 
wenn jener Ausdruck in einem negativen Satze steht, eu* 
erst das antecedens, das Be6ndiichsein der Früchte anf dem 
^ Acker, Banm u. dgl. , und erst mittelst dessen das conse» 
' quenSf die Einsammlung der Früchte, aufgehoben; ux egi 
natf^og arxoiy heiist also: die Feigen sind nicht auf den Biin* 
■■'^n gegenwärtig, und somit auch nicht cum Einsammeln 
bereit, keineswegs aber umgekehrt; sie- sinil noch nicht 
eingesammelt, und stellen also noch auf den Bäumen. Aber 
nicht nur diese unerhörte Kedeiigur, dafs, wührend der 
Form nach das antecedens aufgehoben wird, dem Sinne 
nach nur das cmsequens aufgehoben, das antecedens aber 



7) RsiKtiüS u. A., bei FamiciuB s* d. St, 

8) Maji Obt. t. bei demt. 

9} Dammi, in Hknkk's n. Magazio^ 2. Bd. <2. Heft, S. 252. Aach 
KuixttL, in M«rc. p. 150 f. 



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N0^Bter Kapitel. 100* S4S 

IKMest «ein toll, sondem noeh ^Ikoß. andei^i die mn bald 
SyAehysie, bald Hyperbaton .nennt, nrafii bei dieser Erldl«^ 

mng angenommen werden. Denn als Angabe^ dafs damals 
die Feigen noch auf den Büumen gewesen^ giebt der in 
JRede etebende Zneas nicbt den Grund , warum Jesus auf 
Jenem Baume lielne fand, sondern, warum er welche er^ 
vrartete, er sollte also nicht hinter idtv fVQtv x, x. A., 
sondern nach ijkd^ev y ei ilga iVQ^ati x, t, L stehen, eine 
Versetanng, weiche aber nnr^ beweist,. da£s diese ganüe 
Erfclftrnng gegen den Text Ittnft. Überaeugt einerseits, dafs 
der Zosas des Markus das Obwalten günstiger Umstände 
fUr das Vorhandensein von Feigen auf jenem Baume ver- 
neine, aber andrerseits doch bemüht, Jesu Erwartung so 
reebtfertigen, suebten andre Erldfirer jener Verneinung statt 
des allgemeinen Sinns, dafs es tiberhanpt nicht an der Jahrs* 
r^eit gewesen sei, wovon Jesus notliwendig hatte Notiz ha- 
ben müssen, den particuläreji zu geben, dafs nur (»esondre 
UoMtSnde^ welche Jesu niebt nothwendig beiiannt sein mufs* 
ten, der Fruehtbarkelt des Feigenbaums entgegengestanden 
haben. Ein ganz specielles llindernifs wäre es gewesen, 
wenn etwa der Boden, in welchem der Baum wurzelte, 
ein anfruehtbarer gewesen wfire, und . wii*klich soll nach 
£inigen xaiQog aitewr einen fUr Feigen günstigen Boden he- 
aeichnen ' 5 Andere , mit mehr Achtung vor der Wortbe- 
deutung von xaiQOSf bleiben zwar bei der Erkl^irung von 
günstiger Zeit, nur dafs sie diese nicht universell von ei« 
ner stehend und alljlihrlich der Feigen ermangelnden Jah- 
reszeit, sondern nur von einem einaelnen, zuftfllig den Fe!-. > 
" gen ungünstigen Jahrgang verstehen Allein yaiQOi; ist 

Bunächst die rechte Zeit im Gegensaa aur Unzeit, nichteine 
günstige gegenüber einer ungünstigen; nun aber kann, wenn 



10) s. bei KmMh, s. d. St. 

SS) PAVun, ex. Hsadb. 3, a, S. 175* Olsmav»», b. Coaun. t, 
$. 782 f. 

16* 



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U% Zwtiur AbBtlinilC 

diitr, mmeh In eineni rnifrnolillNiVMi Juhrgnng, mm der Ztit, 

in .welcher sonst die Früchte BO reifen pflegen, solche siichf, 
doch nicht gesagt werden, dafs es eur Unseit sei, viei* 
mehr könnte ein Mir«jahr gerade dadurch beteiehiiet wei^ 
den, dafa, ote ^l&ep o xaiQog ttUf xaQnw, mmn Rirg«ndl| 
welche gefanden habe. Jedenfalls, wenn der ganze Jahr- 
gang die Feigeil, eine in Palästina so häufige Frucht, nieht 
begünstigte , mnfste Jesus dieüs fast ebensogut wissen , als 
wenn Sie unrechte Jahrsseit war: ao dafa daa Rithael 

■ 

bleibt, wie Jesus j|aber^ine Beaehafienhelt desBaoms, wel- 
che in Folge ihm bekannter Umstände nicht anders sein 
konnte , ' so ungehahen sein mochte. 

Allein erinnern wir uns doch noT] wer es tat, itm . 
wir jenen Zota« Terdanben« Es ist Markus, welcher in 
seinem erläuternden, veranschaulichenden Bestreben so Man- 
ches ans seinem £ignen sosest, und dabei, wie iüngst an* 
erkannt ist, und auch wir auf unsrem Wege achon nur 
Genüge gefunden haben, nicht immer auf die 'übet legteste 
Weise au Werlte geht. So hier nimmt er gleich das erste 
Aufifaliende, was ihm begegnet, dafs der Baum keine 
Frftchte hatte, und Ist eilig mit der Erklärung bei der 
Hand, es werde die Zelt nicht gewesen sein; merkt aber 
nicht, dafs er, indem er physilinlisch die Leerheit des Baums 
erklürt, dadurch das Verfahren Jesu moralisch unerklär» 
lieh maeht. Auch die oben erwähnte Abweichung von Mat^ 
thäua in Betreff der Zeit, innerhalb welcher der Baum 
verdorrte, ist, weit entfernt, eine gröfsere Lrliiiiidliehkeit 
des Markus in dieser Erzählung oder eine I^ieigiing ^ 

EU natttriicher Erklärung des Wunderbaren su beweisen^ 
wieder nur aus demselben veranschaulichenden Be8fi*ebeii, 
wie der suiezt betrachtete Zusaz, hervorgegangen. Das 



i2) Wie Siamar meint , über den Ursprung u. t. f. S. IIS IP. 
Vcrgl. dagegen meine Recent. in den Jahrb. f. wist. Kritik, 
^ov, 183*. 



Neaiit«s Kapitel. $. 100. 24i 

Bilti eines auf ein Wort hin plöelich TerdoiTenden Bunins, 
f&Ut der Einbildungskraft schwer eq yollziehen: wogegea 
6f nicht übel dramalisch genannt werden kann, den Pro* 
ceft des Verderrens hinter die Scene sn verlegen, and erst 
Ton dessen Resultate die 8|Wtter Vorübergehenden Ansicht 
nehmen zu lassen. — Mit seiner Behauptung übrigens | es 
sei damalsy etliche Tage vor Ostern, keine Zeit für feigen ga* 
vireseny liitte, anf die Idimatlschen Verhältnisse PalSstIna*s 
gesehen, Markus insofern recht, als in so früher Jahrs seit 
d^?,^ frisch getriebenen Feigen jenes Jahrgangs noch nicht 
nSf ^aren, indem die Frühfeige oder Bocco^ doch erst 
mm die Mitte oder gegen £nde Jnnl'S| die eigentliche Fei- 
ge, die Kel*mas, aber gar erst' im Aagnstmonat reff wird. 
Dagegen konnte um die Osterzeit noch vom vorigen Herbst 
nnd Uber den Winter her die dritte Frucht des Feigen* 
baumS| die spfite Kermiis, hie and da auf einem Baume 
angetroffen werden '^), wie denn nach Josephus ein Theil 
von Palästina (das Uferiand des galiläischen Sees, freilich 
fruchtbarer], als die Gegend um Jeiusalem, wo die frag- 
Üche Geschiohto Toigieng) ovxov dina fiiyAp Hiakilmwg 

^ Doch wenn wir auch auf diese Welse die allerdings 
erschwerende Notiz des Markus , dals der Mangel des 
Banms kein wirklicher gewesen, sondern nur Jesa ver« 
mdge einer Irrigen Erwartung so erschienen sei , [auf dio 
Seite gebracht haben : so bleibt uns doch auch nach Mat- 
thftus^noch das Mifsverhaltnirs , dnfs Jesus wegen eines 
vielleicht blols vorfibergehenden Mangels einen Naturgegen- 
stand SU Grunde gerichtet hätte. Well ihn hiesu weder 
ökonomische Rücksichten, da er nicht Eigenthfimer des 
Baumes war, noch auch moralische Absichten — auf einen 



13) s. rAiiif, a. a. O. S. 168 f.; Wuvls, b. Realw. d. A. Fei- 
genbaum. 

14) bell. jud. 5, 10, 8« 



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i4tt Zweiter Abschnitt 

^wnljdofaa Katui*^^ — bewogen liabeii kSnlhto^ 
•o hai nun den Antweg ergriffen y als das eigentliehe Ob^ 
jeUt, auf welelies Jesas hier wirken wellte, die Jünger 
eu siibstltiüi'pn , den Baum aber und was Jesus an ihn 
that) als biofses Mittel seiner Absicht auf Jene zu betracli- 
ten. iDiets ist die symboÜsohe Auffassung, durch welche 
schon die Kirchenvater , und nun auch die meisten ortho« 
doxen Theologen unter den ^Neueren, die Handlungsweise 
Jesu von dem Vorwurf des Unpassenden zu befreien ge- 
meint haben. Nicht Erbofsung fiber den Baum, der sei- 
nem Hunger keine Stillung bot, war hienach die Stfimmuni; 
Jesa bei diesem Akte, sein Zweck nicht schlechtweg die 
Vertilgung des unfruchtbaren Gowüchses : sondern mit Be« 
•onnenheit hat er die Gelegenheit eines frllchteleer befun-,' 
denen Baumes dasu benOisty den Jttngem durch eine sym-' 
bolische Handlung anschaulicher und unvcrgefslicher als 
durch Worte die Wahrheit su machen > die nun entweder 
speciell so gefaüst werden kann, dais das Jüdische Volk^ 
weiches beharrlich keine Gott und dem Messias gefUligen 
Früchte bringe, sn- Grunde gehen werde, oder allgemeiner 
so, dafs überhaupt jeder, der von ^uten Werken so ent- 
biöfst sei, wie dieser Baum von Früchten, einem ähnlichen 
Strafgerichte entgegensnsehen habe ■^)* Mit Recht indds 
fordern andre Ausleger^ wenn Jesus mit der Ifandlung 
diefs heaweckte^ so hätte er sich irgendwie darüber erklä- 
ren müssen '^); denn war bei seinen Gleichnifsrcden eine 
Auslegung ndthlg, so war sie bei einer finndlung um 
$o nnentliehriicher, je mehr diese ohne eine derartige Hin» 
Weisung auf einen ausser ihr liegenden Zweck als Zweck 
fiUr sich selbst gefafst werden mulste. Zwar liefse sich auch 



ii) ULLMATm , Uber die Unsiindlichkeit Jesu , in seiiien Studien , 
iy S. 50. SurtiRT, a. a. O. S. 115 iT. Omhaosik, l,S.78Sf. 

16) Paulus, s. a. O. S. 170$ Hais, L. J. §• 138; auch SmitsaTi 
a. tu O. 



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Mountd« KapiteL iOO. 147 

hier , wie sonst , annelimeii , Jesns hübe wohl nnr Tersf in* 

digung seiner Jünger über das von iliui Vollzogene noch 
ef was gesprochen , was jedoch die Referenten , mit dem 
Wuiiderfaktiii^ Bafrieden, weggelassen haben. Allein sollt« 
Jesns eine Deutung seiner Handlung im angegebenen sym- 
bolischen Sinne gegebeji haben, so hätten die Evangelisten 
diese Rede nicht blofs verschwiegen, sondern eine falsche 
an deren Stelle gesest; denn sie lassen Jesum nach seinem 
Vornehmen mit dem Baume nieht schweigen, sondern ans 
Anlafs einer verwundrungsvollen Frage tciner Jünger, wie 
es mit dem Baume zugegangen, eine Erläuterung geben, 
welche, aber nicht jene sypibolische , sondern von ihr Ter- 
schieden , ja ihr entgegengesest ist. Denn wenn Jesus ih* 
nen sagt, sie sollen sich über das Verdorren des Feigen» 
baunis auf sein Wort hin nicht wundern, mit nur weni- 
gem Glanben werden sie noch tiröfseres ftu thun im Stande 
sein : so legt er. das Hauptgewieht auf sein Thun in der 
Sache, nicht auf den Zustand und das Leiden des Baums 
als Symbole; er hätte also, wenn doch auf das Leztere 
sein Abschen gieng, xweckwidrig £u seijien Jüngern ge- 
sprochen, oder vielmehr, wenn er so sprach, kana jenes 
seine Absicht nicht gewesen sein. Ebendamit flillt auch 
SitKFERTS, ohnehin aus der Luft gpunflcne Flyimthese, 
daf«i Jesus zwar nicht nach, wohl aber v<»r jenem Akte, 
auf dem Weg cum Feigenbaum hin, über den Zustand und 
die Zukunft des israelitischen Volks mit seinen Jüngern 
Gespräche geführt habe, zu welchen die .symbolische Ver- 
wünschung des ßaums nur als von selbst verständlicher 
Schlufsstein geftfgt worden sei; denn alles durch jene Ein- 
leitung etwa angebahnte Verstündnifs des fraglichen Akte« 
häftp, zumal bei der Neigung der Zeit zum Mirakulösen, 
darch jenes Nachwort, welches nur die v iindcrbare Seite 
des Faktums berücksichtigte, wieder zu Nichte gemacht 
werden müssen. Mit Recht hat daher Ullmahii den hin- 
zuuefügteu Worten Jesu so weit nachgegeben, dalk er der 



246 Zweiter Abicliiiitt. 

von Ihm KHUäslg (gefundenen symbolischen AufTfl^^Kun^r die 
andere noch vorzieht, welche auch sonst schon vor^fctra« 
gfitmgpn wiir '^), Jesus hübe durch die Wonderhnndlnni^ 
den Seini^en einen neocn Beweis seiner Meehlvollkoninien- 
heit geben wollen, um dadurch ihr Vertrauen auf ihn filr 
die bevorstehenden Gefahren ku stfirken. Oder vielmehr ^ 
du eine speeielle ßesiehung nqf das Kievorttehende Leiden 
nir|i[ends benrorj^ehoben , and in den Worten Jesn nicble 
enthalten Ist, was er nicht auch schon früher gesa&rt hlitte 
(Matth. 17, 20. Luc. 17, 6.): >o mufs man mit Fritzscue 
als die Ansicht der Referenten ipins ail||[eniein diese ans* 
•preebeni Jesus habe seinen Unwillen Uber die Unfrueht- 
barkeit des Feifrenbaums als Gelegenheit nur Verrichtung 
eines Wnnders benUzt, dessen Zweck nur der allgemeine 
alier seiner Wunder war, sich als Messias beurkun* 
den Gans in dem Ton FaitzscRB geaeiehneten Geist 
der Referenten spricht daher Enthymins, wenn er alle« 
Grübeln über den hesondern Zweck der Handlung verbie- 
tet, and nur im Allgemeiuen auf das Wunder in ihr zu 
sehen ermahnt '^j. Keineswegs aber folgt daraas , dafa 
aneh wir ans des Nachdenkens hIeHlber enthaften, anit 
ohne Weiteres das Wunder gläubig hinnehmen niüfsten: 
vielmehr liöuneii wir uns der üemerkuug nicht erwehren ^ 



17) HtTamaitCHt In den tbeot. Nscbrichten, 18i4| Mai, S. I2f ff« 

18) Comm. in Matth, p. 

19) Comm. im Marc. p. 4SI: Male — w. dd. in eo haescrunt, 
quod Jesus sine ri'ione innocenlcm (Icum aridam reddidisse 
vidcrclur , mirisquc argutiis usi sunt, ut aliqi»od hiijiis rei 
consilium fuisso ostcndercnt. Niminun apostoli, cvangclittae 
et omnes primi t 'mporit Cbristiani, cpia erant ingeniorum 
simpUcitatOy quid quantumque Jesus porteatese fecisse dice- 
retur » cnrarunt tantuaunodo , aon quod Jesu ia edendo aii* 
rsculo coatilium fuerit^ subtiliter et argute quaesiverunt. 

l 

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Meuutef Kapitel. {• IttO* 



dais iIm besondere Wunder ^ welches wir hier haben » Wie- 
der ans dem allgemeinen Zweck des Wunderthons fiber- 

haupt, noch aus irgend einem besondern Zweck und Grund 
als wirklich von Jesu verrichtet sich erklären l&fst, viel- 
mehr in Jeder Hinsicht seiner Theorie wie sonstigen Praxis' 
widerstrebt 9 und deiswegen mit gröfserer Bestimmtheit ab 
irgend ein andres, anch abgesehen von der Frage fll>er die 
physische Möglichkeit, für ein solches erklärt werden maIS| 
weiches Jesus nicht wirlüich verrichtet haben kann. 

Indem ans non aber noch der positlfe Nachweis der* 
Jenigen Veranlassung obliegt, durch welche, anch ohne ge- 
schichtlichen Grund, eine solche £rzählung entstehen konn« 
te: so finden wir in unsrer gewöhnliehen Quelle, dem A* 
T.y swar wohl manche biidiiche Reden und Ensälilnngea 
Ton Bfinmen und von FelgenbXumen Insbesondere, aber 
keine, welche zu unsrer Erzi&hlung eine so specifische Ver- 
wandtschaft hätte, dal's wir sagen könnten, diese sei jener 
nachgebildet. Statt dessen aber dürfen wir im N« T. nicht 
weit bifittem, so finden wir schon, nuerst in des TXnfers 
CMatth. 3, lO.); dann in Jesu eigenem Munde (7, 19.) die 
Gnome von dem Baum, der, weil er keine gute Frucht 
trägt, abgehauen und ins Feuer geworfen wird| und wei- 
terhin CLine. 15, 6 ff.) findet sich dieses Thema eu der fin- 
girten Geschichte eines Herrn ausgeführt, welcher auf ei* 
nem Feigenbaum in seinem Weinberge drei Jahre lang ver- 
geblich Früchte sucht, und defswegen denselben niuimuon 
lassen wili| wenn nicht durch die Fürbitte des Ulirtners 
ihm noch eine einjährige Frist ausgewirkt würde. Schon 
Kirchenväter haben in der Verwünschung des Feigenbaums 
nur eine thatsächliche Ausführung der Parabel vojQ Fei- 
genbaum gefunden freilich in dem Sinne der vorhin 
angeführten Erklärung , dafs Jesus selbst den damaligen 
Zustand und das bevorstehende Scliicksal des jüdischen 

21) Aad>roiitts, Caaua. ia Luc. s. d. St. 



Digitizc'ü 



^ Zweiter Ab«ehuitt. 

Volks wie früher durch eine bildliche Rede, so damals durcU 
^na tymboliache HaiidioDg habe darstellen wulleii; was ^ 
wie wir gesehen liebeiiy ondenlLbar ist. Dennoch werden 
wir uns der Vermathan|r nicht erwehren kdnnen , defs 

wir hier ein ond dasselbe 1 Iiema in drei verscliiedenen 
Gestalten vor uns haben , zuerst in concentrirtester Form 
eis Gnomei dann snr Pambei erweitert, ond endiich cor 
Geschichte realisirt; wobei wir nnr nicht annehmen, dafs 
Jesus, >va8 er zweimal durch Worte, zulezt auch noch 
durch eine Handlung dargestellt , sondern , dafs die Tradi» 
Cioni was sie ais Gnome nod parabolische Geschichte vor- 
fand, auch vollends snr wirklichen Begebenheit gemacht 
habe. Dafs in dieser wirklichen Geschichte das Ende des 
Baums ein etwas andres ist, als was ihm in der Gnome 
und Gleichnilsrede angedroht wird , nSrolich Verdorren 
statt des Umgehanenwerdens , darf nicht aum Änstofs ge 
reichen. Denn war die Parabel einmal aar wirklichen 
Geschichte, mit dem Subjekt Jesus, geworden, war also 
ihr ganzer didaktischer und symbolischer Gehalt in der äus- 
seren Handlung aufgegangen: so mufste diese, sollte sie 
noch Gewicht und Interesse haben, als Wunderhandlung 
sich bestimmen, also die durcli Axt und Hauen natürlich 
Termittelte Vertilgung des ßautns in ein unmiUelbnres Vcr> 
dorren auf das. Wort Jesu sich verwandeln. Zwar scheint 
gegen diese Ansicht von der Ersffhiung, nsch welcher ihr 
innerster Kern doch kein andrer als ein symbolischer blie- 
be, sich ebendasselbe, was ge«^en die oben erwogene, ein- 
wenden EU lassen, dals nämlich die daran sich knüpfen- 
de Rede Jesu einer solchen Auffassung 'widerstrebe. Al- 
lein bei nnsrer Ansicht von den Berichten sind wir befii<;t, 
au sagen , dafs mit der Umwandlung der Parabel zur be- 
schichte in der Tradition auch der ursprüngliche Sinn von 
Jener verloren Ifl^ng, und, indem das Wunderbare als der 
Nerv der Sache betrachtet an werden anfien^, irrigerweise 
|ene, die TV undoriuncht und (xlaubenskraft betreil'ende Ue- 



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da damit vcriuifipft wurde. Sogar die beeondere Vemnlee* 
•«ng, wuram gerade die Rede vom fiergoTertelBen an die 

Erzählung vom Feigenbaum angeknüpft ist, läfst sich mit 
Wahrscheinlichkeit nachweisen. Die Glaubenskraft, wei« 
che Iiier* durch ein Ton£rfoig begleitetes Sprechen su einem 
Berge : aQd^rjrt xal ßXr^^^rpci etg Trjv t^aXaaow dargestellt ist, 
findet sich anderswo (Luc. 17,0.) versinnbildlicht durch ein 
eiienao wirksames Sprechen eu einer Art von Felgenbaam 

C<nwtt/fi909): ixq&^iidfji^i qwrev&t^i iv T17 ^aXttoa^. So 
erinnerte der rerwAnsehte' Felgenbaam, sobald sein Tep- 
dorren als Wirkung der Wunderkraft Jesu gefafst wurde, 
M den durch die wunderbare ikrafit des Glaubens zu ver- 
pflenaenden Baum oder Berg» und ao wurde dieses Diktnm 
5eoem Faktam angehängt. Hier also gebflhrt dem dritte» 
Evangelium der Prcifs, welches uns die Parabel von der 
nnfrochtbaren avxjj^ und die Gnome von der durch den 
Glaaben sa ferpflansenden aimifisvog getrennt und rein» 
Jede in Ihver vrsprfingllcliea Form und Bodenlang, erlial« 
ten hat: während die beiden andern Synoptiker die Para* 
bei zur Geschichte umgebildet, die Gnome aber Cin etwas 
andrer Form) ma einer falschen JDeatang jener angeblichen 
Seiehiehte Terweiidet liaben« 



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Zehnt«! Kapitel. 

Jesu Verklärung und lezte Reise nach 

Jerusalem. 



f. 101. 

VerMMruaf Jet« alt wamdtghvf» Xnttercr Vorgang. 

Hit den bisher nntenuchten Wanderenliliinngeii 
konnte die Gesehiclite ron der VerUärung Jesu auf den 

ßergc nicht mehr verbunden werden, nicht biofs ueil sio 
kein von Je«u verrichtetes Wunder, wie jeiie^ vielmehr ein 
an Ihm Toi*gegangenes betrifft , sondern- aneh weil sie ab 
ein ftkr sieh stehender Moment im Leben Jesu hervortritt^ 
welche der Gleichartigkeit wegen nur etwa mit der Taufe 
und Auferstehung susammengestellt werden könnte; wie 
denn UBRDin mit Reeht diese drei Begebenheiten als die 
drei lichten Punlite himmlischer BenrlLundung im Lelien • 
Jesu bezeichnet hat 

So, wie sich die sjnoptische £rzählung (Matth. 17^ 
1 ff. Marc. 9p 2 ff. Luc. 9, 2S ff.) — denn im vierten £van- 
gelinm fehlt die GeselUehte — dem ersten AnliiielL darbie- 
tet, haben wir hier einen wirklichen äusseren und uwar 
wunderbaren Vorgang: als Jesus ß — S Tage nach seiner 
ersten Leidensverkündigung mit seinen drei vertrautesten 
Jttngem einen hohen Berg bestiege waren diese Zeugen, 
wie ml( Einem Male sein Angesicht und selbst seine lÜel- 
der in überirdischem GlanKe sich verklärten, wie zwei 
ehrwürdige Gestalten aus dem Geisterreich, Moses und 

1} Vom firlötsr der Measchea eadi uatera drei ersten Evan* 
geiieB, 5. Uh. 



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Z«liiit(i^kKApltet 1. 101. m 

* 

Blbfl» € f i >l i l M i c n,"tfeh »ItA» ni witemd«li) «ml lirk 

•endlich aus einer lichten Wolke eine himmlische Stimme 
Jesnm für Gottes Sohn« dem «ie Gehör cu eobenJien liiit* 
teii| erklftrtib 

DleM wenlgvn' Ztigv der Geedilchte regen eine Me«- « 

ge Fragen an, um deren Sammlang sich Gabler ein be- 
sonderes Verdienst erworben hat *). Bei jedem der drei 
Momente des Vorgänge^ dem Glanse^ der Todtenerschel« 
nong^ and der 8tlmiie> ilKst aiefa .eowolil neeh der Mtt|ft- 
llehkek) eh neeli dem sarelbhenden Zwecke fragen. We- 
her soll vorerst der ausserordentliche Glanz an Jesum ge* 
kommen sein? Bedenkt man, daCs von einem fiezafiOQ^pH^ 
aSta 4eio die Rede iet| eo selieint nicht an ein bloleee 
eeUenenworden fon evteen her, eondem an eine von innen 
kommende Verklarung gedacht werden zu müssen , so eu 
legen an ein momentanes Durchleuchten der göttlichen dofa 
dnrek die mensehiieke HttUoi wie anek Omhavsm diM 
Begebenheit ab einen Hanptmoment in dem Lituterange- 
und Verklärungsprocesse fafst, in welchem er die Leibiich- 
keit Jesu während seines ganzen Lebens bis £ur üimmel- 
faiurt begriffen denkt ^> Aiiein^ ohne das selion.obeB 
Geengte hier w^ter aossaflDkren, dals Jeens entweder Leia 
wahrer Mensch war, oder die mit ihm während seines Le- 
bens vorgegangene Läuterung eine andere gewesen sein 
mofsy ais weiche 'in einem Licht - und Leichtwerden des 
Kör|iere bestand ; so ist in keinem Falle su begreifen | wie 
an einem solchen Verklärungsprocers ansscr seinem Lei- 
be auch seine Kleider theilnelmien konnten. Mochte man 
dieses lestereu Pttnk|es wegen lieber an eine Beleochtong 
Ton anssen denken^ so wäre diels dann keine Metamerpho* 



2') In einer Abhandlung Uber die Verklürungsgeschichte , in t* 
neuesten thcoL Journal, 1. Bd. 5. Stück ^ S. 517 & Vgl* • 
Bavbk, bebr. MythoL 2, ft. 1950* 

3) b. Coflun. J| S. S34 £. 



DigitizC'ü by 



» * 

«e^ f0li'w«l«hir do«li dil» fi¥«iigeUttoii.|fMcAaiit «o dMi 
also diete Soene fcn kölner in rieh' «faaii— lemtiainmdaw 

Anschauung gebracht Vierden kann, wofern man nicht et- 
wa mit Olshausen beides verbunden^ Jeanm.sowobl strali* 
lend alt bestrahl^ sich denken wÜL • Akcr war dieser Glans 
auch mttglick: imnier docli dia Frage, wem er denn 

gedient haben soll? Sagt man, was am nächsten liegt: 
um Jesom zu verherrlichen, so war der geistigen Verherr- 
lichung gegenüber, welche Jesus > durch Rede und That 
'rieh selber gab, diese phjaische'dnreh 'günsende Beleuch- 
tung eine sehr unwesentliche, und Ihst liindisch mm nen- 
nen ; soll 8ie aber dennoch zur Erhaltung des allzuschwa- 
chen Glanbens nüthig gewesen sain^ so müfste sie vor*der 
Menge, oder doch Ter dem weiteren Kreise der Jl&ger, 
nicht aber ¥or den engsten Ausseblurs der krifrigsten vor- 
genommen, mindestens den wenigen Äugenzeugen nicht 
die Mutheilung gerade für die am meisten kritische Zeit, 
bis nur Auferstehung, untersagt worden sein« — Mit ver- 
ntlrkter Kraft keliren dieae beiden Fragen bei dem sweiten 
Moment in unserer Geschichte, bei der Erscheinung der 
beiden Verstorbenen, wieder. Können abgescliicd^e See- 
len den Lebenden erscheinen? nnd wenn, wie es scheint, 
die i»eiden GottesmXnner mit ihrem vormaligen , nur ver- 
klKrten , Leibe sich zeigten , woher nahmen sie diesen 
nach biblischer Vorstellung — vor der allgemeinen Auf- 
mtehung? Zwar bei Elias, der ohne Ablegung des Kdr- • 
pers gen Himmel fuhr, macht diefs weniger Schwierig* 
keit: allein Moses war doch gestorben, und sein Leich* 
nam begraben worden. Vollends aber zu welchem Zweck 
sollten die beiden grofsen Todten er^ienen sein? Die 
erangelische Darstellung, indem sie die beiden Gestal* 
ten als avXXakHvtfg tiTt V. darstellt, scheint den Zweck der 
Erscheinung in Jesum zu setzen; nälier, wenn Lukas recht 
hat, bezog sich dieselbe auf das Jesu bevorstehende Lei- 
den und Sterinen« Aber angekündigt können sie ihm diefa 



Zehntes KapIteL S« IUI. 259t 

flicht erst haben, da der einstimmlgeii Angabe der Syno]>- 
tiker zufolge schon eine Woche vorher er «elbst es voraus» 
Ipisasgt hatte (Matth. 16, 21 parall.)« Daher ^Termnthet fliiui| 
«lytpch Mosek nkid £lias sei Jesus nnr Ton den nfiherefi 
Omüiiiid^ii'Wd VerhiCitntssen seines Todes genauer nnter^ 
richtet worden ^) ; nllein einerseits ist es der SteJJung^ 
welche die Evangelien Jesu eu den alten Propheten geben, 
nieht nn^äessen , dafs er von ihnen Belehrung bedurft 
hsthen soll, andrerseits hatte Jesns schon frOher sein Lei* 
den mit so genauen Zügen vorliergesagt , dafs die speciei« 
leren Eröffnungen aus der Geisterwelt nur etwa das n<»^ 
Qadlioadttt tdig B&yeaiv und ifimvsa&ai^ wovon er erst 
spJiter'sagt (Matth. 20, 19. Marc« 10, <14.)9 betroffen habeii 
könnten. Oder sollte die an Jesnm zu machende Mitthet- 
long nicht sowohl in einer Belehrung, als in einer Star* 
kkng IlDr sein bevorstehendes Leiden bestehen: so Ist um 
Jl^i8e SEeft noch keine Spur eines GemdthsEusCands bei Je* 
SU vorhanden , weicher einen Beistand dieser Art zu er- 
heischen scheinen konnte; für das spütere Leiden aber 
bitte diese so frühe Stärkung doch nicht hingereicht, wif 
w4)p 'üsnins sehen, dafs in Gethsemane eine weitere nöthig 
war. Werden wir so , wiewohl bereits gegen die Anlage 
des Textes, zn dem Versuch veranlafst, ob sich der Er- 
•dietnimg nicht vielleicht eine Beziehung auf die Jünger 
gisttl»4f Josse, so reicht der Zweck der Glaubensstfirkung 
fiberhanpt zur Begründung einer so* besondern Veranstal- 
tung theils als zu allgemein nicht aus, theils miifäte Jesus 
in der Parabel vom reichen Mann den leitenden Grundsas 
dM>^|^ttlichen Fttgungen in dieser ßesiehung falsch gedeu« 
ttft'hfiben, wenn er Ihn dahin aussprach, da(^, wer den 
Scliriften des Mosses und der Proplieten — und wie viel 
mehr, wer dem gegenwärtigen Christus — kein Gehör 
schenke « auch durch einen wiederkehrenden Todten nicht 



4} Olnuvssr, a. s. 0. S. 557* 



ttS Z.weiter Abtelmitt. 

hmm GJaiilien gebracht werden wür^e» weftwe g e n denn . 
eine solche Erfchehinng, wenigstens nn jenen Zwecke, von 

Gott nicht verfugt wei*de. Der speciellere Zweck, die 
Jünger von der Cbereinstimmung der Lehre und Schick- 
seie Jesu mit Moses und den Propheten zu ttberseugen^ 
War nnm Theil schon erreicht , snss TheÜ aber wurde er 
es erst nach dem Tode und der Auferstehung Jesu und der 
Ausgiefsung des Geistes, ohne dafs die Verklärung in die- 
ser Hinsiclit irgend Epoche gemacht hätte. — Endlich die 
Stimme ans der lichten Wolke (ohne Zweifel der Schtchi» 
nah) ist, gleich der bei der Taufe, eine Gottesstimme; 
aber wie aiithropomorphistisch muCs die Vorstclhing von 
Gott sein, welche ein wirkliches hörbares S|irechen Got- 
tes für möglich hfilt: oder wenn hier nur von einer Mit- 
theiinng Gottes an das geistige Ohr die Bede sein soll 
so ist damit die Sache in das Visionäre hiiiübergespielt, und 
in eine gans andere Betrachtungsweise übergesprungen« 

«.102- 

IMe aatUrlicIic AufTassung der Erzählung in verschiedenen Formen. 

Den ausgeführten Schwierigkeiten derjenigen Ansicht 
^fvetehe die Verkigrung Jesu als wunderbare und «war Kna* 
eere Begebenheit betrachtet, hat man dadurch eu entgehen 

gesucht, dafs man den ganzen Vorgang in das Innere der 
dabei betheiligten Personen verlegte. Uiebei braucht das 
Wunderbare nicht sogleich angegeben zu werden, nur 
ncheint es als ein Im menschlichen Innern gewirktes Wun- 
der einfacher und denkbarer zu sein. Man nimmt daher 
an, dafs durch göttliche Einwirkung das geistige Wesen 
der drei Apostel, und wohl auch Jesu selbst, bis nur 
Ekstase gesteigert worden sei, in welcher sie entweder 
wirklich mit der höheren Welt in Berührung traten, 
oder deren Gestalten aufs Lebendigste selbst produci- 

5) CHtNiutsx, 8. 539. vgU t78. 



.-ijiu^ud by 



Zehnte« K«piteh .102. >S67 

rfu konnten, d. h* .ouiffi deaM. «ieli defi Voi^iligjiU 
•ion Aileiii. die eirtte Stitae dieser AftfEsssvng, 4#lsi..jft 
Mstthfias selbst dorch den Ausdruck: oQafiu (V. 9.) die 
Sache ala einen blofs subjektiven , visionären Vorgang .he|* 
seiebne, weicht alsbald, wenn man sh^ erinnert, dafs we*> 
der in der M^ortbedenhuig .Ten pQßfm das Uerknud des 
Mola Innevllchen liegt, noeh auch der N» T.llehe Sprach- 
gebrauch den Ausdruck nur für innere, sondern, wie A. G. 
7,31., ebenso auch für äussere Anschauungen vf^rwendet -J^ 
P^f Sa^ selbst betreffend aber ist es ■mp^aJ^^b^inilsht^ 
und auch in der Schrift beispielles^ dak Hehrerf^ wie hier 
Drei oder \ iere, an demselben Gesichte Theil gehabt hät- 
ten woeu noch kommt, dafs die gaoae M^wierjge f r^gie 
nach der Zweck mälsigkeit eisusr solchen wwMbribaren.Vefv 
a^staltung iwch bei dieser Auffassung der Sa(alie.wjMsderkehvt; 

Diesen Anstois zu vermeiden, haben daher Andere den 
yorgang awar im Innern der betheiligten Personen belast 
sen, aber als Pi;odi»kt einer natürlichen Tl^igkeit der 
Seelci das Ganse nithin für efnen Traign CirMf^ ^> . Wäh- 
rend oder nach einem von Jesu oder ihnen selbst gespro- 
chenen Gebete, in v^eichem jdes Moses und üllias gedacht, 
nnd ihre Ankunft als messianischer/Verlüufer gewünscht 
worde^ war> schliefen dieser Auffassung snfolge dip drei 
Jünger ein, und trSnmten, indem wohl aueh die von Jesu 
genannten Namen jener Beiden in ihre schlaftrunkenen Oh- 
ren iiineintönten , als ob Moses,. und Elias gegeoH&rtig wä- 
ren luid Jffsna siph niit ihnen anterhieite^ was ihnen anoh 



1) So Tcrtull. adv. Marcion. 4, 22; Hkrdsa, a. a. O. S. 115 f.y 
welchen auch Gratz, Comm.. Matth. 2, S. 1^3 f. bei- 
stimmt. 

3) FnmscBi, in Matth, p. 552. Ouhausui« 1, S. 553. 
^ 3> Olsuahsbii, a. a. O. 

4) lUv, «yaüiola ad illuttrandam £w. de metamofphosi J. Cbr. 
narrationem} Gaslss, O, S* 539 HutaÖL, Comm. s. 
Matth, p. 459 ff. , • . . H . 

JJai Leben Jetu IL Jiand, IT 



Ic h wcbte » Wie 1R0 vorige 

Matthias, so stüet sich diese darauf, dafs Luiias die Jün- 
ger «k ßeßaQijfihoi vmfifif and erst gegen das £nde der 
iSeene wieder «Ii di«}^q9^0ttMff beielehnel (V. 92.). 
A«f die Hendhflbe,* welehe di^r dritte Brengellsl kieeill der 
natürlichen Erklfirang bietet, wird nan ein bedeutender Vor» 
sag seiner £rsäJilung vor der der beiden ersten begrfiiidet^ 
Mm die nemren Kritiker erkUtren, deft ddrcb diei^ «Ad 
•Mdre Züge, weiche die Begebenheit dem Natttriieben nK-> 
her bringen, die Darstellung bei Lukas sich als die ur- 
sprüngliche, die des Matthäus dagegen durch Weglassung 
derselben sich als die abgeleitete erweise, da bei der wnnder* 
aSehtigen Rlehteng Jener Zeit woU Niemand aoieiie, dae 
Wunder mlAdMttde Züge, wie das Schiafra der Jünger, 
hinzugedichtet haben würde Diese Schlufsweise wür- 
den wir an dar nnsrigen machen müssen , wenn wirklich 
der beeeiehnete £vg nur im Sinne der natflriicben Briilg« 
rang avfgefafiit werden kannte. Hier dflrfbn wir nnt ab^ 
nur erinnern, wie bei einer andern Scene, in weicher das 
nach Luluis bei der Verklärung Jesu angekündigte Leiden 
infirflüinng an geiien aniieng; und bei weiebeip naeh dem- 
selben Brangelisten gleiobfalls eine himmlische Erscheinung 
Jesu zu Theil wurde, in Gethsemane nff milch, die Jünger 
ebenso^ und zwar nach sämmtlichea Synoptikern, als »a^- 
tüiäoißnß erscheinen (Matth. 26, 40 parall.). Konnte hißr 
schön die blolil inssere, fbrmelle Ähnlichkeit lieider See- 
neu einen Referenten zur Übertragung des Zugs vuin Schlaf ' 
In die Verkiärungsgeschichte veranlassen: so konnte ihm 
noch mehr der Sinn nitd Inhalt dieses Zugs auch hier aa 
adnem Orte scheinen. Durch das Schlafen der Jünger 
uämÜch, eben wfihrend mit ihrem Meister das Wichtigste 



6) ScBUfts, Über das AbendmaU, S. 319; 8cNi.ktKa««ciiKR , Über 
den Lukas, S. 148 f.^ vgl. auch Köstss, Immanuel, S. 60 f. 



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Zehntes Kepilel. f. m. Sft9 

vorgeht, wird ihr unendlicher Ahetand Ton ftn, ihreUü* 
f^higkeit, seine Bshe eti erretelien, nnd seine ÜbeHegenheft 
bezeichnet; der Prophet, der Empfänger einer Offenba- 
rung, ist unter den gewöhnlichen Menschen wie ein Wa« 
eilender unter Schlafenden: welswegen es sich gan% von 
seihst ergab, wfe bei dem tiefsten Leiden, so auch h!er 
bei der höchsten Verherrlichung Jesu die Jünger als schlaf- 
trunkene darzustellen, ist somit dieser Zug so weit ent- 
fernt, der natttrliehen £rkiämng Vorseh|ib en thon, daft 
er vleimelup das an Jesn vorgegangene Wunder durch ei- 
nen Contrast heben will: so sind wir auch nicht mehr be- 
fugt, den ßericht des Lukas als den ursprünglichen anzu- 
seilen, und anf seine Angabe eine Erklirung des Vorfalls 
ftu lianen , sondern umgekelnrt werdeh wir an jenem Zu- 
saz, in Verbindung mit dem schon erwähnten V. 31., seine 
Darstellung als abgeleitete und ausgeschmückte erkennen 
ttnd uns mehr an die der beiden ersten Eyangelisten hai- * 
tan müssen. Füllt auf diese Weise die Hauptstfltee derje- 
nigen Auffassong, welche hier nur einen natürlichen Trninu 
der Apostel sieht, so hat diese ausserdem hoch eine Menge 
Innerer Schwierigkelten. Sie sest nur die drei Jünger als 
trionMd Toraus, und HCfst Jesum wechen, also nicht in 
der Illusion tiegrlflen sein. Die ganze evangelische Dar- 
stellung lautet aber so, als ob Jesus so gut wie die Jiin- . 
ger die Erscheinung gehabt hätte ^ namentlich konnte er, 
wenn das Ganse nur ein Traum der Jünger war, ihnen 
nicht hernach sagen: ftr.Stt'l e^lnr^s to o^a^tay wodurch er 
sie ja ehen in der Meinung bestärkt hätte , dafs es etwas 
Besonderes und Wunderbares gewesen sei. Hatte aber 
•nch Jesus keinen Theil an dem Traum , so bleibt es doch 
immer noeh nnerhdrt, dafs drei Personen eu gleicher Zeit 
einen und denselben Traum haben sollten. Diefs haben die 



Q Diese Einsicht hat Bauer, a. a. O..S.2379 Famt^MK^ p. 556» 
ond zum TheH auch Faulv«^ ex. Handb.'2, S. 447 f. 

17 ♦ 



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2M Zweiter Absehiiitt. 

I 

Fi*eunde dieüer, Erklärung eingesehen, und daher soll nun 
tllfenliiob nur der feurige Petru«^ der ja auch alJein spre- 
che, so geirftamt, d^e Referenten aber vermdge dner %n-^ 
ekdoche allen drei Jüngern Bogeschrieben haben, was nur 
Einem von ihnen brgegnet war. Aliein daraus , dafs Pe- 
,tru8 auch hier wie «onst den Sprecher macht, folgt nicht, 
da(a auch er allein Jenea Ciesipht gehabt habe, woTon das 
Gegentheil ans den klaren Worten der Evangelisten durch 
keine Redefigur entfernt werden kann. Doch die in Rede 
Steheode Erklärung der Sache bekennt ihre LnzulHngiich- 
keit noch dentlieher. Mieht nur das lante Anssprechen der 
Namen des Moses und Elias von Seiten Jcto mnfs in den 
Traum der Jünger unterstützend hineinspielen, sondern 
auch ein Gewitter wird zu Hülfe genommen, welches iß 
denselben durch sein* Blltae das Bild von dberirdischepi 
Glans, und durch seine Donnerschläge das von Gespräche« 
und üiuinielästimmen hineingebracht, und sie auch nach 
ilirem Erwachen nocli einige Zeit in der Täuschung erha|7 
ten haben soll. Doch dals die Jünger nach Lukas ,e|MN| 
bei ihrem Erwachen ifiiayQr^yot)r^a(xyi(^ die nwei Männer 
bei Jesu stehen sahen, sieht nicht wie eine biofse aus dem 
Traum in das Wachen herUbergenommeue Täuschung ans, 
wefswegen denn Kuinöl die weitere Annahme heriieiBie^ 
dafs, während die Jünger schliefen, wirklich swel unbe- 
kannte Männer an Jesu gekommen sfelen, welche die Er» 
wachenden ' sofort mit ihren Trh'umen in Verbindung ge- 
bracht, und für Moses und Elias gehalten haben. Durch 
diese Wendung der Ansicht sind nun alle diejenigen Mo? 
"uiente, vrelche die auf einen Traum eurllckgehende Auf- 
fassung als innerlich vorschwebende betrachten soUte, wie- 
der nach aussen getreten, indem die Vorstellung ..ciiii,ej|- 
JLiiebtglamiet durch die Biitse, die Meinung , Stimmen si^ 
htfran, durch den Donner, endlieh die Vorstellung von 
Bwei bei Jesu anwesenden Personen durch die \M'rkliche 
Gegenwart cweier Unbekannten iiervorgebracht worden 



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V 

Zehntes KapileL S* 102. S6i 

eeiit «olK Das Allee konnten die Jünger eigen<lleh nur in 
Wachen wahmebmen, und fiKllt somit die VoreuesetEung 

eines TrAiims als eine überflüssige hiimeir* 

Besser daher, sofern sie darin, dafs ihrer Drei an 
lÜiieni Traume theilgeneni^en haben ntllfsten, eine eigen- 
thOmliehe Schwierigkeit bat, den Faden, welcher nach 
dieser Erklärungsart den Vorgang noch an das Innere 
knüpft, ganz abgerissen, und Alles wieder in die Aussen- 
welt verlegt, so- dafs^wir, wie soeret einen flbematfirli. 
ehen, so nun einen natürlichen iosseren Hergang ror nne 
haben. Den Jüngern bot sich etwas Objektives dar: so 
erklärt sich, wie es mehrere zugleich wahrnehmen konn- 
ten ; sie täuschten sich wacbeiid über das Wahrgenomme- 
ne: natOrlich, well sie alle In demselben Vorstellungtkreis, 
in derselben Stimmung und Lage vsich befanden. Dieser 
Ansicht aufolge ist das Wesentliche der Sceae auf doai 
Berge eine geheime Zusammenkunft, welche Jesus beab- 
•iehfigte, and uu diesem Beliufe die drei «iverlissigsten 
seiner Jünger mit sich nahm. Wer die ewei Minner wa- 
ren, mit welchen Jesus zusammenkam, wagt Paulus nicht 
SU b**stimmen; KuiKöL yermuthet heimliche Anhänger in 
der Art des Nikodemas ; nach Vsntorimi waren es Esse- 
ner, Jesu geheime Verbündete. Ehe diese noch ^eintrafen, 
betete Jesus, und die Jünger, nicht zur Theilnahme gezo- 
gen , schliefen ein ; denn den von Lukas an die Hand ge- 
gebenen Schlaf, wiewohl tranmlos, behält diese Erklärung 
gerne bei, am bei eben erst Erwachten die Täusohnng 
wahrscheinlicher zu machen. An fremden Stimmen, die 
sie bei Jesu hörten, wachen sie auf, sehen Jesum, der 
wahrscheiniieh aal einem höheren Punkte des Berges , als 
wo sie sieh gelagert hatten, stand, In einem angewühnli- 
chen Glanz, der von den ersten Morgenstrahlen, welche, 
vielleicht durch nahe Schneelagen zurückgeworfen, auf Je- 
sam fielen, herrührte, von ihnen aber in der ersten Über- 
Iraschung fttr ttbeni^türliche Verklärung gehalten ward«, 

/ 



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252 Zweiter Abschiiitt 

8»«* prbÜcken die beiden MiSnner) welche aus anbeknnnfen 
QrOndeii der eohliiftninkene PetroSy ond imeh ihm die Übri- 
gen , flHr Metes und Elias halten ; Ihre BeetÜrciinflf steigt, 
aIs sie die beiden Unbekannten in einem lichten Mnrfren- 
nebeiy der sich, wie sie wegj^ehen wollten, hcrabsenkte, 
▼ersehwinden sehen, nhd aas dem üebeigewliik einen der« 
selben die Worte: Stög iciv x. t» X, rafen hUren , welche 
sie unter diesen Umstünden für eine Himmelsstimme halten 
mnfsten Diese Erklärung, welcher auch ScHLSlSRMACHSR 
sich geneigt leigt*), findet, wie die vorige, besonders in 
Lukas eine Sttttse, well bei diesem die Behanptan^, die 
beiden Männer seien Moses und Elias gewesen , weit we- 
niger Eurersichtlich als bei Matthäus und Markus ansge- 
aproehen werde, und mehr n«r als fiinlsU des sclilaftran- 
kenen Petras erscheine« Olefs besieht sieh darauf, dals, 
I wlihrend die beiden ersten Evangelisten geradezu sagen : 
oiq^S'ijaaif avtc£g Mtaa^g xai ^Hkiag, Lukas, wie es scheint 
behutsamer, von SvSQeg dvo spricht, oHnißeg ^ifm Moinijg 
t ««ri ^BklaCf wobei dann die erstere fieeelchnang den objek- 
■ tiren Thatbestand , die sweite dessen snbjektlre Deutung 
I enthalten soll. Allein dieser Deutung pfBchtet der Refe- 
rent, wenn er doch o&m^^mxr, und nicht eM)^/fayro, si^gt^ 
oflenbar bei; welswegen er also suerst n«p Ton uwei MSjk 
nem spricht, und erst nachher ihre Namen nennt, daron 
kann die Absicht nicht gewesen sein, dem Leser eine be- 
liebige andere Deutung offen su lassen , sondern nur die, 
das GeheimniCsroile der ausserordentlichen Scene dureh 
die anfkngllche DnbelBtlmmthelt des Ausdraeks nachBubll- 
den. Hat somit diese Erklärung ebensowenig als die bis- 
her betrachteten in einer der evangelischen Erzählungen 
eine Stfltue: ao hat sie sngleich nicht mindere Schwierige 



7) Paulus, ex. Handb. 2, 436 L. J. 1, b, S. 7 ff. NatUrUckc " 

Getcbichte, 5, S. 256 ff. 
Q a« a« O. 



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Zehutei Kapitel. S* 103. f». 

ketten als jene in sich selbst. Die Morgenbeleuchtung 
auf ihren Yaterlündischen Bergen mufsten die Jünger so 
vreit kennen, um sie Yon himmlischer Qlorie untertcheideia 
mm kdnnen; wie sie auf die Meinung kamen, dafs die liei« 
den Unbekannten Moses und Elias seien, ist awar bei kei- 
ner der bisher vorgelegten Ansichten leicht, am schwersten 
nber bei dieser, sn erklären; wie Jesna, dem ja Petmt 
dnreb aetnen Antrag,* die an erbanenden mtrpmg betreffend^ ' 
die Täuschung der JOnger zu erkennen gab, ihnen diese 
nicht benahm, ist unbegreiflich; wefswegen Paulus sich 
Bo der Annahme flflchtet, Jesna habe die Anrede des Pe- ' 
tma flberhtfrt; die ganae Ansicht von gehdnmn VerbOn« 
'deten Jesu ist eine mit Recht verschollene, vnd endlich 
kitte derjenige dieser YerbOndeten, welcher aus der Wolke 
kenias fene Worte na den Jangem apracb, sich eine un« 
würdige HyatifieaCion erlaubt. 

$. 103. 

Die VerklÜraagsgetchichtc als MytbuSi. 
Wie immer also, so finden wir ans ancli liier, nach- 
dem wir ^en Kreis der natürlichen Erklärungen durchfau- 
len haben, EU der tthernatttrÜchen Burückgeführt ; aber 
ebenso entschieden von dieser abgestolsen, mOssen wir, da 
eine nntürliche Auslegung der Teit Tcrbletet, die teztge- 
mäCse supranaturale aber historiscli festzuhalten aus ratio-. 
Baien Gründen unmöglich fällt, uns dazu wenden, die 
Aniaagen des Textes kritisch an untersuchen. Diese sollen 
Bwar bei Toriiegender Erslhlung besonders auverläfsig sein, 
da das Faktum von drei Evniigelisteii , welche namentlich - 
auch in der genauen Zeitbestimmung auffallend zusammen- • 
treffen, erslhl^ and aberdiela vom Apostel Petrus (2 Petr. ^ 
1, 170 beaeogt werde 0- fibereinstimmende Zeiten« . 

f 

I) pATOUt, ex. Hdb. S. 446^ Gassi, 2, U OiMUVsm, 1> 

. . S. 59S. 



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264 Zweiter Absehn.itt 

Kühe, (sofern, die i^fifQm oxrm ^es Lvkas, je naehdem man 
«nfilt, mit den j]ftlQatg derjandern dasselbe sagen) ist * 
allerdings iniffitllend ; sie UiCst sich aber, sammt dem, dafs 
nar-b allen drei Referenten aof die VerkOndi^ngsacene die 
Heilung dea dUmonlsohen Knaben folgt ^ den die Jttn^er. 
nicht hatten heilen können, schon durch die Entstehung 
der synoptischen Evangelien aus stehend gewordener evan- 
geiisolier Verkündigung erklftren, toh welcher .ea nicht 
h5her Wander , nehmen darf| dafo sie manche Anekdoten 
ohne objektiven Grand auf bestimmte Weise zusammen 
gruppirty aU dafs sie oft Ausdrücke, in. welchen sie hätte 
variiren kdnoeni diipch alle drei Redaktjonen hindarch 
festgehalten bat *)• Die Beurknndang der Geschichte durch ^ 
die drei Synoptiker aber wird wenigstens für die gewöhn- 
liche lAnsicht von dem Verhältnifs der vier Evangelien 
durch das Schweigen des Johanneischep sehr geschwücht. 
Indem nicht eininsehen ist» warpm dieser Evangelist eine 
ao wfehttge BegeSenheit, welche zugleich seinem System 
80 anapmessen, u id eigentlich die anschauliche Verwirkli- 
chung seines Ausspruchs im Prolog (V* 14.) : xal i^eaad^ 
pB9a r^v (fo|ay aorOf d6$av tig fiOvoyevSg noQa naTQog^ 
war, nicht aafgen »mmen haben soll. Der ahgennzte Grund, 
er habe die Begebenheit als durch seine VorgHii«,u»r bf- 
kannt voraussetzen können, ist neben seiner allgemeinen 
Unrichtigkeit hier noch besonders defswegen unbrauchbar, 
weil Ton den Synoptikern dlefsmal keiner Augenzeuge ge- 
wesen war, also an ihren Erzüliliingen durch einen, der, 
wie Johannes , di3 Sccne miterlebt hatte ^ noch Manches 
sn berichtigen nnd- an erläutern sein mufste. Man hat 
aich daher nach einem andern Grund für diese und iihnli- 
che Auslassungen \\n vierten Kvnngelium umgesehen, und 
einen solchen in d u* antignostischen, näher antidoketischen 
Tendenn m finden geglaubt| welche man ans den Jobannel- 

D V|^. s« Wim, Elalail« in das N, T. 79,. 



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Zehntes KepiteL %. 103. 805 

Milien Briefen auch Anf ilns Evftngelinm dbertrug. In der 
Verklärungsgescliicfite, wird hicnach bolinuptct^ habe der^ 
Jesum tiinleuchtende Glanz, die Verwaodiuiio[ seines Aus« 
Sehens in das Überirdische, der Meinung Vorschob lei« 
sten können, als sei seine menschliche Gestalt nur eine Schein- 
hülle gewesen, durch welche zu Zeiten seine wahre, Uber- 
menschliche Natur hiodurchgeleuchtet habe; sein Verkehr 
mit alten Prophetengelsfem habe auf die Vermuthnng fuh« 
ren können, er mu^c vielleicht selbst nor eine solche wie*, 
dergekorainene Seele eines A. T.lichen Frommen sein , — 
und um solchen irrigen Meinungen, welche unter gnosti- 
slrenden Christen sich frilhseitig su bilden anHei^en, kei- 
ne Nahrung an geben , habe Johannes diese und Ähnliche 
Geschichten lieber unterdrückt'). Allein abgesehen davon, 
dafs CS der apostolischen fia^nr^oia nicht entspricht, mög-^ 
liehen Mifsbrauchs bei fiinselnen wegen Hauptfakta der 
erangelischen Geschichte su unterdrücken, so mUlste Jo* 
hannes hiebei doch mit einiger Consequenz verfahren sein,, 
und alle lilrzähfungen, welche eiiie doketische Mifsdeutung 
in gleichem Maafse mit der gegenwärtigen herrorrufen 
konnten, ans dem Kreise seiner Darstellung ansgeschlos** 
sen haben. Nnn erinnert sich aber sogleich Jeder an die 
Geschichte vom Wandeln Jesu auf dem See, welche min- 
destens ebensosehr wie die Verklfirungsgeschichte die Mei- 
nung von einem blofsen Scheinkdrper Jesu hervorruft^ 
and doch anch von Joha'nnes aufgenommen ist. Die Wich* 
tiokeit freilich eines Vorfalls konnte hier noch einen ün- 
terschied begründen, so dafs von zwei Erzählungen mit 
gleich stark doketischem Schein Johannes dennoch grdfse-. 
rer Wlchtlgkc/t wegen die eine aufnahm, die minder wich* 
tfge aber wegliefs. Hier nun aber wird doch wohl Nie- 
mand behaupten wollen , der Gang Jesu auf dem See ste- 
he an Wichtigkeil der Verkläraogsgesehichte voran oder 



3} So ScH.NKCKSKDua6Ea, Beitrüge, S, 62 ff. 



266 Zweiter Abschnitt. 

auch nar gleich; Johannes mu£ste, wenn es ihm nm Ver- 
meidang des doketifoh Scheinendes sn thun war, in jeder 
Hinsicht yor AUem J^ne erste Geeohiehte nnterdriieken : 

dK er es nicht gethan hat, so liann er auch jenes Princip 
nicht gehabt haben ^ weiches daher nie als Grund der ab- 
sichtlichen Auslassnng einer Geschichte im vierten £van- 
gelinm gebraucht werden darf» sondern es bleibt^ was na- 
mentlich diese Begebenheit betrifft, dabei, daft sein Ver- 
fasser nichts oder doch nichts Genaues von derselben ge- 
wufst haben i&ann« Freilich kann dieses firgebnifs nur 
denen eine Instann gegen den historischen Charakter der 
Terkiffrungsgeschichte sein, welche das vierte Evangeliom 
als Werk eines Apostels betracliten , so dafs also wiv aus 
diesem Stillschweigen nicht gegen die Wahrheit der £r- 
sfihlung argnmentireli können: aber nns beweist ancli 
umgekehrt die Obereinstimmnng der Synoptiker nichts Air 
dieselbe, indem wir schon mehr als Eine Krzjthlung, in 
welcher drei, ja alle vier Evangelien susammenstimmen , 
|iBr onbistorisch haben erldären mflssen. — Was endüch 
das angebliehe Zengnlfs des Petms betrifft, so bt wegen 
der mehr als Kweifelhaften Ächtheit des eweiten Briefs 
Petri die allerdings auf unsre Verklärungsgeschichte be- 
Bttgiiche Stelle als Beweis fttr die historische Wahrheit 
derselben jeat auch Ton orthodoxen Theologen aufgegeben 
worden 

Dagegen haben wir ausser den oben angezeigten Schwie- 
rigkeiten, weiche in dem wnnderfaaften Inhalt der £r- 
sihinng iiegen, noch einen weiteren Gmnd gegen die 
s. historische Geltung der Verkllrungsgesehiehte , die Un- 
terredung nämlich, welche den beiden ersten Evangelisten 
nufolge die Jänger unmittelbar nachher mit Jesu geführt 
haben sollen» Wenn nffmiich im Heraiisteigen vom Verklä- 
Miiigsberge die Jünger Jesam fragen: tl iif oi y{»afifimtlg 

4} OuMAOTs», 8« Aam« 



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Zehiito« Kapitel, f. lOS. 2§7 



IhTHaiv^ ort, ^Hliw d&L il^p ugmov CHitOHh. ¥« 10.) 9 
küngt dief« gMis, wie wenn etwas vorangegangen wäre, 
woraos sie Mtten abnehmen mltoeen, EUae werde nieht er*. 

scheinen, und ^ar nicht, wie wenn sie eben von einer Er« 
scheinung desselben herk&men, da sie in diesem Falle nicht 
vnbefriedigt fragen y sondern sufriedengesteilt sagen mufe« 
ten : ehtawc ol ygafufdccrdg Xtyaaw ar« h llah^ 
wird denn die Frage der Jünger von den £rklXrem so ge- 
deutet, als ob sie nicht eine £lias- Erscheinung überhaupt, 
sondern an der eben gehabten nur ein gewisses Meri^mai 
Teraifst bitten, das nimlich, dals nach de« Ansicht der. 
Scbriftgelehrten Elias bei seinem^ Auftritt wirksam und re* 
formatorisch in das Leben der Nation eingreifen sollte, wo- 
gegen er bei der eben gehabten Erscheinung ohne weitere 
Wirksamkeit sogleich wieder yersehwnnden war ^> Diese 
ErklXrung wÄre nnlllss^r, wenn das ccnmttnugviou navta 
in der Fra^e der Jünorer stünde: statt dessen aber stellt 
es bei beiden Aeferentcn (^^»(^1^* V. 11. Marc. V. 12.) 
nur In der Antwort Jesn^ so dals die Jttnger auf fiusserst 
▼erkehvte Weise das, was sie eigentlich vermifsten, das 
a7ioxu(}igayeiv , verschwiegen, und nur das e^x^aS-ai ge- 
nannt haben müfsten, wat sie nach der gehabten Erschei- 
nung nicht vermissen konnten« Wie aber die »age der^ 
JOnger keine gehabte Elias- Erseheinung, vielmehr das Ge- 
fühl des Mangels einer solchen voraussezt: so auch die Ant* 
wort, weiche ihnen Jesus giebt. Denn wenn er erwie- 
dort: wohl haben die Schriftgeiehrten recht, wenn sie sa«* 
gen, Elias mttsae vor dem Messias kommen; diels Ist abev 
kein Grund gegen meine Messianltät, da, mir bereits ein 

S) Rav im aiigef. Frogrsaua, bei Gisua, aeuetl. theo!« Ibiir- 

nal 1, 3, S. 506. 

6} FntTzsciis, in Matth, p. 555; OtSHAVtsif, 1, S. 541. Noch 
weniger genHgeads Aualittnfte bei Gmaa, a* s. O* und bei 
MsTtKAst, ReÜgionigL der Apostel, I, 8. 596» 



Z-welter Abschnitt 



r 

Elias, in der Person des Tttnfers vorangegangen ist, — 
wenn er somit seine Jfinger gegen den aus der Erwartung 

der yQuitfiCcretg zu ziehenden Zweifel durch Verweisung 
auf den ihm vorangegangenen u neigen tiichen Elias zu ver- 
wahren «acht: «o kann eine Erscheinung des elgentiichen 
'Ellas niimdgitch vorausgegangen sefn^ sonst mttfste Jesus 
zu allererst auf diese Erscheinung, und nur etwa weiter- 
hin auch auf den Täufer, hingewiesen haben Die un- 
aiitteibare Verbindung dieses Gesprächs mit Jener Erschei- 
nung kann also nicht historisch sein, sondern nur der Ähn- 
lichkeit enÜeb gemacht, weil in beiden von Elias die Rede 
ist ®). Doch nicht einmal mitrelbar und durch Zwischen- 
begebenheiten getrennt kann einer solchen Rede eine Er- 
scheinung des Eifas vorangegangen sein^ da, veenn auch 
noch solange nachher ^ sowohl Jesus als die drei Augen- 
zeugen unter seinen Jüngern sich derselben erinnern mufs- 
ten, und nie so sprechen konnten, als ob eine solche gar 
nicht stattgefunden hätte. Selbst aber auch nach einer 
solchen Unterredung kann eine Erscheinung des wirklichen 
Elias der orthodoxen Vorstellung von Jesu gemfifs nicht wohl 
stattgefunden haben. Denn zu deutlich spricht er hier 
seine Ansicht aus, dals der eigentliche Elias gar nicht su 
erwarten, sondern der Täufer Johannes der verheilsene 
Elias gewesen sei : wäre also dennoch später eine Erschei- 
jiung des wirklichen Elias noch eingetreten , so hätte sich 
Jesus gein*t , was gerade diejenigen , weichen an ' der hi- 
storischen Realität der Verklärungsgeschichte am meisten 
liegt, am Wenigsten annehmen können. Schliefsen sich so- 
mit Jene Erscheinung und diese Untcrreduiij^ geradezu aus, 
SO fragt sich, welches von beiden Stücken eher aufgegeben 
werden kann? Und hier Ist der Inhalt der Unterredung 
dnreh Matthe tl, 14. vgl« Luc« 1, 17. , so bestätigt, die 



7) Diets gesiebt such pAViOt su, 3, S. M. 
ä) ScMi«isaiuGMsa, über den Loks«, 8« 149« 



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Zehnte« Kupitei. 103. SM 

yerkllirangBgeschichte. aber durch alle Arten ton Schw!^ 
ahWahrseheinlieh gemacht) dal« die fint8,cV$|r 
duiig nicht eweifelhafit sein kann« fis'sehehien deniiieen'9 
wie oben schon einige Male, so auch hier zwei von ganz 
verschiedenen Voraosseteungen aasgehende und wohl auch 
la >enehiedenen Zeiten entstandene EntShlungsstficke auf 
sfefolich ungeschickte Weise susammengesezt worden zii 
sein; das die Unterredung enthaltende Stück n^imlich geht 
Ton der^ wahrscheinlich früheren, Ansicht aus, die Weis- 
sagung in Betreff des Kiias sef eben nur in Johannes in 
EHttiiong gegangen; wogegen das StOck von der VerklS« 
rung, oline Zweifel späteren Ursprungs, sich damit nicht 
begnügt, dafs in der mcssianischen Zeit Jesu Elias unei- 
gj^^üri^h in^TKufer aufgetreten sei: er muiste auch persttn* 
Itelt und eigentlich , wenn auch nur in vorfibergdiender 
^l^scheinung, sich gezeigt haben. ^ 

Um .nnn zu begreifen , w ie eine solche £rzfihlang auf 
sagenhaftem Wege entstehen konnte | ist der suerst eu er* 
wägende Zug, an dessen Betrachtung sich die aller librl- 
«gen am leichtesten anreiht, der sonnenartige Glane des 
Angesichts und das helle Leuchten der Kleider Jesu* 
Das Schöne und Majestätische ist dem Orientalen, und ins- 
besondere dem Hebräer I ein Leuchtendes \ der Dichter des 
hohen Lieds vergleicht seine Gellebte mit der MorgenrÖthe, 
dem Monde, der 8unne C^>5 ö.); die von Gottes Segen un- 
terstüzten Froramen werden der Sonne in ihrer Macht 
Verglichen (Riebt* ft) 31.) 9 vnd namentlich das Jenseitige 
Leos der Gerechten wird dem Glans der Sonne und der 
Gestirne zur Seite gesezt (Dan. 12, 3. Matth. 13, 43.) ^> 
Daher erscheint nicht allein Gott im Lichtglaoa^ und isngei 

mit glänsendem Angesiebl und isoohtenden GewAndem (Fs. 



9) Vgl. Jalkut Sioieoni P. 2, f. 10| S. (bei Wststs», p. 435.): 
Facies jnttorum liituro tempore siittUes eruat sqU et lunse, 
coelo et steUis^ lulguri etc; ^ 



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\ 

4 

STU * Zweiter Abschnitt* 

Im, t. S. Dan. 7, 9 f. 10, 5. 6. Luc. 24, 4. Oflfenb. 1, 
IS sondei^ii auch die Frommen des hebr/iischen Alter« 
thumB, Yfle Adam vor dem Fall, and anter den folgenden 
namenttieh Moaes nnd Joaaa, werden ikiit einem solchen Lieht* 
gfans vorgestellt * wie denn die spfitere jüdische Sage auch 
ausgezeichneten Rabbinen in erhöhten Augenblicken über- 
irdischen Glanz verlieh ' *). Am berühmtesten ist das ieuch« 
Sende' Antlis des Aloses geworden , von welchem % Mos. 
S4, 29 ff. die Rede ist, and von ihm wurde, wie in »an« 
dern Stücken, so auch in diesem ein Schlufs a minori ad 
majus auf den Messias gemacht, was schon der Apostel 
Paulas % Kor. 3, 7 ff. andeutet, wiewoKü er dem Moses 
als dem diaieovas yna(.if.icaog niclit Jesum , sondern , ge- 
mäfs der Vcranlasäuiig seines Schreibens, die Apostel und 
christlichen Lehrer als diay.6vsg zh mevfiarog gegenüber* 
I jBtelit, ond die den.Glans des Moses überbietende do^a die- 
ser lesteren erst als Gegenstand der iknlg Im eulianf t igen 
Leben erwartet. Eigentlich aber war doch am Messias 
selbst ein dem des Moses entsprechender, ja ihn übei^trah- 
' iender Glans su erwarten, and eine Jüdische Schrift, wel- 
che Ton unsrer VerklArungsgeschichte .Iceine Notis nimmt, 
argumentirt gans im Geiste der Juden der ersten christli- 
chen Zeit, wenn sie geltend macht, Jesus könne nicht der 
Messlas gewesen sein, da Ja sein Angesicht nicht den Glans 
dies Angesichts Mosis, geschweige einen höheren, gehabt 
habe Solche Einwürfe, wie de ohne Zweifel schon 

10} Bereschith Rabba 20, 29 (b. Wetstbiä) : Veslcs lucis vcstes 
Adami primi. Focockb, ex Nachmanide (ebcndas.): Fulgida 
facta liiit faciet Mosis instar solis, Josuae instar lonae; quod 
Idem «filimanmt vetsres de Adame« 

il) In Firke Blieser, 2, findet sich nach WartTsnf die Angal>e, 
inter docendiun radios ex fscie iptius , ut olim e M Otis fa- 
cie, prodiisse, adeo ut aoa dignosceret quis, utnmi diea - 
esset an nox. 

ii) Nizsschon vetus, p. 40, ad Exod. 34, SS* (b. Wststsu«) : Ecco 

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Zehntes KepIteL S* IML TT! 

flile ersten Christen diells iron Joden hdren, theils sieh 

selber machen mufsten, konnten nicht anders, als in der 
Altesten Gemeinde eine Tendenz erzeagen, jenen Zug aus 
deni Leben des Meses im Leben Jesu naehsobilden, ja am 
lllierbieten, nnd stAtt eines lenehcenden Ängesiehts, das 
sich mit einem Tuche verdecken liefs, ihm einen auch fiber 
die Gewünder sich ergiefsenden Strahleugiaiiz^ wenn auch • 
nur vorübergehend) Bususchreiben. 

Daft die VerlilSmng des Angesichte ven Meses sa^ 
Torbild fttr Jesu Verklfirung gedient habe, beweist aber 
überdiefs eine Reihe einzelner Züge. Moses bekam seinen 
Glans auf dem Berge Sinai : auch von Jesu VerklSimng ist 
ein JBerg der Schanplas; Moses hatte bei einer Irfiheren 
Besteigung des Bergs , weiche mit der spffteren , nach deie» 
sein Angesicht glänzend wurde, leicht zusammenfliefseilt 
konnte^ ausser den 70 Ältesten besonders noch drei Ver» 
tränte 9 Aaren ^ Nadah nnd AbihU| nur TheUnalune an def 
Anseiiaanng Jehova's mit sich auf den Berg genommen 
(2. Mos. 24, 1. 9 — 11.): so nimmt nun auch Jesus seine 
drei vertrautesten Jünger mit sich, um, so viei üure Krüft^ 
es vermtfchten, Zeugen des erliabenen Schauspiels so seii^ 
nnd ilure nichste Absicht war nach Luc« V. 38. Tiqoaev* 
^aa^ai: gerade wie Jehova den Moses mit den Dreien und 
den Aitesten auf den Berg kommen heifst, um von ferne 
annnbeten* Wie iiernach, als Moses mit Josna den Sinai 
liestieg, die do|a KvqIb als vefikjj den Berg bedeckte 
CV» 15 f. LXX)^ wie Jehova aus der Wolke heraus dem 

Moses flissl*^^ aost«r felicis memoriae, qui liomo xneros erat, 
quia Dens de Itcie ad faciem com eo locutus est, vuttum tarn 
Ittcentem retulit, ut Judaei verereatnr accedere: quanto igt« 
tur magis de ipsa divinitate hoc tenere oportet ^ atque Jsyu 
laciem ab uno orbis Cardiao ad alterum fulgorem dilAmdere 
coaveniebat? At Bon praeditut fuit ullo tplendore, sed re* 
liquis mortalibus fuit tinüUijiius. QuaproptCT COttStat^ noo 
esse lA cum crcdendum. 



Zweiter Abschnitt. 



Moses rief, bis dieser endlich in die Wolke zn ihm hin<- 
eingieng C^* 10—18«): so haben wir auch in iinsrer Et* 
sählang eine yeg>ll^ gKordg^ welche Jesum and die hloin^ 
'liachen firscheinangen beschattet, eine qonrj ix Tjjg veg'ü.r^g, 
tind bei Lukas ein doü.d^dv der Drei in die Wolke. Was 
die Stimme aus der Wollte eu den Jüngern spricht ^ ist 
^ ersten Theil die messlanische Deklaration ^ welchoi aas 
Tis. % 7. nnd Jes. 42, 1. Bosammengesezt , schon bei Jesa 
Taufe vom Himmel erscholl; im zweiten Theil ist sie. aus 
den Worten genommen , mit welchen Moses in der früher 
Ingeftthrten Stelle des Deuteronomiuni (18, der ge- 
wöhnlichen Deutung sufolge dem Volk den künftigen Mes* 
Sias nnkiiiKÜ^t und es zur Folgsamkeit gegen denselben er- n 
mahnt '^). 

Durch die Verkjilrong auf dem Berge war Jesus sei- 
nem Vorbild) Aloses^, an die Seite gestellt, und da es ia 
den Erwartungen der Juden lag, dafs nach Jes. 52, 6 ff* 
die messianische Zeit nicht nur Einen, sondern mehrere 
Vorläufer haben und unter Andern namentlich auch 
'der alte Geseigelier cor Zeit des Messias erscheinen soll- 
te ■ ^) : so wai' ffir dessen Erscheinung kein Moment ge- 

■ 13) Aus dieser Vcrglcicbung mit der Bergbesteigung de» Moses 
lässt sich vicLlcicbt auch die Zeitbestimmung der j^/i»'^a« t% 
ableiten, durch welche die swoj ersten KvangcUsteit das ge- 
genwärtige Ertignist von dem aalest eraShlten trenaen. Dean 
auch die eigeallicbe Gescbichte ▼oa den Bcgs^ssen des 
Sioies auf dem Berge beginnt mit der gleichen ZeitbesUm« 
mungy indem et heistty aichdem 6 Tage lang die Wolke den 
^ Berg bedeckt hatte , sei Moses cu Jebovs berufen worden 
(V. 16.) , eine Zeitbestimmung, welche, obgleich der Aus- 
gangspunkt ein ganz anderer war , für die liroffnung der Je- 
sum belrelTenden Vcrhrdrun «^sscene beibehalten worden mochte. 
, 44) 8. BF.r.Tiioi DT, Christologia Judacoriim %. 15. S. 60 ff. 
15) Debarim Rabba 5. (Wststsdi): Dijiit Deut S. B. IVIos: : per 
vi tarn tusm, quemadmodum \ilam tusm posuisti pro itrsclitis 
in hoc muado, ita tempore futuroj^ quaado Eliim prophetsm 



1 



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zehntes Kapitel. $. 103. S7S 

eignetor, als der, in welchem der Me«8ia£ niif dieselbe Wei- 
se y wie einat er^ «of einem Berge verlieci*ilcJit wurde. 
Zu ihm gesellte sieh denn von selbst derjenige, welcher 
nach Mal. 3 , 23. nm bestimmtesten als messinnisclier Vor- 
läufer^ und zwar nach den llabbincn znglsidi mit Moses ^ 
envnrtet warde. Erschienen beide Männe^ dem JHessias^ 
so ergab sieh von selbst) .<Ia(s sie sieh mit ihni onrerredet 
haben werden, und fragte siehs um einen Inhalt dieser 
Unterredung, so lag vom lezten Abschnitt her nichts näher^ 
als das bevorstehende Leiden und. Sterben Jesn, welches 
ohnehin als das eigentliche messianische GeheifBnÜs des 
N. T. sich am ehesten zu einer solchen Unterhaltung mit 
VV esen einer andern W elt eignete, wefswegei). man sich 
wundern mufs, wie Olsuauskn behaupten .kann ^ auf die- 
sen Inhalt des Gesprftchs hfitte d|e Mythe nicht komme» 
kSnnen. So hlitten wir also hier einen Mythus, dessen 
Tendenz die gedoppelte ist, erstens, die Verklärung des Mo- 
ses an Jesu in erhöhter VV eise zu wiederholen, und zwei- 
tens, Jesum als den Messias mit seinen beiden Voriftufem 
susammensubringen , dnrch diese £rscheinung des Gesetie- 
gebers und des Proplieten, des Gründers und des Reforma- 
tors der Theokratie , Jesum als den Vollender des Gottes- 
reichs , als die £rfililung des Gesetzes und der Propheten, 
darsostelien, und seine messianische Würde noch aberdiefs 
durch eiue Himmeisstimme bekräftigen zu lassen^*'''). 

ad iptoi mittam, to« dao eodem tempore venietit. Vgl. Tan- 
chiuna f. 43, 1, SotbrnsN, 1, S. 149*. 
16) Tllr einen Mythus erklXrt diese EraSblung Bskthoiat, Chri- 
stoloßia Jiid. $. 15. not. 17; Schvlz, über das Ahendmahl, 
S. 519. gicbt wenigstens ein Mehr und Minder des Mythi- 
schen in den \ or»chiL'dcnen evangelischen Rolationt n der Ver- 
klärungsgeschichte zu, und Fritzschk , in ISIalth. p. 448 f. 
'II. 456, führt die mythische Ansicht von derselben nicht oh- 
ne Zeichen von Beistimmung auf. N'ergl. auch KuuiUl, in 
Matth, p. 459, und Ghatz, 2, S. i6i ff. 
Das Lghßn Jetu iL Band, IS 



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374 Zweiter Abeehnllft. 



An Mhsem IMepMi Ifilit deh schliefslich besonders 
e^geneeliefaillch sei^ili wie die netflrlielie EriüXning, in- 
' dem sie die histöHsche Gewiftlieit der Ereihlungen fest- 
halten will, die ideale Wahrheit derselben verliert, ge^eii 
die Form den Inhalt aufgiebt : wogegen die mythische durcli 
Aafopfenirtg dei gesehiehtlieheii Leihea aoleiier firsühiiiii« 
gen doch die lÜee dersellveii, Vrelehe ihr Geilt und ihre 
Seele ist, erhült und rettet. War nämlich der natürlichen 
£rklärDng siifoige der Lichtglanz um Jesum ein snfUUigee 
optisehea Pliinbrnen, and die beiden £rsebienenen entwe- 
der Trattubllder oder anlieitannte Menaehen : wo bleibt 
da die Bedeutung der Begebenheit? wo ein Grund, eine 
aolche Ideenlose, gehaltleere, auf gemeiner Täuschung und 
Aberglauben liernliende Anelidote in die Evangelien aufaa- 
nehmen? Dagegen, wenn ieh nach der mythlaehen Auffas- 
sung In dem eyangelit^chen Berichte zwar keine wirkliche 
Begebenheit finden kann, so behalte ich doch einen Sina 
und Inhalt der Erailhiung, weifa, waa die erste Clu-iateii- 
gemeinde steh heii derselben gedacht, und warum die Ver- 
fasser der Evangelien ihr eine so wichtige Steile in ihren 
Denkschriften eingeräumt haben 

f. IM. 

Abweichende Nackricliten Uber die Icztc Reise Jesu nach Jerusalem« 

Bald nach der Verklärung auf dem Berge laasen die 
Erangeiiaten Jesum die ▼erbingnüsToUe Reise antreten. 



17) Auch Plato im Symposion (p. ^23. ff. Steph.) yeriiarriicht 
seinen Sokrates dadurch, dast er auf natürlichem und ko- 
mischem Grunde eine Slmlicke Gruppe ▼ertnsUltet| wie die 
Evangelisten hier auf tragischem und ttbernatttrlichem. Nack 
einem Trinkgelage Überwacht Sokrates die Freunde, welche 
schlafend um ihn liegen: wie hier die Jünger um den Herrn; 
mit Sokrates wachen nur noch zwei grossarlige Gestalten, 
der tragische Dichter und der komische, die beiden Elemen- 
te des frUbcrea griechischen Lehcas^ welche Sokrates in sich 



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'I 

Zehntes KapileL f. 104. 27$ 

• • • 

wetehe ihn eeliieni Leiileii entgegenftthrtiB. Üb#r den Orf^ 
Ton wetehem er fiel i B ee e r Reise «ntgleng , and den Weg, 
welchen er nahm, weichen die evangelischen Nachrichten 
von einander ab» Stimmen über den Ausgangspunkt die 
Syneptifcer Basanunen» indem eie 'Mmitlfeh Jesnm ven 
liiXa «nfbreehen lassen (Matth. 19, 1. Mare. 10, !• Loe. 
9, 51., in welcher lezteren Stelle zwar Galiläa niclit aus- 
drückliob genannt ist, aber aus dem Vorhergehenden, wo 
nor von Oalillla mid GaÜlÜsehen Orteehaften die Rede 
war, so wie ans der im Folgenden erwihnten'fteise dnreh 
Samarien, sich von selbst ergiebt')): so scheinen sie doch 
fiber den Weg) welchen Jesus von da nach Judüa ge- 
wäliit ludbe^ i^on Lander abmigehen* 2wer -sind die An- 
galpen sweier von ihnen in diesinn Paukte s6 denke!, daft 
sie der harmonisirenden £xegesc Vorschub zu leisten schei- 
nen könnten. Am klarsten und bestimmtesten sagt Mar- 
kus ^ Jesus hahe seinen Weg fll»er Peräa genommene aber 
sein ^araf bIq ta OQta tijg ^ludtdag Sti rS fÜQOP tö Vo^ 
öuvs ist schwerlich etwas Anderes, als die Art, wie er 
sieh den schwerverständlichen Ausdruck des Matthäus, 
dem er in diesem Abschnitt folgte erki&ren uu dürfen glaub« 
te. Was dieser mit seinem fierffQsv im tfjg raktXaUtg seoi 
fp.^yev elg zu OQia Tfjg ^Isöaiag mQav i5 ^Ioqöccvö eigentlich 
sagen will, ist in der That dnnkei. Denn wenn die Er- 
Idtfmng: er kam in den Theii von Judtta^ welcher Jenseits 
•des Jordans liegt'), gleieherwdse gegen Geographie wie 



▼ereinigte : wie mit Jesu der Gesergehcr und der Prophet 
•ich unterreden, die beiden Süulen des A« T.licben Lebens, 
welclie Jesus in Ikttluirer Weise in sich «usammenicliloss ; 
wie bei FIslo eadttsb ^Mok Agathen und Aristophsnes eia- 
•chUfea, und Sokrstes sUeia dtt Feld liehflt : so verscbwSa« 
den im Evsagdium Moses und ISliss ndesty und die JUnger 
sehen nur noch Jesum allein. 

1) SciiLEiKRMACHiA, Uber den Lukas, S. 160. 

2) KuiMöL und ÜKktz z. d. St. 



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•176 f Zweiter Absebnitl. 

Grnmmatik Terstöfst, so ist dio Deutnng, co welclier dio 
Vergte&ebiifig de« MarkM die Mieten Aveieger geneigt 
flUMhft, delW Jeene naeh Jndia gekemnen eel doreh dne 

Land jenseits des Jordans auch nach der von Fritzschk 
angebrachten Modiiikation wenigstens nirht ohne gramma- 
lieehe Scliwiengkeit. Aleibt indelli eo viel in jedeoi Faliy 
dafe aneh Mattliftns wie Harkaa Jesnm Ton GaiUXa naek 
Judua den weiteren Weg über PerSa nehmen iäfst: so 
scheint dagegen Lukas ihn den näheren, durch Samaria^ eu 
fahvem Zwar ist sein Ansdrack . 17) 11, dala Jesus auf 
•einer RelM naeli Jemaalea di^^fjffM dia fdaa SaftoQiiag 
xal FaXikaiaSf kaqm klarer, als der eben erwogene dee 
JUatthfius« Der gewöhnlichen Wortbedeutung nach scheint 
er anasoaagen, jus habe suerst Samarien, dann Galiiiia^ 
i|veer dnteliaehnittcn, w ao nael» Jemealmn mu komsen. 
Aber diese Aufeinanderfolge ist yerkeiirt; denn gieng er 
von einem gAÜläischen Orte aus, so mufste er euerst dna 
fibrige l»aiÜÜ% und dnnn erßt Samarien durchreisen* Jüan 
lial deiawegen dem SuQXia^m fäotf die Bedeutung ei- 
nes Hinatebena auf der Grense nwiscben Galillia und Sa* 
marien gegeben^), und nun den Lukas mit den beiden er- 
sten Evangelisten durch die Voraussetaung vereinigt, Jesus 
aei auf der gaitiliseb'-samarischen Grense Ida cum Jordan 
lilngereist, halle hierauf diesen lliersciuitten, und sei so* 
fort durcli Peräa nach Judän und Jerusalem gewandert, 
. Diese leztere V^uraussetzujig vertrügt sich aber mit Luo* 
9) AI ff. nicht; denn wenn dieser Stelle sufolge Jesus nach 
dem Aufbruch aas Galiläa alsbald einem samarischen Dor- 
fe zugeht, und hier iibehi Eindruck macht, ort ro nQoao)^ 
nov uin^ j^v nuQtvöftevuv eig Uf^wjah'ft : so lautet diefs 
gans, wie wenn er die Bichlang von GalüMa durch 8ama- 



3) So z. B. XieaTPoer, s. d. St« 
• 4) Wattn»! Oi^aaDtsa s* d. St^; Scamanieaaa^ a* a* 0. 

s. 164. au. 



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Zeii.iita» Kupitel. 104. 277 

rien luich JttcÜia gehabt hätte ^ uod wir jprerdeii »m bestea 
ihm, Bit onbefangenen £iegefe9» hier «ine AbwciohiiJig 
der «ynoplischen Evangelien ansiüBrfcenneii Erst gegen das 
£nde des Weges Jesu vereinigen sie sich wieder, indeia 
laut ihres übereinstimmenden Berichts Jesus nach Jerusa- 
lem von Jericho her gekomoien ist (Mattli* 20^29. fNunUL)^ 
ein Ort| welcher Übrigens mehr dem Aber Poris, als dem dBreh 
Sanmrien gekommenen Galiläer auf der geraden Strafse lag. 

Ist auf diese Weise unter den Synoptikern Kwar in / 
Rücksicbt auf den von Jesa eingeschlsgeneii Weg ein Streit^ 
aber doch in Besag auf den Ansgangs|ianbt and das leslo 
St0(4t des Wegs Übereinstimmung: so weicht der johan- 
neisehe Bericht in beiden llinsieliten von ihnen ab« ihm 
ftufolge nfimllch ist ea gar nicht Galiläa, von wo Josos mar 
leslen Paschareiso aufbricht, sondern schon vor dem Laub* 
hflf teufest des vorigen Jahrs hatte er jene Profins, sum 
lestenmal, wie es scheint, verlassen (7, 1. 10.); dafs er ewi« 
sehen diesem und dem Fest der Tempel weihe (10^ 91») wie- 
der dahin gekomsMn wXre, wird wenigsfens nicht gosagt; 
nach diesem Feste aber begab er sieh nach Perla und blieb 
daselbst (JLOj 40.), bis ihn die Krankheit und der Tod des 
Lasaros nach Judüa, und in die nächste Nähe Jerosslems, 
mich Bethanien, rief Cll> Sft). Oer NachsteliaiigeB seiner 
Feinde wegen zog er sich von hier bald wieder Borllek, 
doch, we\l er das bevorstehende Pascha hesuchen wollte, 
nur bis in das Städtchen Ephraim, unweit der Wüste (11, 
54»), von wo ans er dann , ohne da(s eines Aufenthalts in , 
Jericho gedseht wflrde, das auch von Ephraim ans, wie 
man dessen Lage gewohnlich bestimmt, nicht im Wege lag, 
imch Jerusalem cum Feste sich begab« 



S) IfaiTsscaB, ia Marc. p. 415: Msrcut Mattba*i 19, f* le au- 
ctaritsti h. L adstriagit , diGitque , Jesum e Galilaes' ( cf. 9, 
33.) P^A^tum esse per l^eraesm. Sed auctore Lues 17, II. 
id Judaeam coatcadit per Samsriam itlnere brevimiBW. 



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378 Zweiter Abschnitt. 

Eine so totale Abwefchmig mofste die Harmonlsten 
in uii§ew6hiillelie Oesehiftiirkete Tmetsen. Der Aofhnteh 
«HS llAlilitR, ilestMi die Synoptiker gedenken, soll nitch ih- 
nen nicht der Aufbrach zum lesten Pascha, sondern znm 
Fest der TeiD|iel weihe gewesen sein nnerachtet er von 
Lokus dureh das h tqi av^mlr^imn^m vttg ^filgag trjs ara« 
Xr^tpFfog ctvvH (9, 51.) unverkennbar als Aufbroch zu dem- 
jenigen Feste, auf welchem Leiden nnd Tod Jesu warte- 
ten, iMielehnet ist, ond sfimmtllohe Synoptiker die hier be- 
gonnene Reise mit J^nem lestllehen Einzog in Jemsalem 
endigen lassen , welcher auch dem vierten Evangeflnm zu- 
folge unmittelbar vor dem leeten Paschafest erfolgt ist'^). 
Soll hienach der Aufbruch ans Galiläa ^ von welchen sie 
•rallileny der nnni EnkJInlenfesty die Anknnft In Jerusalem 
aboTi welche sie melden , die zum späteren Pascha gewe- 
sen sein: so mdPsten sie das nach dieser VoraiissefKiinor 
swisolien beiden Punkten Liegende, nämlich desn Ankunft 
und Anfenthall in Jemsalem com Fest der Tempeiwefhe, 
•eine Reise von da nach Peräa, von Peräa nach Bethanien, 
nnd von hier nach Ephraim, ganz übergangen haben. Scheint 
hieraus na folgen, da(s jene Berichterstatter von allem 
\ Diesem auch nichts gewnfst hatien: so soll vielmehr, wie 
geltend gemacht wfrd, Lukas dadorch, dafs er bald nach 
der Abreise ans Galiläa Jesum auf Schriftgelehrfe stofsen 
lasse, die ihnanf die Probe stellen wollen (10, 25 ff.), dann 
ihn in dem Jerasalem benachbarten Bethanien neige (10, 
S8ff.)9 hierauf ihn wieder rflekwttrts an die Grensseheide 
von Samarien and Galiläa versetze (17, 11.)? ^*'st als- 
dann ihn zum Pascha in Jerufalem einziehen lasse (19, 
S9 ff.)» dentiloh genug darauf hinweisen, dafs swischen Je- 
ner Abreise nnd dieser Ankunft Jesus schon einmal nach 
Jnd^ia und Jerusalem, und von da wieder zurück gereist 

Ii tm 

6) Pmos, S, 99 u 854. Vgl* Ouasvsiir, I, S.'sSS« 

7) Scaimatufiasa, s. s. 0. S* 159« 



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ZeJinles KapileL $.104. 

■ 

«ei Alkin, wenn die Schriftgelebrten olmehio nichts 

beweisen, so ist auch von Bethanien nirgends die I^ede, 
sondern nur von einer Einkehr Jesu bei IMnrtha und Ma- 
ria, welche der vierte Ev^ingeiist in jenes Dorf veneat, 
woraus fedoeli nicht folgt, dafs anch der dHtte sie ebenda- 
selbst wohnhaft, und also Jesum, wenn er bei ihnen war, 
in der Nähe von Jerusalem sich gedacht habe. Daraus 
alieri da(s so sehr lange nach der Abreise (9, AI — 17, 11.) 
Jesus erst auf der .Grenae f wischen GaÜlfia und Samariea 
erscheint, folgt nur, dafs wir hier keine geordnet fort- 
schreitende Erzählung vor uns haben. Doch selbst Mat- 
thäus soll nach dieser barmonisironden Ansicht Ton Jenen 
Zwiscbeul>egebenbeiten gewufst, und sie ftir den genauer 
Zusehenden angedeutet haben \ sein ^(srfjQev und tijg Fa- 
XikuLug nämlich soll als Andeutung der Heise Jesu auf die 
£niiämen eine Diegese abschliefsen , das noi ^k&&ß eis w 
OQta r^g *isdalag tÜqop %H*loqiaini dagegen mit Angalie der 
Ausweichung von Jerusalem nach Perän (Job. 10, 40.) 
einen neuen Abschnitt eröffnen ; wobei übrigens angestan- 
den wird, dafs ohne die Data des Johannes Niemand auf 
eine solche Zerreissung der Worte des Matthfos kommen 
würde Dergleichen Künsteleien gegenüber ist lÜr denje- 
nigen, weicher die Richtigkeit des johanneischen Berichts 
Yoraussext, kein anderer Weg übrig, als der von der neue- 
aten Kritiic eingeseiiiagene » nXmlich die Autopsie des Mat- 
thäus, der die Reise nur gans iLura bebandelt, aufeugeben, 
von Lukas nber, der einen ausführlichen Reisebericht hat, 
ansunehmen, dafs er oder ein von iiim benüzter Sammler 
Bwel Tcrschiedene Berichte^ von welchen der eine die frü- 
here Reise Jesu auf das Fest der Tempelweibe, der andre 
seine Iczte Paschareise betraf, zusammengefügt habe, ohne 
au ahnen, dafs awischen die Abreise Jesu aus Galiläa und 



8) Paülu», 2, S. 294 IT. 

9) FAVurs, a. s. O. m U 384 1. 



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I 



SSO Zweiter Abioiinitl. 

seinen Euixug In Jerusalem vor dam Paieha noch ein frü- 
herer Anfenthalt in Jemtalem., saaunt andern Reisen und 

Be^benhetten , fiel ■ ^. 

Auf eigene Weise kehrt sich nun aber im Verlauf des 
Rorichts von der oder den leaten Reisen Jesu das Verhalt* 
nifs awitohen den synoptischen Evangelien and dem Jofcan- 
fleischen nm. Wie nämlich snerst avf Seite der ersferen . 
eine grofse L'Ucke sich zeigte, indem sie eine Masse von 
Zwisohenbegeh'^nheiten und Zwisohenaofenthaiten Qbergien- 
l^eny welche Johannes glebt: so scheint non gegen das fin- 
de des Reiseberichts anf Seiten des lesteren eine , wenn 
auch kleinere, Lücke einzutreten, indem er nichts davon 
hat, dafs Jesus Aber Jericho nach Jerusalem gekommen 
Ist« Man kann swar sagen , Johannes habe^ nnerachtet 
den Synoptikern sufol^^e eine Blindenheilong' nnd der ße- 
such bei Zacchäus in dieselbe fiel, doch diese Durchreise 
tibergehen können ; allein es fragt sich , ob In seiner Dar- ^ 
Stellung ein Dnrehgang dorch Jericho überhaupt Raum ha-^ 
be? knf dem Wege von Ephraim nach Jemsalem liegt die 
genannte Stadt nicht, sondern bedeutend östlich ab; mau 
hilft sich daher durch die Voraussetzung, von Ephraim 
ans habe Jesns allerlei Nebenreisen gemacht^ auf einer von 
diesen sei er nach Jericho gekoouneni und von hier dann 
nach Jemsalem gebogen > 

Jedenfalls herrscht hienach in den evangelischen Nach- 
richten von der le//en Reise Jesa eine besondere Dneinig- 
keit) indem er der vnIgKren, synoptischen Tradition snfol* 
ge aus Oalillla ftber» Jericho, und zwar nach Matthffns und 
Markus durch Per ia, nach Lukas durch Samaria, gereist 
wärei dem vierten Evangelium nnfolge aber von Ephraim 



10) ScittKiiaiubaBay a. a. O. S. 161 ff. SnrrsaTt Uber den Urtpr* 
8. 104 ff. Dem er^teren itiaunt ia Besiehung auf Lultst auch 
OLSHAOtaR bei a. a. O. 

iQ Tainoo^ Goaua. s. Job. 8« 219 > OLsaAUtsw, 1^ 8. 771 f. 



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Zehnte« KepileL f. ll»5w 2bl 

her gekoAnnen tein mUCgte : Angaben, twischen welehen* 
eine Verein^nng unmOgUdi ^ aber aiidi die Wehl «dir 
eehfvierig ist 

f. 105. 

Abwetdiungen der Evangeliea in Hlnsiclit auf den Amgangt. 
puilkl des Einmugfl Jetu In Jeruialeai. 

Selbst über den Schlufs der l^eise Jesu, aber die ieste 
Station Tor Jemaalem, aind €Üe £vangeliateu nicht' gana el-** 
nig. Während es nach den Synoptikern das Anaehen hat, 
als sei Jesus von Jericho aus ohne längeren Zwischenauf- 
enthalt an fleiuselben Tage bis nach Jerusalem gekommen 
(Matth. 20, 34. 21^ 1 ff. parail.): Iil(at4hn daa vierte £van* 
geliun von fipiwaim snnCehat nur bia Bethanien gehen, iiier 
übernachten, und erst am folgenden Tag seinen Einzug in 
die Hauptstadt halten (12, 1. 12 if.)* Um beide Darstel* 
lungen an rereinigen, aagC man| l>ei der nnr «ammariachen 
firaihlnng der Synoptiker sei es nicht an vernrnndem, 
dafa sie das Ubernachten in Bethanien nicht ausdrflcklich 
berühren, ohne es defswegen leugnen zu u ollen; es finde 
somit kein Widerspruch swiachen ihnen nnd Johannes statt, 
sondern, was Jene kara snsammenfiissen, lege dieser in 
seine weiteren Momente anaeinander Allein wilhrend 
Matthäus Bethanien gar nicht nennt, thun die beiden an- 
dern Synoptiker dieser Ortaciiaft auf eine Weise Erwäh- 
nung, welche dqnr Annahme, dafa Jeana daselbst 0ber-' 
nachtet habe, entschieden widerstrebt Wenn sto nlmlfch 
erzählen, o)s yjyytoev i/V Jh^&fpayij y,ai Br^^avlccv, habe sich 
Jesus aus dem nächsten Dorf einen Esel holen lassen, und" 
sei sofort auf diesem in die Stadt eingeritten : so kann man 
aleh swiachen die so rerbundenen Vorgänge nnrndgÜch eine 
^acht hiru'Indenkon , sondern die Erzählung lautet so, als 
ob unmittelbar auf die Sendung Jesu der üdgenthümer den 



1) Taoi.ucK| S. 218 i OuaAUtaa, 1, S. 771. 



üiyilizeQ 



9 



m Zwaiter Abtclinilt. 

E^el verabfolgt, und unmittelbar nach der Ankunft de« 
ÜUeisJwii« «ich zum Einzug angeschickt hätte. Auch läfst 
•loh 9 wen» Jesus in Bethanien Aber Nacht sn bleiben im 
Sinne hatte ^ auf keine Welse ein Zweck seiner Sendunff 
nach dem Esel ausfindig machen. Denn soll das Dorf, in 
welches er schioiuei eben Bethanien gewesen sein : so hatte 
er, wenn erst auf den andern Htfi^gea ein Reittbier «i> be* 
stellen war, nicht ndthig, die Janger vomnssnschielLen , 
sondern konnte füglich warten, bis sie in Bethanien ange- 
iLQmmen waren; dafs er aber^ ehe er noch in Bethanien 
Attgeleiigt war, nnd sieh a angesehen hafte, ^b nicht hier 
ein Esel eu finden sei, Uber dieses niehstgelegene Dorf 
hinaus nach ßethphago geschickt haben sollte, um dort auf 
den andern Morgen einen Esel aufzubieten, entbehrt vol- 
iends aller Wahrscheinlichkeit, und doch ipgt wenigstens 
Hatthftns entschieden,, dals« der Esel in Bethphage geholt 
worden sei. Dazu kommt, dtifs, der Darstellung des Mar- 
kus sufolge, als Jesus in Jerusalem ankam, bereits die 
wfßla angebroehea C^^} ^^0» «uid es ihm deis wegen mir 
noch möglich war, sich in Stadt und Tempel TorlAufig nm- 
suaehen, worauf er mit den Zwölfen sich nach Bethanien 
narUckzog. Nun lälst sich zwar das nicht beweisen, was 
schon behauptet worden ist, dals das vierte Evangelinm 
den Elnsug Tlelmehr auf den Morgen ferlege: aber das 
muHl man fragen, warum denn Jesus, wenn er nur von 
dem nahen Bethanien kam, nicht bälder von da aufgebro- 
eben Ist, am in Jerusalem auch noch etwas, das der Rede 
Werth Wlre, thnn an können? Die spfite Ankunft Jesu in 
der Stadt, wie sie Markus behauptet, erklirt sich offen- 
bar nur ans dem längeren Wege von Jericho her: kam er 
Uols von Bethanien, so gleng er von hier schwerlich so 
•pit erst weg^ dafs er, nachdem er die Stadt sich nur 
angesehen, wieder nach Beihanien umkehren mnfste, um 
am folgenden Tag zeitiger von da aufzubrechen, woran 
Ihn aber auch schon am vorigen nichts gehludert hatte. 



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Zehntes Kapitel. S« i05* 



Fi^iiich ist in seiner Verleg« ngr der Ankanft Jesu in Je-, 
rasaiein auf den späten Abend Markus von den beiden im-» 
dern Synoptikern nicht anfiaratOsI, indem diese Jeeoiii noch. 
aiD Tage seiner Ankunft die Tempelreinigung vornehmen y 
ond Matthäus ihn selbst noch Heilungen verrichten und 
sich gegen die Hohenpriester und Schriftgelehrten verant- 
worten lAist (AfAtth. ai, l2S.)i «ilain noeh ohne Jena &it* 
angaba entiehaidet die ContinuRftf der Uomenta des Hin« 
kommens gegen jene Flecken ^ der Sendung der Jünger , 
der Ankunft des Esels, und des Einreitens^ gegen die Mög* 
iichkeiti in die £rafihluog der Synoptiker ein Bethaniecboft 
Nachtquartier einautchieben« 

Bleibt es auf diese Weise dabei , dafs die drei ersten 
Evangelisten Jesum geradezu von Jericho ausj ohne Auf- 
enthalt in Bethanien, der vierte aber ihn nur von Betha* 
nien her nach Jerusalem siehen Ülat: ao mfiaien aie> wenn 
sie beiderseits recht haben sollen, von s\vei verschiedenen 
Einzügen reden, vi^ie diefs neuerlich von mehreren Kritikern 
vermotliet worden ist Ihnen zufolge zog Jesus aaerst 
(was die Synoptiker ersählen), mit der Festkarawane ge^ 
radesu nach Jerutalem, und es erfolgte hlebei, wie er alek 
durch die Besteigung des Thiers bemerklich machte , von 
Seiten der Mitreisenden unvorbereitet eine lante Huldigung, 
welche den £incug in einen Trtnmphsug verwandelte* Itach* 
dem er sieh am Abend nach Bethanien Burilckgesogen , 
gieng ihm dann nm folgenden Morgen (^y\aa Johannes' er- 
zählt), eine grolse Volksmenge entgegen, um ihn einzu- 
liolen, und als er auf dem Weg von Bethanien her mit 
derselben eusammentraf, wiederholte sieh, diefsmal vorbe- 
reitet von Seiten seiner Anhänger, die Scene des gestrigen 
Tags in noch gi'öfserem Mafsstabe. Dieser Unterscheidung 
eines froheren Einsnga Jean in Jemaalem, ehe man hier 



2} Paulos, ex. Handh. S9 s, 8« 93 ff. 96 ff. ScauaaaascMaa, über 
den Lttitst, Si. 244 f. 



Zweiter Abscbuitt. 



von seiner Ankanft wafste, und eines spfitercn, nachdem 
Mit scbon erfmJmn hatte, daft er in Bethanien sei, lai 
die Olllerene günstig j dm(k naeh der synoptisehen Eralh- 
Jung die Huldigenden nur nQOayfnTBg und axoh}^5)reg 
(IVfatth. V. 9. ), nach der johanneischen aber inavu^aavies 
(V* 13* IS») «Ind. Fragt man nvn aber: wamni geben 
denn nntre simoidlehen Referenten jeder nnr Einen Ein- 
zug, und findet sich bei keinem derselben Ton eweien eine 
Spur? 80 bekommt man in Bezug auf den Jobannes die 
Antwort, dieser fersehweige den ersten Einsng wahrsehein- 
Heh defswegen, weil er ihn.nieht nitgeraaeht habe, indem 
er wfihrend desselben nach Befhnnien möge verschickt ge^ 
^e.Hen sein, um die Ankunft Jesu anzumelden Da in- 
defs nach onsem Gmndsätsen, wenn vom Verfasser des 
vierten Evangeliums, dann aneh von dem des ersten vor- 
ausgesezt werden darf, dafs er der in der Uberschrift ge- 
nannte Apostel gewesen: so fragt man vergebens, wohin 
denn nun bei'm sweiten Einsng Matthäus solle verschiekc 
gewesen sein, dafs er von diesem nichts sn ersffhlen wufs- 
* te? da sich bei dem wiederholten Gang von Bethanien nach 
Jerusalem kein Anlafs einer solchen Sendunsf denken läfst« 
Übrigens aueh in Besng auf den Johannes Ist sie reine Er* 
dichtung; abgesehen davon, daft, aneh wenn die beiden 
Evangelisten nicht persdnlich zugegen waren, sie doch von 
einer im Kreise der Jünger so vici besprochenen Begeben- 
heit, wie der feierliche Einsog gewifs aneh in seiner Wie- 
derholung war, ^as Genaueste erfahren mnlsten« Hanpt- 
allchllch aber, wie die Erzählung der Synoptiker nicht so 
lautet, als ob nach dem von Ihnen beschriebenen Einzug 
noch ein zweitei^ erfolgt wäre: so ist die Johann cisehc von 
der Art, dafs vor dem Einsng, dessen sie Meidung thut, 
ein anderer onmSglich gedacht werden kann. Ihr snfolge 
gehen n/imlich am Tng vor dem johnnneischen Rin/,ug, nisu 
der Voraussetsung geniäls an demselben Tage mit dem syu- 



1 

üiyiiizea by 



Zehnties KefilteL j. IM. 1» 

optischen, Tiefe Jmkn von JepnMileni neeh Bethenlen hin- 

ausj weil sie von Jesu Ankunft gehört hatten, und non 
ihn nnil den Ton ihm erweckten Lanii^ns sehen wollten • 
- (Y. 9. FgL 1S.> Allein vvle konnten sie am Tag dee syn- 
optischen EinsQfs hUren, diife Jetne In Bethanien sei? an 
jenem Tage gieng ja Jesns Bethanien vorbei oder durch^ 
und zog gerade nach Jerusalem, von wo er nach allen Eis 
sählnngen ei^ ao spät Abends nach Bethanien hinausge- 
gangen sein liann, dafa Juden, die nnn erst von JernsA- 
lem aus dahin giengen , nicht mehr hoffen konnten, ihn 
noch sehen zu können Wofür mocI)tcn sie aber nnr 
sieh die Mttiie nehaMn ^ Jesnni in Bethanien' anfsusneheny 
d* sie ihn doeh an Jenem Tag in Jeraaalem seiher hatten? 
gewifs müfäte es in diesem Falle nicht blofs heifsen , sie 
seien i dia %6v ^L^ow fiovovy aki^ %va xai ^^agov 
idwfh gefcemnnw, sondern, Jesnm liaben sie nwar in Jem* 
aalem seihst gesellen gehah^ nnn eher hahen sie aneh noeh 
den Lazarus sehen wollen, und seien defsveegen nach Be- 
thanien gegangen^ wogegen der Ü^vangelist, welcher Leuto 
von Jemsaleni ans, um Jesnni sn sehen, nach Bethanien 
gehen Ififst, nnmdgiieh Toransgesent hahen kann, dttfk eben 
an diesem nämlichen Tage Jesus in Jerusalem zu sehen 
gewesen sei. Auch das Weitere, wenn es bei Johannes 
heüät, am folgenden Tag hahe man In Jernsalem gehttr^ 
dala Jesns dalidn iieaune (V. 1%^ klingt gar nicht so, wie 
wenn Jesus schon am Tag vorher daselbst gewesen wäre, 
sondern als ob man von Bethanien aus erfahren hätte, dafs 
er hente vollenda herdnkonunen würde; ao wl^ aneh der , ^ 
Bmpfang , den man Ihm sdfort hereitet , nnr als Vorherig 
lichung seines ersten Eintritts in die Hauptstadt einen rech- 
ten Sinn hat, bei seiner sweiten Dahinkunft aber nur et- 
wa dann fttglleh. hätte veranstaltet werden können, wenn 
Jesns Tag» nnror nnbemeriLt nnd nngeehrt hereingekoni» 



4} vgl. LUcKi, 2, S. 432. Anin. 



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' • Zweiter AM^hflUt» • 

men wfire^ und mmn dlA M Ib ly dfei f fm% hffH« iMch- 

holen wollen : wogegen , wenn schon der erste Kiiizug so 
gltfnisend war 9 der Pomp des eweiten eine miissitre Wie- 
devheUing geweees wii«» Und cwur morftten sieh bei*a 
Bweiten alle Züge det ereteii wiederhole heben, wae, nng 
.man es mehr als absichtliche Veranstaltung Jesn, oder nis 
•MflKlüge Fügung der Umstände betrachlen, immer höchat 
vnwahrteheiiilaeh hleibt. Von Jeea Ut es nieht wohl m 
fcegreifen , wie er ein Sehaaeplel wiederfaoien BMiehce,' dliia, 
Binmai bedeutsam, in seiner Wiederholung matt and zweck- 
-Joe war die Umstände aber mttfsten auf unerhörte Wei- 
ie nnsanunengetrolfen lieben^ wenn beftdenuiie dieeelben £ii- 
Milieeeagungen von Seiten det VoUu, dieeeiben Aiisseran- 
gen des Neides von Selten seiner Gegner eingetreten sein, 
Moh lieidemale ein an die Weissagung des Zacharias erin* 
jMmdei Reklhier m Gebote gestanden haben aoiife« Mnn 
JUinnle daher die Sarpser^selie Assimilationshypochese ra 
iiülfe nehmen, und voraussetzen, die beiden Einzüge, ur- 
.eprUngÜch mehr verschieden^ seien darch traditionelle Ver* 
ivliehnng sieh so lihniioh geworden: wenn nieht «berhanpt 
die AnnahnM, dals «Ken erangeiisdien Ernihlnngien hier 
jswei verschiedene Fakta Eum Grunde liegen^ eines andern 
UjBStands wegen unmöglich würde» 

Anf den ersten Anbiieii nwar seheint es die Amiaii- 
me von sweirerseliiedenen£inBagensttQnlsrsllltnen, wenn 
man bemerkt, dafs Johannes seinen Einzug den Tag nach 
jenem Bethanischen Mahle, bei welchem Jesus unter merk- 
würdigen Umständen gesalbt wurde, ror sieh gehen iäfst, 
die beiden ersten Synoptfter dagegeh (denn Luluis weife 
Ton einer eu Bethanien und in dieser Periode des Lebens 
Jesu gehaltenen Mahlzeit bekanntlich nichts] ihren Ein« 
jrag diesem Mahle vorangehen lassen; wodoroh aisoj gans 
der obigen Voranssetsnng gemüTs, der synoptische ISinnug 



5) Uasb, L. J. U4« 



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1 

I 

»Is der frflhere, der joliRfih^fiAeill» lier spITIm mchSeiw. 
Diefs wäre gut 5 wenn nur nicht Johannes seinen Einzog 
M früh, die SytiopllkeiP dagegon Mir Bethanisches Malti 
M spXt Mtmii' wflhMaiiy dlnfii jtfiMr otiiBliglieh imoli- diMM 
erst erMgt selii kiNiti. Niivh-i^fifinines irihBlfoh''koaiBit Je- 
sos 6 Tage vor dem Pascha nach Bethanien^ und rJeht am 
folgenden Tag in JerMaiem «in (12, 1. 12.>c das Bethani- 
«eiie Mniii der %noytikei» ^ngegmi (ilcltlu2i^«ffi pÄraMo 
kann -bOektlemi t Tag» rov'^ilem PmoIir' fskulten worden 
sein (V. 2.) , so dnfs , wenn der synoptische EiriKug Tor 
dem jokaniieischen Mahl und £inaiig slatlgefonden hnken 
woü^ Amn natk aUem IKeamn den Synoptikern cafilf^ 
neeh eine swelte Belhaniteke Mahlnelt angenoniMri- wer- 
den roUfste. Allein zwischen den hiebei vorauSKusetisen- 
den zwei Mahlzeiten fände nun ebenso, wie zwischen den 
keiden Einnigen, kle in'« £inaekl» hinein* die anffitiien^ 
AhnlfekkeH «Mt, nnd das SiehfeHkeh^ von swel 'der- 
gleichen Doppelbegebenheiten ist so verdächtig, dnfs man 
kier sckwerüch die Auskunft wird anwenden mögen^ ^e 
•cie» vwel fiinatge nnd Afahiaeften, die einander «nqwBllgw 
Üek'weil'vnilMiileher geeehen haken, in der Tradition dofdi . 
Übertragung von ZOgen aus der einen Begebenheit in die 
andere ii€h «o ähnlieh geworden > wie wir sie jezt ha- 
Imn: eendeni blev^ wenn > r g e n dwi>> ist es ieichier, eoMn 
eihnMf die Drlumdlkdikelt ^er BerioiHe aufgegeben wfi<d) 
*ich vorzustellen, dafs in der Uberlieferung Eine Bege- 
benheit variirt , als dafs durch dieselbe awei Begelienhei- 
ten aesimilirt worden seien ^> 

Näherer Hergang bei dem Einzug. Zweck und historische " * 

Realität desselben. 

Während das vierte Evangelium zuerst die Jesn ent» 
gegenstrdniende Menge Ihm ihre Huldigung darhnngen^ 

6) Vgl. Bd. 1^ $. 85. • 



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Zweiter Absehnite/ 



m$A 4tmm «ffit iU# kmw Angube iolßtn Mu^ cbr« Jems 

«inen Junge« KmI^ deaten er habhaft wurtle, bestiegen ha- 
be: ist bei den Synoptikern das Erste, was »ie geben, ein 
.aHaimbrlicher ßeriebt, wie Jesus «u dem Usei kam. Xis 
•r niaüidi im die Mühe ven Jerasalcn, BeUiphai^ 
iwd Bethanien am ölberg hingekoMien, habe er awei aei- 
ner Jünger in das vor ihnen liegende Dorf geschickt, mit 
der Weisung, wenn sie bineinkümen, würden sie — und 
"jmn sagt Malchftna, eine Eselin angebenden » und ein* Fol* 
Jen bei ihr^ die beiden andern | ein Fttllen, auf weleheaa 
noch Niemand gesessen habe, angebunden — finden, das 
(diß} soÜeu sie losbinden und ihm bringen, etwaige Üdji- 
Wendungen des £igenlhttmers aber durch die Bemerfcni^ , 
.der Herr bedlirf» seiner (ihrer), niedefeehiagen ; diefs aei 
BO gesehehen, und die Jünger haben — auf die Thiere 
nach MaUbäns , nach den beiden andern auf das i^ine 
.Thier — *} ihre Kleider nnterbreiitend, «lesuni geseal. 

Das Auflhilendstei in dteeen Berichten ist ofenbar die 
.Angabe des Matthüus, dafs Jesus nicht blofs, dn doch nur 
.er alleitt reiten wollte, zwei £sei requirirt^ sondern da£s 
«er auch wirklich auf beide sieh geseat ludben aolL. Zwar^ 
•wie natttriiehy iiat es nicht an Veteneben gefehlt, das Er> 
stere zu erklüren, und das Leztere zo beseitigen. Das 
Mottertbier soll Jesus mit dem Füllen, auf welchem er ei- 
.jgentÜch reiten wollte, haben helen lassen, damit dto jon- 
.ge, noeh saugende Thier deste. eher gellen mtehte oder 
4oii die an das Junge gewöhnte Mutter von selbst nachge- 
laufen sein allein ein noch durch iSaugen an die Mutter 
gewöhntes Thier gab der £igner schwerlich enm Reiten 
lier. Das noch fiblere Reiten auf swei Thieren suchen die 
einen dadurch- an beseitigen, dals sie sehr schwachen Au- 
ctoritäten zufolge und gegen alle ki'itiscben Grundsätze bei 



1) Pauius, S. 115 ; KviNÖL, in Matth, p. 541. 

2} ÜL»iuu&KK, 1, S. 776. 



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Zehntes Kapitel. {. IM. fSB 

Her An^be rom Auflegon Klekler «tiitt bnciYV) carvtv 
le -.en: tTi airöv (jov Tiujlov)^ worauf sodann bei der Anga- 
be, dafs Jesus sich darauf geseat habe, das inivm avtw 
HQf die Uber das Eine TMer gebreHeten KMder beaogen 
wird Ohne Andenmg der** Lesart glaubten Andere 
durch Annahme einer Enallage numeri ^) oder dadurch 
Aassnkomasen , dafa^sie ?or aärtav hdg snppiirten , Con« 
atmetioaeii, die den Zeiten des Faustrechts In der N. 
liehen €h«ainiatik angehören, von welchen man sich freuen 
konnte, dafs sie durch Winer und Fritzsche vorüber seien, 
wenn nicht auch OLSHiiüSKN noch bemerkte, das inavat ai^ * 
%wp sei nichts als ungenaver Ansdmiek, indem die beiden 
Thiere als svsammengehörig betrachtet, und daher, was 
das eine betraf, auch auf das andere übergetragen worden 
aeL Laut seiner Worte mufs sich der Evangelist vielmehr 
vofgesteilt haben , Jesus sei auf awei Thisren geritten j 
was als abwechselndes Reiten anf dem einen vnd andern 
gedacht*), für eine so kurze Strecke eine unncitliige Un- 
bef|uemlichkelt gewesen wäre, auf jede andre Weise aber 
Tttlilg undenkbar ist, und uns an die ttl^rtgen Evangelisten . 
▼erweist, deren Angabe nur Eines Reitthiers sich mit der 
des Matthäus durch die gewöhnliche Bemerkung, sie nen- 
nen nur das Füllen, auf welchem Jesus geritten sei, und 
lassen die Eselin, als Nebensache, weg, nicht ausgleichen 
Ififst. — Fragt sich somit, wie denn MatthXus Hut seine 
abenteuerliche Vorstellung gejcwnmen ist? so haben, ob- 
wohl auf wunderliche VV^eise, diejenigen auf den rechten 
Funkt hingi^wiesen , weiche vermutheten, Jesus habe in 
seiner Anrede an die Jfinger, und MatthJfas In setner Ur- 
schrift, der Stelle des Zacharias (9, 9.) zufolge fttr den 



3) Pavlvs, a. a. O. S. 143 f. 

4) Glas8ius, Phil. s. p. 172. A. 

5) Klinöl, a. «. O. S. 545 j (.ratz, 2y S. S47. 

6) fto FarrzscH«, in Matth. p^G30. 

Dai Lehen Jesa Ih Band, 19 



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^ Zw^iUr Abschnitt» 

»Inen Begriff dee Esel» «ehferer Ansdrücke •ich bedient, 
woi au« sofort dep grieehiiehe ÜbewetÄer des ersten Ernn- 

geÜums mifsveruänaiich mehrere Thiere gemsoht hsbe^). 
AUerdingS^inddiegehÄMftenßeaeiclmuii^en des Esels in je- 

•ner Stelle: ntohK;!-) T»1 itoq, imSifiw atahw viop^ 
LXX der Anlafs Her Verdoppelung desselben im er- 
sten Evangeliom, indem nXmlich die copula, welche im 
Hebräischen erWUreiid gemeint vrer, eis hinsofUgend 
genommen, und sfatt „ein Esel, d.h. ein EselsfÜllen 
n. S. w." vielmehr ..ein Esel sammt einem Eselsfüllen« 
iii der Stelle gefunden wurde Allein diesen Fehler 
kann nicht erst der griechische Übersetser gemscht haben, 
welcher schwerlich, wenn er in der ganeen ErsUhlung des 
Tfintthäns nur Einen Esel gefunden hätte, rein aus der Pro- 
phetenstelle heraus ihn verdoppelt, und so oft sein Original 
von Einem Esel sprach, den nwelten hinnugefllgt, oder statt 
des Singulars den Plural geseet haben würde: sondern 
ein solcher mufs den Verstois begangen haben, dessen ein- 
ige schriftlich fixirte ttuelle die Piophetenstelle war, aus 
welcher er mit Zuciehnng der mündlichen Tradition seine 
ganKC Erzählung hernusspann, d. h. der Verfasser des er- 
sten Evangeliums, welcher sich freilich hiedurch , wie die 
neuere Kritik mit Recht behauptet , unwiederbringlich um 
den Ruhm eines Augenzeugen bringt 

Itt dieser Mlfsgriff den ersten Evangelium eigen, so 
haben liinwiedemm auch die beiden mitüeren einen Zug 
,für sich, welchen vermieden zu liaben dem Verfasser des 
ersten som VortheÜ gereicht. Auf das Schleppende zwar 



7) EiCMHORn, allgcm. Bibliothek, 5, S. 896 f. vgl. Boltek, Bs- 
rieht des Matthäus , S. 517 f. 

8) Famtcmt, «. d. St. 

9) Schuld, über das Abendm. S. 510 f. j SiSflSST, Uber den 
Urspr. S. 107 f. 



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Zehnte» Kajiitel. {• 106. S91 

soll nur beilinfig eufmerksam gemacht werden , was darin 
liegt, dafg, nachdem bei «Heu drei Syiiojjtikern Jesus ileii 
zwei abgeschickten Jüngern genau vorIierl)c>aeichi»et hatte» 
wie sie den Jb;sei ^den, und womit sie den Eigenthamer 
daaselben snfrieden «teilen aoUten, nnn Markus und La* 
iiiia sich and dem Leser die Muhe nicht sparen, aitsfuhr- 
iich und genau das AlJes als eingetroffen zu wiederholen 
CMarc. V. 4 ff. Lue. Y. ^^ISL}^ während MattliAus CV. 6.) 
geschiclit durch ein mi^ccifzeg xa&wg jtQoaiia'^iv uhotg » V. ' 
sich abfindet diefs, als blors die r orm betreffend , soll 
hier nicht weiter geltend gemacht werden. i)as aber be- 
trifft den Inhalt der Sache, dafs nach Markos and Lukas 
Jesus ein Thier verlangte, i^^ o ädels nwme äv&Qwntav 
ina^iae^ ein Zug, von welchem Matthfius nichts weifs. 
Man begreift hier nicht, wie sich Jesus das Vorwärtskom- 
men durch dte.Waiü eines noch nicht siigerittenen Thiers 
nbsicbtÜch erschweren mochte, welches, wenn er es nicht 
dnreh gdttllche Allmacht in Ordnung hielt (denn bei dem 
ersten Ritt auf einem solchen Thier reicht auch die giM'ifs- 
- te menschliche Ileltkunst nicht aus) , gcwifs manche «Stö- 
mng des festüclien &igf herbeigeführt haben wii*d, sumal 
Ihm kein Vorangehen des Mutterthiers tfu Statten kam 9 
• welches nur im Kopfe des ersten Evangelisten mifgelanfcn 
ist. Dieser Lnannehmlichkeit hat Jesus gewil's nicht ohne 
triftigen Grand sich aasgesest, and ein solcher scheint na- 
he genug zo liegen in der Ansicht des Alterthnms, wel- 
cher zufolge, nach Wetstein's Ausdruck, (inimaliaj imibus 
humanis nondum mancipatUf sacra habebantur : so dafs 
idso Jesus für seine geheiligte Person und eu dem hohen 
Zwecke seines messianischen Einsugs auch nur ein heili- 
ges Thier hatte gebrauchen mögen, ^äher erwogen jedoch 
%vird man diefs eitel finden, und wunderlich dazu^ denn 
dem £sel konnte men es nicht ansehen, da£i er noch nicht 
|peritten war, ausser an der ITngebanligkeit, mit welcher 
er den r uliigen Fortschritt des feierlichen Zuges gestört 
^ * ' 19* ' 



üiyilizeQ 



292 Zweiter Abschnitt 

haben würde •®). So wenig wir auf diese Welse begrei- 
fen, wie Jesus in dem Besteigen eines nicht eugeritteneii 
Thiers eine £hre gesncht liaben kann ^ * so begreiflich wer- 
den wir es finden, dafs schon frühe die christliche GenetiH 
de es seiner Elire schuldig za sein glaubte, ihn nur auf 
einem solchen Thicre reiten ^ wie später ihn nur in einem 
ungebraachten Grabe, liegen so lassen , was in ihre l>enk« 
Würdigkeiten aufeunelimen , t^ie . Verfasser der mittleren 
Evangelien kein Bedenken trugen, weil ihnen freilich bci'm 
Schreiben der niclitzugerittene Esel nicht die Unbequem- 
lichkeit Terarsachtei wdche er Jesa beim Reiten Temr» 
sacht haben mübte» 

Wenn tn die bisher erwogenen beiden Schwierig k ei* 
ten die Synoptiker hich theilen , so ist eine andre ihnen 
allen gemeinschafdicb, die nämlich, welche in dem üan* 
stand liegt^ dafs Jesus so ko versichtlich swei Jünger nach 
einem Esel sendet, den sie im nXchsten 0erf In der und 
der Situation finden würden, und dnfs der Erfolg seiner 
Voraussage so genau entspricht. Das Natürlichste kdnnto 
scheinen 9 hier an eine Torangegangene Verabredung m 
denken, welcher eufolge nur bestimmten fknnde am be* 
seichneten Orte ein ileitthier für Jesum bereit gehalten 



10) Dats jener Grund für die MMtsregel Jesu nickt geattge, hat^ 
• auch Paulus geßihit; denn nur aus dem veriweifelndea Su- 
chea nach einem reellerien und mehr tpecifischen Grunde ist 
et SU erklüren, dats er hier dat einzige Mal mystisch wird, 
und an dieErklXrung Justins des Märtyrers (die als {,no:uY»or 
bezeichnete Eselin bodtatc die Juden, der noch nicht gerit- 
tenc Esel die Heiden, dial. c. Tryph. 55.), den er sonst im- 
m. r als Urheber der verkehrten kirchlichen BiheldeutUBgen 
bekämpft, sich anschliesscndf wahrtcheialich lu machen tuckt^ 
Jesus habe durch Qetteigung einet noch nicht gerUteaen 
Thiers sich als Stifter und Regentea einer neuen Religiont- 
gcselltchaft aokUndigea waUea. £aeg. Uiadb. 3, a, S. 116 ft 



« 



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worden sei allein wie konnte er eine solehe Verabre- 
dong In Bethphage getroffen haben, da er eben von Jeri« 
cho kan? Daher findet auch Padlus diorsmal et%Tai An- 
deres wahrscheinlicher, ilafs nämlich in den nn iler Hnnjit- 
atralae nnch Jerusalem gelegenen Düriern um ilie Fest* 
aeiten yiele Laatthiere cum Vermietheu an die Wallfahrer 
bereit geatanden haben werden; wo^^egen Jedoeh so be- 
merken ist, dnfs Jesns gar nicht wie vom nächsten besten, 
aondern von einem bestimmten Thiere spricht. Man wun- 
dert aieh daher, wenn man ea bei Olsbadsbn niir als ver-. 
malhiiehen Sinn der Referenten beseichnet findet, dala dem 
einziehenden Messias Alles durch Fügung Gottes cur Hand 
gewesen sei, wie er dessen eben bedurfte, so wie, dafs 
derselbe Ausleger die Voranasetsung nothwendig findet, die 
Beaitser des Thiers aeien mit Jesu befreundet gewesen, da 
rielmehr die gleichsam magische Gewalt hier dargestellt 
frerden soll, welche, sobald er nur wollte, dem blofson Na- 
mmn des Kvgiog in wohnte, iiei dessen Nennung der fiesi- 
ser des Esels den Esel, wie spXter (Matth. S6, 18. parall.) 
der Inhaber des Saals den Saal unweigerlich en seiner 
Jiiapusition stellte. Za dieser göttlichen Fügung eu Gun« 
&lffll^ des Messias , und der nnwiderstehlidien Kraft seines 
Ha— ns komml noch das höhere Wissen, durch welches 
Jesu hier ein entferntes Verhültnifs , das er für seine Be- 
dilrünlsse benützen konnte, offen vor Augen lag. 

^ laC diefs der Siiin und die Absicht der ETangelisten 

bei den angegebenen Zügen ihrer £rzA'hlung: so kann man 
nieh nieht verhehlen, dafs gerade eine solche Anwendung 
and Probe des höheren Wissens «lesu, welche in dem ße- 
merken eines im nächsten Dorf angebundenen Eaels he- 
uteht , so wie eine solche Macht seines IVamens, welcher 
der Üagenthümer eines Lasttluers nicht widerstehen kann, 



11} NsttfrUchc Gesehicbte, 3^ S. 566 f. 



0 

i 

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1 



201 Zweiter Abschnitt. 

als Bicnilicli kleinlicht erscheinen mnfs. Za gut kennen wir 
ettrh bereits die Neifnnfr der nrchristlicben Sa^e, solche 

Proben der höheren Nafnr ihres Messias zu geben ( man 
denke nn die Berufung der zwei Brüder paare; die genaue- 
ste Analogie aber hat die eben angeführte, onten näher su 
betrachtende Art^ wie Jesus das Lokal fdr seine leste 
Mahlzeit mit den Zwölfen bestellen läfst), als dnfs wir uns 
der Vermiitbuntr enthalten könnten, auch hier nur ein Ge- 
bilde Jener Neigong vor nns sa haben. Diefs wird nm so 
wahrscheinlicher, wenn wir nachrawelsen fm Stande sind, 
warum sieh Iiier das Fernsehen Jesu geraiie als Wissen um 
einen angebundenen Esel zeigt, wie eine solche Nacbwei- 
•nng allerdings möglich ist. Uber der im ersten und vier- 
ten Evangelium citlrten Stelle ans Zacharlas nilmlich, wel- 
che vom Einreiten des sanftmüthigen Königs nur überhaupt 
auf einem Esel bandelt, versäumt man gewöhnlich, eine 
andere A. T.liche Stelle su berücksichtigen, welche nliher 
den angebundenen Esel des Messias enthlllt. Es ist 
diefs die Stelle 1 Mos. 49, 11, wo der sterbende Jakoh «n 
Juda von jenem ht^^ sagt (LXX) : ötoftevcjv :rtQds «//wT€— 
MV Tov nvilov avvH xal &Uki %ov nwXav %i;g aurS. 
JInstin der Mürtyrer fafst auch diese mosaische Stelle, wie 
Jene prophetische, als Weissagung auf den Einzug Jesn, 
und behauptet daher geradezu, das Füllen, welches Jesus 
holen liefs, sei an einen Weinstock gebunden gewesen ^ 
Auch die Juden deuteten nicht nur Oberhaupt Jenen Schi* 
lo vom' Messla«, wie sieh schon in den Targumim nach- 
weisea läfst sondern namentlich auch das Anbinden 



12) Apol. I, 52 : to J«" dtafi(vu>v rtQot aunrlov tov TTM/Lor aCxH 
vn* aurS n^x^tiaoftivmv' n»Xo^ yd^ rtg ov tiff^««« rair* 

». r. 2. 

13) t. ScitörrcsN, borac, 2; p. 146* 



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Zehnte« KajiAtei* $• 1^6. 29^ 

des EmU wurde von Messiai8 erwiirtel, and sw«r, weil 
Bui ail der Stelle eus der tienetU die de» Zacharias comp 

binirte, bei seinem fiinzng in Jerusalem *'^). Dafs jene 
Weissagung Jakobs von keinem unsrer Evangelisten ange« 
J&brt wird, beweist höchstens, dafs sie bei'm Niederschrei- 
ben der vorÜegenden fircKhlung sich derselben nicht an«* 
drllckiieh bewufst waren: dafs sie aber auch demjenigen 
Kreise, in welchem die Anekdote sich zuerst bildete, nicht 
rorgesebwebt iiabe, iiann ea keineswega beweisen« Für 
einen Dorehgang der firaftlilang doroh mehrere ll&nde von 
solehen, welche sich der ursprünglichen Beaiehung auf die 
Steile der Cienesis nicht mehr bewufst waren, spricht al- 
lerdings auch diefs, dafs sie der Weissagung nicht mehr 
gann.ihnlich ist» Sollte eine vollkommene Übereinstimmung * 
stattfinden, so müfste Jesus, nachdem er dem Zacharias 
aufulge auf dem £sel in die Stadt geritten war, diesen 
bei*m Absteigen an einer Weinrebe angebunden haben, statt 
dafs er ihn Jost im nächsten Dorf (t%heh Markus von einer 
Thttre am Wege) losbinden lurst, wodurch aber suglefeh diefs 
noch erreicht wurde, dafs mit der Erfüllung jener beiden 
Weissagungen noch eine Probe des Übern ntUrlichen Wis- 
sens Jesu und der magischen Kraft seines Namens verbun» 
den werden konnte. — Im vierten Evangelium fehlt mit der 
liexiehiing auf die mosaische Stelle der Zug vom angebun- 
denen Esel und dessen Ablioluiig, und es wird mit allei- 
niger Rflclmicht auf die des Zacharias fcnrs gesagt: ei^gtäp 
üm()iovj hcdO^ioev iu uuio (V. 140» 

Das Nächste, was nun in Betracht kommt, Ist die 
Huldigung, weiche Jesu vom Volke dargebracht wird« Nach 



14} BercscUlb Rabba ad Gen. 49, II. (bei Scimmm, 2/ 8. 105) } 
quaado Messias Hicrosolymam ventet ad redimcndum Itraifli- 
tasy tuub ligat asinum suum eique insidet et Hierosol^mom 
venit. 



üiyilizeQ 



t 

t^Htt . Zweiter Ab«ckiiitt« 

allen Relationen ausser der des Lukas bestand diese ioi 
Abhauen Ton Banmewei^en , welehe^ man nach den beiden 

Synoptikern auf tleii Weg streute, nRch Johannes, der nä- 
her Falmzweige angiebt, Jesu, wie es scheint, entgegen- 
trug; ferner nach allen ausser Johannes im Breiten von 
Kleidern auf den Weg.' Dazu iiam ein jfnbelnder Zuruf, 
von vreichem alle mit unbedeutenden Mudiiicationen die 
Worte: evkoyt^fiivog 6 iQyn/nfvog iv orditari Kvqus haben, 
femer alle ausser Lukas das (ia€cmi , alle endlich die Be» 
grafsung als König oder Sohn Davids« Hier ist ewar dna 
n^n"* K'^n ■m'^HS «"^ Ps* ^O, eine gewöhnliche ße- 
grttfsungsformel für Festbesuchendo gewesen, Und auch 
das dem vorhergehenden Verse desselben Psalms entnom* 
mene niTIt^H war ein gewöhnlicher Ruf am Laubhütteii- 

fest und am Pascha ; aber das hiuEUgeseste t0 vU? 
JafA6 und 0 ßaatXsvg TS^InQarl zeigt, dafs man Jene all- 
gemeinen Formeln hier speclell auf Jesum als den Messias 
anwandte, ihn in eminentem Sinne willkommen heifsen, 
und seinem Unternehmen Glück wttnschen wollte. In Be- 
treff der Subjekte, welche die Huldigung darbringen, bleibt 
Lukas im engsten Kreise stehen , er knüpft nfimllch das 
Breiten der Kleider auf den Weg (V. 3ö.) an das Vorher- 
gehende so an, dafs es scheint, als schriebe er es, wie das 
Legen der Kleider auf den Esel, nur den Jüngern eu, wie 
er denn die Loblieder ausdrücklich nur an:av rn 7t)Jj>oc: 
ton' //a.7;;Ton' anstimmen lufst; Matthäus ui^d IMarkus da- 
gegen lassen diese Huldigungen von den begleitenden Volks- 
massen ausgehen. Diefs vereinigt sich indessen leicht; denn 
wenn Lukas von dem TtltjS'og rotv ftaO^t^mv spricht, so ist 
diefs der weitere Kreis der Anliänner Jesu, und antlrci»- 
scits ist der nWzoi oylog bei Matthäus doch auch nur die 
Qesammtheit der ihm Gttnstigen unter der Menge. Wäb* 



15) vgl. FAVtif;«' s« d. St. 



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Zehntes Kapitel. 100. m 

» 

rend nun aber die Synoptiker innerhalb der Grennen de« 
mit JesQ reisenden Festnogs bleiben, lüfst Johannes, wie 

schon oben erwähnt , die ganze Feierlichkeit von solchen 
.nosgehen, die von Jerusalem aus Jesu entgegensogen (V. 13.)» 
wogegen dann die mit Jesu kommende Menge den Einho- 
lenden die von ihm vollbrachte Anferweckun^ des Lasa* 
rus bezeugt, um deren willen nach Johannes die feierliche 
Einholung von Jerusalem aus veranstairet war (V. 17 f.)» 
Diesen Beweggrund können wir, da wir die Wlederbele* 
bung des Latsarus oben kritiseh besweifelt haben ^ nicht 
gelten lassen; mit seinem angeblichen Grunde aber wird 
auch das Faktum der Einliolung selbst erschüttert, zumal 
wenn wir bedenken, wie die Würde Jesn es pi erfordern 
schmnen konnte, dafs ihn die Davidsstadt feierlich einge- 
holt liabe 5 und wie es auch sonst zu den Eigenthtimlich- 
keiten der Darstellung des vierten Evangeliums gehört, vor 
der Anknnft Jesu so den Festen die erwartungsvollen 
den des ToIIls Uber ihn su referiren (7, lifL 11, 50.). 

Der lezte Zug in dem vor uns liegenden Gemälde ist 
der Unwille der Feinde Jesu über die starke Anliänglicli- 
keit des Volks an ihn, welche sich bei dieser Gelegenheit 
Eeigte. Nach Joliannes (V. 19.) sprachen die PharlsÄer 
£u eiiiaiiilir: da sehen wir, dafs unser bisheriges (scho- 
nendes) Verfahren nichts nöst; alle Welt hüngt ihm ja an 
(wir werden anders einschreite müssen). Nach Lukas 
(V. 39 f.) wandten sieh einige Pharisffer an Jesam selbst 
mit dem Ansinnen, seinen Schülern Stiilscijw eigen aufzu- 
legen, worauf er ihnen sur Antwort giebt, wenn diese 
nicht mfen, vrürden die Steine schreien. Wübrend Lukas 
und Johannes diefs noch anf dem Ztigi> vor sich gehen las- . 
sen, ist es bei MatthA'us erst nachher, als Jesus mit dem 
Festzug im Terajiel angekommen war, und d!c> Kinder auch 
hier fortfuhren. Hosianna dem Sohne Davids eu rufen, 
daCi die Hohenpi*ie8ter und Sehriftgelehrten Jesum auf den . 



üiyilizeQ by 



Zweiter Abschnitt. 



Oiifiig, wofttr sie es hielten, anfmerksam machten, worauf 

er sie mit einer Sentenz nus Ps. 8, 3. (6x gofttnng vr^niwt 
xal ^?;>laJowt»' xati^oTioai ahov} zurücli weist (V. 15 f.), 
eine Seiitens, die also hier, unerachtet sie im Original sich 
anvenscheinlich auf JehoTa beaieht, auf Jesum angewendet 
wird. — Die von Lukas an den Einzag angeknüpfte Klage 
Jesu über Jerusaiem wird unten noch in Betrachtung 
kommen* 

Unzweideutig sprechen Johannes und Insbesondere Bfat- 

thfius durrli sein lijio oloy ylyoiev, ha 7ilr^Q(i)!>f, x. r.X. 
den Gedanken aus, die Absicht zunächst Gottes, iiv^dem er 
diese Scene veranstaltete, dann aber auch des Messias Je- 
sus, als Mitwissers und Thellnehmers der göttlichen Rath- 
schh'isse, sei «Gewesen, durch diese Gestaltung seines £in- 
Kugs eine alte Weissagung zu erfüllen. Wenn Jesus in 
der Stelle des -Zacharias, 9, tf« eine Weissagung auf 
sich als den Messias sah, so kann diefs nicht Erkenntnils 
des höheren Princips in ihm gewesen sein, da, wenn die 
Frophetensteiie auch nicht auf einen historischen Fürsten, 
wie Usia * 7) oder Joliannes Hyrcanns ■^), sondern auf 
ein messlanlsches Individuum bu beslehen ist '^), dieses 
wohl als friedlicher, aber doch als weltlicher Fürst, und 
swar im ruhigen liesiz von Jerusalem, also ganz anders 



16} So wie MattbVut das Orakel anltlbrt, itt et eine Zutaauaen- 

Setzung einer jcsaianischen Stelle mit der des Zacharias. Denn 
das elTtare rij SvyaTQt S^'iur ist aus Jcs. 62, 11, das Weitere 
aus Zach. 9, 0., wo die LXX, etwas abweichend, hat: ISi 
i fiMiMt 9» tfX^'^ iUmot mV vd^ttp avrog mV 

17) HiTsis, ttbsr die AbfsMoagsseit der Orakel Zach. 9*14., in. 
den fheel. Studien, 1B30, 1, 8. 36 ff« besieht die Torangehen- 
den Verse auf die Kriegtthaten dieses Httnigt, also den ^e- 
gtnwärti gen wohl auf seine friedlichen Tugenden. 

18) Paulus, ex. Haadb. 3, a, S. 121 IT. 

19) UotBswl'Li BR, Scbol. in T. T. 7, 4, S. 274 IT. 



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Zelinief KapiteL f. 100. SUtI 

* • 

Iiis JesDs , geiliicht werden mofs. Wohl aber scheint Je« 

stis auf natürliclieiii Weg^e zu Jener Beziebtiii^ liabeii kum* 
lueii SU künneii, indem die Rabbinen die Stelle des Zadui» 
rias mit gro&er Ubereinstimmung auf den Messias deute- 
ten Namentlich wissen wir, dafs, weil die unsehein* 
bare Ankunft, welche hier vom Messias vorhergesagt war, 
iin VV^idersprucli zu stehe» schien mit der glänzenden^ wei- 
che Daniel vorherFerkfindlgt hatte, diefs dabin aosgegU« 
chen EU werden pflegte ^ dafs, je nachdem sich das jttdl- 
sehe Volk würdig beweisen würde oder nicht, sein Mes- 
sias in der herrlichen oder in der geringen Gestalt erschei- 
nen solle ^0* ^^r nun aueb- aur Zelt Jesu diese Unter» 
Scheidung noch nicht aus!*ebildet, sondern nur erst über- 
haupt eine Beziehung der Stelle Zach. 9, 9. auf den Mes- 
sias: 80 konnte doch Jesus sich etwa die Vorstellung ma- 
chen, dafs jeat, bei seiner ersten Parusie, die Weissagung 
des Zacharias, einst aber bei seiner aweiten die des Da- 
niel an ihm in Erfüllung gehen müsse. Doch wäre auch 
das Dritte möglich, dals entweder eiji zufälliges £lni*eit4Bn 



20) In der Thl. 1. S. 73. Anm. citirteil CardinaUtclle aus Mi- 
t drasch Cobcleih wird gleich Antangs das Zacharianiacbc pau- 

per et insidest ssino auf deo Goi^l pottremut bezogen. Die- 
ter Esel des Messias wurde sofort mit dem des Abrabam und ^ 
Moses für identiseb gebalten, s. Jalkut Rubeni f. 79 > 3. 4» 
bei Scatfmaiii !• S. 169, vgl. EuaiiMBxsmi) entdecktes Ju- 
denthum, 2, S. 697 f. 

21) Sanliedrin £. 98, 1 (bei Wstswik) : Dixit R. Alexander : R. 
Josua f. T.cvi duobus inter se coUatis locis tanquam cootra- 
riit visia objccit: acribitur Dan. 7j 15: et ccce cnm nubi- 
bua coeli Telut fiUua boadnia renit. Et acribitur Zach. 9» 9 : 
pauper et inaidens ssino. Vertun bsec duo loca ita inter ae 
coaciliari poaaunt; nempe» si juatitia aua meresntar laraiOi- 
tae, Mesaiaa veniet cum nublbua coeil: si autem non mere- 
antur^ veniet pauper, et vebetur aaino. 



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I 



^0 Zweiter Abichnitt. 

Jesu «af einen £iel ron den Cliristen später aaf diese Weiss 
gedeutet 9 oder dafs, damit kein nessianlsehes Attribut Ihsi 
fehle, der ganse fitneng frei nach den beiden Welsssgvn* 
frpii und der dogmatischen Voraussetzung eines höheren 
Wissens in Jesu ansgenult worden wäre. 



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Dritter Abschnitt 



Geschichte des Leidens, Todes» 
und der Auferstehung Jesu. 



- t 



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Erstes KapilaL , 

^ erhältniss Jesu zu der Idee eines lei« 

deiuleu und sterbenden Messias; seine 
Reden von Tod, Auferstehung und 

Wiederkunft 



S. 107. 

Oh JTcfiit Uüm Lddeft o&d teinen Tod in iMttiaialeii Ztigen 

▼•riiergetagt habe? 

Den Evangelien zofolge bat Jesus seinen Jüngern mehr 
•U Einmal, und schon geranne Zeit Tor dem £rfoJg 
Torausgesagt, dais ihm Leiden und gewaltsamer Tod he- 
▼orsfehe* Und ewar blieb er, wenn wir den synoptischen 
Nachrichten trauen, nicht bei Voraussagung dieses Schick- 
'•ais im Allgemeinen stehen, sondern bestimmte den Ort 
seines Leidens rorber, nXndich Jemsalem; die Zelt dessel» 
ben : dafs eben anf dieser Festrdse ihn sein Sehieitsal er- 
eilen würde; die Subjekte, von welchen er zu leiden ha- 
ben wUrde ictQxitQUs^ y^aftficntlig f «ih'?;); die wesentllehe 
Form seines Leidens:' Krenslgnng in Folge eines Richter» 
Spruchs ; auch Nebensüge sagte er voraus ; dals es an Gefs- 
selhiebcn, Spott und Verspeien nicht feiileii würde (Matth. 
16^ 21. 17, 12. 22 f. 2U, 17 ff. 26, 12. mit den Parail., 
Luc« 13, 33.). — Zwischen den Synoptikern und dem Veiv 
fsscer des vierten Evangelinms findet hier ein dreifacher 



1) Was er guix in der Nähe des Erfolgs, in den lesten Tagen ' 
seines Lebens, noch von einselaen UmsIXndea seines Lei- 
dens vorhersagte, lisnn erst weiter unten, in der Gescbiobte 
jener Tage, in Betrachtung koameo« 



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Dritter Abschnitt. 



Unterschied statt. Für s Erste lauten bei dem Lexteren die 
Voraussn^en Jesn nicht so klar und deutlich, sondern sind 
meistens in dnnkler Bilderi'ede vorgetrogen , von welclu r 
der Referent wohl auch selbst gesteht, dals sie den Jün- 
gern erst nach dem Erfolge klar geworden sei (2, 
Ausser einer bestimmten Änsseruncr, dnls er sein Leben 
freiwillig lassen werde (10, 15 ff.j, spielt in diesem Evan- 
gelium Jesus auf seinen bevorstehenden Tod besonders ger- 
ne durch den Ausdruck vtfmVf vt/föadtxij an, welcher swl- 
schen Erhöhung an das Kreus und cur Herrlichkeit schwankt 
(5,14. S, 28. 12, S2.)5 und vergleicht die ihm bevorstehen- 
de Erhöhung mit der der ehernen Schlange in der Wüste 
(3, .14«)9 wie bei Matthlius sein Schicksai jnit den des Jo- 
nas ( 12, 40.}; dann spricht er auch von einem Weggehen, 
wohin man ihm nicht folgen könne (7, 3.'5 ff. 8, 21 f . > , 
.wie bei den Synoptikern von einem Kelch, den er trinken 
aillMe>^ und welchen mit ihm su theilen seinen Jüngern 
eehwer fallen dOrÜte (Matth. 20, 22. parall.); Sind auf 
diese Weise die johanneischen Leidensverkündigungen min- 
der deutlich als die synoptischen : so föngt dagegen bei Jo- 
hannes Jetnt weit früher mit diesen Verkündigungen^ an* 
Bei den Synoptikern fallen die bestimmteren Vorhersagen 
alle theils unmittelbar vor, theils auf die Iczfe Reise; nur 
die dunkle Rede vom Zeichen des Jonas fiele früher; 
vogegen im vierten £vangelium Jesus bereits bei seinem 
' ersten Festbeauch auf seinen bevorstehenden Tod hinsndeu- 
ten anfängt. Endlicli, wenn den drei ersten Evangelisten zu- 
folge Jesus jene Voraussagnngen nur dem vertrauten Kreise 
der Zwölfe mlttheilt| spricht er sie bei Johannes dem Volli 
und selbst seinen Feinden gegenüber aus. 

Bei der kritischen l^röfnng dieser evangelischen Nach- 
richten werden wir \ om Speciellen zum Allgemeinen in der 
Art fortscJireiten, fUfs wir zuerst fragen : ist es glaublich, dafs 
Jesus so viele einselne Züge des auf ihn wartenden Schick- 
eais voransgewulst habe? hierauf untersuchen, ob über- 



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£rtu« KapIteL f. 107./ 



ti6 



kiipt dn YonuMwUmn und VnrauttiigeB aeliM LMnm 
TOB Selten Jen wahneheljilleh let; wobei denn der Un* . 

terschied zwischen der synoptischen und JohanneiBchen Dar^ 
atellung von selbst zur Sprache kommen wird. 

Wie Jeeof die eiüBelnen DoMtfinde ednet* Leidens naA 
Sterbens .so genau vorherwlssen iLonntOi deren giebt es eine 
doppelte Crklfirungswelse, eine supranaturale und eine na- 
türliche. Die erstere scheint ihre Aufgabe dnrch die ein* 
faelie Bemfong daranf ittsen an künhesi dais rar den pre- 
piietlsehen Geiste, ireieber Jesa In hdehstsr FftUe Inwobn* 
te, von Anfang an sein Schicksal in allen einzelnen Zügen 
ausgebreitet gelegen haben mtts^* Da indessen Jesus selbsi 
bei seinen Leidens? erkttndignngea aasdrflelUieb sieh aaf das 
A. T. berief} dessen Weissagungen auf Ihn In allen SMI- 
cken erfüllt werden müfsten (Luc. IS, 31. vgl. 22, 37. 
24, 25 ff. Matth. IG, 21. 2ü, 54.): so darf die orthodoxe 
Betrachtungsweise diese Hülfe nicht verseluuflhen, sondern 
mmSk der Saehe die Wendung geben | Jeaua habe, lebend 
und webend in den Weissagungen des Ä. T. , ans ihnen 
Biit Hülfe des ihm Inwohnenden Geistes jene Specialltüten 
sehäpfen können Deauiach mttiste Jesus y während die 
Kunde ?on der Zelt sehies Leidens^ wenn pt diese nieht 
etwa aus Daniel oder einer ihnllehen Quelle bereelmet ha- 
ben soll, seinem prophetischen Vorgefühl überlassen bliebe, 
auf Jerusalem als den Ort seines Leidens und Totes 
dureh fietraehtung des Sehickaals firttberer Jhepheten ala 
Tjrpus des setnlgea In der Art gekoiinien sein, dala der 
Geist ihm sagte, wo so viele Propheten, da müsse nach 
höherer Conse^nens auch der Messias den Tod erleiden • 
(Lue. 13, 33.); auf seinen Unteifang In Folge lörmüe&er 
VerurtheUung mlllbte ihn etwa diels geführt haben , dals 
Jes. 53, S. von einem über den Knecht Gottes verhängten 
JäSfft^i und V. 12. daTon dioRede ist, dals er iv zoifi uvo- 

2) vgl. OLBuAvsirt, h. Cmam. i, S. 528. 
Vat L^M Juu //. Band. HO 



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Dritter Abschnitt 

0 

fiOic: iXoyla^fj C^gl. Luc. 22, 87. ^ ; »eine Venirfheiliing darrh 
die Obcvaten des eiyneo Volks* bütte er vielleicht aus Fs. 
118» HX i^eseliloiseny wo obtoäofi&nfs ^ welche den £ck« 
stein rerworfen bftben,.nech epostoliseber Deafung (A. G« 
4, 11.) die jüdischen Obern sind; seine Übergabe hu die 
Heiden konnte er darin finden, dafs in mehreren A. T.li- 
ehen Klagiiedem, die ti^h aeseimiieeh deoten liefsen, diei 
plagenden Sabjekte eis D'^J^l^, d. h* elf Heiden, ersehelp> 

nen; dafs sein Tod gerade der Kreuzestod sein würde^ könn- 
te er theile an« dem Typoi der am Hek an^binften eher* 
enge 4. Hot» 21, 8 f. (vgl. Joh. i, 14.), tbeile aoa 
dem Durchgraben der Hände nnd FüCse Ps. 22, 17. LXX. 
abgenommen haben; endlich den Hohn und die Mlfsband« 
long aoe Stellen, wie \m angefiBhrlen Paaki V. 7 & Jee» 
(•^ «• dgl. 8oU nan der Jesu inwohnende Geist, wet 
eher ihm der orthodoxen Ansicht zufolge die Beziehung 
dieser Weissagangen und Vorbilder aufsein endliches Schick* 
eai erkennbar naekte, ein Geist der Wakrkait gaweeatt 
eeini aa aiole aick die Besieknng anf Jeenai ab dar wakra 
und nrsprUngliche Sinn jener A. T.lichen Stellen nachwei- 
sen lassen. Um aber iiar bei den Hauptstellcn stehen za 
klelbetti aa kat Jest eine gründliaka, gppmMiaatisak-liistari- 
sehe Aaslegung fdr Alle, die siek ans dogmatlsekan Vor» 
aassetzungen hinauszusetzen im Stande sind, überzeugend 
nachgewiesen, daf« in denselben nirgends vom Leiden Chri- 
sti, sondern ^ee. 50, Ii. von den MÜshandiungea , weleka 
der Prophet mi ardnlden katta Jee. iS. von den llrang- 
salen des Prophetenstandes, oder noch wahrscheinlicher 
des israelitischen Volks, die Rede sei **); dafs Ps. 118. voa 
der unerwarteten Rettung und ErbiMinng des Volks oder ainea 
Forsten desselben gehandelt werde so wie, da(s Ps« SS. 



3) Obibhivs, Jessiat, 3, S. 137 IT. ; Hitsss, Comm. z. Jes. 8« SSO» 

4) (istsrais, O. S. 158 ff. j Hmie, 8* 577 IL 

ft) Ds Wbits. Comm. su den Psslmea, 8. 124 ff«, 3te Aufl. 



Krsttf« Kftpitei. f. 107. 



ein bedrängter Exulant epreehe dafe nber gar in ITten 
Vers dieses Psalms von der Kreuzigung Ciirlstf die Rede , 

sei (da doch, auch die unwahrscheinlichäte Erklärung des 
n20 durch perfoderunt vorausgesext, diel« in keinem Faile 
eigentlich, sondern nur bildlich so Yorstehen, dasBiid aber 
aicbt von einer Kreusigung, sondern von einer Jagd oder 
einem Kampf mit wilden Thieren hergenommen wäre } , 
dieCi wii*d jezt nur nuch von jSolchen behauptet, mit wei- 
chen es sich nicht verlohnt nur streiten. Sollte deoinneil 
JMds auf abemattlrllciie Weise vermdge seiner höheren 
Natur in diesen Stellen eine Vorandeutung der einzelnen 
Züge seines Leidens gefunden haben: su wäre, da eine 
solche JBesiebung nicht der wahre Sinn Jener Stellen ist, 
der Geist in Jes« nicht der Geist der Wahriieit gewesen; 
es wird also der orthodoxe firltlftrer, sofern er sich nnr 
dem Lichte unbefangener Auslegung des A. T* nicht .ver- 
schliefst, aus eii;enem Interesse an der natflrlielien Ansicht 
liingetrieben, dais nicht höhere £ingebang| sondern eigene 
Combination Jesom auf eine soldbe Auslegung der A. T.li- 
chen Stellen und auf die Voraussicht der einselnen Zii^e 
seines künftigen Schicksals geführt habe* 

Dals es <iie herrschende Pnesterpartei sein würde, der 
er unterliegen mttfste, diefs, liann man idenach sagen*), 
war leicht vorauszusehen, da diese theils vorzü^licli gegen 
Jesum erbittert, theils im iiesiz der erforderlicheu Macht 
war; dals sie Jerusalem cum Schaupias seiner Verurthei> 
iung und Hinrichtung machen würde, ebeuialls, da hier 
der Mittelpunkt ihrer Stärke war; dafs er, \on den Ober- 
sten seines Volks verurtheilt, den Hümern zur iüjirichtung 
wür^e ttbergebea werden ^ folgte aus der damaligen lie> 



6) Ders. ebendss«, 8« 514 ff. 

7) Paulos, exeg. Handb. 3, b, S. 677 ff. und db Warn «• d. 81. 

8) diese Ansicht susgeilihrt bei iPatrstcMS, Csbub. Sa|M«rcl 
p. 381 f. 

20 ♦ 



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Dritter Absehnltt 



schWIiikiiiig der jüdischen GerichtsbarkeU ; dafs gerade der 
KrettseeCod Aber ihii verhfingt werden würde, konnte ver* 
■lathel werden, du dieee Todetnrt bei den Riemern ne« 

mentlich gegen Äufriilirer verfügt sn Vierden pflegte; Hafs 
endlich Geifselung und Verspottung nicht fehlen w<irde, 
Utd «ieh gleiebfelle römiseber Sitte und der Hoheit 
damaligen Geriebtsrerfahrene snai Vorant liereehnen» ^ 
Doch, genauer die Sache erwogen, wie lionnte denn Je« 
ans so gewifs wissen, ob nicht lierodes, der eine gefährli- 
«Im Aufmeriuambeil auf ihn geriebtet hatte (Luc. 1^ 310, 
der Priesterpartei sovorkoninien , nnd an dem Horde dea 
Täufers auch den seines Nachfolgers fttgen würde? Und 
wenn er auch gewU's sein zu dürfen glaubte, dafs ihm nur 
von Seiten der Hierarchie her wirkiicbe Gefahr drohe, 
wer yeraieharto ihn denn, dafii nieht einer Üirer tnmnltua- 
risehen Mordrereaeiie (vgl. Job. Sj 80. 10, SlO ^oeh end« 
lieh gelingen, und er also, wie später Stephanus, ohne 
weitere Förmlichkeit, und ohne vorglingige Ablieferang an 
die Eümer, aein'en Tod auf gana andre Weise, als dnreh 
die rdmisehe Strafe der Kreusigung, finden könne? End- 
lich, wie konnte er so zuversichtlich behaupten, dafs ge- 
rade der nächste Aiisehlag, nach so vielen mifslungeiien, sei« 
nen Feinden giüeken, und eben die Jeat lievorsteiiendo 
Festreise seine leate sein würde ? — Indessen kann aaeh 
die natürliche Erklärung hier die A. T.lichen Stellen eu 
Uttlfi^ nehmen nnd sagen, Jesus liat»e, sei es durch An- 
wendung einer anter seinen Voiksgenossan damais übii« 
eilen Ansiegungsweise, oder ron eigenthflndieben Ansiebten 
geleitet, in den sclion angeführten Schriftstellen näheren 
Aufschi ufs über den Hergang bei dem ihm als Messias iio- 
Torttelienden gewaltsauMn £nde gefunden^). Ailein wenn 
sehen diels sehwer an lieweben sein müehte, dafs liereita 
au Lebaeiten Jesu alle diese verschiedenen Stellen auf dea 



9> t. Famseaa, a. a» O« 

f 



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Erstes Kaplt«ll f. m. MI 

Mettiat betfofsn, worden defe über Jetve eelMslitt* 

dig) ?or dem Erfolg, auf eine eelehe Besiehun^^ gans hete- 
rogener Stellen gekommen sei, ebenso schwer denkbar ists 
so würe riaa vollends dem Wunder ähnlich, wenn einer 
falsehen Deatnng der Erfolg doeh wirklleh entspreel^n iMben 
sollte; Itberdieis aber relehen die A. T.llehen Orakel «nd 
Vorbilder nicht einmal hin, um alle einzelnen Züge in der 
Vorherverkiindigung Jesu, namentlich die genaae Zeiths 
etimmnng, nn erklären* 

Kenn somit Jesas weder enf ttbemotflrilelie ned^ 
auf natürliche Weise eine so genaue Vorkenntnifs der Art 
ttud Weise seines Leidens und Todes gehabt haben : so 
Im! er sie ttberhenpt nieht gehabt, nnd was Ihm die Eran- 
geiisten davon In den Mund legen, Ist akoaflclnlttm post 
rventum anzusehen ' Uiebei hat man nicht ermarif^elt, 
den synoptischen Berichten gegenüber den johanncischen 
sn erheben, Indem eben die speelelien Züge der Voraossa- 
gu ng, wetbhe Jesns nIeht so gegeben haben kann, nnr bei 
den Synoptikern sich linden , während Johannes ihm nur 
anbestimmte Andeutungen in den Mund lege, and von die- 
sen seiiie^ nach dem Erfolg genlaehte Auslegung dersetben 
nntersehelde , anm deutliehen Beweis, dsfs wir In seinem 
Kvangelium allein die Reden Jesu unverfalseht in ihrer ur- 
sprünglichen Gestnlt besitzen Allein näher betrachtet 
▼erhält es sieh nicht so, dals auf den Verfasser des vier- 
ten Bvangelinms nur die Schuld Irriger Deutung der übri- 
gens unverfölscht erhaltenen Aussprüche Jesu fiele, son- 
dern an £iner Steile wenigstens hat er, zwar dunkel, aber 
doch unverkennbar, die Voraasbeaeiehnung seines Todes 



it) Paüujs, ex. Handb. 2, S. 415 fT. ; Aniwoif, bibU Theoi. 2, S77f.> 
RAiiiR, btU. Threl., I, S. 246. Aach li'amscsB , a« a« O., 
rSemt diets anm Thetl ein. 

11) Bkrtkoldt, KinlHhifi» m H. N. T. S. 1305 ff. $ WsSSCBSiasa^ 

JflialeH« in da» b\ ao^. Joliannis , S. 271 f. 



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J)ri tt«r AbsolftiiHi. 



nl« KrMmtlmiM Ihm fn <l«n Hand üfel^c^ mithin die ei|ft* 
nen Wi»r(e ^etn niieh dem Brfbiff Terffndert. Wenn nffm- 
il^h Jesus hei Johfinnes tonst passivisch von einem rif)"}" 
^inu den Menschensohns spricht, so konnte er hiemit itwnr 
ttSerfleherweTse seine Erhehnnjr 'isnr Herrlichlceii^ meinen, 
i^iewohl dtof«? 3, 14. wporpn der Verorleichnng' mif Hpr mo- 
snischen Schlanze 9^ die bekanntlich an einer Stan^ er- 
h5ht worden ist«' bereits schwer fRlIt: nher wenn er non 
28. das Erhöhen des Mensehensohns eis Thet seiner 
Feinde darstellt (^nrav rifn')f7}-rF rnv vinr r. a.^. so koiui- 
ten diese ihn nicht unmittelbnr zur Herrlichkeif . sondern 
nnr sam Kren^ erheben, und Johannes mnfs also', wenn 
itnüer obij^res Re^nftat freiten soll , diesen Ausdruck selbat 
p«hildef, oder doch die aram?ilschcn Worfe flesii schief 
IlHep^ezt hahoa , nnd er fällf daher mit den Synoptikern 
Im We^ent1ich<*n nnter eine Katejsforie. Dafs er übrigens 
(^»•Bri^enfhMIs das Restimmte, was er sich dabei dachte, Je- 
«im in dti'ikeln /V'isdrnckcn vorfrajrpti ilors , dicO? Iiat in 
d«r cr<^naen Manier* dlo^jcs Evangelisten seinen GrnnH, des- 
sen Nelfl^n|( isn-n Rfith^el haften und Mysteriösen hier der 
Porflemns^, Weiwsrnn?en, die nicht irerstanden worden 
w^r^n , auch nnv ^rstftndlich einzurichten^ auf erwünschte 
Art enffiregenUam. 

Je^n auf diese Weise eine Vorherverkiindiirnnflr der 
e*n9seln<»*i Zfl«e seines Leidens, namentlich der schmaehvol« 
len '•Krenz'^un^ , ans dem Krfolge heraus in den Mund 
SU legen, dazu war die urchristlichc Sa^e hinlänglich ver- 
anlafst Je mehr der gekreuzigte Christus %dafotg fth 
antl '(la\'iv^'*Ellf^m Si fiojolet war (l Kor. 1, 230? desto 
mehr that es N'oth, diesen Anstofs auf alle Welse hlnwej^- 
zu<»chalTen , und wie hiezu unter dem Nachhergoschehenen 
heionder^ die Auft^rst^hang, als gleichsam die naohträg- 
liehe AiiHiebiin!f fenes sohmachTollen Todes, diente: so 
muikte es erwflfki^ht sein. Jener anstSleli^n Katastrophe 
auch schon vorläufig den Stachel en benehmen | was 



Sritei KapiieL f. lOS. III 

w^tht Mttsr, ab 4mb eine eeWie Voriierveililliidlgwig^ 

geschehen könnte. Denn wie das linbedeofendste, prophe- 
tUch Yorausrerkiindigt, durch solche Aufnahme in den Zu- 
•eoiiBenheng eines höheren Wissens Bedeutung gewinnt: 
ee hArt des SehmihlichaCe , lolNild et eb Menent ei- 
nes gdttttehen Heilplans irerhergesagt wird, auf, tehniib» 
lieh so sein, und wenn dann ToUends eben derjeni- 
ge y über welchen et verhängt ist, sogleich den propheU- 
aelMR 6eiat beaist, ea yeniiiaMiaelieii and TeranaBoaagen: 
ao beweiat er aleh, indem er nieht Uefa leidet, aondem aneii 
das güttliche Wissen um sein Leiden ist, als die ideale 
Macht (Iber dasselbe« Noch weiter lat hierin der vierte 
EvangelUt gegangen , indem er ea der Ehre Jean aebuldig 
sifaein glaabte, Ihn anoli ala die reale Maeht elier aein 
Leiden, als denjenigen, welchem nicht fremde Gewalt die 
t/füX^ entreisse, sondern der sie mit freiem Willen hinge- 
be^ darmoatellen ilO^ 17^0» eine Daratellnngy sn weicher 
•brigena Matth. wo! Jeaaa die HOgllehlieit beha«|^ 

tet, EU Abwendung seines Leidens den Vater nm Engelle- 
gioueii «u bitten^ bereite ein Anaas ißU 

f. loa. 

Jesu TodesverKUndigung im Allgemeinen; ihr Vcrhaltniti zu den 
jüdischen Afessiasbegriffen; Auitprüche Jeiu Uber den Zwecli 
und die Wirkuagan laiBCi Todes. 

Ziehen wir aof diese Weise Ten den Anaserangen, 

w elche die Evangelisten Jesu über sein bevorstehendes Schick- 
sal in den Mund legen, alles dasjenige ab, was die nähere 
Beatlmmtheit dieser Katastrophe betrifft : ao bleibt ans doch 
noch ae viel, dafs Jesus ffberhaupt ^orherTerlLAndigt habe, 
ihm stehe Leiden und Tod bevor, und zwar insofern in 
den A. T.lichen Orakeln dem Alesslas ein solches Schick- 
aal TeraesbestiaBmt sei. Da nvn aber die angefahrten A.* 
T.iieben Hanptslellen^ welche von Leiden und Tod handeln, 
nui* uiit Unrecht auf den 31oddiu5 bezogen werden ^ und 



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I 



M Dritlcr Abtehnitl. 

9mA nmlMy wie Dun. Zuch. IS, 1«, dieM Bcsi^ 

•lung nidbc iMibMi M werim ütk wfeibrM |i;eni4e ilie 

OrthoHoxon am meisten hUtm müssen , dem iibernnttirli- 
chen Princip in Jesu eine so faltche Oentnng der betre'*- 
fenden Weiseefonfen BOMuiehfeiben. Dtdk statt deeeen Je» 
•ne mSiflleherweise dnveh rein netArttehe Comblnetionen 
das allgemeine Resultat herausgebracht haben könnte: da 
er die Uiererchie seines VoUks sieb cor nnversöbnlicben 
Feindin gMMoht| io bebe er, eefern er rae der Buhn eei* 
nee Bemlb nieht m weichen fest enteefaioeeen wer,* toii 
Ihrer Rachsacht and Ubermacht das Äusserste zu fürch- 
ten (Job* IO9 11 ff*) 7 ^^^^ Schicksal mehrerer 
friheren PM^heten (Matth. 6, IS, 21, M ff. Lae. IS, SS f.), 
nnd einnelnen dahin gedentaten Wielatagnngen aneh^eiek 
ein fibnilehes Ende pregnosticiren, and demgemäfs den Sei- 
nigen voraussagen konnte, es stehe ihm früher oder spä- 
ter ein gewaltsamer Tod berer^ — • das sollte num nicht 
Mhv mit nnnSthlger Überspannong dee supranatorallstl- 
eehen Standpnnkfs lengnen, sondern der rationalen Be- 
trachtungsweise der Sache einriiumen 

£s kann anftallen, wenn wir nach diesem Zugeständ- 
nis noch die Frage machen, ob es der N. T.liehen Dar> 
steltnng nnfolge auch wahrschelnileh sei, dafii Jesos wirk- 
lich jene Voraussage gegeben habe? da {a eine allgemeine 
VorbenrerkQndigung des gewaltsamen Todes das Mindeste 
Ist, was die erangellschen Nachrichten am enthalten sehei- 
nen. Die Bblnang mit dioser Frage ist aber die, oh der 
£rfolg, namentlich das Benehmen der Jünger, In den Evan- 
gelien so beschrieben werde, daU eine vorausgegangene Üir- 
ttffniing Jean Aber sein bevorstehendes Leiden dami^ fer- 



I) baaisly Ubarsest nnd erUVrt Toa Bimour, S, 8. 541 If. 

660 ff. Rofnodfiiam, Schol. la V. T* 7,' 4, 8« SS9ff. 
S) 9m Warm, de aMrte Christi expiaieris, in dessea Opuicola 

thsel., p. 150. Uass, L. J. 106. 



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I 



Erstes Kapitel, f. lOS. M 

* I 

elnber sei. Ten den JOngern nnn besAerken Ae Bvenge- 

listen fiasdrficklich , dafs sie In die Reden Jesa Ton dem 
ihm bevorstehenden Tode und der Anferstehung sich nicht 
allein nicht haben finden können , In dem Sinne | dmis sie - 
die Ssehe sieh nielit «neehtsnlegen , mit ihren Tergefiifs- 
ten Messlesbe^ffen nicht en reimen wofsten, wie Petrus, 
\Tenn er Jesu auf die erste Todesverkandigun|r hin zurief: 
Haag cot KvQur h ntj egai aoi raro CMatth. Id, 22.) 9 Sen- 
dern wenn Lukas das ol di ^yvoew to (irjfiü des Harkns 
(9, 32.) so welter aasfDhrt; rai 7:v naQaxfxalvfiftifOv an 
ccinTtv %va f/yj oto^omai avjo (9, 45.) J «o ist hiemit selbst 
das einfache Wortverstfindnifs,. das Fassen» wovon die Re- 
de Ist^ den Jflngem abgesprochen. So trifft denn auch 
hemaeh die Vemrthellang nnd Hinrichtung Jesn TttUIg nn» 
vorbereitet, und vernichtet defswegen alle Hoffnungen, die 
sie aaf ihn als Messias gesezt hatten ( Luc. 24 , 20 f. : 
igwQiüaw aweiir ^ftdg di ^iT^oftiv, an avT6g igw 0 ^ifiU I 
Xm XvtfmüStti %Qv ^lüQariX'^, Allein hatte Jesus mit den 
Jüngern so ganz 7ia^[ir^oLre (Marc. 8, 32.) von seinem Tode 
gesprochen, so mufsten sie seine klaren Worte nothwen^ 
dig aneh fassen^ nnd hatte er ihnen seinen Ted als gsgrfln- 
det In den- messlanlsehen Weissagungen des A. T., mithin 
cur Bestimmung des Messias gehörig, nachgewiesen, so 
konnten sie nach seinem wirblich erfolgten Tode den Glau* 
ben an seine Messianitit nicht so gana verlieren« Mit Un- 
recht »war hat der Wolfenbflttler Fragmentist In dem Be- 
nehmen Jesu, wie es die Evangelisten schildern, Spuren 
auffinden wollen, dafs auch ihm selbst sein Tod nncrwar- 
tet gekommen sei: aber das Resultat, vrelches er nieht^ 
behalt, aneh wenn Uoft anf das Benehmen der Jünger ge- 
sehen wird, seine Gültigkeit, dafs nämlich, nach demsel- 
ben eu urtheilen, Jesus den Jiingern keine vorläufige Mit- 
theilung Über seinen bevorstehenden Tod gemacht haben 
kenne, sondern sie scheinen bis auf die leste Zeit hinaus 
In diesem Stttck die gewöhnliche Ansicht gehabt, und,erstv 



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314 Dritter Abcuhttitt. 

• 

nachdem sie der Tod Jesa anerwartet getroffen, nus tiem 
Erful^ das Merkmal de« Leidens und Sterbens in ihren 
BfeMiAsbegriff aafgenonoien su haben Allerdings mOa- 
•en wir Jiier das Dilenuna «teilen : entweder sind die Ai»- 
gaben der Evanfrelfsten Ton dem Nfebtveritelien der Jlln* 
ger and ihrer Überraschung bei'm Tode Jesu unhistorisch 
übertrieben, oder sind die bestimmten Aossprficbe «lesn 
über den ihm berorstebenden Tod ex eventu gemaeht, nnil 
er kunn nicht einmal Im Allgemeinen seinen Tod als so 
seinem messinnischen Schicksal gehörig vorhergesagt haben. 
In beiden Hinsichten konnte die Sa^e zu unhlstoriscbeu 
Daratellnngen Teranlafst sein: mnr IMiebtang einer Vor» 
aussage seines Todes Im Allgemeinen darcb dlesellien Grün- 
de, welclie oben als Motive geltend gemacht worden sind, 
ifim die VorherverkCindignng der einzelnen ZOge seines 
Leidens in den Mond sn legen; Bur Fiktion eines so vttl- 
ligen UnTerstandes von Seiten der JUnl^er aber konnte man 
sich theils dnrcli die Neigung veranlafst sehen , die Tiefe 
des von Jesu eröffneten Mysteriums von einem leidenden 
Messias mittelst des Nicbt?erstebens der J Anger mn beben, 
theils dadurch, dafs man in der e?angelischen Verkündl» 
gung die Jünger vor der Ausgiefsung des Geistes den eu 
bekehrenden Juden und Heiden verühnlichte, welche Al- 
les eher, als den Tod des Messias , begreifen konnten« 

Um dieses Dilemma einer Kntseheldung entgegensnÜRb» 
ren, müssen wir eavörderst die damaligen Zeitvorstellun- 
gen über den Messias darauf ansehen, ob wohl das Merk- 
mal des Leidens und Sterbens schon ror vnd nnabhfingig 
Ton Jeso Tod in denselben enthalten war oder nicbt. War 
es sebon bu Lebeeiten Jesu Jüdlsehe Vorstellung, dafs der 
Messias eines gewaltsamen Todes sterben müsse : so hat 
es alle Wahrscheiiilichkeiti dals auch Jesus diese Vorstel- 
lung in seine Überaengung au^nomoMn und seinen JOa* 



i} Vom Zweck Jesu und iciacr Jünger, S. 114 £ 155 f* 



Eritet Kapitel, f. IttS. 



gern mitgetheiit htkbey welehe dann um «o weniKor In die- 
aem Stiicke so unbelehrt bleiben und ?cin wirkitcban Er- 
folg so gfina dnrniedergeschJngen werden konnten; war 
dagegen jene Vorstellung vor Jesu Tode nicht unter aeinen 
Landslenten verbreitet, ao bleibt ea swar Immer noeh m8g- 
lieh, data «lesoa durah elgenea Ralaonnemeiit auf dieselbe 
kommen Itonnte, aber eben so mö<rllcli ist dann, dnfs die 
Junger erst nach dem Erfolg das Merkmai des Leldena und 
Todes in ihren Measlasbegriff aufgenommen haben. 

Die Frage I ob die Vorstellung von einem leidenden 
lind sterbenden Hesslas au Jesn Zeit bereits unter den Ju- 
den verbreitet gewesen sei , gehört eu den schwierigsten, 
und über welche die Theologen noch am wenigsten aum 
flnverstlEndnirs gekommen sind. Und swar Hegt die Sehwie- 
rigkelt der Frage nicht in theologischem Parteiinteresse, so 
dafs man hoffen könnte , mit dem Aufkommen unparteii- 
scher Forschung werde sich die Verwicklung lösen, da 
Tielmehr, wie StXudlin treffend nachgewiesen hat ^ , ao- 
wohl das orthodoxe als das rationalistische Interesse Jedes 
auf beide Seiten hintreihen kann , wefswegen wir denn 
auch auf beiden Seiten Theologen von beiden Parteien fin- 
den'): sondern die Schwierigkeit der Sache liegt in dem 
Mangel an Naehrfehten, und in der Unsicherheit derjeni- 
gen, welche vorhanden sind. Wenn das alte Testament die 
Lehre von einem leidenden und sterbenden Alessias ent- 
hielte , ao würde hlerana allerdings mit mehr aia bloiser 



4) Über den Zweck und die Wirkungen des Todes Jesu, in der 
Göttingischcn Bibliothek, 1, 4, S. 252S. 

5) s. das Verseacknits bei »s Witts a. a. O. S. 6 (T. Die bc- 
dealendtten Stimmen IBr das VorbaadeateiD der IraaUcbea 
Vorstellung schon su Lebseitea Jesu haben abgegeben Stavd- 
un in der angcf. Abb. in der Glitt. BibUoth. 1, 8. 233 ff. und 
HairstrsKiiKRS , Christologie des A. T. , 1, S. 270 ff. b| 
S. 290 ff. ; für die entgcßcngesexle Ansiclit dk Wstt«, in der 
angef. Abb. ^ Opusc. S. 1 ff. 



oiyui^ca GoOglc 



Driller Akschaiiu 



Wnlinialitiiiltohkeil lolgwiy d»ü «le •«eh unter den Juden 
M Jesu Zell rerbenden geweeen: te hin|(ipgen, da naeh 
den neuesten Untersnehnngen wohl die Lehre ron einer In 

der messianischen Zeit voreunehmenden Siihnung des Volks 
CKeech. 36, 25. 37, S3. Zach. 13^ 1. Dan. tf, 24.) sich im 
A. T* findet, eher heine Spter .deren, dalli dleae Sllhaong 
dnrch Leiden ond Ted des Meeaiee ra Blende kämmen tol- 
le ^) : so ist von dieser Seite her lieine Entscheidang der 
irorgelegten Frage au erwarten. Mäher liegen der Zeit Je- 
an die A« T.Üehen Apekryphen: aber da diese ttherhanpt 
Tom Bfessias sehweigen, so kann aveh ron Jenem speelellen 
Zug im Bilde desselben keine Rede sein ^) ; so %vie auch 
von den beiden das fragliche Zeitalter am nlichsten berfih- 
renden Sehriftslellem, Philo luid Joeephne, der lasiere dli* 
messlanisehen Hoffnungen seiner Halion versehweigt d^r 
erstere Hohl messianlsche Zeiten and einen oies^iasartigen 
Helden, aber nichts ron einem Leiden desselben hat^). Es 
bidben also nnr das N. nnd die spiteren Jfidisohen 
Sehriften eb Quellen übrig. 

Im N. T. hat es fast durchaus das Ansehen, als hätte 
an .einen leidenden and sterbenden Messias unter den mit 
Jestt lebenden Joden Mlemand gedaehl. Wenn der Mehr> 
■ahl der Juden die Lehre rem gekrenslgten Messias ein 
axdvda) Ol' war; wenn die Jünger Jesu in seine wiederhol- 
ten deutlichen TodesverkUndigungen sieh nichl finden konn- 
ten: so siehl diefs doch gar niehl aus, als ob die Lehre 
von dnem leidenden Messlas unter den Juden jener Zeil 
im ümlaof gewesen w6're; vielmehr stimmt mit diesen Um- 
ständen die Behauptung völlig ttberein, welche der vierte 
fivangeUsl dem Jttdlsehen ox^ in den Mund legi (12,34.), 

6) OS WsTRy bibl. Dogm. ^. lOtf. BiiMAStaii • Cavtnt, bibl. 
Theol. ^. S4. 

7) «. »» WiiTTK, a. a. O. 189 ff. 

8) vgl. HB Wktt«, n. a. O. ^. 19J. 

9) GimönsAy fhilo^ 1, S. 493 ff. 



I 



sie haben ans Hern voficg gelernt, uzi 6 XQ^gog yhu itg tw 
mSm ^^}m Doch eine aUgeneiiie Gellung der Idee des leU 
denden Meeslee nnCer den damaligen Juden liehaapten aneh 
jene Theologen nicht, sondern die Hoffnung auf einen welt- 
lichen, endlos regierenden Metsiae ab die herrechende 
einrlnaend, halten tie nnr daran ftet» werin aelbat der 
WolfenbOttler Fregmentiet mit Ihnen flbereinttimmt ■ ' ), dafs 
eine minder zahlreiche Partei, nach StÄudlin namentlich die 
£ssener, nach Henosunbbro der bessere, erleuehtetere Tiiell 
des Volke ttberhaupt, einen eolohen Meeeiat angenommen 
liabe, weleher nnniehtt in Niedrigkeit erseheinen, nnd erat 
durch Leiden und Tod zur Herrlichkeit eingehen würde, 
liiefür beruft man sich besonders anf awei Stellen , eine 
nus dem dritten , nnd eine ans dem vlerCen fivangeltnaiu 
"Wie Jesne als nnmündiges Kind Im Tempel nn Jemsalem 
dargestellt wird, spricht der greise Simeon unter andern 
Weissagungen, namentlich über den Widerspruch, welchen 
ihr Sohn einst linden werde 9 «1 Haria aneh die Wertes 
Mtä Ott di avrrjg rijv ^vxrjv SteXivonm (fOfiqftda (Lve. S, S5.)f 
wodurch ihr mütterlicher Schmers über den Tod ihres Soh« 
lies beaeichnet, also die Ansicht, dafs dem Messias ein ge* 
walteaflMr Tod hereretehoy nie eine lehon wor Ghriate vor* 
handene dargestellt sn werden edieint» Noeh dentlteher 
liegt die Idee von einem leidenden Messias in den Worten, 
welche das vierte £vangelium C^» Tliufei% bei'm 

Anbliek Jeen apreehen Ufiity er ael d aftvig w ^ea 6 §£• 
^tof tri» äfiaQtUtP tS »oofiBf ein Antepmeh^ weleher, in 
seiner Beziehung auf Jes. 53., im Munde desTXafers gleich- 
falls dafür sprechen wfirde, dafs die Vorstellung eines sfth- 
nendcn i ^ j^ f ff^f dee Metaias OThiw yinp Jew Torh enden ge* 



10) Eine Stelle aus dem eigentlichen r^^ot mtfchte hie^ tchnrer ^ 
SU finden teiaj na Warn , de morte, S. 72. denkt an Jes« 
9, 5» UTcKB, s..d. St, sn Ft. 110, 4. Dan. 7, 14« || 4ir 

11) Vom Zweck Jesu und seiner JUngcr, S» 179 U 



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Dritter Abtohnitt. 



weten «et. Allein beide Stellen tind bereits oben als un- 
liistoHiich iinehgewiesen , nnd et darf daraus, dafs die ur- 
clirUtliche Shoc geraume Zeit nach dem Erfolge sich be- 
trogen fand, Personen, welche sie für gottbegeisterte hielt, 
eine Vorkentitiiifs des göttlieben Rathschiusses hinsicbtiich 
des Todes Jesu in den Mund so legen , keineswegs gefol* 
gert werden, dafs wirklich schon vor dem Tode Jesu die- 
Einsicht vorbanden gewesen. — Schiieiiilich wird das 
noeh geltend gemaoht, .da(s die Evangelisten nnd Apostel 
die Idee eines leidenden nnd sterbenden Messlas im A. T« 
nachweisen, woraus man schliefsen zu dürfen glaubt, dafs 
diese Deutung der betreffenden A. T.iichen Stellen damals 
unter den Juden nicht unerhört gewesen sei« Allerdings 
berufen sich Petrus (Ä. G. 3, 18. 1. Petr. 1, 11 f.) und 
Paulus (A. G. 20, 22 f. 1. Kor. 15, 3.) auf Moses und 
die Propheten als Verkündiger des Todes Jesu, nnd IMii- 
lippus deutet dem äthiopischen Eunuchen die Stelle J es. 
auf die Leiden Christi CA. G. 8, SS«): allein, da die ge- 
nannten Münner alles dlefs nach dem Erfolg sprachen und 
schrieben, so haben wir keine Sicherheit, ob sie nicht auch 
blefs ans dem Erfolg heraus, nnd ohne sich an eine unter 
Ihren jüdischen Zeitgenossen übliehe Anslegungswelse an- 
Euschliefsen , jenen A. T.iichen Stellen eine BeElebniig auf 
das Leiden des Messias gegeben haben ^•), 

Wenn auf diese Weise die Annahme, dafs die in Frage 
stehende Idee schon zu Jesu Lebeeiten unter seinen Volks- 
genossen vorhanden gewesen sei, im T. keinen festen 
Grund hat: so fragt sich Jost, ob ein solcher Tielleicht in 
den späteren jüdischen Schriften zu finden Ist. Zu den äl- 
testen uns übrigen Schriften dieser Klasse gehören die bei- 
den chaldftiscben Paraphi*asen von Onkelos und Jonathan, 
und Ton diesen j^flegt das Targum des lesteren^ der rab- 



ii) t. PS Wbtts, de morte Chr. p. 73 1 



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Erstes Kapitel. $. 108. Z19 

binischen Tradition Kofolge eines Schnlers vonüIüold.Ä. »'), 
fiir die Yorsteliang von einem leidenden Messias defswegen an* 
g^hrt Bu werden, weil ee Hie Stelle Jet. 5S, 13— ftS, 19U «uf 
den Messlas beilehe. Allein mit der Auslegung dieser Stelle 
im Targum Jonathan hat es die eigene ßewandtnifs, dafs 
dasselbe swar den Abschnitt im Allgemeinen messianisch 
deutet, se oft aber von Leiden und Tod die Rede wird, , 
recht absichtlich und meistens htfchst gewaltsam entweder l 
diese Begriffe vermeidet, oder auf ein anderes Subjekt, das 
Volk Israel, ansbeugt: zum dctttlichen Beweise, dafs dem 
Verfasser Leiden und gewaltsamer Tod mit dem Begriff 
des Messlaä unvereinbar geschienen habe ■^>. Hoch diele 
soll eben der Anfang der Abirrung vom wahren Sinn des 
Orakels sein, zu welcher die späteren Juden ihr fleischii* 
eher Sinn und die Opposition gegen das Christenthum ver» 
leitet habe: die ilteren Ausleger haben, sagt man, In der 

13} vgl. GitiNiui, Jetaiat, 2 Thl. , S. x>s WettSi Einleitung 
in das A. T. §. 59. Ste Ausg. 



14) 



\V)trtliclie übert. nach Hrrzx«: 

' 52» 14: Glticbwis sieh 
Vido vor ihm eatsets*^ 
teai also eatttelit, aicht 
meatcliUcb| war s ei a Anas* 
hsoy oad teias Gestalt 
nicht die der Meascbsahla« 
der u. t. f. 

5S, 4: AUeiaoasre Krank- 
heiten er trug sie, undua- 
sere Selmiertsa ind er 
sich auf^ and wir scbtetea 
ihn geschlagen, getrolfea 



Targum Jonathan: 

Quemadmodum per mnltos 
dietiptam eatpectlrnnt Is* 
raVlitacy quorum contabutt 
later gentet «dtpectoa et splea* 
der (et evanuit) c filiis hsmi* 
nuB etc. 

Idcirco pro delictis aottria 
ipte deprecabitur, et iai- 
quitstes nostrae propter eum 
coadoaabuatnri licet aas 
reputati simos contttsi| plagis 
aftcti et affllcH. 



▼OB Gott nnd gequ'ilt. 

Auch Origenes erzahlt, c. Cch. 5, 55, wie ein i«^o>fKO( noQti 
*IiiSaioif aofot seiner christlichen Deutung der jesaianiscben 
Stelle eatgegeag^haitea liabe: taht« asn^^nw^af 4f nt^ ^ 



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310 



Dritter Abschnitt. 



jetJiIiinUchen Stelle einen leidenden nnd «terbenden Messias 
gcifandeik Allerdiiige beseagen Abenetrti Abarbaoel und 
Andre , manche alte Lehrer haben Jea. 53* anf den Mea- 
aias bezogen *^): allein einige dieser Angaben lassen dan- 
ke!, ob nicht ebenso blofs stückweise, wie Jonathan, und 
bei allen bleibt sweifelbafe, ob die £rklfirer, von denen 
sie sprechen, «um Alter Jonafhan'a hinanfreichen , was 
ohnehin von den Theilen des Bnchs Sohar, welche die 
beseiebnete Stelle auf den leidenden Messias deuten * , 
mwahrscheiniich ist Diejenige Schrift aber, welche ne- 
ben Jonathan noch am nichsten an die Zeit Jesu hinanrei- 
chen möclite, das pseadeplgraphlsche vierte Bnch Esra^ 
der wahrscheinlichsten Rechnung zufolge kurz nach der 
ZerstHrong Jemsalems anter Titus abgefafst '7), erwiihnt 
Bwar des Todes des Messias, aber nicht eines leidensvollen, 
sondern nur eines solchen, wie er nach der langen Daner 
des messianischen Reichs der allgemeinen Auferstehung vor- 
angehen sollte Die Vorstellung von grolsen Drangsa- 
kn allerdings, vrelche gleichsam als Gebnrtswehea des 
Messias (n^lTOH ^Snn> vgl. aQj^ wdlwn^ Matth. «4, «.) der 
messianischen Zeit vorangehen würden, ist ohne Zweifel 
■ehon vor Christo verbreitet gewesen und ebenso frU- 
Im seheInt an die Spitie dieser, besonders das Volk Israel 
bedrfingenden Übel der inixqigog gestellt worden so sein, 
weichen der XQ''5^S bekämpfen haben würde (2 Thess. 



\va noXloX n^oa^Xurot yhtavrat, 

15) s. bei ScHürrcKN, 2, S. 182 f. EitsiOBKm > entdecktes Ju- 
denthiim, 2, S. 758. 

16) bei ScHöTT«Biv, 2y S. 181 f. 

17) I» >Ybttk, de morke Ghn expiatoria, a. a. O. S. 50. 

18) Cap. 7, 29. 

19) SeattmsK, S, S. 509 ff. Scumiot, Chrittologitcke Fragmcate, 
in seiner BibUothefc, 1, S. 24it Baaiaouir, ChristoU Ju<t 
$. 13. 



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£rsles KiipiteK S* 108. Ui 

S ft) «ImTi imlein er deiMclben mui Mhmuktawbielm 
Welte, ifp fmvffttf» f S ^o/iores tfvf «f, Tendohten «oMte, m 
%%ar hierin noch kein Leiden füv den Messias enthalten« 
Dennoch finden sich Steilen) in welchen von einem Leiden 
lies Messias, und Bwar voa einem stellvertretenden fUr das 
Volk, die Rede ist^'J): eilein tfieils ist diefs nor ebi Lei- 
den, kein Sterben des Messias; tlieÜs triffit es denselben 
entweder vor seiner Herabkunft in das irdische Leben^ in 
eeiner Priezistens ^^O, oder in der Verinurgenheit ^ in wel» 
elier er aicli Ten seiner Gebort bis so seinen meesianiscliea 
Aofb*itt hilt ^'); theiis ist das Alter ilieser Verelellnngen 
zweifelhaft, und sie könnten nach einigen Spuren erst von « 
der Zerstörung des jüdischen Staats dai*ch Titos sich zu 
datiren eeheinen ^^). Indessen fehlt es in jadlseben Schrif- 
ten keineswegs an Stellen, In welchen geradesu liehavp» 
tvt wird, dafs ein Messias auf gewaltsame Weise umkom- 
men werde: allein diese betreifen nicht den eigentlichen 
Messias, den Abkömmling Davids , sondern einen andern, 
nns der Naehkommenschaft Joseplis and Ephraims, wel- 
cher dem ersteren in untergeordneter Stellung beigegeben 
wurde. Dieser Messias ben Joseph sollte dem Messiaa 
bei» Dovid vorangehen, die nelin Stftmme des ebmaligen 
Reiehs Israül mit den swei Stimmen des Reiehs Jude ver- 
einigen, hierauf aber im Kriege gegen Gog und Magog 
durch das Schwert umkommen, worauf die Stelle Zacii. 
12, 10. besogen VForde^^). Doch von diesem sweiten, eter« 

20) Schmidt, s. a. 0. ; BBRniOLDf, a. a. O. §. 16. 

21) Fesilita in Abkath Rocbcl, hei Schmidt, S. 47 f> 

22) Sohar, F. 2y 85, 2.y bei Schaiidt, S. 4S f. 

23) Gemsr« Ssnhedrin f. 98^ bei ob Wans, de Beerte Chr. 
p. 95 f. ) und bei HsKStraHSs/si S« 

14) Sohar^ S» f. 82» 2. bei es lYxm, 8. 94: Cnm ItrsITtitae 
esaent in terra sancia; per cultus reli^osos et lacrilicia quae 
faciebsaty omnet ilios morbot et pocnat e mundo tuttule- 
rnnt ; nunc vero Messias licbet auferre eai ab hominibut. 

25) Rkküioiht, a. a. O. ^. 17. 

Ua* l^öttn Jgsu iL Hand. 2t 



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022 



Dritter Abschnitt. 



benden Heaiias fehirn Tor der babylonischen Geniiini) weU 
•he im Stell mnd ttten Mirluinderl nach i^hriito gesiioinelft 
Ui, «nd den In Berug nitf fein Allev liflehit wfeilellMifte« 

Buch Sohar, die sicheren Spuren ^''). 

Obschon es hienach nicht nachweislich und selbst nicht 
wahrscheinlich ist , dafs die Vorstellung von einem leiden* . 
den Nessiet sn Jecu Zeit echon nnter den Juden vorhen* 
den gewesen: lo bliebe doch Immer mdgllehy delt euch 
ohne solchen Vorgang Jesus selbst durch Beobachtung der 
VerbfiltniMCy und Vergleichung derselben mit A. T.lichen 
ErajÜlinngen und Weleaegungen, auf den Gedanken gekom» 
Ben wire^ dafs Leldto und Sterben cum Amt' und bup 
Bestimmung des Messias gehöre; wobei dann aber na- 
türlicher wäre, dafs er nllmählig erst im Laufe seiner üf- 
fentlichen Wirksamkeit diese Überaeugung ge|ilst9 und sie 
hauptslehlleh nur seinen Vertrauten mitgetheilt, als dala 
er sie schon von Anfang an gehabt, und sie vor Gieich- 
gilltigen, ja Feinden | ausgesprochen hütte: dieses die Art^ 
wie Johannes I Jenesi wie die Synoptiker die Sache daf^ 
steilen. 

Auch in Bezug auf die Äusserungen Jesu Über den 
Zweck und die Wirkungen seines Todes können wir, wie 
oben<liei der Vorher verkttndigung des Todes selbst ^ einen 
nmkr natflrllehen Gesichtspunkt von einem nwhr suprana» 
tnralistischen unterscheiden. Wenn Jesus im vierten Evnn« 
gelium sich mit dem treuen Hirten vergleicht, der für sei« 
ne Schafe das Leben lasse ilO^ IL Id.): so kann diels 
den gans natllriichen Sinn haben, dals er von seinem Hir- 
ten- und Lehramte nicht eu weichen gesonnen sei, sollte 
auch in Führung desselben der Tod ihm drohen (morali- 
sche Nothwendigkeit seines Todes) '^); der ahnungsvolle 
Ausspruch In denmelben Evangelium (12^ 24.) ^ wenn das 



26) DB Witts, de morte Ckr« p. IIS. vgl. 55 fl. 
^ «MS, L. J. t. 108. 



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firttdt Kapital* S. MM. tU 

* 

Sanienkom nicht in die Erde fallend ersterbe, bleibe es 
einsam, ersterbe es aber, so bringe es viele Frucht, Ififst 
•ine ebenso rationale £rkl&raiig ron der alegeiidefi Kraft 
Jedes MXrCyrertods Ith* eiüe Idee nnd Uberaetigting zn (mo« 
ralisehe Wirksamkeit seines Todes) 3^); endlich, was sich 
in den johanneischen Abschiedsreden so oft u iederholt , es 
sei den Jüngern gut, dafs Jesus hingehe, denn ohne s^i» 
9en Hingang kfinnte der mtQcnJii^ag nieht an ihnen kom- 
men, der ihn in ihnen wrkICren, tind sie in alle Wahrheit 
leiten werde, darin könnte man die ganz natürliche Llber- 
iegung Jesu finden, dafs ohne die Aufhebung seiner sinnli- 
eben Gegenwart die bis daliin noch so ainniiehen messiar 
nischen Vorstellangen seiner Jttnger nicht vergeistigt wer- 
den würden (psychologische Wirksamkeit seines Todes) ^^). 
Mehr der supranaturalistischen ßetrachtungsweise gehört 
dasjenige an, was Jesus bei der Stiftung des Abendmahls 
spricht. Denn wenn awar daS) was die beiden mittleren 
Evangelisten ihn hiebci sagen lassen, dafs das dargereichte 
notr^Qiov TO ai^ia rijg xaivtjg dia^jjxj^g (Marc. 14, 24.) > 
^ xoiv^ diaS^arj w %i} fäfim avvö (Lue. 22920.) sei, nur so 
viel an bedeuten scheinen könnte : wie durch die blutigen 
Opfer am Sinai der Bund des alten Volkes mit Gott, so 
werde durch sein, des Messias, Blut in höherer Weise 
der Bund der neaen um ihn sich sammelnden Gemeinde 
besiegelt : so verschmilzt hingegen In der Relation des Mat- 
thäus, wenn er (26, 28) Jesum hinzusetzen lüfst, sein Blut 
werde vergossen für Viele etg uipeaiv ufiaQVittJVf die Vor- 
steiiang des Bandesopfers mit der ton einem Sühnopfer, 
nnd auch bei den beiden andern Ist durch den Zusaa: td 
neQl tiokIlüv oder vtiiq v/nuiv ixxvvofievov ^ über das blofse 
Bundesopfer zum Sühnopfer hinausgegangen. Wenn fer- 
ner im ersten Evangelium C^O, 28.> Jesna sagt, er müsse 



28) Dcrs. ebenda«. 

2U) Ders. ebendas. und §. 109. 

2i ♦ 



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St4 OrlUtr Aittkiiitr. 

Mm» tyr ^vx^ uir6^^ Apd mMAt m Ut dfieft ohiw 
ZwtiM mmi 69. r.« besieben, W0| niieli «iiier, dem He- 
brffer ooeh sonst gelKwigeii Vortlellmig (Jec 41, X ProT. 
31 , ]8*) dem Tode des Knechts Jehova s eine sühnende 
Beaiehiing auf die ttbrige Menschbejt gegeben wird* 

Hienach könnte Jesns dui*Gh psychologische Reflexion 
deranf gekomnien sein, wie sutrigiieh der geistigen EnU 
wiekiang seiner Jflnger eine solehe Katastrophe sein wer* 
de, nnd nationalen Vorstellnngen gemlils mit Berflekslehtl- 
gung A. T.licher Stellen selbst auf die Idee einer sühnen- 
den Kraft seines messianischen Todes. Indessen iiönnte 
doeh namentlieh das, was die Synoptiker Jesnm Ton sei- 
nem Tod als Slihnopfer sagen lassen , mehr dem nach Je- 
SU Tode ausgebildeten System anzugehören, nnd \«r8 iler 
Tierte Evangelist ihm über die Besiehnng seines Todes 
nnm Parakiet in den Mund legt, rar eventu gesagt na sein 
sehelnen , so dafs such bei diesen Aussprüchen Jesu Über 
den Zweck seines Todes eine SonHerung des Allgemeinen 
vom Specielien vorgenommen werden mUliste. 

S* 109. 

Bcitimmte Aussprüche Jesu über »eine künftige Aufrrstcbung. 

Mit nicht minder klaren Worten als seinen Xod, und 

mit einer besonders genauen Zeitbestimmung, hat den evnn^ 
geiisciien Nachrichten zufolge Jesus auch seine Anferste* 
hnng veransverkiindigt* So oft er seinen Jfingern sagte, 
des Menschen Sehn werde am Kreuse getüdtet werden, 
sezte er hfneu : xcci rf; fQirj] r^{.dQ(^ avaci'^oticci oder iyeQ— 
Or^aiim (Matth. 10, 21. 17, 23. 20, 19. parail. vgl. 17, 9. 
26^ 32. paraii.)« . 

Aber auch von dieser Vorherverkündignng heilst es, 
die Jflnger haben sie nicht gefafst, so wenig, dals sie sogar 
milelnandar stritten ^ tl i^i %o w w^fm wag^vai (Mar«» 



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§oH naoh imm l*ode 4esii keine Spui* ciaer IMnwanmgy 

dafs ihnen ein auf das Sterben folgendes Auferstehen Je- 
su vorhergeaagt war, feinen Faiiken von Hoffnung ^ da£i 
diese Zusage in £rflBllaiig gehen werde. Als .die fveuiide 
den wom Kreos ebgenoannenen Leicknem la das Grab 
gelegt hatten, nahmen sie (Job. 19, 40.) — - oder behielten 
sich die Frauen (Maro. 16, 1. Lac. 23, de.) — die£inbai- 
sanüruBg vorj was man doch nar «bei einem sokhen tkuly 
welchen man als eine Beate der Verwesung betrachtet; 
als an dem Morgen, welcher nach ^. T.ilcher Rechnung den 
Torausbestimmten Auferstehungstag eröffnete | die Frauen 
cum Grabe giengen, dachten aie so wenig an eine Torher« 
gesagte Auferstehung, daCs ihnen die Termutidiehe Sehwie- 
riglieit, den Stein vom Grab zu wlilzen, Besorgnifs mach- 
te ^Marc. 16j 3/ ; als Maria Magdalena und spfiter Petrus 
das Grab leer fanden f hfttte ihr erster Gedanke sein mis^ 
sen, dafs nun die Auferstebnng wirklieh erfolgt sei, wenn 
eine solche vorausgesagt war: statt dessen vermfithet jene, 
der Leichnam möchte gestohlen sein (Job. 20, ^.), Petrus 
aber rerwundert sieb biofs^ ohne auf eine bestimmte Ver* 
mntbuiig an kommen (Lne. 24, IS.); als die Weibmr*den 
Jüngern von der gehabten Engeierscbeinung sagten, und 
sich des Auftrags der £ngel entledigten, hielten die Jün- 
ger ihre Aussage theils liBr leeres GesehwXe Q^Qog Lue» 
%Ay 11.), theils wurden sie su sehreekenTollem Erstaunen 
erregt («^icra&v rjivcg, Luc. 24, 21 ff.) ; als Maria Hagda» 
lena, und hernach die Emmauntischen Jünger, die Eilfe 
versicherten, den Auferstandenen selbst gesehen jeu haben^ 
schenkten sie auch «Ueser Aussage keinen Glauben (Mare. 
10, II. 13.) 9 wie spXter Thomas sogar der Versicherung 
seiner Mitapostel nicht (Joh. 20, 25.)^ endlich, als Jesus 
selbst in Galiläa den Jüngern erschien, gaben noch nicht 
alle den Zweifei auf iol diidigaaw^ Marc. 28, 17.). Diels 
Alles mnb man wohl mit dem Wolfeoblittler.Fxagmenti« 



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•M llritter Abseliiiitt^ 

ited iiiite|rr«i1flfoh 'finden, y^ettn JemtnMne Anferstehanff 

40 klar nnd bestimmt vorher^esa^t hafte. 

Zwar, wie dag Benehmen der Jüng^er nach Jesu Tod 
g^n eine solche von Jesu gegebene Vomassage spricht, 
•o scheint' ifas seiner Feinde dafHr eq sprechen* Denn 
dafs nach Matth. 27, 62 ff. die Hohenpriester und Phn- 
|ils/{er an das Grab Jesu sich von Pilatus eine Wache 
erbitten , hat nach, ihrer eigenen firldftrang darin seinen 
Gronly dalk Jesus liei seinem Lelien noch gesagt haben 
sollte ; //fra tofTq ^tteoag Fyslootiai, Allein diese Erzäh- 
lung des ersten Evangeliums, die wir erst unten näher 
wflrdigen iLttnnen, entscheidet noch nichts, sondern tritt 
nur auf die etne Seite des Odemma , so dafb wir nun sa- 
gen mUssen; wenn die Jünger nach dem Tode Jesu sich 
wirklich so benahmen« dann kann weder er seine Aufer- 
stehnng vorheiffesagt, noch lidnnen die Juden aus Rflck* 
steht auf eine solche Vorherverkflndignng eine Wache an 
sein Grab bestellt haben; oder, wenn die beiden lezteren 
Angaben richtig sind, können die Jttngec sich nicht so be- 

nommelt'&abenV 

, Hie* Schürfe dieses Dllenlma hat man dadurch absu« 

stumpfen versucht, dafs man den oben nns^eführten Vorher- 
verkündlgungen nicht den eigentlichen Sinn einer Wieder- 
kehr des gestorbenen Jesn ans dem Grabe, sondern hnr 
den* mielgentliohen eines neuen Aufschwungs seiner unter- 
drOokten Lehre und Sache unterlegte Wie die A. T.- 
iichon Propheten, wurde gesagt, die Wiederherstellung des 
Israfliitisohen Volks sa neuem Wohlergehen unter dem Bil- 
de einer Aufbrstehung der Todten daratelien (Jes. 2d, 19* 
Ezech, 37«)) wie sie die kurse Frist« innerhalb welcher 



1) Vgl, seine beleSte uad «obUgcado Auaftlhrung, vom Zweck 

u. t. f. S, 121 ff, 
i) So namentlich KsMiBa, vom Erlöser der M^nschcA) S« 133 l(t 

Ygl« üviMtti., Co.11111« ta M«tth. p« 444 f« 



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«ator gmiMeü Bedlagiiagwi dimm WeniUuif fler IHiige m 
•rwMPtan wii«, d«reb den Äuidnick bmieiclnieii , in suvei 

bb drei Tagen werde JehovA das Geschlagene aufrichtea 
und da« GetödteCe wiederbeleben (üoa. 6, 2. 0)» «in« 
«ngabei welche aaeb Jesu aabeelimiiit fttr eine knne Zeit 
febraoebe (Lue. la, 32.) : eo woUe er mit dem Antdmek, 
er werde nach aeiiiem Tode %fj iQltrj ^fitQtf amgrjah nicht« 
Anderes sagen, als, wenn euch er der Gewalt seiner Feinr 
de unterliegen and getddtet werden solite, so werde das 
¥on Ibm bcuaaaene Werli doeb niebt nntergehen , sondern 
In fcnrser Zeit einen neuen Aufschwung nehmen. Diese 
▼OH Jesu blofs bildlich gemeinten Redensart^ haben die 
Apostel, nacbdom Jesns leiblicb auferstanden war, eigeut- 
lieb genomnien, und für Weissagungen auf seine persön- 
liche Wiederbelebung angesehen. Dafs nun in den ange- 
füJirten Prophetenstellen das iTl^t und f nur den an- 
gegebenen ftreiriaeben fiinn bebe, Ist riebtig, aber In Steilen, 
deren ganser Zuaammenbang tropiseb ist, und wo namentÜeb 
das dem Wiederbeleben vorangegangene Schlagen and Töd* 
ten selbst nur einen figttrlicben Sinn hatte« Dafs dage- 
gen Iiier, wo die ganse vorbergebeHde Reibe Ton AnsdrA- 
eken, das naQadidoad-ai> xcciaxQiveaOai , ^avf8a^ai, ono- 
intheaO^ai u. s. f., eigentlich au nehmen war, auf Einmal 
mit dem iytQdi'-pai und arapjvai eine nneigentliche ßedeu- 
long eintreten sollte, wttrde doeb ein merbltrter Abapnuig 
•ein; dessen niebt an gedenken, dafs Stellen, wie Mattb« 
26, 32, wo Jesus bagt: fitja t6 iyeQÜi^vai fte nQoa^ia vf^ag 
ilg TJjr DxhlaiaVf nur bei der eigentlichen ßedentung dea 
ifdgea^itt einen Sinn beben. £benao steht die Zeltbe- . 
stfmninng des dritten Tages an den beiden Stellen, auf 
welche man sich für die ungenaue und sprichwörtliche Be- 
deutung einer kuraen Zeit llberbaupt beruft, in einem 2 



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üiMcnlMUig, w^lelMT won mIImI ««f elMl MUhtn Sinn 
«Iph A«8flraok0 Mlirt, IndM in der ProphateiftelW iror 

dpm Ti^ 17/'^^ t^/tj;— ficra ^00 i^fteQaQf in der evnn- 
pfivliKebeii über tot tQhrj-mjfiegw tuA avoinv steht: 

woire^ In allen Stellen , wo Jesus seine Avlerstehmtf 
irwrkdndi^f, Jede solche Veninliiffran^, von den besthnnten 
Smiii des An«tr{rticks abzugehen , fehlt Hat also Jesos 
wirklich die Aosdrttckei und In dem Zosammenhnn^, ge* 
bnineh^ wie die Eranfellston de ihm in den Mund ieppen, 
SA kann er dnrch 'dieselben nicht blos miel||;entlleb den 
baldigen Sie^ seiner Sache haben verköndlgen wollen, son- 
dern seine Meinnng mufii die gewesen sein, er seihst wer- 
de drei Tage nach seinem gewaltsamen Tod aaf s Nene in 
das Leben anrackkebrem 

Da jedoch Jesasi dem Benehmen seiner Jfing^er nach 
seinem Tode «nfidi^e, seine Anferstebong nlefat mit dentii« 
eben Werfen voeherverklindigt haben kann : so balien sieb 
an»l»*e Aiisle^fer zu der l^iinWiiimuniv verstanden, die Evan- 
g«'ilsten haben dea Reden •Je.'^n nach dem Erfolg eine Be- 
st Immtheil gegeben y welche sie in Jesn Mond noch nicht 
gf»habt haben; aie Imben das, was Jesns bÜdlieb vom Auf- 
sehwanof seiner Stiche nach seinem Tode gesagjt habe, nicht 
biiiCs eigentUoh verstanden, sondern es dieser Auffassniig 
gemAf« anoh so na^peformt, dafs, wie wir es Jest lesen | 
wir es alierdin^ HgenCÜdi ▼erstehen mfissen floob 
niobt alle betreffenden Reden Jesu seien auf diese Weise 
verhindert, sondeP'i hie und da auch noch seine ursprüiig« 
liehen Ausdrücke stehen geblieben. 



k) vgl. SU^KixD) eilige Bemerkungen Uber die Frage, ob Jesus 
seine Auferstehung bettimnit vorhergeiagt habe? in Klatt's 
MagMiOy 7, S, 203 ir, 

S) PAOfcVi, e, Ö, 2f S» 41$ II. H4t«, U J. 109. 



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£rAU4 JLapiieL |. 110. 



f. im 

Bildlkbe BßAcm, ia welchen Jesus teine Auftrttehimg votImv«» 

verkündigt haben loU. 

fikhoo Sil Anfang «einer affiralUeheii Wirksamkeit hnl 
des vierCen 8van|eieiiini Mfolge Jeans die Ihm MwMieh ge- 
sinnten Joden in bildlicher Rede auf seine künftige Anf- 
V erstehang hingewiesen (2^ 19 ff.). Nachdem während sei- 
nes ersten MssisnisolieB Festbesnciis der Msrktanlag iss 
Teaspei Hin su jenem Sefaritte lieillgen Kifm iiewogen ka*> 
te, von welchem oben die Rede gewesen, und wie nun die 
Juden ihn uro ein Zeichen angiengen y durch welches er 
sich als einen Goltgesandten Jegitimiren sollte , der sar 
Vornahme solclier Gewaltmalsregeiii Befngnifs bitte, gSebt 
ihnen Jesus die Antwort: ?aocxtf tov raov thxov^ xöl 4r 
tQialv jjfUQatg iycQ^ avtov. Die Juden nahmen diese Wor- 
te in dem Sinn, welcher , da sie Im Tempel gesprochen 
Warden, am nftehsten lag, and hielten Jesa entgegen, daCs 
er diesen Tempel, w.n dessen Bau man 46 Jahre gebraoelil 
habe, Svohl schweriichj wenn er zerstört w/ire, in 3 Ta^en 
wieder aufzurichten im Stande sein dtlrfte; aber der£van« 
gellst iielehrt ans, diefs sei nicht die Meinang Jesa gewe» 
sen, sondern dieser bal>e, wie übrigens den Jflngerti erst 
nach seiner Auferstehung klar geworden sei, von dem rao^ 
tö aiiftttrnci ctii^ gei*edet, d. h. also durch Hns Abbrechen 
nnd Wiederaufbaaen des Tempels auf seinen Tod and seine 
Attferstehong iilngedeatet. Glebt man hieliei aaeh so, was 
indessen gemft'fsigte Ausleger leugnen '), dnfs Jesus die Ju 
den mit ihrer Forderung eines gegen w/irt igen Zeichens (wie 
er es aaeh Matth. 13, gethan haben soll) DUglieh auf 
seine einstige Anümtehang, als das grOfste and namenllleh 
für seine Feinde besohKmendste Wunder In seiner Ge» 
schichte, habe verweisen können: so roufste diese Hinwel» 
sang doch von der Art seio, daüs sie möglicherweise ?«r> 

]) X« B« LOcKB, U S. 42Öi vgl. dsgegeo Tmolvc«, S. 75. 



oiyui^ca GoOglc 



' llritlter Ai»#chniit. 



stMwIefi w e r d e» konnte (wie Mattb. n, d. n« 8c. JecnM 
gami unwnwiNiden sieh erklXren lllat)« So hingegen, wto 
Yfiv Iiier den Ausspruch Jesu haben , iLoiinte er, als ihn 
JoBue thßtf unmöglich in diesem Sinne begriffen werden. 
Denn wer in Tenpei' von der Zeretömng dieeee Tempelo 
OfMieht, dauoa Rede Mrird JedeKo^niui euf oben dae To«» 
gebüude, in welchem er sich befindet, beziehen. Es mOfo- 
le demnach Jesus 9 als er das %op vaov tözov sprach, auf 
meinen Leib gedenfteft, haben ^ was aneh die Frennde dieser 
£rUlmng meistene roninsiotien Aüoln Uhr'a Erste 
aagt der Evangelist von einem solchen Gestns nichts, nil- 
erachtet es in seinem Interesse lag, cur Unterstützung sei- 
ner Deutung denselben hervorsnbelien« Filr't Andere hat 
Gablbk mit Reehft darauf aufmerliMni genuieht^ wie mtl 
Md sohaal es gewesen wXre, einer Rede, welche naeh AI- 
iein, was in ihr Wort, also Logisches war, sich auf das 
Tempelgebiude besogy durch einen blo(sen Zusae von Mi- 
misehom eine gans andere Beaiehu^g su geben. Hat sieh 
aber Jesus dieser Hülfe bedient, so konnte sein Pin|ereeig 
nicht unbemerkt bleiben; es mufsten die Juden eher dar- 
über mit ihm rechten 9 wi^ er au den Ubermuth komme^ 
aeineo Leib mig su neniiHMi, oder wenn aueh dlefii aiehl, 
ao konnten doeh in Folge jener Aktion die JOnger nicht 
bis nach der Auferstehung Jesu über den Sinn seiner Re- 
de in Dunkeln bleiben 

Durch dieeo Sehwiorigheilen fand eich die neuere 
Eiegese gedrungen, die johanneieehe Aualegung der Wor- 
te Jesu als eine ex eventu gemachte Mifsdeutung zu ver- 
lassen, und au Yersnchen, noabhängig von der J^iüäruj^ 

9) s« Tmoluoc, s« s« O. 

3} Hsiwa, Josonos apostolus nonmiüorum Jesu spephtbegmatum 
In cv«ng. suo et ipse interpres. In Porres und Rvrsm'n's Syl- 
loge Comm. throl. 1, S. 9> GABtim, Recension des Hbkkb*> 
sehen t'rograiiims im aeuettea tbeol. Journal, 2, 1, S. Süi 
iiöcMS, a. d. St« 



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Eritei Kapitel, f. «10. J|| 

if« Refbi%iif«ii ftf den Sfnn der rJfthsefhnften Rede elnza* 
dringen, welche er Jesi* in den Mund Jegt^). Der Auf- 
faMong der Juden, welche die Worte Jesn mif ein wirkIt- 
ehe« Abbrechen nnd Wledemnfbeaen des NtltionaHi^Ilg^ 
*fhuni8 bezogen, kann man nicht beistimmen wollen, ohne 
Jesu gegen seinen sonstigen Charakter eine in s Ungeheu- 
re getriebene leere Grofssprecherel Enmsehreiben* Siebt 
man sieh deftwegen nach dnem irgendwie oneigentliolien 
Verstände des Anssprochs um, so begegnet man in demsel- 
ben Evangelium zuerst der Stelle 4, 21 ff. , wo Jesus der 
Samariterin verkündigt, es komme nitchstens die Zeit, we 
man nicht mehr iv *liQoaoXvfioig den Vater anbeten i soi^ 
dem ihn als Geist geistig verehren werde. Eine Abro- 
girung des vermeintlich allein gültigen Tempeicoltus ru Je- ' 
rusalem könnte das Xveiv des vaog aneh in rnisrer Stelle 
nrsprflnglich bedeutet haben. Diese Anffassvng wird ditreh 
eine Erelhlnng der Apostelofeschichte , 6, 14., bestätigt; 
Stephanns, welcher, wie es scheint, den in Frage stehen- 
den Ausspruch Jesn adoptirt hatte, warde von seinen An* 
klägern beschuldigt, gefiussert an haben, on ^rfiog i Na^ 
^MQaTog iSTog xoTalvGFi tov tottov T»ror, yal aV.d^fi ra 
ei>r, « TxctotöiDy.e DTcn'oijs, wo demnach als Folfi^o des Tem- 
pelabbruchs eine Änderung der mosaischen Religionsver^ 
fassnng, ohne Zweifel eine Vergeistigung derselben, 'f»e* 
Belehnet wird. Oaeo kommt noch eine Stelle in den ' 
synoj)tischen Evangelien, Dieselben Worte beinahe, wel- 
che bei Johannes Jesus seihst ausspricht, kommen in den 
swei ersten Evangelien (Matth« 25 , 60 f. Mardi 14, "57 f.) 
als Anklage falscher Zeugen gegen ihn vor nhd* hier hat 
Markus den Znsaz , dafs er den abeubrechenden vavg als 
X^cQmQlr/fog f den von Jesos neu cu bauenden als äklogf 

4) So, ausHcr Hr^KK im anfjcf. Programm, Hbhdkr, von Gottes 
Sohn nach Jolianncs Evang. , S. 155 t". j Pauli s , Gbmm» 4y 
165f< I«. J. i, a, S, 17Sf.i hücMM, s. d. SU 



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I?frtipomi t yf0r l n w itotuwii wm domlbe O e g w n i« « fon.aimi- 
lieher mil g«bciger RellglonavcfrfasranK mi «ei« Mkeinf* 

Demgeinfifs luf&t sieb iiuii auch die johaniieische Stelle so 
•rkiüren : da« ist das Zeichen meiner Vollmackti dafs ich in 
Süad» bin 9 u die Steüe das mosaiichen CereMowaidieii» 
«t6t in iillneator Frist einen neuen , geistigen GoCIeadieuet 
Ea setzen« Aliein , abgesehen von der minder bedeuten* 
.den Schwierigkeit, dafs bei Johanne« nicht wie bei den 
Sjnoptilwrn daa SubJelLt gewechselt | und der nennuer- 
richtende vaig als aHog^ sendern durch nitog als derael» 
he mit dem zerstörten bezeichnet wird ^)| so lüfst sich na- 
mentlich das tv %Qiö)v T^^ikmag nach dem oben Ausgeführ- 
ten auch hier nicht ohne Weiteres in dem unbestinuntea 
Sinne Ton kurser Zeit fiusen^): in seiner genauen Beden* 
dung genommen aber {lafst es nur als Termin der Aufer- 
stehung Jesu, nicht aber der Vei^eistigung des Heligiomi- 
Wesens« 

So fon beiden Erlüimngen in gleicher Welse angeso- 
gen und abgestolsen, flfichtet sich Olshausen eu einem Do|>- 
jielsinn, walcher indefs nicht swiscben der johanneischea 
und der uuieat dargelegten sjmbolischeui sondern swischew 
der jolmnneiachen Deutung und der jttdischen die Mitte 
hält, indem Jesus nur, um die Juden abeuwelsen, sie eum 
Abbrechen ihres Tempels, als zu etwas Unmöglichem} auf- 
geforderty und unter dieser nie eintreflfenden Bedingung 
sich «im Bau eines neuen erboten haben aoU; so Jedoch, 
dals deben diesem ostensllmln Sinn HBr die Bfen^c noch ein 
▼erborganer hergieng, der den J fingern erst nach der Auf- 
erstehung iilar wurde I nach welchem vuog den Leib Jesu 
beueiolinete« Aliein Jene an die Juden gerichtete Aufforde» 
rung sammf dem darangehüngten Erbieten wäre ein un- 
würdiger Mnthwiile, die darin verborgene Andeutung für 

S) Svaaay In fuxf% Msgasin, 4, S. 199. 
0) Taeimc uad Oittuotas» %. d. St« 



X 

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/ 



£r«l«ft IL«pU«i S> Iii» Ui 

48« Ji«fMP ntmloae Spielei«! ßBWtmnf vnd äbcvliMqil 
Ul ^ DoppeMim iliMr Art la ier Rede ciiie»*v«r«liiHtt> 

l^en Menschen nnerhürt« J)a man auf diese Weise an der 
£rkllirlNirkeit der Johanneischen Stelle ganz TereweifelA 
iB^chto« ao beruft «ich der Verfetter der Prolmbilieii dtafi» 
mmtj itJk die Synoptiker die Zeogen, welehe vor Qerieht 
behaupteten, Jesus habe jenen Ausspruch gethan, als tpav 
dofuxQrgvQag bezeichnen, woran« er folgert, daf« deMis so 
etwM, wie Jobanne« ihn iiier sprechen iaeset gar nicht 
getagt habe) und aieh aonit einer £rldirong der johannei- 
aeben Stelle überhebt, Indem er sie als ein Figment des 
vierten Evangelisten betrachtet, weicher die Veriäumdung 
jene^ Ankläger aoi^ohl erklären , als durch eine mystische 
Jlentang der Worte Jean belie abwenden wollen 7> AI* 
Jeln thella folgt ana der aynoptlschen Beselchnnng Jener 
Zeugen als falscher nicht, dafs der Ansicht jener Evange- 
listen zufolge Jeane gar nichts von deni| wessen aie ihi| 
beaebnldigten, geaagt liabey dn er ea Je anch n«r etwaa an* 
dera geaagt oder andere gemeint haben iiann, theila lat, 
wenn er gar nichts der Art gesagt haben soll, schwer zu 
erkl&ren, wie die falschen Zeugen auf jene Auaaage, und 
nnmentlieh anf daa aonderbare ^ s^ir ^fdQatg gelionuneii 
aein aollen. 

Wenn hienach bei jeder Deutung des Ausspruchs, aus- 
ser bei der unmöglichen auf den Leib Jesu, das ey tqigIv 
^fiiffotg einen Anftof« bildet: aö werden wir, wie ea aeliein^ 
nof diejenige Relation dea Anaspmeba blngewieaen, In wel- 
cher jene Zeitbestimmung fehlt, d. h. auf die Relation der 
Apostelgeschichte. Hier wird Stephanos nur beschuldigt , 
geeagt nn haben, Sti^L o NaC. aros Morakvaei %w %inw 
tStop ifw aytov"), md ilXa^ei Tcr l&ij a nagiSantB Mü»vaijgm 
Das Falsche an dieser Aussage — denn auch die Zeugen 
gegen Stephanua werden als fia{izv(fes ip^vdüg beceichnet — 

^7> rkrobabU«:p. 



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IM Dritter AbteknUt. 

MbiiC» Anr Aweila Sas «ein» wekber mit eigendiclieii Wor- 
101 «SDü dner Aadenuif der »oMUeheM Ad%temvfM^ 
Mng spricht, iumI ttutt dosMD St«|ihMitts wohl in der obM 

auigeiübrten ligtirlichen Bedeutung gesagt haben: xcA 
fiahr ohtodo^Tfiu aUoVp oder »uu aUop iaxj^i(foaoui%ov) 

RtkUe nun In dieaeni Sinne eneb eebon Jesnt jenen 

An8spi*uch, aber ohne die ßestiaimtiiig der drei Tage, ge» 
thnnf Hnd. dadurch unter den Juden bedeutenden Anstois 
cmgt, so leg e« neeb feiner Anferstehong nahe, den m 
Borstdrenden nnd wiederaufcnbanenden Tempel als Beaeicb- 

nnng des Leibes Jesu aufzufassen, um iheils den Jlldieeben 
Beschuldigungen auszuweichen, theils eine Weissagung der 
Anferstehnng mehr sn haben* Kinmal aber /den Ausspruch 
•■f die Anferstehnng benogen, ergab es aich von seibat, 
dafs «oerst auch das bei der Bestimmung von dieser solenne 
4V TQiaiv j]fitQaig hineingetragen, und dann weiterhin das 
oiUey in avtiv^ das olxodofir^aia in iyeQOf verwandelt wui-de* 
Wie hier dnreb das Bild rem abaobreehenden und neu 
anfKuhaoenden Tempel, so soll Jesus bei einer andern Ge« 
legenheit dui*ch das Vorbild des Propheten Jonas auf seine 
Auftrstehung im Voraus hingedeutet haben (Matth. 12,^ if. 
Tgl* 16, 4. Lne. 11, 29 ff.)* Als die Schriftgelebrten und 
Pharisäer ein atj^eiw von ihm bu sehen verlangten, soll 
Jesus ihr Ansinnen durch die Erwiederung zurückgewiesen 
haben, dals einer so schlimmen yavBa kein Zeichen gege- 
ben werde, als %6 a^fiiUW ^iiavä %ö n^ofijtUf welches in dw 
ersten Stelle bei Hattbttos Jesus selbst dahin erlüfirt: wie 
Jonas drei Tage und drei Nächte iv tfj xoüure tu xtjiug ge- 
wesen sei, so werde auch des Menschen Sohn drei Tage 
twd dr^ Nächte xoQdl^ fijg anbringen* An der 
zweiten Stelle, wo Bfattbäns Jesu diesen Ausspruch leiht, 
wiederholt er die angegebene Deutung nicht; Lukas aber 
Sn der Parallelsteile erklärt denselben nur so: xaOiog ycc(} 
ijfhno *kmt$ tn^imw tiXg Nmtitms, S§wg Ssai xiu 6 wog 



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£r«tei KapiteL f. im. Stt 

v8 äpSifiSm tfj yevB^ tairrj. Gegen die M^fiMMtf ddb 
Jesus die Auslegung des Jonaszeichens , welche ihm Mat* 
thaosy V. 40., in den Mund iegt^ selbil gegeben hnbe^ 
Jilet sieh Venehiedeoet einwenden» Dea swari daA Jene 
Ton drei Tagen nnd drei Nlehten, welehe er In llemen 
der Erde anbringen werde, defswegen nicht habe sprechen 
können, weil er nur einen Tag und zwei iNüehte im Grabe 
gewesen sei*)! aehweriieh entgegenbalteil laa* 

een, da der N. TJIehe Spraehgebranch enteehleden die KU 
genheit hat, den Aufenthalt Jesu im Grabe, weil er den 
Tag vor dem Sabbat durch den Abend, und den nach den 
Sabbat durah den Morgen noeh berührte, einen dreltllglgen 
mu nennen; wnrde aber einnal dieser Eine Tag aannt 
zwei dächten fOr drei volle Tage genommen, so war es 
nur eine Umschreibung dieses Vollseins, dafii an den Ta» 
gen aneh noch die JNichte gesent wnrden, waa sieh ohne» 
hin In der Vergtelehnng nit den drei Tagen nnd Niehteif 
des Jonas von selbst ergab '^). Dagegen wfire es, wenn 
Jesus von dem at^^aiov Vctfya die Islrklarung gab, welche 
Ihn Matthina leiht, eine so klare Voranssagnng seiner 
Anferstehung gewesen, dafs ana denselben GrOnden, wel- 
che nach dein Obigen den eigentlichen VoransverkOndlgun« 
gen derselben entgegenstehen, Jesus auch diese Erklärung 
nieht gegeben haben kann. Jedenfalls mufste sie die naeh 
V. 49. anwesenden Jünger an einer Frage an Jeanm ver» 
anlassen, wo sich dann nicht einsehen Ififst, wartim er Ih* 
nen die Sache nicht vollends klar gemacht, also mit eigent* 
liehen Worten seine Anferstehnng vorhenrerkflndlgt haheii 
sollte. Kann er aber diels nicht gethan haben, weil sonst 
die Jflnger nach seinem Tod sich nicht so benommen Ha- 
ben konnten, wie sie sich den evangelischen Nachrichten 
»ufolge benahmen: so kann er auch nicht dnreh Jene Ver- 



8) Paulvs, es. Handb. z. d. St« 

9) vgl« FamiCBB und O&uuvtaa, s« d. St« 



Bogeo2i. i>t S. SS5u. 536 ausxuschocidcnu. dieses Blatt elnsublnJfiea! 



m 



Dritter Abschnitt. 



.gleichung des ihm, bavor«tehenfi(»n Seiiicluiils mit dem des 
.JoiMif eine Frage der Janger licrvorgerafen heben, welche 
er, wenn sie en ihn gestellt wtirde, euch beentwerten 

muffite, aber dem Erfolg nach nicht beantwortet haben kaun. 

Aus diesen («rüiMleii hat sich die neuere Kritik dahin 
nometproehen, dafs die Matchiiisehe Eriilümii^ dea tnifiÜQr 
^bam eine poMt eventum vom Evangelisten gemachte Den- 
tung sei, welche er fülschlich Jesu in den iMund lege '^). 
Wohl hat hienach Jesus die Pliarisäer auf das atjftüov ^korü 
verwiesen, aber nur in dem Sinn, in welchem ea Lnkae 
ihn eriilliren lülst, dafs, wie Jona» selbst, eelne blofse Ge- 
genwart und seine ßufsjiredigt, ohne Wunder, den Ninevi- 
^tcn als göttiiühes Zeichen genügt habe: so aueli seine Zeit« 
genossen, statt nach Wunderaeiohen sn haschen, sich an 
seiner Person und Predigt getiOgen lassen sollen» Diese 
Auffassung ist die eineige deii Zusammenhang der Rede 
Jesu — auch hei Matthäus — und näher der Parallele zw i- 
scfien dem Verhältnifs der !Kineviten ku Jonas und dem der 
Königin des Sttdens so Salome angemessene. Wie es die 
aocfiu 2:ü/Loiior^üg war, durch welche die leetere von den En- 
den der Erde sich herbeigezogen fühlte: so hei Jonas auch 
neeh dem Ausdruck des Matthäus lediglich sein ynjQvyfiaf 
' Mif welches hin die Mineviten Bufse thaten* Das Fatumm 
in dem Sat^e bei Lukas; arco^ egai. ttal 6 viog t. er. tf^ 
^SV%{f Wült] C'//,/i«wy)> welchem man glauben möchte, 

fß kdnne nicht auf den gegenwärtigen Jesus und seine Pre- 
. digt, sendem mCIsse auf etwas Künftiges,' wie seine Aufei^ 
stehung, bexogen werden, geht in der That nur anf die 
künftige y.Qiüi^ y iu welcher «ich liervorsteilen wird, dafs, 
wie für die Mineviten Jonas, so für die damals lebenden Ju- 
den Jesus elf atiiuiop berechnet war* Frühseitig mufs Jedoch, . 
wie wir aus dem ersten Evangelium ersehen, dem Schicksal dee 
Jonas eine typische Beziehung anf den Tod und die Auforste- 
hnng Jesu gegeben worden sein, indem die erste Gemeinde für 

10^ i'Ai«i.t;^) ex. liandb. 2, S. 97 ff. Scuulz, über das Abeudüi. f. 



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f 



Erstes Kaplldh 110. 307 

4 

4le so snsHlssige Kttiislrophe Aves Messins mit Ängstlich* 
keit übersll im A. T. Vurbiidui* und Weissaguiigeu aal* 

Moch ^aige AossprOche Jesn indes sioh im vierten 
Evengelium) weiche schon eis verbfliile Weissagungen der 
Auiei'ätehung gefalät worden sind. Die Uede vom Wai- 
■enJiora zwar, 12, 24, bezieht sich zu augenscheinlich jior 
auf ftss durch seinen Tod bu fdrdemde Werk Jesn^ als 
dafs sie hier weiter in Betracht kommen ktfnnfe. Aber in 
den jolianneischen Abschiedsrcden finden sich einige Aus- 
sprüche, weiche noch immer Manche von der Auferstehung 
verstellen m6cliten« Wenn Jesos sogt: Ich werde ench 
nicht verwaist iassen , ieh komme nn ench; noch kurse 
Zeit, so sieht die Welt mich Jiicht mehr, ihr aber sehbt 
mich; über ein iüeiues, so werdet ihr mich nicht mehr 
sehen , nnd wieder ttl>er ein lüeines, so werdet ihr mich 
sehen n. s. f. (14, 18 ff. 16, 10 ff.): so glauben Manche, die- 
se Reden, mit dem V erhältniis von fuyQov xai nu 'uv fiixQOVf 
mit dem Gegensaz zwischen ifiq>cafi'Qii'P i^plv Qtoig fuid-r^" 
%mg) KM «x^ xiaflify mit dem von ganä persKniichem 
Wiedersehen iautenden jtaltv oipoftai und itpead^fy kennen 
auf nichts Anderes, als auf die Auferstehung bezogen wer- 
den, weiche eben das kurz auf das ^ichtsehen gefolgte 
Sehen, und swar ein perstfniiches nnd auf die Freunde 
Jesu eingesdwänktes, gewesen sei AÜein diescfs ver- 
lieifsene Wiedersehen beschreibt Jesus hier zugleich auf 
eine Weise, welche für die Tage der Auferstehung nicht 
gans passen will. Wenn das äti iyd (14, 19« ) seine 
Auferstehung bedesten soU, so weife man gar nicht, was 
in diesem Zusammenhang das xai vfieTg C?joeaOe heifsen 
wili; wenn Jesus sagt, bei jenem Wiedersehen werden 
seine Jinger sein VerhttitnÜs aum Vater erkennen, und 
Um nichts meiir an fragen branclien (14, 29. 16^ SS.): so 



II) SOiKiim, a. a. O. S. 1S4 CT. 
, Öaj l^en J0tu JI. Band. 22 



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Drilter Abuchnitl. ^ 

■Midileii «ae Ja noth mm leaten Tilge ihm ZmumMiiti^liis 
mic ihm mieli 4er Aiiftnlehnng eine» nnii mwmr Im Sinn 

' lies vierten Evangeliums recht anverstündige , Fmge mn 
ihn (A. G. 1, 0.)^ endlich, wenn er verspricht, dafd su 
denjenigen, der ihn liebe, er und der Vater kommen 
und nTehnnng bei ihm mecben werden: so wird rollende 
klar, dnfs Jesus hier nleht von einem leiblichen, sondern ' 
von seinem geistigen Wiederkoramen durch den naQaxlt^^ 
t9g redet* ^)« Hat jedoch auch diese Erklärtuig ihre Schwie- 
rigkeiten, indem hiiiwiedenim das o^maM fte nnd ätpo^u^ 
vfutg auf Jene blofs geistige Wiederknnfl nleht ganz passen 
will: so müssen wiv die Lüsung dieses scheinbaren VVi- 
der^pruchs auf die genauere jUeleuchtojig dieser Aussprii- 
ehean einer spXteren Stelle versjiaren, and erinnern einst- 
weilen nnr, dals ans den johanneisoben Abschiedsreden, 
deren Untermischiing mit eignen Gedanken des Evangeli- 
sten jest selbst von Freunden des vierten Evangeliums zu* 
gestanden ist, a« wenigsten ein fiewels in dieser Sachn 
genommen werden kann. 

Nach allem diesem könnte der Ausv^eg noch übrig 
an sein seheinen, dafs Jesus zwar allerdings (Iber die ihm 
bev,erttehende /kufentAmmg sieb niebt geCnssert, niebts ^ 
desto weniger aber sie fÖr sieh vorhergewnfst habe. Wnfe- 
te er seine Auferstehung vorher, so wufste er sie entwe- 
der auf übernatürliche Weise, vermöge des ihm inwohnen- 
den pcophetisehen CU^istee, höheren Prine^ — - wenn man 
will, seiner güttllehen Natinr: oder er wnAte sie auf na* 
türliche Weise, durch verständige menschliche Überle- 
gung. Allein ein übernatürliches Vorherwissen jenes Er- 
eignisses ist auch hier, wie in Beaiehnng anf den Tod, we- 
gen der Beniehinig undenkbar, In welche Jesus dasselbe 
Eum A. T. sezt. Nicht blofs in Stellen nämlich, wie Luc. 
'8, dl, welche, als Vorhersagungen, nach dem Ergebniin 



2) s. LUcn X. d. St. 



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Erstes Kapitel» HO. 3«» 

nnarer leslsiiiDiiteswicbiing, wn» sohon nicht, nehr ak^U« 

sturiseh gelten können, stellt Jesus seine Aufersteliuitgy 
wie «ein Leiden und seinen Xod| als ein zehod^fj^m ndv-^. ' 

HB dar, sondern^ aoeh nacli dem Erfolg hält er den an 

seiner Auferstehung zweifelnden Jüngern vor, sie hfittea 
glauben sollen iiu nuaiv ois ÜMh,aav OL.nQOfffjjai, dafs 
aHmUoh %cnit9t üdu nudelt %w Al^göy/. tuA wiX&Hy eig^ 
Ti^V dofftr «vra (LecM, 9ftf«> l^ant des Verfolgs der 
Erzählung hat Jesus sofort dieseji Jüngern (den Eminaun- 
tischen) alle von ihm handelnden Scji]u£(ste;|lenj a^a^ey(^ 
uno MuHtitag wiimto niimm %m.nq9ißfrßfip^ wean i/i^eifer. 
unten aoeh noch die ^ceil^oi gasest, werden .(V. 45O9 'mis-^ 
gelegt; im Einzelnen jedoch wird uns keine Stelle angege- 
ben , welche und wie sie Jesus auf seine Wieder beiebung 
gedentet liAttei Msaer dais ans Matfb« 4% V^,^* folgen v^ttr« 
de 9 er habe das Seliicksal des^ Prophetwni Jonas als Vor- 
bild des seinigen betrachtet, und aus der späteren aposto- 
lischen Deuinng, als mathmafsUcheoi vNacbdall der seinigcn^ 
geaeliiessen werden kdaate» daTs er,* nie nae|iaia|f die iVpo- 
atel, hanptsftsUleh In Pa. 16,^ 8 & 8»:!Kiiff. 13, 35.)9 

Jes. 53. (A.Gf. 8, 32 (f.), JeK 55, 3. (A.G. 13, 34.), und 
dann etwa noch in Uos. (i, 2. solche Weissagungen gefipi- * 
den habe» Allein das Sebioiual. dse Jeeaadiat. mit, dem 
Sehleksal Jesn nidit einaial reekt ^ne iiifpeifli^lie Ahn- 
iiclikeit, nnd das ihn betreffende Buch trfigt seinen Zweck 
% so sehr in sich selber, dafs derjenige es gewifs nicht nach 
aeinem wahren {Sinn nnd der Absicht seines Va^^ass^ den* 
tat, der ihm oder einem Znge desselben eine vorbildticbe 
Beziehung auf Ereignisse der Znkanft nnterlegt : Jes. 55, 3. 
ist so augenscheinlich heterogen, dafs man kaum begreift| 
wie die Stelle aar mit der Anfemtehong Jesu hat in ße- 
slehnng gehraoht werden, kttnnsn; Jes» 9SU beaalelit sich ent- 
schieden anf ein in Immer neuen Gliedern wiederaufleben- 
des Coilektivsubjekt j Hosea <i. unverkcnnh.n* luidlieh auf 



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SI0 * t^tU ee> Aksehnitt; 

Volk ttiMl Stmft Itmltl; enMeh die Hiiiiplifelle, Pn. 1«., 

kann nur auf einen Frommen gedeutet werden, welcher 
durch JeliovA*« Hülfe einer Todesgefahr zu entrinnen hoffr, 
und swar nleht in der Alt, diils er, wie Jetoe, ans dem 
Grabe wieder benrorgelien , , eondem gar nieht wiriilieh 
in dasselbe versext werden würde, versteht sich, diefs nur 
vor der Hand, und mit dem Vorbehalt, seiner Zeit aller» 
dingt der Nator den Tribut na enftriebten was auf 
Jetam wtederom nicht paaien wSrde. Hütte alae ein flber- 
natüriiches Princip in Jesu, ein prophetischer Geist, ihn 
in diesen A. T.Üchen Geschichten und Stellen eine Voran- 
dentang aelner Anferetehnng linden laaaen: ao ktante, da 
in keiner deraelben eine aeiehe Beaieknng wirklieh liegt, 
der Geist in ihm nicht der Geist der Wahrheit, sondern 
er mUfste ein Lügengeist gewesen sein, das übernatürliche 
Princip in ihm nicht ein göttÜchea, aondem ein dXmeni* 
achcfl« Bleibt, um dieaer Cemeqnens sn entgehen, dem 
ftfr verstfindige Auslegung des A. T.s euglfnglichen Supra- 
naturaiisten nichts übrig, als das Vorherwissen Jesu von 
aeiner Anferstehung aii ein natürlich •nMnaehlicliee nn be* 
haupten: ae war die Anferetehnng, ala Wnnder betrach- 
tet, ein Geheimnift des göttlichen Rathaohlusses , in wel- 
ches einaudringen dem menschlichen Verstand vor dem Er- 
folg nnmöglich war; als natürlicher Erfolg angetehen aber 
war sie der vnbereohenbaraCo ZoMI, wenn man nicht ei- 
nen von Jesu niid seinen Terbandeten. planmAfidg herbei* 
geführten Scheintod annehmen will. 

Also nach dem £rfolg erst ist so Venmasleht wie 
Voraussage der Auferstehung Jesu beigelegt, und nnu 
war es auch bei der bedenlosen WiUkfibr jüdischer 
Exegese den Jüngern und Verfassern der N. T. liehen 
Schriften ein Leichte», im A. T. Vorbilder und Weisse* 
gnngen auf die Wiederbelebwif Ihrea Messiaa anfisufinden. 



15} t. OB Warn, d. St, 



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I 



^rsca« Kapilai f. III. Ui 

Hicht ab ob «ia diala mH tah^wnr Abaiekdieliliail , «imI 
adlMt Ton der Ntchtigkeil ihfar Aaslegungs- inid SehlvfW 

weise überzeugt, gethan hfitten , wie der Wolfeiibüttler 
Fragmenüftt und Andre seine« gleieben lästern : sondern 
wie es deai) der In die Sonne gesehen, ergeli^ dals er noah 
lüngere Zelt, wo er hinsteht, ihr Bild erbliekt: so sahen 
«ie , durch ihre Begeisterung für den neuen Messias ge- 
blendet, in dem einaigen Buche, das sie lasen, dem A. T., 
ihn flberall, und ihre, Iii dem wahren Gefülil iler Befrie- 
digiing tiefster BedArfbiise gegründete Vberseugung , dafa 
Jesus der Messias sei, ein Gefühl und eine Überzeugung, 
die auch wir noch ehren, griff, sobald es sich um refle- 
xionsmifaige Beweise handelte, naeh Stütaen, welehe iSngst 
gebroehen sind, und selbst dureh das eifrigste Benllhen 
einer hinter der Zeit zurückgebliebenen £zegese nicht 
melur haltbar geaiaeht werden kttnnan. 

f. III. 

Die Reden Jesu von seiner Parusie. Kritik der vertchie- 

denen Auslegungen. ^ 

Doeh nieht allein daTs er drei Tage naßh aalnam To- 
de wieder aufleben werde, um sieh arinen PrevuideR an 

zeigen, sondern auch, dafs er spüter einmal, mitten in der 
Drangsalszeit, welche auch die 2iersttfrung des Tempels in 
Jerusalem herbeillttlupen sollte^ In den Wolken des Hlmaieie 
kommen werde, um die gegenwXrtIge Wellperlode abao* 
schiiefsen, und durch ein allgemeines Gericht die künftige 
zu beginnen, hat Jesus den evangelischen Xfaehriehten sn- 
folge Toraiisgeaagt (Matth. M. nndttw Blare» 13* Lna» 17) 
St-OT. 21, 5-^36.). 

Als Jesus zum leztenraale ans dem Tempel gieng (Ln« 
kas hat diese Bestimmung nieht) und seine Jünger (Ln« 
has nnbesHmflit: Binig^ Ihn auf den herrliehen Bau be- 
wundernd anfmerksam maehten, gab er Ihnen die Venl- ^ 
cheriuig, dadi alles, wie sie es tla «eheuj von Grund aus 



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*34S Dritter Abschnitt. 

em^rt werden würde* fMafffi* i4, 1. f. pAnill.>. Anf 

die Frage der Jdn^r, wann Hiefs geschehen, und was das 
Zeichen der ihrer Ansicht nach damit snsAmmenhäniion^en 
Ankunft; des Messias sein werde (V. S.^ 9 wsrnt sie Jesus, 
sieh nicht durch Leute, welche sich fillschllch fOr den 
Messlas ausgeben , und durch die Meinung, gleich nach 
den ersten Vorzeichen müsse die erwartete Katastrophe 
folgen, irreführen ru lassen; denn Kriege und Kriegsge» 
rllehte, K^impfe ron Vülicem und Reichen gegeneinander, 
Hungersnoth, Pest und Erdbeben da und dort, seien nur 
die ersten Änfän j^e des der Ankunft des Messias vorange* 
henden Elends (V. 4-— 8.). Auch sie selbst , seine Anhiln- 
ger, werden nuror noch Hsfs, Verfolgung und Mord Üher 
sich ergehen lasson müssen; Treulosigkeit, Verrath, Thu- 

^ schung durch falsche Propheten , Lieblosigkeit und allge- 
meines Sittenverderben* werde unti^ den Mensehen ^inreis» 
•en, Bugleioh aber müsse die Botschaft vom Mesiiasrelch 
noch voi'Iier in dor ganzen Welt verkilndiort wci'den : nacli 
allem diesem erst könne das Ende der jetzigen Weltperio- 
de eintreten, anf weiches mit Standhaftlgkeit harren müs- 
se, wer an dem Ghfcice der künfH^n Antheil bekommen 
wolle fV. 9 — 14. >. Ein näheres Vorzeichen schon von 
dieser Katastrophe sei die Erfüllung des Danielischen Ora- 
kels 27.) von' dem an heiliger Stütte aufsnstellenden 
Verwüstnngsgrlluet ^naeh Lukas, 21, 20, die Umstellung 

.Jerusalems durch Kriegsheere); wenn dieses eintrete, 
dann, sei es Tnach Lukas, weil die Verödung Jerusalems be- 
vorstehe, welche Lue« 19^ 43 f. In einer Anrede Jesu an 
die -Stadt' durch mQißa^aiv. ot fx^()o/ ou yaQaxa aoi^ xal 
TtBQtyvy.hiauai as y.al ovrt^<jol os Ttavro^evy y.cd idacfrsal 
US xal za rexvcc a i iv ool, y.al hx Cupilauoiv iv aoi U^ov 
nfth^r bestimmt Ist) die höchste Zeit schien- 
nlgtfton Plnoht^'bei welcher alle am schnellen Fortkommen 
flehinderte zu b?d.iaern, und von welcher, dafs sie In kei- 
ne ua^ünsti^e Zeit f;iilen möge, angelegentlich eu wünschen 



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0 



Erste« KapiteL f. III. MS 

•ei; denn et trete ilMm efaw bdtpielloee DnmgMilsaelt «ein 
(neeh Lue* V. 24. haupttiehlieh diiriii bestehend, daf« vom 
Volk Israel viele uoikoinmen, andere geiaiigeii weggeführt, 
Jerusalem aber eine vorberbeatiminle Periode hindurch 
Ten Meiden sertreten werden werde)» welehe nnr dnreh 
gnedenirolle Abkflreung Ihrer Dauer von Seiten Ciottes aus 
Kücksichtaufdie Erwählten ertriiglich werde (V. 15— 
Um diese Zeit werden falsche Proplieten und Afessiaiie 
dnreh Wunder nnd Zeiehen sn tXnsdien anchen, nnd da 
oder dort den Messias au aeigen versprechen: da doch 
ein Messias, der irgendwo verborgen wäre und nnfgesucht 
w erden rnüfste) kein wahrer sein klinne^ indem dessen An- 
kunft wie das Leoehten des Blitnea eine piaalielie» OberalU 
hin dringende Offenbarung sei, und ebrnsoliald sieh um 
ihn die ihm bestimmten Anhänger sammeln werden (V. 
—28.). Unmittelbar nach dieser DrangsalsKeit werde sich 
nun du^ Verfinsterang von Sonne nnd Mond, dnrrh 
Herabfailen der Sterne nnd ErsehAtterung alierKrüfle des 
lliiiiiiiels, die Erscheinung des Messias einleiten, welcher 
sofort zum Schrecken der Erdenbewohner mit groÜMsr 
Uerriiehkeit in den WoMmu des Himaels dalierkoMnen » 
nnd alsbald dnreh Engel mit TronipetensehaU seine Er- 
wählten von allen Enden der Erde eusanimenrufen lassen 
werde (V* 29 — 31«). An den voi^enannten Zeichen sei die 
JiHlie der angegeheaen Katastrophe so sieher) wie an den 
Anssehlagen des Feigenbauns die Mibe des Sommers, an 
erkennen; nuch das gegenwärtige Zeitalter werde, bei al« 
iem was sicher sei, das Alles erleben, obgleich der genaue- 
re Termin nur Gott allein bekannt «ei (V.92— 3«.). Wie 
aber die Menschen seien (das Foln^ende haben Markus und 
ijükas theils gar nicht ^ theils niiiit in diesem Zusammen- 
hang), so werden sie aach die Ankunft des Messias, wie 
einst die der Silndlluih, mit. ieiehtsinniger Sicherheit her- 
anHIeken lassen fV. 37 — 39.): m d doch werde es ein 
äuüdcrttt LrUiöcher Zeilpunkt sein 9 der diejeni^eu^ welche 



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' Drltfr Abtohnitt;. 



in ilea nMmt&n Verfiff Itniiteii gestanden , guns enfffe&fen- 

ge»er.tem Loos riheranfworfen werde (V. 40. 410« Darum 
sei Wachffamkeif noth fV. 42.)-. wio immer, wenn von ei- 
nem epi^cheideiiHen £rfalge der Zeilponkt «einet Eintre^ 
f^ns unbeknnnt sei, wus sofort doveh das Bild vom Hsns- 
liorrn und Dieb (V\ 43. 440? vom Knechte, dem der ver- 
reibende H<^rr die Aufsicht über das Uaasvi^esen anver- 
trant ( V. 41^51.) | ferner von den klagen and thöriehten 
Jiineffranen (25, 1 — 13.), endlich Ton den Talenten (V. 14 
— 30.), veranselianlielit wird. Hiernnf folgt eine Beschrel- 
biinir des feierlichen Gerichts, weiches der Messins Ober 
alle Vtlilter halten, an^ in welchem' er nach der Rücksicht, 
ob einer die Pflichten der Menschenliebe lieobaehtet oder 
hintan nre'^o/.t habe, Seligkeit oder Verdammnirs zuerkennen 
werd.^ fV. 31—46.). «). 

In diesen Reden kündigt also Jesus bald ievO-iiag^ 34| 
99.) nach derjenisren Dran^rsal, in welcher wir (nanent- 
lieh nach der Darstellnnfr des LnkasevanjE^elinrns") die Bela- 
gerung von Jerusftlein and die Zerstörung des Tempels er- 
kennen müssen, und so, dafs es die Generation seiner Zeit- 
genossen (i; yevpti aStfj V. 34.) noch erleben werde, seine 
sichtbare Wiederkunft in den Wolken nnd das Ende der 
gegen wjirti^en Zeitperiode an. Da nun bald vor 1800 Jah- 
ren die Zerstilrun^ des Jüdischen Tempeis erfolgt, nnd ebeii- 
aofange her die Zeitgenossensehaft Jesa aosgestorben, seine 
sichtbare Wiederkunft aber nnd das von ihm mit dersel- 
ben in Verbindung gesezte Weltende noch immer nicht ein- 
getreten ist: so scheint insofern die Yorherverkündigung 
Jesn eine Irrige gewesen mu sein. Schon in der Ältesten 
christlichen Zeit, da die Wiederknnflt Christi sich langer- 
▼erzog, als man sich gedacht hatte, standen, nach 2. Petr. 
3, 3 f*y Spötter mit der Frage auf: nü igi¥ ma^yelia 



1) Vgl. lilior f'rn Inhalt und Zusammenhang dieser Reden 
Famiciui ia Alst h. p. 695 if. 



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£rftte8 Kapitel. S. III. 845 

Tjfc naQnalctg cnV«; a(p yao ol nartQfg iy.otfijj^r^aaVf 
ndiia ino) (hautvn an oiQX^S ytionog. In neuerer Zeit ist 
die naehlbeiiige Folgerongi ivelche aat dem bezelohnetcn 
Verhiltnir« gegen Jeaam uiad die Apostel sieh seheinlNV 
ziehen läfst, von Niemand schneidender ausgesprochen wor- 
den , als von dem WolfenbUttler Fragmentisten. Keine 
Verheiiswig in der gansen Schrift, meint er, sei auf 
einen Seite bestimmter yorgetragen , auf der andern offen- • 
barer falsch befanden worden, als diese, welche doch eine 
der Grandsäulen des gesammten Christenthums bilde. Und 
mvmr sieht er darin nicht einen blolsen Irrthum, sondern 
einen absichtlichen Betrog der Apostel (denen, und nicht 
Jesu selbst, er jenes Versprechen und die es enthaltenden 
Reden zuschreibt), hervorgegangen aus der Noth wendig- 
keit, die Leüte, von deren Beiträgen sie ihren Unterhalt 
stellen wollten, durch das Versprechen einer nahen Beloh- 
nung anenlocken, and kennbar an der Kahlheit, mit wel- / 
eher sie den aus dem allzuiangen Verzug der Wiederkunft 
€bristi erwachsenden Zweifeln , wie Paulas Im 2ten Thes- i 
salonicherbrief durch Ventecksplelen mit dunkeln Redens- 
arten , und gar Petrus In seiner ew^ten Epistel dureh das • . 
Ungeheure einer Berufung auf die göttliche Zeitrechnung, 
in weicher 1000 Jahre = einem Tage seien, su entgehen . 
suoben 2). 

Der tddtllchen Wunde, welche man dureh solche Fol* 

gerungen aus dem vor uns liegenden Abschnitt dem Chri- 
stenthum beibringen wollte, roufste natfirlich die Exegese 
auf |ede Vi^eise aussubeugen suchen* Und nwar nfiher, in- 
dem der ^anae Knoten darin besteht, dals Jesus mit etwas 
nunmehr längst Vergangenem in unmittelbai*eii Zeitzudam- 
menhang etwas noch immer Zukünftiges au setzen scheint^ 
so waren die drei Auswege möglich : entweder su leugnen, 
dafn Jesus sum Theil auch von etwas Jost schon Vergan- 



Ji) Vom Zweck Jesu und seiner Jünger, S. 184. m IT. 2« 7 & 



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MH Dritter AbvcliMit^ ' 

gwMfli spreehe, «nd ihn von innler noeli ininier ZvfcttnW- 

gein reden sii lassen; oder leugnen, dafs ein Theil sei> 
Aer üede etwa« noch jezt Zukünftiges betreffe 9 sumit die 
genne Vonio«Mgiuig auf etwM bereite binter nne Liegea- 
des BH beslehen; oder endJieh swer ensttgeben, deCi der 
Vortrag Jesu theils auf Solches, was uns schon ein Ver- 
gangenes, theiU auf Solches, was nns noch ein Zuiiiiiif* 
tiges iaty «ieh besiebe, aber so iengnen^ ciais er swisebe« 
beUe« eine nnmttleibere Zeitfolge behenpCet bebe. 

In der urchristlichen Erwartung der Wiederkunft Christi 
noch lebend, und zugleich in geregelter £xtfgese nicht so 
gettbty WB fiber einige Birten einer aonet erwUnsebten Er^ 
ktimng nicht hinwegsehen nn können, tieeogen einige Kir» 
clienväter, wie Irenaus und Hilarius den ganzen Ab- 
•chnitt von seinem Anfang Matth. 24, bis zti seinem Ende 
Kefi. 25, auf die noch bevorstehende Wiederliunft Christi 
«um Gerieht* Aliein, indem diese Anslegungs weise so- 
gleich einräumt, von vorne herein habe Jesus als Tyjius 
dieser ieeten Katastrophe die Zerstörung Jerusalems ge- 
branebt: eo glebt sie damit sieh seihet wieder auf, denn 
was lieMst jenes Zngestindnift anders, als dafs der Anfang 
der fraglichen Reden zunächst den Eindruck mache, wie 
wenn von der Zerstörung Jerusalems, also etwas bereits 
Vergangenem, die Rede wäre, und dais nnr eine wettere 
Reflexion and Conibination demsellien eine Beslebung aof 
etwas n6ch in der Zukunft Liegendes geben könne? 

Der neuere Ri^tionalismus , weichem in seinen natura- 
Üstiseben Anfängen Jede Hoffnung auf die Wiederkunft 
Christi na Nichte gewof^en war, und weleber, um das 
ihm Mifsfallige aus der Schrift wegzubringen, jede exege- 
tische Gewaltthat sich erlaubte, warf sich defswegcn auf 

3^ Jener adv. Harros. 5, 25 ; diestT Conini. in IMaüh. x. <l. St. 
Vcrgl. iibtT die verschiedenen Auslegungen dieses Absclinllls 
das Verseichni!:«» Uc'i ScIiott,' (^nmmenlarius in cot J. t>i>r> 
semoaes, qui de reditu ejus ad judicium — sguot, p. 7Sfi'* 

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% 

Erste« KapiteL S* Hl* M7 

d?^ entgege II ^eseiBf» Seite, oml wagte den Versveb, die be- 
treireiideii Reden Jesu in ihrem ganzen Verlauf nur auf 
die Zerstörung Jerusalems, und was ihr «uniiciMt voran- 
gieng und folgte, mu Imielieti ^> Uleter Aualegmig m- 
folge soll dss Ende, ron welehem die Rede ist) mir dee 
Aiifliören der jüdisch -heidnischen Weltgestaitung ; das von 
der Ankunft Christi in den Wolken Gesagte nur bildliche 
Beseiehnang der Verbreitung nnd des Siegs seiner ^Lehre; 
die Versammlung der Vttllier sam Gerieht und die Terwel- 
suiig der einen in die Seligkeit, der andern in die Ver- 
dai^mnifs ein Bild für die beglückenden Folgen sein, wei- 
elie die Aneignung dep Lehre und Saehe Jesn, nnd iür die ^ 
Übel > welehe die Gleiehgttitigkeit oder gnr Peindsehaft ge- 
gen dieselbe mit sich führe. Allein hiebei wird ein Ab- 
stand der Bilder von den Ideen angenommen, der sowohl 
an sieb nnerböri, als im Besondern hier nioht denkliar ist, 
wo Jesus au jüdisch Gebildeten redend, wissen nofste, dalb 
sie, was er von Ankunft des Messias in den Wolken, vom 
Gericht und Ende der gegenwärtigen VVeltperiode sagte ^ 
im elgentliciiston Verstände nehmen würden. 

Leist auf diese Weise die Rede Jesu ihrer ganaen 
Länge nach weder auf die Zerstörung des Jüdischen Staats, 
noch auf die Vorgänge am t)nde der Dinge sich beaiehen; 
so mdlste sie auf etwas von beidem Verschiedenes iieBOgen 
werden, wenn jedesmal an einem und eliendemseUien Zig 
jene gedoppelte Unmöglichkeit haften würde. So aber i'n\^ 
die Sache nicht^ sondern während auf das ferne Ende der 
Welt nicht besagen werden kann, was Matth. 24 » 2. 3* 
15 iL Ton Verwüstung des Tempels n* s« w* gesagt wird: 
kann umgekehrt auf die Zerstörung Jerusalems das nicht 
gehen 9 was 25, 3i ff« von dem durch des Menschen Sqhu 



4) Bahrdt, Übersetzung des N. T.s, 1, S. 1105, 5le Aiisfj. ; (f^ 
KeNKRMA>i\, Handbuch der (jlaubenslehref 2« S. 579* 3yS. 427* 
447. 709 ft,f und Andere » bei ScHonr, «. a. ü. 



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^48 Dritler Abtohniit.- 

n halrenden Gericht verkfliuligt iuL Indev hieimch in dar 
Rede Jeia TOfi Vom herein die fieniehting auf die Ze^t5- 

ruiig Jerusalems 9 nach hinten zu aber die auf das Ende 
der Dinge die vorwiej((ende ist: so wird eine Theilung mög- 
lich, in der Art, da& der ersM» Tiieii der üede anf Jenen 
niiheren, der nweite «of diesen entfernteren Erfolg beco-' 
gen werden kann. Diefs ist der von den meisten neuei*en 
Kxegeten eingeschlagene Mittelweg, bei welchem es sich 
nur fragt, wo der Blnsehnitt na machen ist, weicher beide 
Theiie von einander trennt Da es eine Spalte sein nfile- 
te, in welche voraussezlich die ganze Zeit von der Zerstö- 
rung Jerusalems bis sum Jüngsten Tag, also niuthmafsiich 
ein Zeitraom von melireren Jalirtansenden hineinfiele: so 
sollte sie, mala man denken, itenntlieh l»eseichnet, nnd ^ 
folglich leicht und mit Übereinstimmung zu finden sein. 
Es ist kein gutes Vorzeichen für die ganze Voraussetzung, 
dais man diese Übereinstimmung vergeblich sucht, vielmehr 
an den* verschiedensten Örtem der Rede Jesu jener Ab- 
schnitt gefunden worden ist. 

Da auf der einen Seite so viel entschieden zu sein 
•ehien, dafs wenigstens der Schlafs des 25ten Kapitels, 
von ¥• 31. an, mit den Reden von dem feierlichen Gericht, 
welciies der Messias, von den Engeln umgeben, über alle 
Völker halten werde, nicht auf die Zeit der Zerstörung 
Jerusalems besogen werden könne: so glaubten manchd 
Theologen hier die Orenne abstecken, nnd bte i5, SO. nwar 
die Beziehung auf das Ende des jüdischen Staates festhai> 
ten 2U können^ von da an aber sum Weltgericht am Ende 
der Dinge ttbergehen «a massen An&UeA mnis bei die» 



5) So LisiiTfooT, s. d. St. Flatt, Cosun. de notione vocit ßm» 
mUia rwr tS^rtSv^ in VstTRVSiN^t tt. A. SaBunlung, 2, 461 ff. 
Jahn, BrklSrung der Wdssagungca Jesu von der Zerttörung 
Jerusalems u. s. w. , in Bskokl^s Archiv 2j 1> S. 79 ff. , und 

Andere^ f. bei Schott^ S. 75 f» 



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Evstei Kapitel, i. III. 949 

•er ErkUSrnng sckon diefiiy die grofte Kluft, weiche der» 
eelbeii snfolge swisebeti 25, 30. und Sl. «tntifinden mafste, 

durch ein einfaches öt bezeichnet za selten. Dann aber 
wird hiebei nicht iior das von Sonnen- und Mondafinster«- 
nieten, firdbeben^'und herabfallenden Sternen Gesagte als 
blelaes Bild für den Untergang des jüdischen Staats ond 
Cultus erkUrt, sondern, dafs 24, 31. vom Messias gesagt 
ist, er Vierde auf den Wolken kommen, das soll heis- 
•en: nnsichtlnur; mit Macht, das heifse; nur durch seine 
Wirkungen beoMrfciiar; mit vieler Herrlichlieit, d. In mit 
einer solchen, die aus jenen Wirkungen Merde crschJosseii 
werden können; die alle Völker eusammen trompetenden 
SyyBim aber sollen die predigenden Apostel sein ^> 

FMllt hiemit der Versuch, von hinten herein gebend 
bei 2.J, 30. Rbsutheilen, durch die Unfähigkeit, das weiter 
vorwürts Liegende nn erklaren, in sich selbst susammen: 
so lag es nahe, von vorneherein zu sehen, bis wohin die 
Benlehnng auf die nfichste Zukunft nothwendig festsuhal« 
ten sei, und da ergab sich' der erste Rubepunkt hinter 
24, 28; denn was bis dahin von Krieg und andrer Noth, 
Tom Gräuel Im Tempel, von der ^othwendigkeit schleuni« 
ger Flacht , am beispiellosem Elend sa entgehen , gesagt 
ist, das kann ans der Besiehnng nur Zerstörung Jerusa« 
lenis ohne die gröfste Gewalt nicht gerissen werden ; was 
nl»er folgt, vom Erscheinen des Menschensohns in den Wol« 
ken a.a« f», erheischt eben so dringend^ eine Besiebang anf 
itte leden Dinge Hiebei jedoch scheint es envörderst onbe» 
greiflich, wie man den ungeheuren Zeitraum, welcher auch 
iiei dieser Erklärung «wischen den einen und andern Theil 
der Rede fällt, gerade awischen swei Verse hineinlegen 
kann, welche Matthäus dnrch eine Partikel der kttrsesten 



Q So asmentUch Jaih, in der angeliihrten Abb. 
7) So. Stokr, Opute. acad. 3, S. S4ft PMOS, excg. Hsndb« 
3; a, S. 34« f. 402 f. 



üiyilizeQ by ^üOglc 



)30 Dritter Abschnitt. 

Zeit ifv&iotg) verb;ndet. Man hat dicsom UbelstamI dnreh 
die Behauptung ^u$iBQweicheli versuclir, dal's f vOnog hier 
nicht die schnelle Folge der einen Begebenheit aal* die an- 
dere, so nd 01*11 nuir das unerwartete Eintreten eines £reif^- 
nisses bezeichne, und also hier nur so viel gesagt werde: 
plösiich einmal ( unbestioimt, wie lange) nach jenen lie« 
driingnissen bei d^r Zersttfrong Jemsaleins werde der IMee» 
Sias sichtbar erscheinen. Abgesehen deren Jedoch, dale 
eine solche Deutung von n)Mojgj wie Olshausen riclitig-. 
•iebty ein blolser« Nothbehelf ist, so ist durch dieselbe nicht 
einmal wirklich geholfen , indem nicht allein der parallele 
Markus V. 24. durch sein ip inelvaig raig r^i^itQaig fttta 
%rpf ^UijJiv ixiivrpf die von hier an gemeldeten Erfolge in 
dieselbe Zeitreihe mit den zuvor erzühiten verlegt, sondern 
aneh kurs hernach (ibereiiistimmend in allen Relatiene» 
(Matth. V. 34. parall.) die Versicherung sich findet , daCi 
alles diefs noch von der gegenwärtigen Generation erlebt 
werden würde. Da auf diese Weise der Annahme, daCk 
Yon V. 29. an Alles auC die Wiedecknnflt Christi «noa 
Weltgericht gehe, durch den 84ten Vers Vernichtung 
drohte: so wurde nrnimehr, wie schon der Wolfenblittler 
kiiigt')! das Wort ytv^d gefoltert, dafs es der Voraus- 
aetsnng nicht mehr entgegen sein sollte. Bald mnlste ea 
die JAdische Nation ^ , bald die Anhängerschaft Jesu ' <*) 
bedeuten, und von der einen oder andern sollte Jesus sa- 
gen, sie werde, unbestimmt in der wievielten Generation, 
l^i*m Eintritt Jener Katastrophe noch vorhanden sein. ISo 
den gedachten Vers so erkllbren, dals er eine Zeitbestini- 
mung gnr nicht enthalte, soll selbst nothw endig sein in 
Rücksicht auf den gleichfolgejiden 35ten : da nämÜeli in 
diesem Jesus den Zei^unkt jenee iUtastrophe sn bestim« 



8) a. a. O. S. 188. 

9) SfORR, a. a. O. S. dO* 116 ff. 
10) Panwt, s. d. 8t. 



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Kriles Kapitel, f. »t 

iMn für minoglich erlklürey so kSnne er nleht anmiftlelber 

vorher eine solche ßestlmniung gegeben hnben durch die 
Yersiclierung, dnfs seine Zeitgenossen noch Alles erleben 
wOnlen. Inilere diese engebliißhe Nörhigon|r, des yma so' 
sn deuten, ist llnpfst aas dem Wege gesehaift dareh dM 
Unterscheidung zwischen der ungefähren Bezeichnung des 
ZeitraumS) über den das fragliche Kreignifs nicht hinaus- 
feüen werde (/ma)» welche Jesos giebr, and der genao^ 
bestioMiang des Zeitpunkts aal mqu), in weleheni 

es eintreten werde, die er nicht geben zu können versi- 
chert ' Doch selbst die Möglichkeit, yti tu auf eine der an« 
gegebenen Arten ea deaten , verschwindet , wenn man er- 
wfigt, dafs in VMEndang mit einem Verbam der Zeit and 
ohne sonstiges Prltdilcat yfvea unmöglich eine andre als 
seine ursprüngliche Bedeutung: Generation, Zeitalter, ha- 
llen liann; da(s in einen Zasammenhang, welcher die Za* 
linnllt 'des Messias durch Zeichen an liestiijbmeh sacht , ein 
Ausspruch übel passen würde, der, statt über den Ein- 
tritt jener Katasti^ophe etwas auszusagen, vielmehr von der 
Dauer des Jüdischen Vollis oder dei^ christlichen Geraeindo 
iMindelte^ Ton weicher gar nicht die Rede war; dafi» aneli 
schon V. 83. in dem vu€ig, orcxv Idr^ze ndvta ravtay 
ytniaxete x. r. jU vorausgesezt ist, die Angeredeten wür- 
den die Annftiierong des fraglichen Ereignisses noch erle» 
Im«; endlieh da(s an einer andern SteUe (Matth. 16^ S8* 
parall.) die Versichernng, die Anlionft des Menschensohns 
noch BU erleben, statt von der yeveu avrfj geradezu voa 
Tfol rcSy (ade igtkm gegeben wird^ wodurch aufs £nt-: 
seileidendste dargetha» ist, dafs Jesus auch an unsrer Steile 
unter Jenem Ausdruck das Geschlecht seiner Zeitgenossen 
verstanden hat, welches noch nicht ausgestorben sein soll- 
te, bis jene Katastrophe eintreten würde ' ^)» 

11) 8. KüixÖL, in Matth. S. 649. 

12) vgl. den WolfcnbUttlcr b ragmeatisten , s. a. O. S. 190 ffi 
S^CMOTTy a. a. O. S. 127 ff. 



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2^2 Urifcter Abs«linitt. 

Findet sich demnach nach V. 34. etwas, das auf ein 
Zfiitalter Jesu «eiir nahes fiveignifs zu beudien ist; 
to kann nicht schon von ?• äl).«an die Rede J«$b auf daa 
entfernte Ende der Welt gefipn^ sondern man mota de» 
£inschnitt noch etwas weiter hinaus, etwa nach V. 35. oder 
42. setzen Allein hiebei behält man dann AuasprttcJia 

Im Rttoken, welche der Dentnng auf die Zeit von Jmrvaa» 
Icms Zerstörung, die man dem Abschnitt bis an den be* 
seichneten Versen geben will, widerstreben, man ronfs in 
den Reden von dem herrlichen Kommen Christi auf den 
Woücen und dem Versammeln aller Völker durch £ngei 
(T. 30 f.) dieselben tm geheuren Tropen finden, an welekeni 
yßfie wir oben gesehen haben ^ eine andere Abtheilung ge- 
aoheitert ist. 

Hat auf diese Weise der Aussprach V..34| welebar^ 
aammt der vorangehenden Bilderrede vom Feigenbaum (V. 

31f.) und der angehängten Bekräftigung (V. 35.), auf ein 
sehr nahes Ereigniis sich beziehen mufs, sowohl ohnehin 
Torwftrts Reden, welche nur auf die ferne Kataatrophe ge» 
hen kennen, als auch rOckwfirts bereits eben solche: ao 
scheint er in dem Context der Qbrigen Rede als Oase von 
eigenthümlichem Sinn mitten inne eu liegen. So nimmt 
Schott an, nachdem Jesus bis V« 26* Ton der Zerstörung 
Jerasalems gesprochen , sei er awar V. 27. auf die Ereig- 
nisse am Ende der jetzigen Weltperiode übergegangen, 
Y. 32. aber komme er auf das die Zerstörung Jerusalems 
Betreffende curfick, und fahre erst V. 30. wieder Über das 
Weltende au sprechen fort^^). Allein das heifst in dar 
' Veraweiflung den Text serhaeken; denn so unordentlich 
und springend kann Jesus, noch dazu ohne in der Ah- 
dnanderreihung der Sätae eine Andeutung au geben, ua« 
möglich gesprochen haben« 

13) Jeaet Süskikd, vermischte AufsMtse, S. 90 ff. ^ dieses KvuiSl, 
in Mallh. p. (355 ff. 

14) s* dessen Commenttrius, z. d. St. 



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• ■ 

Dm uolk «r RMh 9khty Mint 4fo nftteaC» Kritik» mik 
dkm tmi lUdMiDiig der Re€»reiiteii «oll et konaum, ver^ 

scliicdeiie, nicht M:u8aiuiuengehöi*ige Aussprüche Jestt aiieht 
in der besten Ordnung anetnajideirgefUgt zu haben« Mat« 
ikftM MUohy «tfiMit ^cmiui ein, stelle aieh diese Redem 
ab In GineM Zuge gespreeben vor, vnd nur WllikAkiv ade» 
Gewalt ktfnne sie in dieser Hinsicht auf^einanderreissen: 
aokwerlich aber habe Jesus selbst sie in dieseia Zusammen- 
ktng «nd mit diesem XotolgepWlge .vergetragen üta 
fwsc hi edh n en Mea e n t e seiner ZnluMift, aieüit SiMman^. 
atüie unsichtbare :ParDsie sur Zerstörung Jerusalems, und 
seine eigentliche am £nde der Dinge ^ müge Jeims zj^ar, 
nlchti^iausdHickUek geaondert kaben f deck, kak« er sie elf 
ekeri aaflk#ntQkt[#|ioellittferkMid0n, »aendem, was er stiilr 
sebweigelid<*ftn^nanderreihte, das sei den £?Angeiisteiff der 
Dunkelheit des tiegenstajides wegen in einander verflossen. 
Uiid indem hier «wis^^ben Matthäus und Lukas die Jiiffe». 
tfew sHsdtrkakviy .dailiy was Mattblins In lüaem Znsam-^ 
taenhang gesproehen sein llfst, bei laikas an verschiedene 
Stellen vertheilt ist, wozu noch kommt, dafs er manches 
von Mattkäus Mitgetheilte thskils gar «nicht , theiis anders 
gifkt: ae glaubte sIek SoHUKERMACHKit ber^ckttgti dif 
Composition des Mattklns geradeau ans Lukas bu reetifi» 
oiren und zu behaupten, während bei Lukas die zwei ge* . 
ti*ennten Reden^ 17, 22 «ind 21, 5 ff., jede ilii^en guten 
Znsammenhang und Ihre nnsweifelbafte Beeiekfing habeniy 
«el Matthäus C^^p* ^ und 25«) durcb V^rmcngung 
jener beiden Vorträge und Hinzufiigung anderweitiger lle- 
fiestttckjS sovTQkl der Zusammeniian^ verdorben, als die Be- 
j|iekn^g v^rdnnkalt i^owdßn» * iSioll. nun, aker,.in der Rede 
1^.91. 1^ ^ genpniii|e# t^tfftM ffln, yrp» Mhft B«; 

iS) Uber da» Abendmdily 8.i^l«>f^ i . • . 
gg) VboF dsn Umpnmg.^etreni^i». k$t^oj^ JSvsng. $• lld ff. , . 
17) t>kfJtdeaJ-ukj|f,.Sl..21&m.?65ff.. ; . ^ 

Das LAtn 'Jttm //• Band. 23 



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Sil - Brlir#y Akielmitt. 

cMiaiif Mf «Kft Blnniiim JtrmidiBW «ml «kii liiMilft Z«- 

sainmenhUngenfle hiiiNUtgieiige; Im ünHet ticb fio«h «uch 
liier { V« 27. ) das tdtt oipovtui tov viov tö urO^(}vmn tQxi^ 
litvov er wq>(kiif nad wenn diefii 8€iii.BiBUiACHiR iilt blofset 
Mia fiBr «lie Sil Tage koaiaieii4* rattgUfM Mmumtg iImp 
i»rwb6 t ehrteb6iieii polIciMliefi mmi Wiimi4>eg c Wwhcllen «v 
klfirt: so ist dielii eine Geu aitsainkeit , an welcher seine 
ganee Ansicht von dem Verhjiltnifs der beiden Bericbia 
aclmilert» Wenn auf diete Weite In der Verkna|ifang 
des Endet aller Dinge ntl der ZertlVr«ng det Teon 
peU SU Jerusalem Matth jius keineswegs allein steht, son* 
dem Lakas sie gleichfalls machte und ohnehin Markus, dar 
In dietem AWlinItl einen Antsag ana MattlUtet giabi: aa 
mag awar ▼fellefeht a«eh In di et cr llade*Jetaywla kr an* 
dem, die sie mittheileii, Manches su verschiedenen Zeiten (le- 
tprochene ausamraengestellt sein; aber au der Aanahaia liat 
WM kein Beebt, dafii gerade dat auf Jene Mden naeh an* 
trer VertCething se weit anteinanderltegenden' M e g t^ e niiel* 
ten sich Beziehende das Nichtxusauimengehörige sei, euaiai 
wir aus der Ubefeinstinuienden Darstellung der ÜbHgen 
N. T.liehen Sehriften eneken, da(t die ertte Gemeinde dia 
Wiederkunft Christi sammt dem Knde der gegenwirdgen 
Weltperiode als nahe b vorstehend erwartete (s. 1. Kor. 
10, 11. 15, dl. Phil^ 4, jf, 1. Thess. 4, 15 Ii. Jac. 5, 8. 
t. Peer. 4, 7. I. Job. % 18. Offenik 1, 1. S. U. tt^ 
T. 10. It. 10.,. 

Ist hiemit der lezte Versuch gescheitert, die grofse 
lUut't, weiche auf untrem beutigen 8rand|iiinlit »wischen 
der ZerttOranfjr Jemtalemt und dem Knde aller Dinge be^ 
festigt Ist, auch in die varliegenden Reden liin^lnanbrin« 
gen: ao sind wir thntsächlich belehrt, dafs jene Trennung 
eben nur uiisre Vorstellung ist, die wir in die Darstellung 
det Testet nicht hineintrage dürfen. Und w«nn wir er> 
^igen , dafs wir die VartteUang Ton Jener Khift nur der 
Ei'fahrung der vielen dahrhunderte verdanken, welche seit 



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I 



Erttei Kupitel« % Iii. SSA 

der Zefitdrang JeraMilemt verfloMen tind; ao nrnft et titi« 
Meht werden 9 nne mu denken ^ wie der Urheber dieser 
Beden, welcher diese Erfahrung noch nicht hinter sich 
hatte, die Vorstellung hegen i^onnte, dnfs bald nach dem 
Fall des jüdischen UeiiigthttM, nach |ttdiacher Vorsteüung 
dea Mittelpunlia der {etaigen Welt, ea auch mit dieaer 
eelbat ein Ende nehmen^ und der Messiaa sup Gericht er- 
aelieinen werde« 

i. 112. 

Vrapnuig der Reden üJbcr die Panitie. 

In dem eulezt gezogenen Resultat über die unsrer Be- 
tmcblnng vofUeganden Reden ist non aber, etwna enthal* 
len^ weiebea « rermelden alle biaher benifheiiten faiichen 
EHülrungsyeraiiehe gemacht worden alnd« Bat nffmüch 
Jesus sich vorgestellt und ausgesprochen , dafs bald 
nach dem Falle des jüdischen iJeiligtimms ipine sichtbare 
Wiederluinft mi^ji daa Ende der.Wejt erfolgen werde, w^h- 
vend mm aeit Jener eraten Katastrophe fast 1800 Jahre 
hingegangen sind, ohne dafs die andere eingetreten v^äre: 
ao hat er in diesem Stücke geirrt, und lyer nun auch der 
tiegetiaehea Evidens ßo viel nacbgiebt,. um in, jenem Re- 
anltateHber den Sinn djar vorliegenden Reden mit nns Aber- 
einzustimmen, der sucht doch aus dogmatischen Rücksich- 
ten dieser Conse^nene desselben .auszuweichen. Bekannt- 
lich hat ÜBMesTKMBKKo. in Beauff an^ die . tiesiebte der he- 
brXiachan Propheten die Ansicht ai^fgf bracht» welche anch 
bei Andern , z. B. bei Olshausen, Beifall gefunden, es ha- 
ben sich dem geistigen Schauen dieser Männer die zukünf- 
tigen Dinge nicht in dem Medium der Zeit, sondern dea 
Raaaia> glelohaam ais.groCie Tiibleana, dargeboten, wo- 
bei , wie dlelb iiel Qemftlden oder Femaiehten der Fall Ist, 
das Entfernteste oft unmittelbar hinter dem Mticbsten zu 
atehen geachienen, Vorder- und Hintergrund sich miteinan- 
der wrmengt haben , nnd dieae Theorie von einem per- 

23 ♦ 



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DrUfer Aburhwttt 



s|iprtiv!sol)en Schauen ftoTf nnn AOch anf Jesutn , nnmont 
lic:li in Be/.iig auf ilie vorÜe^nden Reden, ihre Armen- 
dting finden *> Alielti, was Paulus schlagend bemerke 
hat y wie derjenige ^ welcher in einer ttnsserllch gegebe- 
nen Perspective die Distansen nicht en nnterseheldefl weift» 
sich in einer ojitischen Tituschiing befindet, d. h. irrt: 
ebenso wird bei einer innerlichen Perspective von Vorstel- 
langen , wenn es so etwas giebt , das übersehen der IN« 
stansen ein Irrthum genannt werden müssen, nnd es ceigt 
somit diese Theorie nicht, dafs jene Männer nicht geirrt 
haben 9 sondern eriilärt vielmehr nur^ wie sie leicht irren 
konnten* Auch Olshausbh hftit daher diese» TOn ihm sonst 
adoptirte 'Betrachtungsweise nicht fflr snveiehend, in ge* 
gcnvvürtigem Fall allen Schein des Irrthums von Jesn en ent- 
fernen, und sucht deis wegen aus der eigenthttmlichen Natnr 
des FaktaoM» von dessen Voraussage es sich handelt» nocik 
besondere BeehtfertIguhgsgrOnde absulelten Fllr*s Brsle 
soll es eur ethischen Bedeutsamkeit der Lehre von Christi 
Wiederkunft gehören , dafs diese jeden Augenblick für 
mögüchyja wahrscheinlich» gehalten wenle. Allein hiedurch 
sind bloß Anssernngen» wie Mutth. S4» 37 ff. gerechtfer- 
tigt , wo Jesus zur Wachsamkeit ermahnt, weil Niemand 
wissen könne» wie bald der entscheidende Augenblick kom- 
me i keineswegs aber solche» wie 24» 34» wo er versichert» 
noch vor Ablauf eines Meiischenallers werde alles in Er- 
füllung gehen; denn das Mögliche denkt sich, wer eine 
richtige Vorstellung hat, eben als möglich, das Wahrschein- 
liche als wahrscheinlich » und wenn er bei der Wahrheit 
bleiben will» stellt er es eben so dnr: wer hingegen das 
nur Mögliche oder Wahrschelnflehe als Wirkliches sieh 
vorstellt, der irrt, und wer es. ohne es selbst so vorzu- 



1) HiN«tTiMiKii», Christologie des A. X.» 1» a, S. 305 ff. 

2) cx. Handb. 3, a> S. 403. 
3} i>« Comm. 1» S. 874 II. 



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Il^riito« Kapitel. Si- 3d7 

«fcelieii) (iocii au eines religiösen oder moralischeB Zw ecl&es 
vilieii dafiOr «Ofgiebly der hat sich eioe pia ff aus erlaobl. 
Weiter bemerkt Olsnaossm, die Ansieht, daÜi die Zniinnfl 
Christi Kuiiäclist bevorstehe, Jiabe ihre VVnhrlieit darin, 
dafs wirklich die ganze Weltgeschichte ein Kommen Chri- 
sti aei, ohne dala Jedoeh hiedvreh aein abschÜefsendea Ko» 
men am £nde der Dinge attsgeschlosaen wXre. Allein , 
neun Jesus als nfichstbevorsteheiid bewieseiieriiiarseii sein 
eigen tlichea, abacidieasendes Kommen darstellt, in Wahr- 
lieit aber mir aein «neigmitliehea, fortwihreiidea Kommen 
Auch in der nächeten Zeit aebon eingetreten iat; ao hat er 
dteae beiden Arten seines Kommens verwechselt. i)a8 Le/- 
te, was OtsUAusEN anführt, weil die BesciileuMigang oder 
Yersagentng der Wiederliiuift Cliriati von dem Benehmen 
der Bf enaehen, alao von der Freiheit, abhünge, so ael aeine 
Weiasagung nur bedingt zu verstehen , steht und i^Wi mit 
dem Ersten : denn etwas ßedingtes unbedingt darstellen y ^ 
heilat eine irrige Vorateliung verbreiten. 

Aneh Sieffkrt h«lt in fihnlicher Welae die Gründe, 
durch welche Olsuauskn die Bestimmungen Jesu über sei- 
ne VV^iederikuoft dem Gebiete des Irrthums zu entnehmen 
nuebt, fUr nngen<lg^nd| dennoeh aber meint er^ dem chrlat- 
llehen Bewnlataein aei ea onmtfglleh, Jean eine getlnachte 
Krwartung susttschreiben In lieinem Falle würde diefs 
herechtigen, in der Rede Jesu diejenigen Elemente ^ wel- 
che auf den näheren ^ und welehe auf den naeh unaerer 
lüinaieht entfernteren Erfolg sieh hesiehen, willkUhriieh von 
•inander an scheiden: sondern wenn wir Gründe hitteui 
einen solchen Irrthum von Seiten Jesu für undeniibar an 
lullten, ao würden wir überhaupt di^ Reden von der Par- 
osie ihm ahtpreohen müaaon. Indofa^ vom orthodoxen 
Standpunkt betrachtet^ fragt man nicht nuerat, waa einem * 
heutigen ohriatlichen Bewufstsein beliebe ^ von Christo au- 

4> Ober den fTrsprung u, a. f. 8. 119. 



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Dritter Abschnitt. 



ftunehmen oiler niolit', •onitern, wat Von Christo gosehrle- 
ben stehe, ist die Frage, worein sich dann das ßewiifst- 
ieln wird »a schicken suchen mttssen so gut es geht; ra- 
tloniil die Sache Angesehen eher hat ein soiches anf Vor- 
aussetzungen ruhendes Geftthl« wie das sog, chrisdtche Be- 
wufstsein ist , in wissensohaftiichen Verhandlungen lieine 
Stiminey nnd ist, so oft es sich in solche mischen will, 
daroh ein einfaches : mulier taceat in eccUtia \ cor Ord- 
nung zn weisen. 

tVagt es sieh nun, ob wir vieüeicht andre Gründe 
haben I die Weissagungen Matth. 24. 25. parail« Jesu ab- 
msprecheni so iiönnen wir ansre Untersachnng an die Be- 
hftuptfini^ supranatttralistlscher Theologen anknüpfen , was 
JcsiM hl(*r voraussaore, habe er nicht auf dem natürllclien 
Wege v(M\s|jindiger Berechnung) sondern nur auf übernatür» 
ilohe Weise vorherwlssen können Schon das Allgemel- 
nOy dafs der Tempel nerslört, ond Jerusalem verwfistet 
werden würde, konnte nach dieser Ansiclit niclit so sicher 
. vurAUsgewufst werden. Wer hätte vermuthen können, fragt 
man^ dafs die Juden so weit in ihrer Raserei gehen Wör- 
den, dals Jener Ausgang herbelgefltihrt werden mufste ? wer 
konnte berechnen, dafs gerade solche Kaiser äolehe Prucu- 
ratoren schioke.n wttrden, welche durch Niedcrträehtio^keic 
nnd Schwiiehe nur fimpärung' reisten? Koch auffallender 
Ist dann, da(« manche einselne Z(lge> die Jesus yorbersag- 
te, wirklich eingetroffen sind. Die Kriege, Seuchen, Erd- 
beben, HungersnOthen, welche er prophezeihte, lassen sich 
In der folgenden Geschichte wirklich nachweisen; die 
Verfolgungen seiner Anhänger sind ohnehin eingetreten; 
die VoranssAgung toh falschen Propheten, und swar na« 
mentlich von solchen, die durch Versprechen von Wun* 
dei*zeIohea d.u Volk in die Wüste locken würden (Matth, 
)14> 11^ 94 ff. parall.), UUst sich mit einer aniEsUend fthnli« 



5) •« s. fi« Uji4i«i Uoium, AUuU, 2^ ff« 



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&r«le« KapiteL {• 112. 



SM 



dh«n Stelle aus Jo at p l w » Sebiideniiig f|rr Jesten Zeiten 
ites JAditelien 8tMitt fitrgleieliMiO.^yt«'.«'/^''*^ viso s:^- 
Ton^Jcov liQHaaXf^fi bei Lukiis, woaiic iler x^Q^? 
gleichen isty welcher nach Lue* 19^ 43 f. um Jerii»alein ge* 
mögen werden sollte, iLann In dem Umsrnnd m iedergefua« 
. dm werdeiiy daft, naeh Juaaphiia ZtufiiÜa Titrn JcnitaleM 
dureh eine Mauer eisfehliefteii lieft'); to wie endlieh 
»UGh das Auffallen kann, dafs die Angaben: bx uqii^tlot%ai 
kiiHig ini Ai^f/i in Besag auf den Tempel, «nd iSaq^tual ag 
CLne. 19, 44.) in BcMg anf die Stadt, In wCrtUcha £rAll- 
Inng g^gANgen find. 

Wenn nun aus der Unm(»gtiehkeit , dergleichen In na- 
tfirlieher Weise voraussusehcn, auf orthodoxeap Standpunkt 
•ine UbernalUrliche £infielit Jesu gefolgert wird: ao an* 
terliegt die Annalknie einer aolelien aueli Iiier den gleieben 
Schwierigkeiten , wie oben bei den Vurliei Verkündigungen 
deti TuHes und der Auferstehung. Oeiiii nach Matthäus 
124, 1&.) und Marina Cl^ 14.) bat Jeaoa daa Eintraten der 
Kataatroplie an die ErfiBlInng des dnreh Daniel von einem 
fiiUlryfia if^g «(i/^/ictiafojt; Geweissagten geknüpft, fotglieh 
Dan. 9, 17. (ygL 11, 31. 12, II.) auf ein Ereignifs bei 
der Zerstdrnng Jemaalenit dnreh die Römer benagen. Denn 
was Paulus behauptet, Jeaua liabe hier nur einen Auadmck 
%'on Daniel entlehnt, ohne fenen Ausspruch dea Propheten 
als VV^eissagung auf etwas eu seiner Zeit noch Künftiges 
Bu betraehten , wird hier besonders durch den Znsae : o 
amygwiimuM fnibar, undenkbar. Nun aber darf •§ auf den 



6) Antiq. 20, S, 6 (vgl. bell. Jod. 2, 13, 4.)* Of A )^9r«c mA 

fnta9au ^C^ttr yä^ Sfaaar ri^ara «a» anfitTa^ «ara 

T^v x9 nfifroiar ytrS/ttra. JT«* noHo\ rttta9errtf 77; 

df^oWrff T$fu»füit iniöjfüv* 4rax94vta$ fi^ mvti$ ^^ijUl ia^ 

7) BelL }ud. 5» 11, !• 3. 



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jetsstf^n Sfiindpiitilii Her Krtttk üb enfaehMen mgeMw^k 

werden , dafs die An£[eKeigten Stellen im Daniel auf die 
EiiUreihnns: des Heiii^fhums unter Antiochus £piphiines 
»ich besiehen^, iilso ilie Oeotang^' derselben, weiche 4sm 
EFunprelfsten hier Jeso leihen, efo§ Ibisehe ist fine sof- 
cho ahor kann ihm nicht uns seiner höheren Natur gekoni* 
men , sondern er mülste hierin seiner menschlichen Gei- 
steskraft (iberisssen gewesen sein. Doch eben, wie er 
mittelst dieser tm Stande gewesen sein sollte, einen ron 
so vielen ZuMligkeiten abhängigen Erfolg mit sefnen Ein« 
selheiteii voraas /.a sehen , ist unbegreiflich, und man \Tird 
von hier aiis atlf die Vermothüng geführt, dafs diese Re- 
den In der Bestimmtheit, wie wir sie iiier lesen, nicht 
▼er dorn Erfolg, mithin nicht von Jesn, gesprochen, son^ 
dorn nach dem Erfolg ihm als Weissasj^ung In den Mund 
gelegt worden seien. So nimmt z. B. Kaiser an, Jesus ha- 
be nur bedtn'sft, IMr den Fall, dafs die Nation sich nicht 
dnrch den Messias retten Itefse, dem Tempel ond der Stadt 
ein schreckliches Schicksal durch die Römer gedroht, und 
dieC« in prophetischen Bildern beschrieben: die unbedingte 
Haltung aber and die genaneren Bestimmnngen seien sei- 
ner Hede erst posf eyentitm gegeben worden 

Im Gegensaz gegen diese beiden Ansichten, von einer 
ttbernatOrlichen, und einer erst nach dem Erfolge gemach- 
ten Welssainnng, sucht man von einer dritten Selto her die 
Mtfglichkett darsnthnn, dalk, was hier vorausgesagt wird, 
wirklich schon Jesus natürlltiherwelse habe vrissen k6n» 
nen '^). Auf das Allgemeine, die Zerstörung des Tem* ^ 
pels und die Einnahme Jerasalems, konnte er, sagt man, 
darcb den Schiufii kommmty data Oott alle Blndernlsse des 



8) BRa<nioi,trr« Daniel Ubersest und erklärt, 2; S. 668 IT. J FaV« 
tvs, exeg. Handb. 3, a, S. S40 f. 

9) bibl. Thcol. 1, S. 247. 

10) PAUiV«! l?HiTi«miK, z. d. Abick. 



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£r8tet Kaj^iteL % IIS. 



von Htm begoiiifiMeit W«i4et, wIm «iwh ileii Teaipel «i 

Jerusalem, in welchem, als der Basis des Priestercultas, 
•r eines der sHIrksteii erkannte^ aas dem Wege rfiames 
Würde. Allelii eaf einen 9 wenn er nns bteft meMoMielier 
Bereehmin^ hervor^Ien^, se iesserst «nsiehem Milnik 

konnte Jesus ohne die keckste Vermessenheit keine so felei^ 
lictie Versicherung, und namentlich die Gewifsheit nicht 
imiien ^ da A die ZmntBrwng nooli im Lauf eines Mensoiien» 
alters einti^een werde. «Wenn mah aber das liesondere be» 
fremdlich gefunden hat, dafs mit einzelnen Zügen der Weis- 
sagung Jesu der Erfolg aasammengetroffen sein soll: se 
wird eben dieses Znsammentrsfien in Ansjwneh genonunea» - . 
Das Jerasalein propheeelbte ntntXöaihn ino coterorMm 
werde von Titus bei Josephus gerade als nnausfUhrbar beN> 
aeichnet ebenso, wenn das Auf werfen eines x^Q^^ 
die Sladt- rorattsgesagt werde, so melde Joseplias, daCsi 
nachdem der erste VeiMch eines x^u/f« doreh Brandsttf' 
fang ron Seiten der Belagerten vereitelt worden , Titus 
Tora Anfwerfen weitei*er Dämme abgestanden sei '^); von 1 
falschen Messiasen, die in der Zeit von Jesu Tod bis aar 
Zerstörung Jernsaieau anfgeetanden wffren , melde die Ge» 
schtchfe nichts; die Volkerbewegungen und Naturerschei^ 
niingen in jener Periode seien bei Weitem nicht so beden* 
tend gewesen, wie sie hier geschildert werden; namentlich 
niier sei in diesen Reden gar fc^ne ZerstOmng Jenisaleau^ 
sondern nnr des Tempels, der Stadt aber blofs iQi^fmatg 
lind 7xcatia!}aL uao iO-yiov vorhergesagt: lauter Abweichun- 
gen der Weissagung vom Erfolg, weiche nicht stattlinden 
wArden, wenn entweder ein ttbematttrlielier filiefc in die 
Zttknnf^ oder ein vatlolnlum posi euentum im Spiele wire. 



II) b. )• S, 12, I: Xvmlma9ü9ü$ rr ya^ rjf g^ariS r!;v nolip, Sitt 

V2) b. j. 5, 11, lif. 12, 1. 



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J>rlu#ff Ali«Bliiiil(.' 



Immp indafr bleHbt Ml die »erkwivdlie TbetsMbe vm 
Heil Meeheii Propheten, die des VeUi in die Wfistie leeii* 

ten, und ungenau wohl aoch als tpsvdoxQi^oi beseiclinet 
werden konnten $ dne m^olöci ^qlsiku behält seine ftjcik* 
tigkelt, dn Jn vor de« HeuerlMiii wirklieh piftum laffg^ 
HKhrf worden weron; die nnf nMhveren Mton von dctt 

Feinden umlagerte Stadt konnte wohl xvxX&ftivjj vno ^(hz* 
tmsidwv heifsen; der Stadt wird wenigstens bei Lukas ^ 
wnnn ainn die ai, M. Ikr godrokle ^f^fiums den ido* 

vergleicht, offenbar die wirkliche Zerstömnj^ vorhergesngt, 
«nd da(s der bei IVlatthjjus und Markus, wenn auch nur 
dem Tempel) gedroble UnCergnng doeb in der hostimmtea 
FHel erfolgte, iel ein enfifellendea ZnsomeMntreilen: eo dofsy 
Alles zusaminengenommen , geurtheilt werden miiCs, ohne 
soii8ti(re Hülfe, als verständige Combination der üsMtiinde» 
Wäre Jesus In seiner Zell nicht Im Stande gewesen , eino 
•o besCimmCo Voranseego mit solehm* Sieherlieit u geben» 
Eine solche Hülfe soll nun aber die jUdisclie Zeitvor» 
Stellung von den Umständen gewesen sein, welche der An- 
kunft des Messias voransgelien wttrdon. lelsche Proplie» 
tan nnd Messlase, Krieg, Tlieorung und Senohcoi, Ifirdlm- 
hen und Bewegungen am Himmel, überhandnehmende Sit- 
tenlosigkeit, galten als die nächsten Vorboten des Messias* 
reiches daher, sagt man , finden wir sie euch hier vorene- 
geeegt, nnd dttrlon nleht kleinlich von Jedem Zi^ die Er* 
llllinng in der Geschichte auffinden wollen Wirklich 
finden sich nun bei den Propheten in Bezug auf die Tage . 
des Kommens Jehovn's (Jes. 13, 0 if. Jo^l 2, 11. 4, Id. 
Zeph. I, 14 ff. Hagg. % 7. Zeeb. 14» l.ff« BbLS» I ff.) 
•o analoge Besrhreibungen der demseliien vorangehenden 
und CS beglcifcn(l<Mi Draiigsnle, und ohnehin in s{)H(('i't'n 
Jüdischen Schriften Aussprüche , welche mit diesen evaii- 



13) FaiTUCus, in Matth, p. 699 CT. 



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geltscfien §• yhtwmdUmhikft tmbefi '^), MirMit wIefiC 
Kweifeln kann, es sei liier flus einem Kreise von Zeitvor- 
•teliungen heraus Uber die ZeU der Ankunft d^s Messias ' 
gesprochen. Aber oh 4er liatapteag in «le«i ^ve rli e j f ea He « 
Genillldei die Zerstdrang dee Tempeli- undl VeHkhing der 
Stndt , sich ebenso als ein Theii der allgemeinen VorsteU 
langen zur Zeit Jesu nachweisen lüfst, ist eine andere 
Frage. ZwAr bindet sieh in jidltohen Schriften die Me»> 
nung, die Gehurt dea Meniiaa treib nill der Zenttfrung dec 
Heiliu^thums zusammen *^): aber diese Vorstellung hat sich 
offenbar erst nach dem Untergang des Tempels gebildet^ 
am aaa dem tiefetea Pnnhte des linglttcke die ^neUe dec 
Trostes entspringen vn lascen. «iosephnc Undnt im -Daniel 
neben dem aof Antiochus BerOglichen auch eine Weissa- 
gung auf die Vernichtung des jüdischen »Staats durch die 
Römer '^), dnd| an wenig dlefs die ttrsprttB|[licho Bcfie- 
hung Ton irgend dneipi der Umdcüccbs« ü csidilc 

14) 8. die Stellen bei Sch»tt«kiv, 2, S.509iL} BuxHOUiTy $. I3i 
ScMMioT, BU)iioth. 1, S. 24 ff. 

15) 8. bei ScU<iTT6KM, 2y S, 52^ f. 

IC) Aatiq«, 10» il, 7« Nachdem er das Ideiae Horn auf Aatiochus 
gedeutet > seat er kiirs hinsu: Tor uiror A t^dnov J^vn^ios 

Mi ntg\ rf« rthr *Pt»/u$imf Ijyi/uoviag dyt'y^aftf Mtti St$ d»* «J* 
• T«5r 9(tfju»9t}iim» (ro f^yoc jyVwy). Auf die Bbmer bezog er 
ohne Zweifel die vierte, eiserne Monarchie, Dan. 2, 40, wie 
ausser dem x^arj/a«* tts Snay , was er ihr zuschreibt, beson- 
ders daraus erhellt, dass er ihre Zerati^ruag durch einen 
Stein für etwas acdi ^ukiiniUges crlUMrt, Antii|. IC, 10, 4$ 
mimt m4 ssfl vi mm 4wiiH9 rf jtaUtr, M l/roi /Av 
»im I^Ht «iro Ifdfffr, vii nm^l&iprm m\ ytytvijfiita avyY^" 
9*trf « ra fitllovia oiptUorTt. Den Stein nämlich deutet Dantd 
2, 44. auf das himmlisclic Königreich, welches das eiserne 
zerstören, selbst aber ewig bleiben werde, — ein mcssiani- 
scher Zug, auf welchen sich Josephua nicht weiter einlassen 
will. Das« nach richtiger Auslegung die eisernen Schenkel 
des Bildet du nacedcnischc , die aus Tlion nod Kisea ge- 



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Mi DfitMir Ate«cliiiitt. 

m 

mmm «mm wmt n hmni f ati «üMf wtiebM Gmiide hrnmer, 
mmt ZAt Jmm dkmk^ Theil Jtpar Weissag iingen auf etwas 
noch BeForsteheiideä bezog, so scheint nichts mehr im Wege 
SB stehen, daXii aicht auch «lesus dieee Ansicht seiner Zeit 
aettte gtlMk Mben kl&Mitii« Wie nn die Juden mmr Zeit 
Jesa den weit IHllieffe ZeitverbAltniese betreffenden Wele- 
sagungen Daniels eine Beziehung auf noch bevorstehende 
Ereignisse geben lionnten, erklärt sich aus dem gleichen 
liniBde» wie dne, dids die Cyiritten }eteiger Zeit der vel* 
len Verwirktteking yen Mnllh* M SS. neeh entgegensehen. 
])a nfimlich nach dem Untergang der aus Thon und Eisen 
gemisehten Reiche ^ und des Hernes , das die Gottesläste- 
Mnfeh nnastoleeii md gigen die Belügen streiten sollte, 
•MaM das Keniiew des Mensebensoline In den, Wqlken 
und der Eintritt des ewigen Reichs der Heiligen geweis- 
sagt, diese Erfolge aber nach der Überwindung des Antio- 
cims keineswegs sofort eingetreten waren; so war aian Ter> 
anlaist, mit diesem himmllsehen Reiebe aoeh die ihm nn* 
mittelbar vorangestellten Drangsale durch das gemischte 
Reich und das HorUi worunter namentlich die Entweihung 
de» Heiiigthoms genannt war, erst noch einmal Ten der 
Zukunft an erwarten* Schwerer an erklären« Ist, wie die 
vorausgesagte Entweihung des Tempels und Verwüstung 
der Stadt zur Erwartung einer völligen Zerstörung werden 
konnte. Zwar iiefs sich das hebräische JXMD bei Daniei 
und ifnjfuaaig der LXX. In dieser Bedeutung fasten : aber 
es fragt sich, welches Interesse die Juden au Jesu Zeit 
haben konnten, gerade das Schrecklichste aus dem Pro* 
pheten heransnulesen? fiel der abgttttiechen Anhängiiehkeit 
vnd Ehrftireht des ^den Hat seinen Tempel ist ee nieht 
begreiflich j wie er^ ohne durch einen Text geawungen au 
^ t 

• 

aiiscktea FUsse aber die aus dem maceiloBischeB entsfaade- 

nea Reiche, aUo nammtlichdas syrische, bcxcicbnen, darlilier 
VgL t>s >Vj(ri£, hmL in da« A. T. 234. 



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Erttes Kapital. %. IIS. MS - 

«etil, sich iliiisn ▼ergehen kAtmte, eliie Z4)nrtllnin^ «einet 
linch^pnclifpten llciligthiims nis bevorsfehend xn denken 
ISujt in piiipr dem Judentlnim und namentlich dem Tempel* 
dienst feindlichen Piirtei, scheint et, konnte sieh forder 
wirklichen Zerstörung des Tempels,'-— hei den Juden 
selbst erst mit diesem Erfolg — eine solche Aaslegnng der 
I>anielischen Stelle bilden. Zn Jesa Lebseiten aber war 
•ein and seiner Anhänger Gegensnn g^gen den Temptldtensl; 
noch nicht entwickelt, da je «r seihst sieh fielmehr des 
Tempels gegen Entweihungen annehm (Matth. 21, 12 f. 
parall.)? und nach seiner Himmelfahrt die Jflnger im Tem- 
pel sich versammelten (Loc* Von hier aus also 
kann die Vermothung entstellen, es mSgen diese Reden i« 
der BestioNnthelt, wie sie jeat tot mit liegen, ntefct 
Jesu selbst, noch aus seiner Zeit, herrühren, sondern splh 
ter in einer Periode entstanden sein, in welcher Jener Ge<- • 
gensaa entwickelt oder die ZerstOning des Tempeis bereits 
arlbigt war« 

Dafs die Weissagungen, wie wir sie im ersten £van« 
gelium lesen, noch vor dem Falle des Jttdischen Heiligthums 
anfgeseichnet sein müssen, hat man daraus gesehlossen^ 
daft^ diesem firangeHlim rtfoige unmittelbar naeh diesem 
Ereignifs die Zuliunft Christi eintreten soll, was, nachdem 
der Tempel bereits zerstört war, nicht mehr ebenso erwar- 
tet werden konnte Vergleteht flMin die Darstellnng im 
dritten Erangdium, so ist hier nleht allein das ti^ksQ irer- 
mieden, sondern auch zwischen die Zerstörung Jerusalems 
und die Zeiclien der Ankunft des Messias ausdrücklich eine 
Zwisehenaeit eiageaeboben, wAbrond weleher ^hqaaal^ii' 

(21, 24.)- DacQ kommt, di^ das Öemülde der Verwü* 
stung, soweit es Jerusalem betriftt, hei Lnkas weit bc^ 



17) Tkolvck, CoauBu s. Joh. 8. S0S« 

IS) Ds Witts, £>nl. In das N. T. $.97. ' t . 



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«. Dnitter Abschnitt. 

«MpAter iilsrlii&:M«Miiliiiaf.g«d)iiltf»n Ut. Zwar, dnCa dem 
Tenpsl' diu 9fi«Wmng b«?9ffitabe» iat bei beiden tehon in 
der erstell kqrneii Antwert Jesa an die Jflnger eafs Be- 

gtimmteste erklärt. Aber im Verlaut der entwickelnden 
Rede JieÜAt ^ nun bei Mattbäa« bloi«, wenn des von Da- 
ftiet ?onM|Sfa9e^fe ßöihr/fia trjs iQt^wamg an beiliger 
Sll|tte..etehe., "denn eoile mM selileaiiige Fioehl ergreifen, 
denn es trete eine beispiellose (yXiipig ein (24, 15 — 'i2,). 
Gans anders Lukas: lUs gebeimnUii volle Zeichen aus Da« 
■iei luit er in die Mar .aatg^proelieii^ CaiBingeiong Jerq«, 
a»leQi8 dnreb feiiidliebe Heere rerwandeit; die aledann nö> 
thige Flucht durch die iievoi'stehende i{ii]f.iwois d^r Stadt 
nptivirt; die eintretenden Drangsale als Rache über das 
jadieehe.Volk lOihec besttaMUlr; dieeea bbitige. JNiederlag» 
md j t i grtre itwng unter alle Vlilker, der Stadl ßeeianahnie 
. durch die Heiden vurliergesagt (21, 20 — 24.)* Dasselbe 
Verhfiltnils fsyiischen den beiden Evangelien üiidet bei der 
Weldilage Jeeu über Jemeaiem statt, deren, in der Form, 
wIa 4« LvMa wi^dergiebt, ti^neitetErwähnang gesehehen 
kt. Bei Matthias schliefst das den Reden über die Parasie 
unmittelbar verangebende 23te Kapitel. V. 37. mit einer An- 
rede an Jemeideni . in weiahfiv de#ae Jüagt, daOi diese 
Stadt «ein.e tceoonfifMiHlbimgen iMar*eie ondnniLbar soracit- 
gewiesen habe, woffH* Ihr nun auch iitfjfujaig ihres olxogy 
Verödung ilires ileiligthuais , bevorstehe. W/ihrend den 
gleichen Ai^sspruph Lukas früher, 13, 34 f., stellt, legt 
er .iles«, wie er am Scldnla seiner ieaten Festreise Jem- 
side« erUleiit, eine Anrede In den Bf und, welche nnr als 
die bestimmtere Ansfüiirung jenes Ausspruchs ersciicinen 
kann, indem hier, wie schon oben angegeben, voa eiueni 
mm Jenisaleai aoAHiflihBeüdeii ^cf^, ven m^unnüim^ aw^ 
ixßtv navto^iv, idaq^iöv, die Rede ist (19, 41 ff.)* Da so« 
mit Lukas einerseits dasjenige, was in der Weissagung des 
Matthäus niebt in firfttUung gehen zu wollen schien (das 
9v9img') beseitigt, andreneits das Ungenaae derseüwn in 



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Erstes Kspilel. f. Ut. ÜT 

ÜbersimtfmwHing mit 6mm Mklgo nMk&p hsMmmt hsift se 
wiipd' Mn Riobt uailiinliOiiiieii , iiit geprOften Krilikisni te 
fieai Uiitersebieil iHeser beSden Dsrttellniigen den eines va^ 
ticinium ante und post tsjenium zu finden *^). Scheinen 
wir hiednreh in die Annahne, weiehe wir e^n ? w c t * 
den «rsUtSMi dsfs nXialfoh vor den ¥rirkiieJMn ZersUtniHg 
Jnmsulean nnd de» Tempele «ine enlebe Ketastroplie gi^ 
weissagt worden sei, in Beziitr auf die Darätellung des ei% 
•ten.EvsMgeÜums curUcksufiiilen : so bleibt es uns doch un* 
bansMMSh» Üe £«tttshnng des Oral&sis in ssinsr Form «M 
MaHliflns eo- nd h et nb mdgiieh an die ZerstÖmng Jernss^ 
iems hinRnsurticken , und uns ku denken , wie Her Verfas* 
ser des Buciis Daniel mitten unter den Kämpfen seiner Na* 
tion »it AnOeelins £|il|iJHinesi ^•^^ ^ « sieh für die Isml^ 
Iken sehen snm Sieg en wenden begann, den baldigen 
Sture des Tyrannen, die Ankunft des IVIenschcnsohns in 
den Woiiien, und den Eintritt des ewigen Reichs der ile** 
ligen gew«isssj|l bette ^**>: ebenso seien nütten unter der 
BedrSngnIfs des Jlldisehen Kriegs nnd der fieJagerung der 
Stadt, doch da die Sache der Juden sich schon xum Unter* 
gange neigte 9 und naiiientlich der Tempel, als der den 
ttömcm wohibebennte Herd des * jadisehen Metionalgefiibls^ 
▼offleeen gegeben leerden nrafttO)- die rerliegenden.Oreiul 
mit dem Tröste des segieich nach der gegenwärtigen Drang* 
sal eintretenden messianischen Reiches in der Form, wÜ 
das. essts Evangelinm .sie <glebt| entstanden^ luid iiierenf 
neeb dem IMeig in 4er. Art, wie wir sie .Jeat im- dritten 
Evangelium iesen , umgebildet worden: so' 'dafs wir also * 
bei Lukas ein vaticinium post eventumj bei Matthäus aber 
niebt sowohl eines ante eventum^ als in evi ntu vor uns hätten* 
Eine andere Einwendung gegen die Aehtheit der syn« 
optiselien Reden fther die Pernsie iiat enf unsrea theud* 



19) BS Warn, a. 9u O. uod $. lei. 

20) OB Wansi EiaL ia das A. T. JI7« 



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MS ' Dritter Abschnitt. 



pmikt tiiebt dieselbe Kraft, die sie auf dem jMt gew5linli« 
«hea der ¥ergleiclie«deii fivaiifilieiiliritik hal» Bäadish' des 
VMw Jeder •aiiUhrlielwii Sehilderung der küiiftigeit * Pev^ 
vsie JeSQ im johanneischen £vaiigeiium ^'). Zwar die 
Graiidbestandthetle der Lebre von der Wiederkiinft Chgi* 
Uli aind eiH»b in vierten Evangeiiimi niebl tm verkeM«en^'> 
^esne aehreibt slek in demelben des einstife- Gerieht and 
die Auferweckung der Todten zu (Joh. 5, 21 — 30.); weW 
ehe iestere eis Moment der Zukunft Christi in den eiien 
enregeiieii ejn^itisebeii Aedes nieiit herfettrili^ aber leueü 
Uä 1SL T. niebl selten in Jenen Znsedinenhnif verkoMit 
(n. B. 1 Kor. 15, 1%. 1 Thess. 4, 10.> Wenn Jesus im 
vierten Evangelium bisweilen leugnet, zum Gericht in die 
Welt gebenmen na sein (S, 17. %y 16. III, 47.) > se güs 
diefe theils nnr von seiner mten AnvrssenlMil^ tbeils wirJ 
es durch entgegengesezte Äusserungen, wo er vielmehr be- 
hsuptet, zum Gericbtigekommen zu sein, (9, 3Ü vgl. 16,)^ 
nnf den Sinn eingesebrünkt, dafii nnr. din Üeideses, pnu 
tlknlnristleBkes ftiehten seine ISaehe nioht seL - Wenn*fbr>* 
ner der Jobanndsebe Jesns von den Glaubenden sagt : ;] 
nQiverai C^, IS. 5, 24.) ? *o ist diefs in demselben iSiiiii zu 
verstehen, wie wenn es von dem Ungläniligen heilst: 
ndnetent (8, tS.\ defs nAmÜc^ die Anweisung des fvrdien- 
Sen Looses fttr Jeden nieht erst 4en kinfilgen (Bericht am 
J£nde der Dinge aufbehalten sei, sondern mit seiner in- 
nern Beschaffenheit sehen jezt jeder das ihm grbflhrcnde 
Ikbieksel in Sieh trage, nnd win Jeeas in desweiben fiea»* 
gelinn ela andermai dnreh die.¥ersiehenmg, denjenigen, 
welcher s ein Wort gehört habe, ohne zu glaubeji , richte 
nieht er, sondern 6 loyog^ ov ikalf^, ttQtvß kuMp-^ip tff 



• I 



21) s. Hask, L. J. §. 130. • • • » 

2i) Die hiehergchörigea Stellen finden sich znsammengesteUt und 
erläutert bei Sckoit, ConsMBtsnitts sie. p. K^B^ 
s« deas. 



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t0Xii%ri rjfiiQ(f (12, 48.) > viel ausdrücken will, dab 

4ie Verdamitoifii 4er l}nglft|ilijlgofli iiicbt..e^n wiUktthi-licher 
•abjekdver Akt Meiner Person^ gondern ein nothwendiger, 
objektiver der Sache selbst sei. Dadurcb ist ein bevorste- 
hender solenne iiisrichtsakt , an welchem. dai|, j^.si^ «rat an 
Mbl VoffbiuidaiM «ir feiMRÜdiea OjKevbarnipg^eliuigli nicbt 
«usgesehlosMM, wia denn in der salest angefulirten Stella 
die Zuerkennung der Verdammnifs, und sonst auch die Er- 
theilung der Seligkeit C^, 2$i^ 6, 39£1 54.)$ an den ji)/j^«ten 
Teg unA dia Anfioralebiuif geluiüpft . wMr^» T£bento. «igt 
Je aoob bei Ldkee ^ewie *iA.deinfelbeo.Ziuaiwenbang, in 
weichem er seine Wiederkunft als eine noch bevorstehen- 
de ünasere Jiatastropbe be«fibreib^ 17» 20 f., das Reich Got- 
let ke ma a Qiehl /imx m^äv^^'aec^ iditdQ6ai»\,id» mde^ 
Fl idä ÜKM* M yuQy ^ ßixaikUtL w 'dctt inog vfnä» igh. 
Auch dafs seine Wiederkunft in Kurzem bevorstehe , soll 
JiApb einer>, ^wissen Deutung seiner Worte der johanneir 
e^lif JesM geäoetert haben. Pie aelipn erwüJinten Aus* 
spraeiMi,ia den Absebiedsreden BAmMeb, wo ^eeiie seinen 
Jüngern verspricht, sie nicht verwaist suriickzulassen, son- 
dern ^ biog^angen cum Vater, in Kurzem Ci6> M'tO 
der sn ihnen ankommen (14) 3* sind nicht selten aueb 
iM.dm.Wltdarkoflft CiuRiati am JSnde..fier Tage vmtan* 
den worden'^); aber wenn man von dieser nfimlichen 
Wiederkunft .Jesnm sagen hört, dafs er bei derselben nur 
aolian Jttngam, niebt aber der Weit sich ofienbarcn wer- 
flo U4» 1^ vgl. 220: ao kaj^n man .unmdgUcb an «iie Wie- 
derkunft £um Gericht denken, wo Jesus sieb Guten und 
ßüsen ohne Unterschied zu ofien baren gedachte. Beson- 
ders rlitbselbfijGt ist nocb im. i^hang des vierten Evange- 
linma» K« 21 1 von dem KpmmoA. Jesu die Rede. Auf die 
Frage des Petras, was i;s mit dem Apostei Jobannes wer- 
den solle j erwiedert iiier Jesus: iay aivov ^iha iiivtiv^ 



23) h9\ THOuror, S. 259. 

JJat L€hM Jtiu IL Band. 14 



üiyilizeQ by 



Driller Abacliaiil. 

Sus Sw^iy tl ni^g 9k; CV. IS.) wm» wie hk in ffei it 
wird» die Chrblen so f w i U ndeny alt eellle JehMieet |i[wp 

nicht sterben , indem sie das tQXf^oO^ai auf die lezte VV ie- 
derkuiift Christi beeogen, bei welcher die sie Erlebeiideu^ 
ohne den Tod am «efaMekeA , yerwendell werde« eoUteii 
(1 Rer. l&j-ait). Aber) aesl der Verlbeter beriehtlgend 
h'uiy.u , Jcsns hebe nicht gesagt, der Jünger u'erde nicht 
•terben^ sondern nur, wenn er wolle , dafs er bJeihe, bis 
er komMi wlie et den Petrus -angebe I Uiedureb kenn 
der Evengellat sweieriel berlehtigen wollen. * Kniweder 
schien es ihm unrichtig, das Bleiben, bis Jesus komme, ge- 
radezu flut nicht sterben eu identificiren, d* b. also das 
KomaMU) ron wekhtni hier Jesne speaeb^ ffer das ieatei 
welehes dem Tod ein Ifinde nwohen soUle^ an nebmn, und 
dann möfste er sich ein nnsiehtbares Kommen Christi , et- 
wa in der Zerstörung Jerusalems, darunter gedacht haben'**). 
Uder hielt er es fttr irrig, was Jesus nnr bypotbetiscb ge* 
sagt bfttte : Ivenn er aneb etwa das Angegebene wollte^ so 
gienge das doeb den Petrus nichts an, kategorisch zu fas- 
sen, als ob es Jesu wirldicher Wille gewesen wäre, wo- 
bei cbnn dM iQxopa$ seine gew6bnliebe Bedentnng be* 
bielle 

Finden sich hienach allerdings dieChrandstfge der Leb* 
re von der Parnsie auch im vierten £vangelium Jesu in 
den Manftj;elegt, so finden wir doeb nkgends etwas von ^ 
der ausfittbrlieben sinnlichen Sebtfderung des änseeni Her» 

gangs bei derselben, und der mit ihr eusemmenhliiigenden 
Vorgänge, wie wir sie in den synoptischen Evangelien le- 
sen. Dieses Verhältnils macht bei der .gewlibnlieben An- 
sicht von dem Ursprung der Evangelien , namentlieh des 
vierten, nicht wenig Schwierigkeit. Wenn Jesus wirklich 
so ausführlich und feierlich, wie ihn die Synoptiker davon 

^14) vgl. Tholuck, z. d. St. 
* 25 j ^ l'tciut, auch Tnomcs, s. d. St. Schott, p. 409« 



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£ w^0' K»p1 1 e I.- 1 1, IIS. mv 

vtdsiiHllMMi^ :inMi MiMBiWiedoiteiifl ges)ii«dilieiiy..wiil ii^ 
iidhlig«ifirk«iNliMi'Md BeolMolih^ dersel* 
beH'Alt'etwas so Wichtiges behandelt hat:Fso ist es ujil^vt 
gi-eiflich, wie .fIdr. Veriasaer dea vlericM MivmMkgMmk' i$§ 

vmr.aoMihriJmrMur. 0as -gewöhnliche Reden , er hnhe 
4»tferlipt3defti%iioptiJiern oder der müjidÜchen . Vejrkaiidif 
gang: aj», bekannt voransgesezt, reicht iuer.Ofli »».mm^§m 
•ti«> }je!mielii> «lles^ wad WeiseagMig.ill^^iaaiWillMi «Mw 
e» ftrtefy^ ämA,tg/B&lm^ der. Mifsdeu^ 

t«ng« MelMteht, Ilde wir aus der zniezt erwähnten Bericht» 
tigthg sehen, weiche der Verfasser j6n Joh. M^'^kAdn 
M^u|igk («eijiidr ZeitgenpsMin' ttkev. üie dM J«li«iinft.T«ii 
«lemi^gdbalie Vierkeifining diuraiiHiigeii «Kr nMiig fand. 
iUeh'^ls^ilifair^rstftndigendes Wort eu reden, wie zweciir 
miifsig kiiid verdienstiich wäre eS' geweeen, besendersida 
die Darstellung dei ersten fiftatagdiii^aii .weiciei« sogIcMl 
l|n$۟e 2enl0riia|f^e8Y3httpaM.dae^ibdaAddrfOiiige foir 
gen iiefs, je -nltli^r jenes fk^ignifs kam, undi noch mehr A 
es .Moriiber war, immer bedenklicher niü atistössigeu» wi^ 
den mu&le^i und/w^ war eher ini &Mdi^»iriiiO(«iikhe dbr 
ip^MfiingiBa faken|^;dJ8 4tit LieWingtjfingei», ^taMd-^enn 
«r.»daoh'Afdre«;<f8y'8iMder eihElge Evangelist, war. f der den 
Erörterungen Jesu über diesen Gegeii«i«id: «agewoknt kat* 
tel . Daher sucht ':nafli(adek/ kisr «ifMi( iMBiniihndl<0niiii 
Hi^M S«iU«^e^[eBtete idti» ansuchen JfaetimaiQngfMi^ 
ftaMiBvkngi^liiidiA^ldüidicliijttdlsches idealisirehde Gjiostiker, 
für dwen iStandpunkbijebe Schilderujigen nicht ge|jai'8t.hn^ 
han^ und defehalk . wc^oiniiMi ; wMßgt* aeimj^^)Ü lAlkfa 
gMad^ aollyhen Leeim g p ga at Ua- iNtav.iae« «iMlJfdfeMvif 
*4jfe Baeh j^ybiBk etVnete fleaairlDonjr.in ihrer idealisireni* 
den. Richiuiig gewesen, wenfi Jobahhes ümen zuiieb die 
raaidM&ette/ an der« WiedeiBbäi^'ilkrjkUitettouniH^ibM 



26) OisvAiJSiii. 1, S. 870. Toi « ... 

^4 * • 



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uchichtlinhe ileii ("hrlstenthoBM tm verflOcbttj^en, mofsfe der 
A|MY(trel flficliirch entgegentreten, dafe er eben HieM 8ett« 
pk9/tmmA l i crf wiw b; wie er in seineM JUtf UirMi D»« 
iiittoaww gegenfibsr ilto LMikkMit4mm ynmibH^ — «dtt^ 
te er in Gegentas gegen lliwn Mi«lh—tf tl der Wieder^ 
knnft ChrUti die änsseren Momente ihres Eintritt« mit be« 
<t»dw— * f kÜSie ihervorltehrem Statt detaen spriet^^tn 

OilrUti voiT'der B^^deiilnng einet' Jbatbm, «AMUgen Vor» 
gangs immer wieder in das Innere and die Gegenwart /ir- 
»AbkMnÜNW £a Ist also nicht «» übertrieben, wie Ois* 
mnmw mdn^ wwm> jBuMä* b g h iw pIK^ ddr die ^miHt ioibi 
imdl die )aiuiiiiieiMlio BukwUelkmg <ler Lilir» ^n''Ml» 
ffi4rr Wiederkunft sich au88chlie(«end au effhaader rerhal* 
tiin-*?); aondern, wana der V«r6iMer des riertM Evange^ 
Ihmiv oiiiuApoatoi itl» m kBtmmk dit fUdeii, wddM 
drti üi'iUfa ' Jfc— gqflbtm- Je»« >ftlwr aelM Fimala In* Am' 
Hund legen y nicht go von ihm gesprochen worden sein, 
uigekebrtA. .Doch, wie gesagt, dieses Aygu ao wt a ii&i« 
.nM <#ir 'Mgtäiobl* bi rflim in^^dh wii» die 'VenNmetmuigfiii 
ittM' •pwloliMilMpi'-iJreprm^ -Mr 'llaan vierte EvangeiiiMi 
langst aufgegeben haben. Anf unserem Standpunkt kön« 
IM wii^oan« sMubi Aber das Verbäitniis t^er johanneiseheo 
PwelMiiil -«»tbyiieyliechairf I iriiiiiwwiii dddirw. In Fe« 
UMna, we eiilh dlb.lb4eii duM t/htm^EtmgäS^ri ao^t« 
zeichnete Trodition bildete, wardb' £röhteitig die daselbst 
verbreitete Lelure« viMi einer feierliehen Ankunft des Mes^ 
rfeii in ibrcrigeneeii pekitieb<iheejijiMiiid>k«it in die ekntt^ 
liehe »V^OiMligu II g aufgeaeemenvu «ndr naoh.dbr g fc wi tf 
rang Jerusalems noib nihei^ bestiisunt: wogegen in dem 
iM^ilenistiach- thebsophischen ikreise, in welchem diis tierte 
»yeegrttwiMtoiJt>iid>.die«iAdeB'ltf jineiiihee Ge^pendieht 



9,7) WtmoLf de refae divina, fu 48S. 



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streifte, und die Wiederkunft Christi bb den Bwitehen hi- 
nein realen und idealen, gegenwärtigen und künftigen Vur« 
fang aoiiw«benden Mittelding wnrdni wie sie im vierteti 
£Tangellnni evtdieint. k ; i : . ' . 

Können nach dem Obigen die aasfUhrllchen Reden, 
vrelche die drei ersten Evangelisten Jesu über seine Par- 
naie I» den Mund legen, nicht v<on lfmk acfber iierrihren : 
an fragt aieliy ob er nieht deeb ia Allgemeinen gehelft nnd 
Terbeifaen hat, einat als Messiaa herrlich nu eracheinen? 
Hielt er sich in irgend einem Abschnitt seines Lebens für 
den Measias, woran nieht nn nweifein iat, nnd beseicbnetn 
er aieh als den tidg t9 ir&i^iimt ae mnlate er, acheInt ea, 
•neb' daa Koannen In den *Wollm erwarten , welehea die- 
sem bei Daniel zugeschrieben ist: nur fragt es sich, ob 
er diefii als eine Verherrlielittng gedacht haliei weiche noch 
Wftbrend aeinea Lebens eintreten wfliibi oder ida etwna^ 
4tm Ihm enl nnoh aelnem Tode b^roratXnde f Nach Ans- 
Sprüchen wie Matth. 10 , ^a. 16, 28. könnte man das £r- 
atere vermuthen; dabei bleibt jedoch immer möglich, dafa, 
wenn Ihm s|i<ter sein Tod giwils wurde, seino V orsts!- 
long die lentere Form nnnnbm, nns wMust hsrana dann 
Mütilu 26, 64. geaprocben würe. 



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374 ' Dritter Abschnitt.'* 



» 

• • '• * 'T * . ♦ • ! : 

: 

Zweilas Kap-iteL * 

Anschläge der Feinde Jesu; Verrath des 

' Jndas} lezteA Mahl mit den Jüngern. 

• •• . 'i . .. * « * • 

• . ■ ^ ' • • 

i. 118. 

Batwickluag de« VccliiUtaiMM Jota f u teiaeA Feind^iu 
Ali iK» Reinde Jm «»^0106« In den dral ertten Eva»- 

Ipilien am häufigsten die fPaoiaaXoi xal yQaufiaretg *)> 
ehe in ihm den verderblichsten Feind ihres Satznngswe- 
•ene erk«n»ftoii, und neben fliesen beiden die o^is^d!^ nnd 
n^ßiSteQoi, welche als<Htfnpiler des VaiMeren Tempelenl» 
tnU und der auf diesen gegründeten Hierarcliie mit demje- 
nigen , der bei jeder Gelegenheit auf den inneren Gottes- 
dientt fies Aemllth« eis fUe HAupttaohe hinwies, sieh nieht 
kefreondatt'f kenhSefw Senst Sreeni. weU eneh die SaSSa' 
wxioi aitter den Gegnern Jesu auf (Matth. 16^ I. 22, 23 (F. 
pRrnil. vgl. Matth. 16, 6 ff« paraii.), deren Materiniismns 
Manches an seinen Ansichten nnwider sein mnlste, nnd die 
Hepodiscbe Partei (Maro. S, Ü. . Matth« 22, 10. paraiL), 
welche, wie dem Tünfer, so anch seinem Nachfolger ab* 
hold wni'. Das vierte EVangeliam , obwohl es einigemalo 
die doYif.neZ$ und ftkjLQiüCÜot nennt, beaeichnet die Feinde 
Jesu doch am hltaflgslen doreh den ailgemeinen Ansdmolc 
ol V&(fff*of, was vom späteren, christlichen Standpunkt aus 
gcsproclien ist. 

Uboi*eInstin[imend berichten sämmtlicbe vier £vangeii« 
sten, dals flie bestimmteren Anschläge der pharisfiisoh» Iiier* 



1) ■/ Wnvtn't bibl. Rcalw»rterh. d. A. A.. 



Zweit«« IkapileL AJa. a7a 

gegen JeMi« ve» elnm VevUeb dieitel- 

ben gegen die den Sabbat betreffenden SatKungen ihren 
Anfang genomoien haben. Als Jesus den Jlleiischen luit 
der Tertreckneten Uend «ai fiabbefc wiederhergeetelll betfe^ 
amt MtktthHus hins«: ei Si OaQiaafa^ 0Vfi^tkiW iXmßov 
xar avtHj (l.TO)g avtov uTiokiootoiv ( 12, 14. vgl. 1\1äi*c. 3, 6. 
Luc. 6, II.)) und ebenso bemerUt Johannes bei der sabbat* 
liehen Heilung «m Teich Belhetda: jcoi Jus tuto tdifimm 
%w Y. oe ^Mmöi^ und fähHj neehdeui er neeh einen Ans* 
Spruch Jesu gemeldet, fort: Jta töjo fiäkkov t^i^üM oJ- 
toy ol ladaioi aisoxfeimi (5, 16. IS*)* 

Sogleieh neeh «lietMi Anfeiigtponkt aber gehen die 
tynopdaehe und die Jebenneitelie Dersitllung des ftmgliehen 
Verhältnisses auseinander. Hei den S^rnoiitikerii glebt den 
nächsten Anstois die Vernaclilässigung de« Waschen« ?er 
Tiach ¥on Seiten Jem und «einer Jünger «nd die ediar- 
fen Au«lklle, welehe er, darffbcr nor Rede g e « tei lt , ge- 
gen den kleinliohten Sateangsgeist and die damit rerbnii- 
dene Heuchelei und Verfoiguag««ueht der Pharisäer und 
Cseaeskundigen «neht^ we ee denn eai finde lieiftt, «le he- 
ben fielen Grell gegen ilm gefeCeft, nnd ilui «nemdieleni Ibni 
TerfSngliche Reden abaulocken gesucht, um Grund eur An- 
lilngo ^egpn ihn zu gewinnen (Luc. 11, 37 — 54. vgl. Matth. 
15, i Maro. 7, llf. )• Auf «einer leaten Reiee neeh Je- 
ruaalem liefsen die Pheri«ier Je«n eine Wemnng f<er Be- 
rodet Bukommen (Luc. 13, 31.), die wahrsehelnlleh mir 
den Zweck hatte, ihn aus der Gegend wegsubringen. Den 
nächsten Hauptanstofs nioMut die biererchitche Partei an 
der auffallenden Huldigung, welehe Jeeo bei*» fiinrag in 
JeruMlem vom Volke dargebreebt wird, nnd an der TenH 
pelreinigung, zu welcher er sofort schreitet: doch etfra« Ge- 
waltsames gegen ihn sn nntemebflsen, hielt sie sein «tar- 
ier Anhang unter dem Veik neeh nnrllek (Mattik fl| l&f. 
Maro. II, 18. Lue. 19, 39. 47 f.), wa« eneh der einzige 
Grund war^ warum «ie nach der scharfen Zeichnung durch 



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W Dritter Ab'selmiit 

M» SMtkmH» fm -dem WMngKrtMm gioh seiner Person 
nicht bcmächti^rte ( Matth. 21 , 45 f. parall.}. Nach diesen 
Vor^Mn^en bedurfte es kaam mehr der antipiMria«iadMii 
R«de Mcith. 13, um kam v«ir .dein P«tcha die Hohenfirle- 
•ler, SehriftgreMrton und Altestm, d. h. das Synedrium, 
in den Palast des Hohenpriesters bu einer Berathung so* 
«aromenzufähren , JV« tov Y. dcX^ »(fcmjamai md atWK^dr 
mmtiv (Matth* ^ ^ iL ptumiL). 

Anoh im Tieften Evangeli«» www wird der groCse An- 
b»iif Jesu unter dem Volk eini^remale als der Grund be- 
■eiohnet, warum ihn seine Feinde haben wollen ftetnehmen 
loM^ii (7, 3ft. 44. wgL 4, 1 Ä), mid eein Merlfeher Btneoi; 
inJeruaaleMerblitortaleanelibiep (12,19.); bisweilen wird 
Hirer Mordanschläjsre ohne Angabe einer Veranlassung ge- 
dacht (7, 1. 1». 25. 8, 40.): aber den Hanptanstofe geben 
in diesem Evangelium die Anetagen Jeiii Uber seine höhere 
WOfd«. Heben bei Jener Sabbatheilung reizte das Iinii|,t- 
Ülehlfcrfi die Juden auf, dafs Jesus dieselbe durch Beru- 
fung auf die ununterbroehene Th«tigkeit Gottes, als seines 
Vaters, rechtfertigte, worin naeh ihrer Mkdming ein Mas- 
phemisehee W kmm noeätp tio &e(Ji lag (5, 19.); wenn 
Ol» solner göttlichen Sendung sprach, suchten sie ihn 
«u greifen (7, 30. vgl. 8, 20 ); auf die Behauptung, ror 
Abraham sei er, hoben sie Steine gegen Ihn anf C8, »!>.); 
dasseiho thatea slo^ als er «nsserte» er nnd der Vater seien 
Klos (10, II.), imd wie er behauptete, der Vater sei in 
Ihm, und er im V«ter, suchten sie sich abermals seiner 
au bemUchtigen (10, a90. Was aber den Aossehlag giebt 
«ach der DaretoUong des Werten Evangellnms, nnd die 
«Blndllohe Partei so ftrmlleher Beschlufsnahme gegen Je- 
som veranlafst, ist die Auferwockung des Laaarus. Als 
diese That den PharisÄern gemeidet wnrdo, Teranstalteton 
ide nnd die Hohenpriester eine Synedriomssltoong, In weU 
eher sie In Bnrftgung zogen, wenn Jesus fortfahre, so 
riolo (T^ijta au thun, werde ilim miemt Alles anhangen, 



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Zw«iMii Kttpitab. :fi IIS. .iSR 

Hohepriester Kalphas den verhängnifsvoUen.'Aussprach thii(, 
es sei beMOTi dafs £in Mensch iMVi. da« iV^ih MfT^» ^ 
«bf« dM gRiiM Volk M.Oiwide.giile» .NiNi wipr m^,T4|A 
bOTclilMteii, mid et wm i fa JedelR. mii^ Pflicht geouidbit^ mir 
neii Aufenthaltsort anzuzeigen, um siqli #^ai^: Pei^spii 
mftchtigen za iLönnen (11, 46.)* M*: • 

la Besag mmi diete.AiffiMM^ b««Mrk|i.4(fi .» awiffe JBai> 
tik, daif wir Mit den tyaoptlteliMi.BeHelil^i^ldie t^pyigiicb^ 
Wendung des Schicksals Jesu gar nicht begreifen würdei^ 
und nur Johaoaet eisen Blick in die stufenweise Steige« 
rang der SfMUMmng a^iteliea' der 4^m'«tMiche^, Perlel 
and JetQ ont erttflne, kwm^ defii fli^flif^alUoh' uneh lar«K^ 
sem Stück die Darstellung des vierten Evangeliums als eine 
pragmatische tiok seige , was die der übrigen nicht sei 
Allein) wat hier an ttnfenweiteai Fn^rtoeiirekeii die jahan- 
naitohe Kislliiaag varaatlialben toll, ist tehwfur ^nfoteh^ 
da ja gleich die erste bestimmtere Angabe filier das sick 
liildeiide Alifsverhältnifs ( 5, 18. ) 4" dem Vaov .iavzQjt T^Ofoir 
Tfo das Eüektte det AntiofiKa, (ii, 4m, i^^T*^ 9^^^ 
issrnnOmt. aker dat Hdditfte der Faiadteiigkeit enikSll, to 
dafs Alles, was weiter von der Feindschaft der ^lödaini, ei^ 
eählt wird, blofse Wiederholung ist, and nur der Syne- 
drioflstketeklaft Kap. 11. als Fortschritt auni Bestimaiterai 
alak davttellt. In diätem Sinne faUt aber aoek dar tyn- 
optischen Oarttellang der Fortschritt nicht, von dem un- 
bestimmten ivBÖQBvety und öiakcclalv^ %L av nottjaeiav 
Ytos (Loa. 11, 54. UO» oder, wie es bei UatlhAot 
Clt» 14.) and Maikut ^) kattioMater laatatt o^t$fti- 
hov Xa/iißaveiv oncog avrov anoXiaiooLv , bis su dem In Be? 
zug auf Art (ddü^) und Zeit (jurj iv trj tOQtfj') nunmehr 
genan kattinualan Betcklotta C Matth. 26, 4 f. paraü.)* 



SciiMccKKM)vii6BR , Ubcr dcA UrspFung I S. 9 f. Lücai , I , 
S. m. 159. 2f S. 4oa. 



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978 



•i 't Dritter Ab«cliaitt.v 



Pffiher wird nun aber den drei ersten Evangelisten beson- 
ders das zum' VotNirarf gemncht, dafs sie in der Auferwe- 
eknng de« hittärim diefenige B^bflibiwil -flbtgyuigea W- 
Wfi,"weM4r ftr' die'faatcr Wendung des' Sehieksai Jm 
entscheidend geworden sei Müssen dagegen wir, mit 
Rücksicht auf das obitre Resultat ansrer Kritik dieser Won- 
dererafthlung, Tielinehr die Synoptf ker lokcn, dmtk da nlekft 
elAe Bf^gebeiinheil Buni Wendeponkt des . ScMekeele Jet« 
machen, welche gar nicht wirklich vorgefallen Ist: so be- 
vrkandet sich der vierte Evangelist auch durch die Artf 
iHe er den dednreh ipemnieffieD ilerdbeieidwft iierlchtet} 
tetn^wegs ntn elileh iofch«!!, -desees A«kcorltil «na die 
Wahrheit seiner Erzählung verbürgen könnte. Das zwar, 
dafs er, ohne Zweifel nach einer abergläubischen Zeitvor- 
Wiiang dem Hobenprietter die ttuke der Prephetie wm- 
eefireibt, und aefnen Aasspmeh Rlr eine Weieaagung aof 
den Tod Jesu hält, diefs würde für sich noch keineswegs 
beweisen, dafs er nicht ein Aug^neeuge und Apostel könnte 
gewesen aein Oae aber let mU Reebl bedenkJicb cefm- 
den werden, dafk onaer Evangeliat den Kaiphae als dnx'^ 
Qsvg inai tö ly.ElvH bezeichnet (11, 49.)) vorausjKo- 
setzen scheint, diese Würde sei, vrie auinche röviacbe Ma- 
gistraturen, eine Jäbrige gewesen, da sie deeb nreprttng* 
Ach eine lebenslängliche war, and aneh in jener Zeft der 
römischen Oberherrschaft nicht regelm/ifsig jährlich, son- 
dern so oft es der Willkühr der Römer getiei, abwechselte. 
Auf die Auktoritttt des vierten Bvangeiioaia liin gegen die 
sonstige Sitte and uneracblet des Scillaehweigena dei Jost- 
phus nnzunehmen, Hannas und Kaiphas haben vermöge ei- 
ner Privatttbereinkunft Jährlich gewechselt dasti mag 

^) Vgl., ausser den angefUhrteO) Bcitikera, Rua, £anlcit. in das 

N. T. 2, S. 215. 
4) Hierüber am richtigsten LOckb, 2, S. 407 IT. 
'5} Wie die Probabilicn meinen^ S. 94. 
6) Hva, a. a. O. S. 221. 



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ZwtUiif'KVpiteL $.11$. 



«iohj wer Lu«t iMt, entschliefsen : iviavrö unbeatsmint fär 
XQOVB KU nehmen ist wegen der doppelten Wiederbo- 
ian^- ileaMib6n''AiMdrilekt V. 51« omi 18,-13. umvIiMjf; 
dnfir te Jener ZAlt das HoheprlegtortfaüM to ta0fiy» inJi 
eeltef und einige Hohepriester nieht Jünger als ein' Jfthr In 
üii'er Stelle belassen wurden berechtigte unsern Schrift- 
«tellttr nicbt^ den KnipkM nbUohenpriMter einM Jnhra sab«» 
seidiiien, wsMiev gmde TielniMir eine Reih» v^en Je i n wi^ 
tumientlieh withrend der gansen Dauer von Jesu Öffentli- 
cher Wirksamkeit,' jene Stelle bekleidete; dafs aber endlich 
Johannes soll tagen wollen, im TodetJefarJeM-eei Kaiphae 
Hoherprlester gewesen, ohne dadnrtb üriiiere und apitwe 
JahfTO anSBUschliefsen , in welchen er dieses Amt gi ct efc 
falls bekleidet habe geht ebensowenig. Denn wenn 
die Zeit, in weiche eine Begebenheit föllt, nie. ein g e wiie te 
Jahr ' beeeleimet wind, eo mnfe dlefii darin seinen Oi n nd 
haben, dafs « entweder die Begebenheit, deren Zelt'bestUnnft 
werden soll, oder das Datum, nach welchem man dieselbe 
lieetimraen will, mit dem Jahreswechsel nosammenhfingl; 
Entweder nmla also der EraXhler im Tierten Bimfsliafli 
der Meinung gewesen sein, ton Jesu Tod, ««'' 'W e iehei i 
sie damals dei^ Anschlag machten, sei auf jenes ganae flahr^ 
aber weiter nicht, eine Fülle von Geistesgaben, unter we^ 
eben aneh die prophetische Gabe des damaligen fiohenpri^ 
sters, ausge^Mseh *^); oder, wenn dfefs eine gesnohte Bau 
klftrung ist, so mufs er den Kaiphas als Hohenpriester eben 
nur Jenes Jahrgangs sich vorgestellt haben. Wenn als^ 
LüOKB spfailelal) da nach 4osephns der damalige «Heheprid» 
ster dieses Amt sehn Jalire hintereinander ver wal t et habe, 
so könne Johannes mit dorn uQyjLBQii^ %ü ivucv%ö ixiim 



7) KuiNOL, f. d. St. 

8) Paulus, Conun. 4, S. S79 f. 

9) LücHS, t. d. St. 
JU) LisMTrooT,* s. d. St. 



9 

t 

t 



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'üteiH pmlilt lüWw» das holioprlttwIltM hmt mI daiMb 

-Jfihrig gewesen : so kehrt sich dieser Schlufs , da das Zo- 
'tiigeliegen dieser Meinung ia den Worten dct Kvmngciiww 
ifahtrer lit, ab 4alt Letten \m§umt Johtamn gavrMfi^ 
Ih *d«i der FnhMIkn mmi im da» vIerCs firangeliaai hkr 
eine Vorstellung von der Dauer des Uohenpriesteremtes 
steige, die man in Palästina nicht habea iu^nii^^ so könne 
das V^aeier daaselban kein PaUstiiieiMer ifeHraMn #ti» f 
.i)t. • Aaab von den weiteren Angaben tfber die Paalita, 
durch welche Jesus der Hierarchie seines Volkes anstöfsig 
geworden sei, sind nur diejenigen glaublich, welche die 
•fiynoptiber aiiein eder mit Johannea gemein iiaban: die 
•dkm leatofen elgentliAmlielien nteht. Ton dem GeaMin** 
schaftlichen war der Anstofs an seinem feierlichen Eineug 
und der starken Anhinglichkeit des Volks an iboj die aich 
dabei neigte) ebenso natflrlioh} als die Erbittemg Aber eeÜi 
f SLeAm und Thon gegen die Sabbatavenebrillany worin Im- 
wer leateres bestanden haben mag; dagegen ist die Art, 
wie dem vierten £vaiigeiiam zufolge die Juden an denAna- 
aonlngen dem Aber aleh aie Solm Gottea Anatoft genom- 

beben aoüen, naeh einer frOheren Auaeinan d er ie t a ung* 
ebenso undenkbar, als es in der Ordnung ist, dafs die Po- 
lemik gegen den Pbarisäismus, welohe ihm die drei ersten 
Slrangetien leihen^ die Getroflfonen ferdrieisen mniäta» So 
kt Aber Ae Unaohen und MaHvo der BoakHon^ weleiie 
gegen Jesma sicK bildete, In der Johanneischen Darstellung 
kein neuer und tieferer AnfecMnfs bu holen: aber waa 
die S)fnoptiker bieten | reielit aadb voilliommBii Un^ jene 
SndioiMiDg BD begrdlSBn. 

f. 114. 

Jesus und sein VerrStber. 

Unorachtet im tlatbe der Uoheu|irie«ter und Aice^toii 

m 

IJ) Probabil. a. a. O. 
12) 1. Baad, 59. 



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ZwVffiei KkpiteL' S;H4. igt 

füMbn, weit eiri« in iH^ii'Tkgen an Jesu' vörtibte GewAll* 
that unter der Masse Ihm günsriger Festbesiicher leicht e?* 
neh Aufstattil erregen 'konnte (Matth. 216, 5. Mai*c.-^14y 2l|) : 
iri«Hil^4i««»KifokUülit -doeh durch dteLdeht)gkiH'|ft& 
wogen, infr wri«li#r ilner seiner JOnger ihn in ihre H/ini 
de ZQ lieftrii aich anfieischig^ machte. Judas nämlich, oh- 
ne ZweiM V0ri tiekk9ft Ab8täiiiitiäii|g kns der JfldlSiidien Siadk 
Kmptotli (4'i^i**i§f\B*Tf%3ttt^icitf;g genannt, g^iong den S^ni 
•Irtikehl' MVfblg^ wehige 'fage T^r^ dem Paschnfest zu den 
Vorstehern der Priesterschaft, und erbot sich, Jesitm ih- 
mn i« der Stille zu flberliefem, wofth^ sie ikm Geld, nach 
Bli|tlii«ii«4reiili%4MiNrt#kel (a^;/tt^/a), veHj^rachen (Malth« 
UiC ^aMlfl.>' Ydif ^ei< solcherr ToriHnligen Verband- 
lonj^ des Jndas mit den Feinden Jesü meldet das vierte 
lüfvangeliiioi' nicht nur' nichts , sondern scheint' auch «oikst 
die Suche ftor dlMastelitti,' tis hätte Judas erst bei derfe«.' 
tvn ÜAhlMlt-'deii fintscMtdk gefätkt und sogleich ausge- 
führt, Jesum an die Priesterschaft zu verrathen. Dassel- 
he iiaekd^ip des Sallan in Jndas nämlicli , welches Lnkai 
CtS, S.) 'Tor MiMn lifstcn Ganj^ sn den Uohenp^eitern^ imä 
idM lHMh Bum f^hHM^stAns^^ gieMcht tsi^ s^t, lafst 
der Vel^fasser des vierten Evangeliums bei diesem Mnhie 
eintreten^ ehe Judas die Gesellschaft verliefs (13, 2*7.): 
IMMtfiJfeWefs^ wiift es scheint, dafr nach der Ansicht dÜesca 
Ev«M|eritoten Judas' i$rst jesi den Tcrriltherlschen'Gang g^ 
iiia«ht hat. Zwar schoh vor dem Mahle, bemerkt derselbe 
(13, 2.)) habe der Teufel dem Jndsfs in's Herz jregeÜen 
geliabt, JcsttBi so Terrathen, und dieses tö diafloXa fifßU^ 
imog.eljs njv nagdlav wird gemeiniglich dein eioijkO^e pcma- 
vag bei Lukas gleichgesezt, und von dem Entschlüsse zum 
Vervatib .v^jnst^ndeo, in dessen Folge Judas au den . Hohen- 
y t l cs M Hi||cg<»gMi'»eig allein, vmr er aehon dauiab mit 
dcnaellMB einig gevmden, sonrar dcr-Verrath heirelli toU- 
sogen, und man weifji dann kaum, vias das eio^kOtv üg 



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39^1 . Drltttp ;A.b4ch;»U^/ ' 

avtov o occTcei'ag bei m fcztcii Malile noch bedeuten soll , da 
das Hinausführen derer^ welche Jesum greifen sollten, kein 
neuer Teufelsentschlurs , sondern nur die Vollziehung des 
bereits gefufsten war. Der Ausdruck bei Joliannes V. 27. 
bekommt im Unterschied von V. 2.. . nur dann einen gnna 
passenden Sinn, wenn man das ßdkUiv tlg zlijv yMQi)tczv 
von dem Aufsteigen des Gedankens, ins eloikd^eiv aber von 
dem Keifen desselben zum Entschlufs versteht, also nicht 
voraussezt, dafs Judas schon vor dem Mahle dfen Hohen- 
priestern eine Zusnge gemacht liabe '}. Stehen sich aber 
auf diese Weise die Angabe der Synoptiker, dnfs Judas 
schon einige Zeit vor der Ausführunff seines Vei'raths mit 
den Feinden Jesu in Unterhandlung gestanden, und die jo- 
hanneischc , dafs er erst unmittelbar vor- iler That sieh 
mit ihnen in Verbindung gesezt habe, entgegen«* so ent- 
scheidet sicli zwar Lücke In der Art für den Johannes, 
dafs er behauptet, erst nach dem Aufbruch vom lezt«n. 
Mahl (Joh. 13, 30.) habe Judas den Gang zu den Holien- 
prIestern gemacht, welchen die Synoptiker ( Mattli. 26, 
14 f. parall.) vor d.is Malil versetzen -): aber er thut dief« 
nur der vorausgesezten Auctorität des Johannes zolieb; 
denn wenn auch, wie er bemerkt, bei eben einbrechender 
Nacht Judas mit den Priestern noch; recht gut unterhaiiT 
deln koinite: so ist doch, die Sache ohne Voraussetzung 
betraclitet, die Wahrscheinlichkeit ohne Vergleichung mehr 
auf Seiten der Synoptiker, welche der Sache doch einige 
Zeit lassen, als des Johannes, bei welchem Alles Knall 
und Fall geht, und Judus, allerdings wie besessen,, nach 

1) Dass nach der johanncischcn Darstellung Judas erst vom 
.1 Mahle weg zum erstenmal tu den Höhenj*>riestei*n *ge<»iin^errf 
'sei, hat auch Lightfoot anotkannt (horac^' p.' 4€5.y, mti 
dcsswegcn das von Johannes crzühlte Mahl far. ein(frUherM| 
^als das synoptischo gehalten. - »... /, • ^M.ii'i iri »1 Ai\ th 

^ Corom. z. Joh. 2^ S. 4^4. ' "<- .'« ; tinn h.in (lu^' v 



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Zweite)^ Ki^|Ht^L{.f,,(^. 



£uitinich der Naciit nocJi ^mV^^m 

Über die Motive, wekhe den J^da^ .bewogen haben, 
sich mit den Feivden Je^iu gegQo ^l^9<^:.yf^h|jid^n| ^lijüif? 
ren wlr<aM den drei etn^n l^iraagieJjeii Wl^,4^'9i[^Xfn 
rien Hohenpriestern Geld bek^oin^n ,]ui^/^«,.^jpier«^ M);<lr,dV) 
besonders nach der ErzähJaiig b^i ]^a^|i|^|if , wp,J,uda|i4 
ehe er d^n Verrath zusagt^ ,4^e Frage ina^ht : ^Üt^,4/I!i^ 
döwij fllrJUab- und G^wii|^^ht ,ivis/i>i,^£edf^ 98^^ 
Bestimmtem LkLt jHktk hiei^)r, >|DQb.).4«e Angabe 
vierten fiyangeliums ^tf.)? schon b^i dein Betha^i^9hen 
Mahle habe Judas Bkih über SalLupg,, als ^jll^^i^Qi^ 

Iluge Versehwendvag» ge&i|g)9rl;; ^. ^<4^i«^MUfi|i •fiffiBen* 
tei geführt, ec& «hef- ml. 4ms«lben jsniili J4ifib.ge:w.^dei)i 

wornach also anzunehmen wlire, dafs 4ie Habsucht des 
Jindas,. durch das, was er der Gesellscl^aftscasse ab^^l4^ 
Jioluiite) aiebfcieeb« befriedigt,, diireii die.ÜhDßÜefeii^qp Jit^ 
•a aa die reiche und Intiichliga Pfieptexparf^^ aeol^l^jU 
tigeren- Gewinn zu machen gehofft babe. Man wird es 
dem Verfasser des vierten Evangeliums Dank wissen m(j^ 
MUi «liift eruna .duMh.die Ayfbeyvahiraiiig jdiesiiir Jjfo^iaeni 
wdehe den fibrigea fiTangellüeii ftW^.^ iUb Tbat^ dfts Jur 
das einigernuifsen begreiflich gemacht hat^ v"* s^^^^^ sich 
eeiae Angaben als historisch begi^Mnd^t eeigen. Hier i^) 
MM «ber in ßezug darauf] da£i >ifi*fde J^di^i iß^/^^^i^§§ 
unsgesproehen babe, jMiou ii»bei^.#4isgefm^# ippHen., 
«nwahrscheiniich es sei , dafs die Sage diesen Zug vcfior 
ren haben sollte ^) : wie wahi:scheiniich dag^en ei^e 
genliafte Entstehung 4e«#i9l||ei| iM,-.^h^{|^|i^<^t« : D^s jSer 
thanfsche Mabi «teiid. (u 4fiK. «V*90liU(^ihHi),UltfBS^ 
dem Ausgang des Lebens 'Jesu diurqh den, Verrath, de^ tljif 
das nahe: wie ifgksht W^^a «MM)P.4^A\i*^4M)^.Aafi^^{filH 

S) i. Bsttdy S» 911 f«< ** ' ^ . - jMr./.il #iub ei»rr.* '«« * ih 



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384 '^VrUter Abcchnitt. 

Jeifftr^ivghMii^'Tidel eito Froigdligkeit könne nnr Ton 
ikum häUAh&is^ J«NtM'«4Mgegluigeii sein l Odfa der Tadel 
KDgleieh «of VerkavfM dar Selbe Mm Beeten der Arne« 
.drä'ng, konnte im Munde des Judas nur ein Vorwand ge- 
iraed äehtiy hinter ^elehea eieh «ein fiigennus irersteckte : 
Minnen TeHheii^ arber kenMe er Yen dem Verluaf Jener Sei» 
be nur' denki* erwerten, wenn %r drieoble, von dem «r- 
lösten Geide etwas eu unterschlagen, und diefs konnte er 
niederem nnr, wenn er Cass^nAlhrei^ wer» Zeigt sieb so 
ätuAittwn dem Zuge, deft MiaiM'^HUntrs h nti to yltMh^ 
<To%<ov <7ze, «Hl«tinhl.törfKli« tatmho^ .1. «flglMi: - 
ist nun SU untersuchen , ob sich Gründe eu der Annahme 
finden, dafs es sieii wirklich so verhake S 

'Itter mnle tin «Adrer Pnnkt hinsugenomiMtt werden^ 
Iii' welchem die SytooplMier nnd Joiiaimee d üferh en ^ nlnn 
lieh das Vorherwissen Jesu von des Judas VerrÜtherei. 
Bei den Synoptikern neigt Jesne diese Kunde erst am len- 
teil Mebie, mk^ am einer Zeit^ wo dio Thal dea Jndne ei- 
^entlM' eekon gesebehen war, «nd noeh Icom forher, wie 
es scheint, ahnte Jesus noch so wenig davon, dafs einer 
defe* Zwölfe ihm verloren gehen würde', daU «r ihnen ai- 
leii, ivle Me de waren, bei der Pailngenerfe eb» SMen anf 
rt RKÄ^tOhleH ^rl^ (Matlh. 19^ 98. ). Naeb Jobam 
nes dagegen versichert Jesus schon um die Zeit des vor» 
lekten Pascha, also ein Jahr vor dem £rfoig, einer von 
A«i''Z#9lfen tel ehi dia/ftfAbffi wtfmlt er, laut der Bn- 
)li«rfcung deV BViKAg«llMen>;^ deti Nlndai, alr aeiiien btnf. 
tigen Veri'Hther, meinte (6, 70.); denn, wie kurs vorher 
(V. 64.) bemerkt war, jjdei äff^ji^ 6 ^Ir^aög, — f/ff iggp 
6 nagadviaiar tturovi BienAch *bätte aleo Jeeiia vonAnlanj[^ 
Mnei> BekiintoteelMft - Ml 'dte indes geilrufet, dafs dieeer 
ihn verrathen würde, und nicht biofs diesen äussern Erfolg 
hfitte er 'Vorhergesehen, sondern,' da er jawufste, was ioi 
Menaoben war (Job. 3, SS.), eo hAtte er aneh dio Triebfe- 
dern dee Jndaa dnrebaeba«^ daft er nimUeb ana Hahanebt 



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^ Zweites Kapitel. S* 114. ISft 

iiimI Geldgier Jene Thet begeKen wOvde« debei toll er 
ilin Bnm CiistefiDhrer gemaofat, d. h. ihn auf einen Posten 

gestellt haben, auf welchem sein Hang, sich auf jede, wenn 
anch uni*echte Art Gewinn zu schaffen , die reichste ^ab- 
rang bekommen mufste? er soU ihn durch Gelegenheit cum 
Dieb gemacht, nnd sich, wie absichtlich, an ihm einen Ver- 
rüther grofs gezogen haben ? Schon vom ökonomischen 
Standpunkt aus betrachtet : wer vertraut denn einem eine 
€asse an, Ton dem er welTs, dals er sie bestiehitH dann 
]>lldagogiseh : wer stellt den Schwachen anf einen Plaz, 
der gerade seine schwache Seite so beständig in Anspruch 
nimmt, dafs vorauszusehen ist, er müsse früher oder spfi« 
ter nnterliegen? Nein in der Tliat| so hat Jesus mit den 
.ihm sunXchst anvertrauten Seelen nicht gespielt, so nicht 
dns Gegentheil von dem ihnen erwiesen, was er sie beten 
lehrte: ftrj eiatviyxi^g ^fiäs tig aaiQaofidv (Matth.6, 13.),«ials 
er den Judas, Ton weichem er Torauswufste, er werde aus 
Gewinnsucht sein TerrUther werden, nnm Cassefllhrer er^ 
nannt haben könnte; oder wenn er ihn dazu machte, so 
kann er jenes Vorbervvissen nicht gehabt hnben. 

Um in dieser Alternative su einer Entscheidung sn 
gelangen, mfissen wir jenes Vorherwissen für sich nehmen, 
lind sehen, ob es abgesehen von dem Cassenamt des Judas 
wahrscheinlich ist oder nicht? Auf die Frage nach der 
psychologischen Möglichkeit wollen wir uns nicht einlassen, 
da es ja immer frei steht, sich auf die göttliche Hatur In 
Jesu SU lierofen ; aber von der moralischen Möglichkeit 
wird es sich fragen, ob es bei jener Voraussicht zu recht- 
fertigen sei, dafs Jesus den Judas unter die Zwölfe ge- 
wUhlt, nnd In diesem Kreise behalten habe? Da durch 
diese Bemfbng sdn Venrath als solcher erst möglich i^nr- 
de, 80 scheint Jesus, wenn er diesen vorherwufste^ und 
den Judas doch berief, ihn absicbtlich in jene Sünde hin- 
eingenogen mn haben. Man wendet ein , durch den Um« 
gnng mit Jesu sei dem Judas Ja auch die Möglichkeit ge* 

Dai Leben Jesu U. ßand, 25 



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386 Dritter Ab«chiiitt« 

geben, worden^ jenem Abgrund eii entgehen^): aber Jesvi 
hatte Jn vorausgesehen, fiafe eich diese Mdglichlieit nicht 
verwirlilielien würde; man sngt weiter, aoch In andern 

Ki*ei8en würde d^s in Judas gelegene Böse sich , nur in 
andrer Forni) entwickelt haben, uns schon stark determi* 
nistisch klingt ; so wie vollends die Behauptung, es sei kei« 
ne wahre Hsife fllr den Menschen, wenn das Böse, woxn 
der Keim in ihm iiei^t, nicht zur Ausbildung koinaic> nuf 
Conseij Uenzen su fnhren scheint, wie sie Rom. 3, S. 6, 1 f. 
verworfen sind. Und auch nur von der gemCithllchen Sei-, 
te angesehen, — > wie konnte Jesus es ertragen, einen Men« « 
sehen, von welcljem er wufste, dafs er sein Verrfifhcr 
werden, und alle Unterweisung an ihm fruchtlos bleiben 
vyttrde, die gense Zeit seines öffentlichen Lebens bin* 
durch um sich nu haben ? mufste ihm * durch denselben * 
nichiu jede Stande traulichen Zusammenseins mit den ZwüU 
fen verkttnuBcrt werden? Gewifs triftige Gründe miilsren 
es gewesea eeia» am deren wUlen Jesus sidi dieses Widri« 
ge and Harte aufgelegt hfttte. Solche Grdnde und Zwecke 
konnten sich entweder auf den Judas beziehen, und hier 
also in der Absicht bestehen, ihn zu bessern, welche aber 
durch die liestimnte Voraussicht seines Verbrechens cum 
Voraas abgeschnitten war; oder sie bezogen sich auf Je* 
snro selbst und sein Werk , so dafs er die ü herze nüunar 
gehabt hätte, wenn die Erlösung durch seinen Tod zu iStan- 
de kommen solle, müsse auch einer sein, der ihn verra- 
the Allein xu jenem Zwecke war nach christlicher Vor- 
aussetzung nur der Tod Jesu ein uneiitbehrliclies ^iiifcl: 
ob dieser aber mittelst eines Verraths, oder wie sonst, liei*« 
beigeftihrt wurde, hatte für den £rlösungsBweck kein Mo- 
ment, and daft es den Feinden Jesu auch ohne den Judas 



4) Diesea und die. fotgeaden GrUade s. bei OuaAVsaa, 2, $. 
458 ff. 

5) OuNAVtiif, a. a. O* 



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t 



Z#eit»s Kfipiteh $. 114. W 

frfiher otlnr fpKter gelangt sein würde y ihn in ihr» Go* . 
wall so bekomnen, ist niileagbiir; daf« aWr der Verrft* 

thei* unentbehrlich gewesen, um Jesu Tud eben nm Pascha- 
fest, das sein typisches Vorbild enthält, zu blande stt 
bringen ^) : — mH söJehen Spielereien wird nuin uns deolt 
lleutiges Tag» nioht mehr hinhalten woJlen. 

Läfst sich somit auf keine Weise eine genügende Ab- 
sicht ausfindig machen, welche Jesum bewegen konnte^ in 
. der Peraon des Jnda« wisaentiich seinen Verr&ther an sich 
BQ siehen and vm sldiBn behalten: so seheint entsehieden, 
dafs er ihn als solchen nicht im Voraus gekannt haben . 
kann. Schl£iermach£r, am nicht durch Lengnung dieses 
Vorherwissene der johanneischen Anetoritäl bq nahe bu tre^ 
len, BweÜelt lieber daran, dals Jesus die Zwdtfs rein 
selbststündig ausgewählt habe, und indem nun dieser Kreis 
sich mehr durch freies Anschliefsen der Jünger von selbst 
gebildet haben soll, so könne Je^os leichter darüber ge- 
reehtfertigt werden, diafs er den sieh Badvingenden Jndas 
nicht zurückvvies, als wenn er ihn aus freier Wahl ea 
sich gezogen hätte Allein die Auctorität des Johannes 
wird hiedureh doch veriezt, da |a gerade er Jesum zu den 
Zwölfen sagen Mkt: 8% ifistg /ue i$Bli^aad€f al£ iyd e|f- 
le^dtir^y vuctg (15, 16. vgl. 6,70.); übrigens einen bestimm* 
ten Wahlakt auch weggedacht, so brauchte es ducli , da- 
mit einer beständig um Jesum bleiben durfte, seiner Lriaub- 
nffs and Bestätigung, and sehen diese konnte er menseh- 
lieherweise einem Manne nteht geben, von welehemerwurste, 
dafs er durch dieses Verhältnii's zu iliui der schw ür/.uAtiii 
Frevelthat entgegenreife ^ sich aber ganz, wie man sa<^ t, in deji 
Standpunkt Rottes na versetsen, und um der Möglichkeit 
der Besseraog willen, ren der er doeh vorauswofrte, dalb 

» _ t 



6) Ein solches Argumeat lieste sich aus dem sbleitea, wss Oit- 
■AVSBN, 2, S. 587 unten und 388 obea ssgl« 

' 7) Über dun Lukas, S. 88. 

\ 

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'9» * Driller Abselmilt. 

* sie nie ftor WIrkliehkdl wenlen wAniey den JimIm In mS« 

ner Geitellschoft ff» liissen, duf wäre eine göttliche Tn. 
menschlich keit j luchfs GottroenscJiliches j gewesen« So 
sckwnr et hieniicli hült, die Angabe des vierten Evenge* 
Hunwy dnf« Jesus von Anfang an den Jadas als seinen Ver« 
Fächer geliannt hnbe, als hislorlseh festnnhalten ; so leiebl 
entdeckt sich, was auch ohne geschichtlichen Grund sti ei- 
ner solcben Darstellung bewegen konnte. Dais der von 
einem seiner ^gnen SehOJer an Jesu begangene Verratk 
ihm in den Angen seiner Feinde eem Maehth<^ gei*eichbp, 
Ist natürlich} wenn wir auch nicht von Ceisus wiifsten^ 
dafs er in der Rolle eines Juden Jesu vorwarf, ort 
m (üwoft^B fiad-^iSv ngädo&t^f nnm Beweis ^ dals er we» 
niger als jeder Rffnberhanptnann die Seinigen an sich nn 
fesseln v ^rmocht habe Wie nun die aus dem schmähli- 
chen Tode Jesu eu ziehende üble Folgerung durch die 
Behanplung, er habe seinen Tod lange vorhergewalsli am 
besten «bgesehnllten en werden sehien: ebenso das, was 
man aus dem Verrath des Judas Schlimmes gegen Jesum 
ableitete } dorch die Angabe | dafs er von Anfang an den 
Verrither dnrohsehaul habe, ond dem, was ihm dieser, he* 
reilete, bitte entgehen können, mithin mit Freiheit und 
ans höheren Rücksichten sich seiner Treulosigkeit nusge- 
seftl habe^); womit zugleich noch der Vortheil zu gewin« 
nen war, der in jeder angeblich eingetroffenen Voranssn» 
gung flBr den Vorausverkflndigenden liegt, und weleheit 
der vierte Evangelist naiv seinen Jesus aussprechen läfst, 
wenn er ihm nach der Bezeichnung des Verrfithers bei m 
lernen Mahle die Worte leiht: an s^« Xfyta iftlp.fgQo tä • 
ym4a9m9 Iver, otwyiin^ai, mgevat^tSf Sti iym tlfu (13, 
10.) — in der That das beste Motto zu allen vaticiniis 
pBSt eventum» Diese beiden Zwecke wurden desto voll* 



: 8) Orig. c. Cels. 2, 11 f. 
9) vgl. FrobabiL p. 139. 



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Zweites KafiiteL f. 114. 



kommeiier erreicht, je weiter Burilck im Lehen Je^u dieses 
Vorherwisseii gesest wurde^ woraas sich also erklärt^ wih 
11IBI der Verfssser des vierten fivengeliiiiu , aieht »nffi^ 
4mk «hiaiit, defs neek der ^ewtthnliehen Oerstelltiiig Jesus 
bei'm leeten Mahl den Verrath des Judas vorherverküiidio^t 
haben sollte, sein Wissen um denselben schon in die An- 
fänge des Zusamaenseins Jes« mU Judas ?erle|Ktf 

Ist hleuiit ein so frühes Wissen Jesu um die Ver^ 
rätherel des Judas als unhistorisch beseitigt, so wÜre Raum 
für die Angabe geniacht, dais Judas den Beutel der Ge- 
Seilschaft Jesu geftthrt iiabei was sich nur mit Jenesi ,Vor- 
auswisseii nieht so rertragen selüen, wogegen nnni wenn 
sieh Jesus überhaupt in Judas irrte, er in eben diesem Irr- 
thum ihm auch die Casse anvertraut haben könnte. Allein 
dnreb die Maohweisong, da(s die Joiiannoftscbo Darstellung 
In Beeng unf das Wissen Jesn um seinen Vmitber eine 
gemachte sei , ist die Glaubwürdigkeit derseüien In dieser 
Sache so erschüttert, dafs man auch leu jener Angabe kein 
rechtes Vertrauen fusen kann. Hat der Verfasser des 
vierten fivangelinms das VerliSitnils swisehen Jean und 
Judas an der Jesum betreffenden Seite ausgemalt ? so wird « 
er schwerlich die Seite des Judas unverzieFt gelassen ha- 
ben; iiat er die Tiiatsnoliflt| dais Jesus verrathen worden 



iO) Noch weiter rückwärts wird, nicht das Wissen Jesu um sei- 
nen VerrXtheT) aber doch ein bedeutssai^ Zussmmenireffea 
mit demtelbeay im ifekryphiichen evsageltum inlintiae ara- 
bicum c. SS. 9 bei Fsaatcms p. 197 f.^ bei TanA, I, p.lOSlf. 
gesest. Hier wird ein dSamniidier Knabe, der im Aafali mit 
den ZMkaen um sieh bist , su dem Kinde Jesus gebracht , er 
heisst nach ihm, und weil er es mit den Zahnen nicht errei- 
chen kann^ Tersczt er ihm einen Schlag auf die rechte Scitc^ 
worauf das Jesuskind weint, der Satan aber einem wiithcn- 
den Hunde simiich aus dem Knaben iährt. Hic autcm puer, 
qui Jesum percussit et ex quo Salanas sub forma canis cxi- 

¥it, iuit ^udas Isdiarietes , qui iiium Judseis prodidit. 



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S90 Arltetr AktaliMUt. . 

iüt, dadurch eingeleitet, Hüf« er Jesum (iici's Scliickftnl voi^ 
hersehen lief^, go mhz leicht das Andere, dafu er den Ja« 
iliu aeliie OevrStMMoeht dan4i ontreve Fflhmn^ des Beateis 
«ehon eeffren IXltt, nur Einleitun^r daen tein^ dafe 
•Itfdrifl Je«tim vprrwthen hat. Doeh, müssen wir niirh die 
fnhannei.^c^en Winke äber den Charakter and die Motive 
de« Jadas aufj^eben: imaerhin behalten wir eneb in den 
oben dari^elee^n Anifaben der Synoptiker die bettiaiiBte- 

ste Uinweisung auf Habsucht als Grundtriebfeder seiner That. 

» 

f. 113. 

VertoMedeBe Aotfcliten Uber den Gbarakter des Jodas und die 

Motlre seines Verrstbs« 

Von den älteston his mif die neuesten Zeiten hat es ;:ol- 
ehe ifegeben^ welehe mit dieser Ansieht der N. T.liehen 
Sehrifttteiler von ifen Be t f p gjgr u nd des Joda« nnd mit ili- 
rom durchaus verwerfenden Urtheil über dons*»lhen C^^l. 
A. (i. l}l(»ir. ) nicht übereinstimmen zu können e;lanhfen, 
und «war können wir sagen, daffii diese Abweichung theilo 
ana Qbertrlebenefn Snpranahiralismoa, theils ana einem ra- 
tionalistischen Ifan^^e horvorpfosrangen ist. 

Ein flherspanuter Supranaturalismus konnte von dem 
Im N. T. selbst an die Hand (gegebenen Gesichtspunkt aoa^ 
dafa der Tod Jasn« Im göttlichen Weltplan beschlossen, 
anm Hell der Menschheit efedi^nt habe, nun aach den Jn- 
das, durch desseti Vemth der Tod Jesu herbeiijof«ihrt wor- 
den ist, nur als ein Werkseaflf In der Hand der Vorseliniifr, 
als einen Miterbelter an der Briöanng der Menschheit be- 
traohten. In dieses Licht konnte er dadurch ifesfellt wer- 
den , dnfs man ihm ein Wissen um jenon gföttlicheii Rath- 
schlufs lieh, und die Vollziehung desselben als bewufsten 
Zweck seines Verrathes seate. Diese BetrachtnnKSwelse 
linden wtr wirklich bei der gnostisehen Partei der Rainl- 
t*»n , welche deti alten H i»*r»<i(do4oii /.nfolire den J«i las für 
loi\|enigea hioltaii, welcher siolt aber die bosoiuüukte jtt« 



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Zweites Kapitel. 115. 391 

dische Ansicht der Übrigen Jünger kui* (inosis erhoben, und 
dieser geniürs Je^uin verrathen habe, \^'eil er erkannte, dnfs 
durch seinen Tod das Reieb der die Welt behemcheudi^ 
niederen tieisfer gestUret werden wOrde ' ). Andere in der 
ültercn Kirche räumten zwar ein, «ial's Jutlns Jesuni iius 
Gewinnsucht veri*atlicn habe^. doch soll er nicht erwartot 
haben, dafs Jesus gettfdtet werden würde, sondern der 
Meinon«^ gewesen sein, er werde, wie schon Cfters, so 
auch diefsmnl, durch seine dbernatürliche Macht seinen 
Feinden entj^chea ^^"^ Ansicht, welche bereits den 
Übergang En den neueren ftechtfertigungen des Verrithert 
bUder. 

Wie Hie bezeichnete snpranaturalistischc Erhebung des 
Judas bei den Kainiten zunächst von ihrer Opposition ge> 
gen das Judenthum ausgieng, kraft deren - sie sieh uuni 
Ctrundsas gemaeht hatten, alle von den jttdiaehen Verfas- 
sern des alten, oder den judaisirenden des neuen Testa- 
ineuts getadelte Personen zu ehren und umgekehrt : so ver- 
spürte der «Rationalismus, besonders in seinem ersten Un- 
willen Ober die lange Knechtschaft der Vernunft In den 
Fcö^elu der Auetorität, einen gewissen Reiz in sich , wie 



I) Irea« adr« liaer, fl, 35 : Judsm proditorem — solum prse ce^ 
leris cognotcentem Terititem perfecisse proditlonis myste- 
rium , per quem et terrent et coetettia omnla^^ dltflolata di- 

cunt. Epiphan. 58, 3: Einige Kainiten sagen, Judas habe 
Jesum als einen noytjQor verrathen , weil er daa gute Gesez 
auflösen woUte; iUoi Se reu»' aCriSy, j//, fMir, uJUa aya^Qr 
avrop Srwm na^Swtt Mura r^p hta^rtop yvSwp* tfvmaar yrff 

uvTttP ^ a9&tris Stfvafttf, mrl tSrS, if f;aij yyjJj S *Maef Mmtvm 
Wik ftttyra iM^ytjot yy oj^f na^tadHrat oiroy, uya&ov T^yor Tt oi^aag 
ijf^lv eis oMTtjqiav. »a\ Jei ^fiät (nairfiv xat anoötdörai uur^ 
TOP inatrorj Srt dC auiS Mmrtamfvda^^ ^filp 9 xi go»^« 0mt^ 

2) ThcopliyUct. ad Matth. 37, 4. 



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SM Dritter Abschnitt 

V 

die von der orthodoten Ansicht seiner Meinung nach so 
sehr vergötterten biblischen Personen ibres Nimbus eu ent- 
kleiden , so die in eben dieser Ansicht verdammten oder 
ftarfickgesesten sa Fertheidigen und su heben. J)aher| was 
das A* T. betriffib, die Erhebung Esau*s Aber Jalcob, Saul's 
• (Iber Samuel; im neuen der Martha über die Maria, die 
Lobreden auf den zweifelnden Thomas, und nun sogar die 
Apologie des VerrUthers «ludas« Den Einen war er ein 
Verbrecher aus beleidigter Ehre: die Art, wie Jesus Ihn 
bei der Bethanischen Mahlzeit gezüchtigt, die Zurücksezung 
überhaupt, die er im Vergleich mit andern Jüngern erfuhr, 
verwandelte seine Liebe su dem Lehrer in Hafs und Rach- 
gter Andere haben sieh mehr der ron Theophjlakt auf- 
behaltenen Vei'muthung angeschlossen , dafs Judas gehofft 
haben n^öge, Jesus werde auch diefsmai seinen Feinden 
entgehen. Diele feisten die Einen noch sopranaturalistisch 
so, als bitte Judas erwartet, Jesus werde sich durch An- 
wendung seiner Wunderkraft in Freiheit setzen **) ; conse- 
ijuenter iauf Üirem Standpunkt muthmafsten Andere, Judas 
müge woU erwartet haben, wenn Jesus gefangen wäre, 
werde Volksanfstand nn seinen Gunsten ausbrechen und 
Ihn befreien ^3* Judas wird hienaoh als ein solcher vor- 
gestellt, der, darin übrigens den andern Jüngern gleich, 
das Messiasreich irdisch und politisch sich dachte, und 
daher nnsnfrieden war, dafs Jesus die Gunst des Volks so 
lange nicht lienOzte, um sich zum messianisohen Herrscher 
aufisuwerfcD. Yeranlalst nun entweder durch Besteohungs- 



S) Kaissr, bibl. Theol. 1, S« 249* Xbnlich auch Hlomtocx im 
Messits. 

4) K. Ca. !«• Schmidt, cxcg. Beiträge, 1. Thl. 2ter Versuch, 
S. 18 IT.; TgL dentelbea ia SctuaiDT*t Bibliothek, S, 1, S. 

les ff. 

5) Paütui, ex. Hdb. 3, b, S. 451 CT. I». J. 1, b, S. 145 IT. Üasb, 
L. J. 152. 



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Zweltei KaplleL S. IIS. 



IM 



yersoche des Synedriimt, oder durch da« Gei*acht run dei« 
sen Plane, Jesan nach dem Fest insgeheim zu verhaften, 
hnbe Judas diesem Anschlag, der Jesum verderben mufstey 
Kuvorzakouimeu, und eine Verhaftung noch während des 
Fesrs «tt Stande cu bringen gesucht, wo er gewiTs hoffen 
SU litf nnen glaubte, Jesum durch einen Volksaufttand befreit, 
ebendninit nber genöthigt zu sehen, sich endlich dem Volk 
in die Arme su werfen, und sur Gründung seiner Herr« 
•ehaft den entscheidenden Schritt su thnn« Da er Jesum 
Ton der Nothwendigkelt seiner Gefangennehmung, und 
dafs er in drei Tagen sich wieder erheben werde, spre« 
eben hörte, habe er diels als Zeichen der Einstimmung Je« 
•u In seinen Plan genommen. In diesem Wahne dessen 
fibrige abmahnende Reden thells fiberhtfrt, theils ftJseh ge* 
deutet, namentlich das o noieig, noir^oov tdxcov als eine 
wirkliche Ermunterung Jesu zur Ausführung seines Vor- 
habens aufgefalst. Dia SO SÜberlinge habe er von den 
Priestern genommen, entweder um seine wahre Absicht 
hinter den Schein der Habsucht zu verbergen, und ihnen 
dadurch jeden Verdacht su benehmen, oder habe er neben 
der Erhebung sn einer der ersten Stellen im Reich seines 
Heisters, die er erwartete, auch fenen kleinen Vorths 
noch mitnehmen wollen. Aber Judas habe sich in zwei 
Punkten verrechnet: einmal, indem er nicht bedach- 
te ^ daCs nach der durchschmansten Paschanacht das Volk 
nicht frflbe nn einem Aufstand wach sein würde ; zweitens, 
indem er nicht erwog, dafs das Synedrium eilen würde, 
Jesum in die Hftnde der Römer zu bringen, denen ein 
Volksaufstand Ihn schwerlich su entreissen im Sunde war. 
So soll , nun Judas entweder dn verkannter braver Mann 
(Schmidt) ; oder ein Getäuschter sein, der aber kein gemei- 
ner Charakter, vielmehr in seiner Verzweiflniig noch ein 
Trümmer apostolisclier Grftfse war (HAftS); oder soll er, 
zwar durch ein aehleehtes Mittel, doch einen guten Zweck 
haben erreichen wollou (Pailus). 



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Dritter AbüchnitU 



Gegen die Kuerst ausgeführte Ansicht nun, weiche den 
Vemlh des Judas aus gekränktem Ehrgois ableite^ ist in 
Besog auf den Verweis berm Bethanlschen Mahle, anf den 

man so groCses Gewicht legt, schon bei andrer Gelegen- 
heit die Bemerkung der neuesten Kritik gekehrt worden| 
dais die Milde fenes Verweises, wie sie namentlich ans 
der Vergleicfiung mit der weit schärferen Zurechtweisung 
des Petrus, Matth, lö, 23, erhelle, in gar keinem Verhalt- 
nifs zu dem Groll stände 9 den er in Judas erregt haben 
Söll dais dieser aber sonst Zurttcksetsnng gegen seine 
Mitjffnger erfahren habe, davon fehlt uns jede Spur. Die 
andre Ansicht, welche dem Judas die Hoffnung auf Befrei- 
ung Jesu unterlegt, fufst hauptsächlich darauf, dal's er. 
nachdem ihm flie Ablieferung Jesu an die Römer und die 
Unvei;meidliclikeit meines Todes en Ohren gekommen , in 
Vereweiflnng gerathcn sei, als Beweis, dafs er einen eiit- 
gegengesezten Erfolg erwartet hatte* Allein nicht blofs der 
ungittckiiche £rl'oig, wie Paulus meint, sondern ebenso 
aoeh der gittckiiche, oder das Gelingen des Verbrechens, 
„zeigt dasselbe 9 welches man sich vorher unter tausend 
' £ntschuldiguiigi<grijnden verschleierte, in seinejj si-.hwnr/en, 
eigenthümlichen Gestalt.^^ Das real gewordene Verbrechen 
wirft die Maske ab, die man dem nur erst idealen, im Ge- 
danken vorhandenen, leihen konnte, und so wenig die 
Reue manches Mörders, wenn er den Gemordeten vor sich 
liegen sieht, beweist, daf« er den Mord nicht wirklich be- 
abslohtigt lMl)e: ebenso wenig kann die des Judas, als er 
Jesam ohne Rettung sah, beweisen, dafs er nicht voraus- 
berechnet hatte, e« werde Jesum das Leben kotiten. L'n- 
ndglich aber, sagt man ferner, kann Uabsucht die Triehic- 
der des Jndas gewesen sein; denn wenn es ihm um Ge- 
winn BU thon war, so konnte ihm nicht entgehen, daf« 
die fortdauernde Ca^isenführung in der GcäclUchnit Jesu 

6) 1. Bandy S. 714. Vgl. noch H.\sr, a. a. O. 



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I 



ZweUes Kapitel. $. 115. 3d5 

ikuk vfkehv abwerfen würde, als die eJeiideii 30 SUberlinge, 
unsres Ci^lda 20-^25 Tli|iler, die er bekam ^ vas bei deji 
Juden die Vergütung für einen verJesien SlLiaven, ein Tag 
John auf 4 Monate war. Allein eben die 30 Silberlinge 
sucht man vergeblich bei allen Berichterstattern ausser Mat- 
thüiM. Johannes schweigt völlig Über einen dem Juda« 
von den Priestern eu Theil gewovdnen Lohn ; Markus und 
Lukas sprechen unbestimmt von uttyvQioVy das sie ihm ver- 
sprochen haben, und auch den Petrus iül'st die Apostelge* 
sciehte (1, 18.) nnr von einem fual^og reden, der dem Ju- 
das zu Theil geworden sei. ^ Ml^tthüus aber, der allein jene 
bestimmte Summe hat, lüfst uns zugleich keinen Zweifel 
über den histürisclien Werth seii;er Angabe. Er citirt nämlich, 
nachdem er das Ende des Judas beriehcet (27, 9 f. eine 
Stelle ans Zacharlas (11, 19 f.; aus Irrthum schreibt er Jere- 
mias), in welcher ebenfalls 30 Silberlinge als Preifs vor- 
kommen, zu welchem einer angescl»lan;en worden sei. Zwar - 
sind in der Prophetenstelle die 30 Silberlin|[e^ kein Kauf- 
preifs, sondern ein Lohn, der damit Beeahlte ist der Je- 
hova's Person vorstellende Prophet, und durch die geringe 
Summe wird die Geringschätzung angezeigt, welche <iie 
Juden gegen so viele göttliche Wohlthaten sich zu Schul- 
den kommen Uefsen ^)« Wie leicht aber konnte ein christ- 
licher Leser durch diese Stelle, in welcher von «einem 
schmählich geringen t^reifse (ironisch l[5^ri "IlK ) die Rede 

war, um welchen die Israeliten einen im Orakel Redenden 
angeschlagen haben, an seinen Messias erinnert werden, 

der um ein seinem Werthe gegenüber jedenfalls geringes 
üeid seinen ITeinden verkauft worden war, und er konnte 
nun ans dieser Steile heraas den Preifs bestimmen, der 
dem Judas filr die Überlieferung Jesu hesahlt worden war* 

liienach geben die tqiuxoitu ccQyvQice durchaus keinen Funkt 
ab, auf dei^ sich der jeuige stützen kdnute, welcher bowel; 

"* ■ • 

7) BossMMOujta, SchoU In V. T. 7, 4, $18 ff. 

'ff * « 



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a9G Dritter Ab^choitt. 

BMI will y der geringe Lohn ktfnne es nicht gewesen sein , 
WM den Jodes Bvm VerriUier seehte; denn wie gering 
•der bedeutend der Lehn wer, weielien Jodes beiuin^ wis- 

een wir geschichtlich gar nicht. 

Da alle andern Grllnde| welche für edlere Triebfedern 
dee Jndee spveeiien sollen , noch sebwieber eis die on(er> 
enebten sind: se finden wir ans immer wieder aof die6e* 

winnsucht sarflcligewiesen , welche uns durch die evange- 
lischen Nachrichten an die Hand gegeben Ist, und sollte 
diese eis MoHr no einem soieben Schritte nicht genügen, 
so Ist es besser gethen , die Unmdgllchkelt , hleHlber in*s 
Klare zu kommen, offen zu bekennen, als durch luftiges 
Pregowtislren die mengeihaften Data aufonpotaen 

Bestellung des Faschamahtt. 

Am ersten Tag der angesAuerten BroiO| an dessen 
Aliend das Paselmiamm geschlachtet werden mofstoy also 

den Tag vor dem eigentlichen Feste, welches aber an dem- 
selben Abend noch seinen Anfang naiim, d. h. den 14ten 
Kisan, soll Jesos^ nach den awel ersten Evangelien auf 
eine von den Jtfngem an Ihn gerichtete Anfrage, nach Mat* 
thios unbestimmf, welche ond wie viele, nach Markos awei 
Jünger, welche Lukas als den Petrus und Joliannes be- 
neichnet| oor Stadt geschickt haben C vielleicht von Betha- 
nien ans), om Air die Festmahlselt ein Lokal so bestellen, 
und die weiteren Anordnongen oo treffen ( Matth. S6, 17 ff. 
paralL). Was Jesus diesen Jüngern für eine Weisung ge- 
geben, darin stimmen die drei l^richterstatter nicht ganz 
llberein» Meeh allen schickt er sie an einem Manne* bri 
welchem sie nor Im Aoftrag' des StSaaxalog ein Lokal sur 
Paschnfeier begehren dürften, um sogleich eines eingcrjuimt 
Eli kckommen: aber theil« viivd dieses Lokal von den bei- 



8) VgL auch Kaivtscas , in Matth, p. 7S9 f. 



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Zweite« KapiteL f. IIC 



ilen Riiileni näher eis ron Metthlns bespleliiiel, nXalleh 

ele ein grofses oberes Zimmer, welches bereits mit Polstern 
Tersehen, und cum Empfang von Gästen sugerlchtet 
tlwih wird namentlich die Art^ wie sie den fiigenthOaMf 
desselben evflinden teilten, van Jenen enders als ?en die- 
sen angegeben. Metthlns nffmlieh Ififst Jesum nar sagen, 
sie sollten hingehen TiQog %ov dtlva, die übrigen aber^ sie 
würden, in die Stadt getreten, einem Menschen liegegnen^ 
welcher ein xeQUftiov vdctfos trage, dem seilten sie In das 
Hens, in Welches er gehe, folgen, und daselbst mit dem, 
Hausherrn unterhandeln. 

In dieser firsfihlung hat man eine Menge Ton Anstö»» 
een gefonden, weiche Gablbr In einer eigenen Abhandlun|r 
sosamniengestellt bat *)• Sehen das Ist aufgelhllen, dafs 
Jesus erst am lezten Tage an die Bestellung des Mahles 
denken soll, Ja .nach den beiden ersten Evangelisten noch 
dureh die Jttnger daran erinnert werden mufs, da deeh 
bei dem grofsen Andrang von Mensehen in der Pasehaeelt 
(2,700,000 nach Josephus 0) ^'^^ städtischen Lokale 
bald vergeben waren, und die meisten Fremden vor der 
Stadt onter Zellen eampiren nnfstem Um so eonderfaerne 
ist dann, dafs demuneraehtet die Boten Jes« das verlengte 
Zimmer nicht schon besest finden , sondern der £igenthfi« 
mer, als hätte er Jesu Bestellung geahnt, es für ihn auf- 
gehoben, «nd bereits DHr ein Gastauhl sagerichtet hatte. 
Und dessen versieht sieh Jeeus so gewUs, defs er den Heae* 
eigenthUmer nicht erst fragen läfst, o b er bei ihm ein Le* 
kal Eur Fasehamahlzeit bekommen könne, sondern ohne 
Weiteres, wo das Ar ihn geeignete Lokal sei! oder iiaeh. 
BfaCthlns Ihm nur ansagen iilst^ bri Ihm werde er das Fe» 
sehe essen ^ woau noch kommt, daüs nach Markus und Lu- 



1) Ober die Aeerdanng des leslen PstcliimsUs Jesoj In tsinsm' 

neuesten theo!. Journal, 2> S| S. 441 ff* 
i) beil. jud. 6, 9| 3. 



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•I 



kas Josns soofar dicfs vreifs, was f(ir ein Zimmer und in 
i)relchoiii Theil des Hauses ihnen eingerfinmt werden würde. 
BeBonflerii aaftallend ist nun aber nach dieien beiden die 
Art, wie die Jflnger den Weg ma dem betreffenden Heute 
linden sollen. Lautet nfimlich bei Matthäus das i nuyfTE 
elg Tijy nnhv 7cn(]g zoy ddva einfach so, als hätte zwar Je- 
su! den Namen dessen, sn dem sie gehen sollten, genannt, 
der Referent aber ihn nicht mehr angeben wollen oder * 
können : so bezeichnet bei den beiden andern Berichter- 
stattern Jesus den Jüngern das Haus, in das sie zu gehen 
hätten, durch einen Wasserträger, dem sie begegnen Wör- 
den. Wie konnte nun Jesus In Bethanien, oder' wo er 
war, diesen zuflilligen Vmstand Torherwissen , wenn an- 
ders nicht vorher verabredet Wörden war, dnfs um diese 
Zeit ein Knecht aus jenem Hause mit einem Krug Wasser 
Ach sefgen, und auf die Boten Jesu Vrarten volhe? Auf 
^Ine Torhergegangerle Terabredung schien den raffönaflstl- 
sehen ErkJärern Alles in unsrer Erzählung hhi/.uweisen , 
und durch diese Voraussetzung zugleich alle Schwierigkei- 
ten derselben sich sn lösen. Die so spät erst ausgeschick- 
ten Jünger konnten nur dann noch ein Lokal unbesezt Hu- 
den, wenn diefs von Jesu \ oi lior hostcllt worden war, nur 
dann konnte er dem Hausbesitzer so kntoi^orlsch sieh an- 
sagen lassen , wenn er mit ihm schon frtther Abrede ge- 
nommen hatte; aus einer solchen erklärt sich auch Jesu 
genaue Kenntnifs von dem Loknl, und endlich, wovon aus- 
gegangen wurde, seine Gewii'sheit, dafs die Jünger einem 
Wässerträger aus |enem Hause begegnen würden. ' Den Dm- 
scbweif dieser Bezeichnung des Hauses , der durch einfa- 
che Nennung des Namens vom Eigenfhiiinor zu vermelden 
war, soll Jesus gemacht haben, um das Lokal des abzu- 
haltenden Muhles nicht vor der Zeit dem Verräther bekannt 
werden zu lassen , der sonst vielleicht adMin dort ihn euf 
störeiulc Weise überfallen haben würde 

3) so GAau», a. a. O. ^ ilbolich PAViut,. es. Handb. 5, h, S. 481. 



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Zweicei KnpiteL {.11«. 999 

AYfetfi itleseri ßltiilrack mneht itte ertin^lisrlie ErsUfi- 

liing fliji'ciiaiis nicht. Von einer Vernbreching, vorgängigea 
Bestellungy hat sie nichts; vielmehr scheint eins f^^oy ]tcr,j9^ 
iig fjfifrxf'V avtoig bei Markus und Lukas darauf hinwei- 
sen iBf sollen,* dnfs Jesns Alles, wie es sieb spffter wirk- 
lich fand, voranszusagen im Stande war; eine furchtsame 
Vorsicht ist nirgends angedeutet, vielmehr weist Alles auf 
eine wundersame Voraussicht hin. Ntther ist hier, wie 
oben l>ei der Bestellung des Reitthieres* com £SnzDg in 
Jerusalem, das zwiefache Wunder vorhanden, dafs ei- 
nerseits fiUr Jesu Bedürfnisse Alles bereit ist^ und der 
Gewalt seines Namens Niemand su wiederstehen vermag;^ 
nndrerselts aber Jesus in entfernte Vei* hültnisse . einen 
Bück EU werfen , und das Zufälligste vorherxusagen im 
Stande ist '^). £s mufs befremden, dafs diese so unab- 
weisbar sieb darbietende supranaturalistiscbe AnfiPassnng 
des vorliegenden Berichts dlefsmal selbst Olshavsbn isn 
umgehen sucht, mit Gründen, durch welche die meisten 
Wandergescbichten umsustorsen wären, und welche man 
aonst nur von Rationalisten su hören gewohnt ist. Dem 
unparteiischen Ausleger, sagt er^), gebe die ErKühlting 
nicht das Geringste an die Hand, das die uuncierhafte 
Auffassung rechtfertigte — man glaubt sich bereits in I^au* 
LOS Commentar versest; wollten die Referenten ein Wun- 
der ereXhlen, so bitten sie ausdrücklich bemerken mfissen, 
es habe keine Verabredung stattgefunden — ganz das ra- 
tionalistische Begehren, wenn eine Heilung als wunderba* 
re anerkannt werden solite, so müfste die Anwendung na- 

4) Riektig, nur mit xu tpecieller Besiebung auf das Jesu beror« 
•lebeade Leiden, gicbt Bisa, zu Matth. 26y 18.> ab Zweck 

dieser Vorhcrbeieichnung an, ut magis ac magis intelligc- 
rent discipuli, nihil temerc in urbo nin^istro ov«'nturuni, sed 
quac ad minutissimas usque circumstaulias puaitus |)erspücta 
habert't. j ^ 

5) b. Comm. 2, S. S85 f. 



• 



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4M Dritter Absclinitt. 

tttrlicher Mfttel ausdrücklich gelcngnet sein : Auch ein Zweck 
dieses Wunden sei nicftil einsusehen, insbesondere eine 
Glaubensttlirkung der Jünger sei damals nieht nüthig, und 
imch den früheren erhabeneren Wundem durch dieses we- 
niger bedeutende nicht zu erreichen gewesen ~ (irütide, 
dureli welche ebenso namentlich auch die gsne ähnliche 
Sraihlung von der Vorkerbeselchnnng des Esels bei*m Ein« 
7.ug, welche docli Olshausen als wunderbar festhfilt, nns 
dem Kreise des Übernatürlichen ausgeschlossen werden 
würde. 

Eben dieser früheren ErcXhlung 'nun aber ist die ge- 
genwärtige so auffallend analog, dafs über die historische 
Realität der einen nicht anders als über die der nndern geiir- 
thelit werden kann, flier wie dort hat Jesus ein ßedürfnirs^ 
für dessen schleunige Befriedigung von Gott so gesorgt 
ist, dafs Jesus die Art dieser Befriedigung aufs Genauste 
Torherweifs: hier bedarf er einen Speisesaal, wie durt ein 
Reittbier^ hier wie dort sendet er ewei Jünger aus^ um 
die Bestellung bq machen; hier giebt er ihnen einen lie* 
gegnenden WassertrSger als Kennsetehen für das Haus 
an^ wie dort der angebundene Esel das Zeichen war; 
hier wie dort weist er die Jünger an, dem Eigenthümer 
nnr ihn, hier als didamaXos » ^ort als xvQtogt cn nen- 
nen, um sogleich die unweigerliche GewXhrung seines Ver« 
iangens auszuwirken ; beidemale entspricht der Erfulg sei- 
ner Voraussage genau. Auch bei dieser Erzählung, wie 
bei der früheren , fehlt der hinreichende Zweck, weichem 
nlieb ^n solches melufaches Wunder künnte veranstaltet 
worden sein ; wogegen der Grund ebenso leicht wie bei 
jener in die Augen fällt, vermöge dessen sich in der ur- 
diristüchen Sage die Wunderersfihlung ausgebildet ha- 
be» mag. 

W^as schliefälich das Verhältnifs der Evangelien in 
dieser Erzählung betrifft, so wird gewöhnlich die des Mat» 
lilius tief unter die derswei andern Synoptiker gesest, und 



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I 



I 



Zn^eitei «kupIt^L. &. 116. Mi 

als die spätere and abgeleitet« bfl^achtet ^'). Vor AUeni toU . 

Unttiiml mit den WaMerftrfiger, welehen Jen« beiden 
geben, dem 'arsprünglichen Faktura angehören, In dei* Sage 
aber, bis sie an Matthfius kam, verloren gegangen, und 
nun daa rftthselhafte vndysre n^s deivcr nn seine Stei«. 
Je geseat worden eeln* AUein, wie mrfr ifefnhdea liaben^. 
iet der diim vielmehr anverAlnglich , dei* • Waeserlräger 
aber im höchsten Grade räthselha ft Noch weniger lüfaC 
sich darin , dafs Matthüas die abgesohickten Jttiiger niolift 
wie Lukas als den Petms vnd Johannes •henelehnety eina 
SSpnr finden, daft die £rsihlang des dritten fivangelloms 
die ursprünglichere sei. Denn wenn Schleiermacher sagt, 
dieser Zug habe wohl im Hindurchgehen dnrch mehrere 
Uftnde Torloren geben^ nicht leicht aber dnreh eine spStero 
Band liinsttkommen können, so ist die lestere Behauptung 
ohne Grund. 80 unwahrscheinlich cä ist, dafs zu einer 
so rein ökonomischen Bestellung Jesus gerade die beiden er^ 
4ten Apostel yerwendet haben, sollte^ so leicht Ififst sich 
«lenken, dais nnerst unbestimmt, wie wir bei Matthäus 
lesen, eine Sendung der oder einiger Jünger erenhit wur- 
de, deren Zahl hierauf, vielleicht aus der £rzlihiung von 
der Sendung nach dem. £sel, auf swei festgeseat^ und di^ 
se Stellen endUcb, da es yon fiknpt Aaswahl .jbq einem Ge- 
schäft von späterhin holier Bedeutung der Bereitung des 
legten Mahles Jesu — sich hudelte, durch die beiden ersten 
Apostel aniigefilllt wurden. So dafs hier selbst Markus 
•ich der arsprfingÜchen Wahrheit wieder mehr genJibert 
BD haben scheint, indem er die yon Lukas nn die Hand 
gegebenen Namen der beiden Jünger in seine Erzählung 
nicht m t ffl ahmt 



6) Schulz, iihcr d«$ AlNmdmshli S« i2%9 SfiKimninas» y.übcr 
den X«iüuit, 8« 180« 

7) 8.THSILB, Uber die leite BisblseilJesU) in Wnia^s und Eacsb- 
■Aaw't neuem krit. Jonnud, 2, 8. 169« Aam. 

Dai Lthßn Juu II, Band. 26 



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40i DriiteV A Im« Ii n i f • 

f. 117. 

Aburticheade Angaben über die Zeit dct lestea Mablci Jepo. 

» 

Meldet der vierte Evangelist von der bisher bespro* 
cHenen Bestellung der Pascharnnhlreit nichts, so weicht 
er tMk In B«feag iwf das JUalii selbst «ufflilleiKi von den 
ttbrigen ab« Abgecehen nloilieb von der dorchgehenden 
Differenz im Inhalt der Scene, von welcher erst spiiter 
die Rede werden kann, scheint er, was die Zeit de« Mah- 
le« bekriffity et . mit eben der Beatimaitheit als eine vor dem 
Paadia gehaltene^ Mahkeit so geben , wie die Syno|)tiker 
als das Paschamahi selbst. 

Wenn diesen sufolge der Tag , an welobea die JOa» 
ger von Jesu nur Bestello ng des Mahles angewiesen wor- 
den , bereits ^ notoif^ twv d^vfKov war, iv rj idei ^ttui/uL 
fo Tidaxa (Matth. 26^ 17* parail.) : so kann das darauf 
gefolgte Mahl liein tl^deres als eben das Pasehamalil ge» 
wesen sein; wenn leriior die Jünger Jesom fragen: nn 
^iXtig itoi^idow^ilv ooi (paytlv zo nuaya (ebendas.); wenn 
OS hierauf von denselben heifst: r^ioifAaacev to nuaxa 
(Matth. V* 19« parail.)} und sofort fon Jesa: i^ag ytvofii* 
t-r^g ivixuvo ftita %Ch deSdsira (V. SO.) 9 so vrire das Mahl, 
KU welchem man «ich hier niederliefs, schon iiberflnssig als 
das Paschamahi beseichnet, wenn auch nicht Lukas {ß.*!^ 
Ift.) Jesom dasselbe mit den Worten eröffnen iiefse : inüh)^ 
fu<f mt^vfir^aa tato %onaaya qaytiv ^ttSf vftw» — Wenn 
, dagegen das vierte Evangelium seine £r£ühlung von dem 
lezten Mahle mit der Zeitbestimmung: nQO dt %T-g iof^t^g 
tö naax€tf eröffnet Cl^l^ I«)» so seheint das tünvwi dessen 
es unmittelbar darauf (V« S.) gedenltt , eiienlSilis noeh vor 
das Paschafest r.u fallen, eumal in der ganzen juhannei- 
sehen Schilderung dieses Abends, welche namentlich iii 
Beeng auf die an das Mahl sich iinfipfenden Reden höchst 
ansfahrüeh ist, jede Erwihnnng und sellist jede Anspie- 
lung darauf, dais hier das Paschamahi gefeiert werde j 



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Zweitea Knpilei {. 117. 



40S 



fehlt. Wenn ferner die Auffordern ng Jein jin den Verrll* 

ther nach dem Essen, was er tluie, sciniell zu timn , von 
den Jüngern daliin miföverstanden wird, on llyu uvki»* 
ayoQaüöVf tav XQ^lccp t'xoft^v elg ti^v toQi^v (V« 29») : so be* 
sogen sich die FestbedttrfnUse doch haupfcsficlillch auf dae 
Pascinimnlii, und kann folglich die so eben vollendete Mahl- 
iseit nicht wohl schon das Paschamahl gewesen sein* Wenn 
OS dann (I89 28.) i^eiter heilst, am folgenden Morgen seien 
die Juden nicht in das heidnische Prfitorlum gegangen , 
/V« 117] i.iLav'Jv)OLV ^ u)X %va (fuytf)üL 16 tcu j/cc: so scheint 
auch hienach die Paschamahlzeit noch bevorgestanden eu 
haben« Daso komniti dafs 09| 140 ®hen dieser folgende 
Tag, an irelehem Jesus gekreoEigel wurde, als naqaaxevi^ 
%ij siuOj^u bezeichnet wird, d. h. als derjenige Tag, an des- 
-$en Abend erst das Paschalamm verzehrt werden sollte: 
aucti, wenn von dem «weiten Tag nach Jener MahlseiC, wei- 
chen Jesus im Grabe subrachte , gesagt wird : t-v yuit fiB- 
yulr^ f) rjteQa ix(ln! tu aaßßdnt (10, 31.) J so scheint die- 
se besondere Feierlichkeit eben daher gerührt zu haben ^ 
dafs auf Jenen Sabbat der erste Paschatag fiel, also das 
Osterlamm nicht schon am Abend der Gefangennehmung 
Jesu gefeiert worden war, sondern erst am Abend seines 
JBegrffbnisses gehalten wurde. 

Diese Abweichungen sind so bedeutend , da(s manche 
Aasleger, um dif £Tangelisten nicht in . Widerspruch mit* 
einander kommen eu lassen, auch hier die alte probate 
Auskunft angewendet haben, sie reden gar nicht von der- 
selben Sache, Johannes meine eine gans andre Afahl«eit 
als die SynoptilLer« Das Johanneische ditavov i%t hienach 
ein gewöhnliches Abendessen , ohne Zweifel in Bethanien ; 
Lei diesem nahm Jesus die Fufswaschung vor, sprach vom 
Yerr&ther, und fügte, nachdem dieser die Gesellschaft ver- 
• lassen , noch andere Reden tröstenden und ermahnenden 
Inhalts hinsn, bis er endlieh am Morgen des 14ten Nisan 
durch die Worte: iy€lQ€a%^€f ayu)iitv twevd'ev (14, Zh), die 

au ♦ * 



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104 



Dritter Abschnitt 



JOnger eam Anfbruch von Bethanien nnd cum Gung nneh 
Jernsüle» ermahnte. Hier fallen nnn die SynppUlter ein^ 
indem sie ihn auf dem Wege nach Jerusalem die swei 
Jttnger zur Bestellung des Mahls aussenden lassen^ hierauf 
dai Paachamahi einfügen, von welchem Johannes schweigt, 
und seinerseits erst wieder mit den nach dem Paschamahi 
gehaltenen Reden (15, Iff.) eingreift •)• Diesem Versuch 
gegenüber I durch Beziehung der beiderseitigen Erzählun- 
gen anf gane verschiedene Vorfälle den Widerspruch stt 
vermeiden, liehrt sich nnn aber die in mehreren Zügen 
unverkennbare IdentitKt beider Mahleeiten heraus. Ahsfe« 
sehen nümlich von einzelnen Stücken, die sich gleicherwei- 
se in beiden Relationen finden, uill otfenbar Johannes wie 
die SynoptÜLer das leste Mahl schildern, welches Jesu« 
mit seinen 8ehfllem gehalten hat. Darauf deutet schon die 
iüinleitung der johanneischen Erzählung hin : denn der Be- 
weis, der ihr zufolge hier gegeben werden soll , wie Je- 
sus die ISeinigen €lg rikos geliebt habe , iiefs sich am paa* 
aendsten aus seinem leaten geselligen Zusammensein mit 
denselben entnehmen. Ebenso weisen die nach dem Mahle 
geführten Reden anf unmittelbar bevorstehenden Abschied 
liin, nnd an die Mahlseit nnd die Reden achliefst sieb auch 
bei Johannes unmittelbar der Hingang nach Gethsemane 
und die Gcfangennehniung Jesu an. Freilich sollen dieser 
Ansicht zufolge die zuleat genannten Vorgänge nur an die- 
jenigen Gespriche sich nnmittellMir anlinttpfen, weiche bei 
dem spüteren, von Johannes Übergangenen, Mahle gefBhrt 
. worden sind (Kap. 15 — 17.): allein, rlafs zwischen 14. 31. 
und li^, 1. der Verfasser des vierten Evangeliums auf be- 
wulste Weise das ganse Paschamahl ausgelassen habe, 
diefa, obwohl es das wunderliche iyfiQBade^ äyioftep ip^ 
lav^cv nicht übel zu erkl&ren scheinen könnte, wird wohl 



1) So iMRfooT, horse, p. ttass, Gesdddite Jesu, 3, 8. 

27Sff., auch Vbmt0mni, 3, 8. 6S4ft 



Pini'izod by Gü 



t 



Z weile« KaplleL 117. 4t5 

Mleaand mehr im Ernst heheepten wollen« Ooeb, diefe 
aoeh cugegeben, eo sagt Ja schon 13| 3d* Jesus dem Petras 
•eine Verleognnng mit der Zeitbestimmung; e fn; üUxrotQ 

fptovijarp voraus, wie er nur bei der lösten Malilxeit spreolieii 
konnte I nnd nicht | wie hier yomusgesest wird, bei einer 
firttberen 

Dieser Ausweg also mu6 ?erlassen , nnd Eugestan- ^ 

den werden, dafs sümmtliclie Evangelisten von der gleichen 
Mahlxeity der ieeten, welche Jesus mit seinen JUngem iiieit^ 
reden woHem Und hiebet schien die BiÜigfcelty die man 
Jedem Autor schuldig ist, and besonders den bibllseheu 
schuldig zu sein glaubte, den Versuch zu erfordern, ob 
nicht, ungeachtet sie Einen npd denselben Vorgang in meh- 
reren Besiebnngen Husserst abweichend darateiien^ dennoch 
beide Theile recht haben könnten. Es roOfste sieh alsO| 
was die Zeit betrifft, zeigen lassen, entweder , dafs auch 
die drei ersten Evangelisten wie der vierte nicht ein Pa« 
acliamaliiy oder^ dais auch dieser wie Jene ein soiches ge- 
ben woUob Ein altes Fragment liat die Aufgabe auf 
flem ersteren Wege zu lü^en versocht. Indem es leugnet, 
dais Matthäus das lezte Mahl Jesu auf den Abend des 
14ten Nisan, als die eigentiiche Zeit fttr das Paschamalily « 
und sein Leiden auf den iSten Misan ^ als den ersten Tag 
des Pascliafestes, setze; allein es Ist nicht abzusehen, wie 
die aasdrücklichen Hinweisungen auf das Pascha in den 
Synoptikern lieseitigt werden seilen* Weit aügemelner ist 
daher in neuern Zeiten der Versuch gemacht werden^ den 
Johannes auf die Seite der übrigen herüberzuziehen 
Sein ftQOtflg tOQxrjg iü naa^a (13, 1.) glaubte man durch 
die Beobachtung beseitigen sa können, wie Ja an diese 

• 

~~ " t 

2> Eiae UDgeaügsnde Aatkuaft giebt Lisirvoot, p. 482 f. 

3) Frsgnu es Ciaudü ApoUinarit libro de Psscbatc» ia Chroa. 
Fasebai. ed. du Fretne. Paris 1688. ^. 6 L praef. 

4) s« asmcatUch Tmolvck und Ulsmausk», s. d. Absclu 



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40« 



Worte nicht anmlttelbfir da« ^fTTtvnv^ sondern nur dicT Be- 
merk ntig sich aiisolilielse 9 daf« Jesus gewufst habe, nun 
•ei seine Stande, irekoninien , nnd dafs er die Seini|(en bis 
sn's Knde celiebt habe; erst in folgenden Vers sei dann 

vom l\fali(e die Rede, auf welches also jene Zeitbestimmun|( 
sich nicht besiehe. Worauf soll sie sich dann aber besie- 
hen? auf das Wissen, dafs seine Stunde ufekomnien sei? 
dlefs ist nur eine NebenbemerlcanjBf ; oder auf die bis com 
KiiHe bewahrte Liebe? zn dieser aber kann eine so spe- 
cieile Zeitbestimmung; nur dann gehören, wenn sie als ein 
Ausserep Liebesbewefs geneint ist, und als solcher berhX- 
tlgte sie sieh eben bei Jenem Mabfe, welches also immer 
der Punkt bleibt, der durch jene Tao^sbestimmung fixirt 
werden soll« D.'<her vermuthet man ferner, das non rrc 
togtrit: sei ans Anbequem ung an die Griechen geredet, für 
welohe Johannes pesehrieben habe: weil diese den Tai|r 
nicht wie die Juden mit dem Abend be^^annen: so sei ih- 
nen das am Anfang des ersten Pasehata^s gf^haltene Mabi 
als eine Mahlzeit am Vorabend des Pascha erschienen. 
Allein welcher verstilndlge Sohriftsteller, wenn er einen 
mA^^Iiehen Mifsverstand des l-jesers vermuthet, schreibt 
dann lieber i(!eicl» so, wie der Leser ihn mifsverstehen 
wird? — • Schwieriger nech ist 18, 28, wo die Jbden am 
Moriien naoh Jesu Gefangennehmung das PrXtorium nicht 
betreten, um sioh ntoht zn verunreiniofen, aXJC ha q^ayroat 
rn ndtjxct* Doch o^laubte man nach Stellen, wie 5 Mos, 
lA, 1. 2., wo sftin ntilche In der Pasohaseit en schiachten« 
de Opfer dnroh den Ausdrudi noD betelobnet sind, to 
fdaxct hier von den dbrlgen w/ihrend der Paschawoche 
daraubrlo Brenden Opfern, namentlich von der gegen Ende 
des ersten Pesttags an rensehrenden Chaglga, rerstehen 
an dOrlbn, Allein schon MosHEinr hatte richtfgr bemerkt, 
daraus, daf* biiiwellen das rasrlialamm einschliefülich der 
übrigen In der Paschaxeit eu bringenden Ofifer durch nci^ 

ax« beifteiohuet werde | folge keineswegs , iiab auoh diese 



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» 



Zweii9« K«|i&cel. y 117. 49? 

flhr^ieii Opfer mäx AuMeUitls de« PAfelmijiniii» fo genanal 
werden ktfiinen Dagegen eochteii iionni«hr die Freun- 
de Jener Ansicht zu ilii'er Deutung der juhanneischen No* 
tue durch die Bemerkung eu nüthigen , dafs an der Pa« 
aehemiihiseit, die in den Spätabends aleo eehou in den 
Anfang dee folgenden Tages fiel, dag Betreten eine« heid- 
jiischen Hauses am Murgen , als eine nur den lanfendeii 
Tag hindurch dauernde Verunreinigung, nlcltt veriündert 
. habea wJNrde: wohl aber am Gefiuate der Chagiga, welche 
am Naehmittsig, also, noch au demaelben Tag mit der am 
J^lurgen zngexugciieii Veruni*eiiiigung, gegessen wurde , so 
dnfs also nur diese^ nicht jene gemeint sein könne. AUriu 
theila wiasen wir nieht^ yb der Eintritt in ein heidnisches 
Haue nnr forden Tag veronreinigte, theils waren, wenn 
aich diefs auch so verhielt , die Jufleii durch eine Terun- 
reiiiigung a<n Moi;gen doch an der Selhstrornahme der Tor- 
bereilenflen Uetchüfte^ die in den üaehmlttag dea I4fen 
.Viaau fielen , wie an Sehiaehten der Lünm^r im Tempel<« 
Vorhof, verhindert. — Um endlich auch die Stelle 19, 14. in 
Jliffjem S^n JUi deuten^ nehmea die Harmonisten auqaaxhVii 
«ü ffoaga von dem Rtttttag aiif den Sabbat in der Oater> 
woehe, eine Gewaltsamkeit^ welche wenigstens In 19, 31, 
iio die 7i(/(>ceax€t7^ "1^ Rüsttag auf den Sabbat bezeichnet 
Ist, keine Hülfe findet ^ weit hieraus nur erhellt ^ dafs der 
Evangelist die Vorstellung hat^ der erste ißascl^tag sei da- 
nab auf den Sabbat gefallen^). 

Im Geftthi der Unmöglichkeit, die Vereinigung der Syn- 
optiker mit Johannes In« dieser einfachen Weise so Stan» 

de SU bringen liaben andere Ausleger eine complicirtere 



5) Diss. de Tera netlsae ceeaae Doariniy su .Oovwoatn« syst, 
iatell. p. SS* not. 1... 

6^ Dicie Gef^cnbemerKungcn s. hcsonc!« rs bri Lvcke z. d. Abscb. 
und bei SuurtaaT^ über den Urtpr. S. 127 .if* ^ 



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408 ' Dritlar Abtebhitt 

Auskunft' ergi^W. ' iiier SebäiiV «i« ^ ifc R^wg u l tt toi 

das IcEte Mahl Jesu auf verschiedene Tage verlebten, soll 
i$nn seine Wahrheit baben , dafs wirklich damals entwe- 
IUbt die Juden oder Jesus das Paecbamabl auf eineii andern 
Tag verlegt batten« Die Joden y sagen die einen , um der 
Unbei^uemlichkeit auszuweichen, welche darin lag, dafs in 
Jenem Jahre der erste Pascliatag auf den Freitag ^el, also 
«wei Tage binteretnander als Sabbate bätten gmUiH wdp- 
den müssen, haben das PascharaabI anf den frMl^^ Abend 
verlegt, wefswegen sie am Tag der Kreuzigung sich noch 
vor Verunreinigung in Aciit zu nehmen hatten; Jesus aber^ 
streng am Gesetse haltend, habe es aar gehörigen Zelt| am 
Donnerstag Abend , gefeiert , so' dafe sowohl die Synoptl» 
ker recht haben, wenn sie das lezte Mahl Jesu als ein 
wirkliches Paschaessen beschreiben , als auch Johanner^ 
ivieiiii er die Jaden erst Tags darauf dem Osterkmm ent->* 
gegenseben 'lasse IhdeA Mtth In dteseili Fall Marlms 
mit seiner Angabe, dafs an dem Tag, ort t6 nuaxce id-vor 
(V. 12.)^ auch Jesus es habe zurichten lassen^ doch nicht 
recht; was aber die Hauptsache ls6| so gleiig es swar Üa 
gewissen PkUen an, das Paseba dnen Monat Ritter, dasm 
aber auch am löten desselben, zu feiern, von einer Verle- 
gung auf einen späteren Tag desselben Monats hingegen 
flndel sich nirgends eine Spar« ^ Lieber wandte man sieb 
daher auf idle andre Seite, und nahm an, Jesos habe das 
Pascha auf einen früheren Tag verlegt. Aus rein persOn* 
Hohem Bedttrfnifsy meinten Einige, in der Voraussicht, 
dafs er am die eigentUohe Zeit des Paschamahla schon im 
Qrab« mben werde, odsr. doeb seines Lebens bis dalila 
nicht mehr sieher sei, habe er in fthnlloher Weise, wie 
von jeher diejenigen Juden, welche an der Festreise ge- 
blodert waren, und wie die jetzigen Juden alle, ohne ein 
geopfertes LsbuBi mit blofsen Somgaten desselboo, ein 

7) CäLwtM tu Matth« 26, 17« 



Zweit«« KapileL f. UT. M» 



Jesus nicht, wie Lukas sa^t, das Pascha an dem Tag, iy ^ 
tdu d^vtad^viL TO Tidoxcc, auch gefeiert, dann aber hält, wer 
die blote GedäelitnIMriefi bcgslit, nit Aofgebmif der Ükt 
dM P«geiui beitimtttMl ÖrtBciifcrft (JeniMlem) doeh 
Zeit desselben (Abend vom 14ten auf den loten Nisan) 
unverbrüchlich fest: wogegen Jesus dasselbe gerade umge* 
lielirt, mwmt den gewöhaUche« Ori, aber iingewdhn» 
ttefae^ Zeit, geftiert Imham mttfiite) was etme Beispiel ist. 
Gegen diesen Vorwurf des Unerhörten und Eigenmfichtigen 
hat man die von Jesu angeblich vorgenommene Verl^guütg 
dadareh sa eehfltsen geMiehli da6 laaa ihn mit einer gan» 
son Fartet seiner ¥olitsgeiiossea das Paseha IrOiier als dl« 
Obrigen feiern liefs. Wie nlimlich von der jüdischen Par* 
tei der Karäer oder Scriptorarier bekannt ist, da(s sie von 
den Rabbanilen oder Traditionariem namentUeh aneh in 
der Sesümasang des MeoaMnda abweleiieny Indem sie be- 
liatf)iten, die Art der iesteren, den Neumond nach dem 
astronomischen Caicul festausetzen, sei eine ^Neuerung, wo- 
gegen sie 9 der alten, gesezliohen Sitte getreu, denselben 
nach der eiapirisohen fieebaohtung der Phase das Nenlichts 
bestimmen: so sollen sehen an Jesu Zeit die Saddueler, 
von welchen die Karäer abstammen sollen, den Neu- 
mond nnd mit ihm das Yen deamelben abhängige Oster* 
fest enders ab die Pharisier bestlsuit, und Jesn^.als Gcf» 
ner der Tradition nnd Freund der Schrift, sich hierin an 
sie angeschlossen haben Allein abgesehen davon , dafs 
der Zusammenhang der Karäer mit den alten SaddnoXern 
elne blelse VermutlMuig Ist^ so* Ist es Ja eben der gegrOn- 
dete Vevwnrf der Karier, dafs die Bestimmung des Nen* 
monds durch den Caicul erst nach der Zerstörung des Tem* • 
peis durch die B4»aier angekommen sei: so dals also sur 

S) Grotiu«, zu Matth. 26, 18. 

9) iasKj Diis. f büoL tbcol. \ oi. 2, p. 416 ff. 



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ftuMlen haben kann; ohnehin rmm Pnsehnfest faAet ans je- 
ner Zeit aieh keine Spor^ dalli es von Terschiedenen Par- 
teicB f i r ad iiedenen Tafsn ggfahrt worden wfira 
AagesMMtt Jedoch, jeno SM ßu t mk im dar Bartiw««ng 
dea Menmonds habe aebon danuils obgewaltol, ao würde die 
Festsetzung desselben nach der Phase, welcher Jesus ge- 
folgt sein soll, eher ^ apiloi^ ala aia Mhere« PaaeliR 
mr Folge gehabt fanben; weftwofn doM wirbiiah BhdgB 
Tomintheten , Jeaot Mge sich TiHnwhr an ^tm aatiaiiaMj 
actien Calcul gehalten haben '*). 

Anaeer dea, waa aich anf diaye Weiaa gegen JedM 
nselnea der TermMhOf dio Angaben dar Krangelislcii Aber 
die Zeit des ieaten Mahles Jesu gütlich s« rerelnigeji , sa- 
gen läfst, entscheidet gegen alle Eusammeu ein Umstand, 
'Welehen erat dio nouaato KritÜL gohiiri^ herfog n a b ob on iiat* 
Ea rerhült lieb nindieh dieeeai Wideratreifte niobt am, 
daft nntar grüfstentheils harmonirenden Stellen nnr atwm 
Eine Äusserung von scheinbar enIgegeiigeseEteni Sinne vor- 
kXaie, wobei man dann engen könnte, der YerCuuer iiabn 
eieh hier einee vngennnan Anadnieka bedienty der ana den 
Übrigen Steüan an erklären sei: sondern alle Zeitbestiai* 
mungen der Synoptiker sind von der Art, dafs nach ihnen 
Jesus daa wahre Pasoba noeb nitgefiiiert haben «Oiste^ 
ülle jobenneiaehen dagegen ao, dafii er ee niefaft «itge- 
Mert haben kann Da aieh auf diese Weise nwei un- 
ter sieh differirende Gesammtbeiten evangelischer Stellen 
gegenüberstehen, die aof awei verschiedene Grundanaieb- 
len der Referenten über dio Saebe Jdnweiaen: ao kann oe> 
wie SlimtT eehr wahr bemerkt, nicht mehr nla wiasen- 
achaftiiche Auslegung, sondern nur als unwissen^ehaftliclio 



10) s. Paulus^ exc^. Handbuch 3| S. iT. 

11) Michaelis, Aniu. zti .It>ii. 13. 

12) SiassaaT, a. «. (i.; Hask, L. J. ^. 124. 



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Zweites Kapitel, f, 117. ^ <U 

Wfllkfihr and Eigensinn betrachtet Bierden, Kenn man auf 
I*l!chtanerkennung der Differenz swUchen den syii optischen 
£TAngelieii und dem rlerten bestehen will« 

So iiet sieh denn dte^ neuere Kritik dasn Terstehen ailli^ 
•en, auf einer oder der andern Seite einen Irrthnin ansa- 
jiehinen, und zwar war es, ausser den gangbaren Vorur- 
Iheilen für das Johanneisehe Evangelium, ein bedeutender 
timnd , welcher »u nSthigen schieil , den Irrthum auf dio 
Seite der Synoptiker zu verlegen. Schon jenes alte, an- 
gebiicK ApollinarisQhe Fragment wendet gegen die Mei- 
nung, dafs Jesus (i^i^-fl ^ff^Q^ a^vftw ina&8Vf ein, 
dafs sie aaififfiavog xiT» se!, und so ist auch neuerlich 
wieder bemerkt worden , der auf das lezte Mahl Jesu fol- 
gende Tag werde von allen Seiten so^ werktäglich behan- 
delt, dafs sich nicht denken lasse, er sei der erste Pa- 
tchatag, und folglich das Mahl am Abend vorher das pa- 
schamahl gewesen. Jesus feire ihn nicht, indem er, was 
in der Paschanacht verboten war, sich aus der Stadt ent- 
ferne; seine Freunde nicht. Indem sie seine Bestattung 
noch EU besorgen anfangen, und sie nur wegen Anbruchs 
des nffchsten Tags, des Sabbats, unvollendet lassen; noch 
weniger die Mitglieder des Synedriums, indem sie nicht 
nur ihre Diener aus der Stadt cur Verhaftung Jesu sen- 
den, sondern auch persönlich Gefichfisitcung, Verhök*, Ur-> 
theÜ und Klage bei dem Procurator vornehmen ; Oberhaupt 
zeige sich durchaus nur die Furcht, den folgenden Tag, 
der am Abend nach der Kreusigung anbrach , zu entheili- 
gen, nirgends eine Sorge für den laufenden: liiuter Zei- 
chen, dafs die synoptische Darstellung jenes Mahls als ei- 
nes Pascha ein sp/iterer Irrthum sei, da in der übrigen 
firsShlung dieser Evangelisten selbst das Richtige, dafs Je- 
•ue den Tag vor dem Pascha gekreusigt worden^ noch un- 
Terkennbar durchschehie Diese BcmerluiageB sind nl- 



13) TaiitE, a« a. O. 157 ff. » Sumar und LScas a. ü. 



üiyilizeQ 



41» 



kHiflfi VW Gewicht Zvrar 4ie ento lOtante md dpnii 
dm Widerttrelf der |idiielieii BetdMsoiifeii iber jenen- 

Pankt vielleicht entkräften *^); der lezten und stärksteit 
die ThatMohe entgegenhalten, dafs Verhdren und Richten 
•n Sehbelea und Festen bei den dnden nicbt nur erleiibly 
MMideni für eelehe Tage wegen dee VeUuendninge eelbet 
ein gr^fseres Gerichtslokai vorhanden gewesen sei, wie 
denn auch nach dem T* selbst die Jaden an der ^ftlQa 
ItMfah^ des Lanbbttttenfests Diener ansseiiiekleny na Je* 
•nni nn greifen (Job* 7, 44 f.)» vnd aoi Feste der Teni- 
pelweihe ihn steinigen wollten («'oh. 10, Sl.)? Herodes aber 
wübrend der ^fiinai vtUv a^vfiutv den Petrus gefangen se^ 
nen lllst, nnd vielieielit in eiien diesen Tagen JaiLobns den 
Alteren hatte hinriehten lassen (A. 6. IS, S f.) '^). Dals 
Jesu Hinrichtung am Paschafest hahe vorgenommen werden 
dürfen, dafür beruft man sieb tbeils darauf, dafs die J^xe- 
«ntlon dnreb rdmisebe Seidaten geschehen ^ abrigens auch 
. nach jlidWeher Sitte Hblicb gewesen sei, die Binrtchtuiig 
bedeutender Verbrecher auf eine Festzeit zu verspanen, uui 
durch dieselbe auf eine desto gröfsere Menge Eindruck ku 
machen AUein nur se tIcI ist erweisUci^ da(s w&hread 
der Festaek^ abe bei'm Pascha an den fünf adttlcffen, we- 
niger feierliehen Tagen, Verbrecher verurtheilt ond hinge- 
richtet werden konnten, nicht aber, dafs diels auch ank 
ersten nnd .leaSNi Paschatag^ weidie Sabbatsrang hatten , 



l4) Fcfachid A 65, 2, bei Li^arrooT, p. 654: Pascbatc primo te- 
nctar qulcpfam sd pernoctationem. Glösa. : Faschatizans ttne- 
tur ad pernociaadum la Hieroiolyma nocte prima. Dagegen 
Tosspbotb ad IT. Pssadkia gl la Paschate Aegyptiaco dici- 
tur: aenc cxesC-* Ctque sd mane« Sed sie ooa luit in se- 
queatibCi gcaeratloalbtt^t — quibos tonedebatur id uno loco 
et perasctabsiit la slle« Vgl« ScHaacmmoasBa, Beitrüge, S. 9. 

Ift) Vmminsk, 8. tu f. 

16) Tract. Sanhcdr. f. 89, 1. bei Scmöttckn, 1, p. 224, vgl. Tai; 
iiVS^ a. a. U. S. 492. und Tuoluck, a. a. O. 



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Zweites KapiteL f. 117. 41S 

9 

miliMlf gewesen sef ); wie denn eaeh neeh dem Telnrad 
«letas nm D"U^ d. h. am Vorabend des Pasehai gekren* 

«igt worden ist ' Ein Anderes würe e«, wenn, wie Dr» 
Baue nachzuweisen sucht , in dem Wesen und der Beden* 
tnng des Pascha als eines Sttbnfestes die Hinriehtang ron 
Verbrechern, als blutige Sflhne für das Volk, gelegen hüt- 
te, und die von den Evangelisten angemerkte Sitte, anf 
das Fest einen Gefangenen loszulassen, zu der tiinriehtnng 
eines andern nur als fÜe Kehrseite 9 wie die beiden Bteke 
vnd Speriinge Jlldiseher Sühn- und fteinigungsopfer, eich 
verhielte ' 

Ijeieht konnte freilich die urchristliche Tradition auch 
nnf uniiistorisehem Wege dasukomnien, Jesn Jestes Mahl 
mit dem OsteHamm, and seinen Todestag mit dem Pasebn* 
fest zu combiniren. Da nämlich sclion in der apostolischen 
Zeit der Tod Jesu mit der Schlachtung des Paschalamras 
verglichen wurde (1* ^or. ft, 7«) 9 das christliche Abend* 
mahl aber von selbst an die Pasehamahlseit erinnerte: ao 
Jag es nahe genug, die Hinrichtung Jesu anf den ersten 
Faschatag zu verlegen , und seine lezte Mahlzeit, bei weU 
eher er das Abendmahl gestiftet haben sollte , als daa Pa« 
•ehamahl sn betrachtem freilleh) wenn der Verfasser des 
ersten Evangeliums als Apostel und Selhsttheilnehmer an 
dem lezten Mahle Jesu vorausgesezt wird, bleibt es schwer 
Bu erklären, wie er au einem solchen Irrtliam konunen 
konnte« Wenigstens reicht es nicht hin, sich mit Thku 
darauf au berufen, je mehr das leete mit ihrem Meister 
gehaltene Mahl den Jüngern über alle Paschamahle gegan« 
gen sei, desto weniger sei ihnen auf die Zeit desselben, ob 
es am Pascbaabend seibst, oder einen Tag frftber gehalten 



17) FainscKBy an Matth, p. 7€Sf. vgl. 755. LOco, 8. 614. 

18) Sanbedr. f. 43, ly bei ScMVmniy 3, 8. 700. 

19) Uier die ortprilagllcbe Bedeutnag des Fatsabfestas n. s. w. 
Tttbiager Mtsebrill f. TheoL 1832; 1| 8. 90ft 



üiyilizeQ by 



414 Dritter Absrhnitr^ 

worden mry «ageJuiminen ^^). Denn der erste Evangelist 
liftt liiere nielrt etwe n«r unJbettieinit, sondern er epriciit 
MMdHIcklich von einem Peeebanehl, nnd so konnte steh 

ein wirklicher Theilnehmer desselben, wenn er auch noch 
•o lange Zeit naeh Jenem Abend gehrieb, unmöglich tüu- 
sehen. Die AvgenBeogensehaft des erfiten 'Evangelisten .al- 
so wird man bei dieser Ansicht aufgeben , nnd Ihn sammt 
den beiden mittleren aus der Tradition schöpfen laFson 
»ttssen-'). Der Anstods daran, dafs sämmtiiche Synopti- 
ker , also alle diejenigen , welehe nns die volglire Evange- 
iientradition der ersten Zeit anfhehalten haben, in eineoi 
solchen irrthum iihereinstimmen sollen **)5 läfst sich viei- 
ieicbt dui'ch die Bemerkung aus dem Wege räumen, daf«, 
so allgemein In den Judenchristliehen Gemeinden , in wei- 
chen ' doeh die evangelische Uberliefemng sieh nrspranglieh 
gebildet hat, das jüdische Pascha noch mitgefeiert wurde, 
so allgemein sich auch der Vcrsach darbieten mufste, dem- 
seihen durch die Besiehnng anf den Tod nnd das leste 
f UM Jesn eine christliche Bedeatnng nn geben. 

Ebensowohl aber liefse sich, die Richtigkeit der syn- 
optischen Zeitbestimmang vorausgesest , denken , wie Jo- 
bnnnes Irrig danokommen konnte, den Tod Jesn auf den ^ 
nachmittag des 14ten Nisan , nnd seine lesle Mahtnelt anf 
den Abend vorher eu verlegen. Wenn nämlich dieser 
Evangelist in dem Umstand, dafs dem gekreuzigten Chri- 
stas diie Beine nicht serschiagen wurden, eine Erfüllung 
des dgSr i avriQtßijaewai aw^ (2 Mos. IS, 46.) findet: 
so konnte ihn die^e Beziehung des Todes Jesn auf das 
Osterlamm zu der Vorstellung veranlassen, dafs um die- 
sslhe Zeit, in welcher die Paschalanuner gesolllachtet wnr- 



30) ■. «. O. 167 ff. 

31) SumKTf a. s. O. S. 144 ff. Lücxa, S. 628 ff. 

22) f^amscas, in Matth, p. 768. Msaa , Uber dea Ursprung des 
.Bvang. Matth, in der Tilh. Zeilschrift, iMi 2, S. 96. 



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Zw^Um &«pit0j. f. lia 4101 

4Umj am Nacfimittiig Jim lUen Nimb» JaMiM Kgewm 
irrlitteB whI den Geist niifgegebe» Iwhe 3'), «lio die mm 
Abend vorher gefeierte Mahiceit noch nicht das Pascha* 
nalil gewesen sei - 

Ist auf diese Weite eine mdgliehe Yeranlassnng mum 
Irrthnm aof beiden Seiten vorhanden, and lindet die Inne» 
wm Sehwierigiteit iler aynoptisehen Zeitbestimniang , die 
vielfache Verletzung des ersten Paschatags, theils in den 
angeführten Bemerkungen einigeraiarsen ihre £iJedigungy 
tlieiit in der Zusamaienstiniaioag dreier fivangelieten ein 
Oegengewieht : so Ist vor der Hand nnr der nnanüftsÜche 
Widerstreit der beiderseitigen Darstellungen anzuerkennen^ 
eine £ntscl(eidung aber, weiohe die riehüge sei, aooli nicht 
SU wagen« \ 

HS. 

DiHbrensen in Betreif der Vorgänge beim festen Msble Jesu* 

• 

Doch nicht aiiein in Beaog auf die Zeit jlee ieatea 
Mahlea Jesu, sondern auch anf dasjenige, %vas liei demsel- 
ben vorgegangen sein soll, gehen die Evangelisten von 
einander ab. Die Uauptdifiierena findet auischen den syn* 
•pdschen und dem vierten £vangeiinm statt; n&lier aber 
verlUllt ea sich co, dafa nnr Matthäua und Marlina genas 
zuänmuienstininien , Lukas schon siemlich abweicht, doch 
iiu (langen mit seinen beiden Vorgängern immer noch ein- 
aiimmigir ist» aia mit aeiilem Nachfeiger. 

Gemeinsam ist sOmmtUolien Evangelisten, auaaer deai 
Mahle selbst, dafs Aber demselben von dem bevorstehenden 
Verrath des Judas gesprochen wird, und dafs während 
oder nach demaeiben Jeena den Petrus seine Verleugnung 
vorherverkandigt Aber abgesehen davon, dal« bei Johan- 



13) vgl. Smcia, tbessor. 3, 8. 61S« ' 

24) Kiae andere. Ansteht Uber die Versalastuag des Irrthonu im 
4ten Evangelium gd>ca die Probabiiita, 8« MC 



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416 



Dritter Ab^chaUl* 



Ml die iieeeiehimng 4es Verrüthers eine «ädere und gt» 
UMMfe, eseh ?en eineei Erfolg begleitet kt^ von w t iclni *' 
die fibrigen nichu wiMen ; dafs femer bei deaitell»en nneh 
dem Meble gedehnte Äbtcbiedsreden sich finden, welche 
den andern fehlen: so itl der Hanptontertchied der 9 deie» 
während den Synoptikern sofolge Jesne bei dieser leste« 
Mahlseit des Abendnabl eingeseet hat, er bei JohaniMO 
vielmehr eine Fufswaschung mit den Jüngern vornimmt. 

Die drei Synoptiker unter sich haben die Stiftung dee 
Abendnuddasamnit der Veri^findigongdee Vemtlie nnd der 
Yerlengnung gemein; aber Aliwelehung findet ewische-i 
den beiden ersten und dem dritten schon in der Anord< 
nung dieser Stüclie stntt, indem bei jenen die Verkfindi- 
gang dee Verrathg, bei diesem die Stiftung des Abendmahls 
Yomnsteht; die Vorhersagung der Verleugnung des Pefms 
eher nach Lukas, wie es scheint, noch im Speisesnnl, nach 
den beiden andern aber erst auf dem Hinweg zum Oelberg 
tor sieh geht Dann alier bringt Lnkas «aeh einige Slilcke 
bei j welehe die beiden ersten Emigelisten entweder gar 
nicht| oder nicht in diesem Znsammenhang haben: in ganz 
anderem Zusammenhang steht l»ei ihnen der Rangstreit ond 
die Verheifsnng des Sitnens anf Tinronen; wogegen die 
Rede von den Sehwertem rergeblleh bei ihnen gesnebt wird. 

In seiner Ahweichnng von den beiden ersten Evan- 
gelisten hat der dritte einige Annäherung an den rier> 
ten* Gemeinsam nAmlieh ist dem Lobas nnd Johannes , 
dafiiy wie dieser In der Fnfswasehnng eine auf Rangstrelt 
sieh l>eziehende symbolische Handlung nebst angehängten 
Demothsreden hat : so Lukas wirklich einen Rnngsdreit nnd 
darauf besttgÜelie Reden meldet, welehe niebt gann ohne 
Analogie mit den johanneisehen irind; * dafs femer auch bei 
ihm wie bei Johannes die Reden vom VcrrÄther das Mahl 
nicht erö£Pnen, sondern erst nach einer symbolischen Hand- 
lung eintreten; endlich dafs andi er die Verleugnung des 
Petras noeh Im Lokal der Hahbrnit rerkttndigt werden lifst. 



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Zw^Uab^ K'«)»Ueli .$««918. i|f 



Am Mtefen Sthwlerrgketi rVfMMMMAnillliMrrdfe 

IHfrerPiiz, dnfs bei Johunnes die von deli Synoptikern ein- 
«tlmmig berichtete EinsetKUUg des AbendmnhWfeliit , uni 
"Mit' ihl^er 'Sunt «Ine gatls » n d ka» itwndiuiigilietii^ dae-FiiAh 
^Mdfung, geitti^M^t urtnL 'FVelllcb, w0dI» mttmMA ddpdb i 
4Äen ganzen bisherigen Verlauf der evangelischen (jksbhichr 
, %e mit dei^ Annahme hindarchgeholfen. htt, iiabi 
•deii-Zweek i^bubt', die abrtf»n*tefAiigdtte»;^a'«rgAnfe6ii^ 
•o 'kmnwl iliftii Blich Obdfh dtoie'Sbhfrlerijjflwit;'^ gut oder 
so schlecht vrie über die andern alle hinweg.- Die Ein« 
sctzang des Abendmaliky heiCst es^ fand Johannes bei den 
äni «iteteif 1£fHmi^Mm^^mtit-^ime Weise wtiitiSt tseh«» 
•«relekel iiitt MMei^ elgeneii fMinimiig'*?9lUf *.ltlM^ 

te, wer^^egen ei^ sich denn nicht be%vogen fand, sie zn 
iviederhoieii Aliein, wenn wiridich der vierte Ü^vange- 
ilst Ten dtfn s^theki 'in den drei ersten Jß^tei^ien aa%e- 
celehnetCfn-Geiehlehten nin^ dlejenigen noek eidniei :erBil»> 
Jen wollte, an deren DarstelliHig er etwas zu hirichtigen 
öderen ergüneen land: warum erzählt er dann die Spm- 
eangsgesebiefate 9 an der.-^ nii^hts irgend £i*bebliches.;ta 
bessern weMi, nach eimiial, die Stifteng des iAbendmayb 
dagegen nicht , hei weicher ihn doch sehon die Dlfibrdn- 
sen der Synoptii&er Iii Anordnung der Scenc und Fassung 
•der -Werte Jesa, hauptsüdhiieh aber .ideir Djnstaody dals 
•iie, nach sdner Daretellmg irrig, jine filheetniog ifn^^Pa- 
eebaabend vorgehen- lassen f aar NltthelinAg eines authen- 
tischen Berichts hätte veraiÜassen müssen if Mit Rücksicht ■ 
•«€ diese Schwierigiieit giebt man «nun wohl lUa fiehaup- 
fang auf, der Verfasser dse 'visrten fieengalianisr.'iiabe eine 
Kenntnife fen deil-'4i«l eretenv und dle^ Absiebt, sie «i 
ergänzen und bi\ berichtigen, gehabt: doch aber soll er 
die vulgäre «mflndiiolie liivangeiientmditionifeiiannt und bei 
eelnen Lceem veraasgeseat, ond in dieser Rifcciuicht die 



i) Favlus, 3y b, S. 499. Olshaussm, 2,. 3. • 
DmM LtUm Jum II. Bmd^ f7 



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tiU ^' I AU i t ifetf I i^'Wh tiJhn Utrr 

SMlNniiir'^^^^*^'^ »Ifl fiJtgMtl» b^nntf (h^hteh- 

fo, ilborgangen Iwibcii Allein, dieser Zweck einer e%*ftl|- 
geiisclien Schrift^ nur da« raüider Bekannte ku erKählen^ 
-dä» iMUinnt»jybs;r mit. ttber^elMfi > Wtt iwoh iCvifeaUMi fUT 
iliohi» dML«fi^.; Dipi »cluHMiefc^ Anfseiellifmig geht fn him 
von MiCsitrftnen |(egeu die inandlictl^ IJberliefernng^j^ie will 
fliese nicht bk^fs ei^;^HniSen , sondern, au^h beie5t)g^n^ un^ 

«ezt sind, so idie genanteste AMfbei;«^flbrun^ M^^nscbenswerrh 

JuMiiiM.flie i8ftiAi»iij^ 4ef /At«9diliihjAjiiipb,ty,^n. dessen M%* 

Aeklionen venglelcheri , iifilih^Uig 0ntv%^deir Ziv^|89.. oder 
WegUisQu^n nttssfön ^eniDQht ; Horden /^ei(). f.ANiT) 

weitfer^i did &(iftung.v4esi' Ab«i|dp#M« llAi eiMhitib 

keiner iBedentang Wie I I !üttr den, , j^lgeineineM . Zweek 
defselben ^ • :«eine Leser cn iUiertEcugen ^ ini ^Is/iföüi t^^y 6 
iXQtg&g, i UöshH.;/ut U9^:310> ^tp.4ie^.Mji«Muii« et- 
Mit- t&eonÜBtnkht reu.. Belauf g/rnttm '«ehi» M weblier er 
-eb* •Stifter' einer ÖMr<yr} Stc^^xf^ ersoheini^ imd-iftfr .den bf* 
sonderen Zweck des betretiünden Absciuiitts, Jesu his ans 
Ende eieh jgJfeicK jgebliebeM iLiebf . ins i4«bt Mi .eetenii 
ClByJ*)^ eoüle^CA «iel^ta A«i|[elre||ea be^n so erwähne«, 
%¥ie er seinen Lcik'Und seia Binl den- ,8einen eis 8|ieim 
und Trank dargeboten, und duniit seinen Horten Job. G. 
Realität gegeben. - habe i( JJlpck>ideiD dohaiuies. soll es hi«r 
wie ttbend^teiinMigim^lte ntr im die CiefiBiw fteden dee« 
'Bo tbun geweeeto telh, «nd de6neeg#it«lKiU-dr dl» filteetomig 
des Abendmahls übergangen, und erst mit den auf die Fufs- 
waeckang iiesügiicheoKedea.fcüuiiefcgiilUiiiig «begeui^ 

' ' . 'V.:' • .*.,.." I'.». 

2) LtCKi, 2, S. 484 f. 



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Zweites Kapitel. (. 118. 410 

ben Allein diese Demiithsreden kann iiin* ein verbür- 
tetes V^rortheil für das vierte Eviingeliini für tiefer aut- 
gebeii} als dasjenige^ was Jesüs bei Kinsetoniig des-Abeiid- 
fiiahli Ton dem flenutie seines Leibes 'und Blutes 'im Ui ut 
und Weine sagt. ' ' •* :* 

Die Hauptsadie ist nun aber, dals uns die Harmonl- 
sten nacbwelsen, wo denn Johannes , wenn! er docli selbst 
vomnssetisen soll, Jesus hulbe bei dieser iestbr.Mabioeit das 
Abendinniii gestiftet, diesci» übersprungen liabu, — dai^ 
sie uns in der johaimeisehen Daräteilung dieses iexten 
Abends die Fuge selgenj 'ln weicfte sich Jener Vorgang ein- 
passen Itifst. "Sehen wir 'uns in den Commentareir um , so 
scheint mein* als Eine Stelle sich zu solcher Kijiscliiebung 
Tortrctllich zu eignen. Olshadskn meinl!, am Ende, dos 
1 Uten Kapitels I nach der VerJLttnctigung der * VeinieugMuig 
äet Petrus, sei die Sttftuitg des AbeiMlMiiris IhineiNniden- 
lion: mit dieser habe sich die Mahlzeit geschlossen, und 
die folgenden Reden von 14, 1. an habe Jesus nach dem 
Anfbruoh vom Tisebe stehend im Saaie hoch ges^nroehen ^> 
Allein hiev seheint sieh OLSHAOSBif ^ um swieciien.ld, 3S. 
und 14, 1; einen Ruhepunkt zu bekommen, der Täuschung ^ 
hinzugeben , als ob das eyeioto^e^ afit^itv evttbi^ey^ b^i 
weicbeai er Jesum vom (Tische sieh erheben und dne folgen- 
de noch stehend sj>reehen lifst^ sehe« Iiier y''anL £ade*des 
ISten Kapitels, stände, da ed'doch erst lAn 'Ende des 14ten 
sich findet. An unsrer Stelle ist kein Ilauui, um eine See- 
ne wie das Abendmahl' 'eiOKUschalten. Jesus iwtte von sei- 
nem Hingang, wohin ihm. die fieinlgen nicht ifolgen könn- 
ten, ges]>roehen, und^* dus vermessene Erbieten des Petras, 
das Leben für ihn zu la^sen^ durch die Voraussage seiner 
Verleugnung zurückgewiesen r nun^ 14 ^ Iff», beruhigt er 
die hiednrah mchlltterteB 'Oemüther wieder. Indem er sie 



4) SiEKKKRT, Uber den Urtpryi' S. 152* 

5) 2, S. Siü. 381 f. 

27 ♦ 



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420 



DviX ter. A hsclmitjt. 



auf ficn Glauben und Hie segpiisrclrlien Wirlinnfjon somes 
llin^niigs vcrMetot» — Durch den festen ZusflnimeuliAft die- 
Ml* iiedetheüe «uHIckgewiesen , rficken nndre Aatieger 
woUer hiniiaf, und glnoben iMoh dem Abgang det Verrff»* 
tlier«, 13. 30, die scbickliobste Sfrllp zur Einscbiebung Hee 
Abendmnbls %a finden , indem der Hingang des .hidns, um 
seinen Verrfith.«'>t vollenden » Jeioht die Todesgediinlkeii in 
JesQ rege machen konnte, weldh^ der Stiftung des Abend- 
mahls zum (jrundc liegen Allein nicht nur wenn man 
mit LCcKE u. A. das laa f '^ij'/.ih zu dem folgenden //-m o 
JKieht) sonderti «neb ohne.diefsbet das vvv ido^tiaDt^ 
o Ving T«f «Sy^JOiTW Je. r. L (V* ond was Jesus wei- 

terhin (V. 33.) von seinem baldigen Hingang 8j»richt, sei- 
ne nächste Beziehung unverkennbar auf den Weggang des 
Judas. Denn iwenn das öa^aiHv .im vierten Evangelium in- 
mar die Veilhei*rlieluiiigJesQ bedentet, weleher Ibn sein Lei- 
den entgegenfobrf, so war eben mit dem Gang des verlore- 
nen Jüngers zu denen, welche Leiden und Tod über Je- 
sum brachten^ seine Verhen4iebang nnd sein baldiger Hin- 
gang entscbieden. — Uüngen aaf diese Welse die Verse Sl 
—33. untrennbar mit V. SO. rnsammen : so kann man sieh 
bevi'ogen finden ^ mit dem Abendmahl wieder etwas herab- 
Kvrllcken, und es dahin tu steilen 5. wo dieser Zueamman* 
hang ein Ende m haben scheinen kann: nnd so Ifffst denn 
LücKB die ElnseUsung desselben swfschen V. 33. nnd S4. 
in der Art fallen, daf«, nachdem Jesus V. 31 — 33. die 
durch das Hinausgehen des Verräthers zerstreuten und er* 
schrockenen Gemüther beruhigt > und auf das Abendmalü 
vorbereitet habe, er nnn V« A4 f. an die Aostheilong dessel- 
ben das neue Gebot der Liehe knüpfe. Allein, wie sonst 
schon bemerkt worden ist"), wenn V. 36. Petrus, mit Be- 
«iehung avf V. Sft. Jesum iragt p wo er denn liingehe If so 



6) FAeivSi ex. Hsndb. 3, b, S. 497» 

7) MsfSR» Conun. Uber den Joh. s. d. St. 



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k«iii — M i gU A mdi JeBMi Auttprueh J«ta V. 33. du« 
Ab«iMhuJil eingeMBt wonbii aein , weil tonst Petras das 

i;7fa;'oi durch das auifiLc (^Ldduevov u» I uifta ^xyvpdftevov er- 
klärt, jedeiitails aber sich eber xu einer rrn<!e über dt<t 
Bedeutung dieser lesteren Ansdrücite remniiirst finden nurs-» 
to» Man mu(k daher abermals aufwärts gehen, nur noch 
weiter als Paolus gethati hat; hier aber hUtv.t sich, Ha 
von V. 30. bis hiiiaaf zu V, 18. in Einem Zuge vom Vlm*- 
fither die Eede ist^ das Gespräch aber diesen aber sich 
wiedemm untrennbar an die Fufswasehnng und die Deu- 
tung derselben sehiiefst, bis zum Anfang des Kapitels liei- 
ne Stelle dar, an welcher die Abendmahlsstiftung ein>;e- 
f&gt werden kdante. Hier jedoeh soll sie sich naeh ei* 
nem der neuesten Kritiker auf eine Weise einreihen las- 
aen, welche den Verfasser dea Evangeliums ron dem Vor- 
wurf i^aiiz befreie, durch eine scheinbar continnirlich foi*t- 
schreitende, und doch das Atiendauihl Überspringende Dar- 
ateüaog den Laser irre gemacht su haben. Denn gleich 
Ten Anfang mache sich Johannes gar nicht anheischig, vom 
Mahle selbst und was dabei vorgefallen, etwas au ersäh- 
len^ soudem ii«r waa aach dem Halde sich begeben, wol- 
le ar herlehtan; wie dann das ielnm yevo^iüa nach seiner 
naiVrfiehtCan Bedeutung heifse : nachdem die M ahlseit vor- 
über war, das iyeiQ€%ai ix %ö dunvH aber deutlich zeige, 
dais die Fuiswasehnng etwas erst nach dem Essan Vorge- 
nomaMnas gewesen sei *)• Allein, wenn es Yon Jesu nach 
vollbrachter Fufswasehfing heifst: dvantOLov 7iuhv (V. 12.), 
ao war folglich die Mahlzeit lioch nipbt vorüber, als er 
aioh nur Fufswasehnng erheb, nnd das iytlQ^tu in zu öebtvH 
will sagen, daia er ans dem Mahle heraus, das Essen, 
oder wenigstens das vorläufige eu Tische Sitsen nnterbre- 
(diend, zu jenem Geschäfte aufgestanden^ sei. Das ddriü 
y&fOfävu aber haüst ao wenig : nachdem ein Mahl gehal- 



8) SisvrsaT, S. 152 ff. 



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teii war, nU tS Y. ysmuM «V «jihr»^^' cRirttli. IS,«.) 

gen will: nnchdom Jesns Iii BefliiHiien gevr^nen war, MM« 
drrn, iri^pni uns durch jene WpnHiinrr Johnnnes Hen VeP» 
lanf der Mahlei^it selbst wie Matthttas durch dieae die 
Dauer des Bethanlschen Aufenthalts Jesu, vorfthrt, aA 
innoht er sich damit anheiscliiir , uns alles, was während * 
Jener Mahlzeit Merkwürdiges vorfiel, zu berieliten, und 
wenn er non die bei derselben vor^refallene Stiftung det 
Abendmahls nicht meldet, so hfeibf dlefs ein Spmng, der 
ihm den Vorwurf zuzieht, Ifi«Konhaft erzählt, und gerade 
das Wichtigste übergangen zu haben. 

Wie sich also im Allgemeinen kein Grund denken 
Heft, warum Johannes, wenn er etnmat yon diesem leg- 
ten Abend sprach, die Stiftung de« AbemlrnfifUs übergan- 
Gfen haben sollte: so findet sieb auch im Einzelnen keine 
Stelle, wo sie in den Verlauf seiner Darstellung* elngrscho- 
hen werden kftnnte , und es bleibt soratt nichts flhrtg , als 
die Annahme, er erzÄble sie nicht, weil er nichts von der- 
selben gewufst habe. Nämlich von dem Abendmahl nis 
ohriatliohom Ritus wuftte er woM, wie sein 6tes Kapitel 
seisrt, und ranftte davon wissen, da es, wie Wir au» den 
paullnischen Bricfi»n abnehmen können , schon in der er- 
sten Zeit allgemein in der Christenheit verbreitet war: das 
aber kann Ihm anbekannt gewesen seln^ dafs und unter 
wetofien ümstSnden Jesus das Abendmahl förmlich elnge- 
sezt haben sollte. Einf^n so bochsfehaltenen Gebrauch anf 
die Auotorität Jesu selbst zurückzunibren , lag zwar auch 
ihm nahe, nur that er dlefs ans Unbekanntschaflt mit Je- 
ner synontischen Stiftungsfoene, so wie ans Vorhebe für 
da^ Geheimnifsvolle , verimige welcher er Jesu gerne Ans» 
sprUche in den Mund legte, die, för den Augenblick nn- 
verstäadUoh, erst aus dem späteren Erfolge Licht bekommen 
heben totltei^ ntoht so. dab er Jesilm wIrkUdi schon den 



9) Vgl. l.i'o<ci, S. 468. 



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tum 9imMiUmfMnimm mw^^m^bArig^^ ikut Atfi^jiS^l^^ 

Blut mu trinken, «preciien lie(«, welche, nur aus dem nach 
•^iacmTode in Gemeinde auf^^ekoudiieu^n^ Abeuc^puilil«« 

Datsy 90 wenig aU Johannes von df!^*. Eins^tzang de% 
, Abendmahls, die Sj^noytÜkor voii der Fuijijkyasq^HJlg etwas 
gvwilfiit 'IuUmhi köniifn'^. we^l 8M^'4®WlU^B.Jifejiiie Erwäli- 
^mgAmf dl«ft,Jui9iiriib«iI«;Wegß|i .Heil mii^refi, WicU;. 
tigkeU 4ftep Saoht. <iiiifi -d«r hijer mehr fragment^riacheiit 
Darstellung dieser Evangelisten n^cl^^üo liej»t|inuit beha«i|»-^ 
tet.«|^rfkii,:theüii hi^'^ wfe'ob^iv b^m/rrkt, Lukas in den 
KMigfIreil V« Mffl etWAf, dai qiti {eii«r FiifrvMchvng^. 
als AiilaCs derselben, suaammensuhttngen , roanehen Ei4lli* 
rem gescliienen hat '^). Ist nun aber in Bezug auf diesen 
ftangali'eit bereitl.oboa darg^bgtf wie. »r^ in d<ui Zos^W"; 
Mübttiig der Torliegwideu 809116 Diol|t peipeiid^^f .tihei», 
MillUigea IdeeiMMoeiiitioii des £nfthlers sq|i|Bt S|?Il9 va> 
danke ''): so könnte diu Fufswaschungsscene bei Johan- 
ne« aur die eeganbafte AiufMbriui|^ leider optischen De- « 
antbarede «o aeifi seliaiiien« Mf[<}nn nümlicb.bei |AAtth£as. 
C2ü, 26 ff.) Jmw aelne Jünger ermahnt, wer mpfjr ihnen, 
grofs sein wolle, der solle der andern diaxovpg sein, gleich- 
wie er mßht gel^ummen sei , di(miv>}Oilvui , aXXä öiuxovr^ . 
ovtt, ttiid wMH er/dielk Wer.bol Lvk%M Ca2»2T.]| in der.. 
FrAge «nadHIekl: Wt; ftsl^m^ 6 avamelftivogy rj 0 dia- . 
xovwv; und mit der llin Weisung verbindet: tyw dt HfAi iv 
^§ig(fi Vftioy (ig c diaxovwv : so JUionte swfir s^br.wohl Je- 
am u\lmU f^gut gefunden hab«n| dknw Ansspm^b. d«rcb 
ein wirklichee duotweit inmitten seiner, die Relle, der itw » 
xH^utM spielenden Jünger eu veranscbaullcben , ebeni|ugut 



iP) j^uumfT, 8* 153» • Pavim und Ouhausih, s» d« St. 
11) i. Band, 8. 689 f. 



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4M ' Df'ii»M A4#e4#ilPCs« 

sei es H?o Sa^o , wie sie dem vierten EvRiirrolisten «o Oh- 
rai kaoiy oder er selbst, aas jenem Dlktura dieses Faktaai 
kmuMgetponiieii httben 'Und' ebne -itifs *llMt f(MHld, 
d«r DiiPstollaii^ d«t Lukas jEremfirs, jitntßt Aussprufft #m« 
als während der testen Mahlzeit ^ethan eagekommen kb 
•ein brancbtä , ergab es sich aus dem ai'axeta^i and Stct^ 
xovuv Ton Mlbsl, difCk die Vertiiinlidlnii||^ dlMM Verhilft> 
Hisset eM ' efrr Mehl g^ktiffpft wurde,* weMiet dMtii'etit 
leicht denkbaren Gründen am schicklichsten des 'leste ge- 
wesen zu sein scheinen konnte. 

' Da(s hiemnf nach der DersteUtog bei Lukas Jmw 
die JOnger als scrfche anredet, wefehe bei Ibn In seine« 
Be'lrflngntssen beharrt haben, und ihnen dafür verheifst, 
dnCd sie mit ihm in seinem Reich xu Tische sitzen, und aaf 
Throftsn die It Smmme Israels riehlen sotten (V. )8--M.), 
das sebttnt in deii Znsannnenkang einer Seene ideht mm 
passen, In welcher er anmittelbar vorher einem der Zwölfe 
den Verrath, unmittelbar nachher einem andern die Ver- 
lengnnng Torhorgesagt haben sdl, and in einen Zeiipwnkty 
In Welobem die eigentlichen mtQutaftol erst bef otnf ndew» 
So wie nach cffner-fHIhereh Betracbtnng dle8eene bei Lu- 
kas von vorne herein angelegt ist, dürfen wir den Grand 
der Rinsohaltnng dieses Redestfloks schwerlich in etwan 
Anderem t als In einer sniMllgen Ideena s sodt i i n , enehen^ 
irkrmSge welelier etwa der Rangstreit der Jingnr den Re- 
ferenten an den Ihnen von Jesa verheifsenen Rang, und 
die Rede tobs Aufwartenden und zn Tische Sitaenden ai^ 
dns Ihnen Teraprochene nn Tische Siinen ia aisslsnisshen' 
Heidie* erftinem oioohie. 

In 15ezag auf das folgende Gespräch, wo Jesus sei- 



II) Zn weit bergebolt Ist, was d)c Probabllicii| S. 70 f.; fibcrdle 
Entstehung dieser Anekdote veruiutben« 



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tW«» fc n^ftha äMi. ^Aimrt», m Undlidi werde mM 

ihnen von allen Seiten entgegentreten, sie aber ihn eigen!» 
lieh vmlelMMi» «umI jMif cwei in der GcseUt^hfiCfc ^Q^irithif^ 

€WUt*n fciiirtnnin% wekberdwMelaang ist, nm da« in dae 
Mfenden £r:&ählung vorkommende Hauen de« Petrus mit 
dem Schwert ßu be.vorw orten > liabe der Aefereofl (dttatßt 

Iii» übrigw OiffmMm ioBmf auf des lesto MaU 

werden im Verlauf der folgendeii Uatex*«uchiiJigea siar Spca^ 
eil« ko^en* 

S. 119» 

Terkttndigung dte Verratht und der VerleugamigA 

Wenn mit. dei) Angabe , dafa Jesus von Jeher seinaii 
Varrfttlicr gakamn mad dusehiQliaiii habe^ dar vierte finaa* 
ftlitl ailaiii alebt: ao atimiaan darin alia Tiere «otaauatfli 

dafs er bei seinem leiten Mahle vorbergesagt liabe j eine» 
aekier Jünger werde ihn verrethen. 

Dooli ündit mment aahea darin eine Diffmens atnü^ 
da6, wifcn end dan beiden artlen Bvangeliatan. nnf^lgii dii^ 

Reden vom Verräther die Soene eröffnen, und namentlich 
der Stiftung des AbendaudiU vorangehen CMaUht^21 ff^ 
Mare* 14^ 18 &)9 Lukaa emt naeb eingtntMaaiencni Hnbi 
und gesHfiMarOediehlnilafalai» (St^Slft) Jesnn.jron.dan^ 
bevorstehenden Verrathe sprechen läfst ; bei Johannes geht 
daa auf den VerrUtber sich Beeiehende wäliren4 tuid na^h. 
dar Fnlawaaehnng vor C^^i ll^dO.> Die an 9I0I1 nnb»* 
dcntonde Frage, welcher Evangettat.lii«r reeb^rh^» m 
den Theologen aas den Grand Oberaos wichtig, weil Je 
naab der fintscheidung derselben sicii die andere Frage zu 
beantworten aebelnt| ob anoh dar Verrätber daa Abend- 



IS) Uber den Lukai, S. 275. 



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Mhf iMb M^a^w&n klMft Weder Jifoe 4m 

Abendmahls^ «Is des Mahls der innfgtfteH^'iMl« md V«r- 
«Ihigang, schien sich die Theilnuhnfie eines so fremdnrri- 
gen ttte^ an 'demselben ^tt vertftigM) Wh auch aril der 
Liebe und BnrmherBigkeit de* Herrn dni^' ^fe er eeMle 
einen ünwCHnlipen zur Erhöhung seiner SehnM deeAbend- 
ittRhi haben mifgeniefsen lassen *> Diesem gefnrrhteten 
VnMMnd glfinbte nian dednrch tn entgehen , dafs man , 
der Anordnung des MatthSos and Mtirkwi' fiilg|end, dieBn- 
«elchnung des Verräthers der Stiftung dÄ AbeMdmnbb 
Torangehen iiediy und da man nun aus Johannes vrofste, 
dafii, nachdem er eich entdeckt nnd beseichnet sah, Judns 
not der tteselltcheft gegangen sei: eo flanble man anneh- 
men ru dürfen , dafs erst nach dieser ISntfemiing des Vet^ 
räthers Jesus die Einsetzung des Abendmahls vorgenoniuiei» 
babe» Allein ^diese Abhülfe kommt nur darob nnerlautiii* 
V«r«iisehiin|r de« Johannes mit den.Synojitiftei^a sn «Stande» 
l>enn von einer Entfernung des Judae ans dffr öeeelleehall 
treifs eben nur der vierte Evangelist, und er nllein hat 
noch diese Annahme ndthigi weil nacli ihm Jodas erst jezt , 
aeiff» UnterimndliiWgeil mit den Feinden^ ^lemi anknApft, 
also, um mit ihnen einig eo werden, uwk Bede Anng wtm 
ihnen nu erhalten, eine etuas längere Zeit brauchte: liei 
den Synoptikern dagegen ist keine Spar, dnfs der Verrli. 
«her die Geeelifchaft verla««en hflttei e« iet AH«« so ersAlilC» 
wie wenn er erst hei dem allgeniethen Anfkimeh^' «tatt di- 
rekt in den Garten, £U den Hohenpriestern gegangen wfirc, 
Ton welchen er dann, da die Unterhandlungen schon vor- 
her angeknöpft waren, nnverBiglicb die ntttbige Mannmibalt 
dor Verhaftung Jean erhalten konrtte. Mag aieo In Anot^ 
nung der Scene Lukas oder Matthäus recht haben: nneii 
aimmtttcbeii Synqitlkern bat Jndas, der ihnen aufolge sieb 



1) Olshaukkn, 2, S. 380. 

a) So LÜCHSi FAVtUS, ÜLSMAUSKA. 



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I 



- ' Aber auch in der Art und Welse, wie Jesus sein^ii 
Verräther besetchnet liiitieii -aoU) weiclien di^ Evangeiiat«||^ 
»laht'iMib odbiitMU I VM.^iuimkr «k^ ^oil«aJ(#s giabe ^fff/atk 
mur.kwtm ^'Vtmliih&tmig, dalSi-^Hand VenrftthwH 

mit ihm Uber Tische sei, \^^'auf iUe Jünger unter sich fr^ 
gen, wer es wohl sein müge, der so Qtw4A ^li tbui%«ji||^ 

«iMep -diAp AnvptMHilmt'fmrde .Ihnnvesr^^b^ 9 Hnc) ^Ig von 

den Jüigern ihn jeder einzeln fragt, ob er es sei? erwie- 
dert er: der mit ihm in flie Scbü/itel tauche; bi« eiidJUoli 
tmoli Mmm 'Hk^r 4»n VerHItlMr aMsgeiprochenen W^be.dl^ 
MüCiIiSqs s«Mge iidek*J«dM j^M Frage ,thut, worauf Üipi 
^esns eine bejahende Antwort gicbt. Bei Johannes deu-* 
tet Jesus zuerst während und pach «der Fii£».wa»cbimg %n , 
«Iftft ntobl* iüie «nwetendaii Jünger rdn aefoni^ ibdi .tM^t 
ilielii* Sdhrift erlSnllt. werden iMlitfe: der mi^ mir dtß, 
Rrot ifst, erhebt die Ferse gegen mich. Dann sagt er ge* 
radezu, einer von ihnen werde ihn veri*a|UcyPf ߥ^d. jaU dii| 
JlHi^r foraehend- einander iMibJklienj .ttmi nii.iFr^U melne^ 
MArt Petratrdnreli tlen imiäehit aa Je^u? liegenden JohanT 
lies fragen, wer es sei? worauf Jesus erwiederf, der, wel- 
chem er den Bissen eintauche und g0he>«|vas er sofort 
Jndaa ihntr mit beigef)^gt«rrJM«IMM(iii* ,di6:^iiafOhrnnft 
aelnea Vorhahem ao-beaehlaonigeil^ .ji^ratf d{eefr 
•elischaft verlÄfst. ' • t 

Die Uarmonisten sind auch hier schnell damit fertjig^ 
gtireseiii die irertehiedeii€n.S0CMRlen..i9j|inaaid|ir ;^in«ttacl||eit 
i>en und mitelnder vertrXglieh BOr melie^^ . Pa . aaU Jeana 
auf die Frage der einzelnen JUnger, ob sie es seien, zn- 
erst mit iaater Stimme (eridärt haben , einer seiner Tisch* 
genotaen werde ihn Terrathen (Matth.)» hierauf aoii Jo- 
hannee lebe gefragt haben, wer ea nihw eci, und Jesna 
ihm ebenso leise die Antwort ei'tlieilt: d«r, dmm er d^n 



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Dritter |tli«#li«itti 



Bbaea gvibe (Job.); dwiii mM mA JaiUtt, glafekfalb Iii- 

«e, gefragt haben, ob er es sei, und Jesus ebenso seine 
Frage bejaht haben (Matth.); endlich aber soll auf eiao 
iiitreibeiide Meimiing JetoF der VertiUiier Mi der fi e s e ü 
wihmh gegangen aein CMi.^ AileiR iele die weiieli— 
Jesus und Judas gewechselte Frage und Antwort , weiche 
Matthäus mitthellt, leise gesprjhien worden sei, davon be- 
äierkt der fifMigeUtt niefalt f aaoli lAfiil es «iok niehl welil 
d^iwn, wem men niebt dm UnwelweebainlldM wrinate 
iXNi wUly dafs Judas auf der andern Seile wie J#liannes 
auf der einen neben Jesu gelegen habe; war aber die Ver- 
handlong lauf, ao konnten die Jttnger nickt^. wie Johannes 
erdhlt-, dee S fsotetg mltjoai^ titm «af m wedqrHehe 
Weise mifsverstehen, — und mit einer stotternden Frage von 
Seiten des Judas und leichthin gesprochenen Antwort Jesu 
wird man aich nieht im £rnst beruhigen können Anelft 
iIm iaC aiohe wehieeheiniloh, delli Jeww, mehdrai er eekem 
die- Erkiflrung gegeben: der mit mir in die Schüssel 
tHucht, wird mich ?emithen, zur bestimmteren Beseich- 
Hung des VerrKthera niut noek selbst ihm einen Bissen ein-» 
geceoebl ludieA MÜtet e on de m beides iü wyii daateibey 
nur vertchieden referirt. Erkennt man aber einmal diele 
mit Paulus und Olshaüsbii an, so hat man bereita dem ei- 
nen'oder andern Berielil ee fiel fefgelien^ dala man aieb 
naeb aber die gebwürigkelt^ • we icbc in der anadHIekJiebeii 
Antwtnt liegt 5 die Matthffus Jesnm dem VerHither geben 
l&fsty nicht mit Zwang hintiberhelfea, sondern eingestehen 
eallley hier swcff abweichende Berichte ver aich zu ha- 
ben ^ deren einer Mtkt daranf - beraobnet laty doieb den 
andern ergft'nrit*en Werden.* 

Ist man mit SiErrfiRT und FaiTUCHE su dieser Einsicht 
giakemmen: äo fragt aleh nur äoeb^ welokam ven beiden 



3) KuiNÖt, in Matth, p. 707. 

4) Wie OMMAViaKi 2, S. 402. S. dagegen SiavimiT, 6.J4ftf. 



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f^wmmt 4M dkm Fmge all giviMr.'filrtMMwMMl m 

(jiinsten des Johannes bentit%vortet, nicht blofii, wie er bo- 
jMiAplifti k Vermöge desi Vnrarlbeü^iÜUk »ilie.juig»lilioh» ;An- 

WAhrheit uud maieriHcbe Anschaulichkeit aafs UnverJieim- 
bai'ste, vaQl4§r des M^tthüus ausseichn«) weicher leeteim 
4ißtiifm9fhi4^ Amoff^ liier.ikiNiMMia Uk^J WMh 

gen wiMe, wie Jesus ft#fli V'errtfther beaelchnet habe ; UUw^ 
.die EraUibiung des ersten Jbvftngeiiüms so, aU. ob «eii«d0i 

i^eQ würe ^> Wenn / in dieser Hinsicht allerdifigii vton 
der rundeil Aut wort, fUe tJesqs bei Matthltais (V. 25.) dem 
Jmlfift.§f#bf|. nicht gjBi«|§n«ft. werde« , dafs sie g»||ii 

4wMmh mpHioiit,. »»oh; jß^ HitUm mt ti/bmUoh.t rm kßm 

.W«j^. geinAcht B« sehi ) jund v in: sefbm 'der Tepbidmteren, 

also doch immer wahrscheinlicheren Art, wie Johannen 
diese .fte^eichnung «ii^d^ty jaachstebt; so.'ist dagegen zwi* 

sweiri ei-^^D Evangelisten , und dem lefaeAneiechen ^ iy» 

fiUfffq^ %6 ^iOfiioy emi^itjaofy das Verhältnifs ein gans ari- 
ileres; hier fp^mlioh ist ofi^nbar die grültiere Bestimmtheit 

<ler .J|ieMiidiJBfnig|,ipUUii die gertpfw . W» h iw<ihs ii iÜfMeit 
des Berichts, auf : Seiten. 4iee viorlen firiitgsliums. . Bei 

i^ukas bezeichnet Jesus den Verräther nur als einen der 
mit ihm Ji^ei Tische Sitseoden, und auch tou dem d ^tßa^ 
yffog it. hei Mett htfue ond Mevkne ifti die Deoinng, 
. ^elehe KouiOii «nd VbaasMUM^} yms» d e mse lhm geb^i 



5) a. O. 8. 147 fll 

•) Cumm. »Über die Qesslds&le des LeideM ^ Xedet Jesu, 

9ff. dl 4M% 



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«o Irrelellend ni^ht^ wie 

-üerni auch auf die Frage der einzelnen Jünger: bin ich's? 
^idbaiv Jv40MM*4lMilt'4fliiBCi^' noch^ eine ausweichende /km^ 

'frühereit: ek i^ v^t^^na^tudtS^B^ fiB (V. 21.)^ 

'Tichti|[er< Bemerkung jt iM' Anrw oi-r nucfi in (Üesem vSin- 

fttaigerung, indem sie das den^Ven'ntli 

^ 'iMiide MeÄeÄt**ÄB|p*'Weelm^iiiMPÄ|ÄfciiÄ 

-Jierrerbob« ^V^e•ll^ sImIi (die* Vei^Äi#iW^*ÄiÄp drttf^^H^ediMIk 
«ilvangelien den frn«,dichen AuÄdrufck bei-eits sr» ver^t^i'^^en, 
«di*'«|b gerade «ladaa mit Jets- die ikind in die Schirs^el <;e. 
4Meli»» wid Mtok Jene kmtmmg Üii f^i an i l t li >fcie»eiefc- 
itet iiMte? ee seift do^h die Amdleit bel-^M) ' iilftd M 
iMerkns da« dem 6 ^ti^crtTOufvog vorgesezte ex Tfjr ()VJ- 
deie nraprünglich jenes nnr Epeiegeie <Vdn diesem 
^^rat, wea»'ee fleieb iwBdge'4^ WuneelMj' tellle^'reelit 
'Ibekmue «MierbeMleliiiang des IMunClhere iPttfrSeillHi /<0. 
•eu eu haben ^ früheeitlg in jenem anderh Sinne genommen 
i^Hirde. Haben wir aber so einmal eine sagenhafte Steige- 
•fnig «Itr Bintunihill jener > H e ie l el mU ny:' Mch die 
htt i erfe dae vierte Ee«ngeyniii"deii VwiriAir ^ytkMku mt 

werden llifst, in diese Reihe ku ziehen, utiÄ »¥i^a> niofsfe 
sie nachSiEFFERT die arsprttngltche gewesen sein, von wel^ 

«her falle ObHgen ansgegungen wftrea. iNaa «b6r iat eid, 
mwn Wir* dae Blnag Malthlliisi'aaal 'fWans ptei^e- 

ben, die bestimmteste Beeeichnungsweiae, «En 'wefehw- sieh 
'dar 'Aaedruck : meiner Tischgenossen einer, nur als ganz 
imiiesIlMBi v^rhfift, and auoh der Wimk: derf^Ai^/ 
•eher jest eben mlt» adr in die SehAesef tahM^^) %ai; noch 
weniger direkt, nls wenn Jesus selbst Ihiri d^n Bissen *eM- 
tauchte und reichte. Ist es denn nun im Geist der alten 
Sage 9 die bestimmteste Beeeichnung, wei^n «lesas «ijne soi- 
ehe gegebe» bette, fallen, au lassen, und aaf' nnbeetfnwate- 
re au reduciren , also das Wunder dee VorheHviasens -Je* 



V 



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m 



Btigteich noch dus ur8prftfi||liche UnbeitlmnUe aofl^wabrt, 

•Onlicher B«eeicbii|ing des^^V^rfit^i*« dio.roH Jeappii, eridfj^t 
.ii^U*di ^9 post t'V,4fJittuni gebildet, auf, so bleibt uns 

)^en. :Dars J^sus auf 4«xi im Kreise 8i iiier V c rl;riiate8te|i 
4itftttt9ll4Mtr Vmta^^ TOH Andern a^jffiierksain gemacht wg^^ 

49n'>1itM0»'4lii^ |wk»<i4^«ill 4(|i).KirAmeUm i^f^iSlM: 
^nr aaff detfSebriß. Kcheinl; el*.aiMh diesfto K^^rbär^nifii.lK^Q- 
t^Msgelesen jzu haben. Wiederholt erklärt J^sivs, dur/ch 

dett übin .b^v^r^iehendan V«irra(h werde die -^O'ift erfüUt 

V«. Worte an : 6 TQcr/iov fttt* i/jQ jov u{noH^ 

dn^it^ih W dfii tijv mtQvuv cciiu. Die W<«lmstelle bezieht 

.|)avjdi.sch i^t , auf Unbekannte, die mit 4cm Dichter; de8^ 
4^ibef^ in .fihnlichem Y^rilültnirH standen^)* Von raessiai»- 

,Mmiin4; OiMAOW^ . fl0|k -.«ngegeb«D«n .Stiiui .^to 4fli\«iw 

sprUnglicilien anerlieniien. ^tun soll aber nach dem Lezte- 
xi9B;iii dem Schickaal Dnvida aich jdas des JUcssias abspi^ 

fpeeteVii Hioi^euiuqgeiivauf .die Schicksale- Jesu entluelten. 
yie^fK ß\mp/ÜMo^<^ii 4aftn%ift^ David acklbst haiisi. i« di» 



, 7) «< an YfMmtf.*» 4« Vi* ' • • . .f 



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« 



«Bc^dMriiiiif dlaioB llefereii 8iiifi tefner AnaipiWlie liklic 

«tfitidni(ji , dnfs (lui*ch die Deutung auf Christum solchen 
*lkelleii ein linderer Sinn gegeben werde, als den der Ver- 
fmer nrtpHliigiteh in dieseliien gelegt hat? DeCi nHir Je» 
'Ihm MM dteier PiMilniitelle Wi^ Am Ki*fol|f dereb'Mtfirli- 
-che Überlegung sollte hemilsgeleBen haben, Ihn' idehe Ver- * 
^Srath durch einen Freund bevor, ist am so undenk barer , 
eich keine S]ior findet, du ft 4fir fMtt mter den J«. 
-deli ttfleüHnfieh'^edeytel woiiden \nb^v4iA%Mf .dee'OMI. 
liehe in Jesu Ihm eine soleHe Deutolig fin die Hend gege- 
ben habe, ist defswegen unmöglich, weil es eine falsche 
Belitiing Ut. Vielmehr iieeb dem £rfolg erst^ wui*de der 
^PielmiteHe eine Beeidung ebf' den- Verrech de«« Jade» ge> 
-geben* Oet dM^ den f^idMilien Tod der W eMie« flhei^ 
raschte Gemfith seiner ersten Anhänger roufs man sich 
in Ingitikher Gescbfifitigl&eit denken, dieses SchiciuMd 4lei- 
%elbeii Em begrelfei^ wee aber bei jatUMdi Gebadeien^nleill 
'iMb, et mit Bewiiirtfieln and- Vemanft, tender» adt der 

Schrift in Einklang bringen. So fanden sie nicht nur sel- 
•Hen Tod, sondern auch, dafii er darch die Treulosigkek 
«tne» eeiner Frennde so Grande gelum w«rde*, and «eibe t 

«iee weitere 8diieh«al and Ende de» Verritbüre (Matlk 

•57, !)f. A. G. 1, 20.) im A. T. vorhergesagt, und um für 
«len VerriUh eine A. T.Uebe Auctoritüt sn finden, bot lieb 
«ai-aieieten jfene Stelle aae Fe. 41> Wo der Verfeeeer'Sber 
-Mlfebimdlang dai^b einen «etiler Ve rtrawlci l en Klege führt. 

Diese Belöge aus dem A. T. konnten die Schreiber der N.- 
T.iichrn Geschichte entweder als ihre und Andei*er Refleiio» 

Mn bei Neidang dee Erfolge binnaeetaeil) wie die Verfiiieer 
dee ereten fiifengellMne and^de»* Apeilelgeeehiehle,i w6<^ 

das Ende des Judas referiren : oder, M^as nOch schlagen- 
der war, sie konnten eie Jesu selbst sehoii vor dem £r- 
f folg in den Maad legen, wie der Verfeeeer dee vierten 
KTajigelinaM hier thnt Der Pealaiiet hatte mll eeineai 

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N 

X 

f 

Zweit«« Kapitel. %. 119. 

» 

"J^ff? «inen Mic^n gemeint, der ab«rii«vpt d«e 
Bvol mit Ihm so theÜen pffege: leicht aber konnte es al« 
die Bezeichnung eines solchen angesehen werden^ der je%t 
eben mit dem in der Weissagung Gemeinten esse, und 
«o wnHle «isSeene der Vorberbeseiebnnng ein Mahl Jeiu 
mit seinen Flingern , und wegen der NShe dee Erfolge am 
schicldichsten das lezte, gewählt. An die Worte der Psalm- 
etelle übrigens band man sich in der Art, wie man Jesum 
<l«n Verrither beaeiehuen lieie, weiter nieht, eondem nahm 
atntt dee o z^ojyuv fiit ifiö zov aqtw entweder da» eyno- 
nyme //er i^tu inl rf^g TQant^r^g^ wie Lukas, oder, da den 
ISynoptü&ern «ufolge dieses lezte Mahl ein Paschamahl war, 
«o wAhlt« man mit.Be«ng «uf die dem Pasebamehi eigen- 
thamÜebe Tunke das o dftßanTOftevos fwc tftö e& to t^v- 
[i)düv, wie Markus und Matthäus. Olefs, zuerst ganz syn- 
onym dem o TQütytav it* iL, als Bezeichnung irgend ei« 
nee eelaer Tieebgenossen , wurde bald, da man eine pei> 
«ftniiehe Beseiebnnng haben wollte, dureh Mlft verstand so 
gewendet, als ob Judas zufällig zugleich mit Jesu in die 
&hU8sei gegriffen hätte ^ und endlich wurde, um die^Be* 
seiebnung mdgliebet nnmitteiber sa machen, der von Ju* 
dfw Bttgleiefa mit Jeen In die Sebfletei getauchte Bisten 
vom vierten Evangelisten in einen solchen verwandelt, den 
Jesus dem Verräther eingetaucht und gegeben habe. 

^uch sonst ist in der Jobanneiscben Darstellung die- 
ser Seene Manches, was gar nicht natürlich, wie SixmRT 
will, sondern vielmehr ^^eniacht erscheint. Die Art, wie 
Petrus sich der Vermittlung des Schoo fsjüngers bedienen 
muis, um von Jesu einen näheren Wiuk über den Verrü- 
ther heranssubringen , wie sie den Synoptikern fremd ist, 
so gehört sie auch nur zu der unhistorischen Wendung, 
welche, wie oben auseinandergesezt, das vierte Evangelium 
dem Verhültnifs der beiden Apostel giebt. Die unter ei* 
ner Handlung der FreundscbaÄ^ wie das Reichen de« Bi«- 
sens, verborgene Bezeichnung im schlimmen Sinne ferner 
JJoi L§b€n J$iu IL Mand^ 28 



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4S4 



Dritter Abschnitt. 



hat imoier etwas Unwahres ond Widr^^et^ waa nuan aneh 
TonaamChniiide liegenden Absieh ten, den VerrSther neeh na 

rühren ti. dergl., erdenken rong. Endlich auch das S noing^ 
nolr^oov raxiov^ mag es zu mildern suchen, wie man will 
ist doch immer harf, und mit einem gewissen Troz dem herein* 
brechenden Schicksal gegenOber gesprochen, and ehe ich die 
Worte durch irgend eine Künstelei als von Jesu gesprochene 
rechtfertige, stimme ich lieber dem Verfasser der Probabiiien 
hei 9 weicher in denseil)en das Bestreben des vierten Evan^ 
gellsten sieht , die gewöhnliche Darstellong, welcher na* 
folge Jesus den Verra^h Toranswurste und nicht hinderte , 
durch die Wendung, er liabe den Verräther sogar zur 
Beschieonigang seines Vorhabens aufgefordert, cu Über- 
Ue&n«> 

Wie dem Jndas den Verrath , so soll Jesus dem Pe- 
trus die Verleugnung vorliergesngt haben, und zwar mit 
.der besonders genauen Zeitbestimiuung, dais, ehe am näch- 
sten FrOhmorgen der Hahn (nach Markus Eweimal) krtihe^ 
Petrus Ihn dreimal verleugnet haben werde ( Matth. , SO, 
33 ff. parall.)) was den Evangelien zufolge aufs Genauste 
eingetroffen ist. ^icht mit Unrecht ist hier von rationa- 
listischer Seite bemerkt worden , die Erstrecknng der Se- 
hergabe auf solche Nebenaiige, wie der Hahnenschrei, mBs- 
se Befremden erregen; ebenso, dafs Jesus, statt zu war- 
nen, vielmehr den Üa*folg wie unvermeidlich vorhersage'^}, 
was allerdings gans nach der Art des tn^chen Fatuma 
der Griecheii lautet^ wo der Mensch In das Ihm vom Or»- 



8) •• LOcKB und Troivcx, z. d. St. 

9) p. 62: reliqui quidem narrant cvangclistae , scrvatorcm sei« 
vissc proditionis consilium, ncc impedivisse J ipsum vero ex- 
citasse Judam ad ^roditionem^ nemo eorum dicit, neque con» 
Tsnit lioc Jesu. 

10) PAiAvt, «xeg. Handb. 3^ h, 8. 538. L. J. 1, 8. 192. Hiss, 
L. J, 137. 



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I 



Zweites Kapiiei. S- 435 

kel Vorhergesagfe , indem er es vermeiden will, dennoch 
hinclngerüth. Fi*eilicliy wenn dann Paulus weder das a 
gnavi^H oijfieQOv aXixttOQ^ noch das. mceQpela^^at^ .noch diis 
vaig in der genauen, wifrdichen Bedeutung gesprochen wis^ 
sen will, «ondern der ganzen Rede nur den ungefähren 
und problematischen Sinn giebt : so leicht zu erschüttern 
•ei die vermeinte Festigkeit des Jüngers, daie . swiichen 
jest und dem nächsten Morgen schote Ereignisse eintreten 
iidnnen, die ihn veranlassen würden, mehr als Einmal an 
ihm irre und ihm untreiu zu werden : so ist dicls nicht 
die rechte Art, die SchwierigJieit des evangelischen Be- . 
richte aus dem Wege su rfiumen; die Jesu in den Mund 
gelegten Worte stimmen mit dem nachherigen Erfolg so 
genau überein, dafs hier an ein blofs zufälliges Zusammen- 
trefifen nicht gedacht werden Icann. Sondern in diesem 
Zusammenbang von lauter i^aticin/f« post eventum werden 
wir auch hier annehmen müssen, dafs, nachdem wirklich^ 
Petras in jener Nacht Jesum mehrmals veriengnet hatte, 
die Vorherverkündign ng davon Jesu in den Mund gelegt 
wurde, * mit der Üblichen Zeitbestimmung vom Hahnen* 
schrei ' ' ), und mit der Reduktion auf die runde Zahl von 
drei Verlcugnungsfällen. Dafs diese Zeit - und Zaldbe- 
stimmung In der evangelischen Uberlieferung stehend blieb 
(ausser dafs Markus, ohne Zweifel durch eine wiiikfihrli- 
che Künstelei , um VIem ifug der Verleugnung gegenüber 
auch den Hahnenschrei durch eine Zaiil zu bestimmen, von 
einem zweimaligen Rufen des Halms spricht), iliefs scheint 
sich ans der Anschaulichkeit und Behaltbarkeit jener früh- 
Eeitig gewühlten Ausdrücke, die sich ganz bu einer ste- 
henden Bestimmung eigneten, ohne allzu grofäe Schwierig« 
keit zu erklären. 

Dafii endlich Jesus auch den übrigen Jüngern vor- 
aussagt, de werden in der bevorstehenden Nacht alle an 



11) ▼fll* LienTvooT und Pavivs, s. d. St. 

28 * 



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4:^6 Dfitler Abaithiiitt. 

ihm Irre werden, ihn verlassen nnd sich Eerstrenen fMiiftb. 
.26, 31« paraiL vgl. Joli. 16, 32.)) wohl ebensowenig 
Ansprneliy als Mrirkliche Weimgong festgehalten aa wer- 
den, anmal hier die awel ersten Evangelisten in dem yi- 

yQantai yocQ' Ttcerd^o) %6v noiftha, xal öiaaxoQnia&r^afrai 
ta TCQoßava %r,g Tioluvr^gj «i»e A. T. liehe Stelle (Znch. 13, 
7.) selber an die Hand geben , welche , sonlichst von den 
Anhängern Jesn cur eigenen Verständigung Uber den Tod 
, ihres Meisters und dessen sanffehst fraorlge Folgen anf> 
gesacht, bald Jesu selbst als Vorhersagang dieser Erfolge 
in den« Mond gelegt wnrde. 

S. IM. 

Die Einsetsung des Abendinshls* 

Bei dem lezten Mahle war es, nach dem Bericht der 
drei ersten Evangelisten, mit welebem auch der Apostel 
Paulus (1 lior* 11, 23 ff.) sttsamnienstiniiati dafs Jesus deas 
angesftuerten Brat und dem Weine, was naeh der Sit» 
te des Paschafestes ^) er als Faroilienhauj)t unter seine 
f Schüler au vertheilen hatte, eine Beaieliung auf seinen na« 
he bererstehenden Tod gegeben hat» Wührend des Essens 
nXmlleh soll er einen Brotkuehen genommen, naeh gesjiro* 
ebenem Dankgebet ihn gebrochen und seinen Jüngern ge- 
reicht haben, mit der Erklärung: töri egt zo awftd fis^ 
woutt Paulus und Lukas noeh setaen: %e vtÜQ Vft^ dido- 
ftBffOP oder xhiftevWi — und ebenso hierauf, bei Paulus 
und Lukas nach dem Essen, soll er ihnen einen Becher ^ 
Weins mit den Worten hingegeben haben: t^6 igito atftd 
fi9f fd T^g wuv^g dtai^rjxrjQf oder, naeh Paulus und La* 
luis: ^ xaivrj dia^}xT^ tv tt{t ai/nati /un, to fUQl noHuv^ 
oder vniQ vfiuivy ixxovo^Evov^ woau Matth&us noch sest: • 



1) vgl. Uber diese vornämlich LiOHrrooT, horae p. 474 ff. , und 
Pavuis, ex. Handb. 3, b, S. 511 id 



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« 

ßt$ OfmtUß afiaQtiur^ Paulaii aber^ waa er und Lukas auch 
adioa oben bei*» Brole hatten: %SrosMi7t9 (Panlns bei'm 
Wein oamnd Sp nlvi^it) tis %fjv ifti}r utafn r^atr'). 

Der Streit der Cuiifessionen Über die Cedeutun^ die- 
ser Worte, ob nie eine Verwaiidiuiii^ von Brot and Wein 
in den Leib und das Biut Chriati, oder ein Vorhandeneein 
Ton Leib und Blut Chrlutl mit und unter jenen Elementen, 
oder endlich dieCs ausdrüclien, dafs Brot und Wein Chri- 
ati Leib und Blut bedeuten sollen, iüt aU obsolet su he* 
aeiehnen, und tollte wenigsten« exegetlseh deswegen nieht 
mehr naebgefflhrt werden, well er auf einer nnrlehtlgen 
Disjunktion beruht. Nur in der Übertragung in das ab- 
straktere ßewufstsein des Abendlandes und der neuern Zeit 
BerfiUt dasjenige 9 was der alte Orlentale sieh unter sei- 
nem %5i6 tgt dachte j In Jene rersehledenen MOgllehkeiten 
der ßedeutung, welche wir, wenn wir den ursprünglichen 
Gedanken in uns nachbilden wollen, gar nictit auf diese 
Welse irAinen dflrfen. Erklärt man die fragUchen Worte 
▼on Verwandlung: so Ist das sn viel und nn bestimmt; 
nimmt man sie von einer Ezisten« cum et sub sptvie etc: 
so ist diels SU künstlich ^ überseht man aber: dlefs bedeutet: 
so hat man nn wenig und sn naehtem gedacht« Den Schrei- ^ 
bern nnsrer Evangelien war das Brot im Abendmahl der 
Leib Christi ; aber hätte man sie gefragt , ob also das Broc 
verwandelt sei? so würden sie es verneint; hätte man ih- 
nen von einem Gennls des Leibes mit and anter der Gestalt 
des Birots gesprochen: so wttrden sie diels nicht versten« 
den ; hätte man geschlossen , dafs mithin das Brot den 
Leib bloi's bedeute: so würden sie sich dadurch nicht he» 
liriedigt gefunden haben. 

Uierllber also verlohnt es sich nieht, welter sn sirei- 
ten; eher kann die Frage interessiren , ob Jesus jene ei- 
genthiimUch bedeutsame Brot- und Weinaustheilung nur 
als einen Akt des Abschieds von seinen Jüngern, oder ob 
er dieselbe In der Absieht vorgenommen habo^ dals sie 



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438 Dritter Ab«ohnritt. 

«ach* imch seinem Hingaim; von seinen Anhünffem «um Äii- 
denken nn \hn gefeiert werden sollte? HXtten wir I1I0& die 

Berichte »lei* beiHeii ersten Evungelisten — diefs ^eben hier 
selbst orthodoxe Theologen su — so wfire kein entschei- 
dender Grund zn der leeceren Annahme vorhshden: allein . 
entscheidend scheint bei Pauhis nnd Lnkas der Znsaz: tSto 
Tcntptre ng r^v iurjv ävccjiiVT^aiv ^ welchem zufolge Jesns of- 
fenbar die Absicht hatte, ein Gedftchtnifsmahl sn stiften« 
das nach Panlus tlle Christen feiern sollten, axQtg 5 ar 
flS-rj, Allein eben von diesen Zusätzen hat man neuerlich 
vermuthet, sie möchten nicht ursprüngriich Worte Jesu ge- 
iiresen sein, sondern bei der Abendmahlsfeier in der ersten 
Gemeinde m(l$[e der anstheilende Vorsteher die Gemeinde* 
g-Iiodor aufgefordert haben , dieses Mahl aurh forner Kum 
Andenken Christi zu wiederholen, und aus diesem nrchrist* 
liehen Ritaal seien dann die Worte eq der Rede Jeso fife- 
sehlagen worden 'V Gegen diese Vermnthnner sollte man 
nicht mit Olshauskn die Auetorität df»s Apostols Paulus in 

M 

der Überspannung urolfend marhcn, daPs laut seiner Versi* 
/chernng: 9rcro4lnrW cr.TO th Kvoia^ er hier ans einer nn- 
rolttetbaren Ollenhfiranfif Christi, ja dnfs Chrlstns seihst 
hier aus ihm spreche: da doch, wie selbst Stskind zutjoa^e- 
ben, und neuerlich Schulz aufs Bündigste bewiesen bat 
naQceXaßßaveiv an 6 rtvo$ nicht ein nnmittelbnres Bekom- 
men von einem« sondern nnr ein mittelbares Überkommen 
von einem her, also durch Uberlieforun» , bedeuten knnii. 
Hat aber Paulus jenen Zusaz nicht von Jesu selbst gehabt : 
so glaubt «war SOskind beweisen so ki^nnen, er mflsse 
Ihm von einem Apostel mitgetheilt oder mindestens bestH- 
tigt worden sein^ und meint in der Weise seiner Schule 

2) Sü8HZNO| in der Abhandlung: bat Tosu«; das Abondm^iM als 
cinenmnoxnoniscbcn Ritus angeordnet ? in Magazin 11, S. 1 ff» 

3) Piutui, cx, Handb. 5, b, S. 527. 

4) Ober das Absndmahl, S. 217 ff. 



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Zweite« Kapitel« si* VIO. 



dprcli eine Reihe abstrakter Disjonküonen sichere Hanth- 
linien sielieii u iLtfnnen, welche das Eindringen einer un« 
historischen Sage in diesem Stttcke verhindern sollen; ai- 
iein die strenge Urkandiichkeit unsrer Tage clarf von einer 
werdenden ReÜgionsgesellschafc nicht erwartet werden, de- 
ren an verschiedenen Orten hefindiiche Theile noch keinen 
geordneten Zusammenhang and meistens nur mOndltchen 
Verkehr hatten. Ilienach das jüto nouize it. r. k, für ei* 
nen spftteren Zusaz za den Worten Jesa zu halten , dacn 
darf man sich aiierdinga nicht .durch falsche Gründe bewe- 
gen lassen, wie dafs es gegen die Demnth Jesn wentfAen 
haben würde, sich selbst eine Gedächtniü$feier 2u stifte ^) 
u. flergi.: wohl aber wird neiien dem Stlllschweigei^ der 
iieiden ersten Evangelisten das in Betracht kommen^ dbfs y 
wie nberhaupt eine Ged.^chtnir8feier natfirlicher am dem 
ßedtirfnjfs der Zurückbleibenden, als aus dem Plane des 
^Scheidenden henrorgeht, so auch jene Worte weit eher dar- 
nach lauten, das Bewufstsein der ersten tiemeinde^ aife eine 
Verordnung Jesu ansBusprechen* 

Demnach soll nun bei'm Anblick des gebrochenen Brots 
und ausgegossenen Weines Jesum eine Ahnung seines na« 
ben gewaltsamen Todes angiiwandeit^ er soll in jenem ein 
Bild seines htnauriebtenden Leibes, in diesem seines sn 
vergiefsenden Blutes erblickt, und diesen augenblicklichen 
Eindruck gegen seine Jünger ausgesprochen haben £I-' 
nen solchen tragischen Eindruck aber konnte Jesus nur be- 
kommen , wenn er seinen gewaltsanien Tod mit Bestimmt 
heit in der Nähe sah. Er müfste also namentlich um den 
Verrath des Judas gewufst haben, der sein Ende beschleu- 
nigte: aber elien liievon haben wir uns kritisch noch nicht 
flberseugen können, sondern eine Zurttcktragung aus dem 



5) KutBK, bibi. Tbcol. 2, a, S. 31*. S»piiarz, das b« A]>endn. 
S. 61. 

6) PAV1.1IS, a. a. Q. ö. jlLiü. Kais^u, a. a. 0. S. 37 iT. 



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444 Orllt«r Abtehnltt 

ErMg vmnithen nOtien. Spricht nan Jesus hef der 

Darreichunfij des Brotes und Kelches so bestimmt von dem, 
was ihm bevorstand, als ob es schon geschehen wäre: wle^ 
wenn y^ir hier wirklieh nnr die Worte von solchen hät- 
ten, denen der Tod Jesu ein schon Geschehenes wsr, and 
welche nun ihre Gedanken über denselben dem scheiden- 
den Meister in den Mund legeten? Wein und Brot hatte 
Jesus 4 wenn er wirklich noch das Pascha mit seinen Jün- 
gern Merte, sammt dem Fleisch des Lamms fhnen aasge- 
theilt. und nach jüdischer Sitte erklärende Worte daen ge- 
sprochen, welche der Erinnerung an den Aussn^ ans Ägyp- 
ten ifewidmet waren Als nun so flherraschend schnell 
nnf fenes Pascha der gewaltsame Tod «lesn gefoffirt war; da 
wurde seinen Anh^lns^ern am Paschnfest eben das das Wich- 
tigste, dafs es Jesns noch kurs vor seinem Tode mit ihnen 
l^feiert hatte; die ErklXrungen , welche er ihnen nach der 
Sitte des Festes von dem alten ürsprun? desselben greorehen 
hatte y fielen hinwe?, und an ihre Stolle traten Erklärun- 
gen | welche gleichsam den neuen, christlichen Ursprnnif 
dieser FetcPy nllmllch den Tod Jesu , betrafen. Der ersten 
Christengfemetnde war hinfort das am Pascha gebrochene 
Brot nicht mehr Erinnerunfir an die Dranffsnl ihrer Väter 
in Ägypten, sondern an die Leiden ihres Messias, ebenso 
war der Becher ein nD"Qn UO insofern , als sie in 

seinem rothen Weine das vergossene Blut ihres Messias er- 



7) 2 Mos» 12, 26 n ist den Israeliten geboten, wenn ihre Kinder 
sie fragen werden. Was sie da feiern, sollen sie antworten: 
es ist das Faschaopfer Jehova's , der die Hiader Israifl ver- 
schonte in Xgypten, u. s. U IMets wurde nmn tum Ritual 
bei der Paicbsfoier, s. Lieanoor, p. A75f.: adsievettir ite* 
rnm mensa, et tum dioit ille Cpat'er familils): boc est Pa- 
scba , quod comedimus idoo , qiiia Deu« trtnsüt per domoa 
patrum nostronim in Aogypto. — Klevat manu tut t«yiB« et 
dicit : a/yma har?c como limus , qina non erat sj>!»tiiim fari«. 
aae coasperaae patrum aostrorum ut fcrmeatarctur etc. 



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Zwelle« KftpIttL f. m 411 

bückten , und dfcM Devtangen vmtim Jm» «liitl imfmA» 

gen, welche er der Sitte gemäfs bei Jenem lesten Mahl 
gegeben hatte, in den Mond gelegt Dafs zur Vergege»» 
♦w a rlig m g des Leibe« Jeea niebt das FatokaluiBy eondem 
das Brot geneniHieii wurde, hatte lelneii Orand viellelekt 

in der Scheue, dem Haopt bestand theil des Paschamahls sei- 
ne jüdische Bedeutung zu nehmen , so wie in der frühaei* 
tig hervortretenden Neigung, dieoea GedSehtnilanMihl VMi 
Paaeha sn iSeen, vnd in Ufterer WMerholang an begehen« 

Dafs aber bei dem das Blut Jesu vorstellenden Weine die 
Bezeichnung: %o alfta T^g xaivijg dict&ijxr^g gewählt wurde, 
hat seinen Grand in der Ettoksicht anf die Steile t. Mea» 
94, 8, wo Moses Ton dein Blnt, mit weleiiein er rar Ali* 
schliefsung des Bundes zwischen Jehova und dem Vollt in 
Bezug auf das Sinaitische Geses die Israeliten besprengte, 
sagt: iSn to al/ta t^g dtad^m^f dU&9r6 KvQiog ofis 

Doch dafs Jesus bei jenem Mahle bereits sein anmit- 
telbar bevorstehendes £nde vorhergesehen, scheint die Ver- 
sichernng nn liewelsen, welehe er nach sfimoitliehen syn» 
optischen Berichten seinen Jangern giebt, dals er Ton dem 
Gewtfchs des Weinstocks nicht mehr trinken werde, b!s 
er es neu geniefsen werde im Reich seines Vaters. Sehen 
wir Jedoch, wie bei Lukas dieser Versichernng in Bezug 
auf den Wein die ErkKrong Jesn'Torangeht, das Pascha 
werde er nicht mehr geniefsen bis zur Erfüllung im Got- 
tesreich, so ist wolil ursprünglich auch unter dem yEwr^f.iu 
T^g ifiniia nicht Wein ttberhanpt, sondern speciell der 
Pasclmtrnnk Terstanden gewesen, wovon man auch bei Mat- 
thäus und Markus in dem r»Ta, welches sie zu ysmfT^ftarog 
setzen, eine Spur entdecken kann. Von Mahlzeiten iia 
messianischen Reich sprach Jesus, gemftCs den Vorstellu i« 
gen seiner' 2Seit, öflters, und so mag er erwartet hallen « 
dafs in demselben namentlich das Pnschamahl mit besonde- 
rer Feierlichkeit werde begangen werden. Wenn er nun 



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44:1 Diriuer Abteiinitt. 

vmkJiart, iÜ m m MaU sieht Mkr d iw w , aondeni «nt 
i. Jen« Am wiedw M gmieAea: m Hegt durfn errtem 

nich^y wie, wenn er von Essen und Trinken überhaupt 
spräoiiey dnü schon in den nächsten Tagen, sondern niury 
dmtb vor Abkaf eiiM Jdm das Varwailaii in dieacr vor- 
ifiMfinlMhn WebovdnQiig ftr ihn ein £nde haben wer- 
de ; dieses Ende abet^ zweitens , mufs er sich lieineswegs 
; durch seinen Tody sondern kann sich dasselbe auch durch 
.den Eintritt des messianieehen Aeiohs herheigeftthrt gedaeht 
haben 9 und die beeCimmle Versieherong, welebe die Evan« • 
gelisten ihm in den Muad legen, kann vielleicht nur ein 
Wunsch gewesen sein« Wie nämlich die späteren Jaden 
l»ei der Pasehamalüaeit sprachen: dieia Paseha fetem wir 
praeUnii anno hele» faturo in terra liraH so lionnta 
vor der Zerstörung des Tempels und der Zerstreuung des 
Volks der messianisch- gesinnte Israelit beim Pascha wün- 
schen, es nnr dleismal noch im niH thVf ^ mschstesud 
im Bntehe des JHsssins n fetem ^ 



9y PiüLTOy ex. Hdb. 3, b| 8« 5i4f aas RnrAHSSty übra jreritatia 

et de Patcbafe tratfcttit. 
•0) Wenfigstenr bei den tpVtereif Juden wurde das Paschafett in 

eine Bexichun^ tum Messias gesect, und die Befreiung Israels 
durch ihn »beft in der Faschanacht cruartet. Tanchum« 
p. 75 , 1 (bei Wetstcin) t XV die Nisan nalus est Isaacus, 
eo liberal tuat ex Acgfpto , et codom libcrabuntur ex Ser- 
vitute regnorum. Vgl. Schemoth R. 18. und iXosch haschan« 
IL Ii) 1. bei WsTSTSnr su Matth. 26, 26« und BimxsBL bei 
PiVKDSi tu a* O. 8. 515* 



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Ürittas JüaplleL 121. 



443 



Orittas KapiteL 

Gang nach dem Oelberg 9 Oefangeniieh- 

mung;yt Verhör 9 Verurtheilung und 
Kreuzigung Jesu. 



$. nu 

Jesu Scclcnkampf im Garten. 

Den STnoplischen BerioJitenaufolgegieiigJeiiifiogleleh 
naeh Beendigung des Mahles und Absingnngdes Hallel, wie 

er| iibei'Iiaupt während dieser Festzeit ausserhalb Jerusa- 
lems £u übernachten pflegte Cl^Iatth. 21, 17. Luc. 22, 39.)) lun- 
«OB an den Oelbergs in ein xtt»C^oy (bei Jeh. u^Oßh üeibsaaut« 
ne genannt (Bfatth. 26, 30. 36. parall.), wohin tfiA Johaa^ 
nes, mit der ausdrücklichen Erwähnung, dafs es über den 
Bach Kidron gegangen sei, erst nach einer langen Reihe 
von Absehiedsreden (Kap. 14 — 17.), anf welche wir später 
KU reden Icommen werden, aufbrechen lüfst Wahrend an 
die Ankunft Jesu im Garten Johannes unmittelbar die Go- 
fangennelimung knüpft: schieben die Synoptiker noch die- 
jenige Scene daawischen, welche ma als den iSefdeniuinipf 
Jesu au beaeiehnen pflegt. , 
Ihre Berichte hierüber sind nicht gleichlautend. Nach 
Matthäus und Markus nimmt Jesus^ indem er die übn^reu 
Jünger aarUckbleiben heifsti seine drei Vertrautesten, den 
Petrus und die Zebedaiden, asit sieb^ wird von Bangigkeit 
und Zagen Uberfallen, erklflrt den Dreien, bis cum Tode 
betrübt zu sein, und reifst sich auch von ihnen, indem er 
sie wach au bleiben ermahnt, los, um für sich ein Gebet 
verrichten au lidnnen, in weichem er » das Angesicht auf 
die Erde gebeugt, in der bekannten Weise um Abwendung 



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i/U Dritter Ab«eliaitt, 

det LeUbMkdeh« drht, ibrlgm» AUm dm Witten «eüm 
Vaters anhelinstellf«* Wie er wieder an den Jangem keannt, 

findet er sie schlafend , ermahnt sie sbermals xur Wach- 
•Asalieit) entfernt sicli dann nocli einmal und uiederhoit 
des Terige Gelietf n^mof er aeine Jünger wieder aebln- 
Ibnd antrifft Znin drittenm 1 onlf^mt er nnn, um 
das Gebet zu wiederholen) und w iederlLommend findet er 
nnm drittenmal die Jfinger schlafend , erweciit aie aber 
Jes^ um dein nalienden Verritiier entgegensngehen. — Von 
den beiden Dreieahien, weleiie In dieser Brsllilang der bei- 
den ersten Evangelisten eine Rolle spielen, hat Lukas nichts, 
aondem nach ihm entfernt sich Jesus von sümmtlichen JUn- 
gerny neelidem er ale nur Waeliaamlielt ermahnr, nngefiiir 
anf einea Steinwnrfa Welte » nnd betet linleend j nur Ein- 
mal, aber fast mit denselben Worten, wie ihn die beiden 
andern lieten lassen ^ kehrt dann eu den Jüngern euriiciL 
fuid erweekt aie^ weil Jadae mit der t^eiiaar aieh nAliert. 
OalBr hat non aber Lnkaa In der einsfgen Oebefasoene^ 
von welcher er weifs, ewei Umstünde, die den tfbrigen Be- 
richterstattern fremd sind, dafs nXmlioh wührend des (te* 
bafts^ nnmittelbar elie der befitigate Seeienbampf eintrat, 
ein Engel ersehlenen sei, Jeanm en atlrken, wahrend der 
darauf gefüllten ayoma aber Jesüg SehwelTsj wie cor Er- 
de £illeade IMtitstropfen ^ vergossen habe. 

Von Jeher Ut nn dieaem Vergeiig in Getbaemane An- 
•tofii geii6nmien worden^ well fn demaelb'en Jeaaa eine 
Schwache und Todesfurcht zu zelf^en* scheint, weiche man 
ihm imnngemessen glauben kdnnte« Ein Celsus und Ju- 
lian heben, m Rtfefcalebt ohne Zweifel «of die grofsen Mu- 
iter elneä aterbeilden Sokraiea und anderer heidniaeben 
Weisen^ das Zagen Jesü vor dem Tode gedchmüht *')\ ein 

I) Orlg. i. CaU. 1, S4: i^« (4 JUU^y 

Üii^tratf Mm\ vor tS iU^fit ^dflm^ «jTjftrm na(taSfia/t9ir ^ Ityrnr 
IT. r. i. ; — JutiSn in eiaem Frsgmenl Theodar's van Mop» 



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* 

Drittes Kapitel. {. 121. 445 

Vanini sein eigenes Benehmen bei bevorstehender Hlnricb- 
tnng ktthn Olier das von Jesa gestellt 0.> in evong«* 
tium Nieodemi MKliefst der Satan «na dieser Seena, dafii 
f'hristaa ein Uofiier Menseb gewesen'). DieAusfloeht dee 
Apokryphums, die BetrUbiürs Jesu sei nur Verstellung ge- 
wesen, um defli Teufel aum Kampf mit ihjn Muth zu ma- 
chen ist nnr das £iii|{ietindnUsy dafii ea eine wirkliehe 
BetrObnifs Jener Art hei Jesu nieht b« denken weifa» Oa» 
lier berief man sich au^ den Unferscined der bilden Na« 
tnren In ChristO| und schrieb die Betrübnifs und die Bitte 
um Abnahme des nori^^iey der mensehilcheni die Ergehang. 
in daa ^tki^ia des Tatera aber der göttlSehen Datnr an 
Da Jedoeh diefs theils eine unzulässige Trennung im We« 
aen Jesu eu setseni theils das Zagen auch nur seiner 
nenaehlichen Natnr ?er * heTorstehenden körperlichen Lei- 
den ihm nicht wehl anavstehen schien : so gab man aelner 
Bangigkeit einen geistigen Bezug, und machte sie au einer 
aympathetiscfien, indem es nun die Ruchlosigkeit des Jn- 
daa, die Gefahr, weiche seinen Jttngeni drohte 9 und daa 
Sehieksaly weieiiea seinem Velke lieTentandi gewesen aeia 



▼esHs , bei MOma » Frsgm. Palr. grsec. Fatc« 1 , p. lil : 

wVf gyta/vtTat, 

2) Gramond. hi«l. Gill, ib exc. Hcnr. IV. L. 3, p. 211: Lu- 
cilius Vanini — dum in patibulum trahitur — Christo illudit 
in hacc ««dem Terba : iili in extremis prae timore imbeUii 
sudor: ego imperterritus morior. 

3) Eysng. Nicod. €• 30, bei Thuo, 1, S, 702ff. : iym yttf •ISm^ 

4) Ebcndas. S. 706 , erwieilert Htdcs dem Salan! ,? ,Ji i/yf«f, 
£ri ^MKoas avrS tpoßmftivH jov ^dyaror^ nai^tay at «a» ytlüiy ifn 

5) Se schon Urigeaas, c« Cels. 



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4M ürtttet Absohnitt. 

soll 9 WM flim solche Traurigkeit venirtfiohte Seine. 

tipitae erreichte dieses Streben, den Schmerz Jesu von al- 
ler sinnikben Beimischung und Beziehung auf seine eigene 
Person m reinigen | in der kirchlich gewordene^ Ansicht, 
dsfs Jesus in des Mitgefühl der Sündenscliuld der gnneen 
Menschheit verseet gewesen sei, und Gottes Zorn (Iber die- 
selbe stellvertretend empfunden habe '^') ; wobei nach der 
Ansicht f on Einigen sogar der Teufel selbst mit Jesn ge- 
rungen heben solM)« 

Doch Von einem solchen Grunde der Bangigkeit Je- 
Stt steht nichts im Texte, vielmehr, wie sonst (.Matth. 20, 
SS f. parallO» *o mnCt anch hier das nonfQiWy um dessen 
Ahnahme Jesus bittet, von seinem eigenen körj)erlichen 
Leiden und Tode verstanden werden. Zugleich liegt jener 
kirchlichen Ansicht eine unbiblische Vorstellung von der» 
Stelivertretnng cum Grunde. Jesu Leiden ist allerdings 
anek schon in der Vorstellpng der S} nojitlker ein stell- 
vertretendes für die Sünden Vieler 5 allein die Stellvertre- 
tung besteht nach ihnen nicht darin ^ dafs Jesus unmittel- 
bar diese Sünden und das ihretwegen der Menschheit ge> 
bohrende Leiden nn empfinden bekXnie : sondern fdr jene 
»Sünden, und um ihre Strafe aufzuheben, wird ihm ein per- 
sönliches Leiden aufgelegt. Wie ihn also am Kreuse nicht 



6^ Uicron. Comm. in Matth, z. d. St. : Contristabatur non ti- 
morc paticndi, qiü ad hoc vcncrat, ut pateretur, scd proptcr 
infelicissimum Judam, et scandaium omnium apostolorum, et 
rejcctionem popuii Judaeorum, et erersionem miserse Hieru- 
salsm. 

7) CxLVTK , CoauB. in Bann, evangg. su Matth. 26, 37 : Non — 
mortem horruit simpliciter, quatenus transitus est e mundo, 
sed quia fonBidahile Dei trihnnal Uli erat ante oculos, judex 
ipso incomprehensibili vindicta armatus, pcccata vcro nostra, 
quorum onus illi erat impositum, sua ingcnti niolc cum prc- 
ixiebant. Vgl. Lvthsa's üauspostille, die erste Tassionsprcdigt. 

S) LisuTfooT, p. 884 f» ' 



üiyilizea by 



Dritt«« KapIteL f. m. 44T 

direkt die SOndeii der Welt, und der «of dIeM Mk W 

Kiehende Zoro Gottes, sondern die ibm beigcbrechten WufH 
den, eammt seiner ganj&en jammer vollen liage , In welche 
er freilich «m 4er Üflnden der MenBchheit willen rerml 
war, schmeraten : ao war es der Voratellong der firangeli« ^ 
sten zufolge auch In Gethsemane nicht unmittelbar das Ge« 
fühl des Elends der Menschheit, sondern das Vorgefühl 
seines eigenen, allerdings an der Stelle der Menschheit sa 
llbernelimendea Leidens^ was ihn in jene Bangigkeit Ter- 
seste. 

Von der unhaltbnr befundenen kirchlichen Ansicht des 
Seele nhampfs Jesn ist man in neaerer Zeit einerseits in 
rohen MateriaÜsmas enrUckgefallen , indem man die Stloi* 
mang, welche man ethisch rechitfertigen za;kdnnen ver» 
zweifelte, zu einer rein physischen machte, und Jesu in 
Gethsemane eine Übelkeit zustossen liels'); eine Ansicht, 
weiche Paulus mit einer Strenge, die er nur fieissiger aaek 
gegen seine eigenen Erklttmngen hfitte kehren soUen, für* 
eine unschickliche, textwidrige Umdentung erklärt , dabei 
aber dennoch die ilEUMAMNSche Hypothese nicht unwahr« 
scheinlioh findet, dafs au dem innern Schmers eine ieiln 
iiehe Erkältung in dem vom Kidron durchschnittenen Thal- 
grund wenigstens hinzugekommen sei*°). Von tlcr andern 
Seite hat man der Scene mit moderner Empfindsamkeit auf* - 
Btdieifen gesneht^ und das Freundschaftsgefühl, den Treu- 
nungssohmers, dleAlMcIdedsgedanken, als dasjenige betrach- 
tet, was Jesu Inneres so zei*rissen habe**); oder ein trü- 
bes Geroisch von dem Allem , von selbstischem und theil- 
nehmendem, sinnlichem und geistigem Sehmem roransge- 
sesf > Paulus deutet das elduimw igh naQel&km ti 

9) Tinsts, kiit« Goaun« S. 418 
10) a. a. O. S. S54 f. Anm. 549. 

11} Sghustba, zur Erläuterung des N. T., in EicuHOiui^t Bibiiotb» 
9, S. 1012 ff. 

12) Hsss^ Geschichte Jesu, 3, S, 322 IT. HviM^ih, ia Matth, p. 719L 



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448 Dritter Abschnitt. 

nmjfi» ab Tnbk mmmhmht AofstUebkclt JeM, ob es 
wirMieb Gottes Wille sei, dbft er sieb des aidistbevMw 

Btehenden Angriff hingebe , ob es irieht Tielniehr gottgefül-« 
liger Ware, dieser Gefahr noch auszuweichen: er macht 
umr Weisen Anfrage an Gott, was eflbnbnr die dringe n d s t e 
Ktle ist. 

Wfihrend OtSBiüStir sieb in die liircbliche Ansicht so- 
rllclLwirft| nnd den Machtspmch thut, die Ansicht, als 
bitte das insserüebey kSrperlicbe Leiden den Kaaipf in Jee« 
iMTforgemfen, afisse eis eine des Weeen seiner £rsebei- 
nnng remlehtende entfernt werden: liaben Andere richti- 
ger anerkannt) daCs hier allerdings der zum Affekt ge- 
wordene Wnnscb) des bevorstehenden furchtbaren Leidens 
Uberboben sn eein, die Seliener der sinnllclien Netor ror 
ihrer Vemiehtong, sieh seigen*'). Was nun aller euch 
von jeher bemerkt worden ist^ um eine solche Weichheit 
der Stiomung Jesu Ton jedem Vorwurfe sn befreien: dafs 
die sebleunige Überwindung der widerstrelienden Sinnlidi- 
lieit jeden 8eh^ des Sündbeflen wieder entferne *^); 
dafs das Beben der sinnlichen Natur vor ihrer Vernichtuncr 
M Ihren wesentlichen Lebensfiussernngen gehdre'^); daCs, 
Je reiner die aenseblicbe üetnr in eineni ssl^ dssto en» 
pftndlieber sie gegen Sehmem nnd Vernichtung sieh ver» 
lialte*^); dafs das Dorchempfinden und Überwinden des 
ISchmerses grdlser sei als eine stoische UnempfindÜehlteli 
gegen denselben la^vuat bleibt doeh die eueb ron Oia* 
haosbk getbellte Bedenkllebkeit, dsls ein solches Zagen vor 
körperlichem Schmerz und Tod Jesum unter einen Sokra- 
tes und numche Andere hernnterniisetsen scheinen ktonte. 

IS) VuMATtny über die UnsUndUclikeit Jesu^ in s. Studien , 1^ 
8* 61* HASsaT) ebenda«. 3i Ij 8. <{6lil 

14) Uujttinri s. a« O* 

15) 'Hasisv« s* s« O« 

i€) ImmMf in der Predigt vom Leiden Christi im Gsrten* 
17) Anbroiiui in Luc. Tom. 10, 56. 



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i)rittes Kapitel. $• 12K 449 

Defsweg^pii sollfe wohl derjenige auf den Dank besonders^ 
der Orthodoxen rechnen dilrfon, der e« linteniillimt, die 
GlaabwUrdigkeit der betreffenden £rslihlangen kritisch su 
vntersachen. 

Auch hier indessen dürfen wir die Kritik nicht erst an- 
fangen, welche vielmelir, namentlich darch die eigenthilaili^ 
ehe DiKrstellang des dritten Erangeliums, schon ISngvt her- 
vorgerufen worden Ist. Der stärkende Engel hat, wie noe / 
dogmatischen Gründen der nlteii Kirche, so der neueren 
Auslegung niis kritischen Gründen, eu schaffen gemacht. 
Ein altes Sciiollon,-ln JBetracht, ovi t^g iaxoog tö ayyika 
ex inediero 6 vnd ndür^ tnuQavlu dwij^tBog cp6ß(p xal tqo^ 
fiof 7i()og'/{n'ij((Crog xai <So^cc'^nf{(-rog, fafst dns dem Kngel 
cugeschrlehene ivia'/veiv als ein für stark Erklären, d. h. 
als Darbringung einer Ooxologie *^); wogegen Andere lie- 
ber, als Jesnm einer Stfirkong durch einen Engel bedliri^ 
tig sein 7A\ lassen, den uyyf?,og iyio/j'cov zum bösen Engel 
machen, welcher ^egen Jesum Gewalt brniiohrn wollte ' 
Wenn nun auch die Orthodoxen durch die Unterscheidung 
des Standes der Erniedrigung und Entllnsserung bei Christo 
Ton dem Stande seiner Erhöhung, oder auf Xhnfiche Wei- 
se, den Stachel der dogmatischen ßedenklichkeit längst ab- 
gestumpft haben: so hat sich an deren Stelle nur um so 
entschiedener ein kritisches Bedenken- ausgebildet. In Ei» 
wägung des Verdachts, welchen nach früheren Bemerkun- 
gen angebliche xVngelophanicn jederzeit get^en sich haben, 
hat mnn auch in dem hier erscheinenden Engel bald einen 
Menschen bald ein Bild für die Ton «lesn wiederge* 
wonnene Rohe linden wollen. Doch der efgentliehe 
Ort für den kritischen Angriff auf die Engele röcheln ung 



IS) In MATnum*s N. T. p. U7. 

19) LtOMTfOOT, s. O. < 

20) Vkrtüriki, 5, 677. «nd "vermuthungsireise such FiiÄW 8.561. 

21) KicMHORN, allg. Bibl. 1, S. 628. Taitii, «. d. St. 
Das l^h§n J§ta II. Hand, 29 



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4S0 



wnr dareh den Dmjitand Anorc/Pi^r, dnfs Lttfenii der elnw.tge 
ist, von welchem wir dieselbe erlnliren ^■). SimI i>mt der 
gewöhiiUcben Vomus^eUang da« ernte und vierte Ev»nge-> 
liam apostolischen Ursprungs ; warnm scliweigt dann Mal« 
thütis, der doch- im Oarten war, von dem Kugel, warom 
besonders Johannes, der unter den Dreien in (irr ^älie 
Jesu sich befand? man: weil sie, schlafCiMiuken, wie 

sie waren) and immerhin in einiger fintfernungl noch dnett 
bei Macht, ihn nicht bemerkten, so fragt sich, woher Lu- 
kas die Notiz bekommen haben soll -5)? Dafs, sofVrn liie 
Jünger die [^Erscheinung nicht selbst beobachtet hatten, Je- 
sus ihnen noch in jener Macht von derselben sollte ersäbit 
liaben, Ist viegen der gespannten Stimmung jener Stun» 
den, und der unmittelbar nach der Znrttckkunft Jesu zu 
seinen Jüngern erfolgten Annäherung des Judas wenig 
wafarscheiaüch ; ebenso ^ dafs er in den Tagen der Auf» 
erstehung es ihnen sollte mitgetheilt, und diese Kunde 
nnn nur dem dritten Evangelisten, an welchen sie doch 
blofs mittelbar gelangte, der Aufzeichnung werth geschie- 
nen haben. Oa auf diese W eise Alles gegen den histori- 
•sehen Charakter der EngelerscheiMong sich vereinigt: war« 
um sollten wir nieht atieh sie, wie alle, namentlich In der 
Kindheitsgeschichte Jesu uns vorgekommenen Erscheinun- 
gen dieser Art, mythisch fassen tScbun Gablkr bat die 
Ansieht vovgetragen, dafs man in der ültesten Gemeinde 
den schnellen Übergang von der heftigsten (vemathfibe%>e* 
gung 2U der ruhigsten Ergebung, welcher in jener JNacht 
an Jesu bemerkiich war, sich der jüdischen Denkv^eise ge- 
mäls durch die Oaswischenkunft eines stärkenden Eiigele 
erklärt, und diese £rklärung sich iu die Ersählung ge- 



22) vgl» hierüber und Uber das Folgende Gasim, Ini aeuectea 
IhsoL Jourasl, 1« 2, S. 109 ff. 3| S. 217 ff. 

23) vgl. Julian hei Theod« v. Mopsv. in MCktsr's Fragm. Fatr. 
p. 121 f. 



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Dritti98 Kapitel. S* l^i 



451 



iDKscht haben möge, und Schleirrmacher findet »Is «Ins 
W«uhi*jicheiulich8te, daü man fliege, von Jesu selbst als. 
«chwer befwielmeten Aogeiil>lksk0 wiüg durcU Kiigtlef>8«lieiT 
nonjven hymniBch verherrlicht, und d#r ^farent im driN 
ten t^vaiioelidin dieses ursprünglich hlofs poetisch Gemeinte 
geschicinlicli genummfu habe ''^). Ob dueaei^^uffassung ge^ 
nttgt, ob «ie nicht etuM «Ii gesohiebtUcI) mw C^nuid« legf^' 
WM selbst noch som Mythischen gerechnet jwcrdcii; owls^ 
kann sich erst weiter unten zeisfen. 

CS 

P^icht minder anstüfsig aU die Stürkung durch dea 
Engel ist schon frUhseitig der andere dein Lukas eigen- 
thlimliche Zog, der blotige- SchweÜs, geCunde^.jijrorden« 

Wenigstens scheint es dieser vor Allem gewesen zu sein, 
welcli(M* die Weglassung der ganzen Einschaltung bei Lu- 
kas V. 43. und 44. aus mehreren alten Evangelicnexempia- 
rcn veranlafst hat« Denn wie die Orthodoxen, welche nach 
£pi|)hanius die Stella ausmerzten, liauptsächlieh den 
tiefsten Grad der li.mgigkcit, der sich in dem ßlutsciiweirs 
nusdriiclit, gescheut zu haben scheinen: so köJinen beson- 
ders die doketisch Gesinnten unter denen^ wdchn die Stob* 
|e nicht lasen '^), nur jenen Schweifs perhorrescirt haben« 
Er!;oh man anf diese Weise früher aus dogmatischen RUcIt- 
sichten gegen die Schicklichkeit des 13iutscbweifses Jesu 
Zweifel : so hat man diefs In nenerer Zeit aus physiologi- 
schen Grflnden gegen die Möglichkeit desselben gethan. 
Zwar werden für das Vorkoininen von blutigem Schweifs 
von Aristoteles * bis auf die neueren JSatuj forsrhor herun- 
ter Anctoritftten aufgeführt: aber man findet eine sol- 
che Erscheinung immer nur als höchste Seltenheit und als 

24) über den Lukas, S. 288. 

25) Ancoralus, 31. 

2b) s. hei W etstki.n, S. 807. 
27) De pari, animal. 5; 15. 
. 29} 8, bfu Micjusus, Amu. z. il. St. und Kuiinöl, in Luc. p. 691 f. 

St9 * 



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454 



Dritter AbsehDitt. 



telst c1er:ParcTit gemaohten Angriffo den drei Anirrffl^n 

mittelst Her Last m der Versuohiingsgosohiclite parallel 
•t^heiw Diese Parallele ist gegründet, oor fuhrt sie eaf das 
e^t^ecrensresesfe Resultat ron demjenigen , welches Olshad- 
SEN aus ihr ziehen will. Denn was ist nun wahrseheinli- 
oher: daCs in beiden Fällen nie drelmalig^e Wiederholung 
des An^ri^s ihre« objektiven G^nd in einer rerborgenen 
GeseEBiXrsigkeit des Geisterreichs gehabt habe * >> , mithin 
al« wirklich historivsch anzusehen soi : oder dnfs ihr hlofs 
aabjektiver Gründl in. der Manier der Sno^e liege, und dem- 
afioh d/u ; Vorkpoimen dieser Zahl ons hier so sicher wie 
oben bei . ^ei; ypjrsachn^cisgeschichte auf etwas H jthisches 
hinweise? ' 

^ Rechnen wir , also Engel , BIutschweiTs , und die drei- 
ff^lige Wied^^holiing. der £ntfernnng and des Gebets Jesa 

.el0,f]fjt|i|^Qh|9. Zv^hate« ab: so bliebe yorlSulig als hlstori- 
seber, Kern das Pnktnm^ dafs Jesus an jenem Abend im 

.Garten in ein heffige« Zarren hiiieingerafhen sei, und f^ott 
vtin 4 ^!^|?ndai)g. feines Leidens, mit Vorbehalt jedoch der 
|{;iteriirerftMtf .UlO^^'r seinen Wülen^ gebeten habe: vcoM 
et .fndefe unter Voratissetznnw der gewöhnlichen Aiisi*»bt 

; vom VerhfiltniCi unserer Kvan^jellen nicht wenig hpfr»»mden 
fllu(i((,dArs dem johanneischen Evangelium selbst diese Grund- 

«H^fe.dpr ii) Reje.tteheiidea Geschichte fehlen. 

VcrhäUai»^ des vJprton P^vangeliums zu don Vorgängen in Goth- 
scm&ae^ ioK^nneisohcn AJjschiodsrcdeii und die Scene 

I bei Anmeldung der Hellenen, 

Das Verhelf d«^ Johannes sa den bisher erwnirenen 

Erzählungen der Syn«>j)tlker hat zunächst die zwei Seifen, 
daf». er* er«tiloh von dem, was diese geben, hichts hat, und 



'<.&!) Wia etwa Mep|u«topkf)k^. droim«! .k^0]ß(9a |md hcruini^crufon 
werden muti« 



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DriUe« K«pitel. i4 JltU 465 



siveitens statt dessen etwas hnt^ was mit deoi voa den Sja« 
«iitik«rn ErBäUten unvereinbar tchelnt. 

Wt» die erste, negative, Seife betriSit, so M M" dir 
gewöhnlichen Voraussetzung Uber dtMi Vei-fHSser des vier- 
ten Evangeliums und die Richtigkeit des syiioptisohen. Be- 
richtes SU erklären y wie et üoniBit^ 4a(a iJohanne«) -dar 
jloeh ilen lieiden ersten Evangelien infolge !.4in»r.dei'.ihii 
gewesen ist, welche Jesus als die njihei*«iir Zeugen seinee 
Kampfes mit sich nahm , den ganzen V orgiing mit Still' 
schweigen abergehsi^ A«f seine SohläfHgbett während dei- 
jaalben darf aMin aidh nieht berafen^ da^ m4hn dlfae titi 
Hindernifii war, aHmndMie Evangelisten^ biehftl'MialiMa 
allein, von der Sache schweigen müfsten. Daher steht maii 
auoh hier das Vulgäre berani ör llb^gehe «die Seene^ wjejl 
•er sie sehon bei' den Synoptikern aargMUg gdnngiklargf- 
stellt gefunden habe *>' Allein swiseben il^ belden.Mten 
Synoptikern und dem dritten findet ja eine so bt?deotende 
DitTerena statt, da(s sie den JohanneS| wenn er auf illre 
Darstellungen Raeksioht nabn, aufs Jlrteg^dale* nnffurilci'n 
nufste, in iBeseai Streit ein vermittelndes • Wort nn spre- 
chen. Wenn aber auch nicht aus den vor ihm liegenden 
Arbeiten seiner Vorgänger, so soll Johanneii «doch haben 
vnraussataen können,. daTs ans der eviangeÜseben Tradilbm 
jene Gesobiohte seinen Lesern blnlinglich bekannS sein wer- 
de Doch, da aus dieser Tradition die so sehr abwei« 
ohenden Darstellungen der Synoptiker hervorgegangen sind, 
•o aniis in ihr aelbst sehen frttbaeitig ein Sehwaiiken ge- 
wesen, und die Saebe bald so bald andere ersählt worden» 
folglich auch von hier ans an den Verfasser des vierten 
Evangeliums die Aufforderung ergangen sein, diese schwan- 
kenden Evnäbiiingen dnreh seine Auetorität au bericlitigen. 
Jl>alier bat* auu nenestena anf etwas gann Besonderes ge- 



I) OuHADSBir, 2, S. 42P. , 

t) Tholvck, S. LUcKs, ^, 8. 591* 



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.« l)rittei* Abschniit. 

vathen, d«£ei näinlioh Johannes die Vorgänge in Gethseni«* 
m «iefswegen übergehe, um nicht diircb £i*ivihn«iig Am 
adlrlMhdeti Kitgttis ilo^f^ioniliseheii Meinnng Vonehnb m 
thun^ das Hithere in Christo sei Bngel gewebten, der 
sieh mit ihm bei der Taufe verbanden habe, und Hnmals, 
4eHi'AiitMtt des Leidiens, wie man glauben lionnte, 
'wiaihf' TM.Him 'fMihiedeii tei 3). Ali«iO| «oeh abgeteheii 
i^UffiKi , düfitVwir «ttcfe HypolkMe ibliMi aoiitt «Ii viissrei- 
«hend gefunden haben, die Auslassungen im johanneischen 
'£4aiifelioiii so erlii^ren^ so mufste Johannes, wenn er ei- 
fiMiebiing Jetn auf Engel ▼erawidcii w^Mca, 
mwafc >wlch •kdef' Bi*Ueii a«s MAnm Krangefluoi wegl aa- 
sen: Vor allen, worauf Lücke aufmerksam macht**), 1, 52. 
den Aosspi'uob von den äber ibm auf* und absteigendea 
-£ng«lii^ 'dann 'aber Mich das^ «rar imif ala Vermutbmg 
etlfaiher Cmstahanden gegebene , ayyel^ aSrtti Xslihpnw 
12, 20« Nahm er aber aus irgend einem Grunde an dem 
Engel kn .Garten {(anz besondern Anstofs: so konnte doch 
hierin Mr*e&n Ctrwnd. ii^ii) mit Mattbflna itad Marfcua 
dieDaswItehenbolift des fingela, nkht aber die genae, Ten 
der Angelophaiiie wohl trennbare Geschichte wegzulassen. 

Will sioh nun schon das ^Fehlen der ßeg^ebenheit bei 
Jehannea nieht erkJüran lasaes: ao wAebat die Sebwierif- 
keie, wenn wir dasjenige ermdigen, waa derselbe etait die- 
aer Soene im Oarten iber die Stimmung Jesu in den fes- 
ten Stunden vor seiner Gefangennehmung mittheiit. Nfim- 
Üoh an der gieiohen äteUe ewar, welcbe die Synoptiker 
dem Seelenkampf anweisen, bat Johannee nlebta, indlem er 
nach Jea« Ankunft im Garten togleiob die Verhaftung er- 
folgen liiCst: aber uiitnitteibar voi-her, bei und nach i\vm 
leaten Mahl, hat er Heden , von einer Stimmung beseelt, 
ajif weiche -dergleiehen.Sceiaen, wie aie buit der sjnefiti« 

4J Comai, 1, S, 177 1. ' 



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MhM Berichte Im Garten. TorgcgMge»''Säit''ei»Uen| nieht 
Mpohi geldgt mIb ktaieii. In den AAioUedtMUn M^lo- 

hannes nftmllch , Kap. 14 — 17 , sp .it J«stts gani? wie ei- 
ner, der das beversteheDde Leiden innerlich schon völlig 
ttbervmnden hat; Toa einem Standpnnkt, «reichem* der Tod 
•In den Strahlen ^ler auf ihn folgenden HerrMAnlt ver* 
eehwimmt; mit einer göttlichen Rohe, die in der GewifiH 
heit ihrer UnerschOtterlichkeit heiter ist: wie konnte ihm 
unmittelbar darauf dieae Rnhe in der heftigsten Gemflthi- 
bewegung, diese Heiterkeit In TedeibetrObnÜs nntefgehei^ 
vnd ep ani dem schon gewonnenen Sieg wieder cum sehwa» 
kendeii Kampf, in welchem er der Stärkung durch einen fin- 
ge! bedurfte, aurtfcksinken I? ^ In jenen Absehiedsreden ist 
er es doffch ao s, welcher ans der'Fflüe seiner Inneren Klar» 
fceit und Steherhelt die sAgenden*' Freunde beruhigt: und 
nun soll er bei den schlaftrunkenen Schülern geistigen Bei- 
atand gesucht haben, indem er sie mit ihm au wachen bat ; 
. dort Ist er der heilsamen Wirkungen seines bevorstehenden 
Todes so gewifs, dals er die Jflnger versichert, es sei gut, 
diii's er hingehe , sonst käme der naQuxhjog nicht zu ih- 
nen : nun soll er hier wieder gezweifelt haben , ob sein 
•Tod auch wirklich des Vaters Wille sei; dort aelgt er 
ein Bewußtsein , welches in der Nothwendigk'elt dee Td- 
des dadurch , dafs es diese begreift^ die Preili«it wieder- 
findet, so dals sein Sterbenwollen mit dem göttlichen Wil- 
len, dafs er aterben solle, eins ist : hier gehen diese bei- 
den Willen so auseinander, dals sieh dei" subjektive unter 
den absoluten swar freiwillig, aber deck nur schmershaft, 
beugt. Und dieso beiden so entgegengesesfen Stimmungen 
sind nicht etwa durch eineswischeneingetret#ne sehrecken- 
de BsgebenhelCy sendem nur durch de« geringen Zettranni 
getrennt, welcher während des Mangs alie Jerusalem iber 
den Kidi'oii nach dem Oelberg ferliff: ganz al:* wäre Jc- 
»u in jenem Bache, wie den t^eelen iiu Lethe^alle Liiuiierung 
an die vorange^ungeiieii iUtleii und Stimmungen versunken« 



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.'s.! IMMteurf^'-sich zw*r aaf den Wechsel der Stimmina- 
^^W^UMWlMMilrliAh, jß näher dem enteheideiiden Mo* 
menty deato eehdelkr werde'); «nf die ThntMebe, dmC^ 

nicht selten im Leben gläubiger Personen eine plözliche 
E/itziehuii^.idet* höheren Lebenskräfte, eine Gottverlassen- 
iief^ nirttveteir^frelohe-ideii doeh eifii^enden Sieg erst wehr- 
Jwft grofs und bewiiiMl«rM«#el«h tnaehe ^> Allein diene 
Jkstere Ajisiciu verriith ilu'en ungeistigen Ursprung aus et- 
juein ij^p^^iliirenden Dmilian- Cw^lehem die Seele etwa wie 
;^'^ee enoheinen iHuiny dery Je nnehdem die nuftthren- 
4en; Kanttie vertcbloMen» odeü deren Sehleneen geöffnet 
>verden , ebbt oder fluthet ) sogleich durch die WldempHI- 
c'he, in welche sie nach allefi Seiten sich verwickelt. Der 
.Sieg Christi ilher diu Todeefuwdit eoU ersi dadurch seine 
•l^hta Bedeo^ung gevrlnnen^ dnfs, vtthrend ein JMiniiee 
iinr siegen konnte, Indem ler im vollen Beels seiner gei- 
stigen Kraftfülle blieb, Christus über die ganee Macht 
der Finsteruifs aueh in . der VerlaMeuheit von Gott und 
der FüUe seinee Qeistes, dnreh aeine liiofse nenseiilielie 
rf)vyS}^ Bu siegen Im Stande irar — x Ist dlefs nleht der 
rolieste Pelagianismus, der grellste Widerspruch ge«jen 
^J^rcheiilehre wie gegen gesunde Philosophie , welche glei- 
.ehecweise' daranf beateheo, dals ebne Gott der Mensob 
uiehts Gntee tliun, nur dvreh seinen Uamiseb die Pfeile 
des Bösewichts eurückschlagen könne? üoi diesem Wi- 
derspruch gegen die Ergebnisse eines wirklichen Denkens 
SU enl||ehen , mufs jenea pbantasirende Denken einen Wl- 
.dertpmeb mit sieb selbst hinnufügen , eofern nun tn dem 
•tfirkenden Engel (welcher beiläutig auch gegen allen Wort- 
verstand der Stelle £u einer blofs innerlichen Erscheinung, 
die Jeans hatte, umgedeutet wird) dem in der böehslea 
ViN^aaaenheit ringende Jeau ein Zufluls geistiger Krfifte 



5) LÜCKK, 2y S. 592 ff. 
(i) Oftsaaussir» 9, $. 439 f. 



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SU' Tina gc wd w i e ä Min tolf , so* dal« w alio daab nlalil, 

'vftir f ohne 9 aondera mifi Häl- 
fe göttlicher Kräfte gesiegt hA'tte: uenn njimilch nach La- 
kas der £ngei vor dem leaien, heltiftten MooEienfee daa 
Kämpft^ nm 9tiüm iBr denselben' m aHtebte, eradhlflncii 
sein ftoH.'** DMk 'elie man so 'oflmbap aiab aalbet itMav- 
spricht, widerspricht man lieber versteckt dem Text, und 
HO verdreht nun Olsuausen die Stellung der Momentoy in- 
'deai' er ^bbiie Wafte^a tfnditaiart, 'dia'StHahw^' aall naah 
dem dreimaligen Gebete', also naeb' bereite iarranganbai Sie- 
ge , eingetreten, zu welchem Behuf dann das nach ErwAb^- 
iiuag des £ngela stehende xctl yevousvos ceyomt^ iKzm$$* 
Ooy ^t(ioaf^Jx^to nüt btfebater WiUkObr aia 'Piaaqnampa^ 
fectum gedeutet- wird« ' • ' . . i . . ..» 

Doch auch abgesehen von dieser sinnlichen Ausnmlung 
^es Grundes, welcher den schnellen Wechsel in Jesu StiUi- 
munglierbeigeftthrt haben soU^ fiat die Ahnahme eineaaolahan 
auch an sFcb von* vielen Sebwler ig kelien gedrttebt. ülbar 
' nämlich wfire, was hier hei Jesu stattfinde, iiiebt «in bio- 
ser Wechsel , sondern ein Rückfall der bedenklichsten Art. 
Nhmeutiich in denn sogenannten hohenpriesterlichen Gebete, 
'Sil!. IT, batte Jesus seine Reohuang mit dem. Vatar 'völlig' 
abgeschlossen; jedes Zagen in Beang auf das, was tbm ber 
vorstand, lag hier bereits so weit hinter ilini, dals er über , 
aeln eigiines Leiden kein Wort verlor, und nur der Drang- 
adle'gedacbte, welofae seinen Freunden drobten; den Haupt- 
inhalt s^in^ Unterhaltliifg ndt dem Vater bildete die Herr- 
flchkeit. In welche er sofort einzugehen , und die Seliif- 
keit, weiehe er den Seinigen erworben 2u haben hoffte: 
ao dÄfs seinHrngang aum •SehanplaiB dar Qefiingannehmttng 
ganis^ den Chkrakter bat, dem Innerlleb uiid weaendiah be- 
reits Vollzogenen nor noch die äussere V erw irklichung als 
accidentelle ßeigabe hin/usufugen. Wenn nun Jesus nai^h 
di^sto AbsabluaM dl» Raebnung mk Gott uuoU einmal er- 
öffnete, wenn er, aaehilem er sieh sobon Sieger gameint, 



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t 



460 ürituv Ab««hoi|l. 

t»A einoud In «ogadieheii Kampf warififcuaniK mOlkltt er 
d« uleht «leh IvAgen lassen: wsmai Kmt du, stJitt in eUelii 

Hoffiiungeii (ier Ilerrlichkeit «u schwelgen, dich nicht lie- 
ber boi iCeit mit dem «rnsten Gedankeii des bevorstehenden 
Leldsns besebAfUgti «n dir durch solche Vorb^itnng die 
fefilbrllohe Übevraseliaiig diwcb des Bmniulben desselben 
«II ersparen? warum hast du Triumph gerufen, ehe da 
gekämpft hattest I um dann bei Annüherung des Kampfs 
•mit BeschJUMing ob Moifo rafen so rnttssen? In der Thal« 
Baebder in jenen Abeehledsreden, und besonders im Schlnl»- 
gebet, ausgesprochenen Gewifsheft dea bereits errongenen* 
Siegs wäre das Herabsinken in eine Stiinmung, wie sie dii* 
'fijrnoptiker schildern^ ein sehr demttthigender Rückfall ge- 
wesen, welchen Jesus nicht Toraasgeaeben haben iidnnte. 
sonst wfllrd« er sich Torher nicht so selbstgewils ausgespro- 
chen haben, welciier demnach beweisen würde, dafs er 
sich ttber sich selbst getäuscht, dafs er sich für stärker 
genommen liXtley als >r äicb wirklleb fafid, «nd dais er 
Jene an Indw Mdnnng tos sieh nfeiu ohne einige Vermeo- 
senheit ausgesprochen hätte. VTer nun diefs dem sonstigen^ 
ebenso besonnenen als bescheidenen Wesen Jesu nicht an- 
geipMssen findet , de^ wird sieb an dem IHlemma gedmn* 
gen liHblen) dafs entweder die Johauneischen Abachiedsre- 
den, und namentlich das Schlufsgebet , oder aber die Vor- 
gänge in Gethsemane nicht htotorisch sein können. 

Schade 9 dafii der firttadieidung äierfibeir die Tbeo- 
logen mehl* Ton dogmallsebmi 'Vontrlheiletty als ron kriti* 
sehen Orflnden ausgegangen sind. Usteihs Behauptung we- 
nigstens, dafs iiUr die Johanneische Darstellung der Stim- 
mung Jeso in seinen lefeten Stenden die ricbtige, die der 
Synoptiken aber onhlslorlsch sei 7), wird man nur aus der 
Anbinglicbkeit ihres Urhebers- afi die Paragraphen .der 



7) Commeotat&o critica, qua Kvangfliiun Joaaals gieaviamn esae 
— osteoditur, p. 57 It ' 



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Dritles KapiUl. S> IM. 



4«! 



ScnuBttWACHKii'aelMii DogoMtik^erklirlSoti fimlctt. In ml* 
eher der Begriff der UnettndllehlieiC Christi «nf eine Welm 

gegpAnnC wiihI, die nplbsl; das Kleinste von Kampf aus« 
echliefst; 'deiin dfifs, nbge$«hen yon solchen Vorausset/.un« 
gen^ die Johunneiache Dertttellung der lenlen Standen Jem 
eine netftriiehere nnd eacbgeniffreiBre wXre, mSehfe echwer 
Nnehcvweleen «ein. Eber konnte amvekehrt Brrtschneidbr 
rocht KU hat>en scfieiuen, wenn er für die Synoptiker die 
gröTuere Mattfrlkbkeit und innere Wahrheit der Schiide- 
riHig in Ani|»raeh nimmt weiin nnr nieht die Art, wie 
Ihm «n den veti Johnnnee In diesen Zeifpnnkt gestellten 
Reden han))t8iichlich das Dogmatische und Metaphysische 
Buwider ist, en den Ursprung seiner ganzen Polemik gei- 
gm den Johminee nne dem Widerwillen seiner kritisehen 
BefleiSonsphllosepfaie gegen den epeenlntlTeB Gehalt de» 
vierten Evangeliums erinnerte. 

Gans ttbrigens hat, wie auch die ProbabUien bemer« 
ken 9 Jehnnnes die Beüngstignng Jeso in Beeng auf seinen 
bevorstehenden Tod nicht Übergangen , nur defs er sie 
schon an einer fr(ihei*en Stelle, Joh. 12, 27 iT. , eing^fllj^ 
hnt. Bei aller Verschiedenheit der YeHiMltnisse (da «Üe 
von Johannes insschriebene Scene nnmittelhar nach dem 
EluKug Jesu In Jerusalem vorgeht, als ihn mitten unter 
der Menge einige sum Fest gekommene Hellenen, ohne 
Zweifel Proselyten des Thors, zu sprechen wünschten} und 
des Hergangs selbst, findet doch swischen diesem Vorfaii 
nnd demy welchen die Synoptiker In den lesten Abend dea 
Lebens Jeen nnd fai die Einsamkeit des GaHens versetsen, 
eine auffallende Übereinstimmung statt Wie Jesus hier 
seinen Jttngem erklärt: m^vnog sgir ^ ^vjsi ^t()ff 

S) Frohab. p. SSff. In einer etwaigen dritten Ausgabe nttgO 
doch Olsmavskh endlicb den Verf« der Probahilien tus der 
Reibe derer wegttreicheni welche die ayaeptiscbe Ersüliiung 
vom Rsoipf in Getktemsoe aiit RUdisicbt auf das Stüisckwei. 
gen des Augenieugca Jskanaes «r irrig hsitea (1^ 5. 428.) • 



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462 Dritter Ab«c)iutr/i. 

9(ko C^tk^h. 26, 38. ) : so sagt er dort : vvv i] ipvxi 
iraQOinai CJoh. Dft) 3X); wwie er bier betet, IW, «i.dt'voK 
t^cJr &c/, ^aQek&fi in aäxH 3j €3(ia (Marc. 14, 85.): to bie- 
tet er ^rt: ndteo, awoov /<e ix rrg loQag lavrrg (Joh. 
^bds. )) ^'^^ aber hier sich durch die Restriktion: uuX ' 
& tL^ ^ütoy iUa %i av, bemhigt (Mevo. 14, 16.):' w 
dort ilarcli die ReAeiion : all» dta %Sto cig zrt^ uincof 

tavxTpf (Joh. ebendas.); endlich, wie hier ein ayyü.og tvt^ 
äj^vofP Jesu erscheint (Luc. 22, 43.): so ereignet sich aud^ 
dort etwas, das einige der Umetehenden bh der Anfservag 

Ulalijuev (Job. V. SO.)* Dnrch 
diese Ähnlichkeit bewogen^ haben neuere Theolos^en den 
Vorsang Joh. 12, 27 ff. mit dem in Gethsemane liir iden- 
tiseh erklftrt; wobei ea nur danuif ankam, a«f weielie 
beiden Seiten der Vorwarf ungenaner firaililnng und na» 
mentiich unrichtiger Stellung fallen sollte. 

Der Richtung der neueren £vangelienkritik geinüfs ist 
Bunlichst den Synoptikern anfgebttrdet worden, in dietav 
Saeha aieb geirrt au baben« Die wahre VeranlatMing daa 
Seelenkampfs Jesa aoUte nur bei Jobannet mm ^den sein, 
in der AnnHherung jener Hellenen nümlich, weiche ihm 
dui^h Phiiippns und Andreas den Wunsch zu erkenne« 
gnhen, ihn an sehen. Diese liaben ibm obne Zweifel An- 
träge raachen wollen, PalistSna an verlarisen, und iinler 
den auswärtigen Juden fortzuwirken ^ ein solcher Antrag 
habe einen Reiz für ihn enthalten, sich der drohenden Ge- 
fahr an entaiehen, nnd diefs ihn auf einige Aogenblieke 
in einen Znstand von Zweifel «nd innerem Kampf geseat, 
welcher jerlocli damit geendigt habe, dafs er die Hellenen 
nicht lor sich liefs ^). Das heilist nun niclits Anderes, als 
mit einem, durch doppeltes, kritisches wie dogmatisebea 



9) GoLDHORTT, Uber da» Schweigen des Joh. Kvukg» Uber den 
Seelenkampf Jesu ia Getlisemaae, in TsscuMOBi'ft Msgasin 
•f. cbristl. Prediger, 1, 2^ 8. i £ 



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Dritte« Kii(^tleht1.«S. 



Vorurtheil GfeRcliffrflreii >'6<iiVehl'üwtlN;h#ii AeH Xelle«l' 
Textes gelegen; denn von einem Bolchen Afitrag, den die 
Hellenen beabsiehri^t hätten, ist bei Johntmes Itelne Spur: . 
fU ev doch, gesesC mtcby 4kr £vangeliflt**hablt TOn deitt 
Pinn der Hellenen- doreh diese «elber nIehVv gi^wnrst'^ den 
Reden Jesu an/,iimeij;en soin miifste, dafs sich seine (le- 
niütbibewegung auf einen solchen Antrag bezog. Nach dem 
j^usammenliani^ der jehanneiselien Darstellung hatte das Be- 
kehren der Hellenen keinen andern (irnnd, als dafs sie 
durch diMi feierlichen VAuzua und das viele lleden der Lonte 
von Jesu begierig geworden waren 9 den gefeierten Mann 
sa sehen nnd kennen sur lernen, und die! Gemfi tbsbewe- 
gMng, in weldle Jeeas bei diesem Anlafs hinein gerieth, 
iiieng mit ihrem Begehren nur so znsammen , dafs Jesns 
dadurch veraniafst wurde, an die baldige Verbi*eitung sei- 
nes Reichs in der Ueidenwelt, imd an die nnerlfifsliche 
Bedingnng von dieser^ an seinen Tod, sn denken. Je Ter- 
inittelter und entfernter aber hienach die Vorstellung sei- 
nes bevorstehenden Todes Jesu vor die Seele trat: desto 
weniger ist sa begreifen^ wie sie ibn so stark erschüttern 
konnte, dafs er sich gedrungen fOhlte, den Vater n)n Ret- 
tnng R4J8 dieser Stande anzuflehen, und wenn er eininal 
im Vorgefiiiil des Todes im Innersten erbebt haben soll, so^ 
•cbeineii die Synoptiker dieses Zagen an eine richtigere 
l^elle, in die unmittelbarste Nfthe des beginnenden Lei- 
dens, SU verlegen. Auch das fiillt bei der johanneischen 
Darstellung weg, was die Synoptiker zur Rechtfertigung 
der Bangigkeit Jesa an die Hand geben, dafs in der £in- 
eamkeit dee Gartens nnd der Nacht, de^n Schaner ihn 
überfielen, sich eine solche OemÜthsbewegung eher hegrei- 
fen, und ihre unverholene Äusserung im Kreise von lauter 
Vertrauten and Würdigen sich wohl rechtff>*'tlgen »n las- , 
•en scheint. Denn nach Johannes befiel Jene ErschOttemng 
Jesam am hellen Tage, mitten anter dem euströmenden 
Volke, wo man sqnst leicUter die Fassung behält^ oder vor 



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464 . JDritter Abachnitt. 

welcben man doch, des mSgUahen.MirsvmtiinHnigses we- 
gen, «tftrker^ QßjB^M^h^imgmgBn in Mi T«i«6hlier«e. 

Welt eher wird mei^^iilier 4i&t AnMit* Tbbilc's wmttm*' 

men kcinnen, dafs der Verfasser des vierten Evangeliums 
flie von den Synoptikern richfig eingefügte Begebenheit <in 
einen lelechen Ort geetoUt bebe * ^> De Jesus cor Eii:lei- 
tnng einer AntweK en -die Hellenen, welche den dnrrli 
den Eincng Verherrlichten sprechen wollten, gesackt hatte: 
ja, die Stunde meiner Verherrliclunit^ ist da, aber der \ er- 
berrlicboiig durch den Tod (12, id. f.)3 so. habe diefs dm 
Ersähler verieitet, statt die wirhJBehe Antwort Jesv an die 
Hellenen sammt dem weiteren Verfolg anzugeben, vielmehr 
Jesuin sich ausführlich über die innere Noth wendigkeit sei- 
nes Todes verbreiten bu lassen, wo er dAms fast nnbewofst 
aaeh die Schilderung des inneren Kampfs, den Jesus rttcli- 
sichtlich seiner freiwilligen Aufopferung zu bestehen hatte, 
eingeftochten habe, welchen er defswegen später, an sei- 
ner eigentlichen Stelle, übergebe. Eigen ist hiebei mir, 
dals Thkilb der Meinung ist, eine solche Umstelinng habe 
dem Apostel Johannes selbst begegnen können. Dafs sich 
ihm der Vorgang in Gethsemane, da er wührend desselben 
echlaftrunken gewesen, nicht tief eingeprägt habe, nnd 
dafs derselbe Qberdem dnroh den sehneil deranf erfolgten 
Krenxestod In den Hintergrund seines ßewnlstseins gerllclit 
worden sei, dadurch könnte man etwa erkljirt linden, 
wenn er ihn gane fibergangen, .oder nur stimniariscb dar- 
gestellt hütte, keineswegs aber, da(s er ihn an anveehter 
Stelle eiiijcreriigt hat. So viel meiste er doch, wenn er on- 
erachtet seiner damaligen Schlafrigkeit von dem Vorgang 
!Notis genommen hatte, behalten, dafs jene elgenthümllehe 
Stimmnng Jesnm hart vor dem AnfiMig seines Leidens, und 
in Naeht and Einsamkeit bdUlen beher wie konnte er fe-* 



iO) «• die Becens. von Umiu*i Gemment. erit^ ia Wnma^s und 
KxesuuatiT^s n. kr. Journal, 2, S. 359111. 



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I 



Drittes Kapitel. S- 122. 465 

innls seine Erinnerung so weit verleugnen, dafs er die Sce- 
ne in weit ii'üherer Zeit, nm hellen Tng und unter vielem 
Yolke Torgeheo ii^s ? Um nicht «uf diese Weise die Ächt- 
heit des johanndsehen Evangeliums so geflKhrden, bleiben 
Andere dabei, mit Berofung darauf, dafs eine solche Stim- 
mung im lezten Ahschnitte des Lehens Jesu mehrninU ba* 
be vorkommen l&önnen, die Identitfit der beiden Scenen 
BD leugnen ' 

Allerdings finden Kwiscben der synoptischen Darstel- 
lung des Seelenknmpl's Jesu und der johanneischen , aucli 
ausser der verschiedenen üusseren Stellung, im Inhalt bei- 
der Vorgänge noch bedeutende Differensen statt, indem 
namentlich die Johanneiscbe Ercithlung ZOge enthflit, wel- 
che in den Berichten der drei ersten lüvangelisten über 
den Vorfall in Gefhsemnne keine Analogie finden. Wenn 
nämlich swar das Flehen des Johanneischen Jesus um Ret- 
tung aus dieser Stunde bei den Synoptikern vollkommen 
anklingt : so fehlt es doch für die bei Johannes hinzuge- 
fügte Bitte: TcdiSQy do^aaov Oü %6 üiofta (12, 28.) > an ei- 
ner Parallele; ferner^ wenn swar in beiden Darstellungen 
von einem Engel die Rede Ist, so Ist doch von einer fllm- 
melsstimine, welclie im vierten Evangelium die Meinung, 
es sei ein Engel im Spiel gewesan, veranlafst, bei den Syn- 
optikern keine Spur. Sondern solche Himmelsstimmen fin- 
den wir in diesen Evangelien nur bei der Taufe und wie- 
der in der Vcrklürungsgeschichte , an welche leztere auch 
die Bitte des johanneischen Jesus: ndzeQ, dc^aüöv oii lo 
Svoftaf erinnern kann. In der synoptischen Beschreibung 
der Verklärung zwar findet sich der Ausdruck : do|a und 
Jolaij'fiv nicht, dagegen läfst der zweite Brief Petri Jesu 
bei der Verklärung tifii^v xai do^cev zu Theil werden, und 
die Himmelsstimme ans der ne^ukon^m^s ^o|a erschallen 
CI9 17f«> So bietet sich denn sa den beiden bisdaher be- 



ll) Bask, L. J. 154. LücKB, 2f S. 591 f. Anm. 
JJui L§ben J$su II. Band. SO 



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t 



466 Uritt«!" Abselmitt. 

traehteten Enifthluii|*en noch eine dritte als Pnmllele dnr, 
indem die Scene Joli. 12, 27 6*., wie einerseits durch «Ue 

HckUmmernifs und rl« n Engel mit dem Vorgang in Ger!i- 
semane, so andrer.^eiss durch die ßitte um VerklHrnng und 
die gewährende liin nieisstininie mit der Verklürungsge» 
schichte sussoinienhäiigt. Und nun sind swei Fülle mög- 
lich: entweder ist die johanneische firzJihlung die einfa-^ 
che Wurzel, aus welclier auf* traditionellem Wege durch 
Scheidung der in ihr enthaltenen Elemente die beiden syiw 
optischen Anekdoten von der Verklärung und dem Seeleiir 
kaupf hervorge%vAcli8en sind: oder sind diese lesteren die 
ursprünglichen Geätaltungen, aus deren Aunö!»ung und Ver- 
schvvemmnng in der Sage die johanneische Erzählung als 
gemischtes 'Produkt .susammengeflossen Ist; worttber nur 
die BeschaflPenheit der drei Anekdoten entscheiden kann. 
Dafs nun die synoptischen Erzählungen von der Verklä- 
rung und dem Seeleiikampf klare Gemälde mit bestimiat 
Ausgebildeten Zttgen sind , kann für sich nichts beweiseiiy 
da, wie wir sur Genüge gefunden haben, eine aus sagen- 
haftem Boden erwachsene Erzählung ebensogut, als eine rein 
historische, jene Eigenschaften besitseii kann« Wäre also 
die johanneische Darstellung Jenes Auftritts nur minder 
klar und bestimmt gehalten, so kffnnte sie defs wegen doch 
für den ursprüiiglichiMi , einlHchen Bericht gehalten wer- 
den, aus welchem sich durch die ausschmückende und ma- 
lende Arbeit der Überlieferung jene farbigeren Gebilde 
herausentwickelt hätten. Nun aber fehlt es der johannei« 
sehen Erzählung nicht hlofs an Bestimmtheit, sondern an 
Ubereinstimmung mit den umgebenden Verhältnissen und 
mit sieh selbst. Wo Jesu Autwort auf das Gesuch der 
Hellenen bleibt , und wo diese selber hinkommen , weifs 
Niemand; die plözliche Beklemmung Jesu und die Bitte 
um eine Ehrenerklärung von Seiten Gottes sind nicht ge- 
hörig motivirt. ihln solches Gemisch unsusammengehorl» 
ger Theile ist aber Immer das Kenmelehen eines seonndä- 



üiyilizea by GöOgle 



Drittes KApitei. §. 122. 407 

Pen Produkts, eines zusammen o^escllwemmten Conglomernfs : 
und 80 scheint denn der Sehlors gerechtfertigt, dafs iii der 
Johanneiaehen £rsähluDg iiie beiden synoptiaclien Aiiekdo- 
teti Ton der Verkllrailg und ?eni Seelenkampf eusnmitieti- 
geflossen seien. Hatte dem Verfasser des virrten E\iiiige- 
liums die Sage^ wie es scheint, schon sieiulich« vei*wa- 
schen und nur in unbestimmten Umrissen, von Jenen bei- 
den VorMien Kunde Kiigefßhrt: so konnten ihm leicht, 
wie sein IJegriti \<»n Jfii'ciiVa' diese Zweiseirigkcit \ün I^ei- 
den und lierriichkeit hat, beide sich vermengen; v^as er 
in der En&fihiung des Seelenkampfs von einer Anrede Jesu 
nn den Vater vernommen liatre, konnte er mit der göttli- 
chen Stimme aus der Verklärungsgeschichte als Antwort 
darauf verbinden ; dieser Stimme, deren näherer Inhalt, 
wie die Synoptiker ihn geben, ihm nicht berichtet war, 
gab er aus der allgemeinen Vorstellung von dieser Gegeben- 
heit t als einer Jesu zu Theil tjewordenen tjdifa , den In- 
halt: xai hdoiuaa^ xai ndhv do^uuo) ^ und jum auf diese 
göttliche Erwiederung su passen, muiste der Anrede J'CbU 
ausser der Bitte um Rettung noch die um Verklfirnng hin- 
eugefHgt werden ; der stärkende Engel , von welehem der 
ylerte Evangelist vielleicht auch etwas vernoiumen hatte, 
wurde als Ansicht der Leute von dem Ursprung der Ulm- 
melsstimme mit aufgenommen; in Betreff des Zeitpunkts 
wurde s wischen dem der Verkiftrnng und- dem des Seelen- 
kampfs die ungefähre Mitte gehalten, wobei die Wahl der 
Verhältnisse aus Unkenntuiis der ursprünglichen übel ausüel. 

Sehen wir von hier auf die Frage surllck, von wel- 
cher wir ausgegangen sind, ob wir eher die fohanneischen 
Abschiedsreden Jesu als historisch festhalten, und (ingetren 
die synoptische Darstellung der Scene in> Gethsemane auf- 
geben wollen, oder umgekehrt: so werden wir vermöge 
des Ergebnisses unsrer eben geführten Untersuchung bu 
der lezteren Annahme geneigter sein. Die Schwierigkeit, 
welche schon darin liegt, dals man kaum begreift, Mfie 

30 ♦ 



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46S 



Dritter Abuchnitt. 



JofuuiiiM dfete Irnifpeii Recten Jesu genau behellen konntry 

hat Paulus durch die Vermuthuiig eu lösen geglniibf, dal« 
4er Apostel wohl schon am nächsten Sabbat^ wiihi*end Je- 
•ni in Grabe leg, die Getpriche des vorigen Abende «ich 
in die Erinnerung surllckgerufen, und sie vielleicht euch 
niedergeschrieben habe**). Allein in jener Zeit der Nie- 
dergeschlagenheit, weiche euch Johannes theilte, wlire er 
wohl nicht im Stande gewesen, diese Reden wiedersuge* 
ben, oluie Ihr eigen thfimlichef Colorit der rahigsten Heiter- 
keit zu verwischen; sondern, wie der VV^olf'enbCittler s^gt, 
wenn die Evangelisten in den paar Tagen nach Jesu Tode 
die firsAhlung von seinen Reden und Theten hatten su Pi^ 
pier bringen sollen, so würden, da sie selber keine flotl^ 
nung mehr hatten, auch alle verheifsenden Reden aus ih- 
ren Evangelien weggeblieben sein'^). Daher hat auch LO- 
CU, in Betecht dereigenthfimlichjohanneischen AusdruckiH 
weise, welche sich namentlich in dem Schlufsgebet findet ^ 
die Behauptung, dafs Jesus mit denselben Worten gespro* 
chen habe, welche ihm Johannes in den Mund legt, oder 
die Behauptung der Authentie dieser Reden im engsten 
Sinn, aufgegeben, aber nur um ihre Authentie im weiteren 
Sinn, die Achtheit des Gedankeninhalts, desto fester sa 
halten ' Doch auch gegen diesen hat der Verfasser der 
Probabilien seinen Angriff gewendet, indem er namentlich 
In Besug auf Kap* 17* fragt, ob es denkbar sei, dafs Je* 
BUS in der Erwartung des gewaltsamsten Todes nichts An* 
gelegeneres eu thnn gehabt habe, als mit Gott von seiner 
Person, seinen bisherigen Leistungen, und der su erwarten» 

• den Herrlichkeit eich su unterhalten? und ob es defswe- 

I 

gen nicht vielmehr alle Wahrscheinlichkeit habe, dafs die- 
ses Gebet nur aus dem Sinne des Schriftstellers geflos- 



12) L. J. 1, b, S. 165 f. 

13) Vom Zweck Jesu und seiner JUnger, S. 124* 

14) 2f S. 598 f. 



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Dritte« Kapitel, f. 122. '469 

« 

sen fei, welcher durch daeselhe thciU seine Lehre von Je- 
sus alf desi fleitehgewordenen ilofOff bestitigen^ Iheils das 
Aneehso der Apostel befestigen wollte*')? In dieser Aus- 
stellung liegt das Richtige, dafs das fragliche Schlufsgebet 
nicht als ein nnmittelbarer Ergufs, sondern als 'Produkt 
der Reflexion 9 eher als eine Kede aber Jesum, denn als 
. eine Rede Ton ihm erscheint. ^ Überali neigt sieh in dem- ' 
selben das Denlcen eines solchen , der schon weit vorwärts 
im Erfolge steht, und defswegen die Gestalt Jesn liereits 
in fernem, Terld&rendem Dul^ erblickt, ein Zauber , wel- 
chen er dadurch Terumhrt, dab er seine, auf der Hdlie 
einer fortgeschrittenen Entwicklung der christlichen Ge- 
meinde entsprungenen Gedanken von dem Gründer dersel- 
ben selion vor ihrer eigentlichen £ntstehun||^ ausgeeprochen 
sein lAlst. Aber auch In den verhergehmiden AtMchiedsrie- 
den erscheint Manches aus dem Erfolg heraus gesprochen. 
Der ganse Tun derselben erkittrt sich doch am natflrlicli- 
steii, wenn die Reden WeriL eines solchen sind, welchem 
der Tod Jesu Imreits ein Vergangenes war, dessen SehreclL- 
iichkeit in den segensreichen Folgen und der andächtigen 
Betrachtungsweise der Gemeinde sich gelind aufgelöst hat- 
te. Im Einselneii ist, abgesehen von dem fiber die Wieder» 
fcunft Gesagten, auch diejenige Wendung der christlichen 
8ache, welche man als Sendung des heiligen Oelites sn 
bezeichnen pflegt, in den Äusserungen über den Paraklet 
und dessen über die Welt au hsltendes Gericht (14, 16 ff. 
25 f. 15, 2i. 10^ 7 £ ISfl^) mit einer Bestimmtheit voraus- 
gesagt, welche auf die Zdl nach dem Erfolge hinsuwei- 

seii scheint. 

ludern aber auch von dem nüchstbevorstehenden Er- 
folge, dem Leiden und Ted Jesu, das bestimmte Voraus- 
wissen in diesen Absehiedsreden liegt (13, IS 33. 3a 
14, aof. 16, öfi. 16. ;i2fO} tritt die johauneische Darstel- 



15) a. a. O. 



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47ü Dritter Abüchaitt. 

iuii^ mit der 8yiio|Ui8chen auf Einen Boden, auch die- 
se naf der Vomnisetsung der geneuesten Voranetieht der 
Stunde nnd des Anf^nblleke, wenn des Leiden eint reten 
werdi* , ruht. Niehl allein bei*in leisten Mahle nnd bei*« 
Hinausgehen an den Olberg zeigte sich dieses Vorherwis- 
een nach den drei ersten Evangelien , indem, wie im vier» 
teil« dem Petrus eine Verleugnung, ehe der Hahn krfthen 
werde, vor hergesagt wird; nicht nur bemht Her gunee 
Seelenkaaipf im Garten auf der Voraussicht des in den 
ntfchsten Augenblicken bevors teilenden Leidens: sondern 
en Ende dieses Kunipfes weif« Jesve sogiir auf die Mina* 
te hin su sauren, dafe jest der Verrffrher herenrllcke fMntth. 

45f.^. Zwar behauptet Paulus, Jesus habe die Trup- 
pe deriläsoher von ferne schon aus der S.adt heranrücken 
' itehen, was äUendinge^ da sie Faekeln iuitten, ven eine« 
Garten am ölberir aos Tiellelobt nilfglieli war;- allein ohne 
vorher von den Planen seiner Feinde nnterriohtet ru sein, 
kennte Jesus nicht wissen, dafs es auf ihn ahgesehen s^, 
«nd jedenfalls berichten es die Evangelisten als Probe des 
Ubematilrllehen Wissens Jesu. Vom höheren Princip in 
iiim kann nun aber, weiui dem Obioren Kufolge nicht das 
^ Vorherwissen der Katastrophe überhaupt und ihrer einsel«* 
mm Momente I dam auch nicht das ihres Zeitpunkte, a«^ 
gegangen «ein ; dafs ihm aber auf natürliehem Wege, durdi 
geheime Freunde im Synedrium, oder wie sonst, die Kun- 
de von dem vernichtenden Schlage snorekommen wäre, wel- 
eben die |fidisehen Herrseher mit Hülfe eines seiner JOiio 
g^r In der nleh^ten Nacht gegen Ihn an Itthren beabsichtig» 
ten , dftvoa haben wir keine Spur in unsern Berichten, 
und sind also auch nicht befugt, der*rleiehen etwas voraus- 
flneetuen. Sondern so, wie ea'uns die Referenten als Be^ 
weis eelnes hOherea Wlseehs geben, .mUesen wir ee en^> 
weder hinnehmen, oder, wenn wir diefs nicht können, so 
folgt vorerst nur das Negative , dafi sie uns hi«r mit Un- 
recht eine solche Probe eraXhlen, woran dann suiiiiclist 



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Dritt«« Kapitel. §. 



471 



nicht das Positive greii&t, dals jenes Wissen u ohl mir ein 
na tiiriichet gewesen 9 sondern das, dafs die evangelischen 
Emühler ein Interesse gehabt haben müssen , eine tiberna« 
tSrliehe Kunde Jesu von seinem bevorstehenden Leiden eu 
behaupten, ein Interesse^ welches schon oben auseinander-- 
gesest worden ist. 

Was nan aber der Grand war» das yorherwtsten «l 
cineai wirkliehen VergefiBhl sn ste!|(ern, und so die Scene 
in Gethsemane auszubilden, liegt gletehfalls nahe. Einer- 
aeits nfimlich giebt es keine angenseheinlichere Probe, dafa 
Ton einem Erfolg oder Zustand ein Vorherwissen etattge- 
fiinden hat, als wenn es bis nur Lebendigkeit eines Vor- 
gefühls gestle;;en ist, andrerseits mufs das Leiden um so 
furchtbarer erseheinen , wenn es schon im blofsen Vorge- 
ffihl dem d^Bo Bestimmten Angst bis cum blutigen SohwelTs 
und die Bitte um Entliebung ausprefst. Ferner aeigte sieh - 
das Leiden Jesu in höherem Sinn als ein freiwilliges, wenn 
er| ehe es iiusserlich an ihn kam, sich innerlich in dnssiei- 
fce ergab; und endlieh mufste es der urelirisllichen An- 
dacht erwünscht sein, dei| eigentlichen Kern dieses Lei- 
^dens den jirofanen Augen, welchen er am Krenze ansge- 
seaetwar, ku entziehen, und als ein Mysterium in den engei*en 
Kreis einiger Geweihten »n vorliegen. Zur Ausstattung 
«Iteser Seene bot sieh neben der Schilderung des Sehmei^ 
eens und Gebets, welche sich von selbst ergab, theils das 
von Jesu selber (Matth. 20, 22 Lj zuv Bezeichnung seines 
Leidens gebrauchte Bild eines n(»Tr^QinVf theils A.. T.ll^he 
Stellen in Klagepsalmen, 42, 6. 12. 4.1,5., wo in derLXX« 
i\w 7i6ni/.r:iog vorkommt, wobei das /( »c Itavatit Jon. 

4} tf. um so näher lag, da Jesus hier wirklich dem Tode 
«"^g^g^gl^ng* FriIhBeitIg mufs diese Darstellung entstan- 
den sein, weil sieh sehon Im Hehrfterlnief (5, 7.) eine An- 
sjticlung, ohne Zweifel auf diese Seene, findet. — Es war al- 
so zu wenig gesagt, wenn Gabler die Engelserseheinung 
für mythische Einkleidung der Thalsache erklärte, dafs 



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\ 

» 

47% Dritter Abiohnitt. 

Jesus sich im tiefsten Schmerze jener Nacht pfSelich ge- 
.ttJirkt gefühlt habe : da vielmehr jener ganze Seelenkampf^ 
weil auf nnorweisücheo Voraiuaeteiiiigeii niheod, «n^ie- 
geben werden mafs. 

Hieinit fallt das oben gestellte Dilemma weg, indem 
wir nicht bioü eine von beiden, sondern beide Darstellun- 
gen der lesten Stunden Jeto vor seiner Geffuf^gennehnang 
als ^unhistoriseli beseiehnen müssen. Nor so viel bleibl voa 
einem Unterschied des geschichtlichen Werths zwischen 
der synoptischen Erzählung und der johanneischen, dals^ 
wlihrend Jene, so mn sagen, eine mytfaisebe Bildung erster 
Potens ist, diese die sweite Polens traditioneller Gestal- 
tung zeigt, oder naher ist jene schon eine Bildung 
sweiten, und somit diese des dritten Grades« Ist nümlich 
die den Synoptikern und dem Jobannes gemsinsaBie Dsufw 
Stellung, dafs Jesus sein Leiden Torbergewufst habe, die 
erste Umgestaltung, welche die fromme Sage mit der wirk- 
lichen Gescluchte Jesu vornahm: so ist die Angabe der 
Synoptiker, er habe sein Leiden sogar vorberempfnnden^ 
die swelte Stufe des Hythisohen ; daß er es aber, obwoiil 
eres Torhergewufst, und auch frtther einmal (Job. 12, 
271!'.') vorhergeschmeckt, doch schon lange zum Voraus 
völlig überwunden, und demselben , als es unmittelbar 
vorstandi mit ttnersehütterter Rnbo in's Auge gebückt he» 
bo, — diese Darstellung des johamieisehen EvangellneM 
ist die dritte niid hfjchste Stufe andfiobtigerj aber nnge» 
schicbtiiober , Verschönerung. 

S. 123. 

Gefangen nchmung Jesu. 

Genau susammentreifend mit der Erklärung Jesu M 
die seblafenden Jttnger» dafs eben Jost der Verrjitber aalie^ 
ioll, wfthrend er noch redete, Judas mit einer bewaffbef^n 

Macht herangerilckt sein (Mntth. *26, 47. parall. vol. Joli. 
IS| Itiese Schaar kam den Synoptikern sufolge von 



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tDrittea Kapitel. S* 473 

den HoiienpriMtern und Ältesten^ and war nach Lukas toh 
den gqwoffdlg wS IwffS angeftlhrt, also wabraehelnUeh ein« 
Abdwttang Tempeltoldateii) an welehe tieh ObrSgens, ans 
der Bezeichnung als ox^og und ihrer theilweisen Bewaff- 
nung mit ^vloig au achlielaen , ^ noeh anderes Gesindel 
tanialtaarisoh aogeaehlossen ma haben teheint; der Darstel- 
lung bei Johannet sufolge, welcher neben den vTvrjQktaig 
%wv aQxuQuov xal q>aQiaalwv von einer aneiQa und einem 
Xß^^W^i ohne Erwähnung tnmnltuarischer Bewaffnung ^ 
aprioht, aeheint ea» ala hätten sieh die Jtfdisehen Obem 
aueh eine Abthetlung rändselien Hilltärs aar Unterstfitanng 
ansgebeten gehabt 

Während sofort nach den drei ersten Evangelisten Ju-* 
das Tortritt nnd Jesnm kfilst, nm ihn doreh dieses Terab» 
redete Zelehen der anrSekenden Schaar als denjenigen kennt- 
lich zu machen, welchen sie ku greifen hA'rte: geht Jaut 
des vierten £vangeliums umgekehrt Jesus ihnen ^ wie es 
scheint) Ter den Garten hinaus (^cit^ctfy)} entgegen, nnd 
beaeiehnet sieh selbst als denjenigen , welehen sie soehen* 
Diese abweichenden Darstellungen zu vereinigen , haben 
Einige den Hergang sich so gedacht, dafs, nm eine Ver- 
haftnng seiner Jänger an Terhttten, Jesns gleich anerst dem 
Hänfen entgegengegangen sei, nnd sieh an erkennen gege> 
ben habe; hierauf erst sei Judas hervorgetreten, und habe 
ihn durch den Kufs bezeichnet *). Allein, hatte sich Je- 
sns berdts sellMt an erkennen gegeben, so kannte Judas 
den Knfs ersparen; denn dafs die Iiente der Angabe JesUi 
er sei es, den sie suchen, nicht geglaubt, und noch auf 
die Bekräftigung derselben durch den Kufs des bestoche- 
nen Jdngers gewartet haben, kann nicht gesagt werden, 
' wenn nach der Angabe des vierten Erangeliams Jenes iyii 
üfu' so starken fiindmck anf sie maohte, dals sie an Bo- 



1) s. LOeKB, s. d. St. Bass, L. J. §. 135* 
f) Pavuis ex., Haadb. 3, b/$. 567. 



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\ 

474 Dritter Abschnitt. 

den Mwlien. Defit wegen haben Andere die Ordniiog der 
firwMMt in der An nngelielirti dab Miem ündati yonu^ 
tretend I Jetn». durch den Knie beieiehnet| denn aber, 

noch ehe der Haufe in den Garten eindringen lLonnte7 ^e- 
eua cu ihnen hinaustretend sich zu erkennen gegeben ha- 
be Allein^ wenn ilin Jndas bereite durch den Knie b^ 
seiehnelf und er den Zweck dee Knstee eo gut verefnnden 
hiitte, wie es sich in seiner Ei*wiederung anf denselben 
Luc V« 4S. ausspricht; so brauchte er sich nicht noch be- 
eoiidere sn erkennen tu gelieny de er ecken iienntllch ge» 
»HchC wer; ee nun Schutne der Jflnger nn thnn, wnr eben- 
so überflüssig 9 de er an dem rerrätherischen Kusse mer- 
ken mufste, es sei darauf abgesehen ^ ihn aus seinem Ge> 
foJge hereussufangen ; that er et blofr um seinen Muth eu 
neigen, eo wer diefe Inet etwee echnnipielertsch; Oberhaupt 
eber kommt dadurch, daie Jeena nwlaehen den Judeikuis 
und Ars gewifs unmittelbar darauf erfolgte Eindringen den 
Schaar hinein dieser noch mit Fragen und Anreden entge- 
gengetreten eeln eoU, fa» sebi Beneltmen eine Hast und £ü- 
fercigkelt, welehe Ihm unter dieson- Umafinden eo Abel an- 
steht , dafs die Evangeliäteii schwerlich beabstchri^cii ^ ihm 
eine solcher aneuschi*eiben. Man sollte demnach iinerken- 
»Ml, daft ren den beiden DareieOmigen keine daranf be- 
rechnet Ist, dni*oli die andern erglnst cu werden indem 
jede die Art, vtle «lesua erkannt wurde, und wie Judas 
dabei thütig war ^ auf alidere Weise faist. Dafs JuiUs 

5) Ll'cKK, 2, S. 50n. Has^, «. i. U. Olsmaüukk, 2, S. 435. 

4) "VMe mag LCckm die Auslassung des Judaskusses ini johan- 
neischea Evangelium daran» L'rAlärcn, dass er gar zu bekannt 
gewesen sel| und wie Ikiesu ais Analogie das anfuhren« dass 
lohaaaes auck die VcrkSndluUg des VerrMthers mit dem Syn- 
edrium ttbergch^? ds swar diese Verkiadlung als etwas 
hinter der Scene Vorgegangenes woM übergangen werden 
konnte 9 keinesiivegs sber etwas, das, wie jener Kuss, so 
gans im Vordergrund und Mittelpunkt der Handlung gesche- 
hen war. 



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Drittes KapIfteJ. |. IfS. m 



Mr^g Ttifg mfXXetfiSm tw^fja5v gewaaen f O* f , IH.*), 
darfn stimmen alle Evangelien zusammen. Nim aber, wäh- 
rend nach der synoptischen Darsteliun|f aöm Gesohlift dea 
JiiHaa amaar dar Orttbafiatohnang anoli naah die Besaieh* 
niYviir derParsan ||[ati9rt, walahä dorah danKnft |vesahfafit: 
lur^t Johannes die Thütieflceit des Verräthers mit der Be- 
f^eiohnung des Orts ihr Ende erreichen, und ihn naah dar 
Anknnft an Ort und Stella »afalg baf dan Übrigen atehen 
^rxft Sk sr«r) IßSifitQ — » finf afmop. 5.^ Warmn die Je* 
hanneische Darstellungf dem Judas das Geschäft der per- 
aSnlichen Beseichnunor Jean nicht ertheilt, Ist leicht nn aa* 
lian: damit ntmliah Jaana nicht ala ain Übarliafarter, aon-^ 
darti alt ain afch aalbat Übarllafamdar, *aonitt aaln Ijaldan 
In höherem Grad als frei iibernonimenes erscheinen möchte. 
Man darf sich nur erinnern, wie Ton Jebar die Gegfuer dea 
C^hrifftenthoma Jara aalnan Weegnng ava dar Stadt In dan 
ftbtfala^anan Gartan ala aahimpfliaha Vinaht var aatnan Pafn* 
den aufrechneten um es bee^reiflioh xu finden, dftfs früh- 
fseitig unter den Christen eine Neigung entstand, die Art| 
wta er aich bai seiner Varhaftnn|f benahm | noch in höhe- 
rem Grada, ala dle(b In dar ufawShnffchen ETaneralien tradi- 
tio n der Fall war, im Lichte einer freiwiJligen Hingabe er- 
acheinen zu lassen» 

Reiht sieh nnn bei dan Sjnoptikam an den Joda-sIcnH« 
elna ainsahneidanda Fm^e Jean an dan Varrither« aa tchlierat 
sich bei Johannes an das von Jesu gresprochene : iyd fifti 
die Erwfthnan|(y daCs vor diesem Machtworte die aü geiner 
Varhaftong geliemmene Schaar enrackgawiaheri vnd r.u Bo- 
den gafallan sei, ao daft Jesus seine Erkilirnna' wiaderho- 
len , und die Leute gleichsam ermnthigen mnfste, ihn BU 
greifen. Hierin will man neuerdings kein Wunder mehr 

$) 8a tagt der Jude des Celsut bef Orig. c. Cels. ^9: hrrtif 



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erbttekMi» fondmi psyehologboh ioll der l^indnick Jesu 
aaf diejenigen unter der Sehaar, welche ihn «eben eoast 

iifters gesehen und gehört hatten, gewirkt heben; wobei 
Man sich anf die Beispiele au« dem Leben eines Marius, 
einet Coligny u. A. beruft Allein weder nach der eyii- 
optischen Darstellung, laat deren es der tteceiehnmig Jee« 
durch den Kufs, noch auch nach der johanneisehen, imeb 
welcher es der Erklürung Jesu, dais er es sei, bedurfte, 
war Jesus dem Haufen genauer, um wenigsten auf eine 
tiefere Weise, beliannt; fene Beispiele aber beweisen nur, 
^afs bisweilen der gewaltige Eindruck eines Mannes naHr- 
derische Hände Einzelner oder Weniger gelähmt hat, nicht 
aber^ dafii ein ganies Detaohement von Oerichtsdienem und 
Soldaten nieht blofs BurOekgewIehen , sondern su Bodes 
gefallen wäre. Was soll es nOtEcn, wenn LüCiff eneret 
£lf|ige, dann den ganzen Haufen ^ niederstürzen läfst, wo- 
dureh es vollends, unnttglich wird, sieh die Sache auf ernatp 
hafle Weise rorsustellen? Wir Itehren daher un den Akea 
Eurück , welche hier allgemein ein Wunder anerkannten« 
Der Christus, welcher durch ein Wort ^eines Mundes die 
feindlichen Sehaaren niederwirft, ist kein anderer, als der- 
jenige , welcher nach % Theas. ^ , 8« den Antichrist am» 
Xt'KJei Tij} nvtvttctti TU cofiaTog avi^^ d. h. aber nicht iler 
historische, sondern der Christus der jüdischen und ur- 
ehristlichen Phantasie. Der Veirfasser dlea vierten Evange- 
liums insbesondere, der so oft bemerkt hatte, wie die Feinde 
Jesu und ihre Schergen ausser Stands gewesen seien, Hand 
an ihn su legen, weil seine Stunde noch nicht gekommen 
gewesen sei (7, 30. 92« 44 ff« 8» 200» war veraniafii^ nan, 
als die Stunde erschienen war, den wirklich gemachten 
Tersuch zunächst noch einmal auf recht eklatante Weise 
mifslingen cu lassen, sumal dieis guiia mit dem Interesse 



6) LucKK, 2, S. 5971* OusADssK, 2, S. 455. Vgl. Thmgk, 
S. 310. 



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Orittei KapiteL f. 11$» ^iTV 

Maa Mi ewatfM»le, welehea fn-ikr BflMlwdUiif «Ifewr gaii* 

eeii Sceiie ilui beherrscht, die Verhaftung Jedu i*ein nlg 
Akt seines fi*eien Willens darzustellen. Indem Jesus die 
Soldatefi durch die Maehl aeiaet Wortes lOederwirl^ g&ehl 
er ihnen eine Probe, was er vemdeble, wenn- es «ihm um 

Befreiung eu thun wäre, und wenn er sich nun unmittel- 
bar darauf greifen iäfst, so erscheint diefs als die freiwil« 
ilgste Hingabe« So gieiit Jesus im vierten Jbvangeünm eine 
fiilLtische Probe jener Macht, welche er im ersten nnr mit 

Worten ausdrückt, wenn er zu einem seiner Jünger sagt: 
öoxtlSf oii i dvvcc/nixi a{nL naQaxccliacu %üv nazi^a 

Nachdem hierauf der Verfasser des vierten Evangeliniiis 

einen früher richtig auf die geistige Bewahrung seiner Schtt- 
ier bezogenen Ausspruch Jesu (17, 12.), dafs er keinen der 
ihm von Gott Anvertrauten verloren habe, sehr nnricbtig 
in der 8oiffalt erfittllt gefunden, welche Jesas angewen- 
det habe, dafs seine Jünger nicht mit ihm verhaftet wür- 
den, stimmen nun sümmtliche Evangelisten darin eusam- 
men, dals, als die Soldaten Hand an Jesnm nu legen an» 
fiengen , ^er seiner Anhänger das Sehwert ge^ogen^ nnd 
des Hohenpriesters Knecht ein Ohr abgelmuen habe, was 
von Jesu raifsbilligt worden sei. Doch haben Lukas und 
Johannes Jeder einen eigen thümliehen Zog. Abgesehen de« 
von, dafs lieide das von den Vormiinnern unbestimmt go» 
iassene Ohr als das rechte nffher bestimmen, nennt der lez* 
tere nicht blofs den verwundeten Knecht mit !Namen, son* 
dorn bemerkt auch| dafs der iiauende Jünger Petrus ge- 
wesen sei. Warna die Sjnoptlker den Petrns nicht nen- 
nen, hat man auf verschiedene Weise suerfciliren versucht« 
Dafs sie den zur Zeit der Abfassung ihrer Evangelien noch 
lebenden Apostel nicht durch Nennung seines Namens li»- 
lien eompromittiren wollen gehört wa den mit fteeht 



7) Faulus, ex. Hdb. 3, b, S. 570. 



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408 Dritter Abiclinftt. 

fiBMehallMiaii Fiktionen einer ftilteh pre gieti e ir endrti JSi» 
gese^ daf« sie aber auch sonst die Manien meistens Über- 
geben'), Ut in dieser AilgemeinbeSt nicht einmal von Mnf- 
thini welir» ipveteher wehi nnberiihnite) gieiehgAitige Pei^ 
' ^onen ongenennt lUlet, wie einen Jelmiy einen Baitinillus : 
defB aber aas einer PetnisHnelcdote, welche so sehr in die 
Rolle dieses Apostels pai'stoy der wirkliche MatthHus. oder 
n«üli nnr die vulgäre J^Tengelientredition, so frttiineitig und 
•ilgemdn den Nomen rsrloren lioben sollte, wird mnii niebt 
. sehr glaublich finden. Weit eher könnte ich mir das l in- 
gekehrte denkbar machen, da£B die Anekdote ursprünglich 
ohne. Nomensengebe nnigelonfen wSre (nnd wornin solits 
nicht oneh ein sonst minder ensgezeiehneter unter den An- 
hfi:ngem Jesu ^ denn nach den Synoptikern »clieint es 
Hiebt einmal nothwendig einer der Zwölfe gewesen sein 
nu nillssen — dessen Nemo daher eher sn rergeseen wsr, 
Marth nnd Übereilung genug gehabt Imhen, in Jenem Zeil- 
pnnkt das Schwert su ziehen ?), ein späterer Referent aber 
eine solche Handlungsweise dem raschen Ctmrakter def 
Pe tnm besonder! angemessen gefunden, und sie doTswegcii 
auH eigener Combinatlon ihm nngesehrleben blitto. Daas 
brauchen wir uns auch nicht für die Möglichkeit, dafä Jo- 
hannes den Namen des Knechts wissen konnte, auf seine 
ßokannlsebaft im hohenpriesterliehen Hanse au berufen % 
ao wenig Markus, um cur Kenntnift des Namens ron )e- 
ne;m Blinden su gelangen, einer besondern Bekanntschaft 
iffi Jericho bedurfte.' 

Lukas hat bei dieser Sehwertseene das fiigenthflmli- 
«eho, dais naeh ihm Jesus das Ohr des Knechts, %^ie m 
scheint durch ein Wunder, wieder geheilt hat. Während 
Olshadsen die snfriedene Anmerkung macht, dieser Lm- 
•tand erkläre am hosten, wie Petrus sieh nnrerlett 



8) Dert. ebendss. 

9) 1/Vic L8cKS, XaMca und Olssaussh s. d. St. 



« 



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Dritt«» Kftpttel. §. 123. 479 

* 

rflckr.iehen Jionnte — H.is Kr.^tannen ilhor ilie flelliiTigr wor- 
Hi* die Allgemeine Aut'iuerk8anikeit in Ansprach genommen 
hüben: verfolgt Paolus selbst bU nach fiethtemne <len 
Herrn mit natarilojier Erklfirong «einer Wunder* Jetot 
soll ilas vervviindete Ohr Hnrch Hofüliinn^ Ccf^'cri/frOs) nn- 
forsncliti und sofort angegeben haben, wns zum Bebnf iler> 
Heilung sn thun* sei Ctaacno aivov) : hätte er ihn ^nrch 
ein W^iiiider geheilt, so rnüfste doch «neh ein Erstsnnen 
der Anwesenden g<'meldet sein. Solche ttu^lere! ist Hicfs- 
mal besonders unnüthig, da das Alleinstehen des Lukss 
mit dem frsglicJien Zug und der gsnse ZussmmenbAng 
derSceneuMS deuflieh genng sngf, was wir Ton der Ssnhe 
ea halten haben. Jesns, der so vieles Leiden, an M'elchem 
er unschuldig war, durch seine Wunderkrsft gehoben hst- 
te^ der sollte ein Leiden^ welehes einer yon seinen JAngem 
aus Anhingliehlieit an Um, also mittelbar er sellist, verms 
«acht hatte, ungeheilt gelassen haben? Diefs mufste man 
bald undenkbar linden , und so dem Schwertstreich des 
Petrus eine Wunderheilung von Seiten Jesu die ieste 
in der evangelischen Gesehichte — sieh anschiiefsen« 

Hieher, unmittelbar vor seine Abf&hrung, stellen die 
Syno|Uiker den Vorwurf, welchen Jesus den ku seiner 
Gefangennehmung Gekommenen machte, dafs sie ihn, der 
Ihnen durch sein tägliches tfffentliches Auffcreten Im Tem* 
pel die beste Gelegenheit gegeben habe, sieh seiner auf die 
einfachste Weise zu bemüchtigen , — ein schlimmes An- 
• seichen für die Reinheit ihrer Sache — mit so vielen Um- 
ständen, wie einen Räuber hier aussen aufsuehen« Das vier* 
te Evangelium läfst ihn etwas Ähnliches später cn Annas 
sagen, dessen Erkundigung nach seinen Schülern und sei- 
ner Lehre er auf die Öflfentlichkeit seines ganeen Wirkens, aujf 
sein Lehren In Tempel und Synagoge, verweist C18, S§ f.). 
Wie wenn er von ßeidem vernommen hätte, sowohl dafs 
Jesus so etwas dem Hohenpriester, als da ('s er es bei sei- 
ner Gefangennehmung gesagt habey läfst Lukas die Ho- 



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britler Abtchitite. 



henpriestir und Aitetten selbst bei der Verhafhin^ gf'^^n- 
wArtig sein , and Jesum hier auf jene Weise zu iliaen 
afurechen , was gewÜs nur Irrtham ist * °). 

l^ech den swel ersten Evangelisten fliehen non alle 
Jänger, wobei Markus den specleüen Zug hat, daft ein' 
Jflngling , der eine Leinwand um den hlofsen Leib ge- 
worfeni iiatte, als man ihn greifen wollte, mit ZuriiclL- 
lassung der Leinwand naeJit davongeflohen seL Abge- 
sehen von den mllssigen Vermnthangen Xiterer nnd sellist 
neuerer Erklärer, wer dieser Jüngling gewesen sein mö- 
ge, hat man mit Unrecht aus dieser Notiz auf nahe (ileich- 
neitiglieit desMarlinsevangellamsgesehloesen, weil eine sol- 
che iiieine, namenlose Anelidote nnr in der Nähe der Per- 
sonen und Begebenheiten habe interessiren können"): da 
doch dieser Zug selbst uns, in der weitesten Zeitferne , 
noch eine lebendige Anschauung von dem panischen Schre- 
cken und der schnellen Flucht der Anhiinger Jesu giebt, 
und also dem Markus, woher er ihn auch bekommen, und 
■wie spät aneh geschrieben haben mag^ willkommen sein 
muCste» 

I. 114. 

Jesu Vcrhbr vor dem Hohenpriester. 

Von dem Orte der Gefangennehmnng lassen die Syn- 
optiker Jesum warn Hohenpriester, dessen Namen, Kaiphas, 

jedoch hier nur Matthüos nennt, Johannes aber zu Annas, 
dem Schwiegervater des damaligen Hohenpriesters, und 
von diesem erst su Kalphas. geführt werden (Matth. 26, 
57 ff. paralL Job. IS, 12 fty. Und nwar wird, wie es 
scheint, von dem Verhör bei Kaiplias, welches den Syn- 
optikern Eufolge das Entscheidende war, im vierten Evan- 
gelium nichts ersählt| nur aus der Verhandlung vor Anna» 



10) ScuLBisiuiACHKii , Uber den Lukas, S. 290.. 
• 11) Pävuis, es. Uab. b, S. 576. 



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Drilles l^apileL i. iU. 481 



wird afaiifM N«h«re mkgelbeiiu Kiohli % daher der Hmp- 
Monitllk näher, ale die Annehme, wie eie sich £• lehen 

bei £uthyinius findet, Johannes habe vermöge seines Et* 
gänsnagaewecks da« von den Synoptikern ttbergaageoe Ver* 
hör rar Annas naehgeheil| daa Yor Keipha» aberi weil ea 
Ten seinen Vorgin||[em ansMiriieh genug beschriel>en war, 

tibergangen Diese Ansicht, dafs Johannes und die Syn- 
optiker von gana verschiedenen Verhören reden, uird auch 
iiaduMh betlftligt, dala der lahaU des Verbürs auf beiden 
Seiten dhi gana verseiiiedener ist. Während nimUch hei 
dem, welches die Synoptiker beschreiben, nach Matthäus 
und Markus zuerst die fai&chen Zeugen gegen Jesum auf- 
treten,- hierauf derHoliepriestar ihn fragl^ ob er sich wir^i* 
lieh für den Messias ausgebe, und auf die Bejahung da* 
von ihn der Blasphemie und des Todes schuldig erklärt, 
woran sich Milsbandiungen schiieisen so wird in dem von 
Johannes gesohiiderlen Verbiir Jesus nur naoh seineii Jün- 
gern und «ach seiner Lehre gefragt , worauf er sich auf 
die Öffentlichkeit seines Wirkens beruft, und nachdem tr 
hierüber von einem Diener miCsliandeit worden wai^^ ohne 
dals ein ürtheU gefäiit wäre^ weiter gpsoliiakl.] 

Doch, wenn gleich der eigentiiche, Jesum betreffende 
Inhalt der beiden Verhöre ein verschiedener ist, scheint 
die Identität einer nebenherspieienden Begebenheit sie wie- 
der an identifieiren , Inden sowoiii Joiiannes als die Syii- 
optilKer, jeder Tiieil während des von ihm bescliriebenen 
Verhörs, Jesum von Petrus verleugnet werden läfst. Lim 
dem Widersprocb zu entgehen, dafs die Verleugnung des 
Petrus nach den drei ersten £vangeüen wälirend des Ver- 
hörs vor KaiphaS) nach dem vierten hei Annte vorgefal* 
Jen sein müfste, hat man in der Darstellung des leztercn 
£vangelinms Spuren zu entdecken gewufst, welche darauf^ 
isa deuten schienen, dals auch sein Berieht von einem Ver* . 



1) Paulus, a. a. 0. S. 577. OUHAVSSS^ S. 244. 
i^o« Jtäu iJ. Mond. 31 



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49) Drieier ^»clinUtb 

Mr M KaipliM so vet^ben wi. Gleieh von Aiif«iif nln- 

tUihf nachdem von Amins, «Is fiem ntv^t()o^ lij Käiutfa, 
die Rede gewesen ^ land mau et wunderbar, dafs nun eÜAe 
nfihef« BeMichnuiig det iesteraii als üriieber» von Jenem 

' verhfingniftvollen Rath^ Jek ll, 50, folge, wenn doch ao- 
fort nicht ein von ihm, sondern von dem ersteren vorge- 
nommenes Verhör erzählt werden sollte. Dann sei anch 
in der Besehreibong des Verbör« selbst durohans vom Pa- 
laste nnd von Fragen tS u()xt^Qitog die Bode, wie doeh 
Johannes sonst nirgends den Annas, sondern nur den Kai- 
pbas nenne. Dafs aber auf diese Weise schon von V. 16, 
«n von etwas bei Kaipbas Vorgegangenem die Rede sein 
follfte, seheInt vregen V. 24** nnmtfglicb, weil es hier erst 
fieifst, Annas habe Jcsum ea Kaiphas geschickt, so dals er 
jalso bis dahin bei Annas gewesen sein mufs. iScbneii be» 
aonnen Msfe man daher den 24ten Vers dabin, wo man ihn 
Jbranehte, nKmlicb hinter V« IS, nnd schob die 8ebnld, 
dafs er Jeat weit später gelesen wird , auf die Nachläs- 

' sigkeit der Abschreiber^). Da diese Umstellung, in ihrer 
Veriamenbeit von icritisehen AnetoHUttn» als die willktihr^ 
liebste Oewalthllllb erteheinen mufke, so hat man sofort 
versucht, ob sich nicht der Notiz V. 24, ohne sie wirk- 
lich aus ihrem Orte zu rücken, doch eine solche Dentnng 
geben lielse, dafs sie dem Sinne nach hinter V. 13« sn eie* 
hen kSme, d. h. man nahm das ani^stk^p als Plusquamper- 
fekt, und stellte sich vor, Johannes wolle hier nnehhulen, 
was er bei V. 13. zu bemerken vergessen, dafs nämlich 
Annas Jesnm alsbald sn Kaipbas gOBchickt habe , folglieh 
das beschriebene Verbdr von diesem vorgenommen worden 
sei Hiebei muTs man die allgemeine Möglichkeit einer 
solchen enaUa^e temporuni nugeben, aber ebenso mufs 
darauf beharrt werden , dafs dieeelbe nicht ohne Anden- 



2) So z. B.' EmticDt s. d. St. 
5} So Tmolvck, LCcn s. d. St. 



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Oriltes Kftpitel. $. m. 



48S 



tnng im Zasammenhang sein darf. So, wenn hier «twa 
V« 23. auf £inmai Kaiphas als gegenwärtig genannt wfire, 
und non V. 24. folgte : an^eüia yoQ iL » ao Btäude 
einer solclieii Aoffassniif nUikU im Wege: mm dbtr ist 
sie durch niehts der Art nnterstÜBt. ÜberfcMpt, wie Ols- 
HAUS£N richtig bemerkt, wer sich dem Eindruck der jo- 
hanneisclien Erzählung alieiM filieKUefse, würde nie auf eine 
andere Ansicht iiommen Iidnnen ^ als daie sie ein VerhClr 
Tor Annas geben wolle; nur die Vergleichung der Synop- 
tiker kann auf eine andere Deutung führen: zu einem so 
achleehten Schriftsteller aber ,wh'd man dooh den Johannes 
nicht machen wollen ^ da£s er durah seine OarsteUnog nn- 
vermeidUehe Mifsverständnlsse Teranlafst haben sdUte, die 
nur durch Zuhüifenehmen anderer Berichterstatter über 
denselben Ciegenstand zu losen wären* 

£s bleibt also dabei: Johaaaes ersälilt ein anderes 
Verlidr als die Synoptiker, jener eines vor Annas, diese 
eines vor Kaiphas. ^^Qyjenevg konnte er den gewesenen 
Hohenpriester, der sugleich der Schwiegervater des regie- 
renden war , so gnt nennen als Lnkas, 2 ; die ausführ- 
liche Beseichnnng des Kaiphas aber konnte bei desien erst- 
maliger VViedererwähnung nach dem berühmten ilathsclilag 
passend scheinen, auch wenn* unmittelbar darauf nicht et- 
was bei ihm Vofgefaüenes mu beiiolUen wafv Waram man 
. «lesnm anerst an Annas führte, lälst sieh ans dem fiinflufs 
erklären, welchen dieser Mann, auch laut A. G. 4, 6, nach 
seinem Rücktritt von der hohenpriesterlichen Stelle noch im- 
. mer aosgefibt an liaben aeheint. Dals nun aber der vierte 
. Evangelist von dem VerhOr vor Kaiphas nichts Häher^s 
angiebt, ist um so aullallender, da in dem vor Annas, nach 
seiner eigenen Darstellung, nichts entschieden worden ist, 
mithin die Gründe und der Akt der Vernrtheilnng Jesn 
durch das jüdiselie Gwieht in seinem Evangelium durchaiis 
fehlen. Diefs aus dem l^irgänzungszweck erklären, heifiit 
dem Johannes ein gar s&u verkelirtes Verfahren aur Last 

81 * 



id4 Dritter Abschnitt. 

legen, iIa, wwin. er da« Otiergieng , was die Andern sehon 
hntten, ohne nneudeiiteii , dnfs er es nur defswegen wo^. 
ÜeOi} er berechnen konnte, dadurch nur Verwirrung, und 
' liegen sieh den Schein eines falschen Bericht«) sawege m 
bringen» Die Meinnng, da(« de« Verhör Ter Annes des 
Hauptverhör gewesen sei, and defswegen das andre über- 
gangen werden dürfe, kann er auch nicht wohl gehabt 
liaben^ da er [(einen Beschiolsy der in Jenem gefalst wor- 
.den wäre^ anaugeben weil«; wufste er aber endlieh da« 
Verhör vor Kaipbes als das Hanptyerhör, und gab doch 
keine nfihere Auskunft darüber^ so ist freilich auch die(s 
iMin g e sch icktes Verfahren su nennen« 

In der Darstellnng de« Verhör« iiei Kalpha« finden 
. swischen den beiden ersten Synoptikern und dem dritten 
mehrfache Abweichungen statt. VV ährend nach jenen bei« 
deui als man Jesum in den liohenpriesterlichen Palast brach- 
te 9 die Scliriftgelehrten and AiteSten bereit« ▼er«ammelt 
waren, und nun noch In der Nacht Ober ihn Gericht hiel« 
ten, wobei zuerst Zeugen auftraten, dann der Hoheprie- 
ster ihm die entscheidende fvti^ vorlegte, auf deren 
Beantwortung hin die Versammlang ihn des Tode« «cbnl* 
dig erklärte: wird nach der Darstellung im dritten Evan- 
gelium Jesus die Nacht über im Palast des Hohenpriesters 
nur einstweilen verwahrt nnd von der Dienerschaft mifs- 
liandelty Iii« er«t mit Tageaanbmch da« Synedrium «ich ver- 
sammelt, und nun, ohne dafs vorher Zeugen auftreten, 
der Hohepriester durch jene eutscheidende Frage die Ver- 
nrtheÜnng beschleunigt* Dafs 'non die Mitglieder des ho- 
hen Raths schon ' in der Naoht, wfthrend Jude« mit der 
Wache ansgerückt war, eur Empfangnahme Jesu sich ver- 
«ammelt haben , könnte man unwahrscheinlich finden, und 
inaofern die Darstellnng des dritten Evangeliums vorziehen 
woUen, wetelie« «ie er«t liei Tagesanbruch sosanunenkoW 
men lAfiit^): wenn sich Lukas nur nicht diesen Vortliell 

4} So 8eaft«ttaMAcasR| über den Lukst,.S. ^5« 



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Drillea KaplUL {. 124. 48S 

düifamh selbtt wieil«r entetfge « daft er die tiobenpriester 
und Ältesten bei der Gefangeniiehinung im Garten zugegen 
seiniüüiti ein £ifer, der sie wohl auch getrieben haben 
wArdeji eich aUbald sar eehleunlgen ßeflchlnftnahaie su- 
aaauBensolhoii. Indefe aiieb bei Matthäus und Markus ist 
das wunderlich, dafs, nachdem sie uns das ganze Verhör 
SM mm t der Beschlaisnahme erafthit babeiii sie deck noch (ST^ !• 
vnd 15| l.)Mgen: fgQtatag di yfvoiiivr>g avftßäUw ilaßoyyS» 
dafs es scheiiVt, die Synedristen haben, wenn nicht gar sich 
am Morgen wieder versammelt, da sie doch die gan»e 
Nacht beisammen gewesen waren, doch Jost evst einen Be- 
tehinls gegen Jesnm gefalsl, der schon in .der niehdichen 
Versammlung gefafst worden war Dafs Lokas die Ver- 
handlung mit den ip€vöofid(nvQeg Ubergeht, erklärt Schleier- 
MACHBR ans dem Umstand, dals der Verfasser dieses Stücks 
im dritten Evangelium »war vom Garten herein demZnge, 
der Jesum geleitete, gefolgt, vom hohenpriesterlichen Pa- 
iast aber mit de» meisten Übrigen ausgeschlossen worden 
sei, mithin das in diesem Vorgefallene nnr vom Hörensagen 
ersfthie. Aliein ein so nahes VerhültnÜs des Beriehterstat- 
ters in diesem Abschnitt des Lukaserangeliums zur Thatsa- 
che kann,, um aus dem Folgenden nichts zu anticipiren, 
•nchnnr nm des£inen 2«ngs willen ron der Heilung des ver. 
wnndeten Knechts nicht angenommen werden. Sondern in 
der Uberlieferung, bis sie zu ihm gelangte, mnfs jene 
Kotis abbanden gekommen sein, von weicher schon oben 
hei einer andern Gelegenheit hat gehandelt werden müssen^ 
Wie Jesus anf die Aussage der falschen Zeugen niclils 
erwiederte, fragte ihn den beiden ersten Evangelisten zu- 
folge der Hohepriester, im ^Iritten isvangeiium ohne jene 
Veranlassung das Synedrinm, ob er wirklich der Messias 
Cder Sohn Gottes) nn sein behaupte? was er nach Jenen 



5) ScHi.Ei£R]iu€ttsa a* a. 0«, vgl« Fanzscas, z. d« St. det Mattli« 



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iM Dritter AbsehiiitL • 

lief<leii'«bne WeU«pe9 ilsroh av elnag vimI iytS et fit befiifif, 

and hinznsext, dafs sie ron jezt an , oder demnächst iari 
SgtOfde* Menschen Sohn znr Rechfen der o^üttiicben Alacht 
ittceiiy und in den Woiken dee Hioiinels kommen sehen 
wttrden ; niieh Laka« hin|»e^n erklirt er snersf, dafs Ihn 
'«eine Antwort doch nichts nützen werde, fiij^t Übrigens 
hinsoi ¥on jezt an werde des Menschen Sohn zur Rech- 
ten der gSttUehen Macht sitsen, worauf ihn Alle gespannt 
f rächen, ob er demnach der Sohn Gottes sei? was er be- 
jaht. Hier spricht also Jesus die Erwartung aus, durch 
•einen Tod nonmehr sn der Herrlichkeit des messianischen 
CHtsens sar Rechten Gottes, nach Ps« 110, 1, den er schon 
Matth. 22, 44. anf den Messias gedeatet hatte, einzucrehen. 
Wie lange er auch vielleiclit seine messianische V orlierrli- 
ebong sich ohne Vermittlung durch den Tod gedacht fü- 
llen mag, weil eine «olche Vermittlung in den Vorstei- 
iiingen der Zeit ihm nicht scheint an die Hand gegeben 
gewesen za sein: jezt, frefnngeny von seinen Anhängern 
verl aüo ny dem erbitterten Synedriom gegenüber, nnfste 
er einsehen, dafs, wenn er überhaupt noch die Überseo- 
gung ron Betner MesslanftSt festhalten wollte, er su seiner 
messiajuschcn Verherrlichung nur durch den Tod eingehen 
kffnnej so dafs vielleicht eben jene lezte Noth des gefan- 
genen Jesus die Gehnrtsstunde der Idee eines sterbenden 
ttesstit War. Wenn den ewel ersten Evangelisten sofolge 
Jesus zu dem xcfihjftevov ix de^iwv rrg Svmfiewg noch xal 
iQXOfiCvov ifA t&f veq^eXwv rH iincofS seat, so sagt er, wie 
aAbmi Mher, seine baldige Pamsle, und Ewar hier be- 
sUnmit als Wiederkunft, voraus. Nach Olshaüsbn soll das 
(in c(OTc des Matthäus nur auf xad-rjie^nv x, r. A. beaogen 
werden, well es au eQxopevoy ir. t; A. nicht passen würde, 
indem sich nicht denken lasse, wie Jesus sich damab schon 
als demiiffehst Kommenden habe darstellen liönnen: eine 
ledi^^lich dogmatische HedenkJichkeit , welche auf unsrcm 
Utaadpuakt nicht stattiindet, auf keinem aber die gramma- 



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l>r.iMe« Kii|»iteL S« lU. 



tUche Auslegung so wett| wie hier bei OishausbH) Tevder« 
ben sollte* Auf diegedschte Erklffrong Jesu eerreifst nach 
Matthäus und Markus der Hohepriester seine Kleider, er« 
klärt Jesum der Blasphemie für überwiesene und die Ver- 
snmmlung erkennt ihn des Todes schuldig, wie aach naclk 
Lukas die Versammelten bemerken | nnn brauche es kein 
weiteres Zeugnifs mehr, dn die Terbrecherische Aussage 
von Jesu selbst vor ihren Ohren gethaii worden sei» 

Hieran sobiieist sich dann bei den beiden ersten Eran* 
gellsten die Mifshandlung Jesu , welche Lukas schon vor 
das Verhör, Johannes in das Verhör des Annas verlegt, — 
^wahrscheinlicher y weil man nicht mehr genau wofste, wo 
diese Mifshandlungen vorgefallen waren , als weil sie su 
verschiedenen Zeiten und unter verschiedenen VerhXltnis- 
SCJi wiederholt worden waren. Die Verübong dieser Mifs- 
haiidiungen wird bei Johannes und Lukas ansdrflckiich 
dort einem vnr^nhiiig^ hier den äifdQig awi%9nfs ^ov iL an* 
geschrieben ; dagegen müssen bei Markus , wenn' er Im 
l'oigenden die lnr^{tii(X(; von ihnen unterscheidet, die rfveg 
i^mvovz^ einige von den namg sein, welche ihn eben 
vorher verurtheilt hatten, und auch bei Matthäus, der^ oh- 
ne ein neues Subjekt au setaen , nur durch rcts 7]Q^avTo 
fortfahrt, sind es offenbar die Synedriston treibst, welche 
sich Jene unwürdigen Handlungen erlauben, was Schlbikr- 
MACHBE mit Recht unwahrscheiidich gefundeni und insofern 
die Darstellung des Lukas der des Matthäus vorgeeogeu 
hat Die Mifshandiung besteht bei Johannes in einem 
ßackenstreich Qtinio^a^ welchen ein Diener, wegen einer 
versMintiich unbescheidenen Rede gegen den Hohenprie- 
ster, Jesu giebt; bei Matthäus und Markus ist es Verr 
8)ieinng des Angesichts Ctytmi oav f/V id 7iQüUmioy c<tTö)> 
•Schläge auf den Kopf und liackenstreiche , wozu, auch 
nach Lukas, das kam, dals er bei verhalltem Haupt ge- 



7) a. a. O. 



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488 Orltier Abiehnltt 

schlni^en und höhnend auffljefordert wurde, seinen messia- 
nisehen SeherbMck durch Angabe des Thfifers zn beurkun- 
den ^ Nach Olshaüsbv hat der Geiet der WeisM|[[iing 
•I nicht unter seiner Wfirde gehelten, diese Rohhetten \m 
Einzehien vorherzuverkÖndigfon, und zugleich die GerafUhs- 
verfassung eu seichnen, welche der Ileih'ge Gottes der un- 
heiif$[en Menie« entgeKenttellte. Richtig wird hiesa Je«. 
50, df. enorefnbrt (LXX); xw vtSrov fiB SiSt&tta elc fiict^ 
yag, tag aiayovag ftö dg ()amaficiTa j zu 6i nQoatonov 
fis we ani^QBilfa aTto alayv%ijg ifiTttvCftatafv x, t, vgL 
Mich« 4, 14 9 and HBr die Art, wie Jesus das Alles ertrag, 
die bekannte Stelle Jes. 53, 7, wo yom Rneebt Gottes des 
Schwelgen unter den Mifshandliingen hervorgehoben wird. 
Allein, dafs Jes. 50, 4fr. eine Weissagung auf den Mee> 
elas sei, Ist ebenso g^n den Znsammenbang des Abscbnitts, 
wfebel Jes. 53.'*>; foffrlleh mOfste das Zasamnentrefifen des 
Erfolgs mit diesen Stellen entweder menschlich beabsich- 
tigt, oder rein sufKlllsf gewesen sein. So wenig nun die 
Diener and Soldaten bei Ihren Hifshandlongen die Absieht 
gehabt haben werden, Weissagungen an Jesa In Erfilllang 
gehen zu lassen: so wenig wird man diesem selbst das 
Atfektirte easohreiben wollen, aus dieser Absicht geschwie- 
gen in haben ; ans dem blolsen Zafali aber ein solches, aller- 
dings, wie OLSRAüSBif sagt, in's Einzelne gehendes, Znsan* 
mcn treffen heranlelten, ist immer mirslicb. So wahrschein- 
lich es also auch der rohen Sitte {ener Zeit sufolge is^ 
dals der gefangene Jesas mißhandelt, ond nnter Andrem 
auch so mlfshandelt worden Ist, wie die Evangelisten es 
beschreiben : so läfst sich doch kaum verkennen, dafs ihre 
ScIiUderungea nach Weissagungen gemacht sind , welche 

mnn% da Jesas einmal als Leidender and UlTshandelter ge- 

/ 

8) Dass MatAXns hier der VsrliUlloBg nickt gedeakt, ist eine 
NseMüttlgkeil seiner Dtrttellung , da ohne jene Notit das 
nfpqnfrf^v ». r. i. keinen reckten 8tan hat. 

9) Gmwiui s. d. Aksck, 



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Dritte» K^apiteL {.IM. 4S» 

geben wih^ a«f ihn liesof ; ebente, wie nngenieeeen eemoh 

dem Charakter Jesu ist, diese Mirshandliingeii geduldig er- 
tragen, nnd unbefugte Fragen mit edlem Schweigen eorOck- 
gewieten sa haben : te bitten doeh sebwerüch die Kran* 
geileren dieCt ao oft nnd angelegentlieb bei^orgeboben 

wenn es ihnen nicht darum zu tliun gewesen ware^ da- 
durch A. T.iiche Orakel aia erfiUiit au aeigen. 

f. 

Die Verleugnung de» Petrui» 

Bei der Abfflhrang Jeta a^s dem Oarten laaien die 
swei tmten Evangelisten im Ängenblleii «war alle Jflnger 

die Flucht ergreifen, doch folgt auch bei ihnen, wie bei 
den übrigen I Petrus von ferne, und weifs sich mit dem 
Zuge Eingang in den Hof des hohenpriesterlichen Paiastt 
an verschaffen. Wahrend den Syno])tikem anfolge Petms 
allein es ist, der diese Probe von Muth und Anhänglichkeit 
an Jesum, die ihm aber bald genug lenr tiefsten DemQthi- 
gnng ausschlagen sollte, ablegt: gesellt ihm das vierte £van* 
geilnm den Johannes bei, nnd swar so, dals es dieser ist, 
welcher durch seine Bekanntschaft mit dem Hohenpriester 
dem Petrus Zutritt zu dessen Palast verschafft — eino Ab- 
weichung) die mit dem ganaen elgenthfimlichen Verhältnilsy 
in welches dieses Evangelium den Petras an Johannes sea^ 
schon früher erwogen worden ist 

Sfimmtlichen Evangelisten sufolge war es in dieser avh^^ 
daCs Petras» eingeschflchtert durch die bedenkliche Wen- 



10) Matth. i6, 63. vgL Markos 14, 61: 4 *j. i^idn: 
Matth« 17| 12 : i9k¥ in§Mfiraro» 

Matth. 27) 14* vgl« Marc. 15, 5 s mrV in Jhttx^fyn^ aOtf 

fr l^/wö , <^'i Sav/Jai^iir ror ^yffiova Xtav, 
Job. 19, 9 : 6 7* aaoM^toir m» tSauur tnh^ 

1) 1. Bd. 9, m. 



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I 

490 Dritter Abtelmitt. 

f 

iung iee SmIm JaM und die kehenpriMterlicbe Mcmar 

8chaft, die -ihn amgab, den entstandenen rnid wiederhok 
geffosserten Verdacht, daCi er zu den Anhängern des ver- 
hkfleten GaUlXert gehöre, doreh wiederholte Versicherun« 
gen, ihn nleht au kennen, nledersuschlagen anehte. Doeb, 
wie bereits angedeutet 9 schon in Beeav anf den Inhalier 
dieses Lokals findet eine Abweichung zwischen dem vier- 
ten E?angeliam und den übrigen ataU, indem die Verieug- 
nang naeh diesen im Palast des regierenden Hohenpriesterii 
Kaiphas, vorgeiit, nach jenem im Palaste des Annas we- 
nigstens begonnen, und wahrscheinlich auch fortgesezt wird, 
£iitsehieden £üUt bei Johannes die erste Verleugnung ( IS, 
170» wenn wir die im lösten §• beurtheiüen Aosgleichengs- 
versuche als abg^than betrachten, während des Verkdrs 
vor Annas, da sie nach der Notiz, dafs Jesus zu Annas 
CV. 13.)> oimI vor der, dals er su Kaiphas geführt worden 
ert (V* 24*)y steht; da non aber die swei weiteren AJile 
der Verleagnnng auf die Erwihnnng der Abf^lhrnng ea 
iCniphas ei*st folgen 25 — 27.) > und unmittelbar nach 

Ihnen, die Abiiefemng an den Piiatns erzählt wird CV.äd.); 
aa aeheioen der «weite nnd dritte Verleognungsakt aiieb 
nach Johannes wffhrend des Verhörs vor Kaiphas , in des- 
sen Paläste, vorgegangen zu sein. Allein diese Versohle- 
deiihek der LokaÜt&t für die erste Verlengnnng und die 
beiden foljgendeni welche ein theilweises Zasammentreffea 
des vierten Evangelinms mit den Qbrigen würe, hat in der 
Johanneischen Darstellung selbst ein lilnderiiirs. Nachdem 
die erüe^ stihon eil der Pforte des Palastes von Annas vcr» 
gefallene Verlad jpiung gemeldet ist, heifst es) die Diener> 
aehafk hahö sich der Khite wegen ein Kohlenfeuer ange- 
facht^ Si xai avtcjv 6 lUcQOi; tgwg xai r^e^fiaufo- 
CVi 19^ > Wenn huii i|>liter die firaühlniig von der 
nWdimi und dritten Terleugnung fast mit den nimlieiien 
Worten : ijy de ^lfi(x)v fltiQog tcwg xal i}eQiitaiv6f(€rog (V. 25.) 
sieh eröffnet: so kann man nicht anders denken, als durch 



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Drittes Kapitel. ISS. 401 



Jene ertte Brwilimitig dee KoMenfeners , und d^fs Petrns^ 

SU demselben getreten, solle der Umstaad eingeleitet wer- 
den^ dal« die sweite and dritte Verlengnoiig an dieteai 
Feaer,. also gleiehüdls noch im Hanse des Annas ^ rwg^ 
füllen seL Zwar sprechen die Synoptiker (Marc. V. 54. 
Luc. V. 55.) auch im Hofe des Kaiphas von einem Feuer^ 
an welchem Petrus (nur hier sitzend , wie bei Johannes 
•tehend) sieh gewinnt habe: doch daraus folgt nicht, dafs 
auch Johannes im Hofe des regierenden Hohenpriesters ein 
Shnliches Feuer sich gedacht habe, wie er nur bei Annas 
eines seichen gedenkt. Wer daher die Vermothang des 
Enthymlns so künstlich findet, dsfs'die Wohnongen dee 
Annas und Knijihns vielleicht einen gemeinschaftlichen Hof^ 
räum gehabt, und folglich Petrus nach der Abführung Jesu 
▼oni ersteren aum ieateren an demselben Fener iuibe ste« 
hen bleiben können , der nimmt lieber an , die sweite und 
dritte Verleugnung sei dem Johannes zufolge nicht nach, 
sondern eben während der Abführung Jesu Ton Annas an 
iUiphas geschehen 

Bleibt somit die Differena der Evangelien in Beang aof 
die Ortlichkeit der Verleugnung eine totale, so haben die 
Einen zu Gunsten des Johnnnes sich dahin entschieden, 
dals die versprengten Jünger über diese Scenen nur frag- 
mentarische Nachrichten gehabt, und der In Jemsalem nicht 
einheimische Petrus selbst nicht gewufst habe, in welchen 
Palast er au seinem Unglück hineingekommen war, son- 
dern er^ und nach ihm die eraten Evangelisten,, haben ge- 
meint, die Terleugnungen seien im Hofe des Kaiphas vor- 
gefallen, was jedoch der in der Stadt und dem hohenprie- 
steriichen Palast bekanntere Johannes berichtige^). Al- 
lein auch daa Unglaubliche sugegeben^ daia Petras irrig 



2) So ScHLiTHMiCMia, über den Lukas, S. 289* Ouiuvsm, 2, 

S. 445. 

3) So Favujs, a. a. O. S. 577 f. 



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t 



49% Drittel* Ab«ciiiiitt« 

fi»iint hfhm mdUty im PdMte dts Kaiphnt pl««g«el wm 
ImJmii, so liiCte doeh gewUii JotumneSf der in dieaea Ta- 
gen Qm den Petrus war, seine Aussage gfeich dnmaJs be> 
richtigt, «o dal« jene irrige Meinung sich ger nicht häUm 
fisirai JUtaatn. Ümgakehrt, den Sfnoptikern recht gefo» 
ken bei ouia noeRetpect vor Johanne« immer nor to, dab 
man durch eine jener Künsteleien diesen gütlich auf ihre 
Seite so sieben, and auch das von ihm Berichtete als et. 
was Im Lokal des Kaiphas Vorgefallenes darsastelien snelila» 
Statt dessen mfiCite aber Tielniehr) wer den Synoptikem 
recht geben wollte | den Johannesides Irrthums beschuldi- 
gen j wie j wer Ihm beistimmt , die Synoptiker ; ein Dilem» 
mukj In welehem uns für die eine oder andere Seite n ent* 
•eheiden) wir nieht die erforllehen Mittel haben« 

Li Bezug auf die einzelnen Akte der Verleugnung stim- 
men s&mmtilche £vangeiisten darin susammen^ dafs es de> 
mi gMBila der Vorhersage Jeso, drei gewesen seien; aber 
in der Besehrelbang derselben weichen sie ron einander ab. 
Zuerst Orte und Personen betreffend, geschieht nach Jo> 
hauMOS die erste Verleugnung bereits heim Eintritt des Pe- 
tras gngmi aifia noidlant^ ^hffmQog (V. 17.): bal den Syn- 
eptikem erst im Innern Hofranm, wo Petras am Fener 
safd, gegen eine natdlayefj (Matth. V. 69 f. parall.). Die 
Eweite geschieht nach Johannes (V. 25.) und auch nach 
^Lokasy der wenigstens keine Veränderung des SUndpunkts 
anmerkt (V. JÜl), am Feuer: bei Matthias (V. 71.) nnd 
Markus (V. ÖS ff.), nachdem Petrus in den vorderen Hof 
(nvXtiwf tSQOtnliw) hinausg^egangen war; ferner nach Jo> 

l kanries gBfnt mehrere , naeh Lukas gegen Einen Mann; 
naek Müthlas ^egea eine andere, naeh Markos gegen die- 
selbe Magd, rDr welcher er das erstemal geleugnet hatte. 
Die dritte Verleugnung geschah nach Matthäus nnd Mar- 

^kaS| ^e k^ne Ortsrerinderang g^en die aweite bemer- 
kon, glelohfaOs Im rorderen Hof: nach Lukas nnd Jolwn* 
neS| iofe^ sie gleichfalls keines Lokal Wechsels gedenken, 



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Driteps KApit"^!. S« 125. 

* 

ahne Zweifel noch im inneren , am Feuer; femer nAeh 
MntthMMS und MarlLus gegen mehrere Umstehende e nueh 
JLakas gegen Einen: nach Johannes bestimmt gegen einen 
AnvervTandten des im Garten verwundeten Knechts«^ Was 
far*e Andere die Reden betrifft | welche bei dieser Gele» 
genheit gewechselt werden, so slrid die Anreden der Leute . 
bald an Petrus selbst, bald an die Umstehenden gerichtet^ 
um sie auf ihn aufmerksam zu machen, und lauten die bei» 
den ersten Male siemlich gleich dahin, da(s auch er einer 
▼on den Anhfingem des eben Verhafteten an sein scheine; 
nur bei*m drittenmal, wo die Leute ihren Verdacht gegen 
Petrus motiviren wollen, gebrauchen sie nach den Synop« 
tikem als Beweisgrund seinen galilftischen Dialekt^ bei Je* 
hannes beruft sich der Verwandte des Malchus darauf, ihn 
in Garten bei Jesu gesehen zu haben ^ wo die erstere Alo- 
tivirung ebenso natürlich, als die eweite,. sammt der Be- 
aelchnung dessen, der sie vorbrachte, als eines Verwand* 
ten Jenes Malchus, kllnstllch und gemacht klingt, um die 
Beziehung jenes Schwertstreichs auf Petrus recht fest in 
die Erzählung zu verweben. In den Autworten des Petrus 
findet die Abweichung statt, dafs er nach Matthäus schon 
die Bwelte, nach Markus erst die dritte, bei den beiden 
andern gar keine seiner Verleugnungen durch einen Schwur 
bekrtiftigt; bei Matthäus ist dann an der dritten Verleug^ 
nnng die Steigerung dadurch hervorgebracht, dafs sn dem 
Oftpvcw noch das utaram^eftcai^aiv gefügt ist, was den an« 
dern gegenüber allerdings als übertreibende Darstellung 
erscheinen kann» * 

Diese so verschieden erzfihlten Verleugnungen derge« , 
atalt ineinander einsuschiebeu , dafs kein £van(;elist einer 
unrichtigen, ja auch nur ungenauen Darstellung beschuldigt 
werden mülste, war nun ganz ein Geschäft für die llarmo- 
nisten. Piicht nur die filteren, supranaturalistischen Aus- 
leger, wie Bbrobl, haben sieh diesem Geschttft unterzo- 
gen, sondern auch neuestens noch hat sich Paulus viele 



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Dritter Ab^chuitt 



'Mühe gesehen , die verscliiedenen , von den £vaigeiisteti 
enähitea Veriet]|i^aiiiigMkte in •chickiiclie Ordnung mmd 
pragmacischeo Zamnienhagg wm Mog^a. Haeh ihm Tcr- 
kognet Petras den Herrn 

1) Tor der Pförtnerin Clte Verleugnung bei Johannes) ; 

2) vor mehreren am Feoer Stehenden (2te bei Job.) 9 

5) ¥or idoer Magd am Feuer (Jkte bei den Synoptikeni) ; 
4> Tor einem, der nielit niher beseichnet mird (Stn 

bei Lukns) ; 

beim Ilinausgehen in den Tordem Hof vor einer 
Magd (.2ie iiei Matthlna vnd Markus« Ans dieser 
Verleugnnng mfilsfe Paitlds eonseqnenterweise nwei 

DLacbeii, da die Magd, welche die Luistchenden 
aaf den Petrus aufmerksam macht, nach Markiu 
dieselbe mit No. 3.^ nach Mattbäns aber eine anders 
war); 

6) vor dem Verwandten des Malchus (dritte bei Joh.); 

7) ¥or einem, der ihn am gaiiläischen Dialekt erkennen 
will (dritte bei Lnkas) , welchem sofort . | 

S) mehrere Andere beistimmen, gegen welche sich Pe- j 
trns noch stärker bethenert, Jesum nicht za kennen 
(dritte bei Matthäus und Markus). 
Indefs durch solche vom Reqpect vor der Glanbwfir- 
digkeit der Evangelisten eingegebene Auseinanderhaltung 

ihrer Berichte kam man in Gefahr, die noch wichtigere ' 

I 

Glaubwürdigkeit Jesu anzutasten^ denn dieser hatte von 1 
dreimaligem Verleugnen gesprochen: nun aber soll Petrus, 
je nachdem man mehr oder minder consequent im Ausein- 
anderhalten ist, 6 — 9 mal verleugnet haben. Die ältere 
Exegese half sich durch den Kanon: abn^^atio ad plures 
plurium interrogationes facta uno paroxy^mof pro una 
nwneraiur^y Allein auch die Znifisslgkeit einer solchen 
Zählung eingeräumt^ so müfsten^ da jeder der vier Rciereii- 



4) Basssiy im Gaomon* 



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Drittes Kapitel. $. Vli 



495 



ten zwischen den eiiiseliion von ihtu berichteten Verl^ag- 
niuigen mtdstßoa gröfnerm oder kleipei'e J&%vi8clienzeiten be« 
merklich miMsliCy nUemal gerade die voii verschiedenen Evan- 
gelisten ersühlren, also eine von MatthlUis berichtete mit 
einer von iMarkus u. 8. f., in Einem Zuge geschehen sein: 
was eine durchaus wilikührliche Voraussetzung ist. Daher 
hat .man sich neqerlicli lieber dai*anf berufen, dafs das TQ§g * 
im Munde Jesu nur eine runde Zahl fOr eid wiederholtes 
Verleugnen gewesen sei, und dafs Petrus, einmai iu ilie 
\ erlegenheit vermeintlicher ^otiiliigen versunken, seine Be* 
, theurungen eher ge^eu 6—7^ als blo£» gegen di^ei argwtfli« 
. nisch Fragende wiederholt haben möge Allein , wenn 
man auch nach Lukas (V. 09 f.) die Zeitdi.stanz von der 
ersten Verleugnung his zur lezten zu mehr als einer Stun« 
de anschlägt, so ist doch ein solches Fragen aller licnto. 
an allen £nden and Ecken* und dafs bei diesem so allire- 
meinen Verdacht Petrus doch frei ausgieng, höchst unwahr- 
scheinlich, und wenn die Erklärer die »Stimmung des Pe« 
trns während dieser Scene als eine völlige Beiäubnng be- 
echreiben so geben sie hiemit vielmehr die Stimmung 
an, in welche der Leser hineingeräth , der iu ein solches 
Gedränge von immer sich wiederlioleuden Jt'ragen und Ai^ 
werten gleichen Inhalts, dem sinn* nnd endlosen Fort- 
achlagen einer in Unordnung gekommenen Uhr vergleich« 
bar, sich hineinversetzen sull. Mit Kccht hat Olshausen 
die Bemühung, dergleichen Diiferenzeji weg»ttschaä'en^ ala 
eine unbelohnende von der Hand gewiesen: doch sucht er 
theils selbst unmittelbar darauf an einigen Punkten dieser 
Krzähiung die Abweichungen auf gezwungene VV^ei^e aus- 
sugleichen, theils^ wenn er dai'auf besteht, dafs gerade 
drei Verleugnungen vorgefallen , so hat doch wieder PÄl* 
Lus das Richtigere gesehen ^ wenn er das absichtliche Be* 



5) PiUivSi a. a. O. 8. 57B. 

6) UsM^ Getddaiite Je^u, 2, & 343. 



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AM Dritter Absckaitt. 

atnhen der EwtmgeUUm hoMfrUifh macht, eben eine drei- 
st» scnlehst Biit Kltffcdchf mmt die V eifcuie g— g Jcm: 

eUeifi, daf« dieser gerade so bestimBit Ton drei Verleognongt» 
filUea gesprochen bebea teilte , Ist ebenso anweliraelien- 
lieb, ab dele er, weM er iem A— dhroek; tgts^ gebnaelite, 
Jhü Meie e p rtieh wdrtllch gemeiat hebe. Seadeni beide 

Dreisehlen sind wobl aach hier, wie sonst so oft, in der 
ftege entstanden , so dafii^ was an jenem Abend riellekkt 
mm wiederholten Helen Cnnr nicht 8—9 mal) Torgekoauaca 
war, aaf dreimal ixirt, ond demgemlft aach Jesa eine 

Torherverkiindiguiig eben dieser Zahl von Verieugnongen 
in den Mond gelegt wurde. 

Den Endpunkt und gleiditeni die Katastrophe der 
ganeen Verleugnun^-i/e schichte Aihrt nach allen Bericbtea 
iler Vorhersagung Jesu gemäfs das Krähen des Hahns her- 
bei. I9ach Markus kriiht derselbe schon nach der ersten 
Verlengnong (V. 68.)) nnd dann nach der dritten sum swei- 
fcnmal: bei den Übrigen nnrEInmal, nach dem lesCen Ter- 
lengnungsnlit. Während mit diesem Datum Johannes sei- 
ne Darstellong beschliefst, fügen Matth£us und Markös 
poch hinan ) dafe Fetme hei dem Hahnenschrei sich der 
Voranssngung Jesu erinnert und geweint habe ; Lokas aber 
hat die elgenthtimliche Ansführung, dafs bei'm Krähen des 
Hahns Jesus sich umgewendet, und den Petrus angesehen 
habO} worauf dieser, der Voraussage Jesu eingedenk, in 
bitteres Weinen ausgebrochen sei. Da nun aber nach den 
beiden ersten Evangelisten Petrus nicht in demselben Lo- 
kal mit Jesu, sondern e^cj C^Iatth. V. 69.) oder xario CMaie. 
V« 60.) er rfj ftvlff j also Jesus Innen oder oben Im Palast 
war, so mufs man fragen, wie denn Jesus die Verleognan- 
gen des Petrus habe mit anhören, und liierauf ihn ansehen 
können? Auf das Lestere bekommt man gewöhnlich die 
Antwort I Jesus sei Jost eben aas dem Palast des Annas 
In den des Kalphes abgefilihrt worden, nnd habe im Vor> 



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I 



Drittes Kapitel. $• 407 

• 

fibergehen den schwachen Jünger bedeutend angesehen 7). 
« Allein von dnem solchen Abführen weifs Lukas nichts; 
«neh lantet scfbi CQaq^elg o KvQiog iyißleipe t(p Tlk^qf nicht 
sowohl, wie wenn Jesus im Gehen, als wie wenn er, 
abgewendet stehend, sich naeh Petrus umges^en hätte; 
endlich aber ist durch jene Voranssetxnng noch nicht eif> 
klärt) wie Jesns mnr Kenntnlfs von den Verlevgnnngen 
des Jüngers gekommen war, da er bei dem Getümmetdle^ 
ses Abends doch nicht wohJ , wie Paulus meint, im Zim* 
»er den auf dem Hof lavtredenden Petrus hören konnte. 
Freilich iindet'^ich Jene aasdrfickiiche Unterseheidnng des 
Ortes, wo Jesus, Ton dem wo Petrus war, bei Lukas 
nicht, sondern nach ihm könnte auch Jesus einige Zeit im 
Hsf sich haben aufhalten müssen: allein theils ist hier die 
J^arstellnng der andern an sich wahrscheinlicher, theils ' 
macht auch die eigene Erzählung des Lukas von den Ver- 
leugnungen von vorne herein nicht den Eindruck , als ob 
Jesus in onroittel barer Nähe gewesen wäre. Man hätte 
sich übrigens die Hypothesen snr Erklämng Jenes Blicks 
ersparen können, wenn man auf den Ursprung dieses Zugs 
einen kritischen Blick gerichtet hätte. Schon die Unklar- 
heit, mit welcher der in*der gansen früheren Verhandlung 
hinter die Seene gerilekte Jesus hier auf einmal einen Blick 
In dieselbe wirft, hättOj susammengenommen mit dem Still- 
schweigen der übrigen Evangelisten , ein Fingerzeig sein 
sollen, wie es mit dieser Notis steht. Dann, wenn hinzu- 
gesest wird, als Jesus den Petras anblickte, habe sieh. die- 
ser des Worts erinnert, welches Jesns Mher über seine 
bevorstehende Verleagnang zu ihm gesprochen hatte: so 
hätte man bemerken kännen, wie der Blick Jesu nichts 
Andres ist , als die sor äussern Anschauung gemachte Er- 
innerung des Petras an iie Worte seines Meisters. Zeigt 
die hierin einfachste johauiieibche Erzählung nur objektiv 

7) pAOUrs und OLtiuvtsu x. d. St. ScmrasMAcatSi #. a. O. S. 289.* 
Dmt LäUm Juu iL Bamd. 33 



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498 Dritter . Abtchnittt 

' das ElntrefFen der Vcrbeifsung Je«« dureh diia KrJllien di»t 

Hahnes an; fügen die Bwe! ersten Kvnngellsten liie/u mich 
den subjektiven Eindruck, \%'e|cheii dieses .Zusamnientrpf« 
fen aof den Petrus m nebte: to wendet Lnkaa diefs wieder 
objektiv » und Jlifst die sehmerabaflte Erinnemng «n die 
Worte des Meisters als einen dnrch bohrenden Blick von 
diesem in das Innere des Jüngers dringen« 

Der Tod des VerrHtbers. 

Anf die Nachricht ^ daia Jesus zum Tode verurtheiit 
aei) IlUat das erste Evangelinm (27, 3 ff*) den Judas, von 
Reae ergriffeni mu den Hohenpriestern und Altesten eilen, 

um die HO Silberlinge, mit der Erklärung, dafs er einen 
Unschuldigen verrathen habe, ihnen zurückzugeben. Ais 
aber diese bdhnlscb alle Verantwortlicbkeit Air jene Tbat 
anf ihn allein sebieben: geht Judas, nachdem er das Geld 
iai Tempel hingeworfen, von Verzweillung getrieben, weg, 
und erhängt sich. Die Synedristen hierauf kaufen um das 
von Judas nurttekgegebene Geld, welches sie als Blutgeld 
nieht In den Tempelsebaa legen an dttrfen glauben, einen 
Tüpfersacker, zum ßegräbnifä f ür Fremde. i*iezu bemerkt 
der Evangelist zweierlei : erstlieh, dafs eben dieser Art der 
£rwerbnng wegen das Grundstück bis anf seine Zeit Blut- 
aeker genannt worden sei , und sweitens , da(s durch die* 
sea Gang der Sache eine alte Weissagung sich erfüllt ha- 
be. — Während die übrigen Evangelisten über das Ende 
des Jndat aekweigenj finden wir dagegen in der Apostel* 
gesehiehte (1, 16 (F.) einen Berieht über dasselbe, welcher 
von dem des Matthäus in mehreren Stücken abweicht. 
Petrus, wo er die Ergänzung der ajiostolisclien Zwölfzalil 
dnreh die Wahl eines neuen Mitgliedes in Antrag bi*ingtj 
findet angemessen, nuvor an die Art, wie die LOeke im 
Apostelkreise entstanden war, d. Ii. an den Verratli und das 
£nde des Judas, zu erinnern, und sagt in iezterer Bezie- 



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Drittes KapiteL $. 126. 



Illing, der Verrjither habe für den Lohn seiner Schandrhat 
^^in Urundstdck sieh erworben » sei aber jtJÜiiigft faerabge« 
stArst, und nltCen enteweigeborsten , so dafs alle iKnge« 
weide herausgetreten seien; das Grundstück aber habe 
man) well die Sache in ganz Jerusalem beiNumt gewor» / 
den, aHBUaftcif d* h« Biatiand, geheifseit« Weso- dann der' 
Referent den Petros bemerken läfst, dafs dtdoMb*»»!! 
Psalmstellen in Erfüllung gegangen seien« 

Zwischen «^esen beiden ßerichten findet eine doppelte 
Abweichnng statt : die ein« Aber die Todesare des- Judar , 
die andere darüber, wann nnd von wem das Gmhdstflek 
erworben worden sei. Was das Erstere betrifft, so ist es 
nach Matthäus Judas selbst, welcher aus lleue und Veiv 
ftweiflang Hand an sich iegt: wogegen in der A*'G. ^im 
keiner Rene des VerrUthers die Rede ist, «nd sein Tod 
nicht als Selbstmord, sondern als zufälliger , oder näher 
vom Hinunci zur Strafe verhängter Unglücksfall erscheint^ 
ferner ist es bei Matthäus der Strick , darch weichen er 
sieh den Tod giebt: naek der DarsteUnng des Petrus ist 
es ein Sturz , der durch ein gräfsliches Bersten des Lei- 
bes seinem Leben ein lünde macht. Wie thätig von jeher 
die Harmonisten gewesen sind, diese Abweiehkibgen anssu»* 
gleichen, mag man' bei Suicbr >) nnd KüihÖl nacklesen: 
iiier sollen nur kurz die Hauptversuche aufgeführt wer- 
den. Da die bezeichnete Abweichung iiiren Uauptsiz in 
den \Yorten mt^y^ca^o bei Matthäus, nnd nftpfi^g ^evofiepog 
bei Lukas hat : so lag es am nächsten, nunnsehen, ob nickt 
der eine dieser Ausdrücke auf die Seite des andern zu 
eiehen wäre. Diefs hat man mit anr^y^aro auf verschie- 
dene Weise versucht, indem dieses Wort bald nur die 
Beängstigungen des bösen Gewissens bald eine Krank« 



1) Tkeiaurtts, t. v. andyx«* 
uy Gaonvi. 

ZI • 



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500 



Dritter Abschnitt. 



heit in Folge derselben bald jeden aus Schwerinuth und 
Vemwelflong gewühlten Tod bedeuten sollte^), wozu dann 
erst das itQipf^e yarofavog ir» L der Apottelgetcbiehte da« 
Geniiaere naehbringe, dafii die Todesart, so welcher den 
Judas das bose Gewisi^en and die Verzweiflung trieb, der 

^ Stars von steiler Uöhe herunter gewesen sei. Ander« 
haben imgabebrt das nQr^vi]g jy€v6§i9vog imjySato aa^ 
anpassen gesucht, In der Art, dafii es nichts Anderes ana« 
drücken sollte, als dasjenige als Zustand, was das un/^y^Ldo 
als Handlung : wenn dieses dnreh <e suspendii , so sollte 
Jenaa d«vch dii^peajus tfbaraeaft werden — Der offenlin- 
ren Gewaltsaailieit dieser Versuche >gegenllher haben An- 
dere mit Schonung der natürlichen Bedeutung der beider- 
seitigen AnsdraeiLe die abweichenden Berichte durch die 
Annabne Tereinigt, dais Matthäus einen frOberisn, die A. G. 
einen späteren Moment In dem Hergang bei dem Ende dea 
Judas berichte. Und zwar hielten einige der älteren Er- 
klärer beide Momente so weit auseinander, dafs sie in deaa 
ani^Y^awo nur einen milalungenen Versuch cum Selbstmord 
sahen, welchen Judas, indem der ßaomast , an den er 
sich hängen wollte, sich bog, oder aus sonst einer Ursa- 

.ehe, fiberiebte, bis später die Strafe des Himmels durch 
das ngrjvijg yevofiBvog ihn ereilte'). Allein, da^Matthäua 
sein aTVi^y^aTO offenbar in der MeinOng und Absicht sezt, 
von dem Verräther das Lezte zu berichten: so hat man in 
neuerer Zeit die beiden Momente, In deren Bericht sich 
daa erste B?angelium und die A« G« theilen sollen , näher 
ausammengesogen, und angenommen, Judas habe sich auf 

3) Hkiasius. ^ 

4) Pbrizonivs. 

5) So die Vulgata und Erasmui. S. gegen alle diese Deutungen 
HuintfL, in Matth, p. 743 ff. 

Q Oekumeaius tu A» G. 1: 6 *Mmt im %nai4^9 r| iy^ivn, 
ilt hfiflUt^ mmt§¥9X^*U "f^ ino/mny^a». Vgl. Thcophy* 
^ lakt SU Matth. 27, und eüi Schal. *AnoltvaQ{» hei MAmtAai. 



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Drittet KapiteL (» 120. 501 

einer Hohe an einem ßaome aafliängen wollen, da aber 
derSlrick rifty oder der BaanMt bmeh, ael er UberMbrof* 
fe Klippen onA spltise GesMaehey die Minen Leib ner- 
fleischten, bis in*s Thal heruntergesttiriet Doch schon 
der Verfasser einer Abhandlung über die ieelen Schiclitaie 
des Jttdaa in Schmidt*« Ilibliothek bat et anffallend ge- 
funden, wie getrealioh «leb naeh dieser Annahme die bei- 
den Erzfihler In die Nachricht getheilt haben mUfsten, In« 
dem nicht etwa der eine das Unbestimmte, der andere das 
Bestimmtere berichte, sondern beide em£[den bostiaimty 
■nr der eine den ersten Theil der Begebenheit ohne den 
Bweiten, der andere den sweiten, ohne den ersten an be- 
rühren , und Ha8B behauptet mit Recht , beide Berichter- 
statter liaben Jeder nur den von ihn anfgenomnMnen Thab- 
bestand gekannt, da sie sonst die andofe' HülAe alcht hlt» 
ten auslassen können 

Nachdem wir so an der ersten Dififerenn die Vereini'* , 
gwngsv e r s nche haben sclieitem sehen, fragt sich nnn, oh 
die andere, die Erwerbung des Orondstttcks hetreffBnde, 
sieh leichter beilegen läfst. Sie besteht darin, dafs bei Mat* 
thäus erst nach des Judas Entleibung die Synedristen füt 
das Ton ihm enrflckgelassene Geld einen Acker (und awar 
▼on einem Töpfer — eine Bestimmung, die In der A« G. 
fehlt) erkaufen: wogegen nach der A. 6. Judas selbst 
noch das Grundstück für sich erwirbt, und auf demselben 
irem j&hen Tode ereilt wird; so da(s nach diesem Bericht 



7} So, nach Casaubonus^ Paulus, 5, b, S. 457; Küiköl, in Mallh. 
747 f., lind mit halber Beistimmung Olsiiaüskk , 2, S. 455 f. 
S